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Ein mikroskopisches Tröpfchen reichte zur Übertragung. Und er hatte sich die volle Ladung der Innensäfte dieser Fliege förmlich ins Gesicht geklatscht. Der rotbraune Fleck.

Der Erreger dringt in die Zellen der Nervenfasern an der Hautoberfläche ein und vermehrt sich darin.

Die Worte des Kommentators beim Morgenbulletin drängten sich in Huangs Gedächtnis. Alles in ihm fieberte danach, die Maske wieder herunterzureißen. Die Stelle abzuwischen. Er musste seine geballte Selbstbeherrschung aufbringen, um die Hände unter Kontrolle zu halten.

Er wünschte sich nichts mehr, als sich einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Das konnte er nur zu Hause. Ohne es wahrzunehmen beschleunigte er seine Schritte.

Aufgeregtes Piepsen riss ihn aus den Gedanken. Der Kommunikator schlug Alarm. Offenbar tat das auch jener des Straßenbenutzers vor ihm. Dieser, soweit erkennbar ein junger Mann, hatte sich umgewandt und vollführte mit Händen und Armen hastige, wegscheuchende Bewegungen.

Huang war unwillkürlich in die Sechsmeterzone vorgedrungen. Sofort blieb er stehen und dienerte entschuldigend, die Handflächen bittend flach aufeinandergelegt wie im Gebet. Nur nicht schon wieder eine Anzeige.

Diesmal würde es zwangsläufig Konsequenzen nach sich ziehen.

ENCE

von Henrik Wyler

Aus dem Tagebuch von Wolfgang Munro, leitender Ingenieur am Forschungszentrum Jülich

27. März

Es ist noch offen, welche Materialien und Konzepte sich für den Bau von Qubits, den kleinsten Speicherelementen eines Quantenrechners, am besten eignen. Marquardt hat sich für die Weiterentwicklung der supraleitenden Chips ausgesprochen, die bereits von Google genutzt werden. Aber ich möchte auch neue Arten von Qubits mit Hilfe anderer Materialsysteme entwickeln, die insbesondere im Hinblick auf die Fehlerrate und die Skalierbarkeit vorteilhaftere Eigenschaften haben.

Zunächst haben wir gemeinsam den Ist-Zustand analysiert. Um die Kräfte zu bündeln, haben wir uns auf ausgewählte Ziele geeinigt. Denn man kann aus den Kompetenzen mehr herausholen, wenn man die Aktivitäten vernetzt. Wir haben sortiert, strukturiert, Beziehungen zwischen den Aktivitäten herausgearbeitet und gewichtet, welche wir stärken wollen.

Danach haben wir unsere Forschungsaktivitäten für sieben Jahre konzipiert und dem Gutachter-Gremium vom Helmholtz-Institut vorgestellt. Insgesamt ist unsere umfassende, systemisch angesetzte Strategie dort sehr gelobt worden. Wir haben nun einen Plan, der sich weltweit sehen lassen kann und in der globalen Community Aufmerksamkeit erreichen wird.

30. März

Kugler, MinDir. im Forschungsministerium, hat uns Förderbudget von 500 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Helmholtz, Fraunhofer, Max-Planck-Gesellschaft und die Universitäten müssen jetzt, so sagte er, in einem organisierten Prozess zusammenfinden, ihre jeweiligen Aktivitäten in der Quantenphysik und -technologie bündeln und lösungsorientiert aufstellen, um mit beschränkten Ressourcen im globalen Wettbewerb bestehen zu können.

Am kommenden Wochenende feiern Evelyn und ich unseren dritten Hochzeitstag. Habe auch Marquardt, den ewigen Junggesellen, eingeladen.

1. April

Auf der Party mit Marquardt über Probleme in der strukturellen Dynamik von Ionenkanälen diskutiert, bis Evelyn und die anderen Gäste uns endlich auf andere Gedanken bringen konnten.

Verstörende Nachrichten im TV: eine Häufung von Verkehrs- und Haushaltsunfällen in Irland, die offenbar allesamt auf menschliches Versagen zurückzuführen sind. Bilder von karambolierten Pkws und brennenden Hauswohnungen in Cork. In der Conolly Station von Dublin ist ein Personenzug aufs falsche Gleis geraten und dort mit einem anderen zusammengestoßen. Bilder von Krankenwagen, die Verletzte ins Beaumont Hospital aufnehmen. Und in der kleinen Stadt Kinsale soll ein Priester vom Dachfirst des Desmond Castle gesprungen sein. Evelyn glaubt an einen Aprilscherz des Senders.

