Tatorte 3

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Thomas Schade & Karsten Schlinzig











© SAXO’Phon GmbH

www.saxophon-verlag.de



Layout & Satz: Tony Findeisen, Dresdner Verlagshaus Technik GmbH



Alle Rechte vorbehalten | Oktober 2012



Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung unzulässig und straf bar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.



ISBN: 978-3-943444-29-2 epub

ISBN: 978-3-943444-30-8 mobipocket




Vorwort








Ein kleiner Tümpel in der Nähe des Spreebades bei Bautzen, der Hauptbahnhof von Dresden, ein ganz normales Mehrfamilienhaus im Erzgebirge, das Stadtmuseum von Meißen – es sind wieder die verschiedensten, ganz unterschiedlichen Tatorte, die im nunmehr dritten Band der gleichnamigen Buchreihe aufgesucht werden. Wie immer sind es Orte, die seinerzeit Ausgangspunkt für spektakuläre Kriminalfälle waren. Dreiste Diebe, Brandstifter, Erpresser, Mörder und auch Kinderschänder haben an diesen Orten ihre Spuren hinterlassen. Einige von ihnen stellten die Kriminalpolizei wochen- und monatelang vor Rätsel. Ulrich Vogel war so ein Mann, er stellte 2003 die Kofferbombe auf einem Bahnsteig des Dresdner Hauptbahnhofes ab. Warum er sich ausgerechnet diesen Bahnhof ausgesucht hatte, ist in dem Buch hier zu lesen.



Wie in den bereits erschienenen Bänden der Reihe Tatorte werden auch diesmal die oft mühevollen Ermittlungen beschrieben, ehe es dennoch gelingt, die Täter dingfest zu machen. Verwiesen sei auf die Sonderkommissionen „Heller“, die sich letztlich im Mai 2004 zur größten DNA-Reihenuntersuchung der bundesdeutschen Kriminalgeschichte entschloss, um einen Mann zu finden, der zwei Mädchen vergewaltigt hatte und danach wie vom Erdboden verschwunden war. Erwähnt sei auch die wohl einmalige Brandserie eines jungen Mannes aus der Gegend von Radeberg, den anfangs ein einzelner Kriminalist ausfindig machen sollte. Der Ermittler hatte zwar reichlich kriminalistische Erfahrung, aber der Brandstifter zündelte so schnell und intensiv, dass der Mann von der Kripo kaum die Schreibtischarbeit bewältigen konnte.



Für den dritten Band haben die Autoren diesmal nicht allzu tief in der sächsischen Kriminalgeschichte gegraben. Der älteste Fall reicht zurück ins Jahr 1973. Aber wer erinnert sich noch daran, dass in jenem Jahr aus dem ehrwürdigen Meißner Stadtmuseum das Richtschwert und eine äußerst wertvolle Bibel gestohlen wurden? Die Geschichte ist so skurril, dass sie den Stoff für eine Kriminalgroteske hat und sie führte direkt auf den grauen Kunstmarkt, den es auch in der DDR gab.



Ganz anders liegt der Fall der Entführung des Mädchens Stephanie aus Dresden, das einem vorbestraften Kinderschänder in die Hände fiel, der sie mit dem Tode bedrohte. Dennoch fand die 13-Jährige den Mut, der Polizei den entscheidenden Hinweis für ihre Befreiung zu geben. Erstmals schildert der Staatsanwalt, der den Fall von Beginn an begleitete, in diesem Buch nicht nur den Fortlauf der Ermittlungen, sondern auch die heftigen medialen Angriffe, denen er sich erwehren musste.



Fast alle Autoren haben persönliche Erfahrungen zu den Kriminalfällen einbringen können, über die sie schreiben. Die meisten sind bis heute in verschiedenen Dienststellen der Kriminalpolizei beziehungsweise der Justiz tätig, berichten quasi „aus erster Hand “ und haben sich nach Feierabend hingesetzt, um ihre Geschichten aufzuschreiben. Dafür möchten sich die Herausgeber herzlich bedanken bei Hubert Adler, Christian Avenarius, Raiko Märtins, Manfred Müller, Frank Nicolaus und Uwe Wankmüller. Unser Dank gilt auch dem Stadtmuseum Meißen und dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv.




Der Kurgast mit dem Bombenkoffer von Karsten Schlinzig










Im Juni 2003 steht eine Kofferbombe im Dresdner Hauptbahnhof. Zur selben Zeit wird die Deutsche Bank erpresst. Ein Kriminalist findet auf der Spur der Steine zum Täter.





