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Stefan Kreibohm

KREIBOHMS
WELT!




INHALT

Es begann mit einer Lüge

Vor dem Wetter kam die Tonne

Backofenbau und Dauerfeilen

Der Wetterbeobachter

Wo stehen Wetterstationen?

Potsdam oder Der Beginn der Lehre

Schwerin, ein Radiergummi und die Tassen im Schrank

Warnemünde, Schiffsmeldungen und Polonaise

Greifswald, Jiří Korn und der Verlust von Cola

Marnitz, Herr von Däniken und der Mond

Endstation Lindenberg

Die NVA rief und ich kam, weil ich musste

Wendewirren

Jeder braucht eine FuV mit GuM

Es lebe das Babyjahr!

Eine Schublade voller Namen

Der Weg zum Wetterstudio

„Du wirst am Anfang denken, dass du es nicht kannst …“

Eine halbe Million für ein Wassertaxi

Schnee oder Klopapier

Und wie wird nun das Wetter oder das Klima?




Hier bin ich im zarten Alter von 3 Tagen zu sehen. Und erfreue mich der besten Gesundheit. Vom Wahlausgang habe ich auch als „Wahlkind“ nichts mitbekommen, aber vorsichtshalber schon mal die Faust geballt.


Es begann mit einer Lüge

Es ist zweifellos so, dass die Welt auf mich gewartet hat. Nicht die ganze, aber ein Teil. Damit meine ich nicht allein die Eltern oder Großeltern, die mir stets versicherten, meine Ankunft auf diesem Planeten erwartet und sich sogar auf mich gefreut zu haben. Dies wird auch so gewesen sein, nicht zuletzt, weil für mich mit dem Tag der Geburt eine fabelhafte Kindheit in und um Parchim begann.

Gewartet hat man, wie Presseberichte belegen, aber gleichfalls in der Lokalredaktion der „Schweriner Volkszeitung“ (kurz: SVZ), seinerzeit „Organ der Bezirksleitung Schwerin der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Ob man dafür stundenlang vor dem Parchimer Kreißsaal herumgelungert hat, ist nicht überliefert, allerdings auch nicht sehr wahrscheinlich. Dafür hätte man eine Nachtschicht einlegen müssen, denn das erste Interview mit meiner Mutter gab es schließlich in den Morgenstunden, kurz nachdem ich das künstliche Licht der Welt erblickt hatte.


Ein gefundenes Fressen für die Weltpresse, Zeitungsartikel vom 24. März 1970

Doch was wollte die Presse von meiner Mutter? Nichts. Es ging um mich! Und es ging um den Sonntag, der nicht irgendein Sonntag war. Es war Wahltag. Die meisten, selbst die Leserinnen und Leser der SVZ, werden sich kaum daran erinnern, aber am 22. März 1970 gab es in der DDR Kommunalwahlen. Für eben diese Wahl wurde ein „Wahlkind“ gesucht – und gefunden. Da ich wahrscheinlich das einzige wehrlose junge Wesen im Parchimer Krankenhaus war, blieb es an mir hängen. Ich wurde besagtes Wahlkind.

Ein Artikel entstand, in dem die Leserschaft der SVZ erfuhr, was passiert war: Stefan Kreibohm war geboren worden! Sensationell und vor allem praktisch, denn so wurden gleich alle Verwandten informiert, schließlich hatte kaum jemand ein Telefon, worüber man die frohe Botschaft hätte vermitteln können. Eine schöne, runde Geschichte, ein Kind kommt am Tag der Wahl zur Welt, Sohn der Intelligenz (Mutter Kindergärtnerin) und der Arbeiterklasse (Vater Schlosser). Wie man lesen konnte, war auch meine Mutter von den Socken, dass ihr Kind nun „in unserem sozialistischen Staat“ aufwachsen könne.

