Friede kehrt ein

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Monika Büchel (Hrsg.)

Friede kehrt ein

24 Weihnachtsgeschichten

mal besinnlich mal heiter

Impressum

© 2013 by Bibellesebund, Marienheide

Alle Rechte vorbehalten

© 2020 der E-Book-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

Alle Rechte vorbehalten

https://shop.bibellesebund.de/

Autor: Monika Büchel (Hrsg.)

Covergestaltung: Julia Neudorf

ISBN 978-3-95568-405-1

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

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Inhalt

Titel

Impressum

Weihnachten ohne Jesus?

Heilige Nacht im August

Anders als erwartet

Die Weihnachtspredigt eines Neugeborenen

Hoher Besuch

Stille Nacht auf dem Meer

Merry Xmas

Eine besondere Nacht

Schutzengel und Weihnachtswünsche

Der Bilderrahmen

Durchkreuzte Weihnachtspläne

Mary and Joseph oder das Wunder der fünften Straße

Der Friedefürst und die Friedensfürstin

Der Weihnachtsbaum, der stank

Ein ganz besonderer Weihnachtsduft

Der Glasstern

Emmas Weg aus der Einsamkeit

Das überraschende Weihnachtsgeschenk

Das Weihnachtswunder

… und irrt ich im Dunkeln

Der Weihnachtshase

Die Engel vom Klavier

Die geklaute Weihnachtsfreude oder: Nicht zur Nachahmung empfohlen!

Heimat für einen Nachmittag

Hinweise für Gruppenstunden

Weihnachten ohne Jesus?

von Susanne Hornfischer

Der Junge war ihr vorher gar nicht aufgefallen.

Heute hatte sie aber auch besonders viel um die Ohren. Sie musste am Nachmittag ohne ihre Mitarbeiterin auskommen, und dann hatte jemand in der Mittagspause einfach mehrere Kartons mit Büchern und Haushaltsgegenständen vor die Tür des Trödelladens gestellt. Sie wusste erst nicht, wohin damit. Da hieß es als Erstes Platz schaffen, damit die Leute den Laden überhaupt betreten konnten. Sie freute sich ja über gespendete Sachen für den Tierschutzverein, aber einfach die Tür zu blockieren ... Nun standen die Kartons in den Gängen und es war kaum durchzukommen. Sie ärgerte sich und schimpfte murmelnd vor sich hin.

Und dann sah sie den Jungen. Er musste wohl schon eine Zeitlang im Gang gestanden haben. Am Boden um ihn herum hatte sich eine Pfütze vom getauten Schnee gebildet. Ganz verloren stand er da.

„Na, du “, sprach sie ihn an, „kann ich was für dich tun? Willst du was kaufen?“

Der Junge, er mochte neun oder zehn Jahre alt sein, sah sie mit einem Blick an, der schwer zu deuten war. Las sie da Angst in seinen Augen oder war es nur Schüchternheit?

„Bist du allein hier?“

Der Junge warf einen kurzen Blick durch das vollgestopfte Schaufenster nach draußen. Direkt vor der Scheibe stand ein Mann, der in seine Richtung sah. Könnte sein Vater sein, dachte sie. Komisch, dass er nicht mit reingekommen ist.

„Also, wenn ich dir helfen kann, sag’s mir. Ansonsten muss ich jetzt weitermachen. Du siehst ja, dass man sich hier kaum rühren kann.“

Behalte die komische Frau da drüben im Auge, dachte sie noch. Die wühlt so auffällig unauffällig in der Schublade mit den Silberbestecken herum.

Wieder blickte der Junge an den Gemälden, Vasen und Wandtellern vorbei zu dem Mann auf der Straße, der offensichtlich frierend und unruhig mit den Füßen stampfend eine Handbewegung zu ihm hin machte.

„Ich heiße Johannes und will Ihnen was zurückgeben.“

Der Junge griff in die Seitentasche seines Anoraks und zog etwas Kleines, in Küchenkrepp Eingewickeltes heraus. Mit einer raschen Bewegung drückte er es ihr in die Hand, drehte sich augenblicklich um, stieg flink und gewandt über die Kisten und Kartons und riss die Tür auf. Er zögerte kurz und rannte dann weg. Die mit allerlei Klimbim behängte Glastür schepperte und fiel krachend ins Schloss.

