Bibelerzählen

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© 2020 Neukirchener Verlagsgesellschaft mbH, Neukirchen-Vluyn

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.sonnhueter.com

Lektorat: Ekkehard Starke

DTP: Breklumer Print-Service, info@breklumer-print-service.com

Verwendete Schrift: Frutiger, Sabon

Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG

ISBN 978-3-7615-6700-5 E-Book

www.neukirchener-verlage.de

Vorwort

Sie hat mich ertappt


Wir treffen uns beim Neujahrsempfang. Ich freue mich auf die Begegnung mit meiner Kollegin. Sie hat das Manuskript meines Buches gelesen. Nun hält sie es in der Hand. Sie blättert darin. Hin und wieder schaut sie auf.

„Und?“, frage ich erwartungsvoll, „was sagst du? Kannst du was damit anfangen?“

„Ja“, sagt sie, aber ich bemerke ihr Zögern.

„Oder doch nicht?“, frage ich verunsichert. „Sei ehrlich!“

„Nun ja, es ist umfangreich.“

Sie macht eine Pause. Ich warte.

Nach einer Weile fügt sie hinzu: „Es ist viel, zu viel, glaube ich.“

Jetzt hat sie mich erwischt. Ich rede von spannenden Figuren, von sprudelnder Fantasie, von meiner Begeisterung für das Mündliche, vom Glauben und von Gott. Ich will sie überzeugen und füge eins zum anderen, bis sie mir schließlich ins Wort fällt.

„Glaub ich dir ja alles. Ich frage mich nur, ob du wirklich denkst, jemand liest das alles?“

„Ja. Vielleicht. Aber nicht unbedingt alles auf einmal.“

Ich zeige auf das üppige Buffet und schmunzele.

„Mit meinem Buch ist es wie mit einem Buffet. Alles ist angerichtet. Der Leser kann sich vom Anfang bis zum Ende durcharbeiten, wie der Gast von der Vorsuppe bis zur Nachspeise. Aber die Häppchen schmecken sozusagen auch einzeln. Vielleicht will jemand nur den Anfang, die Theorie. Vielleicht mag ein anderer nur Süßspeisen, also beispielsweise die Erzählungen. Alles ist möglich.“

„Du lädst zur Selbstbedienung am Buffet ein?“, sie lächelt verschmitzt.

„Dann ist es gut. Aber für mich wäre es trotzdem nichts.“

„Und warum?“, wundere ich mich und bin erneut verunsichert.

„Du schreibst nur für Männer. Ich bin eine Frau.“

Jetzt hat sie mich ertappt. Sie hat recht. Im gesamten Manuskript habe ich durchgehend die männliche Form gewählt. Jetzt ärgere ich mich. Verflixt, ich hätte es anders machen sollen.

„Es sollte einfach sein, knapp und prägnant“, verteidige ich mich. „Das ist der einzige Grund. Natürlich ist es auch an dich gerichtet. Es soll für dich sein, für Frauen und Männer und alle Erzähler*innen. Ich habe es für alle geschrieben, die schon Erzähler*innen sind, und für alle, die es werden wollen.“

„Dann ist es gut. Nun weiß ich ja, wie du’s meinst. Jetzt fühle ich mich auch angesprochen.“

Ich bin erleichtert und füge hinzu: „Alle Neugierigen sollen sich gerne am Buffet bedienen.“ „Das werden sie sicher“, lächelt meine Kollegin und reicht mir mein Manuskript. Es beginnt mit diesem Vorwort:

Gesagt – getan


Es war ein Samstag. Nicht so ein Samstag wie jeder andere. Nein, es war ein ganz besonderer Samstag. Ben hatte Geburtstag, seinen sechsten. Und dieser sechste Geburtstag sollte anders, besser, aufregender als alle vorherigen werden.