Daran habe ich mich sogar strikt gehalten, bin gewachsen, weitgehend bananenlos und ganz und gar ohne fruchtige Zwerge und dem Besten aus der Milch. Ich habe einfach gleich die ganze Milch getrunken, also wohl auch das Schlechte darin. Selbst als Wahlkind blieb mir da keine Wahl. Vielleicht auch deshalb, weil ich gar nicht an einem Sonntag geboren wurde, sondern schon an einem Freitag. Der ganze Artikel vom 24. März 1970 war eine Ente, oder realistisch betrachtet: Mein Leben begann mit einer Lüge! Gut, meine Mutter freute sich, mich gab es wirklich, ich war noch recht frisch, aber eben nicht vom Sonntag. Egal, die Zeitung wollte die Geschichte so und bekam sie. Aus einem Freitagmorgenkind wurde ein Wahlsonntagkind.



Vor dem Wetter kam die Tonne

Böse Zungen behaupten nun, dass mir, angesichts der verlogenen Begleiterscheinungen zu meiner Geburt, nichts weiter übrig blieb, als Wetteransager zu werden.

Dabei war mein erster Berufswunsch nichts, was auch nur entfernt mit Wetter zu tun hat. Allenfalls, dass ich, hätte ich ihn ergriffen, auch Wind und Wetter ausgesetzt gewesen wäre. Ich war nämlich zunächst fest entschlossen, Müllmann zu werden. Als schätzungsweise vierjähriger Knirps erschien es mir ungeheuer beeindruckend, wie die Müllmänner jeden Montag unsere Aschtonne an den großen zischenden Lastkraftwagen hängten und der Inhalt, begleitet vom lauten Klappern des blechernen Kübels, im Bauch des Wagens verschwand. Eine staubige Arbeit. Fast jeder heizte schließlich mit Braunkohle, die orange-braune Asche musste in den Tonnen entsorgt werden und beim Entleeren entwich immer etwas in die Luft und auf die Straße.

Doch da war noch etwas, was mich damals besonders in seinen Bann zog: Der Müllmann durfte auf einem kleinen Tritt am Heck das Fahrzeuges stehen, während der Fahrt! Draußen! Gab es etwas Schöneres als so durch die Straßen zu sausen? Ich war neidisch, das wollte ich auch machen – wenn ich mal groß sein würde. Verlockend war auch die Vorstellung, dass ich dann nur einen Tag in der Woche arbeiten müsste, schließlich kam das Müllauto immer nur montags. Was für ein Leben. Jetzt lag es nur noch an mir, ich hatte einfach groß zu werden und später in der Schule schön aufzupassen.

Es muss an meinem Geburtstag gewesen sein, einer zwischen dem fünften und dem zehnten Lebensjahr, so meine zugegeben vage Erinnerung. Ich saß auf einem vielleicht einen Meter hohen gemauerten Pfeiler vor dem Eingang unseres Hauses. Neben mir stand mein Vater – diese Szenerie wurde auf einem Foto festgehalten. Nach dem Knipsen stieg ich vom Pfeiler, rutschte ab und fiel kopfüber auf das harte Pflaster. Ich muss benommen gewesen sein und wurde verrückt, wetterverrückt. Zumindest habe ich beschlossen, die tiefe Liebe zu Wolkenbrüchen, Starkschneefällen und Schwergewittern eben auf diesen donnernden Sturz zurückzuführen.

 

Da war die Welt noch in Ordnung … Mein Vater und ich auf dem besagten Pfeiler (Ende der 70er-Jahre)

Vielleicht handelte es sich aber auch nur um einen Zufall und es war doch mein Großvater, der das zarte Aufkeimen meiner Begeisterung für Meteorologie und Geografie beförderte. In meiner Erinnerung saßen wir oft über einen großen Atlas gebeugt im Wohnzimmer und fuhren mit den Fingern um die Welt. Opa Heinz wusste von Stürmen zu berichten, die er als Matrose vor Norwegen erlebt hatte, damals im Krieg. Er kannte sich auf den Landkarten aus und konnte gut erzählen, so gut, dass ich oft lachen musste.

Seine Tischlerwerkstatt neben unserem Drei-Generationen-Haus roch immer nach Holz, das mochte ich. Möglich, dass meine Vorliebe nicht nur für das Wetter, sondern auch für Holz damals geprägt wurde. Beides hat etwas mit der Natur zu tun, und Naturwissenschaft fasziniert mich bis heute, handwerkliches Arbeiten mit Holz gleichfalls, nur hapert es bei Letzterem an einer zufriedenstellenden Umsetzung meinerseits.