3. April

Mit Marquardt und Eugene, unserem Stipendiaten aus Wales, zu Tisch. Eugene erzählte von unerklärlichen Unfällen gleich denen in Irland auch in Cardiff und Newport.

Eugene arbeitet an der Optimierung des Grover-Algorithmus und hat eine Subroutine mitentwickelt, die Datenbankeinträge effizient nach dem Suchkriterium abgleicht.

In den Abendnachrichten stand eine Pressekonferenz des Dr. Rifkin vom University Hospital in Cardiff im Mittelpunkt. Dr. Rifkin führte aus, dass den Menschen, die nach entsprechenden Polizeiberichten das jeweilige Unfallgeschehen verursacht haben und derzeit in seiner Klinik behandelt werden, signifikant eine unterschiedlich stark ausgeprägte Intelligenzminderung zu eigen ist. Diese reiche von Debilität bis zur Idiotie. Das sei insoweit unerklärlich, da viele einen Hochschulabschluss vorweisen können.


6. April

Wegen Unwohlseins schon beim Aufwachen bin ich heute nicht nach Jülich. Eine allgemeine Übelkeit macht mir zu schaffen, bin auch lärm- und lichtempfindlich. Evelyn ist besorgt und rät zum Neurologen, falls die Symptome nicht abklingen. Ich telefonierte lange mit Marquardt wegen der memristiven Bauelemente.

Die seltsame Geisteskrankheit – in der Boulevardpresse als »Schwachsinns-Syndrom« apostrophiert – hat jetzt auch nach Schottland übergegriffen. Auch aus Dänemark und Nordfrankreich werden erste Verdachtsfälle gemeldet. Dennoch hält unser Gesundheitsminister Graf Schenck die Gefahr einer epidemischen Ausbreitung aufgrund der gemeldeten geringen Fallzahlen für äußerst unwahrscheinlich.

In Cardiff hat Dr. Rifkin in Zusammenarbeit mit seinem Virologenteam weitere Forschungsergebnisse veröffentlicht. Verantwortlich für die Intelligenzretardierung bei den untersuchten Probanden sei die Mutation eines expandierenden Trinukleotidrepeats im Gen FMR 2, allem Anschein nach verursacht durch ein neuartiges Virus, das die ungewöhnliche Fähigkeit besitzt, ähnlich den Enzephalitiden an den chemischen Synapsen im Gehirn anzudocken und die neuronalen Vernetzungen zu stören oder zu unterdrücken.

7. April

Aus Belgien wird die erste laborbestätigte Infektion mit dem Erreger »Ence30« bestätigt, so der Name des neuartigen Virustyps, der als Auslöser für die Intelligenzretardierung beim Menschen angesehen wird.

8. April

Der Termin bei Dr. Sendker war sehr anstrengend. Kann mich nicht konzentrieren und verstehe auch einige seiner Worte nicht. Jedenfalls soll ich zu Hause bleiben und mit niemandem persönlichen Kontakt aufnehmen.

Zahlreiche Unfallberichte in Verkehr und Haushalten auch in Deutschland, wie Polizei und Feuerwehren mitteilen. Regierungsvertreter erwägen die Einführung eines allgemeinen Fahrverbots für den Individualverkehr, wie zuletzt vor sechzig Jahren bei der Ölkrise.

11. April

Erste Ence-Vorfälle außerhalb Europas in Marokko, Thailand und Japan. Die Ence30-Epidemie wird von der WHO nun offiziell als »gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite« eingestuft.

Im Haus gegenüber ist eine Erdgasheizung in Brand geraten, nachdem der Wohnungseigentümer, ein Doktorand an der Kölner Uni, daran herummanipuliert hatte. Im Klinikum Hohenlind wurde bei ihm ein Intelligenzquotient von unter 70 festgestellt.

12. April

Der Strom ist weg. Evelyn hat ein altes Transistorradio, batteriebetrieben, vom Dachboden geholt. In den Nachrichten ist vom Zusammenbruch der Stromversorgung im ganzen Land die Rede, soll aber bald wieder in Gang kommen.

