Wie ein Stück Müll beseitigt!

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Susanne Bechstein

WIE EIN STÜCK MÜLL BESEITIGT!

Eine sozialkritische Erzählung

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2013

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

susannebechstein.jimdo.com

susanne.bechstein@t-online.de

Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

978-3-95-488980-8

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Das Leben geht oft seltsame Wege

Die Affäre – Beate und ihr Professor

Die undurchschaubare Beate

Vorwort

Seit geraumer Zeit setze ich mich als Autorin mit einem weltweit bekannten Thema auseinander: Warum betrügen angeblich achtzig Prozent aller Männer ihre Ehefrauen? Über diese Frage wurde ja sogar eine These aufgestellt, die mir von einem notorischen Fremdgeher, der die Sache anscheinend für normal hielt, auch noch bestätigt wurde. Es ging so weit, dass manche Männer über Jahre eine außereheliche feste Beziehung führten.

Die bekanntesten Fälle dürften uns noch gut im Gedächtnis sein, wie in jeder Zeitung und in der Presse zu verfolgen war. Zum Beispiel der Fall Bill Clinton und seine Praktikantin. Wie sprachlos waren damals die Menschen! Oder der Fall Arnold Schwarzenegger, der jahrelang eine Affäre mit seiner Haushälterin führte und mit ihr ein Kind hatte. Viele andere Fälle in der Promiwelt konnte man tagtäglich verfolgen.

Aber wie sah es bei den anderen Menschen aus, die nicht in der Öffentlichkeit standen? Ganz normale Bürger in unserer Gesellschaft. Ich hatte mir eine schwierige Aufgabe vorgenommen, dieses Thema näher zu erforschen. Dass es für mich als Autorin keine einfache Sache sein würde, war mir klar. Aber eine unsichtbare Hand führte mich dann auf den richtigen Weg ...

Das Leben geht oft seltsame Wege

Seit einiger Zeit ging ich zweimal in der Woche zum Yoga-Unterricht. Ich hatte lange überlegt, was für mich das Richtige wäre. Zuerst hatte ich an Autogenes Training gedacht und mich darüber im Internet informiert. Aber würde ich diese Übungen auch zu Hause durchführen? Ich musste mir eingestehen: wohl eher nicht. Denn den eigenen Schweinehund zu überwinden, dazu gehörte schon sehr viel Disziplin. Manchmal waren eben Dinge für mich nicht wichtig.

Und weil ich ein sehr disziplinierter Mensch war, wenn es um etwas Entscheidendes ging, entschied ich mich schließlich für Yoga. Hier musste ich einen monatlichen Beitrag leisten und ich war sicher, in einer Gruppe würde es mir Spaß machen. Ich benötigte unbedingt einen Ausgleich, um meinen Kopf wieder freizubekommen. Als Autorin saß ich die meiste Zeit an meinem Computer. Leider kam ich im Moment mit meinem neusten Roman nicht so recht weiter, obwohl er schon längst auf der Diskette in meinem Kopf als fertiges Werk gespeichert war. Aber diese Gedanken dann in geschriebene Worte umzusetzen, war wieder eine ganz andere Sache. So erging es wohl den meisten Autoren, dass es Momente gab, wo es einfach nicht weiterging.

Enttäuscht schaltete ich meinen Computer fürs Erste aus. Aber an Schlaf war nicht zu denken, weil mein Gehirn nicht aufhörte, neue Impulse auszusenden. Und tatsächlich machte es irgendwann plötzlich „Klick!“. Es war mitten in der Nacht und mir war endlich die passende Zeile eingefallen. Im Schlafanzug setzte ich mich wieder an meinen geliebten Computer. Und auf einmal lief es beim Schreiben wie von Geisterhand. Mein Buch nahm so langsam Gestalt an. Wie oft hatte ich mir vorgenommen, mit dem Schreiben aufzuhören, wenn ich das neuste Buch fertig geschrieben haben würde. Aber leichter gesagt als getan. Denn wie ich feststellen musste, machte Schreiben einfach süchtig. Und das Leben lieferte einer Autorin wie mir immer wieder interessante Themen, über die es sich lohnte, ein Buch zu schreiben.

Nach telefonischer Anmeldung fuhr ich an einem Freitag zunächst mit dem Bus und dann mit der U-Bahn das erste Mal zum Yoga-Unterricht in die Kaiserin-Augusta-Straße. Ich hatte mir dafür extra zwei neue Sportdresse zugelegt. Für meinen Kurs hatte ich absichtlich den Abend gewählt. So blieb mir genügend Zeit, am Tag zu schreiben oder Entspannung beim Malen zu finden – das übrigens meistens auch nicht so recht von der Hand gehen wollte.