Silvio Lange hatte den Koffer schon vor über einer Stunde gesehen. Anscheinend herrenlos steht das dunkelblaue Reisegepäck immer noch auf dem Bahnsteig am Gleis 14 im Dresdner Hauptbahnhof. Keiner hat ihn bisher mitgenommen. Silvio Lange, Bahnmitarbeiter und für die Reinigung von Zügen zuständig, meldet seine Beobachtung dem Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn. Es ist 19.20 Uhr, am 6. Juni, dem Freitag vor Pfingsten im Jahr 2003.



Ein Mann vom Sicherheitsdienst geht zum Bahnsteig 14, schaut sich den Koffer aus gebührender Entfernung an und informiert umgehend den Bundesgrenzschutz, denn seit den Terroranschlägen vom 9. September 2001 gibt es auch bei der Bahn Vorschriften zum Umgang mit herrenlosen Koffern und Taschen. Der Bundesgrenzschutz lässt das Gleis 14 sowie die angrenzenden Gleise sperren. Polizisten finden außerdem in 50 Meter Entfernung, außerhalb der Bahnhofhalle, eine weitere herrenlose Reisetasche. Mit einem transportablen Röntgengerät beginnen Beamte einer BGS-Spezialeinheit für Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen unter Leitung von Oliver Zieger die Tasche außerhalb der Halle zu durchleuchten. Sie finden keinen Hinweis auf einen Sprengsatz, die Tasche wird geöffnet – sie enthält Bekleidungsstücke.



Gegen 21.30 Uhr beginnt Stephan Krause (47) im Schutzanzug mit der Überprüfung des Koffers auf Bahnsteig 14 in der Halle. Der Bundespolizist ist Spezialist für das Entschärfen von Bomben. Der herrenlose Koffer steht nur einige Meter neben einem Süßwarenautomaten. Schon die ersten Röntgenbilder lassen dem Beamten den Atem stocken. Er erkennt Zünder, Kabel und vermutlich Sprengstoff. Stephan Krause entschließt sich, den Koffer mit einer Wasserkanone zu beschießen. Genau um 21.50 Uhr zerspringt der dunkelblaue Koffer, einzelne Teile der Zündvorrichtung fallen heraus. Krause tritt an den Koffer heran und sieht, dass er sich nicht geirrt hatte: Batterien, Drähte und Sprengstoff sowie einen Kochtopf, der mit Klebeband verschlossen ist. Mit einer Zange durchtrennt er die Kabel zwischen Batterie und Sprengstoff. Die Bombe ist entschärft – Krause gibt Entwarnung. Nun übernimmt die Landespolizei die weitere Arbeit am Tatort.















Der Bombenkoffer auf Bahnsteig 14 des Dresdner Hauptbahnhofes. Im Laufe der Ermittlungen rekonstruierte die Polizei die Situation am 6. Juni 2003.





Während der Bundespolizist seinen Einsatzbericht schreibt, beginnt die Tatortgruppe des Landeskriminalamtes Sachsen mit ihrer Arbeit auf dem Bahnsteig. Die Spurenspezialisten finden in dem Koffer Utensilien eines Sprengsatzes: Ein Kochtopf, gefüllt mit roter Sprengstoffschnur, dazu einzelne Brocken Sprengstoff; sechs zum Teil zerbrochene Schraubgläser; zwei elektrische Zündkapseln; ein Beutel, gefüllt mit Sprengstoff und Sprengschnur, einzelne Steine. In ihre Einzelteile zerschossen sind eine Pappe - die Grundplatte für die Zündvorrichtung und ein blauer Wecker. Nachdem die Tatortarbeit beendet ist, wird alles eingepackt und ins Landeskriminalamt gebracht. Parallel dazu beginnen Kriminalbeamte im Dresdner Hauptbahnhof mit der Befragung von Mitarbeitern der Deutschen Bahn. Wie zu erwarten, erhalten sie keine brauchbaren Hinweise, wer den Koffer auf dem Bahnsteig abgestellt haben könnte. Sie hoffen nun darauf, dass die Video-Überwachung des Bahnhofes ihnen etwas mehr verrät. Kann man sehen, wer den Koffer deponiert hat? Fehlanzeige – die Videoüberwachung des Dresdner Hauptbahnhofes fertigte ausgerechnet an diesem Tag keine Aufzeichnungen, sondern lieferte nur Live-Bilder in die Zentrale. Dort hätte die Speicherung manuell ausgelöst werden müssen. Aber das hatte an diesem Nachmittag niemand veranlasst – so gibt es keine Bilder vom Bahnsteig.