So jedenfalls hatte es sich Ben vorgestellt. Nun tat seine Mutter alles, wirklich alles, um diesen Wunsch zu erfüllen. Das Kinderzimmer, der Flur, das Wohnzimmer, die Küche, ja sogar das Bad waren mit Wimpeln, Ketten und Bildern von Dinosauriern geschmückt. Dinos mochte Ben am liebsten. Auf dem großen Tisch in der Küche gab es eine Dino-Tischdecke. Der Lieblingskuchen war gebacken und mit der bunten Glasur und Dinosauriern aus Zuckerwerk verziert. Aufregende und witzige Spiele waren vorbereitet. Preise lagen bereit. Witzig und aufregend auch sie.

Ben hatte die Kinder seiner Klasse eingeladen: Tom und Lisa, Selen und Emil und all die anderen. Die Großeltern kamen auch. Schließlich hatte Ben Geburtstag, seinen sechsten. Den wollten auch die Großeltern nicht verpassen.

Dann saßen alle am Tisch. Sie schmatzten den Kuchen, schleckten die Süßigkeiten, lachten und plauderten. „Hab ich euch jemals erzählt, dass ich diesem Dinosaurier“, und dabei tippte der Großvater einen Dino auf der Tischdecke an, „neulich begegnet bin?“ Die Kinder kicherten. „Aber ja, wirklich“, beteuerte der Großvater, „es war erst neulich, als ich zur Schule ging. Ich war wohl gerade so alt wie ihr.“ „Erzähl schon“, drängte Ben und alle sahen erwartungsvoll zum Großvater.

Der Großvater erzählte und die Kinder folgten begeistert seiner Geschichte. Sie staunten und ermunterten ihn lachend, immer neue Details zu erfinden. Kaum war die Geschichte beendet, erbettelten sie sich eine neue. Anschließend verlangten sie noch eine und eine weitere und immer so weiter. Der Großvater erzählte und erzählte. Vergessen war der Kuchen, vergessen die Spiele, vergessen die Preise.

Als sich alle Freunde am Abend verabschiedet hatten und Ben im Bett unter seiner Dinosaurierdecke lag, murmelte er zufrieden: „Das war der beste Geburtstag meines Lebens.“

Alles gesagt und nichts getan.

Eine junge Frau aus Berlin erzählt immer wieder diese Begebenheit. Nie versäumt sie, die Enttäuschung der Mutter zu beschreiben. Die liebevolle Mutter hatte alles getan. Alles hatte sie vorbereitet. Alle Wünsche wollte sie erfüllen. Nichts davon fand Beachtung. Die Kinder verschmähten die schönen Spiele und Spielzeuge. Die Erzählungen des Großvaters zogen sie in den Bann. Übrig bleibt das Staunen darüber, dass er nichts getan hatte und dabei doch alles. Erzählen wirkt.


Es ist alles gesagt.

Mit dieser kleinen Anfangsgeschichte ist alles gesagt, was es zum mündlichen Erzählen zu sagen gibt. Es geht nur um Worte, die aufgereiht wie auf einer Perlenschnur in der Summe eine Geschichte ergeben. Natürlich, um den Moment, in dem die Geschichte entsteht, um diesen zauberhaften Augenblick geht es auch. So war es einst, als man sich an den Feuern erzählte, und so ist es heute noch. Wer es je erlebt hat, wird es bestätigen. Aber gibt es dieses Erleben heute noch? Wird heute tatsächlich noch erzählt?


Als Johannes Merkel und Michael Nagel in den 1980er Jahren ihre Arbeiten1 zur mündlichen Erzählkunst veröffentlichten, sprachen sie von einer vergessenen Kunst, die es wiederzuentdecken gilt. Das älteste Kulturgut war in Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Eine Entwicklung, die vermutlich bereits begann, als die Schriftsprache zum Allgemeingut wurde. Das literarische Erzählen nahm mit steigender Tendenz größeren Raum als die Weitergabe des Mündlichen ein. Erzählungen auf Papier wurden verfügbar, wann immer sie gewünscht waren. Das Zusammentreffen von Hörer und Erzähler zu einer Zeit und an einem Ort war nicht mehr vonnöten. In der Literatur verschwand der Erzähler hinter seinem Werk. Der Hörer wurde zum Leser und blieb allein in der Welt der verschriftlichten Geschichte.