Kurz vor 18:00 Uhr kam ich im Sportstudio an. Frau Keller, die Inhaberin, begrüßte mich freundlich. Mit „Hallo, ich bin Susanne“ erwiderte ich ihren Gruß. Gemeinsam gingen wir zuerst in ihr Büro, damit ich mir den Vertrag durchlesen und ihn anschließend unterschreiben konnte. Über eine Zeile musste ich schmunzeln: „Haben Sie irgendwelche Gebrechen?“ Wer hatte die in meinem Alter nicht?!

Anschließend folgte die Führung durch die Räumlichkeiten. Ein sehr gepflegtes Ambiente, wie ich feststellen musste. Es gab sogar mehrere Duschkabinen.

„Frau Bechstein, hier können Sie sich umziehen. Dies ist Ihr Schrank. Schließen Sie ihn bitte immer ab und tragen Sie den Schlüssel stets bei sich.“

„Das werde ich tun. Danke, Frau Keller.“

„Kommen Sie bitte in den Trainingsraum, wenn Sie sich umgezogen haben. Dort warten schon die anderen Damen.“ Mit diesen Worten rauschte die Trainerin davon.

Wenn ich nun gedacht hatte, dass ich in fünf Minuten meine dicke Kleidung ausgepellt und mein Sportdress angepellt hatte, dann lag ich gänzlich falsch. Es vergingen rund zwanzig Minuten, denn schließlich war Februar und noch tiefster Winter. Ich war am Schwitzen – auch ohne Yoga-Übungen. Endlich war es geschafft! Ich stopfte meine Sachen in das schmale Schränkchen und schloss es ab.

Am Ende des Flures befand sich der Yoga-Raum. Vorsichtig klopfte ich an die Tür, die Frau Keller öffnete. Auf Socken betrat ich den Raum. Mein Handtuch hatte ich mir lässig um den Hals gelegt. Ich befand mich in einem sehr großen, lichtdurchfluteten Raum, der mit Parkettfußboden ausgelegt und vielen exotischen Pflanzen und asiatischen Figuren geschmückt war. Die Frauen, die wie ich den Yoga-Kurs gebucht hatten, lagen schon auf ihren bunten Matten und machten irgendwelche Verrenkungen, wahrscheinlich Dehnübungen.

„Meine Damen“, sagte Frau Keller, „ich möchte Ihnen ein neues Mitglied vorstellen. Das ist Frau Bechstein!“

Im Nu saßen alle kerzengrade auf ihren Matten und ich wurde erst mal ins Visier genommen. Mithalten konnte ich mit denen allemal, dachte ich, obwohl sie bedeutend jünger waren als ich.

„Hallo!“, sagte ich lächelnd und winkte kurz mit der Hand.

Die Damen hatten mich, wie ich später erfuhr, mit Namaste in Gebetshaltung begrüßt. Mir erschien das zunächst albern.

„Wir beginnen wie jedes Mal mit unserem Augentraining“, beschloss Frau Keller. „Dazu nehmen wir uns jeder einen Stuhl. Frau Bechstein, das ist übrigens eine gute Übung, wenn man wie Sie den ganzen Tag am Computer arbeitet.“

Nachdem ich meine Augen zehn Minuten lang in alle Richtungen gerollt hatte, taten diese mir mehr weh als zuvor.

Als Nächstes sollten wir unsere Energie fließen lassen, indem wir eine Hand in unsere Mitte, also auf unseren Bauch, legten. Trotz geschlossener Augen und tiefem Ein- und Ausatmen spürte ich keinerlei Veränderung.

„Nehmen Sie jetzt bitte auf Ihren Matten Platz und machen alles genau so, wie ich es vormache.“ Frau Keller war ganz in ihrem Element. „Frau Bechstein, wenn Sie bei bestimmten Übungen Probleme haben, dann sagen Sie es mir bitte. Nicht, dass Sie sich Verletzungen zuziehen. Wir wollen hier schließlich den Alltagsstress abbauen.“

„Ich habe nur Probleme mit meiner rechten Schulter, da ich sehr viel schreibe“, bemerkte ich.

Diese Übungen waren ganz nach meinem Geschmack. Es knackte ein paar Mal und meine Schulterprobleme waren wie von Geisterhand verschwunden.