Der spektakuläre Fund bleibt nicht unbemerkt. Hunderte Reisende waren von den Einschränkungen im Bahnverkehr betroffen. Rundfunk und Fernsehen berichten noch am Abend von der Kofferbombe. Am nächsten Tag, dem 7. Juni, steht es in allen regionalen Zeitungen. Im Landeskriminalamt (LKA) Sachsen hat Präsident Peter Raisch die verantwortlichen Abteilungsleiter zu sich gerufen. Allen ist die Brisanz der Situation am Hauptbahnhof deutlich vor Augen. Der Fund könnte eine weitreichende Dimension erreichen, da eine politisch motivierte Tat nicht auszuschließen ist. LKA-Chef Raisch beauftragt deshalb das Dezernat für polizeilichen Staatsschutz mit den Ermittlungen und ordnet den Aufbau einer Sonderkommission an. Die Soko „Bahnhof “ wird von Kriminalbeamten der anderen Ermittlungsdezernate des LKA unterstützt. Zum Leiter der Soko wird Kriminalhauptkommissar Rüdiger Ertle ernannt, ein erfahrener Ermittler des Dezernates Staatsschutz. Der 43-Jährige stammt aus Unterfranken in Bayern, war bereits im Bundeskriminalamt tätig und wurde 1993 vom damaligen LKA-Abteilungsleiter Bernd Merbitz nach Sachsen geholt. Ertle leitet in den kommenden Monaten die Arbeit der durchschnittlich 16-köpfigen Soko. Zum „harten Kern“ gehört auch Kriminaloberkommissar Alexander Silex, ein 32-jähriger Ermittler, der aus Leipzig zum LKA gekommen ist. Die Aufgabe ist gewaltig. Die Ermittler haben nur einen zerstörten Sprengsatz und keinen einzigen Hinweis, wer ihn gebaut haben könnte.

 



Sieben Tage nach dem Fund stellen sich am 10. Juni Ertle und LKA-Präsident Raisch in einer Pressekonferenz den Fragen der Journalisten. Sie geben Auskunft zum Inhalt des Koffers. Die meisten Fragen der Medienvertreter können sie nicht beantworten. Aber den Kriminalisten ist klar: Der Fall ist so außergewöhnlich, dass Journalisten und Politiker immer wieder nach dem Stand der Ermittlungen fragen werden. So lastet großer Erfolgsdruck auf der Soko. Die Frage, die sich von Beginn an alle stellen und die die Ermittler noch Monate später beschäftigt, lautet: War der Sprengsatz zündfähig, hätte die Bombe tatsächlich explodieren können? Ertle kann dazu in der ersten Pressekonferenz keine Auskunft geben, er weiß es selbst nicht und muss die Journalisten auf später vertrösten. Sein Chef Peter Raisch leistet sich in dieser Frage einen groben Schnitzer, als er drei Tage später, erneut von Journalisten befragt, äußert: „Meine Kriminaltechniker werden beweisen, dass es sich um einen funktionsfähigen Sprengsatz handelte!“ – Eine Aussage, die noch große Bedeutung erhalten sollte.



Die Soko „Bahnhof “ hat derweil jede Menge zu tun. Sie muss die ersten Hinweise aus der Bevölkerung bearbeiten und gegebenenfalls Spuren verfolgen. Und es gilt zwei Fragen zu klären. Erstens: woher stammen der Koffer und sein Inhalt? Zweitens: welches Motiv hat der Täter? Handelt es sich tatsächlich um einen politisch motivierten Anschlag? Steckten islamistische Terroristen dahinter, eine links- oder rechtsextremistische Gruppierung oder handelt es sich um einen Einzeltäter?



Alles ist möglich – zunächst haben Ertle und seine Mitarbeiter keine Hinweise, in welche Richtung es gehen wird. Wenigstens die Kriminaltechnik liefert in diesen ersten Tagen positive Nachrichten. Am Inhalt des Koffers konnten einige DNA-Spuren gesichert werden. Die gilt es nun mit der zentralen DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes zu vergleichen. Eine besonders intensive Spur hatten die Kriminaltechniker an der Batterie der Zündvorrichtung gefunden. Der Bombenbauer hat den Ladezustand der Batterie offensichtlich durch Berührung mit der Zunge geprüft. Sein Speichel liefert eine brauchbare DNA-Spur, die Hoffnungen für die Beweisführung aufkeimen lässt. Doch bald stellt sich heraus, dass die DNA nicht im Bundeskriminalamt gespeichert ist. Es wäre wohl auch zu einfach gewesen, wenn der Bombenbauer so schnell zu ermitteln gewesen wäre. Auch eine zweite DNA-Spur im Koffer bringt die Ermittler zunächst nicht weiter.



