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WENN DER PANGOLIN STIRBT

von Heidrun Jänchen

Transkript Besprechung vom 23.04., 10:30, Programm Kreuz des Südens

F. A.: »Wir haben drei Zielpersonen identifiziert, die einerseits die notwendige fachliche Expertise und andererseits eine geeignete ideologische Ausrichtung haben. Wir halten das Programm Kreuz des Südens gegenwärtig für umsetzbar.«

T. M.: »Entschuldigung, aber mit ganzen drei Spezialisten? Sie haben sie identifiziert, aber nicht verpflichtet, das heißt, Sie haben keine Ahnung, ob auch nur einer davon wirklich akzeptiert.«

F. A.: »Ein Experte würde uns reichen. Wir werden mindestens zwanzig Wissenschaftler haben, die in Gruppen Teilprobleme bearbeiten, ohne den eigentlichen Zweck zu kennen. Mit einem entsprechenden Stipendienprogramm bekommt man die Leute. Solange die Finanzierung steht, ist das kein Problem.«

W. L.: »Ich weiß, dass Sie das Problem für lösbar halten, aber ich wüsste dennoch gern, wie Ihr Sicherheitskonzept aussieht. Ich bin kein Mikrobiologe, aber ich habe genug Allgemeinbildung, um zu wissen, dass uns nicht mehr als ein Prozent unserer DNS von unseren nächsten Verwandten unterscheiden und dass wir im Rahmen der üblichen Rundungsregeln mit dem Schnabeligel genetisch identisch sind. Die Selektivität, die Sie uns versprechen …«

T. M.: »Wenn es einfach wäre, hätte es schon längst jemand umgesetzt. Denken Sie, wir sind die Einzigen? Ich weiß nur eines: Wir sollten nicht die Letzten sein, die die Lösung finden.«

E.G.: »Meine Herren, das führt zu nichts. Wir sollten uns auf die Rekrutierung konzentrieren. Ansonsten bleibt das alles Theorie.«

Akte Kreuz des Südens, Zielperson 1

Iain Colter, 38, MA Mikrobiologie MIT, Promotion MIT, verheiratet, Frau Grundschullehrerin, 2 Kinder

Latent xenophob, Abstiegsängste, Hypothek über 400 k$ für Hausbau

Story: Entwicklung Genotyp-spezifischer biologischer Waffen durch China, erste Erfolge bei Test an Uiguren (Dossier komplett, Referenz Programm Reiter 4), Unfall in Labor in Wuhan (Dossier in Arbeit, Referenz Programm Mausohr)

Akte Kreuz des Südens, Zielperson 2

Rob Miller IV, 51, MA Genetik Berkeley, Promotion BioDreams Corp., geschieden, keine Kinder

Offen xenophob seit einem Überfall durch Afroamerikaner vor acht Jahren, Angehöriger einer Nachbarschaftsmiliz

Akte Kreuz des Südens, Zielperson 3

Es war der Tag, an dem der letzte Chinesische Pangolin starb. Das letzte Paar, das im Zoo von Prag gelebt hatte, war kinderlos geblieben, ohne dass die Tierärzte die Ursache herausfinden konnten. Auch künstliche Befruchtung hatte nicht funktioniert. Ivanka starb am zwanzigsten Mai.

Florence konnte sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren. Jede Tierart, jede Pflanze, die verloren ging, empfand sie als persönlichen Verlust. Sie trauerte um Heuschreckenarten. Umso mehr nahm sie das Aussterben des Schuppentiers mit, das gewissermaßen nächste Verwandtschaft war.

»Was ist los, Florence?«, fragte ihr Kollege Ben und legte ihr die Hand auf die Schulter. Dann sah er das Foto mit dem schwarzen Balken und das Teelicht daneben. »Oh«, sagte er. »Sie ist gestorben.«

Florence nickte.