Es würde zu weit führen, wenn ich jede der Übungen, die ich an diesem ersten Abend kennenlernte, erläutern müsste. Schnell war die Trainingsstunde beendet.

„Meine Damen, wir sehen uns am Dienstag wieder.“ Die Trainerin verabschiedete die anderen Damen und kam auf mich zu. „Na, wie hat es Ihnen gefallen?“

„Sehr gut! Mein Körper fühlt sich nicht mehr so verspannt an. Nur diese Lotus-Sitzhaltung mit den ineinander verschränkten Beinen fällt mir schwer.“

„Keine Sorge, man sollte nichts mit Gewalt tun. Die Energie im Körper lässt Kräfte fließen, was sich erst viel später bemerkbar machen wird. Sie könnten diese Übungen auch gern zu Hause ausführen.“

 

„Danke, Frau Keller, das werde ich tun, wenn meine Zeit dafür ausreicht.“

Ich war natürlich die Letzte im Umkleideraum. Aus den Duschkabinen war beste Stimmung zu vernehmen. In Windeseile war ich nackt. „Habt ihr für mich auch noch Platz?“, fragte ich in die Runde.

„Natürlich, komm ruhig zu mir, ich bin Beate“, sagte eine der Frauen und machte eine einladende Handbewegung.

„Und ich bin die Susanne!“

Wir klatschten unsere nassen Hände aneinander, wie es die jungen Leute heutzutage taten. So viele nackte Badenixen, da war die Stimmung besonders gut. Ich hatte lange nicht mehr so viel gelacht wie in diesen paar Minuten, in denen wir uns den Schweiß abduschten.

„Wir gehen freitags immer zum Jugoslawen und essen etwas. Hättest du Lust mitzukommen?“, fragte mich Beate. „Oder erwartet dich dein Mann?“

„Ich komme gern mit!“ Ich freute mich, dass ich gleich mit eingebunden wurde. „Die jugoslawische Küche ist meine Welt und ich esse immer das gleiche Gericht“, erzählte ich.

„Und das wäre?“

„Berliner Leber vom Grill mit viel Röstzwiebeln und dazu einen köstlichen Salat.“

„Dann haben wir ja beide den gleichen Geschmack, stellte Beate fest. „Hallo Mädels, Susanne kommt auch mit ins Splitt.“

„Na prima, dann wird unser Tisch ja bald zu klein sein“, äußerte sich Helga etwas schnippisch.

„Ich muss nicht unbedingt mitgehen“, lenkte ich ein. „Ich möchte mich auf gar keinen Fall aufdrängen.“

„Das tust du doch gar nicht“, sagte Rosi.

„Mach dir nichts daraus, Helga ist manchmal etwas überheblich“, erklärte Beate.

Inzwischen kam Frau Keller und drängte uns zur Eile. „Die anderen Damen kommen so gegen 20:00 Uhr zur letzten Stunde.“

Dick eingemummelt verließen wir das Yoga-Studio. Es war wirklich „arschkalt“ geworden.

„Seid ihr alle mit dem Auto hier?“, fragte ich in die Runde.

„Nur Helga, Rosi und Beate!“, antwortete Eva. „Hast du auch einen Wagen, Susanne?“

„Ich besitze nicht einmal einen Führerschein! Das war mir immer zu teuer.“ Ich begann zu erzählen. „Dafür habe ich mir lieber schöne Klamotten gekauft. Mir reicht schon der Stress, wenn mein Mann am Steuer sitzt. Da bleibt kein Tier verschont!“

Nun gaben alle Frauen irgendeine Anekdote zum Besten. Wir waren eine lustige Truppe.

In einer Tasche klingelte ein Handy. Beate wurde ganz hektisch, es zwischen ihren Sportsachen zu finden. Renate flüsterte Eva etwas ins Ohr. Bestimmt eine dumme Bemerkung, so war zumindest mein Eindruck.

Wir hatten das Restaurant bald erreicht und Beate stand immer noch unter der Laterne und telefonierte. Sie sprach sehr laut und plötzlich bekam die arme Laterne von ihr einen Tritt.

„Beate, nun komm schon!“, rief eine der Frauen ungeduldig und Beate kam angerannt.