Durch die Scheibe sah sie, dass der Mann hinter dem Jungen herlief. Dann waren beide verschwunden.

Sie wickelte das Papierpäckchen vorsichtig, fast ein wenig ängstlich aus und starrte ratlos auf die kleine Figur aus Kunststoff in ihren Händen. Im nächsten Moment fiel ihr Frau Schneider ein, ihre Mitarbeiterin, die ihr gestern aufgeregt von einem Diebstahl erzählt hatte. „Stellen Sie sich nur diese Dreistigkeit vor: Man hat uns das Jesuskind geklaut!“

„Wie? Das Jesuskind geklaut?“ Ihr Gesicht muss ein Fragezeichen gewesen sein.

Frau Schneider berichtete, jemand habe in der Weihnachtsecke des Ladens den Plastikdeckel einer Schachtel mit Krippenfiguren eingeritzt, aufgeklappt und zielsicher die Figur des Jesuskindes rausgefingert.

„Ist das nicht frech? Da können wir gleich die ganze Schachtel wegwerfen, die Krippenfiguren ohne das Jesuskind kauft keiner. Schade!“ Ihre Mitarbeiterin war ärgerlich und traurig zugleich gewesen.

Und was hatte sie dazu gesagt? „Ja, da geb ich Ihnen Recht, die Figur sehen wir bestimmt nie wieder. Aber wissen Sie was? Schauen Sie mal her. Eigentlich fällt das doch kaum auf, finden Sie nicht? Die Vertiefung hier in der Krippe, ob die nun leer ist oder nicht ... Maria und Josef sind ja da und der Ochse und der Esel und hier die Hirten mit ihren Schafen und die drei Weisen mit ihren Geschenken. Lassen Sie das mal stehen, vielleicht kauft das doch noch jemand. Ist ja auch ganz billig. Ich glaube, das merkt gar keiner, dass da eigentlich was fehlt.“

„Wenn Sie meinen ...“ Mehr hatte ihre Mitarbeiterin nicht gesagt. Aber sie hatte genau gewusst, was Frau Schneider dachte und am liebsten auch geäußert hätte: Weihnachten ohne die Botschaft von Jesus, für mich wäre das undenkbar! Jesus ist doch unser Retter und das feiern wir an Weihnachten – oder so was Ähnliches. Aber ihr musste sie damit nicht kommen und das wusste die Schneider genau. Sie hielt nichts von dem frommen Getue um einen Heiland, der als Kind auf die Welt kommt und sich für die Menschheit opfert. Weihnachten, das ist das Fest der Liebe und der Familie, so sah sie die Sache. Natürlich gehörte an Heiligabend für manche Leute die Kirche dazu und das Lesen der Weihnachtsgeschichte und „O du fröhliche“ und „Stille Nacht“. Aber dann war es für die meisten auch abgehakt bis zum nächsten Jahr. Mit ihrem Alltag hatte das Ganze nichts zu tun. Ihr Mann nannte es „Folklore“ und „romantisches Tralala“. Schön anzusehen und angenehm im Gefühl, aber mehr nicht. Hauptsache, das Essen schmeckt, der Weihnachtsbaum steht gerade und die Kinder meckern nicht über ihre Geschenke. Deshalb war es ihr auch egal, ob in der Krippe nun eine Figur lag oder nicht.

Sie hatte den Klebefilm-Abroller geholt und ruckzuck die Einschnitte in der Schachtel geflickt. Die Beschädigung war kaum noch zu sehen. Und dass da was fehlte, auch nicht.

Und nun brachte doch tatsächlich einer die Figur zurück! Damit hätte sie nie gerechnet. Noch dazu ein Junge, der ganz ordentlich und manierlich aussah.

Sie war etwas aus der Fassung geraten und setzte sich auf den Stuhl hinter den Kassentisch.

„Was soll das hier kosten?“ Die Kundin, die sie eigentlich hatte im Auge behalten wollen, legte eine schwarz angelaufene Zuckerzange vor sie hin.

