Mach's gut? Mach's besser!

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Volker Ladenthin

Mach’s gut?

Mach’s besser!

Eine kleine Ethik

für den Alltag

Volker Ladenthin

Mach’s gut?

Mach’s besser!

Eine kleine Ethik

für den Alltag

echter

Für Aloysius Regenbrecht, in memoriam

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

1. Auflage 2017

© 2017 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de

Umschlag: wunderlichundweigand.de

(Foto: Wayne0216/shutterstock)

Satz: Hain-Team (www.hain-team.de)

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim (www.brocom.de)

ISBN

978-3-429-04387-2

978-3-429-04933-1 (PDF)

978-3-429-06353-5 (ePub)

„Aber der Mensch ist unabhängig und tut,

was ihm beliebt aus freiem Willen.“

Moses, in Arnold Schönberg

„Moses und Aron“ (1923/1954)

Inhalt

1. Wo ist das Problem?

2. Was sollen wir tun?

3. Wie fällen wir eine sittliche Entscheidung?

4. Gelten sittliche Prinzipien für alle Menschen?

5. Wozu brauchen wir Gesetze?

6. Muss Politik sittlich sein?

7. Wann ist die Moralität entstanden?

8. Wie passen Ethik und Religion zusammen?

9. Warum wir auch dann schon sittlich handeln, wenn wir es noch gar nicht wissen

Nachwort

Das Literaturverzeichnis

1. Wo ist das Problem?

Freitagnachmittag im Supermarkt: Alle Kassen sind geöffnet und doch haben sich sehr lange Schlangen gebildet. Und natürlich steht man mit dem vierjährigen Thomas in der falschen Schlange. „Woanders ist es immer besser!“, sagt die Frau hinter mir. Die Kassiererin schaut zu uns. Sie hat einen hochroten Kopf. Wenn Blicke töten könnten. Thomas hat derweil die Kinderschokolade entdeckt. Ich ignoriere das erst einmal. Hinter mir fragt ein junger Punk, ob man ihn nicht vorlassen könne. Er habe nur eine Flasche mit Kraftstoff. Die Kassiererin reagiert inzwischen recht laut und in dialektischer Wortwahl: „Ja, nee nicht! Ja?“ Bei einem reizenden Rentnerehepaar funktionieren weder Bank- noch Kreditkarte, Bargeld hat es nicht genug dabei. Eingescannt ist allerdings alles. Die Kassiererin muss den Einkaufswagen hinter sich deponieren. Das hält auf. Danach kommt eine elegante Dame mit Hut, die den fürchterlichsten aller fürchterlichen Sätze ausspricht: „Ich glaub, ich hab es passend!“ Es fehlen allerdings fünf Cent. Die Kassiererin verdreht die Augen. Also bezahlt die hilfsbereite Dame die 10,47 € mit dem Hunderter. „Haben Sie’s nicht noch größer? Gibt’s die 500er Scheine nicht mehr?“, kommentiert die Kassiererin. Die Mutter zwei Einkaufswagen vor mir stellt fest, dass ein Ei im Dutzend fehlt. „Können Sie denn nicht vorher aufpassen! Alt genug sind Sie doch?“, wird sie von der Kassiererin angefahren. Jetzt muss gerechnet werden: Kaufpreis durch zwölf mal elf. – „Alle Teile aufs Fließband! Alle! Euch kenn ich!“, meckert die Kassiererin die zwei rotblonden Jungs vor mir an. Und zu mir sagt sie, als ich zu all meinen Kleinigkeiten den Sechserpack mit je 1,5 Liter Mineralwasser aufs Band hieve: „Ja, hallo? Glauben Sie, ich kann das heben? Sie müssen mir schon den Strichcode zudrehen. Sonst kann ich den Preis nicht einscannen, und Sie stehen noch morgen hier.“ Ich drehe das Flaschen-Paket um, dabei reißt die Zellophanverpackung, eine Flasche fällt vom Fließband, schlägt auf und platzt. Thomas findet das recht lustig. Die Kassiererin nicht so sehr: „Ja, nee, nicht! Bezahlen Sie schon mal …“ Ich habe 24,80 € zu zahlen, lege 25 € auf den Wechselteller, sie hat das Wechselgeld schon in der Hand, und ein Azubi kommt, um den Mineralwassersee aufzuwischen, der sich um mich gebildet hat. Ich will irgendwie helfen, mit Papiertaschentüchern …: „Lassen Sie es lieber!“ So packe ich meine Sachen zusammen und gehe. Hinter mir höre ich: „Und Tschüss!“ Ich stelle beim Nachzählen fest, dass mir die Kassiererin statt der 20 Cent Wechselgeld eine Münze im Wert von 50 Cent gegeben hat. Ich drehe mich um und sehe, dass sie schon den übernächsten Kunden abfertigt und angeregt unterhält: „Ja, nee, nicht!“