Inzwischen hat die Wissenschaft die Bedeutung des Erzählens wieder erkannt. Aus unterschiedlichen Fachperspektiven erforschen sie die Mündlichkeit und die mündlichen Überlieferungen. Dazu sind Bücher veröffentlicht, fachliche Positionen ausgetauscht, verworfen und weiterentwickelt. Der Beitrag des Mündlichen zum Spracherwerb, zur Bewahrung und Überlieferung von Tradition und zur Bewältigung von Geschichte ist inzwischen unbestritten. Narrative Methoden haben Einzug in Lehrpläne gehalten. Erzählseminare sind in Ausbildungs- und Studiengänge für angehende Pädagogen aufgenommen worden. Das Märchenerzählen als Kunstform wird wieder populärer. Professionelle Märch

enerzählausbildungen ebnen der Mündlichkeit Wege und verschaffen ihr wachsende Aufmerksamkeit. Die Absolventen solcher Ausbildungen finden in Veranstaltungen und Festivals ein begeistertes generationenübergreifendes Publikum. 2016 ist Märchenerzählen als immaterielles Kulturerbe Deutschlands in die UNESCO-­Weltkulturerbeliste aufgenommen worden.


Das Erzählen biblischer Geschichten als verlorene oder vergessene Kunst zu bezeichnen, würde in Theologie und Religionspädagogik entweder Entrüstung oder müde Ignoranz hervorrufen. Erzählen ist die Grundform der biblischen Didaktik, weiter- und wiedererzählen die zentrale Aufgabe der jüdisch-christlichen Überlieferung. Weder in der Schule noch in der Kirchengemeinde ist die Arbeit mit Gruppen jedweden Alters ohne Erzählen denkbar. In keiner guten Predigt darf die Erzählung fehlen. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt des gottesdienstlichen Handelns besonders mit und für Kinder. 2018 veröffentlichte Zahlen2 bestätigen diesen Befund. Erzählen ist weder verloren noch vergessen. Darum: Es ist alles gesagt und alles getan.


Was gäbe es noch sagen? Was gäbe es noch zu tun?

Als Schatz ist das Erzählen entdeckt und erkannt. Dass dieser Schatz bereits gehoben ist, darf bezweifelt werden.

Bei aller fachdidaktischer Diskussion ist das lebendige freie mündliche Erzählen nach wie vor ein unklares Feld. Theologie, Bibel- und Religionsdidaktik betrachten es aus der jeweiligen Fachperspektive als dienende Methode oder bestenfalls didaktisches Prinzip. Die Bedeutung des Verhältnisses zwischen Erzähler und Hörer im Spannungsfeld der erzählten Geschichte blieb bisher weitgehend unberücksichtigt. Begriffsklärungen und Verhältnisbestimmungen zu benachbarten Feldern (z. B. Predigt und Lehre) stehen noch aus oder müssen aktualisiert werden. Obwohl das Erzählen in allen kirchlichen Feldern priorisiert wird, ist die Frage, wie das mündliche Verlebendigen der schriftlichen Überlieferung angemessen gelingen kann, noch ungeklärt. Dass erzählt werden soll, setzen Theologie und Religionspädagogik voraus und zeigen mit fachwissenschaftlicher Expertise Wege von der biblischen Überlieferung zur zeitgemäßen narrativen Schriftform. Eine umfassende Didaktik des mündlichen Bibelerzählens existiert bisher nicht. Wie und wo sich Theologen und Pädagogen das freie Bibelerzählen aneignen, bleibt ihnen bisher weitgehend selbst überlassen.

