Der Ruul-Konflikt 15: Operation Himmelswolf

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Aus der Reihe: Der Ruul-Konflikt #15
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Die Zeit dehnte sich schier endlos. Und mit einem Mal saßen zwei Dutzend Til-Nara auf dem Chassis. Mit ihren Lanzen rissen sie die Panzerung in ganzen Fetzen ab, bis sie das Innenleben erreichten. Sie stießen ihre Lanzen hinein und pumpten den Innenraum mit Energieimpulsen voll. Die Besatzung hatte nicht den Hauch einer Chance. Nach getaner Arbeit flogen sie einfach weiter. Dass sie gerade vielen Menschen – und nicht zuletzt Manfred – das Leben gerettet hatten, schien sie nicht zu kümmern.

Es kümmerte aber Manfred. Ein eisiger Schauder lief ihm über den Rücken, als er das Wrack des Panzers einen Moment lang musterte. Das war äußerst knapp gewesen, wesentlich knapper, als er es gern gesehen hätte.

Ein beinahe sanfter Stoß von DeGroot brachte ihn ins Hier und Jetzt zurück. Manfred setzte sich erneut in Bewegung. Die Streitmacht erreichte den ruulanischen Schützengraben und ergoss sich wie eine gewaltige Flut auf dessen Boden. Augenblicklich entbrannte ein Kampf Mann gegen Mann.

Til-Nara und Nerai waren mit den Ruul bereits in Nahkämpfe verkeilt und stritten bis aufs Blut. Ein Ruul tauchte vor Manfred auf und schwang sein riesiges Sichelschwert. Manfred parierte mit seinem Bajonett und in einer gewagten Riposte stieß er seine Klinge tief in den Hals des reptilienhaften Kriegers.

Dieser ließ sein Schwert fallen und griff sich an die heftig blutende Wunde. Manfred ging kein Risiko ein und stieß erneut zu, dieses Mal in den Bauch. Die Rüstung des Gegners leistete nur kurz Widerstand. Der Ruul ging zu Boden.

Weitere Marines und TKA-Soldaten strömten in den Schützengraben. Die ruulanische Artillerie schwieg inzwischen. Manfred hoffte, für immer.

Die Zeit während einer Schlacht war eine seltsame Angelegenheit. Man hatte immer das Gefühl, man würde bereits Tage kämpfen. Oder zumindest Stunden. Meistens waren es jedoch gerade mal Minuten.

Manfred bildete da keine Ausnahme. Sein Bajonett hob und senkte sich im Gleichklang mit denen seiner Kameraden. Der Boden wurde getränkt gleichermaßen vom Blut von Ruul, Menschen und Insektoiden. Zweimal versuchten die Ruul, die Eindringlinge zurückzutreiben und den Berg wieder hinunterzuwerfen. Die Koalition jedoch fasste Fuß und hatte nicht die geringste Absicht, das eroberte Terrain aufzugeben. Sie waren nun hier und sie würden hier bleiben.

Manfred erlitt eine oberflächliche Schnittwunde an der rechten Schulter und einen Streifschuss durch eine Blitzschleuder an der linken Hüfte. Aber er führte seine Marines immer weiter, immer tiefer in die feindlichen Stellungen hinein. Seine Arme schmerzten und wurden langsam lahm durch das beständige Führen des Bajonetts. Sie durften aber nicht aufgeben, nicht so kurz vor dem Ziel. Die Ruul standen am Rande der Niederlage und alle Beteiligten wussten es.

Der Druck der ruulanischen Krieger war auf einmal weg, derart plötzlich, dass Manfred für einen Augenblick verwirrt innehielt und sich fragte, wo der Feind so unvermittelt abgeblieben war.

Die Soldaten fingen an zu jubeln. Manfred hob erschöpft den Kopf. Am höchsten Punkt der ruulanischen Festung flatterte die terranische Flagge stolz im Wind. Der Marine-Colonel ließ sein Gewehr erschöpft sinken. Seine Schultern sackten ein ganzes Stück herab. Sie hatten es geschafft. Die Festung war gefallen. Serena befand sich wieder vollständig in ihrer Hand.

1

Commodore Frank Taylor besuchte seinen Ersten Offizier, sooft es sein Dienst und der damit verbundene enge Zeitplan zuließ. Die Schwerstverwundeten von der Saber II und ihren Begleitschiffen hatte man bereits in den ersten Minuten nach der Schlacht am Festungsmond auf das Lazarettschiff Bangkok im Orbit um Serena verfrachtet.

