Reduziert gewinnt!

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Yvo Wüest

Reduziert gewinnt!

Didaktische Reduktion für Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen

ISBN Print: 978-3-0355-0229-9

ISBN E-Book: 978-3-0355-0376-0

Herausgeber: aeb Schweiz

Foto Titelseite: Gabor Fekete

1. Auflage 2015

Alle Rechte vorbehalten

© 2015 hep verlag ag, Bern

hep Verlag ag

Gutenbergstrasse 31

CH-3011 Bern

www.hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis

Vorwort Philipp Metzger, ECAP Schweiz

Einleitung Yvo Wüest, aeB Schweiz

Kapitel 1 Grundlagen

Kapitel 2 Stoff reduzieren

Kapitel 3 Komplexität reduzieren

Kapitel 4 Strukturdenken

Kapitel 5 Reduktion als Lernhandlung

Nachwort Yvo Wüest, aeB Schweiz

Bonus 1 Beispiele aus der Praxis

Bonus 2 Instrumente der didaktischen Reduktion

Bonus 3 Zehn Tipps und Tricks für die Präsentation

Buchempfehlungen

Verwendete Literatur

Links

Danksagung

Vorwort Philipp Metzger, ECAP Schweiz

Vorwort

«Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden – aber nicht einfacher.»

Albert Einstein

Mitte der 90er-Jahre arbeitete ich in einem Bildungsprojekt in Kuba. Für internationale Gruppen organisierten wir dort Studienreisen und unterstützten das Erziehungsministerium in der Lehrerfortbildung.

Mit Yvo Wüest, Autor dieses Buchs und Freund seit Jugendtagen, leitete ich das Projekt, und zusammen kümmerten wir uns um das Training der kubanischen Lehrpersonen. Wenn ich die Erfahrungen auf der grossen Antilleninsel in einem Satz zusammenfasse, klingt das so: Mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise lehrten uns kubanische Lehrkräfte aus wenig ganz viel zu machen.

Manchmal ohne Kreide, Bleistifte oder Papier realisierten die Lehrerinnen und Lehrer einprägsame und einzigartige Lernprozesse. Unvergesslich, mit wie viel Fleiss und Kreativität sie sich daranmachten, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Statt an die Wandtafel oder auf den Flipchart, zeichneten sie mit einem Stock Skizzen in den Sand. Manchmal rissen tropische Stürme die Kabel runter. Dann arbeiteten wir beim Licht von selber gebauten Kerosinlampen bis spät in die Nacht. Jeder Durchgang dieser Weiterbildungen war einzigartig; eine Begegnung von pädagogischen und andragogischen «aficionados» auf gleicher Augenhöhe.

Seit dieser Zeit in Kuba lässt das Thema «didaktische Reduktion» meinen Freund nicht mehr los. In Schulungen und Inhouse-Trainings gibt er heute sein Wissen an Trainer und Ausbildende weiter. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis der gemeinsamen Erfahrungen in Kuba und von mehr als 18 Jahren Arbeit in der Erwachsenenbildung. In Kuba, in der Schweiz, in Deutschland und international.

Einverstanden: Konzentration auf das Wesentliche und Einfachheit, Neudeutsch «simplicity» genannt, sind Idealvorstellungen. Doch Lehrkräfte und Trainer, denen dies gelingt, senden damit ihren Zuhörenden die stille Botschaft: «Im Grunde genommen ist das alles sehr einfach. Auch du wirst das packen!»

Ich wünsche Ihnen bei der Lektüre dieses Buchs anregende und inspirierende Momente. Und für die Gestaltung Ihrer nächsten Lernveranstaltungen diese typisch kubanische Fähigkeit, aus wenig ganz viel zu machen.

Philipp Metzger, [1]ECAP Schweiz

Einleitung Yvo Wüest, aeB Schweiz

Einleitung

«Die Teilnehmer waren zu müde, darum konnte ich nicht alles bringen!»

Anonyme Ausbilderin

Wer in der Lehre tätig ist – ob in der Schule, Berufsschule oder Weiterbildung – versteht sofort, wovon die Rede ist: viel Stoff – wenig Zeit. Trainer und Ausbildende beschreiben mit diesen oder ähnlichen Worten ihr Dilemma. Zu gross scheint die Stoffmenge zu sein, um sie in der gegebenen Zeit zu vermitteln.