Die Liebe zum Wetter kam und ging nie wieder (ich habe darüber schon in meinem ersten Buch „Kreibohms Wetter!“ geschrieben). So bereicherte ich zum Beispiel als Neunjähriger das Tagebuch meines Vaters während des Urlaubs in Bansin auf Usedom mit Angaben über das Tages-Wetter – bis hin zur exakten Wellenhöhenangabe der Ostsee, nämlich 60 Zentimeter am 28. Juni 1979, und dies bei Sonnenschein und 19 Grad Luft- sowie 18 Grad Wassertemperatur.


Titel unseres Urlaubstagebuches, gestaltet durch meinen Vater und mich (1979)


So schön war Bansin … Eintrag im Urlaubstagebuch (1979)


Der junge Mann und das Meer (1979)

Stabil war das Wetter während unseres Aufenthaltes nicht, denn für den 1. Juli wurde durch meinen Vater vermerkt, dass die DDR-Tennismeisterschaften in Zinnowitz von Schauern geplagt wurden und der spätere Sieger Thomas Emmrich sein Spiel unterbrechen musste. Auch Heinz Florian Oertel, der das Geschehen kommentierte, musste Schutz suchen. Erst drei Tage später hockten wir wieder am Strand, ich vermerkte: „Die Sonne strahlt vom Himmel, wolkenlos.“


Backofenbau und Dauerfeilen

Dass das Wetter für mich zum Beruf wurde, hat auch etwas mit dem VEB Backofenbau Parchim zu tun sowie mit dem Parchimer Landwirtschaftlichen Instandsetzungswerk (LIW). In beiden Betrieben gab es während meiner Zeit an der Adolf-Diesterweg-Schule, natürlich die beste Bildungseinrichtung der Stadt, tageweise Arbeit zu verrichten, und zwar im Rahmen des Faches PA – Produktive Arbeit. Für diesen Unterricht rückte die gesamte Klasse jeweils an zwei Tagen im Monat in einen der Betriebe ein, zunächst ein Jahr im Backofenbau, danach bis zur 10. Klasse im Landwirtschaftlichen Instandsetzungswerk.

Im VEB Backofenbau erlernte ich als Schüler der 8. Klasse die hohe Kunst des Mülleimerhenkelbiegens, und zwar so ganz nebenbei – doch dazu gleich mehr. Hauptaufgabe war das stundenlange Feilen an Metallflanschen. Die Maße waren vorgegeben, die wir einzuhalten hatten, klar gekennzeichnet durch ins Metall geritzte Linien. Bis zu diesen war zu feilen, machte man alles richtig, passte so ein Teil in irgendein Loch – in was für eines, habe ich entweder nie gefragt oder dieses Wissen erfolgreich wieder verdrängt. Die Stunden, nein: die Tage vergingen, ich feilte und feilte, maß und feilte weiter.

Schließlich kam der Moment der Abgabe des Gefeilten, zu dem ich im Laufe der Zeit eine gewisse Abneigung entwickelt hatte. Der für unser Schaffen verantwortliche Meister, vermutlich staatlich geprüfter Metallflanschfeiler und Kenner sämtlicher dafür vorgesehener Löcher, legte sein Maßband an und widmete sich meinem Objekt, nahm ein Stück Kreide und malte ein großes A darauf. „Güteklasse A, nicht schlecht, hat sich die Mühe ja gelohnt!“, dachte ich. Doch ich irrte, mein Metallflansch landete in einem großen Behälter, der mit einem A gekennzeichnet war, A wie Ausschuss. Gut, das saß. „Feilen, das kannst Du schon mal nicht, zumindest nicht richtig.“

