Buch lesen: "Jahr für Jahr. Ein Krieg - unterschiedliche Schicksale"
1940
Nein, ohne mich!
Im Gegensatz zu vielen begeisterten Patrioten war Heinrich nicht erpicht darauf, in den Krieg zu ziehen. Er war kein Feigling, er liebte auch sein Vaterland, er wollte nur nicht töten und schon gar nicht getötet werden.
„Ne, was für eine Schande!“
Er ließ den Völkischen Beobachter auf den Tisch fallen, sprang auf die Füße, schob seinen Stuhl klappernd zurück und rannte im Zimmer herum.
„Heini, du bist zu laut, mach das Fenster zu“, ertönte die Stimme seiner Frau aus der Küche.
Vom Fenster des Esszimmers blickte man auf das Dach des niedrigen Schuppens und weiter in den Garten. Rechts lag das Grundstück der Nachbarn, die in der anderen Haushälfte wohnten. Das kinderlose Ehepaar versicherte allen und jedem, dass ihnen als Großstadtmenschen die Neugierde auf dem Land völlig fremd sei. Doch bei jedem Rascheln erschienen sie auf der Gartenveranda. Die Frau ging zu den Beeten hinunter — dort gab es immer etwas Wichtiges zu tun — und ihr Mann saß auf der obersten Stufe und rauchte. Er zündete sich eine Zigarette nach der anderen an und wurde schließlich zum Kettenraucher.
„Um diese Zeit ist noch niemand im Garten“, winkte Heinrich leichtsinnig ab.
„Die Wände haben auch Ohren“, Mathilde hörte auf zu schneiden und erschien in der Tür zwischen Küche und Esszimmer. „Und warum läufst du rum wie Falschgeld?“
Trotz des scherzhaften Tons schwang Besorgnis in ihrer Stimme mit.
„Ach, welch Geld, nur eine kleine Münze“, murmelte er, ballte die Hände zu Fäusten, stopfte sie in die Hosentaschen und lehnte sich mit dem Rücken an die Anrichte.
„Was ist loß, Heini?“
„Was ist loß? Da, guck selbst“, er zeigte auf die Zeitung.
Mathilde löste sich vom Türpfosten, machte einen Schritt auf den Tisch zu und betrachtete das graue Blatt. Alles wie immer, nichts Neues. Bravouröse Fotos und grelle Schlagzeilen drängten sich wie Disteln auf einer Müllhalde. Verwundert sah sie ihren Mann an.
„Siehst du denn gar nichts?“
Heinrich drehte die Zeitung ruckartig in ihre Richtung. Der Leitartikel hatte folgenden Wortlaut: „Frankreich hat Waffenstillstand unterzeichnet“.
„Na ja“, Mathilde verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf.
Heinrich trommelte mit den Fingern auf die Tischdecke, griff nach der Zeitung und las die erste Zeile: „Nach dem völligen Zusammenbruch des französischen Heeres. Paris in deutscher Hand“. Der Buchstabe „r” rollte wie ein römischer Streitwagen durch den Raum und zerriss die warme Sommerluft.
Heinrich drehte sich zum Fenster und betrachtete eine Weile den Kirschbaum in der Ecke des Gartens. Vor kurzem war er noch weiß gewesen, aber jetzt…. Seit Tagen tobte ein heftiger Kampf um ihn. Die Drosseln saßen auf den schwieligen Ästen und bewachten die reifenden Beeren vor den frechen Spatzen, die im Flug versuchten, etwas Süßes zu ergattern.
Heinrich beobachtete ihre Raufereien und sprach leise weiter, schon ohne Empörung: „Diese Fahnen und Hakenkreuze. Alle sind verrückt geworden. Und viele begreifen gar nicht, was los ist.“ Er blickte auf, starrte auf die Lampe, die ihre hölzernen Arme über den Esstisch streckte, und fuhr bitter fort: „Die Partei…, der Führer…. Sie schwören — sie tun alles für das Volk, für das Land. Große Worte. Unsinn. Und wir? Für sie sind wir keine Menschen, nur Abfall.“
„Warum kaufst du sie dann? Du weißt doch, da ist nur Nazipropaganda drin. Geldverschwendung.“
„Wirklich — warum?“
Er zerknüllte das Blatt und warf es hasserfüllt gegen die Wand. Es prallte von der bunten Tapete ab, fiel hinter den Teewagen und verkroch sich wie eine Ratte in einer dunklen Ecke. Heinrich blinzelte ihm zu, grinste und ließ sich mit aller Kraft auf seinen Stuhl fallen. Dann stützte er die Ellbogen auf die Tischplatte und schlang die Arme um den Kopf.
