Buch lesen: "Die grüne Limonade"
Herbert von Hoerner
Die grüne Limonade
Die grüne Limonade
© 1952 Herbert von Hoerner
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711593127
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Der Schwester Barbara gewidmet
Ich will dir die Geschichte erzählen, und du kannst sie aufschreiben. Vielleicht willst du sie nachher aus meiner russischen in deine deutsche Sprache übersetzen und drucken lassen. Es wird ja vieles gedruckt, was nicht wahr ist. Diese Geschichte ist wahr, so wahr ich der Sanitäter Iwan bin, der seinen Dienst tat im großen Kriege wie andere Sanitäter auch, zu jener Zeit, da der Zar uns regierte und die Menschen noch an Gott glaubten. Ich will aber darüber nichts sagen, wie damals die Zeiten waren und wie sie heute sind. Denn wenn ich erst davon anfange, so komme ich damit nicht so bald an ein Ende, und so käme ich auch nicht dazu, dir die Geschichte zu erzählen, die du hören willst, von Semion, dem Mörder, und Barbara, der Schwester der Barmherzigkeit, wie sie bei uns genannt wurden, diese Wohltäterinnen der Verwundeten und Leidenden. — Also die Schwester Barbara — aber nein, nicht mit ihr soll meine Geschichte beginnen, denn man fängt ja auch beim Essen nicht mit der süßen Speise an, sondern mit dem Gesalzenen, und darum fange ich mit Semion an.
Ich war nicht recht einverstanden damit, daß man ihn zu uns ins Kriegslazarett gebracht hatte. Wenn man mich gefragt hätte — aber wer fragt schon einen Sanitäter nach seinem Einverständnis? Da ist der Chefarzt, da sind die anderen Ärzte, da ist der Feldscher, und schließlich sind da auch noch die Schwestern. Und alle sind sie dem Sanitäter übergeordnet, sogar die Schwestern. Da ist es das beste, man hält den Mund und tut, was befohlen wird. Ich will ja auch nachträglich nichts mehr dagegen sagen, aber damals dachte ich wohl: Der gehört nicht hierher. Er war nicht Soldat. Er hatte nicht, wie die anderen, die bei uns lagen, für Zar und Vaterland gekämpft, und darum war er auch nicht in der Schlacht verwundet worden, sondern in einem Kampf ganz anderer Art, wie er auch im Frieden vorkommt. Ach, wann ist schon wirklicher Friede zwischen den Menschen! — Ein Verbrecher war er, ein ganz gemeiner Räuber und Mörder. Und solch einen hatte man zu uns gebracht! Es ist eine Schande, dachte ich. Wenn er bei seiner Festnahme Widerstand geleistet hat und angeschossen worden ist, wär’s da nicht einfacher gewesen, ihn auf der Stelle sterben zu lassen oder ihm, wenn schon die eine Kugel nicht ausreichte, gleich eine zweite zu geben? Aber die Polizei, die ja immer so viel Umstände macht mit jedem Halunken, wollte, daß der Mann noch allerlei Aussagen machen sollte über das, was er begangen hatte, und vielleicht auch über seine Verbrechergenossen, wenn er welche gehabt hat. Also man wollte ihn zum Reden bringen, und weil er nicht hatte reden können, mit dem Schuß durch die Brust, und weil man im Gefängnishospital, wohin er eigentlich gehört hätte, auf solche Fälle nicht eingerichtet war, darum hatte man ihn zu uns gebracht und zu den Ärzten gesagt: „Macht ihn so weit heil, daß er noch reden kann. Denn reden muß er, ehe wir ihn hängen.“ — So lag der Fall.