 

Dieses Buch versteht sich als Beitrag zur Verlebendigung des biblischen Erzählens. Mit einem ausführlichen Praxisteil zeigt es Ansätze auf dem Weg zu einer Didaktik des mündlichen Bibelerzählens.


Das erste Kapitel ist ein Informations- und Theorieteil. Begriffliche Abgrenzungen und Klärungen werden vorgenommen und Begründungszusammenhänge aufgezeigt. Mit Sieben Merkmalen des Erzählens wird das Mündliche charakterisiert. Der Blick auf das System Erzähler – Hörer – Text beleuchtet das Wirkfeld des Erzählens und führt schließlich zum Imperativ des Bibelerzählens.


Um das Erzählen in eine lebendige Praxis zu überführen, braucht es mehr als theoretische Betrachtungen. Darum stellt das zweite Kapitel das Mundwerk in den Vordergrund. Praxisnah und anwendungsorientiert laden vielfältige Aufgaben zum Entwickeln und freien Erzählen von Alltags- und Fantasiegeschichten ein. Anleitungen, Erklärungen und leicht nachvollziehbare Lernschritte unterstützen den Weg zur Mündlichkeit. Sieben Erzählregeln runden das Kapitel ab.


Den Hauptteil des Buches bildet das dritte Kapitel mit seinem Fokus auf Bibel, Bibeldidaktik und Bibelerzählen. Es verbindet die Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel mit theologischen Impulsen und Fragestellungen. Informationen, Übungen und konkrete Beispiele markieren den Weg zur individuellen Erarbeitung eines Bibeltextes. Vom Handlungsfaden der Geschichte über den Fokus des Textes bis hin zur Erzählvariante bleiben Erschließung und Aneignung persönliche theologische Arbeit. Die Anleitungen eröffnen mögliche Wege von Text über Herz und Verstand zur Mündlichkeit und ermutigen zum Erzählen. Kompakt fassen Sieben Schritte zur Erarbeitung eines Bibeltextes und Sieben Hinweise zum Bibelerzählen den Lernweg des Kapitels zusammen. Weitere Erzählbeispiele bietet darüber hinaus das vierte Kapitel.


Das Verinnerlichen und Aneignen nimmt das fünfte Kapitel in den Blick. Es lenkt die Aufmerksamkeit vom Erzähler auf die Hörer und die Rahmenbedingungen der Präsentation. Sieben elementare Erzählregeln geben Tipps unter anderem auch für das Erzählen für Kinder. Erzählanlässe werden in den Blick genommen und führen schließlich mit sieben Schritten zur eigenen Erzählung zum Blick auf den gesamten Lernweg.


Abschließend fragt das sechste Kapitel, was am Ende des Lernweges übrig bleibt. Es bietet sieben Ermutigungen zum kreativen Ungehorsam und wirft ein Blitzlicht auf aktuelle Entwicklungen.


Wenn die Schätze der Mündlichkeit gehoben werden und das Bibelerzählen seine Wirkung entfaltet, ist alles gesagt und alles getan. Dass es sich lohnt, wussten schon die Chassidim.


„Wenn der Baal-schem etwas Schwieriges zum Nutzen der Geschöpfe zu erledigen hatte, ging er an eine bestimmte Stelle im Wald, machte ein Feuer und sprach, in mystische Meditation versunken, Gebete; und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte.

Wenn eine Generation später der Maggid von Meseritz etwas Ähnliches vorhatte, ging er an die Stelle im Wald und sagte: ‚Feuer können wir nicht mehr machen, aber die Gebete können wir sprechen.‘ Und alles geschah, wie er es sich vorgenommen hatte.

Wieder eine Generation später wollte auch der Rabbi Mosche Leib aus Sassow etwas ähnlich Wundersames vollbringen. Auch er ging in den Wald und er sagte: ‚Wir können kein Feuer machen, und wir kennen auch die geheimen Meditationen nicht mehr, die die Gebete belebten, aber wir kennen den Ort im Wald, wo das hingehört, das muss genügen.‘ Und es genügte.

