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XVII
Wo die Petarden von Camille nachbrennen

Als man seinem Entzücken über das Talent der zukünftigen Debutantin jeden Ausdruck gegeben, als man zu ihren Gunsten alle Formeln des Lobes erschöpft hatte, ließ sich jeder von den glücklichen Zuhörern, indem er sie in seinem Kreise gehörig zu rühmen versprach, allmählich dem Boudoir nach dem Salon hinziehen, wo die ersten Arcorde des Orchesters ertönten, und ging von der Musik zum Tanze über.

. Die einzige des Erwähnens würdige Episode bei der Bewegung, welche bei dieser Gelegenheit stattfand, und die wir anführen werden, weil sie sich auf eine ganz natürliche Art mit unserem Drama verbindet, ist der Mißgriff, den Camille von Rozan dadurch machte, daß er unbesonnener Weise Leute anredete, welche die Geschichte von Carmelite ganz genau kannten.

Frau von Rozan, seine Gattin, eine hübsche fünfzehnjährige Creolin, war vorläufig den einer Witwe von amerikanischer Abkunft, die sich für ihre Verwandte erklärte, in Beschlag genommen worden. Camille, als er seine Frau in Familie sah, benutzte diesen Umstand, um wieder Junggeselle zu werden.

Er erblickte Ludovic, seinen alten Kameraden, fast seinen Freund; und sobald die Ruhe in Folge des Abgangs von Carmelite, deren Ohnmacht er der einfachen Aufregung zuschrieb, wiederhergestellt war, stürzte er auf den jungen Doctor zu, mit der Lebhaftigkeit eines so eben angekommenen Fremden, der einen alten Bekannten wiederfindet, reichte ihm die Hand und rief:

»Beim Hippokrates! es ist Herr Ludovic! . . . Guten Morgen, Herr Ludovic! wie befindet sich Herr Ludovic?«

»Schlecht,« antwortete kalt der junge Arzt.

»Schlecht?« wiederholte der Creole. »Ei! Sie haben den Monat April auf dem Backen!«

»Gleichviel, mein Herr, wenn ich den December im Herzen habe!«

»Sie haben Kummer?«

»Mehr als Kummer: Schmerz!l«

»Einen Schmerz?«

»Einen tiefen!«

»Mein Gott! mein armer Ludovic, sollten Sie einen Verwandten verloren haben?«

»Ich habe Jemand verloren, der mir theurer war, als ein Verwandter!«

»Was gibt es Theureres, als einen Verwandten?«

»Ein Freund . . . weil dies seltener ist.«

»Kannte ich ihn?«

»Genau.«

»Einer unserer Kameraden aus dem Collége?«

»Ja.«

»Ah! der arme Junge!« sagte Camille mit der höchsten Gleichgültigkeit. »Und wie hieß er?«

»Colombau,« antwortete trocken Ludovic, indem er Camille grüßte und ihm den Rücken zuwandte.

Der Creole hätte beinahe Ludovic an der Gurgel gepackt; doch wir sagten anderswo, er habe Geist besessen: er sah ein, daß er einen falschen Weg eingeschlagen hatte, pirouettirte auf den Absätzen und verschob seinen Zorn auf eine bessere Gelegenheit.

In der That, war Colombau todt, so hatte Ludovic das Recht, sich zu wundern, daß Camille ein solches Ereigniß nicht mehr betrübte.

Doch wie konnte er über dieses Ereigniß betrübt sein? Er wußte es nicht.

Armer Colombau, so jung, so schön, so stark, woran hatte er sterben können? "

Camille suchte mit den Augen Ludovic, um ihm zu sagen, er wisse von Allem nichts, und von ihm die Einzelheiten über den Tod ihres gemeinschaftlichen Freundes zu verlangen, doch er war verschwunden.

Während er Ludovic suchte, fielen die Blicke von Camille auf einen jungen Mann, dessen sympathetisches Gesicht er zu erkennen glaubte; nur war es ihm unmöglich, einen Namen auf dieses Gesicht zu setzen. Er hatte ihn gesehen, dessen war er sicher; er hatte ihn gekannt, er glaubte dessen sicher zu sein. War es in der Rechtsschule, – was wahrscheinlich, – so könnte ihm dieser junge Mann die gewünschte Auskunft geben.