Derweil beschäftigen sich im Polizeipräsidium Frankfurt am Main einige Kriminalbeamte mit einem Brief, der an den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank Josef Ackermann adressiert ist. Es ist ein Erpresserbrief - von der Deutschen Post am 9. Juni 2003 im Briefverteilzentrum Ottendorf-Okrilla bei Dresden gestempelt, drei Tage nach dem Bombenfund am Dresdner Hauptbahnhof. Existiert da ein Zusammenhang?



Es ist bereits der sechste Erpresserbrief, den die Deutsche Bank seit Februar 2003 erhalten hat. Ein Satz des Erpressers lässt die Kriminalisten vermuten, dass es eine Verbindung zwischen der Kofferbombe im Dresdner Hauptbahnhof und der Erpressung geben könnte. Der Verfasser hatte geschrieben: „Der Vorgang ist nicht mehr zu stoppen. Und Sie sollten daran sehen, wie die Sache eskaliert.“ Die Frankfurter Polizei informiert am 13. Juni ihre Kollegen in Dresden. Die Soko „Bahnhof “ nimmt die Sache ernst und sieht in dem Brief einen ersten Ermittlungsansatz. Denn die Frankfurter liefern weit mehr Informationen, als nur diesen einen Brief.



Der Erpresser hatte bereits am 24. Februar 2003 einen ersten Brief an die Deutsche Bank geschickt, an den damaligen Vorstandsvorsitzenden Dr. Rolf E. Breuer. Er forderte 50 Millionen Euro und wollte durch ein Gewinnspiel an sein Geld kommen, das vom Hamburger Nachrichten-Magazin „Stern“ veranstaltet werden sollte. Er kündigte an, die Details später zu präzisieren. Die Briefe sind mit Schreibmaschine geschrieben und unterzeichnet mit dem Namen „Hannnibal“. So kurios - mit drei „n“ - wird er alle Schreiben unterzeichnen. Der zweite Brief trifft am 3. März 2003 bei der Bank ein, nun an Dr. Josef Ackermann gerichtet. „Hannnibal“ nennt in diesem Brief Einzelheiten, wie das Gewinnspiel im Magazin „Stern“ ablaufen soll.



Am 17. April 2003 ereignet sich im Wiesbadener Karstadt-Kaufhaus eine Explosion. Eine Kundin wird leicht verletzt, es entsteht ein Sachschaden von 500.000 Euro. Fünf Tage später erhält die Deutsche Bank den nächsten Brief von „Hannnibal“. Er nimmt Bezug auf die Explosion im Karstadt-Kaufhaus und fordert 120 Millionen Euro. Formulierungen wie „Ich werde ohne Erbarmen bestrafen“, „Sollte der Fall eintreten, wird es furchtbar“ und „Dieses Schreiben ist ein letzter Versuch, die Sache unblutig zu erledigen.“ sollen seine Forderungen untermauern. So richtig wird den Ermittlern aber nicht klar, wie die Geldübergabe vonstatten gehen soll. Mit dem Gewinnspiel konnte es eigentlich nicht funktionieren.



Während in den Medien Experten – auch selbsternannte Experten – über einen möglichen Terroranschlag militanter Islamisten spekulieren, wissen es die Ermittler besser. Die Bombe scheint das Werk eines Einzeltäters zu sein. Das Polizeipräsidium Frankfurt am Main bittet die Fachleute des Bundeskriminalamtes, die Briefe zu analysieren. Das Ergebnis soll Hinweise auf die Persönlichkeit des Verfassers liefern, aber auch auf die verwendete Schreibmaschine.



Die Beamten der Soko „Bahnhof “ versuchen derweil zu ermitteln, woher die Gegenstände aus dem Koffer stammen. Am 14. Juni veröffentlicht das Landeskriminalamt Bilder der Bomben-Utensilien auf seiner Internetseite. Relativ leicht lässt sich die Herkunft der Sprengschnur ermitteln. Sie wird im Sprengstoffwerk Gnaschwitz bei Bautzen hergestellt und ist für gewerbliche Zwecke vorgesehen. Ihre Sprengkraft ist nicht zu unterschätzen, denn der Sorte „Detocord“ haften pro Meter 20 Gramm Sprengstoff an. In den 45 Metern Schnur steckten also 890 Gramm Sprengstoff – hochexplosiv. Weiter lässt sich diese Spur aber nicht verfolgen, denn die Herstellerfirma beliefert Abnehmer in ganz Europa. Der Koffer selbst führt auch nicht wirklich weiter. Es ist ein Trolley Board Case der Marke „Shamp“. 25.000 Stück davon waren nach dem 13. September 2000 bei Aldi-Nord verkauft worden. Nach dem 12. September 2001 wurden nochmals 25.000 Stück verkauft, davon 7.500 in Dänemark. Den Käufer des Bombenkoffers auf diesem Weg zu finden erweist sich somit als aussichtslos.