„Weißt du, Thilde, früher haben die Angreifer einfach geraubt, ohne große Worte zu verlieren. Und heute? Verfolgung des Feindes bis zur völligen Vernichtung“, rezitierte er. „Welcher Feind? Welcher? Jetzt sind sie alle Helden und Befreier. Nein, nein! Ohne mich! Ich will mit solchen Schandtaten nichts zu tun haben.“
„Heini, bist du verrückt? Und wenn du einberufen wirst? Was dann? Du weißt doch, was mit Deserteuren passiert.“
Mathilde trat zurück und blieb stehen wie eine wehrhafte Mutter, ein langes, gezacktes Messer vor der Brust. Aber sie sah gar nicht kriegerisch aus. Ihre Hand zitterte, ihr sonst so willensstarkes Kinn war schlaff und in ihren leicht schillernden grauen Augen lag Angst.
Heinrich hatte es sich schon vor langer Zeit zur Regel gemacht, seiner Frau nicht ohne triftigen Grund zu widersprechen. Diese Taktik trug dazu bei, den Frieden und die Harmonie in der Familie zu erhalten. Aber jetzt war es anders. Es ging nicht darum, in welche Reihe die Karotten gepflanzt werden sollten, nicht einmal darum, wohin man in den Urlaub fahren sollte. Diesmal musste Heinrich eine wichtige Entscheidung treffen, von der die Zukunft der ganzen Familie abhing.
„Nein, nein! Ich werde nicht weglaufen, ich werde mich nicht verstecken!“ Er hob das Gesicht und sagte mit heiserer Stimme: „Ich habe mir etwas anderes überlegt.“
„Und was?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich werde so tun, als wäre ich nicht wehrfähig. Ne?“ Er sprang wieder auf die Beine, stellte sich auf die Zehenspitzen und machte einen Haken nach dem unsichtbaren Gegner.

Skeptisch musterte sie seinen nicht sehr großen, aber gut gebauten Körper: „Das glaubst du wohl selber nicht.“
Sein kleiner, von schütterem hellem Haar bedeckter Kopf saß stolz auf einem drahtigen Hals. Die Sehnen an Schultern und Unterarmen waren zu engen Zöpfen geflochten und bronzefarben gebräunt. Ein graues Unterhemd schmiegte sich an seine muskulöse Brust, eine Leinenhose mit breitem Gürtel fiel locker um die schmalen Hüften.
Heinrich begann schon in jungen Jahren mit dem Boxen. Im Winter trainierte er im Boxclub, im Sommer auf dem Damm am Stadtteich, wo auch Wettkämpfe und Schaukämpfe stattfanden. Nach dem Umzug in ein eigenes Haus richtete er sich als erstes eine Sportecke im Keller ein und verbrachte dort fast seine gesamte Freizeit.
Zunächst wärmte er sich mit dem Springseil auf. Die Luft zischte vor lauter Tempo. Dann schlug er mit voller Wucht auf den Sandsack. Der Haken ächzte und der Boden des Esszimmers, das direkt über dem Übungsraum lag, dröhnte und bebte. Mathildes ganzer Stolz, das Porzellanservice, klirrte laut und sprang fast aus dem Schrank. Die Tischlampe tanzte auf der Buchenholzkommode und schwenkte ihren geblümten Schirm hin und her.
„Fast alle Bergleute sind an der Front. In den Zechen arbeiten überwiegend Kriegsgefangene. Ja, klar: Kohle schaufeln kann jeder, ne? Aber wenn sie mich in den Krieg schicken, wer tut dann die Loren reparieren? Und die Lokomotiven? Wer?“
Heinrich unterbrach seine hastige Rede und lauschte. Die Holzstufen knarrten unter den Kinderfüßen.
Während die meisten Bergarbeiterfamilien in kleinen Wohnungen lebten, bewohnten die Schmitzens die Hälfte eines zweistöckigen Hauses. Es ist nicht so, dass sie irgendwelche Privilegien genossen hätten. Sie hatten einfach Glück.
Zuerst hatte Mathildes Großmutter hier gewohnt, dann der Onkel mütterlicherseits. Wie alle seine Vorfahren begann er sein Berufsleben als Lehrling, arbeitete als Bergmann, dann als Schlosser, und als er zum Vorarbeiter befördert wurde, zog er in ein größeres Haus. Gleichzeitig legte er ein gutes Wort für die Familie seiner Nichte ein und überließ ihr mit Zustimmung der Bergbehörde seine Haushälfte.
„Guten Morgen“, begrüßte Doris fröhlich ihre Eltern.