Lehrende fragen sich beispielsweise:

▸Wie kann ich umfangreichen theoretischen Stoff bündeln, strukturieren, reduzieren?

▸Wie gelingt es mir, abstrakte und komplexe Inhalte anschaulich zu präsentieren?

▸Wie unterrichte ich kompetenz- und teilnehmerorientiert, wenn es eigentlich keine Zeit dafür gibt?

In den letzten Jahren veränderte sich die Bildungslandschaft stark. Die Modularisierung von Bildungsgängen zwang Ausbildende, ihre Lehrveranstaltungen zu straffen und neu zu strukturieren. Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen führt dazu, dass Studierende an Fachhochschulen in sechs Semestern einen akademischen Abschluss erwerben.

Die Outcome-Orientierung erfordert einen Perspektivenwechsel: Es geht nicht mehr um die Frage, was will ich lehren. Sondern um die Frage: Welche Kompetenzen sollen die Lernenden erwerben, die Performanz oder Handlungsfähigkeit in einer definierten Situation beweisen?

In der betrieblichen Weiterbildung steht aufgrund des verschärften Wettbewerbsdrucks, der auf vielen Unternehmen lastet, weniger Zeit für Trainings zur Verfügung. Waren noch vor kurzem drei- bis fünftägige Seminare normal, gelten heute Zweitagesveranstaltungen bereits als Langversion.

Sicher ist: Menge und Komplexität der Lerninhalte nehmen in der Wissensgesellschaft zu. Das Phänomen «Viel Stoff – wenig Zeit» (Martin Lehner, 2011) beobachten wir in den Schulen, den Hochschulen und in der Erwachsenen- bzw. beruflichen Weiterbildung.

Doch nicht nur die Wissensbereiche differenzieren sich immer mehr: Auch die Lernvoraussetzungen sind heute breiter gefächert und die geforderten didaktischen Handlungsformen vielfältiger. Teilnehmerzentriert vorgehen und kompetenzorientiert Lehren erfordert Zeit. Freiräume für Praxisfälle – Exkursionen und praktische, erlebnisorientierte Trainings – müssen verteidigt oder erkämpft werden.

Die Aufgabe von Trainern, Ausbildenden und Lehrpersonen

Für Bildungsfachleute und Ausbildungsverantwortliche stellt sich die Frage, wie sie trotz reduzierten Lehrstunden umfangreiche Inhalte an die Lernenden vermitteln können. Dieses Buch soll sie dabei unterstützen, indem es Modelle und Techniken aufzeigt, um Wesentliches von Unwichtigem zu trennen. Und indem es hilft, Kernbegriffe herauszuarbeiten und die Stoffmenge auf ein sinnvolles Mass zu reduzieren.

Viele Lehrkräfte sehen sich – zu Recht – als lehrende Fachpersonen. Sie sagen sich: «Ich lehre, weil ich zu den Experten in meinem Gebiet zähle. Und ich zähle zu den Experten, weil ich über ein grosses Fachwissen verfüge.» Mit dieser Haltung geraten sie leicht in die «Vollständigkeitsfalle». Als lehrende Fachleute versuchen sie, ihr ganzes Wissen an die Lernenden zu vermitteln.

Professioneller Unterricht sieht anders aus: Reduzieren bedeutet immer, eine Auswahl treffen und gewisse Bereiche aussparen. In diesem Buch unterscheide ich zwischen quantitativer und qualitativer Reduktion. Und lade Sie ein, statt «vollständig» lieber «gründlich» zu lehren. Damit Sie möglichst viel Zeit für Ihre Vorbereitung und die Lernenden haben, habe ich ein kurzes Buch geschrieben. Es soll Ihnen als Handreichung Hinweise für eine erfolgreiche Unterrichtsplanung liefern.

Zusätzliche praktische Anwendungsmöglichkeiten der vermittelten Techniken finden Sie auf meiner Website www.didacticalreduction.com. Dort sehen Sie auch die nächsten Termine für meine Trainings.