Dunlevy gehörte zu den schlimmsten Fällen. Die Ärzte hatten kurzzeitig sogar die Möglichkeit in Betracht gezogen, er würde es nicht schaffen. Er hatte seither noch nicht das Bewusstsein wiedererlangt.

Frank sah zum Chronometer an der Wand. Es wurde Zeit, wieder aufzubrechen. Er berührte seinen Ersten Offizier freundschaftlich an der Hand und wandte sich zur Tür um. In diesem Augenblick regte sich der Mann unruhig und schlug plötzlich die Augen auf.

»Commodore …«, keuchte er erschöpft.

Frank war sofort bei ihm und lächelte erleichtert auf diesen herab. »Schön, dass Sie wieder bei uns sind, Ian. Wir haben uns schon alle Sorgen gemacht.«

»Schiff und Besatzung?«, wollte der Mann wissen.

Frank grinste breit. »Na hör sich einer diesen Kerl an! Kaum bei Bewusstsein, und schon erkundigt er sich nach dem Schiff.« Frank tätschelte beruhigend die Schulter des Mannes. »Keine Sorge, dem Schiff geht’s gut und die meisten aus der Besatzung haben es auch überstanden. Die Saber II liegt derzeit im Orbit an einem Reparaturschiff angedockt. Der Rumpf wird gerade geflickt.«

»Dann sind wir also noch im Serena-System?«

Frank nickte.

»Das bedeutet, wir haben gewonnen?«, hakte Dunlevy nach.

»Sie haben eine großartige Siegesfeier verpasst. Vor zwei Wochen wurde Serena offiziell für neutralisiert erklärt. Wir haben die Ruul aus dem System getrieben. Fürs Erste haben wir es überstanden. Zumindest hier. Woanders wird vermutlich schon wieder die Kacke am Dampfen sein.«

Dunlevy seufzte. »Zwei Wochen? Ich war zwei Wochen weg?«

»Sogar etwas mehr«, bestätigte Frank. »Dabei hatten Sie noch Glück im Unglück. Genauso gut hätten Sie sich den Hals brechen können.«

»Ich freue mich schon darauf, wieder zurück auf die Saber zu kommen.«

Franks Lächeln schwand ein wenig. Er leckte sich über die trockenen, aufgesprungenen Lippen. Was er nun tun musste, fiel ihm sichtlich schwer. Es war jedoch allemal besser, wenn Dunlevy die schlechten Neuigkeiten von seinem kommandierenden Offizier und Freund erfuhr statt von irgendjemand anderem.

»Hören Sie, Ian«, begann Frank. »Was das betrifft …«

»Commodore …«, unterbrach Dunlevy ihn. »Ich kann meinen linken Arm nicht bewegen. Er … er ist doch nicht etwa weg.«

Der Erste Offizier schlug in Panik die Decke zurück, entspannte sich allerdings, als er seinen intakten linken Arm an seiner Seite liegen sah. Dunlevy sah auf. Die Panik kehrte in seinen Blick und seinen Tonfall zurück. »Warum kann ich meinen Arm nicht bewegen? Ich spüre ihn gar nicht.«

Frank räusperte sich. »Ian, Sie müssen verstehen, dass Sie wirklich sehr schwer verwundet waren. Sie hatten ein Schädel-Hirn-Trauma, weshalb Sie geraume Zeit im Koma lagen. Das war aber nicht alles. Als die ruulanische Salve die Saber getroffen hat und Sie über die Brücke geschleudert wurden, haben Sie sich einen Nervenschaden am linken Arm zugezogen. Und ich fürchte, er ist irreversibel.« Frank zögerte. »Es … es tut mir leid, alter Freund. Sie werden Ihren linken Arm nie wieder benutzen können.«

»Was?« Dunlevys Stimme nahm einen beinahe schrillen Tonfall an. »Das ist doch unmöglich. Die Ärzte werden doch etwas dagegen unternehmen können. Die werden doch etwas machen können. Wir leben im 22. Jahrhundert, verdammt noch mal! Heutzutage kann man fast alles heilen.«

»Das Zauberwort heißt fast. Die Ärzte versicherten mir, dass der Schaden inoperabel ist. Es … es tut mir wirklich sehr leid, Ian. Aber für Sie ist der Krieg vorbei. Sie gehen mit dem nächsten Verwundetentransport zurück zur Erde, wo Sie in ein Reha-Zentrum für Veteranen kommen und anschließend mit allen Ehren entlassen werden.«