„Fünf Euro, einverstanden? Die ist alt. Kann man nicht mehr nachkaufen.“

„Gut, fünf Euro, die kriegen Sie. Gerne sogar! Genau so eine Zange hat mir noch gefehlt. Eigentlich hat man ja so was gar nicht mehr, aber ich bin noch vom alten Schlag, wissen Sie. Eine Zuckerzange muss sein, damit auf dem Kaffeetisch alles perfekt ist. Danke! Vielen Dank!“ Die Kundin zählte fünf Euromünzen auf den Geldteller und steckte das Objekt ihres Glücks freudestrahlend ein. „Ich seh mich noch ein bisschen um, ja? Vielleicht finde ich ja noch so einen Schatz, wer weiß!“

 

Wieder schepperte die Tür, als jemand den Laden betrat. Sie erkannte sofort den Mann vom Gehsteig. Er hatte den Jungen im Schlepptau. Wie hieß er doch gleich? Johannes? Jetzt bin ich aber gespannt, dachte sie und griff nach der Figur, die sie neben der Kasse abgelegt hatte. Mit fragendem Blick hielt sie sie den beiden wortlos entgegen.

Der Junge schaute zu dem Mann auf. Der nickte ihm aufmunternd zu: „Nun mal los!“

Mit hochrotem Kopf trat der Junge einen kleinen Schritt vor und sagte leise: „Bitte entschuldigen Sie. Ich mach so was nie wieder. Es tut mir echt leid.“

„Warst du das? Hast du das Jesuskind aus der Packung geholt?“

„Ja, weil ... das fehlte bei uns. Wir haben zu Hause die gleichen Figuren und irgendwann war das Jesuskind weg und Mama hat überall gesucht, und als ich die Figur hier in Ihrem Laden gesehen habe, dachte ich, ich brauch ja nur das Kind. Und weil ich auch kein Geld hatte ... Aber ich weiß, dass man das nicht darf, klauen. Tut mir wirklich leid, bitte entschuldigen Sie!“

Der Mann hatte ihn die ganze Zeit von der Seite angesehen und sagte nun leise: „Ist gut, Johannes. Jetzt ist es gut.“

Der Junge sah sie fragend an. „Es ist doch gut, oder?“

„Ja, es ist gut. Ich nehme deine Entschuldigung an. Du hast wirklich Mut, Johannes. Das hast du gut gemacht – das Entschuldigen, nicht das Stehlen.“

Sie wandte sich an den Mann. „Und Sie auch. Sie haben das auch gut gemacht, den Jungen zu begleiten, meine ich.“

Und zu Johannes sagte sie noch: „Wollen wir das Jesuskind wieder an seinen Platz legen? Kommst du mit?“

Der Junge nickte mit gesenktem Kopf und sie gingen zu dritt in die Ecke mit dem Weihnachtsschmuck.

Johannes fand die Schachtel mit dem geklebten Deckel sofort, hob ihn vorsichtig hoch und legte die Figur fast andächtig in die Futterkrippe. „Da gehört er hin“, hörte sie ihn leise sagen. „Weihnachten ohne Jesus, das geht ja gar nicht.“

Weihnachten ohne Jesus, das geht ja gar nicht. Mit diesem Satz im Kopf fuhr sie nach Hause. Weihnachten ohne Jesus, das geht ja gar nicht. Mit diesem Satz im Kopf ging sie ins Bett, dieser Satz verfolgte sie, als sie nachts ein paar Mal aufwachte. Dieser Satz war auch am Morgen ihr erster Gedanke: Weihnachten ohne Jesus, das geht ja gar nicht.

Später im Laden lief sie als Erstes in die Weihnachtsecke, nahm die Schachtel mit den Krippenfiguren in ihre Hände und strich sacht über das Jesuskind. Dann gab sie sich einen Ruck und wandte sich an ihre Mitarbeiterin: „Frau Schneider, darf ich Sie in der Mittagspause zu einem Kaffee einladen? Ich möchte Sie mal was fragen ...“

Heilige Nacht im August

von Monika Büchel

Die Nachricht hatte uns aufgeschreckt, dass Opa das nächste Weihnachtsfest wohl nicht mehr erleben würde, das Fest, dem er noch immer mit kindlicher Freude, glänzenden Augen und großer Ungeduld entgegenfieberte.