Was dieses Buch nicht liefert, sind Antworten zu folgenden Fragen:

▸Wie funktioniert Lernen, welche lerntheoretischen Ansätze sind bekannt?

▸Wie gelingt der Umgang mit Störungen in der Gruppe der Lernenden?

▸Welche Methoden und Techniken zur Förderung des Transfers gibt es?

Halten wir fest: Stoffreduktion ist in allen Bildungsbereichen ein wichtiges Thema. Für qualifizierte Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen bildet sie die Grundlage des didaktischen Handelns. Stoffreduktion gehört zur Kernaufgabe bei der Planung und Vorbereitung einer Präsentation oder Lerneinheit. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Lernenden oder Teilnehmenden. Dieser Zielgruppe vereinfacht die Reduktion den Zugang zu umfangreichen oder komplexen Lerninhalten. Sofern diese durch eine Fachperson gebündelt, sinnvoll strukturiert und in einer anmutigen Weise transportiert werden.

 

Trainern, Ausbildenden und Lehrpersonen gelingt dies, wenn sie die Haltung «Weniger ist mehr» verinnerlichen. Und wenn sie dazu über spezielle «Handgriffe» verfügen, die ihnen eine Reduktion des Lernstoffs ermöglichen. Sei es durch Anwendung der im Buch vorgestellten «3-Z-Formel», der praktischen «Apfelring-Technik» oder durch den Einsatz von «Fachlandkarten».

Der getrocknete Apfelring auf der Titelseite zeigt es vor: Zucker, Geschmack und Nährstoffe, sprich: alles Wichtige ist drin. Das Wasser ist draussen. So lässt es sich leichter den Rucksack tragen und den Lernweg beschreiten.

Stoffreduktion trägt dazu bei, den Lernenden und Studierenden ein optimales Lernumfeld zu bereiten. Damit fördert Reduktion die Qualität des schulischen Lehrens und Lernens. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen, dass Sie nach der Lektüre dieses Buchs selbstsicher antworten können: «Bei mir läufts wie mit den getrockneten Apfelringen: Reduziert gewinnt! Statt vollständig, lehre ich gründlich!»

Ihr Yvo Wüest, Studienleiter und Dozent

PS: Gekauft haben Sie, vielen Dank, ein Buch. Erworben haben Sie eine neue Art, Ihren Stoff zu betrachten. Ihr Vorteil: Sie denken, lehren und handeln künftig klar und gegliedert. Sie werden sehen: Der Nutzen des Buchs schlägt den Seitenumfang um ein Mehrfaches.

Kapitel 1 Grundlagen

1Grundelagen

▸Willkommen in der Vollständigkeitsfalle

▸Viel Stoff – wenig Zeit

▸ABC der didaktischen Reduktion

▸In der Wissensgesellschaft zu Hause

▸Der Kern von allem: Ungleichheit und Rauheit

▸Wer soll wie reduzieren?

▸Die 3-Z-Formel (Zeit, Zielgruppe, Lernziel)

▸ Expressbox

Viele Trainer und Ausbildende klagen über das Stoffmenge-Zeit-Problem. Mehr Stoff und zunehmend komplexere Inhalte sollen in kürzerer Zeit vermittelt werden. Didaktische Reduktion hilft Lehrenden, ihre Stoffmenge zu bewältigen und Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.

Kapitel 1 vermittelt die Grundlagen der didaktischen Reduktion. Mit locker in den Text eingestreuten «Denksportaufgaben» reflektieren Sie Ihre Erfahrung und Ihre Sicht der Dinge. Sie beschäftigen sich mit der Wissensgesellschaft und fragen sich, wo die künftigen didaktischen Herausforderungen liegen. Indem Sie dieses Buch lesen und die 3-Z-Formel aktiv umsetzen, verbessern Sie die Qualität Ihrer Lernangebote.

Willkommen in der Vollständigkeitsfalle

Ich erinnere mich noch gut: Havanna, Juni 1997, 27 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Meine Funktion: Projektleiter. Meine Aufgabe: Eine internationale Gruppe von Lehrpersonen auf Studienreise drei Wochen lang durch Kuba führen. Thema des heutigen Seminars: «Das kubanische Bildungssystem».