Frank sah die Tränen in den Augen des Mannes. Sein Erster Offizier kämpfte aber tapfer darum, sie nicht zu vergießen. »Verdammt! Das war es also mit meiner Karriere.« Er seufzte. »Na ja, man muss das alles auch positiv sehen. Jetzt habe ich endlich genug Zeit für die Familie.«

»Sandra wird sich freuen, wenn sie Sie wieder zu Hause hat, wo Sie umsorgt werden können.«

Dunlevy schnaubte. »Sie wird es hassen.«

Frank neigte leicht den Kopf zur Seite. »Vermutlich. Sie wird aber zu schätzen wissen, dass Sie immer noch am Leben sind.«

Dunlevy nickte mühsam. Sogar diese kurze Bewegung mit dem Kopf schien ihn bereits auszulaugen. »Hat man Ihnen schon einen Ersatzmann zugewiesen?«

Frank nickte fast unmerklich. »Ich erwarte ihn demnächst. Bin schon gespannt, wen man mir aufs Auge gedrückt hat.«

»Wird bestimmt ein guter Offizier sein.«

»Für Sie gibt es keinen Ersatz, Ian.« Frank war sich bewusst, wie abgedroschen und klischeehaft die Bemerkung klang. Dennoch hatte er das Gefühl, irgendetwas in dieser Richtung sagen zu müssen. Er hoffte, es würde seinem ehemaligen XO wenigstens ein klein wenig Trost bieten. Der Mann war ein Vollblutoffizier und hatte sein ganzes Dasein in den Dienst der Flotte gestellt, zulasten seines Privatlebens. Er hatte mehr Zeit im Weltraum verbracht als in seinem Zuhause in der Nähe von Dublin.

Es würde für ihn schwer werden, ins Zivilleben zurückzukehren, auch wenn in manchen Berufszweigen Veteranen sehr gefragt waren, selbst die Versehrten unter ihnen. Sicherheitsfirmen zum Beispiel rissen sich geradezu um sie. Man stellte sie als Berater ein. Gut möglich, dass eine der besagten Firmen in den nächsten Monaten auf Dunlevy zukommen und ihm ein lukratives Angebot unterbreiten würde. Frank hoffte es. Wenn es jemand verdient hatte, dann Ian.

»Schon eine neue Mission zugewiesen bekommen?«, wollte Dunlevy wissen und riss Frank damit aus seinen Gedanken.

»Noch nicht, aber ich habe morgen eine Besprechung mit Hoffer. Ich vermute, es geht um den nächsten Einsatz. Ich bin schon sehr gespannt.«

Frank nickte. »Dann wünsche ich Ihnen viel Glück!« Der Mann zwang sich zu einem schmalen Lächeln. »Wenn Sie das nächste Mal auf der Erde sind, dann hoffe ich, Sie besuchen Sandra und mich.«

»Das werde ich ganz sicher«, erwiderte Frank und gab Dunlevy freundschaftlich die Hand. Er hatte die Botschaft verstanden. Der Mann wollte jetzt allein sein. Es gab viel, worüber Dunlevy nachdenken und was er verarbeiten musste. Er würde aber lernen, mit seinem Schicksal zurechtzukommen. Das hoffte Frank jedenfalls.

 

Die beiden Männer nickten sich gegenseitig ein letztes Mal respektvoll zu, verabschiedeten sich voneinander und Frank verließ das Krankenzimmer. Noch während sich die Tür zischend hinter ihm schloss, vernahm er das verzweifelte Schluchzen seines ehemaligen Ersten Offiziers.

Einen Tag später stand Frank auf dem schneeweißen Korridor vor dem privaten Quartier Vizeadmiral Dennis Hoffers an Bord der Prince of Wales und starrte durch ein Bullauge hinaus ins All.

Nicht zum ersten Mal fragte er sich, warum es immer den Charakter eines Gesprächs mit dem Direx besaß, wenn man zu seinem kommandierenden Offizier gerufen wurde.

Frank starrte an sich herunter, glättete zum wiederholten Mal seine Uniform und zupfte imaginäre Flusen vom Stoff. Dabei wusste er gar nicht, warum er so nervös war. Es ging höchstwahrscheinlich um die nächste Mission und nicht um einen Anschiss. Er hatte keinen Mist gebaut, jedenfalls nicht in letzter Zeit – nicht dass er wüsste.

Vor Hoffers Quartier stand eine Doppelwache Marines auf Posten. Die beiden Soldaten starrten geradeaus mit hinter dem Rücken verschränkten Händen. Sie nahmen von Frank keine Notiz, aber das Holster ihrer Seitenwaffe war geöffnet, sodass sie jederzeit ihre Handfeuerwaffe griffbereit hatten, sollte sich eine Bedrohungslage ergeben. Die beiden Männer wirkten zwar entspannt, aber auch äußerst kompetent.