»Wir können zum Mond fliegen, aber wir sind nicht in der Lage, eine einzige Art am Leben zu erhalten. Es ist ein Elend.«

Florence sprang auf und haute mit der Hand auf den Tisch. »Weil es keiner will. Zum Mond fliegen, damit kann man angeben. Man kann sich wichtigmachen. Aber ein Schuppentier retten? Wer kennt die Leute, die den Kakapo gerettet haben? Wer weiß überhaupt, was ein Kakapo ist? Niemand? Es interessiert einfach keinen.«

Ben hob beschwichtigend beide Hände. »Das kannst du so nicht sagen. Wenn es keinen interessieren würde, dann gäbe es dieses Projekt nicht, und …«

»Doch, das kann ich so sagen! Wir arbeiten hier wie die Irren, um die DNA eines Quaggas zusammenzupuzzeln. Vielleicht gelingt es uns. Dann haben wir eine, in Zahlen eine, funktionierende Quagga-DNA, was mindestens eine zu wenig ist, weil die verdammten Viecher in zwei Geschlechtern vorkommen. Und weißt du, was passieren wird? Der nächste Idiot wird das erste Quagga seit hundert Jahren über den Haufen schießen, weil einmalige Gelegenheit und so …« Sie krallte ihre Finger in die Lehne ihres Stuhles, dass die Knöchel weiß wurden. »Die Chinesen haben den Pangolin aufgefressen, vermutlich weil sie glauben, dass das ihre Potenz steigert. Scheiß auf die Potenz der Chinesen.«

»Die Menschen tun viele dumme Dinge.«

»Eben. Es gibt zu viele Idioten auf der Welt.«

»Komm, lass uns einen Kaffee trinken.«

Florence hätte gern weitergeschimpft, aber sie konnte dem Wunsch nach einem heißen, dampfenden Milchkaffee nicht widerstehen. »Es ist alles so sinnlos«, klagte sie. »Wir versuchen seit drei Jahren, eine einzige von Hunderten Arten zu rekonstruieren, und derweil werden Lebensräume vernichtet, Bestände wegen blöder Aberglauben zusammengeschossen, Flüsse vergiftet, Wälder abgeholzt, Monokulturen angebaut, und die Städte breiten sich aus wie Geschwüre.«

Ben drückte ihr eine Tasse in die Hand. »Es gibt zu viele Menschen, und alle Aufklärung nützt nichts. Sie werden sich vermehren, bis sie den letzten Quadratmeter Natur vernichtet haben.«

Florence nickte. »Zwölf Milliarden. Jedes Jahr eine Hungersnot, an der Millionen sterben, und doch wächst die Menschheit unaufhaltsam.«

Ben schaute lange Minuten aus dem Fenster. »Was wäre«, sagte er schließlich, »wenn man da ansetzte?«

»Willst du Verhütungsmittel ins Wasser rühren? Das sind Verschwörungstheorien. Chemtrails.«

»Stell dir vor, man könnte ein Virus designen, das …«

»Willst du eine neue Pest auslösen?« Florence musterte den Kollegen, den sie bisher für einen harmlosen Idealisten gehalten hatte, entsetzt. »Das ist nicht dein Ernst, oder?«

»Nicht so. Stell dir vor, man könnte die Zeugungsfähigkeit einschränken. Genomselektiv. Ich meine – die Europäer werden von allein immer weniger. Die Probleme gibt es in Südostasien, Afrika und Südamerika. Die Biotope mit der größten Artenvielfalt werden am stärksten bedroht.«

»Das könnte durchaus funktionieren. Aber ich habe keine Ahnung, wie man die Zeugungsfähigkeit einschränken könnte. Ich bin Genetikerin. Ich habe keinen Schimmer von Reproduktionsmedizin.«

»Man brauchte ein Virus, das Y-Chromosomen vernichtet. Möglichst ohne weiteren Schaden anzurichten.«

»Aber … oh!« Florence stellte ihre Tasse ab und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Sie schüttelte den Kopf. »Das ist verrückt«, sagte sie.

Doch als sie kurz darauf wieder an ihrem Schreibtisch saß und das Foto des letzten Pangolins der Welt sah, kam es ihr viel verrückter vor, einfach so weiterzumachen, bis alles Bizarre, alles Unnütze und alles Schwache vernichtet war – ganz zu schweigen von den Arten, die einfach nicht niedlich waren. Sie wischte den Gedanken beiseite, aber er kam wieder, sooft sie das Schuppentier sah – das letzte Foto in einer langen Reihe, die an der Stellwand hinter ihrem Tisch hingen.