Sie war fast vier Jahre alt und hielt sich für ziemlich groß, deshalb half sie erst ihrem kleinen Bruder auf den Stuhl und setzte sich dann selbst an den Tisch.
„Guten Morgen, meine Lieben“, sagte Heinrich und lächelte freundlich.
Inzwischen bereitete Mathilde das Samstagsfrühstück zu. Statt des üblichen Schmalzes gab es zwei Gläser: mit Leberwurst und mit Rübenkraut.
„Na, tu ma essen“, sagte sie wie immer.
„Hast du dein Tellerchen leer gemacht, gibt es morgen schönes Wetter“.
Heinrich zwinkerte erst seiner Tochter, dann seinem Sohn zu und begann, eine Scheibe Brot zu schmieren. Langsam und genüsslich legte er das Graubrot auf den Teller, belegte es dick mit Leberwurst und bestrich es mit Rübenkraut.
Diese ungewöhnliche Speise — eine Mischung aus salzig und süß — war eine der vielen Bergmannstraditionen. Wie Schlägel und Eisen wurde sie von Generation zu Generation weitergegeben, vom Großvater an den Vater, vom Vater an den Sohn.
Heinrich schnitt die Scheibe in zwei Hälften und verteilte sie mit den Worten „Guten Appetit” an die Kinder.
Kaum hatten sie mit dem Essen begonnen, klirrte es draußen.
„Ein Briefkasten?“, wunderte sich Mathilde.
„Die heutige Lektüre habe ich schon hervorgeholt und auch durchgeblättert.“ Heinrich warf einen verächtlichen Blick auf den Papierklumpen unter dem Teewagen und fuhr fort: „Die Briefe kommen erst nach zehn. Merkwürdig, was kann das sein?“
Er blickte auf die alte Uhr, die rechts neben der Küchentür über der Kommode hing. Die dünnen Zeiger näherten sich der Neun. Jeden Moment sollte ein Kuckuck herausspringen und durchs ganze Haus krächzen.
Diese Uhr hatte ihre eigene Geschichte. Sie war ein Hochzeitsgeschenk von Isolde, einer Schulfreundin Mathildes. Ihr Mann, ein wohlhabender Bauer, bekam sie nach dem Ersten Weltkrieg. Damals herrschte Hungersnot im Land. Viele Städter fuhren in die Dörfer, um Schmuck und Luxusgüter gegen Lebensmittel einzutauschen. Gekauft und verkauft wurde direkt an den Bahnhöfen, wenn die Vorortzüge hielten. Dieter bezahlte die Uhr mit zwei Pfund Kartoffeln und einem Laib Brot. Er wunderte sich noch lange, wie der schmächtige Aristokrat den unhandlichen Gegenstand in den Waggon gebracht hatte. Er selbst hatte die Uhr von seinem Vater geerbt, der sie aus dem Deutsch-Französischen Krieg mitgebracht hatte. Nach dem Ersten Weltkrieg waren das Elsass und Lothringen wieder an Frankreich gefallen, aber seit kurzem erneut von deutschen Truppen besetzt, und Heinrich fragte sich oft: „Wofür sind all diese Soldaten gestorben? Nur damit dieser dumme Vogel in unserem Haus kreischen kann?“
„Doris, tu ma nachschauen“, sagte Mathilde.
Doris sprang schnell von ihrem Stuhl auf, lief um den Esstisch herum, den kurzen Flur entlang und öffnete die Haustür. Sie trat auf die Steintreppe und zog einen grauen Umschlag aus dem Briefkasten, der rechts an der Wand hing.
Noch bevor sie ihn öffneten, erkannten sie, dass es sich um einen Einberufungsbescheid handelte. Statt einer Briefmarke prangte ein bekannter Stempel auf dem Umschlag. Der schwarze Adler krallte sich in den Hakenkreuzring, breitete die Schwingen aus und zeigte seinen gekrümmten Schnabel. Mit scharfem Blick starrte er Heinrich an, als ahnte er dessen geheime Absichten.
„Alles klar“, sagte Heinrich mit gesenkter Stimme.
„Papa, fahren wir heute zum Teich?“, fragte Doris noch hoffnungsvoll.
„Nee, Doris, tut mir leid, ich hab keine Lust.“
Trotz des schönen Wetters fand der Ausflug nicht statt. Eine seltsame Gleichgültigkeit überkam Heinrich. Er scherzte nicht wie sonst, alberte nicht herum, spielte nicht mit den Kindern, boxte nicht einmal. Gleich nach dem Frühstück ging er ins Wohnzimmer und ließ sich auf das Sofa fallen. Dort verbrachte er den ganzen Tag.