Schritte ließen Frank herumfahren. Vom anderen Ende des Korridors näherten sich vier Personen: ein Mann im Weiß der Flotte gekleidet, eine Frau im Schwarz des MAD sowie zwei männliche MAD-Offiziere.

Als die vier näher traten, erkannte Frank Vizeadmiral Laszlo Dushku von der Vigilantes. Beim ruulanischen Festungsmond hatte dessen Gegenangriff Frank und seinem kompletten Geschwader den Arsch gerettet. Trotzdem war er nicht froh, den Mann zu sehen. Als Dushku ihn erkannte, verzog dieser mürrisch die Miene. Er schien nicht minder verstimmt zu sein, Frank zu sehen.

Hoffer musste den Bereich vor seinem Quartier mittels einer Kamera überwacht haben, denn als die vier Offiziere sich näherten, öffnete sich die Tür und gab den Weg zum Allerheiligsten des Admirals frei.

Frank wartete geduldig, bis Dushku sowie die MAD-Offiziere in dessen Begleitung an ihm vorübermarschiert waren, bevor er sich ihnen anschloss. Hoffer saß an seinem Schreibtisch und erhob sich, als seine Gäste auf der Bildfläche erschienen. Die Tür schloss sich hinter Frank nahezu geräuschlos.

»Meine Herren, meine Dame. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Kaffee? Tee? Vielleicht etwas Stärkeres?«

Alle Anwesenden verneinten das Angebot mit kurzem Kopfschütteln. Frank schloss sich dem an, obwohl er jetzt wirklich zu gern eine Tasse Tee genossen hätte. Er wollte aber nicht der Einzige sein, der ein Getränk orderte. Gruppenzwang war etwas Furchtbares.

Hoffer nahm die Ablehnung seiner Gastfreundschaft gelassen hin und deutete auf eine bequem wirkende Sitzecke an der Stirnseite seines Quartiers. Die Offiziere begaben sich dorthin und jeder suchte sich einen Platz. Aber alle blieben noch so lange stehen, bis Hoffer sich zu ihnen gesellt und gesetzt hatte.

»Nun«, begann der Admiral. »Sie werden sich alle fragen, warum ich Sie hergebeten habe.« Hoffer sah auf. Frank war verblüfft von der Intensität des Blickes in den Augen des alten Admirals. Viele neigten dazu, den Mann aufgrund seines Alters zu unterschätzen. Aber um ihn charakterlich richtig einordnen zu können, musste man sich lediglich ins Gedächtnis rufen, dass diesen hochdekorierten Offizier selbst die Besten der Ruul nicht hatten schlagen können.

»Am besten«, fuhr Hoffer fort, »ich fange erst einmal an, Sie alle einander vorzustellen.« Hoffer deutete auf den Admiral. »Vizeadmiral Laszlo Dushku sollte eigentlich für niemanden hier ein Fremder sein. Der Admiral ist seit Beginn der Operationen im Serena-System Teil meines Stabes.« Hoffers Blick glitt zu der MAD-Offizierin. »Lieutenant Lory Roberts vom Analysten-Stab des MAD.« Hoffer deutete auf den asiatisch wirkenden Mann neben ihr. »Und Lieutenant Haruto Ihara, ihr Assistent.« Hoffer wandte sich dem zweiten männlichen MAD-Offizier zu. »Captain Harriman Bates, Feldagent des MAD.« Endlich wandte sich Hoffer Frank zu. »Und Commodore Frank Taylor vom 12. Schnellen Angriffsgeschwader.« Der Admiral seufzte. »Da nun alle vorgestellt wurden, können wir endlich mit dem eigentlichen Thema beginnen.« Hoffer machte eine kurze Pause. Als er anschließend aufsah, wirkte er irgendwie besorgt. »Die Operationen im Serena-System sind vorläufig abgeschlossen. Dieser Teil des Weltraums gehört endlich wieder uns. Aber so erfreulich das ist, stellt es uns leider auch vor gewisse Probleme.«

»Welcher Art?«, wollte Harriman Bates wissen.