„Ist etwas passiert? Geht es deiner Mutter wieder schlecht?“

„Nee, mein Vater liegt im Krankenhaus. Er hat sich das rechte Bein gebrochen.“

„Wie ist das denn passiert?“

„Na, wie schon! Er ist bei der Glätte ausgerutscht.“

„Und deshalb bist du so sauer, dass du gleich die Laterne treten musst?“ Rosi schüttelte den Kopf. „So ein Unfall kann doch jedem passieren!“

Endlich hatten wir das Splitt erreicht. Im Restaurant war es herrlich warm, was besonders mir guttat, denn ich war eine schreckliche Frostbeule.

Wir wurden mit „Hallo, meine Damen!“ begrüßt. Unsere Gruppe gehörte schließlich zu den Stammgästen. Der entsprechende Tisch war bereits gedeckt und wartete nur darauf, dass wir an ihm Platz nahmen.

Nachdem wir Jacken, Schals, Mützen und Handschuhe abgelegt hatten, begann der gemütliche Teil des Abends.

Der Ober nahm die Getränkebestellung auf.

Ich orderte einen Espresso.

„Für mich einen großen Milchkaffee, mir ist so was von kalt heute“, sagte Beate.

Rosi bestellte sich einen Tee mit Zitrone und sagte: „Ich hätte auch lieber ein Weinchen, aber Alkohol am Steuer lehne ich ab.“

Die anderen bestellten Rotwein.

Und schon begann das Verhör: „Susanne, in welchem Bezirk wohnst du?“, kam die Frage von Helga.

Bevor sich jede von ihnen einzeln für mein Leben interessierte, gab ich ein kurzes Statement ab: „Also, ich wohne in der Charlottenstraße in Mitte. Mein Mann und ich wohnen im selben Haus, aber jeder hat seine eigene Wohnung.“

„Mann, da habt ihr aber viel Geld. Das ist ja wie bei den Reichen!“ Diese Bemerkung war Monika entschlüpft.

„Das finde ich prima!“, warf Helga dazwischen. „Wenn ich mal heiraten sollte, bestehe ich auch auf zwei Wohnungen.“

Meine Yogadamen quatschen wirklich dummes Zeug, denn die Wirklichkeit sah ja ganz anders aus, was sie natürlich nicht ahnen konnten.

„Ich arbeite nicht mehr“, erzählte ich weiter.

„Ach nee, und wovon lebst du?“

„Ganz einfach, Eva, ich beziehe schon Rente.“

„Wieso Rente? Bist du krank und bekommst vielleicht Frührente?“

„Nein, die ganz normale Altersrente“, erklärte ich, denn das war die Wahrheit.

Natürlich ließen sie nicht locker, bis ich mein wahres Alter genannt hatte. Das haute sie nun wirklich vom Sitz.

„So gut möchte ich im Alter auch mal aussehen. Ich zähle jetzt schon jeden Morgen meine Falten im Spiegel“, bestätigte uns Eva.

„Dagegen könnte ich dir eine super Creme empfehlen“, sagte ich betont beiläufig.

„Ja, wirklich? Warte, ich schreibe sie mir gleich auf!“ Eva sprang direkt darauf an und holte einen Kugelschreiber und ihren Notizblock aus der Tasche. „Und von welcher Firma war die Creme?“

„Die könntest du dir auch so merken. Meine Freundin aus Amerika empfahl mir Hämorrhoidensalbe. Daraufhin ging ich zu meinem Hausarzt und bat ihn, mir diese Creme zu verschreiben. Er fragte mich: ‚Frau Bechstein, haben Sie Hämorrhoiden?‘ Ich verneinte und erklärte ihm, dass ich sie für mein Gesicht bräuchte. Dann fing er an zu lachen und kriegte sich kaum noch ein. Na ja, ob Gesicht oder Hintern, woher sollte die Creme auch wissen, ob sie an der richtigen Stelle wirkte. ‚Von wem haben Sie die Empfehlung bekommen?‘, wollte der Arzt wissen. So erzählte ich ihm die Geschichte von meiner Freundin Mary. ‚Diese Creme werde ich heute Abend meiner Frau empfehlen, ha, ha. Und die Salbe, Frau Bechstein, bekommen Sie ohne Rezept in der Apotheke.‘ Er konnte nicht aufhören zu lachen.“

„Und die hilft wirklich?“ Evas Gesicht wirkte ungläubig.

„Schau mich doch an“, lachte ich. „Dann siehst du, wie sie geholfen hat.“

Die anderen Mädels lachten sich kaputt. Rosi pinkelte sich vor Lachen fast in die Hose. Ihre Bemerkung möchte ich hier nicht zum Besten geben. Auch mir liefen vor Lachen die Tränen.

