Buch lesen: "My Little Pony - Daring Do und die verbotene Wolkenstadt"

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A. K. Yearling

My Little Pony - Daring Do und die verbotene Wolkenstadt

Für Lauren – deine Tagträume haben uns abheben lassen

Saga

My Little Pony - Daring Do und die verbotene Wolkenstadt übersetzt aus dem Englischen von Sarah Stosno nach My Little Pony - Daring Do and the Forbidden City of Clouds


HASBRO und das Logo MY LITTLE PONY sowie alle dazugehörenden Charaktere sind Markenzeichen von Hasbro und werden mit Zustimmung verwendet. © 2020 Hasbro. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 9788726220797

1. E-Book-Ausgabe, 2020

Format: EPUB 3.0

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Kapitel 1

Der verlassene Pfad hinter dem Kupfertaler-Canyon

„Da ist sie!“, riefen die Ponys. „Schnappt sie euch! Vorwärts!“ Die Stimmen rissen Daring Do aus einem so tiefen Schlaf, dass sie fast vergessen hätte, wo sie war. Ein kurzer Blick erinnerte die Abenteurerin jedoch daran, dass sie noch immer mitten im Nirgendwo in einem Zelt lag, ganz allein auf sich gestellt.

Nachdem sie fünf Tage die San-Palomino-Wüste durchquert und gegen die trockene, ermüdende Hitze sowie wütende Sandstürme angekämpft hatte, musste Daring Do jetzt das juwelenbesetzte Verfluchte Diadem von Xilati vor ein paar brutalen CowPonys beschützen, die nicht wussten, was gut für sie war. Wieder einmal.

Das gelbe Pegasuspony richtete seinen braunen Tropenhelm mit dem grünen Band und spähte durch einen Riss seines Zeltes. Durch den Streifen des verstaubten Stoffes konnte Daring Do die Umrisse der Gang am Horizont ausmachen. Sie seufzte tief, wie ein Pony, das immer wieder lästige Moskitos wegschlagen musste.

Seit Daring das Diadem aus dem zerfallenen Schrein am Rand der Wüste gerettet hatte, waren ihr verschiedene Diebestruppen dicht auf den geschundenen Hufen gewesen. Sie dachte, sie hätte sie alle endlich abgeschüttelt, da sie fast einen ganzen Tag lang keinem Pony begegnet war, und war davon ausgegangen, dass ein paar Stunden geschützt vor den unbarmherzigen Sonnenstrahlen keinen Schaden anrichten würden.

Daring verfluchte sich stumm dafür, dass sie eingeschlafen war, aber jetzt war es zu spät für Reue. Jetzt war es an der Zeit zu handeln und ihren Schatz zu beschützen. Zum Glück war niemand besser für diese Aufgabe geeignet als Daring Do.

„Gib uns die Krone, Darin’ Do!“, rief ein brauner Hengst, der nun deutlich zu erkennen war. Sie bemerkte seinen typischen Cowpony-Hut mit breiter Krempe und das verstaubte rote Taschentuch.

Als ihre Reise sie durch die San-Palomino-Wüste geführt hatte, hatte sie schon vermutet, dass die Wilder-Haufen-Gang auftauchen könnte. Slingshot und seine zwielichtigen Räuberkumpanen North Star und Spaghetti Slim würden sich von nichts aufhalten lassen, um Beute zu machen. Aber diese Schatzsucher waren anders als sie. Für sie war Geld das Einzige, was zählte. Ihnen war es egal, ob es sich um gestohlene Taler einer Bank handelte oder ein kostbares Artefakt, das sie aus einem verfallenen Tempel gerettet hatte. Wenn sie mit dem fraglichen Gegenstand Apfelsaft und andere Gefälligkeiten von ihrem Boss Old Tex bekamen, nahmen sie es sich. Außer natürlich es gehörte Daring Do. Anscheinend musste sie ihnen diese Lektion noch einmal erteilen.