Anders beim Mülleimerhenkelbiegen. Darin war ich geschickt. Aber man konnte beim besten Willen auch wenig falsch machen. Ein schmaler Metallstab musste lediglich in eine Vorrichtung gelegt werden, die noch vier Hebel besaß. Zwei dieser Hebel, links und rechts gleichzeitig betätigt, sorgten dafür, dass aus dem geraden Stab ein gebogener wurde, die beiden anderen hatten die Aufgabe, noch zwei kleine Häkchen daran zu biegen. Diese wurden, wenn man den fertigen Henkel in den Gebrauch überführte, in die kleinen Löcher des Plastemülleimers gesteckt. Hunderte Mülleimerhenkel habe ich in meinem Leben gebogen, damit hat der VEB Backofenbau Parchim wahrscheinlich die halbe DDR versorgt. Es ist anzunehmen, dass auch heute noch derartige Werke existieren, denen ich einst im PA-Unterricht die richtige Krümmung beigebracht habe.


Das war mein Schulhof. Die dazugehörige Schule steht übrigens rechts, das ist die Diesterweg-Schule. Das linke Gebäude ist auch eine Schule, die Reuter-Schule. Deren Schulhof war auf der anderen Seite. Wir spielten hier Schlagball. Und „durften“ an Fahnenappellen teilnehmen.

Mein Vater konnte linke Fahrradspiegel so umbauen und wieder zusammenschweißen, dass ich zeitweise sogar einen rechten Spiegel am Lenker hatte – diese gab es so gut wie nie zu kaufen. Mit einem derart aufgedonnerten Rad der Marke „Mifa“ war man damals ganz vorne mit dabei, zwei Spiegel, Tacho – Vollausstattung. Und ging etwas kaputt, musste mein Vater ran, ich stellte mich ausgesprochen ungeschickt an.

So war es kein Wunder, dass ich an der Tätigkeit in unserem zweiten PA-Betrieb keine große Freude entwickelte. Im Instandsetzungswerk (LIW) arbeitete unsere Patenbrigade, daher kannten wir den Betrieb schon länger. Hier wurde gebohrt, gefräst, geschraubt – und wieder gefeilt. Es roch nach Metall und Öl, nach Fett und irgendwelchem Kühlmittel, das beim Metallbohren zum Einsatz kam. Ich drehte Gewinde in Traktorenachsen, oder sagen wir besser: Ich versuchte zu drehen. Dabei hoffte ich stets, dass es kein Traktorist mit den Teilen, die ich dort bearbeitet hatte, zu tun bekam. Er würde fluchen, dass die Ernte nicht eingefahren werden konnte, weil irgendeine Schraube nicht in „mein“ Gewinde passte. „Nein!“, dachte ich damals, „so etwas wie hier, das Arbeiten mit all den Maschinen, das Feilen – das willst du niemals im Leben mehr machen. Du musst einen Beruf wählen, bei dem du ein Büro hast, einen Schreibtisch, einen Stift – und versuchst, wenigstens wichtig zu gucken.“

Glücklicherweise deutete sich ziemlich schnell an, dass es zumindest in diese Richtung gehen würde, denn, wollte ich mir meinen vom Wetter geleiteten Berufswunsch erfüllen, musste ich mich schon mit dem Halbjahreszeugnis der 9. Klasse bewerben. Der Zensurenspiegel schien den Anforderungen zu entsprechen, bekam ich doch rasch die Zusage. Als einer der ersten meines Jahrganges hatte ich einen Lehrvertrag in der Tasche. Kein Lehrer konnte sich daran erinnern, dass jemals einer seiner Schüler „Technischer Assistent für Meteorologie“ werden wollte. Und es nun auch noch werden konnte mit seinem Lehrberuf beim Meteorologischen Dienst der DDR in Potsdam. Am 1. September 1986 sollte es losgehen. Ich freute mich darauf.


Der Wetterbeobachter

Den Beruf des Technischen Assistenten für Meteorologie (TAM) auszuüben, bedeutete Schichtdienst, selbstverständlich auch an Wochenenden und Feiertagen, denn das Wetter macht schließlich niemals Pause. Für eben dieses Wetter war man zuständig, genauer gesagt: für die Beobachtung des Geschehens am Himmel sowie das Messen bestimmter meteorologischer Parameter. Dies geschah allerdings nicht nach Lust und Laune, sondern nach einem exakt festgelegten, minutengenauen Plan.