Eva zeigte sich sichtlich enttäuscht. „Das war gemein von dir, Susanne.“

„Aber die Geschichte stimmt wirklich, Eva. Leider bekam ich um meinen Mund herum Ausschlag. Aber meine Freundin schwört auf die Creme, ehrlich! Vielleicht ist in Amerika die Forschung weiter als hier bei uns in Deutschland.“

„So eine Bombenstimmung hatten wir Mädels noch nie“, bestätigte Monika.

Schon wieder klingelte Beates Handy, das sie auf den Tisch gelegt hatte. Wie von einer Tarantel gestochen stand sie auf und ging nach draußen, um den Anruf anzunehmen.

Im Lokal ging die Fragerunde weiter: „Und was hast du mal gearbeitet?“

„Ich war Fotolaborantin und jetzt bin ich Autorin. Vielleicht schon mal etwas von Susanne Bechstein gehört?“

„Na klar, meine Mutter, hatte deine Autobiografie im Schlafzimmer liegen. Das bist also du? Ich hätte dich nicht wiedererkannt“, sagte Heidelinde zu mir.

„Na ja, das Foto auf meinem Cover ist ja auch vor hundert Jahren entstanden.“ Ich kramte die berühmten Visitenkarten aus meiner Tasche, die ich für alle Fälle immer bei mit trug. Nun waren sie erst mal alle sprachlos. Wie schnell man doch die Leute schocken konnte.

„Wann lernt man schon mal eine echte Autorin kennen!“ Da waren sie sich alle einig.

„Ich werde mir heute sofort deine Homepage ansehen.“ Monika war ganz begeistert.

Nur Rosi hatte es wohl die Sprache völlig verschlagen.

Inzwischen kam Beate durchgefroren von draußen herein. „Ich brauche einen Sambuca, sonst liege ich morgen mit Grippe flach.“

„Beate, was ist eigentlich in letzter Zeit mit dir los? Warum bist du immer so nervös?“

„Na ja, Stress bei der Arbeit. Es kann sein, dass unsere Firma Insolvenz anmelden muss. Und dann noch meine Eltern in Dresden. Ich hatte in letzter Zeit wirklich sehr viel um die Ohren.“

„Wieso Insolvenz?“, fragte Eva. „In der Zeitung stand nichts davon, das hätte ich bestimmt gelesen.“

„Unser Chef hat so eine Andeutung gemacht, weil wir angeblich nicht mehr so viele Aufträge reinbekommen wie früher. Er lässt seine Kollektion im Ausland anfertigen.“

„Bei welcher Firma arbeitest du eigentlich?“

„In einer seiner Boutiquen für Herrenbekleidung. Mein Chef hat die Absicht, ganz ins Ausland zu gehen.“ Beate war sichtlich frustriert.

„Du findest doch in deinem Job überall Arbeit“, wollte ich sie beruhigen.

Doch sie brauste auf und sagte: „So kann man auch nur reden, wenn man schon Rente bekommt.“

„Entschuldige Beate, ich wollte dich nicht verletzen!“

„Ist ja schon gut, Susanne.“

Hatte sie wirklich so große Probleme? Beates Augen füllten sich mit Tränen, die sie mit einem Taschentuch wegtupfte. Es gab ja Leute, die das Lügen nicht gelernt hatten. Diesen Eindruck machte Beate auf mich. Als Autorin befasste ich mich sehr viel mit Menschen und manchmal schaute ich ihnen direkt in die Seele.

„Was soll ich denn sagen mit zwei Kindern und einem Mann“, verteidigte sich jetzt Helga.

„Was heißt denn Kinder? Die sind doch schon erwachsen und gehen auf die Uni. Und eine Putze hast du auch noch. Und arbeiten brauchst du schon gar nicht.“ Aus Heidelinde sprach der pure Neid. „So ein schönes Leben hätte ich auch gern! Dein Mann macht ja wohl jede Menge Kohle mit seinen Imbissbuden.“

„Aber Mädels, was soll denn das heute?“ Eva schüttelte den Kopf. „Jeder führt doch sein Leben so, wie er es kann und möchte. Der eine hat viel Glück im Leben und der andere eben weniger. Es kommt doch immer darauf an, was jeder aus seinen Chancen macht.“

Offenbar gab es auch hier den unter Frauen so berühmten Zickenkrieg. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Heidelinde dazu hinreißen ließ, ihren wahren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Beate kippte sich ihren Sambuca ruck, zuck in die Kehle. Man hörte nur noch die Kaffeebohnen knacken.