Er ging auf ihn zu und sagte zu ihm:

»Verzeihen Sie« mein Herr, ich komme heute Morgen von Louisiana an, was ungefähr halb Weges von den Antipoden ist; ich habe natürlich zweitausend Meilen zur See gemacht, und in Folge hiervon bleibt in meinem Gehirne eine Art von intellectuellem Stampfen und Schlingern, was mir zugleich die Unterscheidungskraft und das Gedächtniß raubt. Verzeihen Sie mir also die Frage, welche ich an Sie zu richten die Ehre haben werde.«

»Ich höre, mein Herr,« antwortete ziemlich artig, aber dennoch mit einer gewissen Trockenheit derjenige, welchen er angeredet hatte.

»Mein Herr, ich glaube Sie unter verschiedenen Umständen bei meiner letzten Reife nach Paris gesehen zu haben, und als ich Sie so eben erblickte, fiel mir Ihr Gesicht als das eines alten Bekannten auf . . . Haben Sie mehr Gedächtniß als ich, und habe ich die Ehre, Ihnen bekannt zu sein ?«

»Sie haben Recht, ich kenne Sie vollkommen, Herr von Rozan,« antwortete der junge Mann.

»Ah! Sie kennen meinen Namens« rief Camille freudig.

»Wie Sie sehen.«

»Und werden Sie mir das Vergnügen machen, mir den Ihrigen zu sagen?«

»Ich heiße Jean Robert.«

»Ah! so ist es, Jean Robert . . . Bei Gott! Ich wußte wohl, daß ich Sie kannte, einen unserer berühmtesten Diener, und einen der besten Freunde meines Kameraden Ludovic, wenn ich mich nicht täusche . . . «

»Der selbst einer der besten Freunde von Colombau war,« erwiderte Jean Robert, indem er den Creolen trocken grüßte und sich umwandte.

Camilla hielt ihn aber zurück.

»Mein Herr, ich bitte!« sagte er: »Sie sind die zweite Person, die mir vom Tode von Colombau spricht . . . Könnten Sie mir wohl einzelne Umstände über diesen Tod mittheilen?«

»Welche?«

»Ich wünschte zu wissen, an welcher Krankheit Colombau gestorben ist.«

»Er ist nicht an einer Krankheit gestorben.«

»Sollte er im Duell getödtet worden sein?«

»Nein, mein Herr, er ist nicht im Duell getödtet worden.«

»Aber wie ist er denn gestorben ?«

»Er hat sich mit Kohlendampf erstickt.«

»Und diesmal grüßte Jean Robert Camille so kalt, daß dieser, – übrigens ganz von Erstaunen ergriffen, – nicht daran dachte, ihn ferner zurückzuhalten.

»Todt!« murmelte Camille, »gestorben durch Erstickung! Wer hätte das von Colombau denken können? er, der so fromm! Ah! Colombau!«

Und Camille erhob die Hände zum Himmel als ein Mensch, der, um die Sache, die man ihm gesagt, zu glauben, nöthig hätte, daß man sie ihm zweimal wiederholen würde.

Indem er die Hände erhob, erhob Camille auch die Augen, und die Augen erhebend erblickte er einen jungen Mann, der in die tiefsten Reflexionen versunken zu sein schien.

Er erkannte in ihm einen Künstler, den man ihm während der Unruhe, die auf die Ohnmacht von Carmelite gefolgt war, gezeigt, und von dem man ihm gesagt hatte, es sei einer der ausgezeichnetsten Maler. Das Gesicht des jungen Mannes drückte die lebhafteste Bewunderung aus.

Es war Petrus, den die erhabene Anstrengung von Carmelite zugleich mit Traurigkeit und mit Stolz erfüllte . . . Die Künstler hatten also ein anderes Herz als die übrigen Menschen? Die Künstler hatten also eine andere Seele? Die Künstler waren also vielleicht privilegierte Wesen für den Schmerz? Da sie so königlich den Schmerz besiegten, so waren sie besondere Wesen.

Camille täuschte sich im Gesichtsausdrucke von Petrus: er hielt ihn einfach für einen Dilettanten in Entzückung, und auf ihn zugehend, um ihm ein äußerst angenehmes Compliment zu machen, sagte er:

»Mein Herr, wäre ich Maler, ich würde keine andere Physiognomie als die Ihrige wählen, um das Entzücken eines großen Herzens bei Anhörung der göttlichen Musik des großen Meisters auszudrücken.«

Petrus schaute Camille mit einer verächtlichen Kälte an und verbeugte sich, ohne zu antworten.