„Netter Versuch, Slingshot!“, rief Daring Do und sprang aus ihrem Zelt. Mit einer schnellen Bewegung packte sie das funkelnde Diadem und ihren gesamten Besitz. Sie ließ ihr Vorderbein nach vorn schnellen, schnappte nach ihrem Zelt und verschnürte alles zu einem ordentlichen Paket. Dann schwang sie sich den Riemen über die Schulter und glättete den Kragen ihres grünen Abenteurerhemdes. Sie tastete kurz nach der Karte in ihrer linken Brusttasche, um sicherzugehen, dass sie noch da war.

Daring Do richtete sich stolz auf und rief den Ponys zu: „Ihr verschwendet eure Energie, Cowponys! Nehmt meinen Rat an, spart euch euer Gewieher und macht, dass ihr zurück ins Lager kommt, bevor Old Tex euch erwischt und aus eurem Fell seinen nächsten Halfter macht! Die Krone bekommt ihr niemals von mir!“

„Ach wirklich?!“, rief Slingshot zurück. Seine Vorderbeine schnellten herauszufordernd in die Höhe.

„Zu eurem Pech … ja.“ Aus dem Augenwinkel versuchte Daring Do ihre Umgebung zu scannen, doch sie hatte das Gefühl, als würde sie durch ein Fischaugenobjektiv schauen. Der Nebel des Schlafes hatte sich noch nicht ganz gelichtet, schließlich war sie seit Tagen auf den Hufen.

In der Ferne entdeckte sie einen auffälligen Kaktus, an den sie sich vom letzten Mal erinnerte, als sie hier unterwegs gewesen war. Er sah aus wie ein großer, gezackter Heißluftballon. Ihr fiel wieder ein, dass er am Rand der Wüste stand, aber auch, dass es noch mindestens ein vierstündiger Hufmarsch bis zur nächsten Ponystadt war, in der sie untertauchen könnte.

Die weite Wüste ließ ihr keine andere Wahl, als sich zu verstecken. Den einzigen Schutz boten nur ein paar spitze, grüne Kaktuspflanzen, die spärlich verteilt herumstanden, und riesige Steppenläufer, die hin und wieder über den Wüstenboden fegten. Ihre einzige Chance, die Wilde-Haufen-Gang dieses Mal abzuschütteln, bestand darin, in den wolkenlosen Himmel hinaufzufliegen. Doch North Star, Slingshots rechte Hand, war ebenfalls ein Pegasus. Und auch wenn der bullige, dunkelblaue Hengst meistens nur einen langsamen Start hinlegte, konnte er in der Luft ziemlich schnell werden.

Daring verzog keine Miene. Vielleicht konnte sie dieses Mal gewinnen, indem sie die Ponys unter Druck setzte. Sie hob eine Augenbraue und machte eine Hufbewegung: „Ich empfehle euch dringend weiterzuziehen, kleine Ponys.“

„Ich fürchte, das können wir nicht tun, Ma’am.“ Slingshot grinste unter seinem Dreitagebart. „Weißt du … Wir folgen dir schon, seit du den Kupfertaler-Canyon durchquert hast.“ Slingshot kniff seine blauen Augen zusammen und nahm seinen Hut ab. Darunter kam eine glanzlose blaue Mähne zum Vorschein, die verschwitzt an seinem Kopf klebte. Er tat so, als würde er sich sehr darauf konzentrieren, Dreck von seiner Hutkrempe zu reiben, während er sprach – eine Taktik, um sein Desinteresse an dem zu zeigen, was Daring Do zu sagen hatte, auch wenn genau das Gegenteil der Fall war. „Die Reise durch die Schlucht der Klapperschlangen war auch kein Sonntagsspaziergang im Park.“

„Wirklich?“ Daring Do lachte und ging ein paar Schritte vor. „Ich hatte mit den Schlangen keine Probleme! Du und deine Jungs sind wohl etwas verweichlicht …“