Sollte ich zurückgehen? Die wartenden Kunden in der langen Schlange noch mal aufhalten? Mir noch einen Kommentar anhören? Bei dieser doch recht energischen Kassiererin? Sie auf den Irrtum hinweisen? Sie war so unfreundlich zu mir! Ach was, zu allen! Ist das professionell? Ist der Kunde nicht König? Und alles wegen 30 Cent? Aber kommt es darauf an, ob man 30 Cent unberechtigterweise kassiert oder 30 Euro oder 30 Millionen? Hängt Moral von der Größe der Summe ab? Man muss doch ehrlich sein. Macht man sich nicht sogar strafbar? Ist das sittlich? Und wie hätte ich gemeckert, wenn sie mir nur 10 Cent rausgegeben hätte! Allerdings werden nun der Kassiererin bei der Abrechnung 30 Cent fehlen, die sie bestimmt aus eigener Tasche bezahlen muss. Es sind schon Angestellte wegen solch geringfügiger Anlässe abgemahnt und sogar entlassen worden. Da kann ich nicht mittun. Und darf man sein Handeln danach richten, ob der andere einem sympathisch ist oder nicht? Was soll ich tun?

2. Was sollen wir tun?

Das ist die klassische Frage der Ethik: „Was soll ich tun?“ Das meint: Ich habe die Wahl. Was soll ich wählen?

Bevor ich eine Antwort versuche, möchte ich kurz meinen Wortgebrauch offenlegen. Denn viel Unheil ist in die Welt gekommen, weil man nicht klar sagte, wovon genau man sprechen wollte.

Ein Blick ins Wörterbuch

Moralisch, sittlich, ethisch … ist das eigentlich alles das Gleiche? Nein. Man muss die Bedeutungen unterscheiden. Dabei hilft sehr gut das „Lexikon der Ethik“ von Otfried Höffe (* 1943). Moral und moralisch bezeichnen danach die jeweils vorzufindenden Sitten, von der die Sittlichkeit zu unterscheiden ist. Mit sittlichen Urteilen werden Handlungen begründet. Sittlichkeit bezeichnet also nicht, was faktisch gilt, sondern was gültig sein soll. Ethik ist die systematische Auseinandersetzung mit dem, was sittlich gelten soll.

Allen Ernstes

Zurück zum Beginn: Beabsichtige ich allen Ernstes in solch einer banalen Situation wie jener im Supermarkt eine wissenschaftliche Ethik zu Rate zu ziehen? Fängt Ethik nicht erst bei der Frage an, ob man Kriege mit Gewalt verhindern oder Freiheit mit Bomben erzwingen darf? Ob man ein vollbesetztes Passagierflugzeug abschießen darf, wenn ein Terrorist es in ein ausverkauftes Fußballstadion steuern will? Entschieden: Nein. Sittlich relevant kann alles Handeln sein. Auch die Reaktion auf das zu viel herausgegebene Wechselgeld. Auch, wenn man der kleinen Schwester Schokolade vom Weihnachtsteller stibitzt. Ethische Regeln müssen sich in jeder Situation bewähren. Bei Schokolade und 30 Cent ebenso wie beim Einsatz der Atombombe. Warum das so ist, will ich gerne erklären. Dafür brauche ich aber die nächsten 200 Seiten. Ich werde erst einmal bei meinem Beispiel bleiben … Wenn es sehr schlicht ist, umso besser: Dann machen wir es uns nicht unnötig kompliziert. Aber Sie können selbstverständlich meine Schlussfolgerungen immer an einem umfassenden Problem passender Größe überprüfen.