Mit halb geschlossenen Augen betrachtete er Mathildes Bastelarbeiten, die das kleine Zimmer schmückten. Ein Strauß Weizenähren auf einem niedrigen sechseckigen Tisch, Sonnenblumen, die in einem Dreieck aus Spitzenvorhängen leuchteten und eine Eule aus Birkenrinde, die von einer Kommode aus auf die Familienfotos in der gegenüberliegenden Ecke starrte.
Sommerliche Motive wurden von herbstlichen abgelöst, der Weihnachtsschmuck wich der Osterdekoration, nur die alte Grubenlampe mit dem Spitznamen „Frosch“ verließ nie ihren Platz über dem Kamin. Ein flaches, ovales Gefäß mit einem kopfartigen Griff an einem Ende und einem Docht am anderen Ende ähnelte tatsächlich einem Frosch. Die Bedienung war denkbar einfach: Man goss Öl in den Behälter, zündete den Docht an und regulierte die Flamme mit einer Schraube. An einer Kette, die am Griff befestigt war, konnte der „Frosch“ überall in der Grube aufgehängt werden.
Da eine offene Flamme gefährlich war, vor allem wenn sich im Bergwerk Gase ansammelten, wurde die Lampe nicht mehr bestimmungsgemäß verwendet. Ihr glänzender Messingkörper ruhte friedlich an einem Haken, der aus Schlägel und Eisen ragte. Die gusseisernen Miniaturwerkzeuge kreuzten sich für immer als Zeichen der Solidarität der Bergleute, der gegenseitigen Hilfe und Brüderlichkeit.
Anders als ihr Mann konnte Mathilde nicht untätig bleiben. Sie wusch das Geschirr, putzte den Herd blank und begann, die Bergmannskleidung zu waschen. Dabei wünschte sie sich: „Wenn ich all diesen Schmutz und all diese Ölflecken wegwaschen könnte, würde mein Mann nicht in den Krieg geschickt werden.“ Sie sparte nicht mit Wasser, schonte auch ihre Hände nicht. Sie rieb den groben Stoff heftig und unermüdlich auf dem Waschbrett und beruhigte sich erst, als sie sich die Haut an den Fingerknöcheln abgescheuert hatte. Dann hängte sie die blütenweiße Tracht an die Ofenstange, wo sie schneller trocknete als in der Sonne.
Die Unruhe der Eltern übertrug sich auf die Kinder. Sie machten wie sonst keinen Lärm und gingen in den Hof, wo sie bis zum späten Nachmittag in einem Sandhaufen hinter dem Schuppen spielten.
Dem trüben Tag folgte eine quälende Nacht. Heinrich versuchte, sich zum Einschlafen zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Sobald er die Augen schloss, erschien vor ihm das unheilvolle Symbol des Dritten Reiches. Der Adler erwachte zum Leben, bewegte seine Krallen und rollte mit seinem schwarzen Rad über Länder und Kontinente. Das Hakenkreuz zerfetzte alles, was lebte, und ließ eine tiefe Blutspur zurück. Plötzlich verlangsamte der Raubvogel sein Tempo, blieb stehen, schwankte hin und her, drehte seinen Schnabel langsam von Ost nach West. Der tödliche Mäher nahm Fahrt auf, raste in Richtung Deutschland und erreichte schon bald ihre Heimatstadt. Er knirschte auf Ziegeldächern, zertrampelte Türmchen, Torbögen und Haustreppen und zerbrach dabei Akazien, Linden und Ahorne.
Erschrocken schlug Heinrich die Augen auf und sprang aus dem Bett. An Mathildes verhaltenem Atem erkannte er, dass auch sie wach war, aber er schaltete das Licht nicht an. Er trat an den Spiegel, blickte aufmerksam in den Schatten hinter dem Glas und sagte entschlossen: „Nein, ohne mich!“
Der Mondpfad kroch durch die Vorhänge und beleuchtete das blasse Spiegelbild hinter seinem Rücken. Lange Locken, große Augen und ein halb geöffneter Mund verschwanden in der Dunkelheit. Das weiche Gesicht erhielt ungewöhnlich scharfe Konturen und wirkte wie eine antike tragische Maske. Mathilde saß schweigend da, ohne sich zu rühren, und endlich dämmerte es Heinrich: „Aber sie hat auch Angst. Angst um mich, nicht um sich. Und ich liege den ganzen Tag wie ein Narr auf dem Sofa, anstatt sie zu unterstützen“.