14. April

Jemand war an der Haustür, konnte mich an seinen Namen nicht erinnern. Evelyn hört ständig Radionachrichten über allerlei Katastrophen überall: Hausbrände, Verkehrsunfälle, Explosionen. Evelyn soll das Ding ausmachen. Es fängt an zu stinken im ganzen Haus.

17. April

Ein Blatt vom Amt im Briefkasten. Darin stehen schwierige Sachen von einem Ence-Virus. Spreche mit Frau darüber. Wir glauben, ein aus dem Zoo entlaufenes wildes Tier.

18. April

Heute bin ich froh. Streunende Katze mit hellbraunem Fell uns zugelaufen. Wir nennen sie Ence. Ence ist lieb.

20. April

Ence hat Kopfweh. Gebe ihr zwei Aspirin, die Frau in dem Trinkwasser aufgelöst hat.

21. April

Ence is tod, mausetod

Hier enden die schriftlichen Aufzeichnungen.

MENS SANA IN CORPORE SANO

von Thomas Kolbe

Die Bettdecke summte und vibrierte. Marvin erwachte langsam. Sein Bewusstsein fand allmählich in die Welt zurück, wie ein Computer, der seine Programme hochfährt. Vielleicht bin ich auch nur eine künstliche Intelligenz in einer Simulation, dachte Marvin. Mit dem einprogrammierten Bedürfnis nach einer heißen Dusche und einer Tasse Kaffee. Egal, es wurde Zeit aufzustehen, notfalls auch in einer Simulation. Er strich mit der Hand über den Saum, um die Weckfunktion der Bettdecke abzuschalten und stieg aus dem Bett. Bevor er im Bad verschwand, startete er die Kaffeemaschine und den Syntho. Aufmerksam wartete er den MalWare-Scan und die Bestätigung der Firewall ab. Nicht bei der Kaffeemaschine natürlich, sondern bei dem Synthetisierer. Der war ständig online, damit die Gesundheitsbehörden jeden Morgen die Infos für die aktuell notwendigen Antikörper und Zytokine überspielen konnten. Man wollte ja möglichst den Tag überleben. Vor einem Jahr hatte sich so ein Scheiß-Hacker über seinen Toaster, als der gerade online war, um Brot nachzubestellen, in sein Haussystem gehackt und den Syntho umprogrammiert. Marvin hatte sich damals gleich drei der zu der Zeit umlaufenden Seuchen geholt, war vier Wochen komplett ausgeschaltet. Die Medis mussten sein komplettes Immunsystem rebooten. War ein ziemlicher Mist. Deswegen achtete er peinlich genau auf den Sicherheitsstatus seines Synthos und dass er genug Nachfüll-Kartuschen mit den notwendigen Grundsubstanzen im Haus hatte.

 

Als er wieder aus dem Bad kam, hatte das Gerät seine Arbeit bereits erledigt: In einer kleinen Plastikampulle hatten sich wenige Milliliter einer durchscheinenden bläulichen Flüssigkeit gesammelt. Marvin nahm die Ampulle, lud sie in seinen Injektor, setzte ihn gegen den Oberarm und drückte ab. Mit einem Zischen schoss das Gerät die Flüssigkeit in seinen Körper. Es fühlte sich an, als ob jemand einen Eiswürfel auf seine Haut gehalten hätte.

So, für diesen Tag war er gefeit gegen den ganzen lästigen bis tödlichen Mikrokosmos, der da draußen auf ihn lauerte. Er schätzte sich glücklich, solch ein Gerät daheim zu haben. Alle anderen mussten an den öffentlichen Synthos anstehen und konnten nur hoffen, sich nicht schon während der Wartezeit mit irgendetwas zu infizieren. Die täglichen Impfungen waren kostenlos, genauso wie die morgendlichen Updates für die Heimgeräte. Dieser Service kam das öffentliche Gesundheitswesen um einiges günstiger, als ständig die Leichen von denjenigen abzuholen, die es nicht mehr bis zu einer San-Station geschafft hatten. Von den volkswirtschaftlichen Folgen solcher Verluste einmal ganz abgesehen.