Showdown

Stellen wir das Beispiel gleich mal auf die Probe. Viele meiner Freunde sagten: „In einer solch banalen Situation wie jener im Supermarkt zieht man doch keine Ethik zu Rate! Man handelt spontan, aus dem Bauch heraus. Oder aus der Hüfte. Wie beim Pistolenduell im Western. Showdown. Man wird ihr doch sofort …“

… aber kann man solch spontane Entscheidungen rechtfertigen? Aus dem Bauch heraus betrachtet, war mir die Kassiererin nicht sehr sympathisch. Da hätte ich ihr gerne für all die Demütigungen einen Dämpfer gegeben. Statt das Geld zu geben, hätte ich es ihr gern heimgezahlt! Wie sie mit der alten Dame umgegangen ist oder mit den Kindern. Aber darf man sich rächen? Kann man immer aus dem Bauch heraus handeln? Und wenn nein, wann dann nicht? Würde diese Regel gelten, dann übrigens hätte bereits die Kassiererin richtig gehandelt. Sie war schlecht gelaunt, mochte uns nicht und hat es uns allen gezeigt! Sie wäre der Innbegriff von Sittlichkeit! Prima!

Prima? Soll ein Richter danach urteilen, ob er den Beschuldigten sympathisch findet? Soll die pädagogische Fachkraft in der Kita die Liesl maßregeln, weil sie sie nicht mag, beim Niklas aber alles durchgehen lassen, weil er so knuffig ist? Wirft man eine Atombombe, weil man wütend ist? Handlungen muss man doch vernünftig und verantwortlich begründen!

Das tut man nicht

Nun gut, dann könnte man im Supermarkt-Fall sagen: Wer sich Geld unrechtmäßig aneignet, verstößt gegen das, was alle Menschen als falsch ansehen. Gegen die Konventionen.

Aber allein, dass ich gezögert und das Geld nicht spontan zurückgegeben habe, zeigt, dass eben nicht alle Menschen in dieser Situation gleich handeln würden. Ich gehöre ja auch zu allen Menschen – und wenn ich zweifle oder auch nur zucke oder zögere, deutet das an, dass es nicht immer dieses gemeinsame Einverständnis darüber gibt, wie zu handeln ist. Manche werden sagen: „Wenn du das Geld zurückgegeben hättest, hättest du den ganzen Laden nur unnötig aufgehalten! “ Oder: „Ach, bei 30 Cent! Was machst du dir da für Gedanken! “ Oder: „Wenn die so unfreundlich war! Selbst schuld! Da gebe ich nichts zurück!“ Sich auf die Meinung der Allgemeinheit zu berufen, geht nur, wenn die Allgemeinheit eine einzige Auffassung hätte: Mein Zögern und die Kommentare meiner Freunde zeigen aber, dass dieser Konsens fehlt. Und genau für diese Situation brauche ich eine Antwort.

 

Ethik braucht man nicht, wenn alle wissen, wie’s geht …, sondern nur dann, wenn man zögert und zweifelt. Wenn es unklar ist und unübersichtlich. Wenn jeder etwas anderes sagt. Ethik braucht man nur im Dissens. Im Pluralismus. In der multikulturellen Gesellschaft. In der Demokratie. In der Vielfalt. Einigkeit und Einheit brauchen keine Ethik. Ich will diesen Satz einmal festhalten. Damit man ihn nicht vergisst:

(1) Ethik braucht man nur, wenn es keine allgemein anerkannte gültige Moral gibt.

Ich sage es schon mal prophylaktisch an dieser Stelle: Wir werden nie mehr eine einheitliche Moral haben. Einen common sense. Die Menschen der Welt werden nie mehr mit einem Wort reden. Die einzelnen Länder auch nicht. Nicht mal die Familien oder Ehepartner. Meinungsvielfalt bleibt der Normalfall. Kulturelle Differenzen sind der Alltag. Deshalb brauchen wir die Ethik.

Recht und Ordnung

„Aber das stimmt doch gar nicht! Es sagt doch nicht jeder etwas anderes. Die Gesetzeslage ist doch klar!“ … Dieser Verweis verschiebt allerdings mein Problem nur. Mein Einbehalten von fremdem Eigentum im Supermarkt wäre vielleicht wegen Geringfügigkeit vom Gericht abgewiesen worden … (… obwohl es auch schon wegen solcher Geringfügigkeiten Kündigungen gab … siehe oben. Es geht also nicht um die Größe des Vergehens, sondern ums Prinzip.) Wichtiger aber ist der Umstand, dass sich auch der Richter auf einen Grundsatz berufen muss, wenn er sein Urteil fällt. Woher weiß es der Richter? Aus den Gesetzen! Und wie kommen Gesetzgeber zu ihren Gesetzen? (Genaueres dazu im Kapitel 5.)

