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Buch lesen: «Die Ahnen», Seite 94

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5. Junge Neigung

Die Männer hatten das Walddorf verlassen und waren mit den übrigen Deputierten der Regimenter nach Erfurt geritten. Dort erfuhren sie, daß alle großen Mächte ihretwegen in Bewegung waren, und daß die schwedische Regierung, um das verbündete Frankreich nicht zu beleidigen, darauf bestand, noch einen Sühneversuch zu machen. So wurden sie durch fruchtlose Verhandlungen aufgehalten. Beim Abschied hatte Bernhard seiner Schwester den Buben und ihren Zelter zurückgelassen mit dem Versprechen, in das Dorf zurückzukehren, bevor er dem General Königsmark zuziehe.

Regine saß am Spinnrade, und Judith stand neben ihr, sah der Arbeit zu und prüfte den Faden. »Er ist ganz fein und gleichmäßig,« lobte sie, »übt Ihr Euch eine Weile, so werdet Ihr eine Meisterin.«

»Lange hat mir das Hauswesen gefehlt,« klagte das Kind, »und die stille Arbeit, bei der man sich jeden Abend am Ofen über das Fertige freut und bedenkt, was den nächsten Tag zu schaffen sein wird.« Sie stellte das Spinnrad zur Seite, und Judith drehte die Schnur los, welche um das Rad lief. »Warum löst Ihr die Schnur?« fragte Regine wißbegierig. Judith lachte: »Sie sagen, bei ungelöster Schnur kommen die Erdmännchen und spinnen am Rocken, dann hört man die Spule schnurren.«

»Glaubt Ihr, daß sich solche Geister zu einem Mädchen drängen, welches dem lieben Gott vertraut?« sagte Regine besorgt und sah in die Stubenecken.

»Wir wissen es nicht,« versetzte Judith ruhig, »und Vorsicht ist ratsam. Denn es gibt viel geheimes Leben auf der Erde, das uns Menschen unbekannt ist, schädliches und heilsames; das erkennt jeder, der um wohltätige Arznei zu sorgen hat. Viel hängt ab vom Tag und von der Stunde, an welcher man sie zum Gebrauch gewinnt, und die weisen Leute sagen, daß in den Kräutern der Flur kleine Geister leben, welche man die guten Holden nennt, und die man sich geneigt machen kann. Wir merken auch, daß manche von ihnen Männlein sind und andere Fräulein, und ihre junge Brut halten sie um sich gesammelt.«

»Jungfer Judith, davon steht nichts in der Schrift«, rief Regine eifrig.

»Aber es ist zu lesen in Feld und Wald,« antwortete Judith, »dort hat es der liebe Gott verzeichnet.«

»Ihr seid so gut gegen mich, und ich merke, auch gegen andere, denn die Leute hier achten sehr auf Euch. Liebe Jungfer, seid mir nicht böse, wenn ich frage, warum singt Ihr des Morgens und Abends nicht aus dem Gesangbuch?« – Judith strich der Fragerin liebkosend über das Haar.

»Ich bin eines Pfarrers Kind und habe gelernt, still mein Sprüchlein zu beten. Ich halte nichts von langem Absingen und Hersagen, denn wer seine frommen Gedanken zur Schau trägt, der betet sich durch den Himmel durch, wie die Rede geht, und muß jenseits Gänse hüten. Euch wird das nicht begegnen«, sagte sie herzlich.

Regine mußte lachen: »Auch ich denke so, daß der stille Dienst am wohlgefälligsten ist. Diesen aber sollen wir den ganzen Tag üben.«

»Auch seines Amtes redlich warten, ist ein Gottesdienst«, versetzte Judith. »Ist Euer Bruder ebenso gesinnt wie Ihr?«

»Ich fürchte, er folgt mehr Eurer Weise«, antwortete Regine. »Nach seinem Herzen aber ist er ein liebevoller Knabe, das weiß ich am besten.«

Judith setzte sich neben sie. – »Denn Ihr müßt wissen,« fuhr Regine gewichtig fort, »eine Schwester kennt den Bruder anders als jede Fremde, und der selige Vater sagte im Scherz: Die Mutter sieht das Knäblein nackt, und die Schwester sieht es im Hemde, fremde Jungfern aber sehen es im Seidenwams.«

Jetzt lachte Judith. »Der Herr Vater war wohl ein kluger Mann?«

»Das war er,« bestätigte die Tochter, »er sah auch dem Bruder ähnlich, hielt sich stattlich und war von heiterem Wesen. Und Ihr könnt mir glauben, um den Bernhard ist‘s schade, daß er ein Kriegsmann werden mußte, denn er hat gute Wissenschaft in gelehrten Dingen, spielt auch auf dem Clavicordium, singt dazu mit einer guten Stimme und macht allerwege die Leute fröhlich. Ich aber bin ein trauriger schwarzer Butz, und er hat seine Not mit mir; ich bin aus der Art geschlagen, sie sagen, weil die Mutter, bevor ich geboren wurde, sich sehr wegen der Kroaten geängstigt hat.« Sie sah bekümmert vor sich hin.