Auch der Topf, in dem die Sprengschnur lag, wird identifiziert: Es ist ein hellgrauer Schnellkochtopf der Marke BEKA, Durchmesser 18 cm, Höhe 12 cm, aus Walzstahl, hergestellt in den Jahren 1980 bis 1985 bei einer Firma in Tübingen. Im Koffer lagen auch sechs Schraubgläser, die mit einer leicht brennbaren Flüssigkeit gefüllt und mit Küchenpapier umhüllt waren. Die Kriminaltechniker können den Inhalt analysieren. Es ist eine Mischung aus Ottokraftstoff und Nitroverdünner. Da die Gläser noch mit Etiketten und Originaldeckeln versehen sind, versuchen die Ermittler die Herkunft festzustellen. Es waren Gläser für Petersilie, Rotkraut, Sauerkraut, Würstchen, Konfitüre und Tomatensauce. Fünf Gläser sind zerbrochen, ein Glas hatte den Beschuss mit der Wasserkanone unversehrt überstanden. Die Ermittler suchen in Supermärkten nach solchen Gläsern und wenden sich an die Hersteller. Es dauert einige Zeit, aber die Beamten der Soko ermitteln, dass einige der Gläser ausschließlich von ALDI Nord, andere nur von ALDI-Süd verkauft wurden. Dies lässt vermuten, dass der Käufer der Gläser in der Nähe der Grenze zwischen ALDI-Nord und ALDI-Süd wohnen könnte. Ein Hinweis, der noch wertvoll werden sollte.



Zur Zündvorrichtung der Kofferbombe gehörten ein blauer Reisewecker, Batterien und Kabel. Sie war auf einer Pappe montiert und diese Pappe zeigte ein Foto: Eine Landschaft mit einer Wiese im Vordergrund, im Hintergrund das Meer mit einer Insel. Auch diese Pappe war durch den Beschuss beschädigt, der Wecker in Stücke zerbrochen. Trotzdem lässt sich der Wecker identifizieren – ein Billigprodukt aus China, verkauft zum Beispiel bei „Kaufland“ für 1,49 Euro. Zur Pappe erhält die Soko nach der Veröffentlichung mehrere Hinweise. Es könnte sich um den Einband eines Fotosteckalbums handeln. Deshalb suchen Beamte in verschiedenen Fotoläden, um die Herkunft der Pappe zu klären. Doch dort wird man nicht fündig. Allerdings weisen Händler daraufhin, dass es sich auch um den Einband eines Kalenders handeln könnte.



Anfragen bei verschiedenen Kalenderherstellern in Deutschland führen zu einem neuen Hinweis: Es könnte sich möglicherweise um einen christlichen Kalender handeln. Nun wird bei allen Herstellern von christlichen Kalendern angefragt, und letztlich bestätigt der Verlag Christliche Schriftenverbreitung (CSV) in Hückeswagen in Nordrhein-Westfalen, dass die Umschlagpappe von einem seiner Erzeugnisse stammt. Es handelt sich um einen Buchkalender mit biblischer Botschaft für das Jahr 2001, der Titel des Kalenders: „Die gute Saat“.



In der Soko rätselt man. Wer wählt den Einband eines Kalenders mit einem täglichen Bibelvers als Grundplatte für die Zündvorrichtung einer Bombe? Fest steht nur, diese „Saat“ ist offensichtlich nicht aufgegangen. Auf der Pappe ist auch ein Aufkleber mit einer von Hand geschriebenen Acht, eine eher ungewöhnliche Preisauszeichnung. Sie deutet eher auf einen kleinen Buchladen als auf eine große Kette hin. Der Verlag gibt an, im Jahr 2000 insgesamt 120.000 Exemplare des Kalenders verkauft zu haben. In den kommenden Wochen suchen sächsische Polizisten insgesamt 83 vom Verlag CSV belieferte Buchläden und Vertriebsfirmen in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bayern auf. Zwei Buchhändler haben Etiketten mit einem handschriftlichen Preis verwendet. Einer von ihnen hat seinen Sitz in Hof in Bayern, der andere in Amtsberg bei Zschopau. Der Buchhändler in Amtsberg gibt an, es sei gut möglich, dass er die Acht geschrieben hat. Nach dem Hinweis auf die Grenze zwischen Aldi-Nord und Aldi-Süd deutet sich damit eine erste Richtung an, in der der Bombenbauer gefunden werden könnte – Westsachsen und Nordbayern.