Er schämte sich und wollte sie von ihren traurigen Gedanken ablenken. „Mach dir keine Sorgen, Thilde. Wir schaffen das schon.“ Dann zog er die Augenbrauen hoch, legte sie schräg wie ein Dach, wodurch die Falte auf seiner Stirn zu einem bizarren Bogen wurde, spitzte die Lippen zu einem Rohr und sagte mit flehentlicher Stimme: „Zieht mich nicht in den Krieg, sonst erschieße ich dummerweise nicht nur die Feinde, sondern auch die eigenen Leute. Ist das glaubhaft? Ne?“
Es war albern, lustig, aber gar nicht überzeugend.
„Ich weiß nicht, Heini. Tu ma ein bisschen üben...“, sagte Mathilde ohne einen Anflug von Spott.
Sie neckte ihren Gesprächspartner immer mit einem ernsten Gesichtsausdruck. Das war eine der Besonderheiten ihres widersprüchlichen Charakters. Sie war freundlich, sanft, aber streng in der Erziehung ihrer Kinder. Sie verstand es unmerklich, ohne den Stolz zu verletzen, ihrem Mann die richtige Entscheidung nahezulegen oder ihn von unüberlegten Schritten abzuhalten.
Auch ihr Äußeres war zweideutig. Das hochgekämmte, gewellte Haar gab eine reine, friedliche Stirn frei, die unerwartet in eine gerade, kämpferisch spitze Nase überging. Während das rechte Auge das Gegenüber freundlich anblickte, musterte das schielende linke Auge den Nasenrücken. Wunderschön geschwungene, zarte Lippen wurden von einem willensstarken Kinn gestützt. Klein und rundlich, bewegte sie sich leicht und entspannt wie ein Luftballon.
Der Scherz beruhigte Heinrich ein wenig und er sagte mit lockerer Stimme: „Ja, du hast recht. Ich werde mir das gut überlegen.“ Nach einem kurzen Augenblick zwinkerte er: „Was ist das Wichtigste in der Armee?“
„Und was?“ Ein Lächeln blitzte in ihren Augen auf.
„Die richtige Strategie und Taktik! Ne?“
Er trat vom Spiegel zurück und setzte sich neben seine Frau auf die Bettkante. Liebevoll umarmte sie ihren Mann. „Na ja... Heini... tu nicht so schlau, dann glauben sie dir vielleicht.“
„Du hast Recht, Thilde! Hör zu, ich mache es ganz einfach. Ich werde das Ziel verfehlen. Als ob ich zwei linke Hände hätte und nicht gut sehen könnte. Was meinst du?“ Berauscht von ihrer Nähe verstand Heinrich selbst nicht mehr, wovon er sprach.
„Leider kann ich mein Schielen nicht mit dir teilen“, murmelte Mathilde zärtlich.
Sie versanken ineinander, und selbst der Mond hörte auf, durch die luftigen Vorhänge zu spähen, und zog sich leise hinter das Dach des Nachbarhauses zurück.
Der barfüßige Admiral
Dmitrij verbrachte schon zwei volle Jahre weit weg von zu Hause. Er vermisste sein Heimatdorf im Norden, aber noch viel mehr vermisste er seine Mutter. Er hatte seine Abschlussprüfungen bereits bestanden und wartete nur noch auf das Zeugnis für den Buchhaltungskurs, als er die Einberufung zum Militärdienst erhielt. Direkt von Rostow aus wurde er mit anderen Rekruten zu einem Standort im Militärbezirk Ural geschickt. Der Zug durchquerte das Land von Südwesten nach Nordosten, doch von der Militäreinheit bis zu Dmitrijs Heimatsort waren es noch gut tausend Kilometer.
„Nun, macht nichts. Ich werde meiner Mutter weiterhin jeden Tag Briefe schreiben, um die Zeit zu überbrücken. Was sind schon drei Jahre gegen ein langes Leben? Eigentlich nicht viel“, dachte er und lehnte sich gegen die zweistöckige Pritsche.
„Was grübels`du denn, mein Freund?“, riss ihn ein hoher Tenor aus seinen Gedanken. „Oben oder unten? Such`s dir aus.“
Dmitrij blickte seinen neuen Nachbarn verdutzt an: „Aus diesem Klotz — so eine dünne Stimme?“
Trotz langem Suchen konnte der Magaziner keine passende Größe für ihn finden. Schließlich gab er ihm die größte der kurzen Uniformen. Die Hose platzte allerdings über seinem knackigen Hintern aus allen Nähten, war aber an den Beinen zu einer Ziehharmonika gefaltet. Die Feldbluse reichte ihm fast bis zu den Knien, saß aber unter den Achseln sehr eng, die Knöpfe sprangen aus den Knopflöchern, und der Leinengürtel hing am letzten Loch und auch da nur unter Spannung.