Bens Berufung zum Weltretter war eher schwach, aber die halbe Million, die er zwei Wochen später auf seinem Konto fand, war eine starke Motivation. Er würde nie mit der gleichen traumwandlerischen Sicherheit wie Florence mit Gensequenzen umgehen können. Sie schien zu wissen, welches Bruchstück wo hingehörte, als wären sie bunte Puzzleteile. Zwar hatte sie sich bisher nur mit Säugetier-Genomen beschäftigt, aber er kannte ihre Verbissenheit. In wenigen Monaten würde sie wissen, wie Viren funktionierten. Er dagegen würde den Rest seines Lebens in irgendeinem Umweltüberwachungslabor oder bei einem Herbizidhersteller schuften müssen, falls das Quagga-Projekt nicht erfolgreich war.

Auf dem Heimweg aus dem Institut geriet Florence in eine Demonstration. JA ZUM MENSCHLICHEN LEBEN stand auf einem Transparent. Die Demonstranten – es waren nur fünfzig oder sechzig – hielten großformatige Bilder von Föten und glücklichen Kindergesichtern in den Händen. Sie trugen weiße Hemden und T-Shirts und hatten etwas Religiöses an sich.

Eine Frau Ende zwanzig stellte sich Florence in den Weg und strahlte sie an, als sei sie eine alte Schulfreundin. »Guten Tag! Hast du Kinder?«

»Äh, nein.«

»Warum nicht? Kinder sind wunderbar. Und was wichtiger ist: Wir alle sind Träger der biologischen Vielfalt. Zur Erhaltung unserer Art müssen wir möglichst viel davon an die nächste Generation weitergeben.« Die Frau in Weiß legte ihr die Hand auf den Arm.

Florence war verwirrt von diesem Flauschangriff. »Warum?«, fragte sie. »Wir sind keine Inzuchtpopulation, die von genetischer Verarmung betroffen ist. Nicht bei zwölf Milliarden Individuen.«

Die weiße Frau schaute pikiert. »Individuen? Das sind Menschen, jeder einzigartig. Und genau darum geht es. Jeder von uns ist Träger von unendlichen Möglichkeiten. Wir wissen nicht, welche Erbanlagen einmal das Überleben der Menschheit sichern werden. Deshalb können wir sie nicht vergeuden.«

Florence schüttelte den Kopf, ungläubig. Die meinten das tatsächlich ernst. Sie atmete tief durch. »Hattest du Mathematik in der Schule, Schätzchen?«

»Äh, ja …?«

»Dann ist das ganz einfach. Jede Frau kann zwischen zwanzig und fünfzig ungefähr ein Kind pro Jahr bekommen. Das wären dann also dreißig Kinder pro Frau. Bei sechs Milliarden Frauen macht das innerhalb einer Generation hundertachtzig Milliarden neue Menschen. Wo sollen die hin, verdammt noch mal?«

»Die gleiche Diskussion gab es doch aber schon, als es noch drei Milliarden Menschen waren. Da waren alle überzeugt, dass man vier Milliarden auf gar keinen Fall ernähren kann, und das waren auch dreißig Prozent.« Nicht für einen Moment wich die Frau in Weiß von ihrem positiv-begeisterten Singsang ab.

 

Florence spürte, wie in ihr der Wunsch wuchs, in dieses freundliche, junge, zuversichtliche Gesicht zu schlagen, aber sie wusste, dass körperliche Gewalt nicht ihre Stärke war.

Die Frau drückte ihr ein Flugblatt in die Hand, auf dem in großen, freundlich mittelblauen Buchstaben JA ZUM LEBEN stand und ein Stück weiter unten JA ZUM MENSCHEN.

Florence hatte gezweifelt, als Ben drei Tage zuvor die verrückte Idee mit dem Virus zur Geburtenkontrolle angebracht hatte. Aber wenn diese religiösen Wahnsinnigen mehr Einfluss bekamen, dann würden sie die Welt zur Hölle machen.

»Wo habt ihr die Bilder von den Kindern, die in der Sahelzone verhungern?«, fragte sie und ließ die Frau stehen.

Was sie wirklich persönlich nahm, war ein Bild auf dem Flugblatt. Zugegeben, der Eremit war nicht gerade das Schönste, was die Natur hervorgebracht hatte, und er verbrachte fast sein gesamtes Leben in gammeligem Holz, aber er war ein Teil des Ökosystems. »Wegen diesem Käfer wird Wohnungsbau verhindert!«, stand da. Man nehme mehr Rücksicht auf irgendein Insekt als auf die Bedürfnisse der Menschen.