Camille fuhr fort:

»Ich weiß nicht genau, wie weit die Begeisterung der Franzosen für die Musik des göttlichen Rossini geht; doch in unsern Colonien macht sie Furore: das ist Leidenschaft, Wuth, Fanatismus! Ich hatte einen Freund, einen Liebhaber der deutschen Musik, der im Duell getödtet wurde, weil er behauptet hatte, Mozart stehe höher als Rossini, und er ziehe Figaros Hochzeit dem Barbier von Sevilla vor. Ich, was mich betrifft, ich gestehe, daß ich ein Anhänger von Rossini bin, und daß ich ihn hundert Fuß über Mozart stelle . . . Das ist meine Meinung, und ich würde sie im Rothfalle bis zum Tode behaupten.«

»Ich glaube, das war nicht die Meinung Ihres Freundes Colombau, mein Herr,« erwiderte Petrus, indem er kalt den Creolen grüßte.

»Ah! bei Gott! da sich hier alle Welt das Wort gegeben hat, mit mir von Colombau zu sprechen, und da Sie es machen wie alle Welt, so werden Sie mir sagen, ob er sich wegen des Sieges von Rossini über Mozart mit Kohlendampf erstickt hat.«

»Nein, mein Herr ,« antwortete Petrus mit äußerster Höflichkeit: »er hat sich erstickt, weil er Carmelite liebte, und eher sterben, als seinen Freund verrathen wollte.«

Camille stieß einen Schrei aus und drückte seine beiden Hände an seine Stirne, als ob eine Blendung vor seinen Augen vorüberzöge.

Während dieser Zeit ging Petrus, wie es nach und nach Jean Robert und Ludovic gethan hatten, vom Boudoir in den Salon.

In dem Momente, wo Camille, nachdem er sich ein wenig von dem Schlage, den er erlitten, erholt hatte, seine Hände von seinem Gesichte zurückzog und die Augen wieder öffnete, sah er vor sich, – was ihm seit seinem Eintritte in die Salons von Frau von Marande noch nicht begegnet war, – einen jungen Mann von schöner und hoffärtiger Tournure, der sich bereit hielt, ihn anzureden, wenn er selbst bereit wäre, diesem Anreden zu entsprechen.

»Mein Herr,« sagte der junge Mann zu ihm, »ich höre, daß Sie diesen Morgen von den Colonien ankommen, und daß Sie zum ersten Male heute Abend Herrn und Frau von Marande vorgestellt worden sind. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mich als Pathe in den Salons unseres gemeinschaftlichen Banquiers und als Führer durch die Lustbarkeit der Hauptstadt anzunehmen?«

Dieser zuvorkommende Cicerone war der Graf Lorédan von Valgeneuse; er hatte schon bei ihrem Eintritte die hübsche Creolin bemerkt, welche von Camille von Rozan in Frankreich importiert worden war, und er suchte sich gut mit dem Manne zu stellen, um eintretenden Falles noch besser mit der Frau zu stehen.

 

Camille athnte, als er einen Mann traf, der zehn Worte mit ihm sprach, ohne daß der Name Colombau mit diesen zehn Worten Vermischt wurde.

Es versteht sich von selbst, daß er mit allem Eifer das Anerbieten von Herrn von Valgeneuse annahm.

Die zwei jungen Leute eilten in die Tanzsalons; man hatte zu einem Walzer präludirt. Sie traten gerade in dem Augenblicke ein, wo der Walzer anfing.

Die erste Person, der sie in den Solon eintretend begegneten, – man hätte glauben sollen, ihr Bruder habe ihr hier Rendez-vous gegeben, so sehr schien sie zu warten! – war Fräulein Susanne von Valgeneuse.

»Mein Herr,« sagte Lorédan, »erlauben Sie mir, Ihnen meine Schwester, Fräulein Susanne von Valgeneuse, vorzustellen.«

Alsdann, ohne die Antwort von Camille abzuwarten, die man übrigens in seinen Augen lesen konnte, fügte der Graf bei:

»Meine liebe Susanne, ich stelle Ihnen einen neuen Freund, Herrn Camilla von Rozan, einen amerikanischen Edelmann, vor.«

»Oh!« erwiderte Susanne, »Ihr neuer Freund, mein lieber Lorédan ist für mich ein alter Bekannter.«

»Gut! und wie dies?«

»Was!« rief Camille mit einer stolzen Freude, »sollte ich die Ehre haben, Ihnen bekannt zu sein, mein Fräulein?«

»Oh! genau, mein Herr,« antwortete Susanne.

»In Versailles, in der Pension, wo ich vor nicht langer Zeit noch war, stand ich in enger Verbindung mit zwei Von Ihren Landsmänninnen.«

In diesem Augenblicke traten Regina und Frau von Marande, nachdem sie der Sorge einer Kammerfrau Carmelite, welche aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich gekommen war , anvertraut hatten, in den Ballsaal ein.