„Hör zu, kleine Lady!“ North Star hustete, während er sich mit einem weißen Taschentuch über die Stirn wischte. Er sah aus, als würde er durch die stickige, trockene Hitze bald alle Hufe von sich strecken. Vielleicht war er doch nicht in der Lage, sie im Fliegen zu schlagen. „Glaubst du wirklich, dass wir den Schatz zurücklassen, wenn wir ihn doch … äh … brauchen? Also, wir sollten ihn bekommen, weil du ihn hast und wir ihn wollen und, äh …“ Er schaute verwirrt auf seine Hufe.

Slingshot verdrehte die Augen. „Ich glaube, was mein Kumpel hier versucht zu sagen, ist, dass wir nicht mit leeren Hufen zurückkehren!“

„Ja!“, rief North Star und nickte. „Nur mit vollen Hufen!“

Spaghetti schwang sein Lasso und hoffte, Daring Do damit einzuschüchtern. „Also wirf einfach das Diadem rüber, und kein Pony wird verletzt!“

„Du bist erledigt, Do!“, sagte Slingshot und nickte zustimmend. „Die Krone gehört uns so sicher wie Steppenläufer durch die Steppe laufen!“

„Genau das ist dein Problem, Slingshot.“ Daring lachte. Sie klopfte auf den Schatz, der sicher in ihrer provisorischen Leinentasche lag. „Du weißt nicht mal, was ihr von mir stehlen wollt.“ Daring Do griff in ihre Tasche und hielt das Diadem für alle in die Höhe. Die Hengste schnappten nach Luft. „Weil ich aber so ein Geschichtsfan bin, will ich mal nicht so sein …“

„Gib es mir!“, knurrte Slingshot und stampfte mit den Hufen auf den Boden.

„Wie wär’s mit etwas Nachhilfe?“, fuhr Daring fort und ignorierte seinen Befehl. „Dieses hübsche Ding hier ist das Verfluchte Diadem von Xilati, und es gehörte der Herrscherin des Wüstenhimmels.“ Daring Do strich mit einem Huf über das goldene Artefakt, das mit funkelnden Saphiren und Diamanten besetzt war. Die Sonnenstrahlen fielen auf den Schatz und überzogen die dreckige, mürrische Räubertruppe mit Hunderten von winzigen Regenbögen. Da versuchten sie, einen auf harte Ponys zu machen und bedrohlich zu wirken, und funkelten dabei überall! Daring Do fand diesen Widerspruch ziemlich belustigend.

„Die alte Legende besagt, dass diese Krone zu ihrem Schwesterndiadem gehört – der Krone von Teotlale, das von der Herrscherin des Wüstensandes getragen wurde. Der Legende nach liebte Teotlale ihre Schwester Xilati so sehr, dass sie sich wünschte, sie könnten für immer zusammen sein. Als Xilati den Herrscher eines anderen Königreiches heiratete, vermisste Teotlale sie so sehr, dass sie die Juwelen für immer verfluchte!“ Sie ließ das Diadem vor Slingshot an ihrem Huf baumeln, der den Blick nicht abwenden konnte und einen Huf danach ausstreckte.

„Deshalb ist sie verflucht, versteht ihr?“ Daring Do blinzelte, nahm die Krone an sich und ging ein paar Schritte zurück. „Wenn die beiden Kronen länger als vierzehn Monde voneinander getrennt sind, wird es auf ewig Nacht … und zwar für alle Ponys!“ Daring senkte ihre Stimme und flüsterte: „Gut, dass ich weiß, wo die Krone von Teotlale sich befindet, seit sie vor dreizehn Monden gestohlen wurde …“

„Was für ein Haufen verfaultes Heu!“, grummelte North Star und spuckte einen dicken Klumpen Apfelkaubonbon auf den Boden. Er lehnte sich nach vorn und breitete die Flügel aus, bereit für den Start. „Ich hab das Gequatsche wirklich satt, Sling. Gleich erzählt sie uns auch noch, dass es den Heiligenschein des Himmels wirklich gibt. Dabei weiß doch jedes Pony, dass es den nicht …“