»Die Koalitionsflotte hier im System wird sich bald auflösen. Die Einheiten kehren zu ihren Völkern und in heimatliche Gefilde zurück. Sie wurden uns bis zur Einnahme des Systems von ihren Regierungen leihweise überlassen.«

Harriman wandte den Blick ab. Er wollte seinen Unmut vor dem Admiral verbergen. »Ich ahne, worauf das hinausläuft.«

Hoffer nickte. »Der MacAllister-Vertrag. Wir sind dazu verpflichtet, den Bedingungen des Vertrages nachzukommen. Es wurden von einigen Botschaftern auch bereits entsprechende Anträge eingebracht. Und die Präsidentin hat ihnen entsprochen. Wir schicken also Schiffe und Truppen zu unseren Verbündeten, um diese bei deren Operationen zu unterstützen.«

»Wir sind Teil dieser Vereinbarung«, meinte Dushku. Der Admiral schien alles andere als erfreut darüber, als Leihgabe betrachtet zu werden. Dabei vergaß er aber, dass Serena ohne die erheblichen Opfer ihrer Verbündeten nicht hätte zurückerobert werden können. Frank betrachtete es nur als fair, diesen Gefallen zu erwidern.

»Und wo schicken Sie uns hin?«, fragte Dushku mit unüberhörbarer Verärgerung in der Stimme.

»Zu den Til-Nara«, erläuterte Hoffer ohne Umschweife. »Diese planen in nächster Zeit eine Offensive mit dem Ziel, mindestens einen, idealerweise aber mehrere Brutplaneten zurückzuerobern. Die Til-Nara hoffen, dadurch ihre Geburtenrate zu erhöhen und sich besser gegen die Slugs behaupten zu können. Der Verlust mehrerer auf die Geburt und Aufzucht der Insektoiden spezialisierten Welten zu Beginn des Krieges war ein herber Schlag für die Til-Nara.« Hoffer lächelte schmal. »Wir nennen die Mission in den Til-Nara-Raum Operation Himmelswolf

Dushku verzog die Miene. »Die Til-Nara besitzen mit Abstand das größte Militär der Koalition. Können die das nicht alleine schaffen? Wozu brauchen sie uns?«

»Das ist keine Frage der Größe des Militärs. Unsere Schiffe sind flexibler einsetzbar. Außerdem brauchen die Til-Nara unsere schwere Infanterie und unsere Panzer zum Knacken befestigter feindlicher Stellungen, auf die man während der Offensive mit Sicherheit stoßen wird.«

»Schicken Sie jemand anders«, warf Dushku ein. »Ich werde am besten dort eingesetzt, wo ich dem Konglomerat dienen kann.«

Hoffer warf dem Vizeadmiral einen missmutigen Blick zu. »Warum überlassen Sie es nicht einfach mir zu entscheiden, welchen meiner Untergebenen ich wohin schicke?«

»Admiral, bei allem Respekt …«, beharrte Dushku.

»Kein Wort mehr darüber!«, fiel Hoffer ihm ungewohnt harsch ins Wort. »Die Entscheidung ist getroffen und Sie werden sich gefälligst fügen! Haben wir uns verstanden?«

Dushkus Gestalt versteifte sich. »Verstanden, Sir.« Um die aufkeimende peinlich berührte Stille zu überspielen, räusperte sich der zurechtgewiesene Offizier und kam auf die Operation selbst zu sprechen. »Wie viele Schiffe und Truppen umfasst die Mission?«

»Vierhundertfünfzig Schiffe und eine Viertelmillion Mann an Bodentruppen.«

»Wer führt das Kommando über die Bodenstreitmacht?«

»Lieutenant General Boris Kusnezow. Er wurde bereits über seine Rolle bei dem Einsatz informiert. Ich hätte es gern gesehen, wenn er heute auch hier gewesen wäre, aber er ist momentan auf dem Planeten gebunden. Ich werde ihn vor Ihrer Abreise noch zu einem persönlichen Gespräch bitten, um alle etwaig anfallenden Fragen seinerseits zu klären.«

Dushku nickte gemessen und Hoffer fuhr fort, indem er sich den drei MAD-Offizieren zuwandte. »Ihre Aufgabe dürfte klar sein. Sie, Captain Bates, sind Feldagent. Sie werden der zuständige MAD-Offizier bei der Operation sein und sowohl die Til-Nara als auch die terranischen Truppen mit nachrichtendienstlich relevanten Informationen über den Feind versorgen.«

Harriman Bates zog seine Mundwinkel leicht nach oben. Auf Frank wirkte es beinahe, als würde sich der Mann darauf freuen.