Lorédan machte seiner Schwester ein unmerkliches Zeichen, worauf ihm Susanne mit einem unmerklichen Lächeln antwortete.

Und während zum dritten Male an diesem Abend Lorédan mit Frau von Marande die immer unterbrochene Conversation wieder anzuknüpfen suchte, stürzten sich Camille und Fräulein von Valgeneuse, um weitere Bekanntschaft zu machen, in den schwindelerregenden Wirbel des Walzers und verloren sich unter einem Ocean von Gaze, Atlaß und Blumen-.

XIX
Wie das Liebesgesetz gestorben war

Machen wir ein paar Schritte rückwärts; denn wir bemerken, daß wir, weil es uns drängte, in den Salon von Frau von Marande einzutreten, cavalièrement über Ereignisse und Tage weggestiegen sind, welche ihren Platz in dieser Erzählung haben müssen, wie sie ihn schon in der Geschichte haben.

Man erinnert sich des Scandals, der sich bei der Beerdigung des Herzogs de la Rochefoucauld zugetragen hatte.

Da Einige von den Personen, welche den ersten Rang in unserer Geschichte einnehmen, eine Rolle dabei spielten, so haben wir es versucht, in allen ihren Einzelheiten diese entsetzliche Scene zu erzählen, bei der die Polizei zu dem Resultate gelangt war, das sie sich vorgesetzt hatte: Herrn Sarranti verhaften und erforschen, welchen Grad von Widerstand die Bevölkerung der unglaublichsten Beschimpfung, die man dem Leichname eines Mannes, welchen sie mit ihrer Ehrfurcht und ihrer Liebe umgab, entgegenzusetzen fähig wäre.

Die Macht war dem Gesetze geblieben! wie man in der Regierungssprache sagt.

»Noch ein solcher Sieg,« sprach Pyrrhus, der kein constitutioneller König, aber ein verständiger Tyrann war, »und ich bin verloren!« Das hätte sich Karl X. nach dem traurigen Siege, den er auf den Stufen der Himmelfahrts-Kirche davon getragen, sagen müssen.

In der That, sie war tief gewesen, die nicht nur bei der Menge, – von der der König wenigstens momentan zu weit entfernt war, um das Schauern durch die verschiedenen socialen Schichten zu fühlen, welche ihn von ihr trennten, – sondern auch auf die Pairskammer, von der er nur durch den auf den Stufen des Thrones ausgebreiteten Teppich getrennt war, hervorgebrachte Aufregung.

Die Pairs hatten sich, wie gesagt, vom Ersten bis zum Letzten beleidigt gefühlt durch die den Ueberresten des Herzogs de la Rochefoucauld angethane Beschimpfung. Die Unabhängigsten hatten ganz laut ihre Entrüstung kundgegeben; die Ergebensten hatten sie in die Tiefe ihres Herzens verschlossen; hier aber brudelte sie beim Hauche des furchtbaren Rathgebers, den man den Stolz nennt. Alle warteten auf eine Gelegenheit, entweder dein Ministerium oder sogar dem Königthum diesen unfläthigen Fußtritt, den die hohe Kammer von der Polizei erhalten hatte, zurückzugeben.

Der Liebesgesetzes-Entwurf sollte diese Gelegenheit bieten.

Er war der Prüfung der Herren von Broglie, Portalis, Portal und le Bastard unterworfen worden.

Wir haben die Namen der anderen Mitglieder der Commission vergessen: – es sei dies gesagt ohne die Absicht, die Ehrenwerthen auf irgend eine Art zu verletzen.

Die Prüfungs-Commission schien schon bei ihren Sitzungen weit davon entfernt, eine Sympathie für den Entwurf zu hegen.

Die Minister selbst fingen an mit demselben Schrecken, der Reisende ergreift, welche, ein unbekanntes Land durchwandernd, sich plötzlich am Rande eines Absturzes finden, die Minister selbst fingen an zu bemerken, daß unter der politischen Frage, welche die Hauptfrage zu sein schien, eine individuelle viel ernstere Frage verborgen war.

Das Gesetz gegen die Preßfreiheit wäre in der That vielleicht durchgegangen, hätte es sich nur an den Rechten der Intelligenz vergriffen. Was lag an den Rechten der Intelligenz dem Bürgerthum, der höchsten Macht jener Zeit? Doch das Gesetz gegen die Preßfreiheit vergriff sich an den materiellen Interessen, was eine viel gewichtigere Lebensfrage für alle Subscribenten auf Voltaire-Touquet war, welche das Dictionaire philosophique lasen und dabei eine Prise aus einer Tabaksdose à la charte nahmen.