Alle Wetterbeobachter sind angehalten, sich an diesen Plan zu halten, wirklich alle, auf der ganzen Welt. Jede Wetterstation ist Bestandteil eines weltumspannenden Mess- und Beobachtungsnetzes. Sinn und Zweck ist es, das Wetter in seiner gesamten Bandbreite zu erfassen – und dies mit vergleichbaren Methoden. So schauen überall auf der Erde Wetterbeobachter zur gleichen Zeit in den Himmel. Das synchrone Betrachten der Vorgänge in der Atmosphäre gibt dem Teilbereich der Meteorologie, der sich mit aktuellem Wetter und seiner Vorhersage beschäftigt, seinen Namen: Synoptische Meteorologie, kurz Synoptik genannt.

Im Fachjargon ist die mindestens stündlich erfolgte Meldung eines Wetterbeobachters an die Zentrale Sammelstelle des nationalen Wetterdienstes ein SYNOP. Ohne diese SYNOPs geht gar nichts oder zumindest nicht viel. Sie sind die Grundlage für die Wettervorhersage, denn nur durch sie erfahren die Meteorologen, wie sich das Wetter auf der Welt oder in ihrer Region, für die sie zum Beispiel eine Vorhersage machen sollen, gestaltet. Theoretisch könnte also jeder Meteorologe, der sich der synoptischen Wettervorhersage widmet, erfahren, wie das Wetter an jedem Ort der Welt gerade ist, vorausgesetzt, dieser Ort hat eine Wetterstation und sein Wetterdienst stellt die Daten zur Verfügung.

Wetterstationen gibt es auf Bergen, in Tälern, in Städten und Dörfern, mitten in der Pampa oder in der Wüste. Das Netz ist nicht überall eng gesponnen, je nach Besiedlungsdichte liegen zwischen den Messpunkten wenige oder hunderte Kilometer. Je dichter es ist, desto besser kann man den Istzustand erfassen.

In der DDR war der Meteorologische Dienst für das Erfassen der Wetterdaten zuständig und beschäftigte dafür Technische Assistenten für Meteorologie. Ein Knochenjob. Musste man doch pro Stunde mindestens einmal aus seinem Bürostuhl aufstehen und vor die Tür gehen, natürlich bei Wind und Wetter. Ziel war, zu erfassen, wie sich das Wetter gerade darstellte. Bevor weite Teile der Datenerfassung automatisiert wurden, gab es zum Beispiel die Temperaturmessung „von Hand“. Die Thermometer hingen in einer schneeweißen „Thermometerhütte“, diese schirmte die Messinstrumente von jeglicher Sonnenstrahlung ab, was auch die immer vorhandene Rückstrahlung des Erdbodens einschloss. Alte Hütten waren aus Holz, die neueren aus Plastik. Die Lamellenwände, durch die der Wind problemlos wehen konnte, hielten den Regen von den Thermometern fern, auch unter dem leicht schrägen weißen Dach gab es kleine Lüftungsschlitze.

Gemessen wurde stets zwei Meter über Grund und dies auf zwei Flüssigkeitsthermometern gleichzeitig. Bei einem war das kleine Flüssigkeitsgefäß des Thermometers mit einem „Strumpf“ überzogen. Das so eingepackte Gefäß tauchte man in ein kleines Gläschen, das mit destilliertem Wasser gefüllt war. Nach diesem Anfeuchten wurde mit einer speziell dafür vorgesehenen Vorrichtung Luft angesaugt und an beiden Flüssigkeitsgefäßen vorbeigeführt, aspirieren nennt sich dieser Vorgang. War die Luft trocken, verdunstete viel Wasser aus dem feuchten Strumpf, wobei Wärme verbraucht wurde. Das feuchte Thermometer zeigte folglich nach kurzer Zeit eine tiefere Temperatur an als das trockene. Hatte man mehrfach die Temperatur des Feuchtthermometers abgelesen, hörte die Temperatur auf zu sinken und die „Feuchttemperatur“ war erreicht. Je größer die Differenz zwischen beiden Temperaturwerten, desto trockener die Luft: So ließ sich die relative Luftfeuchtigkeit ermitteln und die Taupunkttemperatur. Sind trockene und feuchte Temperatur gleich, gibt es keine Verdunstung, da die vorbeiströmende Luft bereits zu 100 Prozent gesättigt ist, bei Nebel zum Beispiel. Dann ist die Lufttemperatur auch gleich der Taupunkttemperatur. Kurz: Durch das Aspirieren lässt sich feststellen, wie viel Wasserdampf in der Luft enthalten, ob sie eher feucht oder trocken ist.