Ich fahre mit der Gruppe zu einer sonderpädagogischen Einrichtung in Havanna. Die Lehrkräfte stammen aus Kanada, Grossbritannien, Frankreich und Österreich, und auf ihren Blusen und Hemden zeigen sich erste dunkle Flecken von Schweiss. Alle interessieren sich für das Treffen mit der Direktorin und ihren Mitarbeitenden. Sie heisst Gladys Álvarez und ist die Leiterin der Institution. Die charismatische, selbstbewusste und resolute Frau empfängt uns beim Eingang. Mit einer überraschend tiefen, verraucht klingenden Stimme begrüsst sie unsere Gruppe. Ihr Akzent verrät sofort: Sie ist eine Santiagera und stolz auf ihre Herkunft aus dem Osten der Insel.

Die nächsten 30 Minuten spricht Gladys über die Inklusion von behinderten Kindern in das kubanische Schulsystem. Sie erzählt von den täglichen Herausforderungen in einem Land mit einer wechselhaften, auch tragischen Geschichte. Sie referiert über die begrenzten Ressourcen nach dem Zusammenbruch des Comecon, die Krisenjahre nach 1989. Sie erwähnt die Meilensteine und Errungenschaften des letzten Jahrzehnts. Mit den Fingern ihrer linken Hand zählt sie auf drei und benennt die Herausforderungen im laufenden Jahr.

Die ausländischen Lehrerinnen und Lehrer hören der Direktorin konzentriert zu. Gladys spricht ohne Beamer, ohne Flipchart und ohne schwarze Tafel. In freier Rede liefert sie einen Abriss der Geschichte und der Entwicklung der Institution. Dabei raucht sie unablässig diese billigen kubanischen Zigaretten ohne Filter. Manchmal bläst sie kleine Ringe in die Luft und saugt dann wieder mit ganzer Kraft an der Zigarette, bis zum letzten Zug. Schliesslich steht sie auf und winkt mit der Hand. Die Gruppe folgt ihr aufs Kommando. Auf dem Rundgang lernen sie weitere Mitarbeitende kennen und begegnen Kindern und Jugendlichen auf dem mit vielen Pflanzen gesäumten Gelände.

Was die Gäste nicht wissen: Vorgängig führte ich ein Briefing mit der Direktorin durch. Dabei informierte ich sie über die Zusammensetzung dieser «Zielgruppe» und erklärte ihr den fachlichen Hintergrund der einzelnen Teilnehmenden. Ich sprach mit ihr über den Wissensstand und die von mir sorgfältig abgeklärten individuellen Interessen. Ich bat sie auch, die Müdigkeit und den Jetlag, besonders der vier europäischen Pädagogen, zu berücksichtigen. Ich legte den Zeitrahmen für das Referat eindeutig fest. Gab ihr das übergeordnete Ziel der Studienreise bekannt: Alle Lehrkräfte sollen einen Überblick, das heisst eine «Grundlandschaft mit Tiefenbohrungen» des kubanischen Bildungssystems erhalten. Statt vollständig, sollte sie gründlich referieren. Zum Schluss forderte ich sie auf, langsam und deutlich zu sprechen, damit ich die simultane Übersetzung aus dem kubanischen Spanisch ins Englische leisten konnte.

An diesem Beispiel sehen wir: Didaktische Reduktion ist ein Kernelement der Wissensvermittlung. Sie ist unmittelbar mit der Sache des Lehrens und Lernens verbunden. Sie ist ein wichtiger Beitrag zu einer verständlichen Präsentation und die Voraussetzung für einen anschlussfähigen Unterricht.

Weiter erkennen wir: In diesem Beispiel aus Kuba setzte ich konsequent auf die 3-Z-Formel: Zeit, Zielgruppe und Lernziel. Diese Formel lernen Sie in Kapitel 1 kennen. Sie wird Sie durch das ganze Buch und darüber hinaus begleiten.

Denn genau darum dreht sich die didaktischen Reduktion: Einen Lernprozess zu gestalten, in dem stets die Zielgruppe, das Ziel und das Zeitbudget im Mittelpunkt stehen. Bei welchem «Z» Sie beginnen, spielt im Prinzip keine Rolle, solange Sie bei der Vorbereitung alle drei Aspekte berücksichtigen.