Wenn sie sich am ersten Weihnachtstag als Familie trafen, hatte er es sich nie nehmen lassen, die Weihnachtsgeschichte aus seiner großen, abgegriffenen Bibel vorzulesen. Wir Erwachsenen kannten das und warteten gespannt auf einen bestimmten Satz. Wenn er an diese Stelle kam, atmete Opa noch einmal tief durch und las mit seiner festen, wohlklingenden Stimme: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Danach schwieg er eine Weile, bevor er fortfuhr. Sogar als die Enkelkinder noch jünger waren, lauschten sie Opa still. Irgendwie spürten sie, wie besonders der Augenblick und wie wichtig Opa dieser eine Satz war.

Ja, der Satz bedeutete ihm alles, denn das „Heute“ war für ihn nicht nur jene eine Nacht, damals vor 2000 Jahren in Bethlehem. Nicht nur in jener Nacht hatte Gott es hell werden lassen. Nicht nur in jener Nacht hatte Gott den Beweis geliefert, uns ganz nah zu sein. Nicht nur in jener Nacht hatte Gott seine tiefe Liebe zu uns in Jesus gezeigt. Dieses „Heute“ galt für Opa jeden neuen Tag, das ganze Leben lang. Auch an dem Tag, an dem er die Diagnose der unheilbaren Krankheit erhielt. Selbst da drang ein Lichtstrahl in die bevorstehende dunkle Zeit, weil Jesus, der Heiland, lebt und bei ihm sein würde, was auch immer geschieht. Das war Opas unerschütterlicher Glaube, weil er es tausendfach erlebt hatte.

Als wir uns einigermaßen von dem Schock erholt hatten, hielten wir Erwachsenen Familienrat bei Mutter. Meine unverheiratete Schwester war aus dem Norden angereist, meine Frau und ich kamen aus dem Nachbarort gefahren. Unser Vater lag zu der Zeit im Krankenhaus. Es war klar, dass die Betreuung zu Hause immer schwieriger werden würde und Mutter die Pflege bald nicht mehr bewältigen konnte. Klar war auch, dass die Schmerzen unseres Vaters zunehmen würden.

„Euer Vater ist sehr gefasst“, sagte Mutter und wischte sich die Tränen vom Gesicht. „Ich wünschte, wir könnten ihm noch eine ganz große Freude machen, bevor alles noch schlimmer wird.“

Wir überlegten hin und her, machten Vorschläge, die wir bald wieder verwarfen. Es musste ja nicht nur etwas sein, worüber er sich freute, sondern etwas, was zu Hause möglich war und Vater nicht zu sehr anstrengen würde. Aber was?

„Warum feiern wir nicht Weihnachten mit Vater?“, schlug meine Schwester vor.

„Weihnachten im August? Mit Christbaum und so? Das geht doch nicht“, sagte meine 10-jährige Tochter, als meine Frau unseren Mädchen davon erzählte.

Und die 14-Jährige meinte: „Da kommt doch gar keine Stimmung auf, mitten im Sommer. Da schmelzen ja die Kerzen am Baum.“

Aber wir hielten an unserem Plan fest und feierten eine Woche später Weihnachten. Ich hatte – sehr zur Verwunderung meines Nachbarn – am Tag davor eine mittelgroße, gerade gewachsene Tanne im Garten gefällt, sie im Wohnzimmer meiner Eltern aufgestellt und mit meiner Frau und meinen Töchtern mit den üblichen Sternen und Kugeln und ausnahmsweise elektrischen Kerzen geschmückt. Darunter hatten wir die Krippe aus dem Erzgebirge aufgebaut. Was sonst ein ausgelassenes gemeinsames Unternehmen gewesen war, geschah diesmal eher traurig und still. Der Gedanke, dass Opa bald sterben würde, hatte uns bedrückt.

Opa war am Morgen aus dem Krankenhaus entlassen worden und lag seitdem blass in seinem Bett. Er wusste, dass wir alle zusammen am Nachmittag Kaffee trinken würden. Der eigentliche Anlass sollte eine Überraschung für ihn sein.

Als es so weit war, half ich meinem abgemagerten Vater aus dem Bett, setzte ihn in den Rollstuhl und legte eine leichte Decke über seine Beine.

„Danke, mein Junge!“, sagte er nach Atem ringend, weil ihn die kleine Aktion angestrengt hatte.