Hoffer richtete sein Augenmerk auf Lory Roberts sowie deren Adjutanten. »Sie beide sind Analysten und dementsprechend wird auch Ihre Aufgabe sein. Sammeln Sie alle Informationen. Sowohl über die Ruul als auch die Til-Nara und falls möglich über die Nerai und die derzeitigen Beziehungen zwischen beiden Völkern.« Der Admiral musterte die beiden Offiziere eingehend. »Ihre Aufgabe ist nicht nur von essenzieller Bedeutung für die bevorstehende Operation. Nach Ihrer Rückkehr erwarte ich einen umfassenden Bericht über die Zustände in der Hegemonie. Die Präsidentin zählt auf sie. Wir müssen wissen, wie belastbar unser Bündnis mit den Insektoiden ist.«

Die MAD-Offizierin kniff leicht die Augen zusammen. »Informationen sammeln? Über Verbündete?«

Hoffer zuckte leicht mit den Achseln. »Heute Verbündete, morgen vielleicht Feinde? Wer weiß? Wir sollten die Gelegenheit auf jeden Fall nutzen. Niemand kann vorhersehen, wie sich unser Verhältnis entwickelt. Das ist alles Politik und die kann von heute auf morgen umschlagen. Außerdem werden wir auf absehbare Zeit keine solche Gelegenheit mehr erhalten, die Insektoiden aus nächster Nähe zu beobachten und Daten zu sammeln.«

Lory nickte. »Verstanden, Sir.« Ihara entgegnete gar nichts. Der Asiate schien allgemein eher der schweigsame Typ zu sein.

»Commodore Taylor«, sprach Hoffer endlich Frank an. »Das bringt mich zu Ihrer Position. Sie werden der dienstälteste Geschwaderkommandant der Expeditionsflotte sein. Aus diesem Grund werden Sie auch als Admiral Dushkus oberster Divisionskommandant fungieren und für die Zusammenarbeit der einzelnen Einheiten sorgen. Ich will ganz ehrlich zu Ihnen sein. Das ist kein besonders dankbarer Posten. Wir schicken keinen einheitlichen Verband zu den Til-Nara, sondern eine Streitmacht, die aus Geschwadern und Divisionen zusammengesetzt sind, von denen die meisten noch nie etwas miteinander zu tun hatten. Es wird Ihre Aufgabe sein, das zu ändern.«

Frank nickte. Auf etwas in der Art war das Gespräch zugesteuert. »Ich werde die Herausforderung schon meistern, Sir«, entgegnete er. Seine Gedanken kreisten unterdessen bereits um die vorliegende Problematik. Bevor er sich geistig jedoch sehr weit darin vertiefen konnte, räusperte sich Dushku auf übertriebene Art und Weise.

»Admiral Hoffer«, begann er. »Ich wäre für einen anderen Divisionschef dankbar. Ich bin sicher, für jemanden wie Taylor finden Sie eine Aufgabe, die besser zu ihm passt.«

Frank versteifte sich. Dushkus Bitte an den Admiral stellte eine bewusste und wohlkalkulierte Beleidigung dar. Er hatte aufgrund ihrer gemeinsamen Vorgeschichte insgeheim schon damit gerechnet und sich innerlich dagegen gewappnet. Als sie kam, schmerzte sie dennoch. Und dieser Umstand überraschte Frank eigentlich am meisten.

Hoffer seufzte tief. »Noch einmal, Dushku: Warum überlassen Sie Personalentscheidungen nicht einfach mir?«

»Sir, ich muss dagegen protestieren«, erwiderte Dushku.

»Zur Kenntnis genommen«, wiegelte Hoffer kaltschnäuzig ab und wollte zum nächsten Thema kommen.

Dushku machte es ihm aber nicht so einfach. »Ich vertraue Taylor nicht«, warf der Vizeadmiral in die Runde. »Ich muss ihn als Teil meines Stabes ablehnen.«

Falls überhaupt möglich, versteifte sich Frank noch mehr. Er vermied es absichtlich, Dushku direkt anzusehen. Stattdessen blieb sein Blick starr geradeaus gerichtet.

Lory blickte von einem zum anderen. »Gibt es ein Problem?«

»Nein«, erklärte Frank.

Dushku warf im selben Moment aber ein striktes »Ja« ein.

»Vielleicht sollten Sie uns Unwissende aufklären«, verlangte die MAD-Offizierin.

Dushkus Blick verschoss Blitze in Richtung Franks, der sich keinen Millimeter von der Stelle rührte. »Das ist ganz einfach. Taylor ist nicht vertrauenswürdig. Der Grund ist sein Bruder. Taylor ist nicht zurechnungsfähig, wenn es um seinen Bruder geht. Und das macht ihn zu einem schlechten Offizier.«

 

»Erklären Sie das.« Lory schien sehr daran interessiert zu sein. Harriman verfolgte das Gespräch mit einiger Faszination.