„Na, mein Freund, has`du dir die Zunge verschluckt? Wo wills`du schnorcheln, oben oder unten?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, streckte er seine Hand aus, breit wie eine Schneeschaufel: „Ich heiß` Nikolaj, nenn mich aber einfach Kolja. Und du?“
Seine Handrücken waren mit gelben Flecken übersät. Sommersprossen drängten sich an seinen Handgelenken, versteckten sich in den hochgekrempelten Manschetten und quollen aus dem Kragen seiner Feldbluse. Sie liefen weiter über Hals und Ohren, bedeckten seine runde Kartoffelnase und krochen unter den Ansatz seiner hellroten Haare. Selbst in seinen grauen Augen leuchteten goldene Pünktchen.
Dmitrij antwortete mit festem Händedruck: „Dmitrij Uschakow“.
„Ach so? Admiral Uschakow?“ zwinkerte Nikolaj verschwörerisch, „und wo kommst du denn her?“
„Werchnjaja Fussa.“
„Admiral, und zu Fuß? Wo is`denn deine Flotte?“ Er lachte gutmütig. „Schon gut, schon gut. Entspann dich, du beleidigte Leberwurst. War doch nur ein Scherz.“
Sein neuer Kamerad war eindeutig ein verletzlicher Mann. Zu diesem Schluss war Dmitrij gekommen, weil er ihn so schnell als sensibel eingestuft hatte. Wie seine Mutter zu sagen pflegte: „Gleich und gleich gesellt sich leicht“. Damit meinte sie alle Geistesverwandten: Ein Betrüger hält jeden für einen Lügner, ein ängstlicher Mensch glaubt, dass es um ihn herum nur Feiglinge gibt, in den Augen eines Narren besteht die ganze Welt aus noch größeren Dummköpfen. Und nur ein guter Mensch sieht die Fehler der anderen nicht.
„Ich bin überhaupt nicht beleidigt. Wie kommst du darauf? Und was Admiral Usсhakow betrifft, so bin ich nur sein Namensvetter.“
Nikolaj sah ihn misstrauisch an: „Und wo is`es, deine Fussa?“
„Fast am Polarkreis.“
„Oho, mein Freund! Dort, wo Eisbären an Eiszapfen nagen und ewiger Winter herrscht? Da is`bei euch kein Zuckerschlecken. Darum bis`du so streng. Wie bist du denn zu uns gekommen?“
„Zu euch? Was meinst du damit?“
„Ja, zu uns — Südländern. Wusstest du das nicht? Ich komme zum Beispiel aus Kabarda. Es gibt Leute aus Rostow, aus Stawropol, aber bestimmt nicht vom Nordpol.“
„Ich bin auch in Rostow eingezogen worden. Ich habe dort Buchhaltung studiert.“
„Hm, du… Buchhalter?“ Nikolaj warf seinen großen Kopf, der einem reifen Kürbis ähnelte, in den Nacken und blinzelte mit dem linken Auge. „Nein, mein Freund, so siehs`du nicht aus.“
„Warum nicht?“
„Ein Buchhalter is` ja mager, krumm, trägt eine Brille und schwarze Armbinden.“ Nikolaj bückte sich, kniff die Augen zusammen, als wäre er kurzsichtig, und klickte mit dem Zeigefinger auf einen unsichtbaren Abakus. Das Bild war zwar nicht ganz „mager“, aber durchaus glaubwürdig.
„Na ja. Meine Augen sind noch gut, ich brauche also keine Brille. Und Armbinden gibt es in der Armee nicht. Aber ich liebe Bücher, was hältst du von so einer Erklärung?“, sagte Dmitrij und lächelte.
In der Kaserne ging das Licht an. Eine Lampe ohne Schirm, die an einem verdrehten gelben Draht von der Decke hing, flackerte schwach in der Mitte des großen Raumes.
Nikolaj nahm seine Mütze ab, steckte sie in die Hosentasche, schob die rechte Hand zwischen den dritten und vierten Hemdknopf und trat mit stalinistischem Gang ans Fenster. Er spuckte sich in die Hände und strich sich die Haare von der Stirn bis zum Nacken. Die Stoppeln, die durch den „Nullhaarschnitt“ kaum nachgewachsen waren, standen zwar jetzt hoch, wiesen aber bereits in die richtige Richtung.
Er blickte in das dunkle Quadrat und prüfte sein Spiegelbild von vorn und im Profil. Dann drehte er dem provisorischen Spiegel den Rücken zu und versuchte, sich von hinten zu betrachten.
Er bewegte sich mit der Anmut einer jungen Robbe. Dmitrij konnte sich, so sehr er es auch versuchte, nicht zurückhalten und lächelte: „Du drehst dich wie ein Hund nach einem Floh.“
„Wa-a-as?“ Nikolaj erstarrte in Korkenzieherhaltung und fixierte Dmitrijs Schatten hinter dem Fenster. „Ein blöder Vergleich“, brummte er und kehrte zur Pritsche zurück.