Was ihnen allmählich die Augen öffnete, diesen armen Blinden mit hunderttausend Franken Gehalt, war der Umstand, daß alle die Preßfreiheit und die Interessen der Industrie verletzenden Dispositionen einstimmig von der Commission der Pairskammer verworfen wurden.

Da fingen sie an eine absolute Verwerfung zu fürchten.

Was ihnen am wenigsten Unangenehmes begegnen konnte. war, daß der Entwurf vor der Kammer mit solchen Amendements erschien, daß es diesen Amendements gelang, die Wirkung davon zu zerstören.

Man mußte zwischen einem Rückzuge und einer Niederlage wählen. Es fand eine Berathung statt; Jeder theilte Allen seine Befürchtungen mit, und man kam überein, die Diskussion sollte auf die nächste Sitzung verschoben werden.

Herr von Villèle übernahm es, durch eine von jenen Combinationen, mit denen er vertraut war, mittlerweile dem Ministerium in der hohen Kammer eine Majorität so botmäßig und so regelmäßig diszipliniert zu geben, als die war, auf welche er in der Kammer der Abgeordneten zählen konnte.

Am 12. April, – einem der Tage, über die wir so cavalièrement hinweggestiegen sind, – war der Jahrestag der ersten Rückkehr von Karl X. Nach Paris am 12. April 1814. An diesem Tage gab die Nationalgarde den Militärdienst der Posten in den Tuilerien und ersetzte so die anderen Truppen des Palastes.

Das war eine Gunst, mit der der König die Ergebenheit der Nationalgarde belohnte, welche mehrere Wochen lang seine einzige Garde gebildet hatte; es war endlich ein Zeichen von Vertrauen, das er der Bevölkerung von Paris gab.

Doch dieser Tag, was man unmöglich hatte verhindern können, fiel im laufenden Jahre auf den grünen Donnerstag.

Am grünen Donnerstag konnte aber der König, der sich ganz seinen Andachten widmete, seinen Geist keiner politischen Beschäftigung hingeben: man verschob also den Dienst der Garde vom 12. auf den 16. vom grünen Donnerstag auf den Ostermontag.

Dem zu Folge stieg, am 16. Morgens, in dem Augenblicke, wo die Wache bezogen wurde, als es eben neun Uhr im Pavillon de l’Horloge schlug, König Karl X. die Freitreppe der Tuilerien in der Uniform eines Generals der Nationalgarde herab. Er erschien in Begleitung des Herrn Dauphin und war umgeben von einem zahlreichen Generalstabe.

Er kam auf den Carrouselplatz, wo sich von allen Legionen der Nationalgarde, die Cavalerie-Legion im begriffen, gelieferte Detachements versammelt fanden.

Als er vor die Schlachtordnung der Nationalgarde gelangte, grüßte er nach seiner Gewohnheit mit herzlichem Ergusse.

Obschon bei seinen täglichen Spazierfahrten Karl X., allmählich depopularisirt, – nicht durch seine persönlichen Fehler, sondern durch die Irrthümer seiner Regierung, welche eine antinationale Politik angenommen hatte, – obschon bei seinen täglichen Spazierfahrten, sagen wir, Karl X. seit einem Jahre an einen ziemlich kalten Empfang gewöhnt worden war, rief er doch noch von Zeit zu Zeit durch das Lächeln und die Grüße, die er der Menge zusandte, sympathetische Acclainationen hervor.

An diesem Tage aber war der Empfang eiskalt. Kein Feuer, keine Begeisterung; einige spärliche Rufe: »Es lebe der König!« schüchtern vorgebracht, kaum gehört, und wie unter Weges aufgehalten.

Er musterte die Nationalgarde und verließ den Carrouselplatz, das Herz angeschwollen von einer bitteren Traurigkeit, wegen dieses Empfangs der Menge nicht sein Regierungssystem, sondern die Verleumdungen der Journale, die dumpfen Umtriebe der liberalen Partei anklagend.