Als abermals eine Generation später der Rabbi Israel von Rischin eine solche Tat zu vollbringen hatte, setzte er sich in seinem Schloss auf seinen goldenen Stuhl und sagte: ‚Wir können kein Feuer mehr machen, wir können keine Gebete mehr sprechen, wir kennen den Ort auch nicht mehr, wo man es tun müsste, aber wir können die Geschichte davon erzählen.‘ Und seine Erzählung hatte dieselbe Wirkung wie die Taten der anderen.“3

1

Erzählen wirkt


Assoziationen

Im Erzählseminar ist die Einladung ausgesprochen, frei zu assoziieren.

Erzählen – was ist das? Erzählen – was bedeutet es für dich?

Erzählen – woran erinnerst du dich? Erzählen – was verbindest du damit?

Die Teilnehmenden beginnen:

Nach der Arbeit, beim Kaffee zu Hause am Küchentisch erzähle ich, was am Tag passiert ist. – Pippi Langstrumpf ist meine schönste Erzählung. Ich habe sie geliebt. Als Kind las ich sie wieder und wieder. Ich liebe sie immer noch. – Am Samstagabend gab es Kakao und Apfelkuchen. Dann las meine Großmutter Märchen vor. Das waren die schönsten Stunden der Woche. Den Duft vom Apfelkuchen habe ich immer in der Nase, wenn ich heute Rotkäppchen lese. – Im großen Schlafraum im Ferienlager haben wir uns nachts Gruselgeschichten erzählt. Wir haben so lange erzählt, bis wir uns wirklich, richtig und ehrlich gefürchtet haben. – Manchmal erzähle ich meinen Kindern, wir erfinden dann Geschichten. Eins kommt zum anderen, es ergibt sich irgendwie von selbst. Meist ist es lustig und fantastisch. – Im Kindergarten erzählen wir viel. Wir schauen Bücher an, lesen die Geschichten, und irgendwann sprechen die Kinder sie mit. – ...


Erzählen, was ist das? Assoziativ öffnet der Begriff einen weiten Denk- und Erfahrungsraum. Erinnerungen von Nähe und Vertrautheit werden wachgerufen, Bezugspersonen sind von Bedeutung. Erzählen als Wiedergabe von erdachten und erfundenen Geschichten wird ebenso ins Spiel gebracht wie die sorgfältig konstruierte Kunstform. Das Alltägliche ist im Gespräch, und die Überlieferungen sind es auch. Lesen oder vorlesen, sprechen oder hören, schriftliches oder mündliches Erzählen werden oft gleichbedeutend verwendet. All das ist Erzählen. All das und noch viel mehr kann Erzählen sein.


Für die Verständigung im Rahmen dieses Buches geht es im Folgenden um Zusammenhänge und Begründungen auf dem Weg zur Klärung der Frage: Was ist Bibelerzählen?

1.1 Erzählen – was ist das?


Erzählen bedeutet, eine Begebenheit oder etwas Erdachtes mit Worten ausführlich wiederzugeben. Das geschieht heute in vielfältigen Formen, unter verschiedensten Rahmenbedingungen mündlich oder schriftlich.


Seinem etymologischen Ursprung nach hat sich das Wort aus zählen entwickelt. Etwas auf- oder vorzuzählen bedeutet, es der Reihe nach sichtbar zu machen oder darzustellen. Das gilt für Gegenstände und Dinge ebenso wie für Taten und Begebenheiten. So ging der Begriff auf den mathematisch-rechnerischen Bereich über. Im Sinne von hersagen, mitteilen und berichten steht er für in Worten darzustellende Geschehnisse.


Im heutigen Gebrauch wird erzählen austauschbar mit einer fast unüberschaubaren Anzahl angrenzender und fast gleichbedeutender Begriffe verwendet. Die Vielfalt der Begriffe unterstreicht die Bedeutung des Vollzugs von Sprache als Mittel zwischenmenschlicher Kommunikation. Gleichzeitig vergrößert die Fülle an Synonymen die Unklarheit und erschwert die Eingrenzung.