Marvin zog seinen Overall an. Knallorange, neueste Mode, Guantanamo Stile. Mit einem einer flachen Kette nachgebildeten Gürtel raffte er die Mitte etwas zusammen. Das Material der Kleidung war stichfest. Nicht unwichtig heutzutage, wo Spinner in den Straßen herumliefen, die Passanten willkürlich mit Injektionsnadeln stachen, um sie mit psychotropen Drogen oder gefährlicher DNA zu kontaminieren. Nur so zum Spaß. Bei den Drogen kamst du dir plötzlich erleuchtet vor oder sahst dich deinem Gott – egal, wie der gerade hieß – gegenüber. Nicht gerade lustig, sich in dieser Weise in aller Öffentlichkeit bis auf die Knochen zu blamieren, aber zumindest harmlos. Die DNA-Sonden waren dagegen übler. Transposonen, springende genetische Elemente. Früher haben sich die Dinger zufällig irgendwo ins Erbgut eingebaut und dann wieder herausgeschnitten und woanders eingebaut und so weiter. Haben mit deinem Erbgut Ping Pong gespielt. Heutzutage können die Freaks vorgeben, wo sich die Dinger einbauen. Mit Vorliebe in irgendwelche Gene, die Krankheiten auslösen. Da spielt plötzlich dein Blutdruck verrückt und wenn du das mitbekommst und dir den passenden Blutdrucksenker vom Syntho herstellen lässt, hast du plötzlich Diabetes. Kaum hast du Insulin hergestellt, hast du Osteoporose, dann bist du farbenblind, hast kein Kurzzeitgedächtnis mehr und so weiter. Zum Glück lassen die Transposonen nach einigen Tagen nach, haben sich sozusagen totgelaufen. Na besser die, als man selber.

Marvin klipste den Compi an den Gürtel und verließ die Wohnung. Bis zur Bahn waren es nur ein paar hundert Meter. Vor sich auf dem Gehweg sah Marvin einen obdachlosen Bettler sitzen. Automatisch fasste er an den Gürtel, um den Blocker zu aktivieren. Mist! Er griff ins Leere. Hatte er ihn doch in der Eile zu Hause vergessen. Egal, musste er halt zwei Meter Sicherheitsabstand zu dem Bettler halten. Das sollte ausreichen. Viele von denen hatten nämlich einen Emoter, der über modulierte Wellen bei Passanten Emotionen erzeugte. Man hatte schon Menschen gesehen, die tränenüberströmt vor einem Bettler standen, die Hand mit dem personalisierten Chip unter der Haut an der Seite der Zahlkonsole und eine Übertragung von Währungscredits nach der anderen autorisierten. Die Polizei bemerkte so etwas über die Straßen-Cams meist recht schnell und zog die Gauner aus dem Verkehr. Aber wer als Bettler geschickt vorging, stellte die Geräte nur schwach ein, sodass keiner etwas merkte und es nach reiner Mildtätigkeit aussah, wenn fast jeder Passant etwas gab. Dagegen hatte sich Marvin den Blocker angeschafft. Der neutralisierte diese Wellen. Na, heute musste Abstand reichen. Als Marvin an dem Bettler vorbeiging, sah er dessen Schild »Habe keine Bandbreite«. Innerlich lachte Marvin empört auf. Und wie funktioniert denn wohl deine Zahlkonsole ohne Netzzugang?! So schlecht kann deine Bandbreite gar nicht sein, wenn die Überweisungen klappen.


Für das Mittagessen holte Marvin sich noch eine Lunchbox aus einem Imbiss. Bevor er den Laden betrat, nahm er eine kleine Schachtel aus seiner Overalltasche, öffnete sie und griff sich zwei der darin enthaltenen Stöpsel. Diese steckte er sich in die Nase. Sie bestanden im Inneren aus Nylonfäden und Aktivkohle. Einfach, billig und narrensicher. Dadurch konnte die Pheromon- und Duftstoffmischung in der Luft des Imbisses nicht auf ihn wirken. Schon vor Jahrzehnten hatten Bäckereien den Geruch von frisch gebackenem Brot im Laden verströmt, auch wenn sie nur Auftauware im Sortiment hatten oder die Brote im Ausland gebacken wurden. Dann hatten das die Bekleidungsgeschäfte aufgegriffen und angeblich verkaufsfördernde Duftmischungen in ihren Filialen verströmt. Manche Kunden hielten das allerdings nur für ein extrem penetrantes Parfüm. Inzwischen war das ziemlich weiterentwickelt und mit Pheromonen gekoppelt worden. Marvin hatte einmal den Fehler gemacht, ohne Nasenfilter Lebensmittel einkaufen zu wollen. Leider kann man nicht gleichzeitig die Luft anhalten und eine Bestellung aufgeben. Schließlich verließ er den Laden mit Unmengen Essen in Styropor- und Kunststoffboxen, die für eine ganze Fußballmannschaft gereicht hätten.