Judith nahm liebkosend die Hand des Gastes und hielt sie in ihren Händen fest.

Unterdes war das zugereiste Mädchen im Walddorfe, ohne eine Ahnung zu haben, der Gegenstand hoher Beachtung geworden. Den Herzog beschäftigte seit der Unterredung mit Bernhard der Gedanke an die Geschwister; doch um die Wahrheit zu sagen, er gedachte weniger des Bruders, der ihm fremdes Kriegsvolk angeboten hatte, als der Schwester, welche im Rufe stand, zu prophezeien. Und das war nicht zu verwundern. Denn jedermann wurde durch die Schrecken der Gegenwart gepeinigt und fühlte ungeduldiges Verlangen, in der Zukunft ein besseres Glück zu erkennen. Im Volke wucherte der Aberglaube, und viele suchten durch geheime Künste, die seit der Heidenzeit nicht vergessen waren, künftige Ereignisse zu deuten und sich vor drohender Gefahr zu schützen; überall erstanden Propheten, sogar Kinder weissagten und verkündeten bald Untergang der Welt, bald Besserung des betrübten deutschen Zustandes. Auch der Herzog hatte seinen Anteil an solcher Sehnsucht und Neugierde und konnte sich nicht versagen, das Skriptum des Nürnberger Propstes seinem Schloßprediger mitzuteilen. Der Geistliche las mit hoher Befriedigung und sprach Bewunderung der Verkündigungen aus, obwohl diese in der Hauptsache nichts weiter waren als umgewandelte Bibelsprüche. Er erstaunte nicht wenig, als der Landesfürst, seiner Beistimmung froh, ihm offenbarte, daß das Wunderkind zur Stelle sei, und daß es erwünscht wäre, wenn er dasselbe gegen billige Vergütung durch die Angehörigen des Mädchens für die nächste Zeit in Wohnung und Kost nehme. Der geistliche Herr bat um Erlaubnis, diesen Punkt mit seiner Hausfrau zu bereden, da Seiner herzoglichen Gnaden nicht unbekannt, daß die derzeitige Wohnung des Schloßpredigers enge, nicht günstig gelegen und mit einer finsteren Treppe behaftet sei.

Das verkannte der Herzog nicht, und obgleich er vermied, eine Abhilfe in Aussicht zu stellen, so sah der Prediger nebst seiner Gattin dennoch ein, daß die Aufnahme der Fremden vorteilhaft zu werden nicht unbegründete Aussicht verschaffe.

An einem der nächsten Tage fuhr ein stattlicher Wagen mit einer Schutzdecke, begleitet von einem herzoglichen Trabanten zu Pferde, in das Walddorf und hielt bei der Pfarre; nicht lange darauf bewegten sich der Pfarrer und Lizentiat Hermann in bedächtigem Schritt nach dem Hause der Jungfer Judith, wo Lizentiatus einen Brief des Schloßpredigers an Regine übergab. Nach dem notwendigen Hin- und Herreden, und nachdem sich beide Herren in aller Höflichkeit zu besten Diensten erboten hatten, wurden die Sachen der fremden Jungfer auf den Wagen gestaut und dieselbe eingeladen, auf dem Ehrensitze Platz zu nehmen, dem Lizentiaten aber zu gestatten, daß er sie aus dem Dorfe in die Stadt und aus einer unsicheren Wildnis unter die Augen und in den Schutz ansehnlicher Personen stelle. Die Mädchen hielten einander bei der Hand.

»Es ist besser so für Euch«, sagte Judith freundlich; »seht Ihr Euren Bruder wieder, so grüßt ihn von mir.«

Als aber der Besuch in den Wagen gehoben war und eine kleine Hand noch einmal zum Abschied zurückwinkte, schlug das Dorfmädchen die Hoftüre zu, eilte in die Stube und saß dort lange mit gesenktem Haupt.