Wie hinfällig der einst so tatkräftige Mann innerhalb weniger Monate geworden war! Ich spürte einen Kloß im Hals, als ich ihn über den Flur schob. Mutter stand bereits an der Wohnzimmertür und öffnete sie mit einem tapferen Lächeln. Ich fuhr meinen Vater in den verdunkelten Raum.

In der Zimmerecke leuchteten die Kerzen am Christbaum. Rechts und links daneben standen die restlichen Familienmitglieder und warteten gespannt auf die Reaktion von Opa. Von einer CD erklang ein Weihnachtslied. Wir hatten beschlossen, nicht selbst zu singen, weil wir nicht wussten, ob wir in Tränen ausbrechen würden.

Opa blinzelte mit den Augen und schaute sich ungläubig um.

„Opa, gefällt es dir, dass wir Weihnachten im Sommer feiern?“, fragte meine 10-Jährige, als der letzte Ton von „O du fröhliche“ verklungen war.

„Weil du Weihnachten so sehr liebst und das Fest im Dezember wohl nicht mehr mit uns feiern kannst …“, Mutter versagte die Stimme.

„… sondern mit Jesus im Himmel“, ergänzte meine Schwester, „wollten wir es mit dir noch einmal zusammen feiern.“

Opa nickte, zu überwältigt von der großen Freude, die wir ihm bescherten.

Dann setzten wir uns, tranken Kaffee und aßen die Weihnachtsplätzchen, die meine Schwester am Vorabend noch gebacken hatte, bevor sie sich am frühen Morgen wieder ins Auto setzte, um zu uns zu fahren.

Zugegeben: Das Zusammensein war nicht so fröhlich und ungezwungen wie am „richtigen“ Heiligen Abend. Und „richtige“ Weihnachtsstimmung kam auch nicht auf an diesem heißen Freitagnachmittag, während draußen die Vögel zwitscherten und betörender Rosenduft durch die Ritzen des heruntergelassenen Rollos strömte. Es gab auch keine Geschenke, außer dem einen Geschenk, das wir Opa mit dem Fest machten.

„Opa“, sagte da mit einem Mal meine Frau, „mir fällt gerade ein, dass bei unserem Weihnachtsfest heute noch was Wesentliches fehlt.“

„Ich weiß, was du meinst“, sagte er und zu Mutter gewandt: „Hol mir bitte meine Bibel!“

Beinah ehrfurchtsvoll nahm Opa das alte Buch in die Hand, rückte sich im Rollstuhl zurecht und schlug den Evangelisten Lukas auf. Dann begann er zu lesen. Seine Stimme zitterte, als er die bekannten Worte vorlas. Doch als er zu seiner Lieblingsstelle kam, wurde sie wie gewohnt fest: „Euch ist heute der Heiland geboren.“ Opa hielt lange inne, zu bewegt, um weiterzulesen. Mutter drückte ihm zärtlich die Hand und las die restlichen Verse der Weihnachtsgeschichte vor.

Zwei Monate später starb Opa. Es war ein schwerer Abschied, und doch tröstete uns der Gedanke, dass für Opa nun jeden Tag Weihnachten war.

Anders als erwartet

von Ingrid Boller

„Hallo Heike, hier ist Gabi.“

„Hallo Gabi, schön, dich zu hören! Wie geht es dir? Hast du deine Weihnachtsvorbereitungen schon abgeschlossen?“

„Danke, ich bin ganz gut vorangekommen. Aber es ist ja auch nicht mehr viel.“

„Ja, das stimmt. Ich habe auch nur noch ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, und übermorgen fahre ich schon nach Bayern zu den Kindern. Sie haben mich für die Weihnachtsfeiertage eingeladen. Ich freu mich so sehr darauf, vor allem auf mein Enkelkind.“

„Ja, das kann ich gut verstehen. Dann bist du also Heiligabend gar nicht hier“, schlussfolgerte Gabi.