Florence musste an den Pangolin denken, und sie weinte, während sie durch den Stadtpark nach Hause ging. Um diese Jahreszeit sangen, trillerten, krächzten und piepten alle Vögel durcheinander, und man konnte sich einreden, die Welt sei ziemlich in Ordnung.

Auf dem Markt machte derweil ein Journalist Fotos von der Demonstration. Auch er wurde gefragt, ob er eigentlich Kinder hätte, während Demonstranten ihre Flugblätter an Passanten verteilten. Als der Mann in seine Redaktion eilte, um die Story noch in die nächste Ausgabe zu bringen, drehte sich die Frau in Weiß zu den anderen um und sagte: »Das war’s, ihr könnt einpacken.« Zwei Dutzend zerstreuten sich sofort, während der Rest noch eine Weile unschlüssig herumstand.

Die Arbeit zog sich. Die Institutsleitung bestand darauf, ein erstes Quagga zu erschaffen und der Öffentlichkeit vorzustellen. Das Fohlen mit dem gestreiften Hinterteil war niedlich, aber jeder im Projekt wusste, dass diese eine Stute die Art nicht wieder aufleben lassen konnte. Sie brauchten mehr DNA. Sie brauchten mehr Zeit. Sie brauchten einen Hengst. Sie brauchten genetische Vielfalt, oder die erstbeste Krankheit würde die wiederauferstandene Art auslöschen. Das Fohlen war eine reine Werbemaßnahme, und dann stritten sich die Verantwortlichen, was schädlicher sein würde: Das Tier mit Zebras zu vergesellschaften oder es über Jahre einzeln zu halten, bis man irgendwann ein zweites haben würde.

Viren waren, obwohl sie aus fast nichts bestanden, erstaunlich kompliziert. Das Problem war die Zielgenauigkeit. Es sollte Y-Chromosomen zerstören, nichts sonst, und es sollte sie nur bei der Bevölkerung des indischen Subkontinents zerstören. Indien wuchs rasend schnell. Geschützte Lebensräume für bedrohte Arten gab es kaum noch. Südamerika war ein ähnliches Problem, doch durch die Besiedelungsgeschichte war der Kontinent genetisch erheblich vielfältiger. Es war kaum möglich, einen Ansatz zu finden, der andere Menschen nicht ebenso betreffen würde.

Was Florence da zu erschaffen versuchte, war im Grunde eine genetische Waffe, eine ethnische Waffe. Sie wusste, dass die Militärforschung sich darauf stürzen würde, sollte sie Wind davon bekommen. Aber sie wollte keine Waffe, sie wollte die Bevölkerungsexplosion so eindämmen, dass niemand sterben musste. Niemand würde leiden müssen. Es würde nur einen extremen Mangel an Männern geben, und das würde die Zahl der Schwangerschaften reduzieren.

Florence wollte kein Risiko eingehen. Sie sequenzierte Proben, sie synthetisierte DNA, sie setzte die künstlichen Viren auf künstliches menschliches Gewebe und menschliche Spermien an. Die meisten Viren dachten nicht daran, sich auf bestimmte Ethnien zu beschränken. Es dauerte. Es dauerte drei Jahre, in denen weitere Pflanzen und Tiere ausstarben. Die Zeit war knapp. Eigentlich war sie schon um, und Florence arbeitete in der Nachspielzeit.

Mindestens einmal im Monat kam Ben zu ihr und fragte sie aus. »Florence, du weißt, ich wollte, wir hätten alle Zeit der Welt. Aber so ist es nicht. Die Bevölkerungszahl wächst exponentiell. Wir brauchen eine Lösung. Du weißt …«

»Dass die Wirkung erst nach einer Generation eintreten wird und selbst dann nicht vollständig. Ja, ich weiß. Aber ich will auch nicht die gesamte menschliche Art ausrotten. Du musst doch verstehen, wie winzig die Unterschiede sind, auf die wir hier zielen. Wir können uns keinen Fehler leisten.«

Aber Ben ließ sich so leicht nicht abschütteln. Er ließ sich ihre Ergebnisse zeigen, er diskutierte Einzelheiten, wertete ihre Daten aus, führte Testreihen durch. Florence brauchte ihn, weil sie die Arbeit nie allein geschafft hätte. Außerdem war er gut darin, Ausreden zu finden, warum die Arbeit an Quagga Nummer zwei so langsam voranging, obwohl sie so viel Maschinenzeit belegten.