Unterdes bemühte sich der Lizentiat, durch höflichen und wohlanständigen Diskurs seine schweigsame Reisebegleiterin zu unterhalten, und da er ein gescheiter und aufgeweckter Mann war, so gewann er auch allmählich ihre Aufmerksamkeit. Er hatte das Zartgefühl, von persönlichen Verhältnissen zu schweigen, aber er spielte sich behende auf Nürnberg, die berühmte Stadt, und verschmähte nicht, von der Verwunderung zu sprechen, welche ihm alldort die Tracht der Frauen und das großartige Aussehen der Stadt sowie auch die künstlichen Gebäude verursacht hatten, und nicht weniger das sogar in der Kriegszeit lustige Leben auf den Wochenmärkten und das öffentliche Braten der Fische. Längere Zeit hörte ihm Regine mit Anteil zu, endlich wagte sie die schüchterne Bitte, er möge ihr nicht verschweigen, welche Gesinnung der Herr Schloßprediger und dessen Frau Liebste ihr entgegen brächten, und wie sie sich dort zu verhalten habe, um zu gefallen; »denn es ist schwer für ein Waisenkind in fremdem Lande; auch die Bräuche hier sind mir ganz unbekannt; und ich möchte doch, daß beide in ihrem Gemüt von aufrichtiger Güte gegen mich würden.« Da vergaß der Lizentiat seine wohlgesetzten Reden und die gemessene Bewegung der Hand, welche dem Erzählenden wohl ansteht, und brach heraus: »Seien Sie nur ganz ohne Sorge, sehr verehrte Jungfer Königin, und seien Sie nur ganz so, wie Sie auch gegen mich sind, nach Ihrer eigenen Art, und Sie werden allen Leuten, hohen und niedrigen, über alle Maßen gefallen.« Aber er zuckte zurück und faßte sich zusammen, weil er ungebührlich laut und schnell gesprochen; auch Regine saß verlegen da, bis ihr Begleiter wieder die richtigen Worte fand und gewissermaßen zur Sühne seines jähen Wesens ausführlich über den geistlichen Herrn berichtete, sehr vorsichtig, sehr voll von Hochachtung und Anerkennung, jedoch so, daß Regine eine Meinung über ihren künftigen Beschützer bekam, die sich später als richtig erwies.

Nämlich der Schloßprediger war ein wohlhäbiger Herr mit gerötetem Antlitz, runden, grauen Augen und starkem Munde. Er trug das große Haupt zurückgeworfen, und die Augen sahen gerade und stolz in die Welt. Denn zu einer Zeit, in welcher friedliche Leute genötigt wurden, scheu um sich zu blicken und leise zu reden, war er in der glücklichen Lage, jede Woche seine Stimme mächtig über demütigen Hörern zu erheben, und keiner durfte ihm widersprechen. So hatte er das Aussehen eines gewaltigen Mannes und war in der Tat ein strenger Gebieter seiner Gemeinde; nur hatte auch er, wie andere Machthaber, mit der Schwierigkeit zu kämpfen, daß ihm sein Volk ungern gehorchte. Zwar wenn er die Andersgläubigen durch kräftige Schläge auf die Kanzel verurteilte, waren seine Beichtkinder recht wohl zufrieden, wenn er aber einmal einen Feldzug gegen ihre liederlichen Gewohnheiten unternahm und ihnen Nüchternheit, Zucht und Nachtruhe empfahl, dann zuckten die Sünder hinter seinem Rücken die Schultern und spotteten ohne Ehrfurcht über den rötlichen Schimmer seines Angesichts, denn sie wußten, daß er in der schweren Zeit zuweilen Trost in heißem Frankenwein fand; und wenn er auf der Kanzel gegen die Herrschbegier derjenigen Hälfte des Menschengeschlechts wetterte, welche nach der Schrift der anderen Hälfte Gehorsam schuldig ist, so flüsterten die Zuhörer einander in das Ohr, daß er nur darum in der Kirche so kräftig losgehe, weil er zu Hause leidend gehorchen müsse.

Von solchen Eigenschaften des hochansehnlichen Mannes kam in den Worten des Lizentiaten so viel zutage, daß Regine ein wenig lächeln mußte, zuletzt aber nachdenklich wurde. Und der Redner, betroffen über ihre Schweigsamkeit, beeilte sich, die Frau Schloßpredigerin zu erwähnen, welche, obgleich klein und hager, doch im Hauswesen die stärkere Kraft entwickelte. Er rühmte ihre Wirtschaftlichkeit im Einschlachten und Räuchern, und er verriet auch, daß sie eine sonderliche Vorliebe für Backobst habe und stolz auf einige Obstbäume in ihrem kleinen Garten sei.