Die zwei elektrischen Sprengzünder stammen von der Firma Zbrojovka Vsetin in der Tschechischen Republik. Sie dienen ebenso wie die Sprengschnüre aus Gnaschwitz gewerblichen Zwecken. Weiter lässt sich deren Weg aus Tschechien nach Deutschland nicht verfolgen. Doch die Kripo-Beamten haben eine Vermutung: Die Sprengschnur und die Sprengzünder deuten auf Kontakte zu Firmen hin, die professionell Sprengungen vornehmen. Mehr lässt sich jedoch erst einmal nicht feststellen. Es bleiben noch das Klebeband und die Steine. Auch den Hersteller des Klebebandes finden die Ermittler: Es handelt sich um ein Produkt für medizinische Zwecke von der Firma 3M, einem amerikanischen Weltkonzern, der auch eine Tochterfirma in Deutschland hat.



Im Rahmen dieser aufwendigen Herkunftsermittlungen werden die sechs Kilogramm Steine zu einer ganz besonderen Herausforderung. Doch gerade diese Arbeit eines Mitarbeiters des Kriminaltechnischen Instituts sollte sich auszahlen. Michael Münch, ein Chemiker, hat sich unter anderem auf forensische Bodenuntersuchung und Geologie spezialisiert. Mitunter sind kleinste Reste von Erde, Dreck oder Gestein als Spuren an Tatorten oder an Opfern von Verbrechen von großer Bedeutung. Dann schlägt die Stunde von Michael Münch. Im Fall der Kofferbombe vom Hauptbahnhof verfolgt der 47-Jährige über zwei Monate lang die Spur der Steine.



Vor ihm liegen exakt 6,08 Kilogramm Gestein in Form von Splitt und Schotter. Er kann sechs unterschiedliche Gesteinsarten feststellen: schwarz-grünen Splitt, hellgrünen Splitt, rosarot-olivgrünen Splitt, schwarzgrauen Schotter, grauen Schotter und hellgrüngrauen Schiefer. Sie sind zwischen 1,5 und 3 cm dick. Die Hauptmenge, genau 5,32 Kilogramm, ist Serpentinit, ein metamorphes Gestein, wie die Fachleute sagen, dessen mineralische Struktur sich im Laufe der Zeit wandelt. Münch prüft, wo es in Sachsen Serpentinit-Vorkommen gibt. Das bekannteste liegt in Zöblitz im Erzgebirge. Der Abbau des Gesteins mit besonders hohem Granatreichtum in der Nähe von Marienberg wurde im April 2002 eingestellt, weil die Vorkommen weitgehend erschöpft waren. Weitere Serpentinit-Vorkommen gibt es in Reinsdorf bei Waldheim und in mehreren Steinbrüchen in Nordbayern. Münch bleibt nichts anderes übrig, als zu den Steinbrüchen zu fahren und die Herkunft „seiner“ Steine zu ergründen. Auch im Steinbruch Galgenberg bei Reinsdorf, einem kleinen, privat betriebenen Steinbruch, sammelt er Vergleichsmaterial. Danach besucht er vier Steinbrüche im Nordosten Bayerns. Im Bereich der Münchberger Gneismasse, einem bekannten Serpentinit-Vorkommen, sind noch vier Steinbrüche in Betrieb: Wojaleithe bei Wurlitz, Thumsenreuth bei Erbendorf, Niedermurach und Winklarn. Auch hier nimmt er Proben. Das Gestein von Winklarn kann er schnell ausschließen, beim Wurlitzer Gestein stellt er eine Übereinstimmung fest. Doch bei einem Einzelstück kommt er nicht weiter. Der hellgrün-rosafarbene Stein, nur zehn Gramm schwer, könnte der Abfall einer Werksteinbearbeitung sein. Im Vergleich mit Museumsproben identifiziert Münch den Stein als Epidotgranit. Noch einmal sucht er in Wurlitz und findet auch dort diesen Epidotgranit. Nun gilt es zu ermitteln, wohin der Steinbruch Wurlitz liefert. Münch kann der Soko einen ersten Hinweis geben: Abnehmer gibt es in Nordbayern und im sächsischen Vogtland.