„Jetzt halt doch mal dein Schnäuzelchen!“, rief Slingshot und hob einen Huf, um seinen Kameraden zum Schweigen zu bringen. „Ich mach das!“

„Wirklich?!“, rief Daring Do über die Schulter, als sie in einen Galopp ausbrach und von der Gruppe davonlief. Sandfarbene Staubwolken blähten sich auf und erzeugten einen beigen Schleier. Als er sich legte, sahen die Ponys in der Ferne einen Zug, der direkt auf sie zusteuerte.

Kapitel 2

Flucht vor der Wilder-Haufen-Gang

Daring Do warf einen Blick zurück auf die riesige Lokomotive, die in ihre Richtung raste, doch sie behielt ihr Tempo bei und lief neben den Gleisen her. Slingshot und seine Männer verfolgten sie und riefen sich im Tumult unverständliche Befehle zu. Es klang, als würden sie versuchen, Daring wie eine Kuh zusammenzutreiben. Bei dem Gedanken musste Daring Do lachen.

Die Abenteurerin verlangsamte ein wenig ihr Tempo und ließ die Jungs aufholen. Als Spaghetti dann gerade sein Lasso nach ihr werfen wollte, breitete Daring Do ihre Flügel aus und flog auf das Dach von einem der Wagons. North Star und Spaghetti stolperten ineinander und rollten in einem Knäuel über den staubigen Boden. Doch Slingshot war nicht aus der Ruhe zu bringen. Er zog sich auf die Ladefläche eines offenen Wagons, in dem Heuballen und fette, quiekende Schweine transportiert wurden. „Lass mich, du Schweinchen!“, fluchte er, als ihn ein schmatzendes Schwein wie einen Snack abzuschlecken begann.

Über ihm rannte Daring Do mit ausgebreiteten Flügeln über die Dächer des fahrenden Zuges. Sie wollte gerade in die Luft abheben, als sie auf dem nächsten Wagendach eine Luke erblickte. Perfekt. Wenn sie hineinspringen und sie hinter sich schließen konnte, hätte sie Slingshot ausgesperrt! Der Pegasus sah über seine Schulter. Ihr Verfolger war voller Schweinedung und hatte Schwierigkeiten, sich auf dem Dach auf den Hufen zu halten. „Ich krieg dich!“, rief er mit einem wilden Funkeln in den Augen.

Die Rauchwolken aus dem Schornstein wehten ihm ins Gesicht und brachten ihn zum Husten. Daring nutzte die Gelegenheit, um durch die offene Luke zu kriechen, wobei sie sie einen Spalt breit offen ließ und sich am Rand der Öffnung festhielt. Sie sah hinunter und entdeckte zwei fauchende Tiger – kein Ort, an dem sie lange bleiben konnte. Ein paar Sekunden später tauchte Slingshots Gesicht über ihr auf. Er versperrte den Durchgang. Wenn er die Luke schloss, war Daring Do ohne Ausweg in dem Wagon gefangen.

„Jetzt sitzt du in der Falle, Daring Do!“ Slingshot lächelte triumphierend. Seine Mähne wehte im Fahrtwind, während die Wüstenlandschaft an ihnen vorbeizog. „Gib mir die Krone, oder du fährst den weiten Weg in den Eisnorden – und zwar mit deinen neuen Freunden!“ Die Tiger fauchten als Antwort und kreisten unter ihnen, während die beiden Ponys verhandelten.

„Es ist ein Diadem!“, knurrte Daring und zog sich hoch, sodass ihr Kopf direkt neben seinem war. „Und es gehört zu seiner Schwester – in ein Museum!“ Daring packte Slingshots Lasso, wickelte es um ihn und schwang seinen Körper zum nächsten Wagon, wo er schreiend in die offene Luke fiel.