„Warum bist du zum Telefonieren nach draußen gegangen?“, fragte ich. „Es stört mich nicht, wenn jemand telefoniert.“

„Das macht Beate immer so“, klärte mich die Tischrunde auf. „Wärst du mal lieber bei uns geblieben, Beate“, geiferten sie nun. „Susanne ist nämlich Schriftstellerin.“

„Das ist ja toll! Und was schreibst du so?“ Beate schien ihren eigenen Kummer vergessen zu haben.

„Eigentlich alles, worüber es sich zu schreiben lohnt. Das Leben bietet einer Autorin immer wieder interessante Themen.“

Endlich kam unser Essen. Die Teller waren so voll geladen, dass mir der Appetit schon fast verging. „Wer soll denn das schaffen? Bei mir bleibt bestimmt die Hälfte übrig.“

„Mach dir keine Sorgen, Susanne! Bei uns wird immer alles verteilt, was der eine oder andere nicht schafft. In die Tonne kommt bei uns nichts.“

„Dann bin ich ja beruhigt, ich kann auch kein Essen wegwerfen.“ Ich drehte den Spieß einfach um und begann selbst, ein paar Fragen zu stellen: „Nun erzählt doch mal etwas von euch! Seid ihr alle verheiratet?“

„Das meiste weißt du ja schon!“

„Rosi, was ist denn dein Beruf?“

„Ich habe ein Nagelstudio“, erzählte Rosi stolz.

„Schau dir doch ihre Krallen an!“, warf Monika mit vollgestopftem Mund ein.

„Und bist du verheiratet?“

„Gott sei Dank nicht.“

„Wieso sagst du so etwas?“ Ich ließ nicht locker.

„Weil sich meine Kundschaft über ihre Ehemänner auslässt. All diese Frauen erfahren zu wenig Anerkennung und Zärtlichkeit. Alle toben über ihren Alten. Ich bin daher lieber eine Single-Frau und habe einen Geliebten. Manfred heißt er. Der ist verheiratet und lästert ständig über seine Alte, weil sie keine Lust mehr auf Sex hat, seit sie in den Wechseljahren ist. Manfred verwöhnt mich. Ich brauche nur einen Wunsch zu äußern, schon erfüllt er ihn mir. Dafür bekommt er im Bett alles, was er sich je erträumt hat.“

 

„Der ist aber auch ein alter, reicher Knochen!“, bemerkte Heidelinde wieder abfällig. „Einen ohne Geld würdest du sicher nicht nehmen.“

„Ich könnte mit so einem Alten nicht ins Bett gehen.“

„Vielleicht entsorgt der dich ja eines Tages und nimmt sich eine Jüngere.“

Die Frauen hörten gar nicht auf zu schnattern.

„Na und!“, meinte Rosi. „Denkst du, dass ich mich deshalb aufhängen würde. Immer noch besser, als gar keinen Mann zu haben. Wer hat, der hat! Du bist ja bloß neidisch auf mich“, verteidigte sie ihre Beziehung.

Ich glaubte herauszuhören, dass Heidelinde keine guten Erfahrungen mit der Männerwelt gemacht hatte. Vielleicht war sie ja auch eine Lesbe! Wer wusste das schon genau. Es ging mich ja auch gar nichts an. Aber eines hätte ich doch gern von ihr gewusst. Deshalb fragte ich sie nach ihrem Beruf.

Ganz stolz und erhobenen Hauptes antwortete sie: „Ich bin Lehrerin an einem Gymnasium.“

„So etwas in der Richtung habe ich mir auch vorgestellt.“

Jetzt war Heidelinde happy und strahlte mich wie ein Honigkuchenpferd an. Und so ganz nebenbei hatte ich meinen Teller ratzekahl leer gegessen und mein Hosenbund saß ziemlich stramm. Normalerweise aß ich abends nur einen Salat und die heutige üppige Mahlzeit war für mich eine einmalige Sache.

„Na, meine Damen! Hat es Ihnen geschmeckt?“, fragte uns der Ober.

„Wie immer einfach köstlich!“ Unsere Teller waren alle leer gegessen.

„Was möchten die Damen zum Abschluss trinken?“

„Ich brauche zur Verdauung einen Sliwowitz“, sagte Rosi.