»Das ist gut,« sagte Regine eifrig, »im Winter ist solche Hauskost ein Schatz. Aber der Herr scheint sich nicht viel daraus zu machen,« fügte sie hinzu, ihn schalkhaft anblickend, »denn sonst würde derselbe dies nicht so auffällig finden.« Der Begleiter beeilte sich, seine unbedingte Bereitwilligkeit zu diesem Genuß auszusprechen.

Wieder ein kleines Stillschweigen, dann begann das Mädchen aufs neue: »Ich sorge, daß ich dem Herrn Lizentiaten vorlaut erscheine, wenn ich mich unterstehe, auch nach dem Herzog zu fragen. Da Seine Gnade mir, wie die Herren erwähnten, diese gute Stätte bereitet hat, so möchte ich gern wissen, wie ich mich gegen ihn zu halten habe, um ihm meine Dankbarkeit zu beweisen.« Jetzt wurde ihr Begleiter beredt, rühmte den Herzog höchlich und mit warmen Worten, und nachdem er von seinem redlichen Eifer erzählt hatte und von der guten fürstlichen Häuslichkeit, so erwähnte er auch die Sorgfalt, mit welcher der Herr sich um allerlei kümmerte, was in seinem Lande vorging. »Durch diese Sorglichkeit werden herzogliche Gnaden zuweilen übermäßig okkupiert und oneriert, und die Spezialitäten werden demselben jeweilig zu einem Embarras.«

»Ich bitte den Herrn, nicht so vornehm mit mir zu sprechen,« sagte Regine, »ich bin nur das gemeine Deutsch gewohnt.«

»Verzeihe mir die hochverehrte Jungfer,« bat der Redner betroffen, »ich wollte nur anzudeuten wagen, daß die undankbaren Leute Seine herzogliche Gnaden ab und zu verkennen – und kurz gesagt, in unverschämter Dreistigkeit einen Topfgucker nennen.«

Jetzt sah er mit inniger Freude, daß Regine lachte. Um dies zu verbergen, neigte sie sich zum Wagen hinaus, da auf der Wiese nebenbei gerade eine Sense am Tengelstein klang. »Die Leute mähen Gras,« rief sie fröhlich, »das habe ich lange nicht gesehen.« – Ihr Begleiter wies ihr den bewaffneten Reiter, der zum Schutz in der Nähe hielt. »Auch dafür hat unser Herzog gesorgt!«

Sie kamen durch ein Dorf. Vor einer der halbzerstörten Hütten saßen kleine Kinder auf der Erde; sie starrten furchtsam nach dem Wagen, und die Schwester drückte den jüngeren Bruder fest an sich.

»Sie sehen so kränklich aus,« klagte das Mädchen, »gewiß sind sie hungrig.«

Der Lizentiat gebot heftig dem Kutscher, anzuhalten, kletterte aus dem Wagen und reichte den Armseligen die Reisekost, welche er, wie Brauch war, mit einem Löschpapier umwickelt in seiner Tasche mitgenommen hatte. Regine sah zu, als die Kinder die gute Speise verzehrten. Wieder fuhren sie eine Weile schweigend dahin, das Mädchen mit gefalteten Händen, denn die Nähe eines Theologen, die sie lange entbehrt, stärkte ihr die erbaulichen Gedanken. Und da in ihrer Phantasie der gestrenge Schloßprediger sich zu dem Bilde der armen Kinder gesellte, begann sie endlich: »Ach! Soviel Eifer und Zorn ist in der Welt, und doch ist die christliche Gesinnung so selten; alles nützt ihnen nichts, und wenn sie noch so klug sind, sie werden dem Lande nicht aufhelfen, solange sie nicht die Liebe haben.«

»Was die Jungfrau spricht, ist ein großes Wort,« antwortete ihr Begleiter ernsthaft, »und da ich selbst dem geistlichen Amt angehöre, so bitte ich nicht für Überhebung zu halten, wenn ich eine leise Klage gegen geistliche Herren in allen Konfessionen erhebe. Sie haben so lange gezankt, verdammt und Andersgläubige verflucht, bis Zank, Fluchen und Haß in das Gemüt des Volkes gedrungen sind, so daß die Menschen um des Glaubens willen einander schädigen und töten und das Land fast zur Einöde geworden ist. Furchtbar ist es, zu sehen, daß die Lehre der Liebe sich so verkehrt hat.«