Daring flog zu dem Wagon und über die geöffnete Falltür. Sie rief hinunter zu Slingshot, der in einem großen Haufen Elefantenmist gelandet war: „Vielleicht kannst du dir ja irgendwann mal die Ausstellung ansehen, Slingshot. Sag ihnen, Daring Do hätte dich geschickt!“

Slingshot stöhnte als Antwort, während er versuchte, sich den Mist vom Gesicht zu wischen. Daring wartete kurz, bis er fertig war und ihr dabei zusehen konnte, wie sie siegreich davonflog.

Kapitel 3

Die Rettung von Ravenhoof

Daring Do klopfte erneut das schwere Hufeisen aus Messing gegen die antike Holztür. „Halloooo? Ist hier irgendein Pony?“ Sie hielt ihren Kopf schief und lauschte. Stimmen. Zwei. Sie wartete kurz, bevor sie rief: „Ravenhoof, alter Kumpel, mach die Tür auf! Ich muss duschen und brauche was zu essen! Oh, und ich habe eine Theorie, an der du sicher interessiert bist, über einen besonderen Schatz, den ich dir mitgebracht habe. Es ist das Dia–“ Die Tür schwang auf und A.B. Ravenhoof erschien sichtlich erschöpft im Türrahmen. Sein fusseliger grüner Cardigan war falsch geknöpft und seine Nickelbrille saß schief im Gesicht. Daring Do lächelte. „Du siehst furchtbar aus.“

„Psst!“, fauchte Ravenhoof sie an und hielt Daring die Schnauze zu. „Keinen weiteren Pieps.“ Er wich langsam zurück ins Haus und zeigte auf den Schrank im Flur. „Ah, wie schön, dich wiederzusehen, Compass Rose! Aber ich bin gerade eigentlich beschäftigt …“

„Tut mir leid, dass ich so hereinplatze, Sir“, antwortete Daring Do, die seinen Hinweis verstanden hatte und sich jetzt als Pony namens Compass Rose ausgab. Ravenhoof saß eindeutig in einer Art Geiselnahme oder Überfall fest. „Schenken Sie mir nur einen Augenblick Ihrer Zeit. Den werden Sie doch sicherlich haben, oder?“

Ravenhoof lächelte nervös. „Natürlich. Wie wär’s mit einem süßen Löwenzahntee? Den trinkst du am liebsten, nicht wahr?“

„Wie schön, dass Sie sich erinnern!“ Daring Do sprach in einer Stimmlage, die zu einem Pony passte, das etwas eleganter war als sie. „Zwei Stück Zucker und gerne einen Apfelkeks dazu, falls Sie einen haben.“ Sie ließ sich auf dem geblümten Ohrensessel nieder und gab vor, in einem Buch auf dem Beistelltisch zu lesen, während Ravenhoof in der Küche hantierte. Sie untersuchte das stille Zimmer. Alles schien in Ordnung zu sein, aber sie konnte spüren, dass irgendwas nicht stimmte. „Hatschi!“ Aus der Richtung des Schrankes ertönte ein unterdrücktes Niesen. Aha! Das mysteriöse Pony versteckte sich also dort. Wie unpraktisch. Eigentlich wollte Daring Ravenhoof unbedingt ihren hart erkämpften Preis zeigen und das Diadem von Xilati zur Krone von Teotlale zurückbringen. Ihnen lief die Zeit davon.