Er setzte sich auf die untere Liege, spreizte die Beine, stemmte die Handflächen in die Knie und streckte die Ellbogen aus. Dmitrij stand vor ihm wie ein schuldiger Knecht vor einem strengen Herrn.
Er hatte sich zwar auch schon angezogen, den Gürtel aber noch nicht umgeschnallt. Stattdessen hielt er ihn in den Händen und strich über die Ledereinsätze auf dem dicken Leinengeflecht.
„Und? Warum fummelst du an ihm herum? Er ist doch kein Mädchen“, murmelte Nikolaj kritisch.
„Fass ihn doch selbst an“, schlug Dmitrij vor und hielt ihm den Gürtel hin.
„Na und?“
„Spürst du wirklich nichts?“
„Ein Gürtel wie jeder andere, nichts Besonderes.“ Nikolaj verband die Schnalle mit der Metallspitze des Gürtels. Dann zog er kräftig an beiden Seiten, bis die beiden Hälften mit einem lauten Klick aneinander stießen. Er wiederholte den Vorgang einige Male und nickte dann zufrieden: „Hm, ziemlich elastisch.“
„Riech mal dran, allein der Geruch ist es wert“, drängte Dmitrij.
„Soll ich ihn vielleicht auch lecken?“ Nikolajs eigener Witz gefiel ihm so gut, dass er wieder munterer wurde und anfing, sich kindisch zu benehmen. Er streckte seine dicke Zunge heraus und wollte gerade den Ledereinsatz berühren, als Dmitrij ihn unterbrach: „Hör auf herumzualbern, ich sagte schnuppern!“
„Tja, geschnuppert, und?“ Nikolaj kräuselte verächtlich die Lippen.
„Und?“, fragte Dmitrij und nahm ihm den Gürtel ab. „Du verstehst gar nichts, „mein Freund“! Er riecht nach Sattelgurten und ist so glatt wie der Rücken eines Fohlens.“
Dmitrij erinnerte sich an den Pferdehof im Dorf, wo er jede freie Minute verbrachte. Er liebte Pferde, kannte ihre Gewohnheiten und konnte auch den wildesten Hengst zähmen. Dazu brauchte er weder Peitsche noch Sporen. Wenn er sich einem unruhigen Pferd näherte, flüsterte er ihm ein paar leise Worte ins Ohr, die nur die beiden verstanden. Dann stieg er vorsichtig auf den zitternden Rücken und ließ das Pferd frei laufen.
Er galoppierte durch die saftigen Wiesen an der Flussbiegung und bemerkte nicht, dass ihn Dutzende von Augen schon lange beobachteten. Nicht nur sein gut gebauter Körper, sondern auch sein Charakter zog die Aufmerksamkeit der Dorfschönheiten auf sich. Jedes Mädchen wollte einen so tapferen und vor allem hilfsbereiten Bräutigam haben. Die Freundinnen stritten sich deswegen hin und wieder und spielten Wahrsagerinnen.
„Na, wer kriegt diesen blonden Jungen?“, wickelte sich die erste einen weißen Faden um den Finger und ging flüsternd die Buchstaben des Alphabets durch. „Schaut, Freundinnen, ich habe den Buchstaben D!“

„Meinst du etwa Dima? Ich habe gesehen, wie du an dem Faden gezogen hast. Dein kleiner Finger wird schon blau“, lachte die zweite. „Denk nicht mal daran! Ich kenne solche Zauberworte, da kann kein Junge widerstehen.“
„Nur ich werde diese Augen so blau und rauchig wie reife Blaubeeren anschauen. Nur ich werde diese Lippen küssen so leuchtend wie Preiselbeeren“, summte die Dritte romantisch und riss das letzte Kamillenblatt mit dem Wort „liebt“ ab.
„Mein Freund! Bis`du taub?“, unterbrach Nikolaj die angenehmen Erinnerungen. „Setz dich doch. In den Beinen steckt keine Wahrheit.“
„Ja, ja, stimmt.“
„Warum bis`du so nachdenklich?“, fragte Nikolaj und stieß Dmitrij mit dem Ellbogen so heftig in die Seite, dass er fast zu Boden stürzte.