Iain Colter arbeitete wie ein Besessener, ohne wirklich voranzukommen. Er verfügte über geradezu unanständig hohe finanzielle Ressourcen, er hatte ein Dutzend Mitarbeiter, die die experimentelle Arbeit für ihn erledigten, und doch trat er auf der Stelle. Bisher hatten sich alle Ansätze als unbrauchbar erwiesen. In kurzen Momenten, wenn er spätabends noch allein im Institut war, hatte er klar und unangenehm das Gefühl zu versagen, und dann stürzte er sich wieder in die Arbeit und betäubte die Leere in seinem Gehirn mit Routinetätigkeiten. Er war unendlich fleißig und absolut erfolglos.

Und er fürchtete die monatlichen Besuche seines Auftraggebers, der sich allen Ernstes als John Smith vorgestellt hatte. Sehr wahrscheinlich war nicht er es, der Unsummen in Iains Forschung steckte. In den Gesprächen zu Beginn ihrer Zusammenarbeit hatte er Andeutungen gemacht. Iain Colter war überzeugt, dass er für ein geheimes Regierungsprogramm arbeitete. So oder so, Scheitern war keine Option, und deshalb begrub Iain seine Erfolglosigkeit unter Bergen säuberlich ausgewerteter Daten.

John Smith trug wie immer einen ebenso tadellosen wie unauffälligen grauen Anzug und ein weißes Hemd. Er hörte Colters Halbwahrheiten und ganzen Lügen eine volle Viertelstunde zu. Dann erhob er sich. »Seien wir doch mal ehrlich, Iain«, sagte er, »Sie haben in den letzten drei Jahren Unsummen verbrannt und keinerlei brauchbare Ergebnisse.«

Der Mikrobiologe wollte widersprechen, aber Smith gebot ihm mit einer Handbewegung Einhalt. »Langweilen Sie mich nicht mit ihren Zahlen. Im Wesentlichen haben Sie in drei Jahren jede Sackgasse abgegrast, die sich Ihnen geboten hat. Wir können uns das nicht leisten. Unsere Quellen berichten, dass die Chinesen in Wuhan gute Fortschritte mit ihrer Version des Virus machen. Wir können ihnen nicht einfach das Feld überlassen. Wir brauchen smarte biologische Waffen, oder wir haben den kommenden Krieg verloren, ehe wir begriffen haben, dass wir uns im Krieg befinden. Wir können so nicht weitermachen.«

»Aber Sir, die neue Testreihe mit den H8N2-Hybriden ist …«

»Eine weitere Sackgasse.«

John Smith griff in seine innere Jackettasche, und Iain Colter fuhr zusammen. Schweiß brach ihm am ganzen Körper aus. Smith holte einen Packen zusammengefalteter Blätter heraus und warf sie auf den Tisch. »Schauen Sie sich das an, Iain. Es ist brillant. Es hat nur einen Fehler – es zielt auf das falsche Genom. Aber ich glaube, die Anpassung bekommen Sie hin.«

Iain japste.

Smith drehte sich um und verließ den Raum, ehe der Biologe etwas sagen konnte.

Iain vergrub sich ohne Zögern in die Daten des Dossiers, und er erkannte, dass er die ganze Zeit in der falschen Richtung gesucht hatte. Er hatte keine Ahnung, wie Smith an diese Ergebnisse gekommen war. Der Gedanke, der Auftraggeber könnte mehrere Institute wie das seine finanzieren, ließ ihn schwindeln. Geld schien keine Rolle zu spielen. Aber war das so verwunderlich? Der Wirtschaftskrieg mit den Chinesen dauerte inzwischen fast dreißig Jahre. Es war ein Wunder, dass noch nichts Schlimmeres passiert war.

Falls …

Was, wenn die Daten aus Wuhan kamen?

Was, wenn die Chinesen ihre Arbeit längst abgeschlossen hatten?

Was, wenn das Virus bereits in den USA war und es nur noch keiner bemerkt hatte?

War es das, was Smith gesagt hatte – dass sie den Krieg schon verloren hatten, ehe sie wussten, dass es einen Krieg gab?

Ihm wurde bewusst, dass er nicht einmal mitbekommen hätte, wenn im ganzen Land nur noch Mädchen geboren worden wären. Wann hatte er zum letzten Mal Nachrichten gesehen? Er hatte ja kaum bemerkt, dass sein Jüngster in die Schule gekommen war.