 

Haus „Erika“, erster Standort des Wetterstudios Hiddensee, mit Thermometerhütte im Vordergrund (um 2000)

Neben der Erhebung der Temperatur- und Feuchtedaten gab es alle sechs Stunden die Messung des Niederschlages und der Schneehöhe. Alle zwölf Stunden wurden zusätzlich noch die höchste und tiefste Temperatur ermittelt, dazu dienten zwei weitere Thermometer mit einer etwas anderen, aber vergleichbaren Messmethode. Ergänzend hierzu kam am Morgen die tiefste Temperatur, gemessen 5 Zentimeter über Grund. Diese Temperatur ist gemeint, wenn man von Bodenfrost spricht.

Aber auch im Boden selbst wurde und wird gemessen, und zwar in 5, 10, 20, 50 und 100 Zentimetern Tiefe, das ist gleichfalls internationaler Standard. Interessant sind diese Daten unter anderem, um festzustellen, wie tief der Frost ins Erdreich eingedrungen ist (die sogenannte Frosteindringtiefe). Zugleich wird so der Erdbodenzustand eingeschätzt. Ist er trocken, feucht, nass oder gefroren?

Auch Schnee musste, als ich beim Meteorologischen Dienst begann, noch ohne große automatische Unterstützung eingeordnet werden – in nassen oder trockenen, gleichmäßig oder verweht liegenden.

Zu all diesen Messungen und Schätzungen kam die Augenbeobachtung. Wie viel Bewölkung zeigte sich am Himmel? Mit dem Zählen der Wolken kam man nicht weit, aber mit der Abschätzung des Bedeckungsgrades. Hierfür wurde der Himmel in Achtel eingeteilt und man musste überlegen, wie viel Achtel komplett mit Wolken ausgefüllt wären, würde man alles Gewölk zusammenschieben. Wichtig war auch die Bestimmung der Wolkenart, alles gemäß des internationalen Wolkenatlas’. In diesem hat man festgelegt, was eine Cumulus-, eine Schicht- oder eine Cirruswolke ist, mit all ihren Unterarten in den verschiedenen Höhen der Troposphäre.

Doch die Augenbeobachtung ging weiter. Wie weit konnte man schauen? Jede Wetterstation hatte Sichtmarken in der näheren und weiteren Umgebung, die der Orientierung dienten. War zum Beispiel eine Kirchturmspitze in 20 Kilometern Entfernung gerade noch zu sehen und befanden sich entfernter liegende Sichtmarken hinter einem Dunstschleier, konnte man die Sichtweite auf 21 oder 22 Kilometer festlegen.

Schließlich musste natürlich noch zur Erfassung des aktuellen Wetterzustandes festgehalten werden, ob es gerade regnete oder schneite – und wenn ja, wie stark. Diese Aspekte waren allerdings permanent zu dokumentieren, folglich hatte man im Dienst schon darauf zu achten, was zwischen den stündlichen Beobachtungsterminen draußen los war. Wenn beispielsweise Regen angekündigt war, ging es doch immer wieder vor die Tür, damit man dessen Beginn nicht verpasste. Die Wetterstation in Berlin-Dahlem besaß hierfür einen elektrischen Regenmelder, eine unter schwachem Strom stehende Metallplatte im Freien. Trafen Regentropfen darauf, ging im Dienstraum des Wetterbeobachters ein rotes Licht an. Bei Vogelschiss allerdings auch. So einen Regenmelder, eine geniale Erfindung, habe ich in meiner Laufbahn jedoch nur in Dahlem kennengelernt, die zum Meteorologischen Institut der Freien Universität gehörende Station wollte es offenbar ganz genau machen.