Wenn ich in drei Sätzen beschreiben müsste, um was es in meinem Spezialgebiet geht, würde ich sagen: «Didaktische Reduktion hilft Lehrpersonen, ihre Arbeit besser zu machen. Sie trennen so Wesentliches von Unwesentlichem. Im Unterricht oder in der Präsentation kommen sie damit auf den Punkt.»

Am besten gelingt dies den Lehrpersonen, wenn sie sich vorgängig die Zusammensetzung ihrer Teilnehmergruppe überlegen. Sich am Wissensstand und den Hör- und Lerngewohnheiten ihres Publikums orientieren. Dessen Bedürfnisse klären. Den Stil ihrer Präsentation und die Rhetorik den Menschen, dem Thema und dem Zeitpunkt der Durchführung anpassen. Kurze und klare Sätze bauen. Und damit eine Übersetzung oder den vereinfachten Zugang zu ihren Inhalten ermöglichen.

Die Lehrerinnen und Lehrer waren begeistert. Von allen bisherigen Treffen war dies das interessanteste und lehrreichste. Obwohl Gladys einfach nur redete. Ohne visuelle Unterstützung, ohne Folien, ohne Notizen. In der Auswertungsrunde sagten die Lehrkräfte später: «Sie hat einen roten Faden benutzt.» «Sie hat eine Struktur gelegt und wiederholt zusammengefasst.» «Das Verhältnis von Redezeit, exemplarischen Beispielen und eigene Fragen besprechen können, war ideal.» «Sie machte wiederholt Pausen und zeigte Mut zur Lücke.» Eine Lehrerin aus Kanada fasste es so zusammen: «Die Begegnung mit den kubanischen Berufskollegen und der direkte fachliche Austausch mit ihnen waren für mich die Highlights dieser Reise.»


Die Geografie der grossen Antilleninsel, mit einer Banane erklärt.

Der Begriff «Reduktion», lat. reducere – zurückziehen, auch zurückführen –, zeigt uns den Weg. Wenn Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen umfangreiche und komplexe Inhalte aufbereiten, um Lernenden den Einstieg zu erleichtern oder den Stoff begreifbar zu machen, praktizieren sie didaktische Reduktion. Sie erbringen damit eine wertvolle Transformationsleistung, indem sie entweder die Stoffmenge verringern – quantitative Reduktion – oder die Komplexität des Stoffs reduzieren – qualitative Reduktion. Oder beides zusammen bewerkstelligen.

Didaktische Reduktion ist keine Erfindung der Neuzeit. Auch wenn der Begriff erst Mitte des 20. Jahrhunderts konkretisiert und definiert wurde, so gab es schon früher Vordenker, die sich mit dem Thema «Reduktion» auseinandersetzten. Johann Amos Comenius, der berühmte Pädagoge, zählt dazu. Er soll 1650 diese fünf didaktischen Regeln aufgestellt haben:

1.Vom Bekannten zum Neuen

2.Vom Nahen zum Fernen

3.Vom Einfachen zum Komplizierten

4.Vom Leichten zum Schwierigen

5.Vom Konkreten zum Abstrakten

Vielleicht sehen Sie bei dieser praktischen Liste aus heutiger Sicht Widersprüche zum Prinzip der Wissenschaftlichkeit. Trotzdem handelt es sich um einen der ersten Versuche, zu thematisieren, wie man Stoff im Unterricht fassbar macht. Die fünf didaktischen Regeln von Comenius beeinflussen bis heute die Gestaltung von Lehrbüchern.

In die gleiche Richtung zielte später die «didaktische Analyse» des Erziehungswissenschaftlers Wolfgang Klafki. Darin wirft er die Frage auf, welche Bildung für Schüler relevant ist. Auch wenn seine Ausführungen zum Thema vielfach kritisiert und von ihm selber später überarbeitet und weiterentwickelt wurden, erhalten sie einen wertvollen Kern: Mit seiner 1958 vorgelegten «didaktischen Analyse» verlangt Klafki von den Lehrpersonen die Beantwortung der Frage: «Welchen Wert hat der geplante Inhalt für die Schüler?».