 



Münch nimmt sich einen weiteren einzelnen Stein vor: einen angeschliffenen dunkelgrauen, kleinkörnigen Stein. Er sucht im Museum für Mineralogie und Geologie in Dresden und im Deutschen Natursteinarchiv in Wunsiedel und glaubt danach, dass dieser Stein aus der Lausitz stammt. Münch sucht vier Steinbrüche in der Oberlausitz auf. Im Steinbruch Hohwald bei Neustadt in Sachsen wird er fündig. Der Stein aus dem Bombenkoffer ist ein Lamprophyr, der im Granit dieses Steinbruchs vorkommt. Vermutlich ist der Stein als Abfall bei der Werksteinbearbeitung angefallen. Weiter lässt sich die Spur nicht verfolgen.



Es bleiben noch 270 Gramm Grauwacke und ein zwanzig Gramm schweres Einzelstück. Die Grauwacke lässt sich regional nicht zuordnen, sie ist zu weit verbreitet. Den letzten einzelnen Stein kann Münch als grünlich-grauen Phylitt identifizieren, der im Erzgebirge, im Vogtland und in Oberfranken vorkommt. Nun wird es schwierig, und Münch holt sich Hilfe beim Landesamt für Umwelt und Geologie in Freiberg. Dort wird eine Gefügeuntersuchung vorgenommen. Die Geologen grenzen das Vorkommen auf das obere Vogtland und Oberfranken ein. Im Vogtland ist das Gestein fast in einer Insellage in der Nähe von Schöneck zu finden. Allerdings ist im gültigen Amtsblatt kein produzierender Steinbruch in diesem Raum für diese Gesteinsart verzeichnet. Die Geologen vom Landesamt geben Münch einen Tipp: Nach der Wende wurde solches Gestein auch in einem Steinbruch bei Schöneck zur örtlichen Belieferung abgebaut. Der Steinbruch sei aber schon wieder aufgelassen. Wieder macht sich Münch auf den Weg. Am 26. August fährt er nach Schöneck. Vorher besucht er noch die Baumärkte in Falkenstein und Auerbach und sucht dort gezielt nach einer Kombination der Steine aus dem Koffer. Er findet Bruchstücke von Werksteinen aus Lausitzer Lamprophyr. Da ist ihm klar, dass sein Stein aus Hohwald durchaus auch bis ins Vogtland kommen konnte.



Münch sucht den aufgelassenen Steinbruch „Haselmühle“ bei Schöneck, den ihm die Geologen empfohlen hatten. Zuvor fährt er noch zur örtlichen Raiffeisen-Handelsgenossenschaft in Schöneck am Bahnhof, weil auch die mit Steinen handelt. Am Bahnhof und vor dem Baumarkt waren Straße und Fußweg kürzlich neu gebaut worden. Münch traut seinen Augen nicht. Als Belag auf den Wegen und Flächen entdeckt er massenweise Wurlitzer Serpentinsplitt. Es sollte noch besser kommen: Im Außenbereich des Raiffeisenmarktes liegt der Bereich für Splitte. In abgeteilten Kammern lagern auch dort Wurlitzer Serpentin und Quarzit-Schotter direkt nebeneinander. Im Quarzit ist zudem auch noch sein grünlich-grauer Phyllit eingemischt. Bruchstücke von Werksteinen aus Lamprophyr sind auch vorhanden. Jetzt wird ihm klar, dass diese Stelle für ihn sehr interessant sein könnte.



Der Chemiker fühlt sich wie ein Lottogewinner. Er nimmt Proben und fährt anschließend zum Steinbruch „Haselmühle“. Eine lange und unbefestigte Straße durch den Wald führt dorthin. Im Steinbruch macht er die erhoffte Entdeckung: Wände aus grünlich-grauem Phylitt. Beim Abbau hatte sich der Phylitt gewissermaßen als Sonderling unter das Gestein gemischt, das hier eigentlich gewonnen worden war. Münch nimmt Proben und sucht anschließend noch zwei Abbaustellen im Raum Bad Elster und im bayerischen Regnitzlosau auf, wo es auch Phylitte gibt. Vergleichsproben von allen drei Orten übergibt er dem Landesamt für Umwelt und Geologie zur Analyse.



Auf der Spur der Steine besucht Michael Münch im Sommer 2003 gemeinsam mit einem Kollegen, der Geophysik studiert hat, aber Kriminalbeamter geworden ist, insgesamt elf Steinbrüche in Sachsen und Bayern. Nur bei der letzten Fahrt nach Schöneck ist er allein unterwegs. Die Kollegen von der Soko hält er ständig auf dem Laufenden. So übergibt er Soko-Leiter Ertle am 15. August einen Zwischenbericht, auch am 26. August informiert er Ertle sofort über seine aufschlussreichen Entdeckungen in Schöneck und Umgebung. Endgültige Gewissheit kann aber erst das Ergebnis einer so genannten Gesteinsdünnschliff-Untersuchung bringen. Dennoch ahnen die Ermittler: Die Steine haben sie auf eine Spur geführt.