„Verdammt, hast du Kraft!“
Nikolaj kicherte herablassend und spannte abwechselnd seinen Bizeps an: „Links is` ein Krankenhaus, rechts — ein Friedhof! Fühl mal!“
„Ich glaube dir aufs Wort. Hast du Felsbrocken in deine Ärmel gesteckt?“
„Genau! Riesige Steine! Ich bin zwar nicht groß, aber auch nicht mit dem Finger gemacht“, grinste Nikolaj. „Also, mein Freund, unten oder oben? Such`s dir aus, solange ich noch nett bin.“
„Na gut, solange du nett bist, werde ich mich mit der oberen Etage begnügen, wie bei uns zu Hause“, antwortete Dmitrij ohne zu zögern. „Unser Haus hat zwei Stockwerke.“
Eigentlich war es ihm egal, wo er schlief, aber er hatte Sorge, dass das obere Bett unter dem Gewicht seines Nachbarn zusammenbrechen könnte.
„Zweistöckig, sagst du? Ihr seid aber stinkreich“, grinste Nikolaj.
„Wieso denn reich? Das ist der Norden, Kolja. Wir können nicht anders.“
„A-a….“ Nikolaj sah Dmitrij eine Weile forschend an, dann gab er nach: „Na los, erzähl weiter.“
„Gut, aber beschimpf mich nicht wieder. Also, wir haben im Erdgeschoss einen Heuboden, da standen früher Kühe und ein Pferd. Die müssten wir in die Kolchose bringen. Du weißt schon…. Ich bin aber jeden Tag zu meinem Pferd gegangen, hab ihm Karotten gebracht, zum Knabbern. Nun ja, es hat mich auch ohne Leckerli nicht vergessen“.
„Ja, ja, ich verstehe. Ihr habt also dort eine Scheune und einen Stall.“
„Richtig. Scheune, Stall und Heuboden.“
„Hm…, gut. Und was ist jetzt da unten?“
„Ziegen und Schafe.“
„Ach so? Ich bin dann wohl ein Schaf?“ Nikolaj schnaubte laut.
„Hast du schon mal rote Schafe gesehen?“, lachte Dmitrij.
„Nö. Und was ist im ersten Stock?“, unterbrach Nikolaj das heikle Thema.
„In den ersten Stock führt eine lange Holztreppe. Oben ist eine große Plattform, auf der die ganze Familie Platz hat.“
„Sag mal, mein Freund: Warum erklärs`du alles so kompliziert? Warum sags`du nicht einfach Veranda?“
„Nein, nein, das ist keine Veranda, das ist eine lange Treppe unter dem Dach.“
„Na und? Unsere Veranda is`ja auch überdacht. Is`das nicht dasselbe?“
„Nein, das ist nicht dasselbe“, beharrte Dmitrij. „Bei euch hängt das Vordach direkt über der Veranda, aber bei uns kommt es schräg über die ganze Treppe. Kannst du dir das vorstellen?“
„Hm…. Und wozu dieser ganze Aufwand?“
„Sag ich doch: Das ist Norden. Bei uns braucht man so ein Schutzdach. Weißt du, wie viel Schnee wir haben? Bis zum Bart.“
„Nein, wirklich? Bis zur Hüfte habe ich schon gesehen, aber bis zum Bart? Was für ein Winter!“
„Nicht doch im ganzen Winter, an einem Tag! Und am nächsten Tag kommt wieder so viel. Nur…. Das ist eigentlich kein richtiger Tag, weil es kein Sonnenlicht gibt. Unser Winter ist eine lange, lange Nacht. Aber egal, davon rede ich gar nicht. Stell dir vor, du willst morgens aus dem Haus gehen, aber du kriegst die Haustür nicht auf, weil sie total zugeschneit ist. Und wenn du dann endlich alles frei geschaufelt hast, siehst du statt der Treppe eine Rutsche. Die musst du mindestens dreimal am Tag schrubben.“

„Wozu schrubben? Du kannst doch einfach runterrutschen“.
„Du bist aber flink! Wenn du jung bist, schaffst du das vielleicht, aber wenn du alt bist — dann brichst du dir alle Knochen. Die Treppe hat zwanzig Stufen.“
„Oje, das is`ja wirklich hoch. Und was ist im ersten Stock?“, fragte Nikolaj ungeduldig.
„Als erstes betrittst du den Vorraum. Da hängen alle möglichen Kräuter an den Balken. Es riecht…“ Dmitrij atmete tief ein, doch statt des ihm vertrauten Kräuterdufts stieg ihm ein starker Fußgeruch in die Nase. „Nun ja. In der Mitte des Raumes steht ein großer Tisch. Darauf kocht den ganzen Tag ein Samowar. Wenn ein kranker Nachbar kommt, brüht meine Mutter sofort die entsprechenden Kräuter auf. Unsere Dorfbewohner gehen mit ihren Beschwerden nicht zum Arzt, sondern zuerst zu meiner Mutter.“