Besuch der Alten Bibliothek

Für Begründungen aller Art sind heute die Wissenschaften zuständig. Bei der Frage nach der Geldrückgabe im Supermarkt wäre also die Ethik zuständig. Denn Ethik ist die „philosophische Wissenschaft vom Sittlichen“ (wie es der alte Brockhaus formuliert). Wenn man nicht weiß, wie man handeln soll, dann muss man sich dieser Wissenschaft bedienen. Ebenso, wie man sich der „Wissenschaft vom Gesunden“ bedient, wenn man an Halsschmerzen leidet oder sich die Hand verstaucht hat.

Aber nun entsteht ein Problem: Sie erkennen es sofort, wenn Sie einmal die Abteilung Ethik in der Bibliothek eines philosophischen Instituts in Ihrer Nähe aufsuchen. Sie sehen mit einem Blick, dass Sie all diese Bücher in ihrem Leben nicht werden lesen können, auch wenn sie nichts anderes täten, als nur diese Bücher zu lesen. (Ist es sittlich, nur zu lesen und nicht zu handeln?) Es sind nicht tausende, es sind hunderttausende, und dazu noch in allen Sprachen der Welt. In Altpersisch zum Beispiel, denn die Ethik ist eine alte Wissenschaft. Vielleicht – zusammen mit der Theologie und der Heilkunst, der Politik, der Pädagogik und der Poetik – die älteste Wissenschaft. Sobald man nämlich merkte, dass man nicht nur etwas tun muss, sondern etwas tun kann, stellte sich die Frage, was man tun soll: Soll ich, was ich kann? Und: Was soll ich von dem tun, was ich tun könnte? (Und diese Fragen haben die ersten Menschen recht bald gestellt. Vermutlich gleich am ersten Tag. Mehr davon im Kapitel 7.)

Die Ethik entsteht aus dieser Differenzerfahrung: Soll ich, was ich kann?

Dabei gilt: Auch wenn ich keine Entscheidung treffe, habe ich eine Wahl getroffen. Auch das süße Nichtstun ist für den Ethiker ein Handeln: Wer einem Mitmenschen, der auf dem Glatteis ausgerutscht ist, nicht wieder auf die Beine hilft, sondern zuschaut, der handelt. Er unterlässt etwas, nämlich die Hilfeleistung. Daraus folgt: Wir können nicht Nicht-Handeln. Und das heißt: Wir können gar nicht ohne Ethik leben. Wäre das die zweite Regel einer Ethik?

(2) All unser Handeln ist immer schon ethisch relevant, ob wir es nun wollen oder nicht.

Die grundlegende Frage der Ethik stellte sich demnach in dem Augenblick, in dem ein Mensch sich aus den Selbstverständlichkeiten löste und begriff, dass es mehrere Wege zum Ziel gibt. Und dass es mehrere Ziele gibt. Welchen Weg sollte er zu welchem Ziel wählen? Den Umweg über ungenutztes Land – oder den kürzeren über das Land, auf dem andere Menschen wohnen, deren Felder man dann beim Durchzug allerdings ein wenig platt tritt und als Weide unbrauchbar macht?

Suchen wir nach Antworten für jenen ersten Menschen. Gehen wir in die Bibliothek. Nur zu Besuch. Nehmen wir nach und nach einige Bücher aus dem Regal, blättern und lesen wir. Zum Beispiel in jenen, die erklären, dass Ethik gar nicht möglich sei: Es könne gar keine allgemeine Ethik geben, weil man es immer selbst wissen müsse.

Buchausleihe: Ein Do-it-yourself-Ratgeber

Muss jeder selbst wissen: Ist das ein Argument gegen die Ethik? Keinesfalls! Natürlich muss man es selbst wissen. Auch wenn man ein Auto fährt, muss man selbst wissen, wie man es zum Fahren bringt. Das spricht aber doch nicht dagegen, dass man ein Auto nach den Anweisungen der Bedienungsanleitung fährt. Es fährt für alle nach den gleichen Mechanismen, die der Mechaniker genau kennt. Vielleicht ist die Ethik eine solche Mechanik? Sie will uns die Regeln sittlichen Verhaltens erklären. In Einzelschritten. Von Level zu Level.

Wir müssen immer alles selbst wissen und tun. Denn nur dann können wir verantworten, was wir tun. Aber das schließt ja nicht aus, dass es Regeln für unser Tun gibt – wie in der Mechanik.

(3) Wir müssen immer alles selbst wissen. Nur wir selbst tragen die Verantwortung für unser Tun.