„Nein, ich komme erst zwischen den Jahren wieder.“

„Dann wünsche ich dir richtig schöne Feiertage!“

„Danke, ich dir auch! Tschüs!“

„Danke, tschüs!“

Mit einem leisen Seufzer drückte Gabi die rote Auflegetaste ihres Telefons, um das Gespräch zu beenden. Sie hatte vorgehabt, Heike für den Heiligabend zu sich einzuladen. Seit Gabis Mann vor einigen Jahren gestorben war, hatten sie ein paar Mal diesen Abend zusammen verbracht. Heikes Tochter, eine Ärztin, war mit einem Ingenieur verheiratet. Die beiden hatten drei Jahre als Entwicklungshelfer in Uganda verbracht. Im letzten Frühjahr waren sie zurückgekommen, und im Herbst war Heike Großmutter geworden. Gabi gönnte es der Freundin von Herzen, zumal Heike und ihr Mann sich schon vor Jahren getrennt hatten.

Gabi spürte, wie sich Wehmut und Einsamkeit in ihr ausbreiteten. Kai, ihr Sohn, war als Manager eines großen Konzerns beruflich sehr eingespannt. Ihre Schwiegertochter Katja arbeitete als Juristin in einer großen Kanzlei. Die beiden wollten über die Feiertage richtig ausspannen und waren vorgestern nach Thailand geflogen.

Für Gabi war es kaum vorstellbar, Weihnachten ganz woanders zu verbringen, schon gar nicht an einem Strand bei dreißig Grad im Schatten. Nein, am liebsten war sie zu Hause, ganz traditionell mit Christvesper, Weihnachtsbaum, Weihnachtsgans und den vertrauten Weihnachtsliedern. Vielleicht würde es sogar schneien. Aber sie konnte auch verstehen, dass Kai und Katja gern einmal die Möglichkeit eines solchen Urlaubs wahrnehmen wollten. Vielleicht, so dachte Gabi, planten die beiden ja Nachwuchs. Und dann wäre sowieso alles anders.

Verstand und Verständnis war die eine Sache, das Gefühl eine andere. Und das Gefühl drohte sie jetzt doch zu überwältigen. Nur mit Mühe konnte sie die Tränen hinunterschlucken. Wen könnte sie sonst einladen? Andrea und Frank bekamen Besuch von ihren erwachsenen Kindern. Sie hatten schon drei putzmuntere Enkel, die – wie Andrea sagte – alles ordentlich aufmischen würden. Gabi hatte sich nicht getraut zu fragen, ob sie mitfeiern dürfte, obwohl Andrea und ihr Mann sehr offen und gastfreundlich waren. Aber Gabi wollte auf keinen Fall Gefahr laufen, ein Fremdkörper zu sein. Deshalb kam das nicht in Frage.

Ob sie es mal bei Ute versuchte? 953871 – ja, die Nummer stimmte. „Ute Zimmermann“ stand im Display. Wenigstens auf ihr Gedächtnis konnte sich Gabi verlassen.

 

Tuuuut – tuuuut – tuuuut – tuuuut – quälend lang kam das Freizeichen. „Zurzeit ist niemand zu Hause. Bitte sprechen Sie Ihre Nachricht nach dem Signalton.“ Sogar die neutrale Stimme des Anrufbeantworters erschien Gabi unfreundlich. Wo steckte Ute bloß? Dann fiel ihr ein, dass die Kollegin am letzten Arbeitstag von einem Wellnesshotel erzählt hatte, wo sie mit Freunden die Feiertage verbringen wollte. Ein supergünstiges Angebot, hatte sie Gabi erzählt. Es wären auch noch ein paar Plätze frei. Ob Gabi nicht ...? Aber Gabi hatte dankend abgelehnt. Nein, das war nichts für sie.

Ihr fiel niemand mehr ein. Sie würde wohl den Heiligabend nach dem Gottesdienst allein verbringen müssen. „Lieber Gott, soll ich wirklich allein sein?“, betete sie laut.

Es half nichts. Energisch putzte sie sich die Nase. Bloß kein Selbstmitleid! Sie würde auch für sich allein ein schönes Essen kochen. Wo hatte sie nur das Rezept hingelegt, das sich so lecker anhörte und das sie ausprobieren wollte? Sie kramte in ihrer Zettelbox. Hier musste es doch irgendwo sein. Ein gelbes Blatt Papier war es gewesen ...