Mehrere Male hatte er sich während der Revue gegen seinen Sohn umgewendet, als wollte er ihn befragen; doch der Herr Dauphin erfreute sich des seltsamen Vorzugs, zerstreut zu sein, ohne daß sein Geist anderswo war. Der Herr Dauphin folgte maschinenmäßig seinem Vater, und in den Palast zurückkehrend hatte der Herr Dauphin wohl das Bewußtsein, einen kleinen Spazierritt gemacht zu haben, er vermuthete wohl, er habe einer Revue beigewohnt, doch es wäre ihm unmöglich gewesen, zu sagen, welche Art von Truppe vor ihm defiliert hatte.

Also nicht an den Dauphin wandte sich der alte König, der sich vereinzelt in seiner Größe, schwach in seinem göttlichen Rechte fühlte, sondern an einen Mann von sechzig Jahren, der das doppelte Band dem St. Ludwigs-Orden und vom Heiligen-Geist-Orden trug.

Dieser Mann war einer von den alten Glorien Frankreichs: es war der Soldat vom Regiment Médoc, es war der Bataillonschef der Freiwilligen von der Maas, es war der Oberst des Regiments Picardie, es war der Eroberer von Trier, der Held der Brücke von Mannheim, der Commandant der vereinigten Grenadiere der großen Armee , der Sieger von Ostrolenka, der Mann von Wagram, von der Beresina, von Bautzen, der Generalmajor der königlichen Garbe, der Obercommandant der Pariser Garde; es war der Verstümmelte von allen Schlachten, denen er beiwohnte; es war derjenige, dessen Körper siebenundzwanzig Wunden zählte, fünf mehr als der von Cäsar, und der seine siebenundzwanzig Wunden überlebt hatte; – es war der Marschall Qudinot, Herzog von Reggio.

Karl X. nahm den alten Soldaten unter dem Arme, zog ihn aus dem Kreise der Höflinge, die auf seine Rückkehr warteten, und sagte zu ihm:

»Hören Sie, Marschall, sprechen Sie offenherzig.«

Der Marschall schaute den König mit Erstaunen an; die Stille und die Kälte der Nationalgarde waren ihm nicht entgangen.

»Offenherzig, Sire?« fragte er.

»Ja, ich wünsche die Wahrheit zu wissen.«

Der Marschall lächelte.

»Es setzt Sie in Erstaunen, daß ein König die Wahrheit zu wissen wünscht . . . Man täuscht uns also sehr, mein lieber Marschall?«

»Ei! Sire, Jeder thut hierbei sein Bestes.«

»Und Sie?«

»Ich, ich lüge nie, Sire!«

»Sie sagen also die Wahrheit?«

»Ich erwarte, daß man sie von mir verlangt.«

»Und dann . . . ?«

»Sire, Eure Majestät befrage mich, und sie wird sehen.«

»Nun wohl, Marschall , was sagen Sie von der Revue?«

»Kalt!«

»Man hat kaum: »»Es lebe der König!«« gerufen. Haben Sie das bemerkt, Marschall?«

»Ich habe es bemerkt.«

»Ich habe mich also des Vertrauens und der Liebe meines Volkes verlustig gemacht?«

Der alte Soldat schwieg.

»Hören Sie mich nicht, Marschall ?« fragte Karl X.

»Doch, Sire, ich höre Sie.«

»Nun wohl, ich frage Sie, ob ich mich, nach Ihrer Ansicht, verstehen Sie wohl, Marschall? ich frage Sie, ob ich mich, nach Ihrer Ansicht, des Vertrauens und der Liebe meines Volkes verlustig gemacht habe.«

»Sire!«

»Sie haben mir die Wahrheit versprochen, Marschall.«

»Sire, nicht Sie, sondern Ihre Minister. Unglücklicher Weise begreift das Volk die Subtilitäten Ihrer constitutionellen Regierung nicht: König und Minister, es vermengt Alles.«

»Aber was habe ich denn gethan?« rief der König.

»Sie haben nicht gethan, Sire, Sie haben thun lassen.«

 

»Marschall, ich schwöre Ihnen, daß ich voll guter Absichten bin.«

»Sire, es gibt ein Sprichwort, das behauptet, die Hölle sei damit gepflastert.«

»Marschall, sagen Sie mir Alles, was Sie hiervon denken.«

»Sire, ich wäre der Güte des Königs unwürdig, wenn . . . ich . . . nicht dem Befehle, den er mir gibt, gehorchen würde.«

»Nun?«

»Nun wohl, Sire, ich denke, Sie sind ein guter und redlicher Fürst ; Eure Majestät ist aber umgeben und hintergangen von blinden oder unwissenden Räthen, welche nicht sehen oder schlecht sehen.«

»Fahren Sie fort, fahren Sie fort!«

»Die öffentliche Stimme sagt Ihnen durch, mich, Sire, Ihr Herz sei ächt französisch, und in Ihrem Herzen und nicht anderswo müsse man lesen.«

»Man ist also unzufrieden ?«

Der Marschall verbeugte sich.