„Ich dachte, kein Alkohol am Steuer! Oder habe ich mich vorhin etwa verhört?“

„Nein, Schätzchen Monika, aber einer macht ja wohl nichts aus.“

Helga bestellte einen Espresso und Eva einen süßen Aprikosenschnaps. Für mich gab es einen Sambuca, ich hatte mich völlig überfressen. Nur Heidelinde war rundum glücklich. Sie wollte keinen Absacker und auch kein Teechen trinken.

Ich schaute auf meine Uhr. Diese zeigte fast 22:00 Uhr an. Wir drei Alkoholiker prosteten uns zu und ließen mit Todesverachtung unseren Schnaps die Kehle runterlaufen.

Nachdem wir unsere Rechnung beglichen hatten, drängte ich zum Aufbruch. Es hatte inzwischen kräftig zu schneien begonnen.

„Susanne, möchtest du mit mir fahren?“, bot Beate an.

„Ja, sehr gern!“, antwortete ich. „Du könntest mich an der U-Bahn absetzen.“

„Ich fahre dich nach Hause, denn wir wohnen beide ja in Mitte.“

„Na, das ist super. Und wo genau wohnst du?“

„In der Alexandrinenstraße.“

„Kaum zu glauben, dass wir uns noch nie begegnet sind. Zufälle gibt es“, sagte ich erstaunt.

„Wir könnten nach den Tranig ab sofort immer zusammen nach Hause fahren“, schlug Beate vor.

„Das würde mich sehr freuen.“ Ich nickte ihr dankbar zu.

Nach fünfzehn Minuten hatten wir den Parkplatz erreicht, auf dem die Autos standen.

„Also, meine Lieben, bis zum nächsten Mal.“

„Tschau Rosi, fahr vorsichtig! Die Straßen sind noch nicht geräumt.“ Rosi hatte ihre Frontscheibe von Schnee und Eis befreit und war bereit loszufahren. „Macht euch um mich keine Sorgen! Bis Langwitz schaffe ich das locker.“

Monika, die als Kindergärtnerin arbeitete, hatte bis zum Rathaus Tempelhof die kürzeste Strecke zu fahren.

„Komm, Heidelinde“, rief Helga ihre Mitfahrerin, „lass uns losfahren. Macht’s gut, Mädels. Ein schönes Wochenende und bis Dienstag.“ Schon rauschte Helga mit ihrem Porsche davon.

„Wo wohnt Helga eigentlich?“, wollte ich von Beate wissen.

„Am Roseneck, da haben sie eine zweihundert Quadratmeter große Wohnung.“

„Pompös, pompös!“ rief ich aus. „Das wäre mir viel zu groß.“

„Und Heidelinde wohnt bei ihr gleich um die Ecke.“

Nachdem auch Beate ihren kleinen Polo vom Neuschnee befreit hatte, konnten wir endlich fahren. Erschöpft ließ ich mich auf dem Beifahrersitz nieder. Ich war hundemüde und vollgegessen. Bevor Beate ihren Wagen startete, steckte sie sich einen Knopf ins rechte Ohr, denn sie besaß eine Freisprechanlage. Ich fragte mich, wer sie wohl um diese Zeit noch anrufen würde. Also, ich würde mir das nicht erlauben. Neugierig fragte ich sie: „Sag mal, Beate, wie sieht es bei dir mit einer Beziehung aus? Oder bist auch du Single?“ Sie antwortete nicht gleich, so dass ich fortfuhr: „Wenn du nicht darüber reden möchtest, ist das auch okay.“

Doch sie wollte mir antworten. „Natürlich habe ich mit meinen vierzig Jahren Erfahrungen mit Männern gemacht, doch die meisten führen sich wie Machos auf. Und wenn man sich erst einmal näher kennengelernt hat, fällt auch schon der erste Putz schon ab. Außerdem stehe ich nicht auf Jüngelchen, denn die machen nur Stress im Bett und haben keine Ahnung, worauf es ankam. Denen dauert es immer zu lange bis man den Höhepunkt erreicht hat. Und meistens können die sich nicht beherrschen und ich als Frau gehe leer aus. Außerdem habe ich keine Lust, die Lehrerin zu spielen. So etwas muss ich mir in meinem Alter nicht mehr antun.“

Das kam mir doch alles irgendwie bekannt vor und ich versuchte, Beate Trost zu spenden: „Eines Tages wird auch für dich noch der Richtige kommen.“

„Mal sehen“, sagte sie unverbindlich. „Und wenn nicht, habe ich eben Pech gehabt.“

Tatsächlich klingelte ihr Telefon. Ich konnte die Nummer auf ihrem Display nicht erkennen, denn die Beleuchtung hatte sie vorher ausgeschaltet. Beate nahm den Anruf an, sagte aber nur kurz: „Rufe zurück, sitze im Auto, bis gleich.“

„Na, der Anrufer hat ja Nerven, dich um diese Zeit noch zu stören“, kommentierte ich.