Bei der Bahn angekommen suchte er sich auf dem Bahnsteig eine leere Kabine. Der ganze Bahnsteig war mit Plexiglaswänden in enge Abschnitte unterteilt, die vorne und hinten offen waren. Eine Person pro Abschnitt, mehr war nicht erlaubt. Jetzt war keine Rushhour mehr, rechts von ihm stand eine junge Frau im benachbarten Abteil und tastete auf ihrem Compi herum, links waren zwei Abteile leer, erst dann kam ein Abteil mit einem alten Mann darin und daneben stand ein Teenager. Als der Zug einfuhr und hielt, öffneten sich einige Türen auf der Gegenseite, ein paar Passagiere stiegen aus. Die Türen schlossen sich. In den leer gewordenen Abteilen blies ein kurzer Sprühstoß einen feinen Desinfektionsnebel durch die Kabinenluft und benetzte alle Oberflächen. Marvin hatte Glück, sein Abteil war frei. Dann öffnete sich die Tür auf seiner Seite und er konnte einsteigen. Sonst hätte er so lange warten müssen, bis ein freies Abteil vor seiner Warteposition hielt. Manche Leute wechselten nach einiger Zeit auf andere Wartepositionen. Aber das brachte sie auch nicht unbedingt schneller weiter. Marvin spekulierte immer darauf, zu welcher Tageszeit in Abhängigkeit von den Zugängen zum Bahnsteig und der Anzahl der bereits wartenden Fahrgäste am ehesten Abteile frei werden würden. Meist kam das auch ziemlich gut hin. Einfach eine Gleichung mit mehreren Variablen.

Während der Fahrt über vier Stationen dachte Marvin an den Abend. Er hatte ein Date mit Lia. Wurde auch Zeit, nachdem er sie, also genauer sein Avatar ihren Avatar schon viermal virtuell ausgeführt hatte. Aber sie waren sich näher gekommen und heute Abend wurde es endlich ernst. Marvin hatte in froher Erwartung gestern Abend schon seinen Stim-Anzug gereinigt und bereitgelegt. Zusammen mit der 5-D-Brille würde das ein hoffentlich befriedigender Abend, im wahrsten Sinne des Wortes. Früher hatten sich die Leute für solche zwischenmenschlichen Aktivitäten tatsächlich persönlich getroffen. So richtig Haut auf Haut. So stark konnte doch gar kein Desinfektionsmittel wirken. Und es erschien ihm auch irgendwie unerotisch, wenn man sich dauernd nachdesinfizieren musste. Selbst ein aktuelles Hygienezeugnis nützt einem da wenig. Die Untersuchung ist dann schon ein paar Stunden alt und gibt eben nur den Gesundheitsstatus von vor ein paar Stunden an. Was man sich in der Zwischenzeit alles hätte einfangen können! Marvin wurde richtig schlecht bei dem Gedanken, dass sich früher wirklich Körperflüssigkeiten bei so etwas gemischt hatten. Wie ekelhaft! Er bekam richtig Bauchschmerzen von dem Gedanken. Na, Lia würde sich zum Glück nicht auf solch einen Wahnsinn einlassen.

Jetzt musste er aber aussteigen. Auf der Rolltreppe achtete er auf den vorgeschriebenen Abstand zum Vordermann, Vorderfrau oder was auch immer. Blöderweise legte er dabei seine Hand auf das Geländer. Dass er einen dummen Anfängerfehler begangen hatte, wurde ihm sofort klar, als das Brennen in seiner Handfläche einsetzte. Schließlich trug er keine Handschuhe. Auch wenn die meist wenig nützten. Er lief schnell zu einem öffentlichen Desi-Spender und hielt seine Handfläche unter den grünlichen Sprühstrahl. Das Brennen ließ nicht nach. In Kombination mit dem Desinfektionsmittel wurde es eher noch schlimmer. So ein Mist. Da würde er wohl einen Umweg über die nächste San-Station machen müssen und zu spät zur Arbeit kommen. Aber Hygiene geht vor, sagte sein Chef immer. Da würde er halt mal Verständnis zeigen müssen.