»Und worüber diese Unzufriedenheit?«

»Sire: das Preßgesetz verwundet tief und tödtlich Ihre Bevölkerung.«

»Sie glauben, diesem habe ich die heutige Kälte zu verdanken?«

»Sire, ich bin dessen sicher.«

»Einen Rath also, Marschall.«

»In welcher Hinsicht?«

»Hinsichtlich dessen, was ich zu thun habe.«

»Sire, ich habe dem König keinen Rath zu geben.«

»Doch, wenn ich einen verlange.«

»Sire, Ihre hohe Weisheit . . . «

»Was würden Sie an meiner Stelle thun, Marschall?«

»Ich spreche auf Befehl des Königs?«

»Besser als dies, Herzog,« erwiderte Karl X. mit einer Majestät, an der es ihm bei gewissen Gelegenheiten nicht gebrach: »auf meine Bitte.«

»Nun wohl, Sire, lassen Sie das Gesetz zurückziehen, berufen Sie für eine andere Revue die ganze Nationalgarde, und Sie werden durch ihre einstimmigen Acclamationen sehen, was die wahre Ursache ihres heutigen Stillschweigens war.«

»Marschall, das Gesetz soll morgen zurückgezogen werden. Bestimmen Sie selbst den Tag der Revue.«

»Sire, will Eure Majestät, daß es der letzte Sonntag des Monats sei, das heißt der 29. April?«

»Geben Sie selbst die Befehle; Sie sind General-Commandant der Nationalgarde.«

An demselben Abend war der Conseil in den Tuilerien versammelt, und unerachtet des hartnäckigen Widerstandes Einiger forderte der König die unmittelbare Zurücknahme des Liebesgesetzes.

Trotz der Glückseligkeiten, die sie sich von der Anwendung dieses Gesetzes versprochen hatten, waren die Minister genöthigt, sich der souverainen Gewalt zu unterwerfen. Die Zurücknahme des Gesetzes war übrigens nur ein Art der Klugheit, eine Vorsichtsmaßregel, die ihnen die sichere und entscheidende Niederlage vor der Pairskammer ersparte.

Am andern Tage nach dieser ersten Revue, das heißt nach dieser ersten Manifestation der Nationalgarde, deren Wirkungen der König so richtig geschätzt, deren Ursache der Marschall Qudinot so wohl beurtheilt hatte, verlangte Herr von Peyronnet das Wort am Anfange der Sitzung der Pairskammer, und verlas von der Tribune die Ordonnanz, welche den Gesetzesentwurf zurücknahm. Es war ein ungeheurer Freudenschrei an den vier Ecken Frankreichs und von allen Journalen ohne Unterschied, royalistischen oder liberalen, ausgestoßen.

Am Abend war Paris erleuchtet.

Lange Colonnen von Buchdruckergehilfen zogen in den Straßen und auf den öffentlichen Plätzen der Stadt umher und riefen: »Es lebe der König! Es lebe die Pairskammer! Es lebe die Preßfreiheit!«

Dieser Umzug, der wunderbare Zusammenfluß von Neugierigen, welche sich auf den Boulevards, den Quais, in den Seitenstraßen drängten, durch alle großen Arterien bis zu den Tuilerien strömend, wie das Blut zum Herzen strömt; das Geschrei dieser Menge, die Explosion der durch die Fenster geschleuderten Petarden, die flammende Aufsteigung der Raketen, die den Himmel mit ephemeren Sternen besäten, die Verschwendung der an allen Gebäuden, außer den öffentlichem aufgestellten Lichter, all dieses Geräusch, all dieser Glanz boten einen festlichen Anblick, ein freudiges Aussehen, wie es gewöhnlich die von der Regierung befohlenen officiellen Feierlichkeiten nicht bieten.

Der Jubel war nicht minder groß in den andern Städten des Königreichs; es schien, nicht als hätte Frankreich einen von den Siegen davon getragen, an die es gewöhnt war. sondern als hätte jeder Franzose individuell gesiegt.

Dieser Jubel gab sich in der That nicht nur unter den verschiedensten, sondern auch unter den individuellsten Formen kund; Jeder suchte eine persönliche Manier, seine Freude zu bezeigen.