Seine Wetterbeobachtungen hatte der Diensthabende jede Stunde in ein Beobachtungstagebuch einzutragen, im Falle des Beginns oder Endes eines Schauers minutengenau auch zwischendurch. Hierbei handelte es sich aber nicht um ein in Leder eingeschlagenes oder mit Einhörnern bedrucktes Tagebuch, wie Teenager es benutzen. Es war ein schnödes A3-Blatt mit Tabelle, jede Stunde (fachlich korrekt: jeder Termin) hatte eine Zeile, jeder meteorologische Parameter eine Spalte. Hinzu kam noch Raum für die Beobachtung zwischen den Terminen.

So füllte sich nun, beginnend um 0 Uhr, dieses Blatt Kästchen für Kästchen und Zeile für Zeile, das Wetter eines ganzen Tages wurde auf einem Blatt festgehalten. Der Sinn des Ganzen hatte weniger damit zu tun, das tägliche Wetter zu registrieren und zu archivieren. Viel wichtiger war es, die Wetterbeobachtung an die Zentrale Wetterdienststelle weiterzuleiten – in der DDR befand sich diese in Potsdam, in der Bundesrepublik damals wie heute in Offenbach. Und das nicht per Telefonplausch – den konnte es schon allein deshalb nicht geben, weil alle Wetterstationen gleichzeitig ihre Meldung absetzen mussten, und zwar jeweils zehn Minuten vor der vollen Stunde.

Eine solche Wettermeldung sah beispielsweise folgendermaßen aus:

SMDL DWBD 131800

AAXX 13181

10381 01983 41905 10195 20159 30016 40109 57010 69902

76162 84070333 10242 20121 31010 55300 69907 81360

84365=

NNNN

Ein Geheimcode? Nein, die Wetterdaten wurden nach dem international einheitlichen Wetterschlüssel mit dem klangvollen Namen FM12 verklausuliert. Wenn man so will, ist dies das Esperanto der Meteorologie. Jeder, der diese „Sprache“, diesen Code kennt, weiß, wie das Wetter an der Station ist, von der die Meldung stammt.

Es würde zu weit führen, an dieser Stelle den gesamten Code zu erklären, im Internet findet man unter dem Suchbegriff „FM12“ die komplette Erläuterung. Als kleines Entschlüsselungsbeispiel sei hier die wohl wichtigste Zahlengruppe genannt, beginnend mit 10381, der Stationskennung. Die 10 steht für Deutschland, die 381 für Berlin-Dahlem. Jede Wetterstation kann so über eine Nummer identifiziert werden. Die folgenden Kombinationen stehen für Parameter wie Sichtweite, Bedeckungsgrad, Windgeschwindigkeit. Auch die Lufttemperatur verbirgt sich natürlich darunter, in der vierten Gruppe bedeutet die 10195 beispielsweise 19,5 Grad Celsius. In der ersten Zeile weist die Gruppe 131800 darauf hin, dass die Beobachtung vom 13. eines Monats um 18:00 Uhr Weltzeit stammt.

Jedes Rechenzentrum der verschiedenen nationalen Wetterdienste kann so eine verschlüsselte Wettermeldung verarbeiten, und, es sei noch einmal betont, jeder gut ausgebildete Wetterbeobachter kann sie „von Hand“ lesen.

Diese Methode wurde und wird exakt so auf der ganzen Welt angewandt und macht bis heute einen Datenaustausch überhaupt erst möglich. Durch die international standardisierte Messtechnik und Messmethode sind die erhobenen Daten miteinander vergleichbar. Mittlerweile liegen jahrzehntelange Messreihen vor oder sogar die kontinuierlich erfassten Daten von mehr als einem Jahrhundert, oft vom gleichen Standort. Wetterstationen leisten so ihren Beitrag für die Erfassung des aktuellen Wetters und durch die Speicherung der Daten spielen sie die Hauptrolle bei der Einordnung der aktuellen globalen Erderwärmung. Man kann die Entwicklung des Weltklimas bis mindestens 1880 aufgrund von Messdaten zurückverfolgen, an einigen Orten sogar bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts.

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