»Herr Lizentiat,« sagte Regine begeistert, »da ich Euch so reden höre, wage ich Euch zu sagen, was Ihr nicht mißdeuten mögt: Ich bin gut evangelisch, aber ich habe in Nürnberg eine würdige Frau gekannt, welche diese Liebe hatte, von der Ihr sprecht. Sie hat mir und meiner seligen Mutter viel Gutes getan, und doch war sie katholisch. Und sie wies mir in aller Heimlichkeit ein geschriebenes Büchlein mit Liedern, welches betitelt war: ›Geistliches Lustwäldlein‹. Davon durfte ich mir manches abschreiben, und dieses zu lesen ist mir große Erbauung, obgleich der Dichter nicht unseres Glaubens gewesen ist. Ich hoffe, Ihr haltet das nicht für unerlaubt.«

»Wenn mich die Jungfer mit so hohem Vertrauen beehrt,« versetzte der Theologe ernsthaft, »so bin ich schuldig zu antworten, ich müßte diese Poesie vorher gelesen haben, bevor ich wagen darf, einen Rat zu geben.«

»Ihr sollt sie zu Gesicht bekommen«, versprach Regine und sah ihn treuherzig an.

Jetzt hatten die Reisenden gefunden, was beide redselig machte, und die Wegstunden schwanden ihnen schnell dahin. Endlich sagte der Lizentiat mit fröhlichem Lächeln: »Als ich heut früh ausfuhr, dachte ich nicht daran, daß mir diese Reise eine Bekanntschaft verschaffen würde, die mir so hochwert geworden ist und immerdar eine glückselige Erinnerung sein wird, und ich gestehe der Jungfer Königin, daß ich in Sorge war, wie dieselbe sich mir gegenüber gehaben würde, ja daß ich nach manchem, was ich gehört, meinen Auftrag für diffizil erachtete; aber ich fand heut früh einen guten Trost, als ich zu christlicher Prüfung des Kommenden dreimal in der Schrift den Vers nachlas, auf welchen mein Finger geriet. Denn worauf ich traf, das war alles gut.«

Regine strich an ihrem Gewande, als sie fragte: »Darf auch ich wissen, welches die günstigen Vorzeichen waren?«

Zögernd berichtete er: »Der erste Vers war aus den Sprüchen Salomonis: Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre.«

»Herr Lizentiat, das paßt nicht«, rief das Mädchen erschrocken.

»Mir scheint, der Spruch trifft gerade das Richtige«, versetzte ihr Begleiter siegreich. »Der zweite aber war fünftes Buch Mose: Der Herr brachte uns an diesen Ort und gab uns dies Land, da Milch und Honig innen fleußt.« Er hielt an.

»Und der dritte?« fragte Regine leise.

»Den dritten«, versetzte der Theologe befangen, »wage ich Euch jetzt nicht zu sagen, vielleicht gestattet Ihr mir‘s einmal später.«

Es war ein stiller Abend im Dorfe, die Berge warfen blaue Schatten über die Holzhäuser, den Wiesengrund und das murmelnde Wasser, und oben an der Berglehne leuchteten die Baumwipfel von bräunlichem Golde. In der frischen Abendluft saß Judith am Zaun ihres Hofes; das Spinnrad schnurrte, aber ihre Augen flogen die Straße hinab, der Gegend zu, wo sich das Tal in die Ebene öffnete.

»Heute war das Sonnenlicht mild, und langsames Reiten würde einem Kranken nicht schaden. Kommt er noch, so kommt er heut. Die Spindel stach in den Finger, das bedeutet Besuch. Ich sorge um einen, der mir fremd ist und doch der Vertraute meines Herzens vom Morgen bis zur Nacht. Wenn er wieder im Lederstuhl am Herde sitzt, reiche ich ihm den Trank in dem silbernen Becherlein, welches um der seligen Mutter willen in aller Not bewahrt wurde. Seine Schwester sagt, daß er von fröhlichem Gemüte ist und jedem lieb macht, mit ihm zu verkehren; das wußte ich auch, denn wenn er lachte, schlug mir das Herz. Die Ursel berühmt sich, daß sie einen Entfernten zwingen kann, seine Gedanken nach dem zu richten, der ihn herbeiwünscht, aber ich zweifle, ob ihr das Kunststück gelingt. Ist es stillem Wunsche möglich, über Berg und Tal in die Seele eines anderen zu dringen, so ziehe ich ihn selbst herbei, bis er leibhaftig vor mir steht, denn wie ein Feuerfunken, der im Sturmwind dahinfährt, fliegt meine Sehnsucht in die Ferne zu ihm. Er spornt sein Roß, und er jagt auf der Straße, er hält an und schlägt an das Tor. Arme Törin!« rief sie laut, »was weiß ich von seinen Wegen? Und weshalb vertraue ich, daß er meiner gedenkt?«

Aber von fern klang der Hufschlag eines Pferdes; auf der Straße jagte ein Reiter heran, er setzte über den Steg, schwenkte den Hut und rief grüßend ihren Namen. Der, den sie gerufen, hielt vor ihr, und in freudigem Schreck wich ihr das Blut aus dem Antlitz zum Herzen.