Wenn unser Handeln Folgen hat (und all unser Handeln hat Folgen, auch das Nichtstun), dann hat derjenige die Verantwortung, der handelt. Um handeln zu können, muss er es selbst wissen. Nur muss er sich kundig machen, um es selbst wissen zu können – und dabei könnte ihm die Bibliothek des Philosophischen Instituts, Abteilung Ethik, helfen.

Buchausleihe: Es geht alles vorüber

Da stoßen wir in der Bibliothek zufällig auf ein anderes Buch. Ein Buch voller Fußnoten, in dem akribisch bewiesen wird: Die Ethiken haben sich im Laufe der Geschichte gewandelt. Was vor 100 Jahren noch gerichtlich geahndet wurde, sei heute erlaubt. Und umgekehrt. Was früher erlaubt gewesen sei, sei heute verboten. Etwa Kinder zu schlagen. Das sei heute verboten. Alles, was als sittlich angesehen würde, sei daher kulturell bedingt und damit relativ. Wenn jedoch etwas relativ sei, dann müsse man das nicht weiter ernst nehmen.

Eine merkwürdige Konsequenz! Wenn man immer so argumentiert hätte, dann wären wir im Urzustand verblieben. Wir würden leben wie die Tiere. Unsere Vorfahren hätten gesagt: „Ach was, Gräser zu Getreide zu veredeln! Wozu? Alles Wissen über Getreideanbau ist kulturell bedingt und damit relativ. Wenn etwas relativ ist, dann muss man es nicht weiter ernst nehmen. Jeder will was anderes anbauen, da lohnt es gar nicht, dass wir anfangen, etwas anzubauen!“

Auch die Zubereitung des Essens unterliegt historischem Wandel. Verzichten wir deshalb auf neue Rezepte? Alles unterliegt immer dem Wandel, aber das ist doch kein Grund, auf das bessere Verfahren zu verzichten. Das Bessere hat immer Anteil am Besten, das den Maßstab abgeben muss. Sollen wir heute aufs Essen verzichten, weil wir ahnen können, dass es in 200 Jahren viel, viel gesünderes Essen geben wird als heute?

Wandel kann „Verbesserung“ heißen, und es ist nicht einzusehen, dass sich nicht auch die Ethik zum Besseren hinwenden, sich also verbessern könnte, wenn sich selbst Kochrezepte verbessern lassen.

(4) Weil alles relativ ist, können wir es stets besser machen.

Allerdings ist nun zu ahnen, warum es so viele Ethiken geben kann: Nicht weil die Ethiken relativistisch sind, sondern weil sie verbesserbar sind. Jede Ethik will Anteil am Guten haben. Am Absoluten. (Ansonsten müsste man sich nicht abmühen.) Man lernt hinzu, viele wissen mehr und daher kann man auch alte Probleme neu formulieren.

Buchausleihe: Die Geschichte der sich zersingenden Sängerin Da bliebe ich aber sehr an der Oberfläche. Man könnte da einmal ganz in die Tiefe gehen und grundsätzlich werden: (1) Es könne keine endgültige Ethik geben, weil sie durch Vernunft begründet sei! Die Vernunft sei aber nicht zu begründen, ohne sie schon vorauszusetzen. (2) Es könnte sein, dass die Vernunft einen Widerspruch in sich selbst habe, eine Dialektik, nach der die Vernunft das, was sie aufbaut, zugleich zerstört. Indem die Vernunft die Welt in Begriffe bringe, zerstöre sie den Eigensinn der Welt. Indem die Vernunft den Menschen als Mensch definiere, spreche sie nicht mehr vom Menschen vor allem Begreifen, sondern nur noch von dem, was an ihm vernünftig begriffen wurde. Die Vernunft sei eine Sängerin, die beim Singen ihre Stimme ruiniert. Sie müsse singen, weil man sie sonst nicht hörte, aber wenn sie singe, zerstöre sie ihre Stimme. Nur wenn sie nicht sänge, bliebe ihr Gesang schön. Sie müsse stumm bleiben, damit sie schön singen könne.

Übersetzt: Die Welt sei so schlecht, weil die Menschen versuchten, sie durch Vernunft zu gestalten. Am Anfang sei die Tat. Nicht reden, sondern handeln.

Na, hier versucht jemand, an einem Seil hochzuklettern, das er selbst in den Händen hält. Denn die Vernunftkritiker lassen unberücksichtigt, dass auch ihr Einwand vernunftbegründet ist. Der Ratschlag „Misstraue der Vernunft“ will doch selbst vernünftig sein und scheint daher nicht so ganz zu Ende gedacht zu sein.