„Ja“, seufzte Beate, „meine Mutter ist manchmal unmöglich.“

Das Märchen nahm ich ihr nicht ab. Wäre es ihre Mutter gewesen, dann hätte sie wenigstens „Hallo Mutti!“ oder etwas Ähnliches gesagt. Wer sprach schon so kurz angebunden mit seiner Mutter?

„Susanne, warum zerbrichst du dir deinen Kopf über anderer Leute Privatleben?“ Beates Stimme klang genervt.

So war das Leben einer Autorin. Ich musste mir eingestehen, dass ich manchmal zu neugierig war.

Endlich hielt der Wagen vor meiner Tür. „Tschau Beate, vielen Dank fürs Mitnehmen. Bis nächsten Dienstag. Wenn du Lust hast, rufe mich an oder schicke mir eine Mail. Mein Kärtchen habe ich dir ja gegeben.“

„Mach ich ganz bestimmt“, versicherte mir Beate. „Susanne, es war schön, dich kennengelernt zu haben.“

„Ich mag dich auch, Beate“, beendete ich unser Gespräch. Sogar das Aussteigen fiel mir heute schwer. Ich war eben doch keine fünfzig mehr.

Ich betrat meine kuschelige warme Wohnung. Mein Bett zog mich magisch an, es war 23:00 Uhr vorbei. Ich ging ins Bad, putzte mir die Zähne und entfernte den Rest meines Make-ups. Heute hatte ich für nichts mehr Interesse. Normalerweise saß ich ja bis spät in der Nacht am Computer, um an meinem Roman weiterzuschreiben. Mein AB blinkte noch immer. Ich zog kurzerhand den Stecker, denn das Blabla wollte ich mir frühestens morgen anhören.

So schnell war ich noch nie in meinem Bett gewesen. Mein letzter Gedanke war: Morgen bleibe ich bis zum Mittag liegen, komme was da wolle. Das Sandmännchen wartete schon auf mich.

Irgendwann riss mich die Klingel der Wohnungstür aus dem Tiefschlaf. Was war denn das für ein Idiot, hier Sturm zu klingeln? Im Schafanzug taperte ich zur Tür, schaute durch den Spion und sah meinen holden Ehemann im Hausflur stehen. „Einen Moment bitte, ich mache sofort auf“, rief ich. Dann schloss ich die Tür auf und öffnete sie.

„Sag mal, Susanne“, platzte mein Ehemann herein, „warum gehst du nicht an dein Telefon?“

„Erst mal guten Morgen, mein Schatz“, versuchte ich ihn zu bremsen.

„Was heißt hier guten Morgen, meine Liebe! Es ist gleich Mittag. Was ist mit deinem Telefon?“

„Gar nichts, ich habe nur gestern Abend den Stecker rausgezogen, weil ich einfach mal länger schlafen wollte.“

„Dass ich mir Sorgen gemacht habe, ist dir hoffentlich klar!“ Seine Mimik verriet etwas anderes.

„Seit wann machst du dir Sorgen um mich?“, spottete ich und steckte das Kabel wieder in die Steckdose. „Das wäre ja etwas ganz Neues. Und wie du siehst, lebe ich noch, Schatzi.“

„Wo warst du gestern Abend? Es brannte kein Licht bei dir.“

Aha, von der Seite wehte also der Wind. „Ich gehe von jetzt an zweimal in der Woche zum Yoga, und das am Abend. Und? Ist der Herr jetzt zufrieden?“

„Du lässt dir doch immer wieder etwas Neues einfallen. Erst war es Tangotanzen und dann wolltest du auch noch das Steppen erlernen. Weißt du überhaupt, was du willst?“ Die Stimme meines Ehemannes klang herausfordernd.

„Ja, das weiß ich. Yoga ist für mich genau das Richtige. Meine Nerven sind ziemlich im Eimer vom vielen Schreiben. Yoga lässt neue Energie im Körper fließen, und genau die brauche ich.“

„So einen Quatsch habe ich auch noch nie gehört“, schimpfte mein Holder.

Unbeirrt sprach ich weiter: „Und jetzt habe ich die Absicht, im Bett zu frühstücken.“

„Dann lass mal deine Energie im Bett fließen.“