Mit den fünf Leitlinien etabliert erstmals ein didaktischer Vordenker, nach welchen Kriterien wir Unterrichtsinhalte didaktisch auswählen und rechtfertigen können.

1.Exemplarische Bedeutung: Was können die Schüler mit dem heute Gelernten anfangen? Auf welchen allgemeinen Sachverhalt, welches allgemeine Problem lässt der spezifische Inhalt schliessen?

2.Gegenwartsbedeutung: Was bedeutet es für die Schüler heute?

Welche Bedeutung hat der betreffende Inhalt im Leben der Schüler, welche Bedeutung soll er – vom pädagogischen Gesichtspunkt aus gesehen – darin haben?

3.Zukunftsbedeutung: Was wird der Inhalt für die Schüler morgen bedeuten? Worin liegt die Bedeutung des Inhalts, des Themas für die Zukunft der Schüler?

4.Struktur des Inhalts: Welches ist die Struktur des (durch Frage 2 und 3 in die spezifisch pädagogische Sicht gerückten) Inhalts?

5.Zugänglichkeit: Wie bringe ich es den Schülern bei, welche Eselsbrücken gibt es?

Besonders interessiert beim letzten Punkt die Frage: Welches sind die besonderen Fälle, Phänomene, Situationen, Versuche, in oder an denen die Struktur des jeweiligen Inhalts den Kindern und Lernenden dieser Klasse, dieser Bildungsstufe interessant, fragwürdig, zugänglich, begreiflich, anschaulich werden kann?

Bemerkenswert ist auch: Wolfgang Klafki ging mit seinen Überlegungen noch weiter. Er sagte: Nur wenn in einem Bildungsinhalt ein gegenständlicher Wert und auch ein tatsächlicher Bildungsgehalt enthalten ist, gibt es eine ausreichende Begründung für die Wahl dieses Inhalts.

Um herauszufinden, ob ein denkbarer Bildungsinhalt auch über Bildungsgehalt verfügt, sprich: lehrenswert und tatsächlich lernwürdig ist, führte Klafki selber eine didaktische Reduktion seiner Überlegungen zu den fünf Leitlinien aus.

Er empfiehlt drei Auswahlprinzipien:

▸Das Elementare: einfache und grundlegende Sachverhalte, die über sich hinausweisen

▸Das Fundamentale: Grunderfahrungen und grundlegende Einsichten der Wahrnehmung der Welt

▸Das Exemplarische: das Typische, der Einzelfall, der jedoch für eine grosse Auswahl eines Sachgebiets mit gleicher Struktur steht

Mit diesen drei Auswahlprinzipien haben wir das Grundanliegen der didaktischen Reduktion definiert. Eigentlich könnten Sie das Buch an dieser Stelle zur Seite legen. Sie haben den Kern der didaktischen Reduktion bereits erfasst.

Doch natürlich wollen wir nun in die Tiefe gehen: Trainer, Ausbildende und Lehrpersonen sind gut beraten, sich diese drei Auswahlprinzipien zur Richtschnur ihrer Vorbereitung zu nehmen. Die Prinzipien helfen ihnen, ihren Unterricht auf den Kern, das Wesentliche, auszurichten. Wer die Prinzipien nutzt, unterrichtet künftig klar, einprägsam und besser gegliedert.

 

Auch der deutsche Ökonom und Hochschullehrer Horst Sieber setzte sich mit dem Denken von Klafki auseinander. Er schlug später vier Vorgehensweisen vor. Wobei er sich insbesondere mit seinem ersten Punkt, der Elementarisierung, dann aber auch mit dem letzten Punkt, der exemplarischen Auswahl, stark den didaktischen Prinzipien von Klafki näherte.


Extremreduktion der Definition «didaktische Reduktion».