Es schien, als würde sie das nur können, wenn sie zunächst das andere kleine Problem aus der Welt schaffte. Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang Daring Do – mit den Hinterbeinen voran – quer durch den Raum. Ihre Hufe zertrümmerten die Schranktür und sie entdeckte eine hockende Gestalt, die sich unter einem Haufen aus Umhängen und Hüten versteckte. „Ich kann dich sehen“, erklärte Daring Do. „Wer du auch bist, komm heraus, bevor ich ... argh!“ Daring wurde plötzlich herumgerissen und stürzte zu Boden. Als sie sich wieder umdrehte, sah sie, dass ihr Angreifer ein blassgraues Pony mit einem lila Hemdkragen um den Hals war. Sein Schönheitsfleck war eine lila-gelbe Explosion, die von vier schwarzen Sternen umgeben war. Seine kurze schwarze Mähne war zerwühlt und er grinste sie boshaft an. Sie kannte den Hengst – es war Withers, einer von Dr. Caballerons Handlangern! Normalerweise trug er eine schwarze Sonnenbrille, aber die hatte er wohl im Schrank verloren.

Daring Do warf das Diadem auf Ravenhoofs Schreibtisch und rollte sich weg von Withers über den Boden. Sie war sich nicht sicher, was er hier wollte, aber wenn Withers den Schatz in seine Hufe bekam, würde er sicher versuchen, sich damit davonzumachen – wie auch mit allem anderen, was Daring Do entdeckt hatte.

„Withers!“, rief Daring Do und sprang wieder auf die Hufe. „Was willst du hier?“ Sie ging einen Schritt auf ihn zu und lehnte sich mit einem misstrauischen Blick vor. „Ist Caballeron auch auf dem Weg hierher?“

Das Pony lachte hochmütig und sprang auf den Esstisch aus Holz. Sein Blick schoss alle paar Sekunden hinauf zur Decke. Er sprang immer wieder hinauf zur rostigen Deckenlampe. Irgendwas, das er unbedingt haben wollte, war dort versteckt. In Ravenhoofs Haus gab es viele Gegenstände von großem Wert, daher konnte man nicht so leicht sagen, was es war. Dennoch musste sie es beschützen.

„Hey!“, knurrte Daring, breitete die Flügel aus und flog quer durch den Raum. Sie schwebte über Withers Kopf und versuchte, seinen Blick auf sich zu ziehen, doch er ignorierte sie weiterhin und versuchte die Lampe zu packen. Als er sie schließlich in die Hufe bekommen hatte, begann er hin- und herzuschaukeln, indem er das Lampenkabel so einsetzte, wie Daring Do Lianen im Dschungel. Seine Technik war jedoch schlampig. Withers war eindeutig nicht das sportlichste Pony. Jetzt wurde Daring Do langsam auch klar, dass es sich um eine Solomission handelte. Ohne Verstärkung hatte er keine Chance.

„Ich. Habe. Dir. Eine. Frage gestellt!“, rief Daring Do nun ungeduldig. „Wo ist Caballeron?“ In der Hoffnung, dass es ihn verwirren und nervös machen würde, begann sie um ihn herzumzufliegen. Schon bald verlor Withers den Halt und fiel zusammen mit der Lampe polternd zu Boden. Sein Blick fuhr wieder zu der Stelle hinauf, die er hatte erreichen wollen, und endlich sah Daring Do das Objekt seiner Begierde – ein zusammengerolltes Stück Pergament auf dem höchsten Bücherregalbrett. Ging es bei all dem Aufheben um ein kleines Stück Schriftrolle? Es könnte alles darauf geschrieben stehen. Es musste aber pikant sein. Jetzt verspürte auch Daring Do den heftigen Wunsch, es zu besitzen.

„Ich weiß, was du haben willst, Withers“, bluffte Daring und hielt Withers am Boden fest. „Und du wirst es auf keinen Fall bekommen. Geh, und ich erzähle Caballeron dann vielleicht auch nicht, dass du sogar zu feige warst, um mit mir zu reden. Das kann unter uns bleiben.“

Withers stöhnte besiegt, nickte und richtete sich auf. Das Pony schoss in die Zimmerecke, hob seine Sonnenbrille vom Boden und setzte sie wieder auf. Dann lief er zur Tür hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Daring Do lachte, als sie ihn davon galoppieren sah. Was für ein kläglicher versuchter Diebstahl das gewesen war!