»Wollen Sie nicht Licht in die Sache bringen?«, forderte Dushku Frank auf, anstatt selbst auf die Frage zu antworten.

»Danke, aber kein Bedarf«, wehrte Frank ab.

Dushku schnaubte. »Das kann ich mir vorstellen.« Er wandte seine Aufmerksamkeit den drei MAD-Offizieren zu. »Vor ungefähr sechs Jahren war Captain Steven Taylor, der Bruder des Commodore hier, ein aufstrebender junger Offizier. Frank Taylor war bereits Commodore und beide dienten unter meinem Kommando. Captain Taylor standen alle Türen offen. Er galt als hervorragender Gefechtsoffizier. Dann gab es jedoch einen unschönen Zwischenfall. Er wurde des Schmuggels von militärischen Gütern bezichtigt. Der MAD untersuchte den Fall und kam zu dem Schluss, dass eine Anklage gerechtfertigt war.«

Lory sah von einem zum anderen. »Ich höre ein Aber heraus?«

»Captain Taylor wäre fast für schuldig befunden worden, aber Commodore Taylor hier entschloss sich, seinem Bruder ein falsches Alibi zu geben. Weder MAD noch der zuständige Ankläger konnte es entkräften. Daher wurde der Bruder des Commodore wegen berechtigter Zweifel freigesprochen.«

Franks Blick zuckte erstmals in Dushkus Richtung. »Das Alibi war nicht falsch. Es stimmte.«

»Ach wirklich?«, begehrte der Vizeadmiral auf. »Dann erklären Sie uns allen doch, warum ihr Bruder nur ein Jahr später beim Schmuggeln auf frischer Tat ertappt wurde! Der MAD hat ihn praktisch mit der Hand in der Keksdose gestellt. Damals konnten auch Sie mit Ihrem falsch verstandenen Sinn für Loyalität ihn nicht retten.« Dushku lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Steven Taylor sitzt jetzt in einer Zelle auf Lost Hope und fristet sein Dasein damit, die Wände anzustarren und den Aufforderungen zum Aufheben der Seife im Gemeinschaftsduschraum zu entgehen.«

Der Stimme Dushkus waren Spott und Häme deutlich anzumerken. Dies war der Moment, in dem sich Hoffer zum Einschreiten entschloss. »Dass Commodore Taylor bei dem Alibi gelogen hat, konnte nie nachgewiesen werden. Soweit ich mich erinnere, leben wir immer noch in einem Rechtsstaat, in dem die Unschuldsvermutung gilt.«

»Bedauerlich«, kommentierte Dushku.

Hoffers Augenbrauen zogen sich drohend über der Nasenwurzel zusammen. »Das habe ich nicht gehört. Und ich rate Ihnen, solche Bemerkungen zukünftig für sich zu behalten, falls Ihnen Ihre weitere Karriere etwas wert ist.«

Dushku hob stolz den Kopf, erwiderte aber: »Ja, Sir.« So leicht gab sich der Vizeadmiral allerdings noch nicht geschlagen. »Es weiß aber jeder, dessen Meinung etwas bedeutet, dass der Mann, der so selbstgefällig hier in der Runde sitzt, schuldig ist. Warum sonst sollte er immer noch Commodore sein? Eigentlich müsste er inzwischen den Rang eines Konteradmirals bekleiden. Man hat ihn für Beförderungen bis auf Weiteres gesperrt. Hätte der Mann nur einen Funken Ehre im Leib, dann hätte er bereits den Dienst quittiert und wäre einfach still und heimlich gegangen.«

»Ich bin ein guter Offizier und die Flotte ist mein Leben«, entgegnete Frank betont ruhig. »Ich hatte keinen Grund zu gehen.«

»Sie sind ein Lügner und, was mich betrifft, ein Verräter.«

Frank sprang nun doch auf. »Ich bin weder das eine noch das andere.«

»Das reicht jetzt wirklich, Dushku!«, mischte sich Hoffer endgültig ein. »Und Sie setzen sich gefälligst wieder, Taylor! Die Entscheidung ist gefallen. Taylor wird Ihr Divisionskommandant, und fertig! Ich will kein weiteres Wort darüber hören.«