Hier waren es zahlreiche Chöre, welche auf den Plätzen stationirten oder durch die Straßen liefen und ihre Nationalgesänge hören ließen; dort waren es improvisierte Kunstfeuerwerke, die sich durch alle Arten von Volkslaunen verlängerten, oder Tänze, welche die ganze Nacht hindurch währten; anderswo waren es Fackelzüge, wie die antiken Wettläufe, zu Fuße und zu Pferde ausgeführt; wieder anderswo Triumphbogen oder Säulen mit Inschriften beladen; überall waren es flammende Illuminationen; die von Lyon besonders waren bewunderungswürdig: die Ufer der zwei Flüsse, die Hauptplätze der Cité, die zahlreichen Terrassen seiner zahlreichen Vorstädte waren gleichsam durch lange Feuercordons verbunden, welche die Wasser der Rhone und der Saone reflektierten.

Marengo hatte nicht mehr Stolz eingeflößt, Austerlitz nicht mehr Begeisterung.

Der eine und der andere von diesen zwei Siegen war nur ein Triumphe der Fall des Liebesgesetzes war zugleich ein Triumph und eine Rache; es war eine Frankreich gegenüber übernommene Verbindlichkeit, es von diesem Ministerium zu befreien, welches es sich bei jeder neuen Session zur Aufgabe gemacht hatte, eine von den durch den Grundvertrag versprochenem garantierten, geheiligten Freiheiten zu zerstören.

Diese glänzende Manifestation des öffentlichen Bewußtseins, diese volksthümliche Demonstration, dieser freiwillige Jubel des ganzen Landes bei der Nachricht von der Zurücknahme des Gesetzes setzten; die Minister in Erstaunen, und sie beschlossen noch an demselben Abend, unter all diesem Geräusche und all dieser freudigen Bewegung, sich insgesamt zum König zu begeben.

Sie verlangten eingeführt zu werden.

Man suchte den König. Der König war nicht ausgefahren, und dennoch wer er weder im großen Solon, noch in seinem Cabinet, noch bei Monsieur dem Dauphin, noch bei der Frau Herzogin von Berry.

Wo war er denn?

Ein Kammerdiener sagte, er habe Seine Majestät, gefolgt vom Marschall Qudinot, nach der Treppe gehen sehen, welche auf die Terrasse des Pavillon de l’Horloge führte.

Man stieg diese Treppe hinauf.

Zwei Männer standen da, all dieses Geschrei, all diesen Lärmen, alle diese Lichter beherrschend, kräftig von der leuchtenden Mondscheibe und von den silbernen Wolken, welche rasch am Himmel hinzogen, sich abhebend.

Diese zwei Männer waren Karl X. und der General Qudinot.

Man meldete ihnen den ministeriellen Besuch.

Der König schaute den Marschall an.

»Was wollen sie hier?« fragte er.

»Von Eurer Majestät eine Repressivmaßregel gegen die allgemeine Freude fordern.«

»Lassen Sie diese Herren heraufkommen,« sagte der König.

Die Minister folgten sehr erstaunt dem Adjutanten, dem der Kammerdiener den Befehl des Königs übertragen hatte.

Fünf Minuten nachher war der Conseil auf der Plattform des Pavillon de l’Horloge versammelt.

Die weiße Fahne, die Fahne von Tillebourg, von Bouvines und von Fontenay, flatterte anmuthig je nach den Launen des Windes. Man hätte glauben sollen, sie sei ganz stolz, diese ungewohnten Acclamationen zu hören.

Herr von Villéle trat vor und sprach:

»Sire, bewegt von der Gefahr, welche Eure Majestät läuft, komme ich mit meinen Collegen . . . «

Der König unterbrach ihn.

»Mein Herr,« fragte er, »nicht wahr, Ihre Rede war vorbereitet, ehe Sie dar Hotel der Finanzen verließen?«

»Sire . . . «

»Ich weigere mich nicht, sie zu hören, mein Herr; doch zuvor wünsche ich, daß Sie von dieser Plattform, welche Paris beherrscht, sehen und hören, was vorgeht.«

Und der König streckte die Hand gegen diesen Ocean von Licht aus.

»Es ist also unsere Entlassung, was Seine Majestät verlangt?« wagte Herr von Peyronnet zu bemerken.

»Ei! wer spricht von Entlassung, mein Herr? Ich verlange nichts von Ihnen: ich sage, Sie sollen sehen und hören.«

Es trat ein Moment der Stille ein, nicht auf den Straßen, – auf den Straßen war es im Gegentheile von Augenblick zu Augenblick munterer und geräuschvoller, – sondern unter den hohen Beobachtern.