Ihre Suche wurde vom Klingeln ihres Telefons unterbrochen. „Guten Tag, Frau Heine, hier ist Katharina Schober vom CVJM Rechenberg. Ich habe eine Anfrage an Sie.“

Während Frau Schober munter drauflos redete, versuchte Gabi, rational pro und kontra abzuwägen und gleichzeitig ihre Emotionen zu sortieren. Seit einigen Jahren richtete der CVJM Rechenberg an Heiligabend eine Weihnachtsfeier für Bedürftige aus. Auch dieses Jahr liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ausgerechnet jetzt, so Frau Schober, waren einige Mitarbeiter wegen Grippe ausgefallen. Ausgeschlossen, dass sie in den paar Tagen, die noch bis zum Fest blieben, wieder auf die Beine kommen würden. Ob Gabi vielleicht aushelfen könnte? Es wäre immer ein besonderes Erlebnis für die Mitarbeiter, auch wenn viele zunächst skeptisch seien. Frau Schober klang sehr enthusiastisch.

„Wie kommen Sie denn auf mich?“, erkundigte sich Gabi etwas ratlos, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte.

„Haben Sie nicht letztes Jahr bei unserem Sommerfest geholfen? Wir hatten eine Liste ausgelegt, wo sich jeder eintragen konnte, der grundsätzlich bereit wäre, bei besonderen Aktionen zu helfen. Ich nehme an, Sie haben sich mit Ihrer Telefonnummer eingetragen – zumindest sieht es so aus.“

In Gabi arbeitete es fieberhaft. Ja, sie hatte sich in diese Liste eingetragen, jetzt fiel es ihr wieder ein. Aber sie hatte nicht im Traum daran gedacht, ausgerechnet an Heiligabend zu helfen. Das war schon ein spezieller Abend – und dann mit wildfremden Menschen, die wahrscheinlich so ganz anders waren. Sie hatte gehört, dass nicht nur bedürftige Familien aus der Weststadt, die bekannt war für einen hohen Anteil an Arbeitslosen, die Weihnachtsfeier des CVJM besuchten, sondern auch viele Obdachlose. Ob das ihre Nase verkraften würde? Natürlich waren die vor allem auf ein gutes Essen und die Geschenke aus, für die biblische Botschaft interessierten die sich weniger – da war sich Gabi sicher. Wie konnte sie nur diese Anfrage ablehnen, ohne zu lügen oder intolerant zu erscheinen?

„Frau Schober, das kommt sehr überraschend. Ich brauche etwas Bedenkzeit. Reicht es Ihnen, wenn ich Sie heute Abend zurückrufe?“

„Selbstverständlich. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie einspringen könnten. Dann bis heute Abend.“

Jetzt brauchte sie erst einmal eine Tasse Tee. Während Gabi sich einen „Wintertraum“ aufbrühte, legte sich der Aufruhr in ihrem Innern etwas. Eben noch hatte sie ein Stoßgebet zum Himmel geschickt. War das die Antwort? Nein, das konnte nicht sein! Gott wusste doch, wie wichtig ihr Traditionen waren. Aber war das wirklich wichtig? Ging es nicht um etwas anderes? Sie schämte sich ein bisschen, als ihr klar wurde, dass sie den Bedürftigen unterstellt hatte, es ginge ihnen nicht um die biblische Botschaft, gerade sie, die Traditionen so wichtig nahm.

Frau Schober war hoch erfreut, als sie erfuhr, dass Gabi bei der Weihnachtsfeier helfen würde. Es würde nichts Kompliziertes sein. Gabi sollte nur beim Servieren des Essens und beim Austeilen der Geschenke helfen.

Pünktlich um 18 Uhr betrat Gabi an Heiligabend das CVJM-Haus. Der Geruch von Essen lag in der Luft. Einige Gäste hatten sich schon eingefunden. In der Küche fand sie Katharina Schober, die einen großen Kochlöffel schwang. „Das ist klasse, dass Sie helfen. Würden Sie nachher das Gemüse in die Schüsseln dort füllen und auf die Tische drüben verteilen?“