Als die Ergebnisse der Laboranalysen im September vorliegen, kann Münch triumphieren. Er hat den Steinbruch des Einzelexemplars aus dem Bombenkoffer gefunden. Den Phylitt-Quarzit in dieser konkreten Ausbildung gibt es nur im Steinbruch „Haselmühle“. Münch weiß, dass eine Gesteinsart an vielen Stellen der Erde vorkommt und überall abgebaut wird. Aber die Gesteinsarten besitzen in jeder Lagerstätte ganz eigene mineralische Eigenschaften oder Gefügeausbildungen. Sogar innerhalb eines Steinbruchs lassen sich die Gesteine oft von Sohle zu Sohle unterscheiden. Münch hat den Beweis erbracht, dass ein Stein aus der Kofferbombe nur aus dem Steinbruch „Haselmühle“ stammen kann. Damit scheint das Gebiet weiter eingegrenzt, in dem Ertle und seine Leute nach dem Bombenbauer suchen sollten. Auch die Herkunft des Sprengstoffs aus dem Koffer lässt sich feststellen. Die Kriminalisten legen die einzelnen Brocken – es ist sandfarbenes, poröses TNT – dem Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Sachsen vor. Thomas Lange dreht und wendet die Sprengstoffbrocken und setzt sie so gut es geht zusammen. Die spezielle Form der Bruchstücke ist ihm bekannt: Der Sprengstoff stammt aus der Hohlladung einer deutschen Panzerfaust des Zweiten Weltkriegs. Er vergleicht die Stücke noch mit Hohlladungen alter deutscher Panzerfäuste aus seinem Lager und findet seine These bestätigt. Dieses Ermittlungsergebnis veröffentlichen die Ermittler nicht. Sie sprechen gegenüber der Presse nur von Sprengstoff militärischer Herkunft, denn dieses Detail können nur der Bombenbauer oder der Beschaffer des Sprengstoffs kennen. Einen weiteren Fund in dem Koffer veröffentlichen die Ermittler der Soko ebenfalls nicht: Einen Handschuh, den der Täter wahrscheinlich im Koffer vergessen hat. Insgesamt entsteht bei den Beamten der Eindruck, als wäre bei Koffer und Inhalt keine Spurenverhinderung oder Spurenentfernung betrieben worden. Der Bombenbauer ist wahrscheinlich davon ausgegangen, dass sich nach einer Explosion keine Spuren mehr finden lassen.



Am 20. Juni 2003, zwei Wochen nach dem Fund im Hauptbahnhof, geht bei der Bild-Zeitung in Hamburg ein Bekennerschreiben ein, das sich auf die Kofferbombe in Dresden bezieht. Das Schreiben ist kurz und stammt von einer Befreiungsfront „Abu Achihoba“. Den Experten des LKA Sachsen ist relativ schnell klar, dass es sich hier um Trittbrettfahrer handelt. Zum Ersten gibt es bereits die Erpresserbriefe an die Deutsche Bank, zum Zweiten ist das Bekennerschreiben für eine Befreiungsfront viel zu kurz. Solche Organisationen pflegen in ihren Bekennerschreiben in der Regel über mehrere Seiten ideologisch geprägte Begründungen für ihr Handeln anzuführen. Dieses Schreiben verhilft „Bild “ zwar zu einer Schlagzeile, eine echte Spur stellt es nicht dar.



Während Michael Münch im Juli und August von Steinbruch zu Steinbruch fährt, beschäftigt sich ein anderer Mitarbeiter des Kriminaltechnischen Instituts mit der Sprengvorrichtung. Kriminalhauptkommissar Joachim Seidel, ein Experte für unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, soll die Kofferbombe möglichst exakt nachbauen. Der 54-jährige Seidel ist Diplomingenieur für Elektronik, hat sich jedoch bereits zu DDR-Zeiten auf Sprengvorrichtungen spezialisiert. Nach der deutschen Vereinigung hat er Lehrgänge beim Bundeskriminalamt besucht und alle Prüfungen mit Bravour bestanden. Zudem hat er die Sprengberechtigung, darf also selbst Probesprengungen vornehmen. Seidel beginnt mit einer Bestandsaufnahme des Kofferinhalts. Der Angriff mit der Wasserkanone hatte in dem Gepäckstück reichlich Unordnung angerichtet. Seidel versucht zuerst den Aufbau des Sprengsatzes zu rekonstruieren. Unbeschädigt sind nur der Schnellko