In der Stube antwortete sie seinem suchenden Blick: »Der Herr findet die Schwester, zu der er kommt, nicht mehr hier«; sie erzählte dem Erstaunten von der Einholung und hatte Mühe, ihre Freude zu bergen, als der Bruder fröhlich antwortete: »Ist mir der Herzog zuvorgekommen, so erhalte ich das Recht, auch für mich selbst zu sorgen.« Er wies auf seinen Arm. »Lieber bleibe ich hier, als im Gedränge der Stadt, während die Kameraden leere Worte mit den großen schwedischen Schreibern wechseln. Und jetzt, wo ich den würzigen Geruch der Kräuter wieder atme, ist mir so wohl zu mute, als wäre ich ein Knabe, der seine günstige Frau Pate besucht, und ich bitte die Jungfer, daß sie mich nicht fortweise, wenn ich mich hier ins Quartier lege.« Dabei neigte er sich tief vor ihr. – Judith antwortete errötend:

»Der Herr ist willkommen während der Stunden, die er bei uns verweilen will. Der Zelter steht neben der Kuh, und der Knabe schläft auf dem Boden darüber, aber der Herr Rittmeister ist mir zu groß, um mit den anderen Puppen in diese kleine Holzschachtel eingesperrt zu werden, darum machen wir‘s Euch im Hause nebenan so wohnlich, als wir können. Ihr besucht den Pfarrer und meldet Euch bei dem Amtsschreiber, der sich jetzt wie ein Ohrwurm winden wird, da er gemerkt hat, daß Ihr beim Herzoge etwas geltet. Doch traut ihm nicht über den Weg, er meint es zu wenigen gut, und am meisten mögen sich die hüten, zu denen er es in seiner Weise gut meint.« Ein Schatten flog über ihr frohes Gesicht, doch schwand er gleich wieder in Heiterkeit, als sie auf den Knaben wies, der säuberlich in neuer Wäsche auftrat, das struppige Haar glatt gebürstet, die Ärmelschlitze seines Wamses mit bunter Seide ausgepufft. »Wir haben dem Herrn unterdessen seinen Pagen ausstaffiert, damit dieser ihm Ehre mache.«

Sie lud den Gast zum Sitzen, und er verneigte sich zum Danke dafür wieder wie vor einer Königin. Denn er gedachte der Sitte und daß er die Schutzlose in ihrem Hause zu ehren hatte. Das verstand Judith in dankbarem Herzen, und auch sie setzte sich ihm gegenüber an das Spinnrad, hoch aufgerichtet, mit ruhigem Antlitz. Ihr Wunsch war erfüllt, der Ersehnte saß auf dem Lehnstuhl am Herde, und sein Trunk wurde ihm in dem Schmuckstück des Hauses vorgesetzt; sie fragte, und er berichtete über die kleinen Abenteuer auf der Reise und die schlechten Herbergen am Wege. Dennoch erwies sich das Lied, welches der Rittmeister zuweilen sang und worin er behauptete, daß Amor, das verschmitzte Kind, völlig blind sei, an dem Sänger selbst als unwahr. Denn der erwähnte Gott saß luchsäugig, wenn auch unsichtbar, auf dem Brettergerüst unter den Kräuterbündeln und schoß mit seinem Flitzbogen einen Pfeil nach dem andern gegen den Kriegsmann ab. Der Gast und die Jungfer Wirtin, wie höflich sie auch zueinander redeten, sie konnten nicht vermeiden, daß das Glück ihnen aus den Augen leuchtete und daß ihnen die Stimme von der inneren Bewegung leise erbebte. Bald erzählte ihr Bernhard wie einem treuen Kameraden von allem, was er in den letzten Wochen erfahren und kam dabei unvermerkt auf sein früheres Leben, bis ihr die Spindel im Schoße ruhte und ihre Augen in stiller Verklärung auf seinem Angesicht hafteten. Während das Abenddunkel in das Gemach drang, öffneten sich zwei Herzen wie zwei volle Knospen, welche die rosigen Blätter gegeneinander entfalten. Auf unruhige Erwartung und pochende Leidenschaft war für beide das erste Glück des Wiedersehens gefolgt, ein seliger Friede.