Zudem könnte man fragen: „Warum soll ich nicht der Vernunft folgen?“ – „Weil immer dann … “ Und dann kämen lange Aufzählungen, warum es vernünftig sei, der Nicht-Vernunft zu folgen. Nur sind das ja alles Vernunftgründe. Also nichts Neues.

(5) Wir können immer nur vernünftig sein.

Wenn wir der Nicht-Vernunft folgen sollen, dann bräuchte uns das niemand zu sagen. Dann würden wir es tun, auch ohne solche Ratschläge. Aus Vernunftgründen der Vernunft nicht zu folgen, ist etwas sehr wild gedacht. Wir Menschen, wir können der Vernunft folgen oder eben nicht. Weil wir etwas tun können oder sein lassen können, müssen wir dafür vernünftige Gründe angeben. Also folgen wir immer der Vernunft.

Wenn die Vernunft unbegründbar ist (und mithin alles nicht gerechtfertigt, was mittels Vernunft gefunden wird), dann trifft diese Behauptung auch die Kritik an der Vernunft. Sie wäre dann nicht gerechtfertigt. Wenn man die Vernunft ablehnt, dann gibt es auch keine gültige Kritik an der Vernunft – jedenfalls so lange nicht, wie sie mittels Vernunft formuliert wird.

Sitten der Unsittlichkeit

Ein weiteres Problem ist, dass alle die, die zeigen wollen, dass es keine gültige Ethik geben kann und daher soll, dies nur deshalb zeigen können, weil ihre Ethik gilt. Denn sie fordern, was alle Ethiker immer gefordert haben: das richtige Leben. Sie behaupten ja, dass es vernünftiger sei, sich gegen die Ethik zu entscheiden. Sie argumentieren somit aus sittlichen Gründen gegen die Ethik. Das allerdings, finde ich, ist ein Taschenspielertrick: Zu sagen, es sei sittlich, keine Ethik zu haben. Hätten sie dann nicht besser geschwiegen, anstatt die bereits schon alexandrinisch angewachsene Bibliothek durch weitere Bände zu vergrößern? Man sollte sie aussondern …

Bücherverbrennung

… doch halt: Wäre es nicht unsittlich, diejenigen nicht zu Wort kommen zu lassen, die sagen, es gebe keine gültige Ethik?

Nein, das wäre nicht unsittlich. Man kann diese Bücher gewissensruhig ausrangieren und verbrennen – denn sie sagen ja, dass es keine gültige Ethik gebe. Also kann es auch nicht unsittlich sein, ein Buch zu verbrennen oder den Autoren sonst wie das Wort zu verbieten.

Oder andersherum argumentiert: Wenn es keine Ethik geben kann, könnte es dazu kommen, dass die Kritiker der Ethik diese ihre Kritik gar nicht formulieren könnten, weil man sie als Kritiker aussperrt, ausschließt, verbannt, vergiftet, enthauptet oder verbrennt. Das müssten sie dann allerdings akzeptieren. Denn sie bestreiten ja die Möglichkeit einer gültigen Ethik.

 

Ethik im Hinterhalt

Wer behauptet, dass es keine gültige Ethik gebe, kann dies nur, weil er eine gültige Ethik im Hinterhalt weiß, und zwar eine Ethik, nach der es erlaubt ist, dies zu behaupten. Er setzt eine gültige Ethik voraus, in der erlaubt wird, dass man sagen kann, was man denkt. Man darf zum Beispiel sagen, dass es keine gültige Ethik gebe.

Wenn man aber voraussetzt, dass es bereits eine gültige Ethik gibt, die gilt, und gleichzeitig mit der Sicherheit dieser Ethik im Hinterhalt sagt, es könne keine gültige Ethik geben, dann fallen Reden und Handeln doch sehr weit auseinander. Diese Ethiken halten sich nicht einmal selbst an die eigenen Regeln: „Gültig ist, dass es keine gültige Ethik geben kann.“ Wer das sagt, ist der Erste, der schon beim Aussprechen der Regel die soeben aufgestellte eigene Regel bricht. Kein guter Anfang! Und ließe sich nicht aus dieser Überlegung eine weitere Forderung an jede Ethik ableiten, nämlich …

(6) … dass eine Ethik sich beim Aufstellen der Regeln selbst an die Regeln halten muss, die sie aufstellt.