Doch immerhin hatte er jetzt den richtigen Ansatz. Iain fuhr seinen Computer herunter und ging nach Hause. Vielleicht würde er zum ersten Mal seit Monaten durchschlafen.

Nach vier Jahren und drei Monaten füllte Florence eine blassgelbe Flüssigkeit in eine gewöhnliche Sprühflasche, die eigentlich ein Deospray hätte enthalten sollen. Sie hatte nur achtzig Milliliter Inhalt, sodass sie auf den Flughäfen nicht auffallen würde. »Nicht verwechseln«, sagte sie, als sie Ben die Flasche in die Hand drückte.

Er hatte eine Legende und einen Flugplan, die es ihm ermöglichen würden, vier der acht Terminals des Flughafens von Delhi zu kontaminieren. Jetzt grinste er. »Das bekomme ich hin.«

Florence sah ihn skeptisch an. »Tun wir das Richtige? Ist das die Lösung? Oder ist es das nächste Problem?«

»Es gibt keine andere«, sagte Ben, »das siehst du doch jeden Tag. Wir können Quaggas machen, aber es fehlt uns an Lebensraum, überall.«

Als drei Wochen später Berichte über eine rätselhafte Virusinfektion in Indien durch die Medien ging, wusste Florence, dass die Sache nicht mehr aufzuhalten war. Die lokalen Behörden nahmen die Sache auf die leichte Schulter, weil die Krankheit zwar mit hohem Fieber verbunden war, die Symptome in der Regel aber nach einer Woche nachließen. Es gab nur wenige Todesfälle. Nach den Epidemien der letzten Jahre hatte niemand Lust, wegen einer Lappalie das Land unter Quarantäne zu stellen. Unter den beengten Verhältnissen der Großstädte breitete sich die Infektion rasend schnell aus.

Unruhig wurde Florence, als es Berichte über die Ausbreitung des Virus nach China gab. Es mochte in China Minderheiten geben, die sich infizieren konnten, aber die großen Städte im Osten? Sie hatte zwei Jahre damit zugebracht, die selektive Wirkung der Infektion sicherzustellen. China mit seiner immer noch strengen Geburtenkontrolle war nie ihr Ziel gewesen, auch wenn die traditionelle angebliche Medizin einen fatalen Anteil am Artenschwund hatte, besonders was die Potenzmittel betraf.

Sie wagte nicht, sich allzu offensichtlich für die Sache zu interessieren, aber sie las alles, was an Studien zur Seuche frei verfügbar war. Das Ergebnis war ziemlich eindeutig. Sie konnte sich unmöglich so geirrt haben, dachte sie. Wie oft hatte sie genau diese Verbindung überprüft?

Als das Agra-Virus, wie man es nach der ersten betroffenen Stadt genannt hatte, in Afrika auftauchte, geriet Florence in Panik und vernichtete systematisch alles, was sie an Daten und Unterlagen zu ihrem inoffiziellen Projekt hatte. Sie fand in einer Veröffentlichung eine Gensequenz. Ganz ohne Zweifel war es ihr Virus, das sich einen Dreck um die eingebaute Bremse kümmerte. Es dockte problemlos an afrikanische Zellen an und brachte sie dazu, sein Programm abzuarbeiten. Es war ihr Virus, und es war es nicht. Die Sequenz, die eigentlich das Überspringen auf andere Ethnien verhindern sollte, war anders. Das Agra-Fieber verteilte sich von Kapstadt aus quer über den Kontinent.

Einzelne Fälle traten in den USA auf, aber dort schienen sie ausschließlich ethnische Minderheiten zu betreffen. Solange die Seuche sich in den Armenvierteln ausbreitete, dachte niemand daran, sie ernsthaft zu bekämpfen. Das hätte keinen Profit gebracht.

Seit Ben das Virus in Umlauf gebracht hatte, hatte er sich nicht mehr bei Florence im Büro sehen lassen. Für ihn schien die Sache erledigt zu sein. Hatte er die Nachrichten nicht verfolgt? Vier Jahre lang hatte er sie ermutigt, angetrieben, beschwichtigt, ihr Ideen ein- und andere ausgeredet … Er war immer da gewesen und immer Feuer und Flamme für das Projekt. Oder hatte er die Nachrichten verfolgt und es mit der Angst bekommen?

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