„In Ordnung, da wären wir!“ Ravenhoof betrat mit einem kitschigen Teeservice in den Hufen den Raum. Einladender Dampf stieg aus dem Schnabel der Kanne. Er sprach sehr laut und betonte das ein oder andere Wort, um den Eindringling in Sicherheit zu wiegen. „Ich glaube, ich konnte uns ein paar leckere, äh, Häppchen auftreiben!“ Plötzlich bemerkte er das unglaubliche Chaos aus umgestürzten Möbelstücken und der abgerissenen Deckenlampe. Ravenhoof fiel die Kinnlade herunter. „Was in aller Welt hast du getan, Do?!“ Sein Blick schnellte zum Schrank.

„Ach, der ist weg.“ Daring rieb die Hufe aneinander, als würde sie sie nach einer schweren Aufgabe säubern. Sie sah grinsend über ihre Schulter. „Ich war so frei, mich um Ihre Problemchen zu kümmern … damit wir jetzt zu meinem kommen können.“

Das alte Pony sah noch einmal hinüber zum Schrank, der weit offen stand, und zu der Lawine aus Kleidung, die sich auf den Boden ergossen hatte. Er war ein wenig verdattert, wie so viel in so kurzer Zeit hatte passieren können, doch der Ex-Abenteurer und Aufrührer in ihm war nicht allzu überrascht. „Na, das wäre wohl geklärt.“

„Okay, wo war ich stehengeblieben?“ Daring Do griff in ihre Satteltasche und zog die glitzernde Krone hervor. „Ach ja, bei meinem kostbaren Artefakt, das ich gerade noch rechtzeitig vor verschiedenen San-Palomino-Banden retten konnte und das nun mit seinem Schwesternstück vereint werden soll, damit sich nicht für immer die Dunkelheit über uns herabsenkt.“ Sie drehte die Krone in ihren Hufen herum, damit sie im Licht glitzerte und noch beeindruckender aussah.

„Beim großen Trab!“ Ravenhoof ließ das Tablett mit Tee und Keksen fallen. Klappernd und klirrend verteilte sich alles über dem Boden. Mit ehrfürchtigem Blick eilte er zu Daring Do und nahm ihr die Krone behutsam aus den Hufen. „Du hast es tatsächlich geschafft!“ Ravenhoof war beeindruckt und untersuchte das Diadem – inklusive Juwelen, Inschrift und Kratzer. „Du hast das Diadem von Xilati rechtzeitig gefunden!“

„Genau genommen habe ich es einen Tag zu früh gefunden.“ Daring Do tippte gegen ihren Helm. „Aber wer zählt schon mit?“, witzelte sie. Sie liebten es, sich gegenseitig herauszufordern und zu sehen, wie schnell sie ihr Ziel erreichten. Manchmal wetteten sie um Taler, manchmal nur zum Spaß. Da Ravenhoof langsam in die Jahre kam, war es mittlerweile öfter so, dass er sich die Herausforderung ausdachte und nur Daring auf die Abenteuerjagd ging.

„Ich schätze, ich schulde dir ein paar Taler, du schlaue Stute.“ Ravenhoof lächelte und trottete hinüber zu seinem Schreibtisch. Er griff nach einer Lupe. „Ich dachte, das Diadem wäre für immer verloren, nachdem die Krone von Teotlale auf diesem Trödelmarkt am Fluss aufgetaucht war. Ich dachte, wir müssten aus erstem Huf erfahren, ob die Legende über den Fluch wahr ist oder nicht.“ Ravenhoof ging zu einem Regal in der Ecke, auf dem weiße Wachzylinder gestapelt standen. „Ich habe sogar Kerzen gebunkert!“

Die kostenlose Leseprobe ist beendet.

Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
05 Mai 2025
Umfang:
81 S. 2 Illustrationen
ISBN:
9788726220797
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Rechteinhaber:
Bookwire
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