Die Ärzte, nun, die nahmen sich seiner an wie jedes anderen Verwundeten auch. Ein Arzt ist ja kein Richter. Er fragt den Kranken nicht nach seinen Sünden, sondern nach seinen Leiden, ob auch die Sünden und die Leiden oft in einem Zusammenhang miteinander stehen mögen. Was sie mit ihm gemacht haben, das kann ich dir so genau nicht sagen, denn ich war nicht dabei. Sie haben ihn auf den Operationstisch gelegt, narkotisiert und geschnitten. Aber sie haben wohl nicht viel geschnitten, vielleicht nur die Kugel herausgenommen und nachgesehen, was die angerichtet hat. Das war ja nun schlimm genug. Denn außer der Lunge hatte die Speiseröhre ein Loch, wo sie es nicht haben soll. Die Ärzte haben denn auch bald mit der Hand abgewinkt, so wie man abwinkt, wenn man damit sagen will, daß da nichts Rechtes mehr zu machen ist. Vielleicht auch haben sie keine Lust gehabt, ihre ganze ärztliche Kunst an einen Mann zu wenden, der sein Leben, wenn sie es ihm retteten, doch an die Richter hingeben mußte. Denn gehängt wäre er worden, das steht fest.
Wir hatten ihn, der von der Narkose noch nicht erwacht war, in den Saal zu den „Schweren“ gebracht, wo noch das eine Bett frei war. Fünfundzwanzig lagen schon darin. Semion war der sechsundzwanzigste. Man hatte uns eingeschärft, der Mann dürfe, wenn er erwache, keinerlei Nahrung bekommen, weder feste noch flüssige. Denn das würde seinen schnellen Tod zur Folge haben, und er sollte ja noch leben, um seine Aussagen vor der Polizei zu machen. Das erste, was er sprach, als er das Bewußtsein wiedererlangte, war: „Gebt mir zu trinken!“
Ich ging zu ihm hin und sagte ihm, daß er nicht trinken dürfe.
„Wer hat es verboten?“ fragte er.
„Die Ärzte.“
„Hol sie der Teufel!“
Obwohl ich ärgerlich war über den Mann und über die Umstände, die man mit ihm machte, redete ich ihm doch gütlich zu, indem ich ihm klarzumachen versuchte, es läge ja nicht an mir, sondern an der Vorschrift. Er solle nur nicht ans Trinken denken, dann verginge der Durst. Still solle er liegen und zufrieden sein, dann würde noch alles gut werden. Wie man so zu den Kranken spricht, auch zu den Schweren und auch zu denen, wo man weiß, daß da nichts mehr gut werden kann. Er wollte aber auf mich nicht hören und wiederholte immerzu nur dieselben Worte: „Gebt mir zu trinken!“
Es wurde mir langweilig, das zu hören, weil ich ihm seinen Wunsch doch nicht erfüllen konnte. Also schimpfte ich einmal kräftig heraus, so wie man ausspuckt, und wandte mich wieder den anderen Betten zu. Es hatten auch schon etliche von den Kranken nach mir gerufen. Der eine brauchte dies und der andere das. Man hat, das kannst du mir glauben, genug zu tun, wenn man allein fünfundzwanzig Schwere betreuen soll. An den Fronten hatte es große Schlachten gegeben gegen die Deutschen. Die Hospitäler waren voll, und es fehlte an Pflegepersonal.
„Gebt mir zu trinken!“
Ich tat, als hörte ich es nicht, indem ich mir am Ofen zu schaffen machte. Es war ein hübscher Ofen, schwarz, mit Blech verkleidet, dick, rund und hoch bis zur Decke. Er heizte sich gut und wärmte tüchtig. Das war auch nötig, denn der Winter war streng. Es war an jenem Tag der Himmel klar, und die Sonne schien auf den Schnee. Aber der Frost nahm zu. Das konnte man an den Eisblumen sehen, die an den Fensterscheiben wuchsen. Sie wuchsen so dicht, daß man von der Straße draußen nicht viel sah. Da mußte ich also noch Holz nachlegen. Zuweilen murrte ich wohl, daß ich als Sanitäter, weil doch das Pflegepersonal so knapp war, auch noch für den Ofen zu sorgen hatte. Aber, offen gestanden, ich beschäftigte mich lieber mit ihm als mit den Kranken. So ein Ofen, der klagt nicht, der schimpft nicht, und man braucht ihn nicht zu bedauern. Er frißt sein Birkenholz und ist zufrieden. Aber wann ist schon jemals ein Mensch zufrieden?
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