In der San-Station suchte er sich eine leere Kabine. Auf der anderen Seite der Scheibe saß eine Frau mittleren Alters. Er schilderte ihr sein Problem. Sie nickte verständnisvoll und forderte ihn auf, den betroffenen Arm bis zum Ellenbogen in eine Öffnung in der Seitenwand der Kabine zu stecken. Irgendetwas fixierte seinen Arm dahinter. Dann stach eine Nadel zu. Den Arm konnte er nach wie vor nicht bewegen. Erst nach einer halben Minute ließ die Fixierung seinen Arm los und er konnte ihn wieder herausziehen. Der Arm sah soweit unbeschädigt aus. Die Einstichstelle an der Vene war kauterisiert worden. Die Frau hinter der Scheibe bat ihn, in zwanzig Minuten für das Ergebnis der Untersuchung wiederzukommen. Marvin blieb in der Nähe der Kabine stehen und wartete. Jetzt zur Arbeit zu gehen und wieder zurückzukommen, machte keinen Sinn. Je länger er sich draußen bewegte, umso größer das Risiko.

Er schickte über den Compi eine Nachricht an seinen Chef. Die aktuellen Nachrichten aus der Firma hatte er sich schon während der Bahnfahrt vorlesen lassen. Nichts Weltbewegendes. Sein neues Projekt ging nur langsam voran. Aber von zu Hause oder unterwegs aus konnte er nicht arbeiten. Dafür waren selbst Glasfaserkabel nicht leistungsfähig genug. Er war bei einem relativ jungen Start-up als DNA-Designer angestellt. Also eine Art Chimäre aus IT-Nerd, Molekulargenetiker und Kreativmensch. Das Unternehmen wollte ganz neue DNA-Konstrukte auf den Markt werfen, die nicht nur funktionell, sondern auch ästhetisch ansprechend sein sollten. Für welchen Einsatzbereich die denn eigentlich sein sollten, hatten sie noch nicht entschieden.

Die zwanzig Minuten waren um, Marvin ging in die Behandlungskabine zurück. Sein Bauch tat ihm schon wieder weh. Vielleicht war das Essen, das er sich gestern Abend hatte kommen lassen, nicht gut gewesen. Aber das Restaurant hatte alle aktuellen Zertifikate, was das Testequipment für die Überprüfung der Rohstoffe und Routineprotokolle für die Zubereitung anging. Auch das Personal soll vertrauenswürdig sein. Ab und zu versuchte die Konkurrenz schon mal, Mitarbeiter zu bestechen und Sabotageakte anzustiften, um Kunden zu vergraulen. Marvin hatte dort schon öfter bestellt und nie einen Grund zur Beanstandung gehabt. Inzwischen hatte die Med-Technikerin wieder auf der anderen Seite der Scheibe Platz genommen. Sie beruhigte ihn mit der Bemerkung, dass er sich das Übliche eingefangen hatte: Invasive Nanobots. Sie zeigte ihm eine rasterelektronenmikroskopische Aufnahme seiner Handfläche. Die Haut sah aus wie die Mondoberfläche nach einem intensiven Meteoritenbombardement. Ein tiefes Loch neben dem anderen. Er wäre nicht der Erste, der dieser Tage mit so etwas zu ihnen käme, bekam er erklärt. Anscheinend ging jemand herum und schmierte die Dinger im öffentlichen Raum auf Oberflächen. Mit Desinfektionsmitteln kam man ihnen leider nicht bei. Die zerstörte nur ein starker Stromschlag oder Abflammen. Ein kurzer Kontakt reichte aus, und sie bohrten sich durch die Hautoberfläche in die Tiefe bis zum nächsten Blutgefäß. Bingo! Und von da an stand ihnen der ganze Körper offen. Auch die Handschuhe aus extradickem Vinyl mit Metallfaserverstärkung waren kein wirkliches Hindernis für die kleinen Mistkerle. Wenn er sie heute denn getragen hätte. Was für Schäden die mikroskopischen Maschinen jetzt bei ihm anrichten würden, war nicht ganz klar. Daher blieb nur die harte Tour: Nachdem Marvin bestätigt hatte, dass er im Augenblick keine anderen Bots als Therapie oder Enhancement in sich trug und auch keine technischen Implantate besaß, bekam er eine großzügige Dosis Killer-Bots injiziert. Diese sollten alle nicht-biologischen Entitäten in seinem Körper aufspüren und zerstören. Er wurde vor gelegentlichen leichten Fieberschüben in der nächsten Zeit gewarnt. Ansonsten gäbe es keine Probleme. Marvin mochte sich lieber nicht vorstellen, welcher Kampf da jetzt in seinem Inneren tobte, Maschine gegen Maschine.