Als sie dem Gast das Abendbrot vorgesetzt und den Arm verbunden hatte, führte sie ihn nach seiner Herberge und bot ihm die Gutenacht.

»Wie wußtest du, daß ich heut kommen würde?« fragte der Rittmeister den Knaben, sobald sie allein waren.

»Die Jungfer hat‘s gewußt«, antwortete Pieps, und sein großer Mund verzog sich zu einem glückseligen Grinsen.

Lange saß Bernhard im Dunkel an dem kleinen Fenster. Er versuchte leise zu singen, aber er verlor die Melodie sowohl bei Frau Venus als bei den zu kaufenden Melonen. Ihm hatte in sorglosen Tagen manches Mädchen wohlgefallen, aber niemals war ihm das Herz aufgegangen wie in der letzten Stunde, ihm kam vor, als ob er zu dieser Jungfrau halten müsse, solange er lebe, und er starrte beim Sternenlicht hinüber nach dem Nachbarhause, mehr dem Corydon gleich, der sich um Phyllis grämt, als einem Reiter von Alt-Rosen, welcher in wüstem Hause lagert.

Am nächsten Morgen ritt er nach Gotha. Die Schwester sprach ihm gegenüber mutig und in gutem Vertrauen von ihrer Lage; mit dem Schloßprediger beredete er zu großer Zufriedenheit des geistlichen Herrn die Vergütigung und wie die Habe der Schwester in dem Troßwagen sicher von Wasungen heranzufahren sei, auch beim Herzoge meldete er sich und erhielt Erlaubnis, im Walddorfe zu rasten, weil er dort den Quartieren seiner Völker näher war. Und die Schwester freute sich über die Zuversicht des Bruders, als er ihr beim Abschied sagte: »Der Herzog hofft jetzt auf Besserung, auch die Schweden reden viel vom Frieden, vielleicht frage ich in kurzem, ob du dich hierzulande bei dem Bruder ansiedeln willst.«

Als er mit dem Buben den Eingang des Waldtales erreichte, sah er unweit der Straße die Jungfrau, welche mit ihrem Korbe aus der Hütte eines Holzfällers herabkam. Sie blieb stehen, als sie die Reiter erkannte. Er sprang ab, sandte den Knaben und die Pferde voraus und schritt neben ihr den Fußweg entlang. »Wie mögt Ihr Euch allein durch das offene Land wagen?« mahnte er besorgt. »Auf den Straßen schweift unsicheres Volk und im Walde ist noch weniger zu trauen.«

»Wir Landleute haben in der eigenen Flur immer guten Mut«, antwortete Judith; »heute begleitete mich auf dem Hinwege der Mann meiner Kranken, und bei der Heimkehr dachte ich Euch zu treffen.« Ihr Antlitz rötete sich, aber sie sah ihn in unschuldiger Zuversicht an.

»Liebe Jungfer Judith«, rief er und suchte ihre Hand zu fassen.

Sie löste die Finger aus den seinen, aber mit strahlenden Augen fragte sie: »Bin ich Euch ein wenig lieb, Monsieur König? Heut möchte ich‘s glauben, denn Eure Stimme klingt anders als von kalter Höflichkeit. Und daß Ihr und die Schwester gute Kundschaft halten wollt mit der armen Dorfjungfer, soll mir manchmal in der Wildnis ein Trost sein; denn die Gäste, welche sonst zu uns kommen, sind selten der Art, daß man mit Freude an sie zurückdenkt.« Sie wies auf die Landstraße: »Seht, dort ziehen solche heran, von denen wir häufig Zuspruch haben.« Aber im nächsten Augenblick ging sie mit schnellem Schritt auf die Fremden zu.

Ein Mann zog einen kleinen Handwagen, auf welchem zwei müde Kinder saßen, neben ihm hinkte auf einen Stab gestützt die Frau. Der Fahrende trug einen städtischen Rock, dessen schwarze Farbe durch Sonnenbrand und Regen vergraut war; aus dem feinen Angesicht blickten zwei gescheite Augen. Er und die Frau waren nicht alt, aber schwächlich und verfallen, und man sah ihnen wohl an, daß sie bessere Tage gekannt hatten.