Die vier Vorgehensweisen nach Horst Sieber:[2]

▸Elementarisierung: reduzieren auf grundlegende Strukturen, Gesetzmässigkeiten sowie Begriffe

▸Schlüsselbegriffe: reduzieren auf bestimmte Themenkreise

▸Verwendungssituationen: reduzieren auf die wichtigsten Praxissituationen

▸Exemplarische Auswahl: Inhaltsbearbeitung anhand von Fällen und Beispielen

Zum zweiten Mal stossen wir auf den Begriff «Elementarisierung». Unter Elementaria versteht Klafki Inhalte, die typisch, exemplarisch und repräsentativ für eine Inhaltsgruppe sind. Inhalte, die es den Lernenden ermöglichen, zugehörige allgemeine Fähigkeiten auszubilden.

In der folgenden Tabelle gehen wir auf seine Schrift zur didaktischen Analyse detailliert ein. Klafki differenziert dort die Sichtweise der Elementarisierung und definiert sieben Kategorien des Elementaren, die in dieser Übersicht erscheinen:


Kategorie Nr. Bezeichnung Beschreibung Beispiel
1 Fundamentales Nur als Erlebnis existent und erfahrbar. Beispiel: Selbsterfahrung auf einer Exkursion – in einer Grenzsituation.
2 Exemplarisches Allgemeines wird am Besonderen erfahren. An einem fallenden Gegenstand, z. B. Schlüsselbund, das Fallgesetz erklären.
3 Typisches Allgemeines wird am Besonderen erfahren. Im Kölner Dom beim Betrachten – der gotische Baustil.
4 Klassisches Allgemeines wird als Wert erfahren. An der Geschichte vom barmherzigen Samariter – die Nächstenliebe.
5 Repräsentatives Allgemeines wird als Vergegenwärtigung erfahrbar. Auf einer Suonenwanderung im Wallis die alten Bewässerungssysteme – lebendig erfahren.
6 Einfache Zweckform Allgemeines (Form) und Besonderes (Zweck) fallen zusammen. Das Allgemeine wird durch das Tun des Besonderen erlernt. Durch Lesen das Lesen lernen – die Lesefähigkeit trainieren.
7 Einfache ästhetische Form Allgemeines und Besonderes fallen zusammen. Das Allgemeine wird durch das Einmalige anschaubar. An einem ausgewählten Bild – den Goldenen Schnitt verstehen lernen.

Fassen wir zusammen: Trotz diesen frühen Ansätzen von Comenius und später bei Klafki und Siebert ist die didaktische Reduktion ein neues Gebiet in der didaktischen Debatte. Obwohl das Thema bisher eher vernachlässigt wurde, gewinnt es mit der an vielen Orten zu beobachtenden Verkürzung von Schul- und Studiendauer und dem Druck, der auf vielen Weiterbildungsbudgets lastet, an Relevanz. Didaktische Reduktion sollte darum zwingend in den Kanon der didaktischen Ausbildung sowohl von Trainern, Ausbildenden und Lehrpersonen aufgenommen werden.

Der Hochschuldozent Martin Lehner, der im deutschsprachigen Raum die Reduktion mit seinem 2006 erschienen Buch «Viel Stoff – wenig Zeit; Wege aus der Vollständigkeitsfalle» erneut aufgriff, verdient Anerkennung. Ihm verdanke ich viele Inspirationen. Treffend schrieb er in seinem Buch: «Viel Stoff – wenig Zeit ist eine Herausforderung, die sich im ganzen Bildungsbereich stellt.»

Sie fragen sich nun: Welche Perspektive ist für Lehrende die Richtige?

1.Auswahl der Inhalte (curriculare Perspektive)?

2.Konzentration und Vereinfachung (vermittlungstechnische Perspektive)?

3.Hohe Wertschätzung von Komplexität und Vollständigkeit (subjektive Perspektive)?

Erst mal schön der Reihe nach: Wenn Lehrkräfte Inhalte auswählen, nehmen sie meist eine curriculare Perspektive ein. Wobei der Begriff «Curriculum» mehr als nur den Lehrplan umfasst. Denn dieser beschränkt sich meist auf die Aufzählung der Unterrichtsinhalte. Das Curriculum hingegen orientiert sich auch an den Lehrzielen und beschreibt den Ablauf des Lehr- und Lernprozesses. Insbesondere enthält es auch Aussagen über die Rahmenbedingungen des Lernens. Und neben den Lehrinhalten sollte es auch die lern- und entwicklungspsychologischen Möglichkeiten der Teilnehmenden berücksichtigen.