Buchausleihe: MRT (Lehrbuch der Magnetresonanztomographie)

Doch hier präsentiert sich ein ganz neues Buch in der Ethikbibliothek. Viel ausgeliehen: Es behauptet, dass wir keine Ethik bräuchten, weil das Handeln des Menschen determiniert sei, letztlich also unfrei. Das könne man sogar mit eigenen Augen sehen, nämlich dann, wenn man einen Menschen in ein MRT, einen Gehirnscanner lege. Da würde man sehen, dass die Entscheidungen schon gefällt sind, bevor sie das Bewusstsein erreichten.

Darauf würde ich antworten: „Wozu sagen Sie mir das? Sie brauchen gar nichts zu sagen. Denn alles ist determiniert. Schweigen wir doch einfach. Beide! Wenn unser Denken und damit unser Handeln determiniert sind, dann sind auch solche Behauptungen und Beobachtungen determiniert. Dann ist auch determiniert, dass ich jene Autoren nicht zu Wort kommen lassen werde. Ich kann ja nichts dafür. Alles ist determiniert, das haben die Autoren selbst gesagt. Stellen wir die Bücher weg.“

Wenn alles determiniert wäre, dann bräuchten wir auch keine Forschung. (Schon überhaupt keine, die eben dies feststellt.) Dann können wir uns das Geld sparen und in Urlaub fahren. Denn diese Forschung würde nur feststellen können, was auch ohne sie schon gilt und auch ohne sie vollzogen wurde und vollzogen werden wird. Denn es wäre ja alles determiniert. Wozu Hirnforschung, wenn sie nur das feststellt, was auch ohne Hirnforschung feststeht? Wozu soll man etwas feststellen, was man doch nicht ändern kann?

Wenn man es allerdings – auf Grund der Forschung – doch ein ganz klein wenig ändern kann, dann wäre nicht alles determiniert. Dann stimmt aber die Voraussetzung nicht. Wenn Neurowissenschaftler sagen: „Ja gut, nicht alles ist ganz determiniert“, dann beschäftigt sich die Ethik mit dem, was nicht determiniert ist. Es kann daher nicht die Vernunft sein, die determiniert ist, denn die fällt jetzt eine Entscheidung darüber, womit wir uns beschäftigen und womit nicht.

(7) Ethik beschäftigt sich mit jenen Handlungen, die nicht durch die Natur determiniert sind.

Neurowissenschaften lohnen daher nur, wenn sie Freiheit voraussetzen. Wenn nicht, sind sie vergebliche Forschungsmüh‘, weil sie nur beschreiben, was auch ohne sie geschäh‘. Erst wenn die Neurowissenschaftler in Bezug auf die menschliche Vernunft Freiheit voraussetzen, so dass man sich für, aber eben auch gegen die Hirnforschung entscheiden könnte, macht diese Forschung Sinn. Jedes Fördermittel für die Hirnforschung setzt also voraus, was manche Neurowissenschaftler nach Ausnutzung der Fördermittel bestreiten: die Freiheit, den richtigen Weg zu wählen. Vielleicht aber ist das Geschäft der Hirnforschung der Beweis für das, was Philosophen so gerne voraussetzen, aber nicht gut nachweisen können: die Freiheit des Menschen, sich selbst zu denken. Seine Würde.

Damit haben wir einen weiteren Grundsatz der Ethik gefunden:

(8) Ethik ist nur nötig und sinnvoll, wenn wir Freiheit voraussetzen.

Wir müssen die Freiheit, uns entscheiden zu können, voraussetzen. Denn nur dann, wenn wir uns falsch entscheiden können, sind wir aufgerufen, uns richtig zu entscheiden. Nur dann können wir Verantwortung tragen, also Antwort auf einen Anruf geben: Handle richtig und gut!

Dienst ist Dienst

Nun erleben wir täglich, dass wir nicht frei sind: Wir möchten ausschlafen, aber unser Dienst beginnt um 8:00 Uhr. Die Stechuhr beschränkt unsere Freiheit der Zeitgestaltung. Wir möchten zur Arbeit radeln, wohnen aber im mietgünstigen Vorort. Keine freie Wahl des Verkehrsmittels. Wir haben Lust auf chinesisches Essen, aber in der Kantine gibt es nur Currywurst und Frikadelle. Wir möchten Urlaub machen, haben aber kein Geld. Wir möchten vorm Kino parken, aber da besteht Halteverbot. Und was sollen erst die Menschen sagen, die als Beamte weisungsgebunden sind? Oder was sollen die Insassen von Gefängnissen und Gefangenenlagern zu der These anmerken, dass alle Menschen frei sind?