Judith rief ihrem Begleiter hastig zu: »Es sind Exulanten, es ist ein Geistlicher!« und redete den Mann an, indem sie sich verneigte: »Salve, vir reverendissime!« Dabei nahm sie ihm die Deichsel aus der Hand und kehrte den Wagen dem Dorfe zu: »Ihr dürft nicht ohne Erquickung weiterziehen. Verschmäht nicht, die kurze Strecke zurückzulenken; was fehlt der Frau am Fuße?«

Der Mann zog vor diesem entschiedenen Willen den Hut. »Will die wohlgeneigte Frau den Meinen etwas Gutes tun, so wird es der Himmel lohnen, denn wir kommen von weit her und wissen nicht wohin.«

Judith wandte sich zu Bernhard, und auf die Kinder weisend, sagte sie in herzlicher Bewegung: »Auf solchem Wagen saß als Kind auch ich, wenn ich erschöpft vom Wandern war, mein Vater zog die Deichsel, und die Mutter ging mit wunden Füßen im Staube der Heerstraße.« Und den Wagen auf der Straße zurückfahrend, wehrte sie dem Flüchtling: »Ich leide nicht, Herr Pastor, daß Ihr Euch bemüht.«

Da nahm auch der Rittmeister den Arm der wankenden Frau und führte sie vorsichtig, die tiefen Wagengleise meidend, nach dem Dorfe zurück. So kam die Gesellschaft vor das Haus der Jungfrau; diese lenkte zu dem Bau, in dem der Rittmeister einquartiert war, und bat: »Gestattet ihnen, in der Kammer Euch gegenüber zu bleiben, denn ich sehe, eine Nachtruhe ist ihnen vor allem nötig.« – Sie hob die Kinder vom Wagen, gab der alten Ursel und dem Reiterbuben schnelle Befehle, und dem Rittmeister war, als ob sie auch seine Hilfe bei dem guten Werke erwarte, so daß er ihr dienstwillig in das Haus folgte. Dort schloß sie die Truhe auf, kramte in der Wäsche, wickelte ein kleines Bündel und hob ein vornehmes Tischtüchlein mit buntgenähtem Saume heraus: »Es macht dem Herrn Pfarrer soviel Freude als gute Kost,« erklärte sie, »wenn wir ihm ein Tischtuch aufdecken.« Sie legte das Tuch ihrem Gast über den Arm und fragte: »Es war starkes Bier gekommen aus der Stadt für die Jungfer Schwester; darf ich davon geben?« Als ihr Blick auf das Gestell fiel, wo sie den kleinen Silberbecher versteckt hatte, hielt sie zweifelnd an und fragte wieder: »Ist es Euch unlieb, wenn der Fremde aus Eurem Becher trinkt?« Bernhard hob das Gefäß schnell herab. »Dann ist noch das Huhn für die kranke Frau,« fuhr sie bittend fort, »auch dies war für einen anderen zubereitet, und er würde mit Geringerem vorlieb nehmen müssen.« Und sie trugen gemeinschaftlich den Flüchtlingen hinüber.

Unterdes war Ursel um die kranke Frau bemüht, und Pieps, welcher Lagerstroh herzugetragen und mit nicht gemeiner Kunst eine Streu geschüttet hatte, saß vor der Tür bei einem Wasserkübel und striegelte den beiden Kindern mit Schwamm und Bürste den Staub des Weges von Gesicht und Kleidern. Judith aber und Bernhard deckten dem Pfarrer den Tisch im Freien; sie trug auf, er schenkte ein und trank den Willkommen zu, gleich als ob er Hausherr wäre.

»Dies ist ein Landsmann aus dem Riesengebirge,« sagte Judith und strich dem Pfarrer vertraulich über den Ärmel, »ich erkenne an seiner Rede die Heimat.« Und als der Fremde, bevor er sich an die Kost wagte, wehmütig durch das Fenster in die Stube zurücksah, tröstete Judith: »Sorge der Herr Pastor nicht um die liebe Frau und nicht um die Kinder, denkt jetzt an Euch selbst.«

Der Mann gewann im Essen besseren Lebensmut und erzählte dem Rittmeister, welcher sich zu ihm setzte, von dem Unglück seiner Heimat und dem Elend seiner Irrfahrten, ruhig und ohne Klage, wie müde und geplagte Leute von ihrem schweren Schicksal sprechen, wenn sie nicht darauf ausgehen, Mitleid zu erregen. Auch Bernhard, welcher den Flüchtling als verständigen Mann erkannte, der von den Kriegsläuften zu berichten wußte, antwortete ihm achtungsvoll und merkte, wie froh Judith über seine Teilnahme war, wenn sie einmal am Tische stehenblieb. So kam der Abend heran; Judith führte die Kleinen sauber und gesättigt zu ihrem Vater: »Die Kinder wollen Euer Ehrwürden gute Nacht sagen, wir legen sie jetzt in die warme Streu, die liebe Frau ist versorgt, und ich hoffe, sie wird morgen bis zur Stadt gehen.«