Sobald Lehrkräfte Inhalte auswählen, stellen sie bei der Planung ihres Unterrichts reduktive Überlegungen an:


▸Wie viel Zeit steht mir zur Verfügung? (Zeit)
▸Welche Inhalte sind praxisrelevant? (Zielgruppe)
▸Was zählt an der Prüfung? (Ziel)

Wenn Ihnen dieser Dreischritt vertraut ist, nutzen Sie bereits die in diesem Kapitel vorgestellte 3-Z-Formel.

Der vermittlungstechnische Blick hingegen ist etwas anders gerichtet: Bei dieser Perspektive arbeiten Lehrpersonen elementare und fundamentale Aspekte einer Sache heraus. Es geht um Konzentration und Vereinfachung.

Lehrende überlegen sich:


▸Welche Voraussetzungen bringen die Lernenden mit? (Zielgruppe)
▸Welche grundlegenden Strukturen müssen sie erwerben? (Ziel)
▸Gibt es Prototypen, die den Sachverhalt gut erklären? (Inhalt)

Blickwinkel eins und zwei lassen sich nicht trennen; sie sind aufeinander bezogen. Den dritten Blickwinkel, den wir nun anschauen, müssen wir ausführlicher untersuchen, denn die «hohe Wertschätzung für Komplexität und Vollständigkeit» stellt oft ein Hindernis für professionellen und reduzierten Unterricht dar. In Anlehnung an Martin Lehner spreche ich bei diesem Blickwinkel von der «Vollständigkeitsfalle». Viele Trainer, insbesondere Fachdozierende, die sich als Expertinnen und Experten ihres Bereichs verstehen, haben damit ein Problem. Warum ist das so? Weil dieser Personenkreis über ein breites und komplexes, gleichzeitig auch vernetztes und verdichtetes Wissen verfügt, gehen diese Lehrkräfte davon aus, «alles» sei wichtig. Doch das ist meistens nicht wahr. Mit dem Standpunkt der Vollständigkeit muten sie den Lernenden, zumindest in einer ersten Phase, zu viel Stoff oder zu viel Komplexität zu. Mehr als diese zu diesem Zeitpunkt aufnehmen können. Und mehr als der Lernprozess in diesem Moment auszuhalten vermag.

Inzwischen sind wir mit unserer Pädagogengruppe auf einer landwirtschaftlichen Kooperative in der Nähe von Santa Clara auf Besuch. Den Chef dieser kubanischen «Kolchose» kennen wir von einem früheren Treffen: Marcial Rodriguez, ein fast prototypischer kubanischer Bürokrat.

Ausschweifend und detailliert doziert er über sein Fachgebiet. Wie sein Land nach Jahrzehnten der Monokultur ab 1991 – abgeschnitten vom Zugang zu Dünger und Pestiziden – den Wandel zu einer ökologischen und nachhaltigen Landwirtschaft forcierte. Wie seine Kooperative altes, bäuerliches Wissen in die Schulungen künftiger Tropenagronomen integriert.

Das Thema ist interessant und unter dem Aspekt der Nahrungssicherheit durchaus brisant; doch die Ausländer fächeln sich Luft ins Gesicht und schlafen auf ihren Stühlen fast ein. Dies ändert sich schlagartig, als Sergio, Nummer zwei im Betrieb, das Wort ergreift.

Auch er ein kubanischer Macho, wie aus einer Telenovela, die von der Kolonialzeit erzählt. Gleichzeitig jedoch ein Rhetoriker und Entertainer, dem die Zuhörenden sofort an den Lippen hangen. Wie ihm das gelingt? Indem er uns nach draussen führt, süssen kubanischen Mangosaft offeriert und eine Anekdote oder einen derben Scherz an den anderen reiht.

Bei den «hydroponicos», einer kubanischen Erfindung zur Einsparung von Wasser in der Landwirtschaft, machen wir den ersten Halt. Dort erzählt Sergio den ersten «cuento». Weil seine Zielgruppe für den typischen kubanischen Humor wohl nur Stirnrunzeln übrig hätte, positioniert er den Witz freundlicherweise über der Gürtelinie.