»Der Stunt, den Taylor am Festungsmond abgezogen hat, sagt doch schon alles über ihn aus. Er hat beinahe sein Schiff verloren, als er die Sicherheitsschaltungen der Torpedos entfernen ließ. Und sein Erster Offizier ist jetzt ein Invalide und kann nach Hause gehen.«

Hoffer seufzte. »Wir sind alle Soldaten und Offiziere. Und uns ist wohl allen klar, dass ein Krieg, in dem man keine Risiken eingeht, nicht zu gewinnen ist.« Hoffer schenkte Dushku einen milden Blick. »Und ich befürchte, Ihr Urteilsvermögen ist getrübt, was den Commodore betrifft. Hätte es sich bei der Aktion am ruulanischen Festungsmond um einen anderen Offizier gehandelt als Taylor, würden wir uns über den Vorfall gar nicht unterhalten.«

Diese Spitze traf. Dushku rümpfte die Nase und verfiel daraufhin in brütendes Schweigen. Hoffer nickte erleichtert.

»Da das jetzt geklärt ist, können wir vielleicht endlich zum Thema zurückkehren. Es gibt noch viel zu besprechen.«

Die Zusammenkunft dauerte bis spät in die Nacht. Als die Offiziere Hoffers Quartier verließen, hatte auf der Prince of Wales bereits die Mitternachtswache begonnen.

Frank hatte gute Lust, einmal kurz innezuhalten und durchzuatmen. Er verzichtete aber wohlweislich darauf. Schwäche zu zeigen, wäre das falsche Signal gewesen. Dushku hatte ihn die meiste Zeit über wie Luft behandelt. Und in den wenigen Momenten, wenn der Admiral ihn tatsächlich zur Kenntnis genommen hatte, dann waren spitze Bemerkungen in seine Richtung gefallen. Dushku machte auf jeden Fall keinen Hehl aus seiner Verachtung. Hoffer hatte zunächst versucht, die Antipathie zu ignorieren. Anschließend hatte er sich darum bemüht, zwischen den Parteien zu vermitteln. Letzten Endes hatte er resigniert und angedeutet, er würde die Zusammensetzung des Stabes für diese Mission gern ändern, wenn er die Möglichkeit dazu hätte, doch ihm fehlten die passenden Leute.

Frank hatte da einen ganz anderen Verdacht. Natürlich wollte Hoffer seine besten Leute bei sich behalten, um das Konglomerat zu schützen. Im Umkehrschluss bedeutete das, er schickte nur entbehrliches Personal zu den Til-Nara, Offiziere, auf die er gut verzichten konnte. Hätte er diese Operation ernst genommen, er hätte wohl durchaus die Möglichkeit gehabt, entweder Frank oder Dushku auszutauschen. Diese Konstellation versprach jedoch einigen Zündstoff für die Zukunft zu bieten.

Dushku eilte an ihm vorbei den Korridor entlang, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Frank salutierte trotzdem. Die militärische Etikette musste gewahrt bleiben, auch wenn er den Mann für einen eitlen Fatzken hielt. Das Schlimme war, er konnte Dushku sogar irgendwie verstehen. Trotzdem oder gerade deshalb hielt er die Art, wie der Admiral ihm gegenübertrat, für nicht sehr professionell.

Harriman Bates passierte ihn mit einem Ausdruck milden Interesses auf dem Gesicht. Die drei MAD-Agenten hatten sich das Geplänkel während der Besprechung eine Weile mit angesehen, doch mit fortschreitender Zeit eher genervt reagiert.

Frank spürte, wie jemand hinter ihm zum Stehen kam. Als er sich umwandte, sah er sich unvermittelt Lory Roberts gegenüber. Die MAD-Agentin lächelte ihn für seinen Geschmack ein wenig zu mitfühlend an. Erschwerend kam hinzu, dass er das Mitgefühl nur für aufgesetzt hielt. Diese MAD-Typen waren allesamt manipulativ und machten immer den Eindruck, sie könnten einem Menschen bis auf die Seele hinabblicken.

Ihara stand wie ein hilfreicher Schatten hinter ihr und musterte ihn wachsam. Der Mann wirkte eher wie ein Leibwächter denn wie ein Adjutant.

»Alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt. Die Besorgnis nahm er ihr ebenfalls nicht ganz ab.

Er zwang sich zu einem schmalen, nichtssagenden Lächeln. »Ja, alles bestens.« Es war gelogen. Und beide wussten es.

»Sie wissen, dass es noch große Probleme geben wird mit Ihnen und Dushku?«

Frank zuckte die Achseln. »Sagen Sie das dem Admiral. Ich habe mich völlig korrekt verhalten.«