Während Frau Schober und Gabi zusammen mit vier anderen Frauen und Männern Rotkraut, Gulasch und Nudeln austeilten, füllte sich der Saal mit einer bunten Gruppe von Menschen. Verstohlen musterte Gabi die Besucher. Eben betrat eine Familie mit mehreren Kindern den Raum. Das jüngste Mädchen bekam große Augen, als sie die vielen Kerzen, Strohsterne und Tannenzweige sah, mit denen die Tische geschmückt worden waren. Beim Anblick des Weihnachtsbaumes in der Ecke, an dem viele rote Kugeln, Schleifen und eine lange Lichterkette hingen, breitete sich ein glückliches Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

„Kann ich mich hier hinsetzen?“ Gabis Beobachtungen wurden von der Frage eines offensichtlich Obdachlosen unterbrochen. Der Mann roch streng nach Schweiß und Alkohol, was Gabis empfindliche Nase sofort registrierte. Aber sie riss sich zusammen und schob den Stuhl zurecht, sodass der Mann seine wenigen Habseligkeiten verstauen konnte.

Inzwischen hatte sich der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt. Christian Koller, der Leiter des CVJM, begrüßte die Gäste, sprach das Tischgebet und wünschte einen guten Appetit.

Als alle Schüsseln und Teller geleert und die Tische abgeräumt waren, begann Koller mit der Andacht.

„Liebe Gäste, an Weihnachten feiern wir, dass Gott seinen Sohn zu uns als Baby auf die Erde geschickt hat. Damit ist alles anders ...“ Kurz, prägnant und verständlich brachte der Leiter die Weihnachtsbotschaft auf den Punkt.

Alles anders ... Gabi blieb mit ihren Gedanken an diesem Satz hängen. Ja, dieses Jahr war alles anders. So hatte sie den Weihnachtsabend noch nie verbracht. Ohne einen vertrauten Menschen, dafür unter lauter Fremden, ohne ein ruhiges, stilvolles Weihnachtsessen in ihrem geschmackvoll dekorierten Zuhause, dafür in einem eher nüchternen Saal. Verstohlen sah sie sich um. Die Aufmerksamkeit der meisten Gäste war ganz auf Koller ausgerichtet. Nur hier und da quengelte ein Kind, oder es führte jemand Selbstgespräche.

„Deshalb, liebe Freunde, hat Gott uns mit Jesus, seinem Sohn, das größte Geschenk gemacht, das überhaupt möglich ist.“ Mit diesen Worten beendete Christian Koller seine Andacht und sprach ein abschließendes Gebet.

Nun wurden die Geschenke ausgeteilt. Es waren überwiegend praktische Dinge des täglichen Bedarfs, die von Bürgern des Ortes und Mitgliedern des CVJM gespendet worden waren. Für die Kinder waren Stofftiere, Spielzeugautos, Bücher und Puppen liebevoll verpackt worden. Ein kleines Mädchen hatte gerade einen weichen Teddy ausgepackt. Ihre Augen wurden ganz groß. Sie stieß einen Freudenschrei aus und drückte ihn fest an sich, als wollte sie ihn nie mehr loslassen. Währenddessen probierte ihr Bruder, wie weit sein Auto mit dem Rückzugantrieb fahren konnte. Am Nachbartisch freute sich eine alte Frau über das Päckchen Kaffee, die Schachtel Tee und das Glas Honig, das ihr einer der Helfer überreicht hatte. Eine warme, freudige Atmosphäre erfüllte den Raum.

Alles anders ... Gabi hatte plötzlich wieder Christian Kollers Worte im Kopf. Auch ihre Vorstellungen von den Gästen, von diesem Abend waren ganz anders gewesen. Voller Vorurteile war sie hergekommen. Sie war überzeugt gewesen, dass es den Leuten doch nur um ein gutes Essen und die Geschenke ging. Sicher waren das für viele auch die überzeugenden Gründe. Aber sie spürte, dass da noch viel mehr war. Die Menschen erlebten, dass sie akzeptiert wurden und man ihnen freundlich begegnete. Sie suchten Gemeinschaft und Frieden und machten hier eine völlig andere Erfahrung als in ihrem Alltag. Damit wurde die Weihnachtsbotschaft für sie greifbar.

Und sie selbst? Eigentlich war es genau das, was auch sie brauchte und gesucht hatte: Gemeinschaft, Annahme, Freundlichkeit – so, wie jeder Mensch. In Gabi stieg ein unerwartetes Glücksgefühl auf: Gott war gekommen – überraschend anders, aber deutlich greifbar.