Wir leben in einem System von Regeln, die uns viele Freiheiten nehmen, die etwas vorschreiben oder verbieten, die Strafen androhen oder uns durch Belohnungen locken: Wenn du fleißig bist und tust, was man dir sagt, geht es dir besser!

Der kleine Unterschied

Aber haben Sie den kleinen Unterschied bemerkt? Ich hatte geschrieben: Die Regeln nehmen uns Freiheiten (Plural). Sie nehmen uns aber nicht die Freiheit (Singular). Freiheit ist etwas, was jedem Menschen zukommt; Freiheiten sind Handlungsmöglichkeiten, die man im zwischenmenschlichen Kontakt verteidigen, bewahren oder erstreiten muss. Und nun wird es scheinbar paradox: Die Unfreiheiten entstehen, weil alle Menschen frei sind … und frei sein wollen. Diese Unfreiheiten auf Grund von Freiheit nennt man manchmal Pflicht oder Gesetz.

Der eine will um 14:00 Uhr die Freiheit haben, laut Musik zu hören. Sein Nachbar will um 14:01 Uhr die Freiheit haben, sein gewohntes Mittagsschläfchen zu halten. Beide Nachbarn haben die Freiheit der Wahl – Musik hören oder schlafen. Sie können sich diese Ziele setzen. Sie sind (wie die Philosophen sagen) prinzipiell frei. Aber weil alle Menschen prinzipiell frei sind, kann es zu Konflikten kommen, weil manche Freiheiten unverträglich zueinander sind: laut Musik hören und schlafen. Und nun beginnt man, angesichts von Freiheit die Freiheiten auszuhandeln, zu erstreiten, zu erkämpfen oder mit der Gewalt des Vorschlaghammers durchzusetzen. Was dann passiert, nennt man Geschichte. Unter der Perspektive der Ethik ist die menschliche Geschichte nichts anderes als das Austarieren von Freiheiten. Aber dass es eine Geschichte der Frei- und Unfreiheiten überhaupt gibt, setzt Freiheit voraus. Die Anthropologen sagen: Der Mensch ist dazu bestimmt, sich selbst zu bestimmen.

Zur Freiheit bestimmt

Ja, es kommt noch herber: Wir können uns entscheiden; und weil wir uns entscheiden können, müssen wir uns entscheiden. Denn es entscheidet sich nichts mehr. Nichts geschieht mehr von allein, wenn wir wissen, dass es nicht mehr von allein geschehen muss. Wir sehen zehn Eissorten, und wenn wir zum Eiskonditor sagen: „Egal, was Sie in den Eisbecher füllen“, dann haben wir uns entschieden. Für die Gleichgültigkeit. Wir müssen uns also immer selbst bestimmen. Koalabären müssen Eukalyptusblätter fressen. Ausschließlich. Uns sagt kein Instinkt, ob wir Austern schlürfen oder Leberkäs kauen sollen. Ob wir irrtümlich ausgezahltes Wechselgeld zurückgeben sollen oder nicht. Ob wir Hirnforschung subventionieren oder nicht. Wir können alles bedenken und dann entscheiden, was wir tun. Wir können uns daran orientieren, was uns guttut. Aber wir können uns auch anders entscheiden. Wir können regelmäßig ein Bierchen mehr trinken, viele süße Verführungen vor dem Fernseher naschen und unsere Gesundheit schädigen. Diese Freiheiten haben wir. Wir können gesund leben, aber wir müssen es nicht. Tiere müssen gesund leben. Ein Wolf wird vermutlich nie von sich aus vegan werden und ein Rindvieh kein Fleischfresser. Aber wir Menschen können uns entscheiden, was wir essen wollen.

Damit ist auch die Frage beantwortet, ob der Mensch frei sein soll. Die Antwort: Er ist es. Er kann gar nicht anders. Wenn jemand sagt: „Ich will unfrei sein!“, dann ist das seine freie Entscheidung. Er muss sich entscheiden, indem er sagt: Jene Tiersorten streiche ich von meiner Speisekarte – und jene nicht. Vorgeschrieben ist das nirgends. Man muss Gründe finden. Diese Aufgabe, Gründe vortragen zu müssen, weil nichts von sich aus gilt, kann man Freiheit nennen. Freiheit ist also die Freiheit zum Begründen.