 

Er verließ die Kabine und beeilte sich, zur Arbeit zu kommen. Ein Werbeplakat für antibakterielle Oligo-Nukleotide entlockte ihm ein Lächeln: »Multi-Resistenz war gestern – Mega-Resistenz ist heute. Mit Destroyer von Pharmeg!« Na, die waren ziemlich von gestern. Auch mit Mega-Resistenz kam man heutzutage nicht mehr weit.

Marvin betrat das Firmengebäude. Im fünften Stock hatte seine Abteilung eine eigene Sekretärin, mit Empfangstresen, ganz Oldstyle. Marvin grüßte sie, musste sich dann aber am Tresen festhalten und krümmte sich vor Schmerz zusammen. Nola, die Sekretärin, blickte entsetzt über den Tisch auf sein kalkweißes Gesicht und wich bis zur Wand zurück. Mit aufgerissenen Augen forderte sie über ihrem Compi eine Notfalleinheit der Medis an. Marvin setzte sich auf einen der Besucherstühle. Jetzt konnte er einfach nicht mehr weiter, das musste er sich eingestehen. Blieb nur das Warten auf das Notfallteam. Vielleicht waren die Killer-Bots zu schwach gewesen und die Nanos, die er sich eingefangen hatte, schnitten gerade ein Loch in seinen Magen und die Magensäure lief jetzt in seinen Bauchraum und verätzte dort alle Organe. Oder es war ein ganz neues Virus, das dafür sorgte, dass sich seine Organe zu einem wässrigen Brei auflösten. Ein einfaches hämorrhagisches Fieber wäre dann schon richtig gnädig gewesen. Dann würde er nur innerlich verbluten. Nach wenigen Minuten stürmte das Medi-Team in Vollkörperschutz in den Raum. Zwei Leute fingen sofort an, die Oberflächen mit Desinfektionsmitteln zu besprühen. Nola wurde auch gleich mit eingenebelt. Zwei andere Mitarbeiter zogen einen transparenten Plastiksack über Marvin und legten ihn auf eine Rolltrage. Sofort fuhren sie mit ihm heraus, während die anderen beiden ihre Arbeit vollendeten. Unten auf der Straße verluden sie ihn in ein Quarantänefahrzeug. Die Fahrt zum nächsten Krankenhaus war kurz, jeder Stadtteil hatte jetzt mindestens eines. Das Fahrzeug bog auf eine Rampe in das Tiefgeschoss ab und kam in einer Box zum Stehen, die später hermetisch geschlossen und komplett mit Desinfektionsgas geflutet wurde.

Marvin wurde von der autonomen Trage automatisch durch diverse Gänge gefahren, bis er schließlich in einem kahlen Raum zum Stehen kam. Mehrere Personen in Schutzkleidung näherten sich und nahmen durch die Plastikhülle hindurch Proben von ihm. Alle Löcher wurden sofort wieder sorgfältig abgedichtet. Ohne die Luftversorgung aus der Flasche unter der Trage wäre er schon längst erstickt. Nach einiger Zeit kam ein älterer Mann zu ihm. »Schaut nicht gut aus. So etwas ist selten. Und schon ziemlich fortgeschritten. Mit Nanobots können wir da nichts mehr machen.«

Marvin schluckte. Er hatte damit gerechnet, dass ihn früher oder später eine der neuen Seuchen erwischen würde. Aber dass das schon so früh sein würde. Zumindest ein paar Jährchen mehr hatte er sich eigentlich erhofft.

»Bin ich Patient Alpha für irgendetwas Neues? Haben irgendwelche Pseudoviren alle meine Tumorsuppressor-Gene stillgelegt und mein Körper gärt gerade wie ein riesiger Hefeklumpen? Werden sie es wenigstens nach mir benennen?«

Der alte Mann schüttelte unter seinem Schutzanzug den Kopf. »Nein, nein, nichts dergleichen. Wir können sie jetzt nur noch in einen anderen Raum bringen.«

Marvin rann eine Träne aus dem Augenwinkel. »In den Sterbe-Raum, stimmt’s?«

Der Alte schüttelte den Kopf. »Aber woher denn? Nein, es geht in den OP. Sie haben schlicht und einfach eine Blinddarmentzündung. Das wird schon wieder, kein Problem.«