Alltagssprachlich sind erzählen, quatschen, plaudern und sich unterhalten nah beieinander. Geht es um erdachte Geschichten, berühren sich erzählen, fabulieren und fantasieren. Beinahe gleichbedeutend werden mitteilen, informieren, beschreiben und erzählen bei der Darstellung von Sachverhalten genutzt. Im Zusammenhang einer Präsentation ergänzen oder ersetzten sich reden, vortragen, darstellen und erzählen. Theologisch und religionspädagogisch sind die Grenzen zwischen verkündigen, lehren, erzählen und predigen durchaus fließend.


Anhand einiger Begriffe, die in der schulischen Didaktik als Operatoren4 Verwendung gefunden haben, soll exemplarisch eine Unterscheidung vorgenommen werden (vgl. 2.3). Neben der Klärung der Merkmale des jeweiligen Begriffs wird auch das Beziehungsverhältnis von Sprecher und Hörer bzw. Sender und Adressat (personaler Fokus) in den Blick genommen. Dieser Aspekt bezieht sich vorrangig auf die Mündlichkeit. Ergänzt ist zudem, worauf jeweils der inhaltliche Fokus liegt.

Die tabellarische Form bietet hier einen vergleichenden Gesamtüberblick.


OperatorenPersonaler FokusInhaltlicher FokusMerkmale
erklärenSubjekt-Objekt-Beziehung, WissenshierarchieLernzielWissenszuwachsbietet Sach- und Hintergrundinformationenstellt Informationen in einen Gesamtzusammenhangzielt auf Wissenszuwachs und Erkenntnisgewinn
berichtenObjekt-Objekt-Beziehung,ist für den Bericht sekundärFakten, Tatsachenstrikt sachlichTatsachen in zeitlicher ReihenfolgeUrsachen und Folgen werden ggf. beleuchtetist ohne Wertung und ohne Urteil
informierenObjekt-Subjekt-Beziehung, Informationen sind für den Adressaten personalisiertFakten, Sachverhalte verfolgt einen Zweckselektiert, sinnvoll gegliedertso wenig wie möglich, so viel wie nötig
beschreibenObjekt-Objekt-Beziehung, ist für die Beschreibung sekundär Gegenstand, Vorgang, Personanschauliche Darstellungdetailliert, gründlich, sachlichvermittelt eine genaue Vorstellung
schildernSubjekt-Objekt-Beziehung, Hörer hat als Reflexionsfläche dienende Funktion Geschehnis, Ereignis, Wahrnehmung Gedanken, Gefühle und Sinneswahrnehmungen sind im Vordergrundsinnliche Erfahrbarkeitbildhafte Ausschmückungen
erzählenDreifache Subjekt-Beziehung, Wirkraum des ErzählensPerson, Ort, Ereignis, Kern der Storyder Spannungsbogen der Geschichte wird Schritt für Schritt aufgebautläuft auf einen Höhepunkt zuist ohne Wertung und ohne Deutung


Erklären

Die Erklärung stellt Sachverhalte oder komplexe Zusammenhänge so dar, dass für den Empfänger ein Wissenszuwachs oder Erkenntnisgewinn daraus folgt. Eine wissenshierarische Gesprächssituation wird vorausgesetzt. Der Sprecher ist Lehrender, der Adressat Lernender. In diesem Sinne ist der Lehrende Subjekt, der Lernende Objekt der Erklärung.


Berichten

Ein Bericht ist strikt sachlich gefasst. Die Darstellung von Tatsachen in richtiger zeitlicher Reihenfolge steht im Mittelpunkt. Möglicherweise werden Ursachen und Folgen benannt. Ein Urteil oder eine Bewertung gehören nicht dazu, ebenso wenig wie emotionale Ergänzungen des Berichtenden. Die Übermittlung von Fakten steht im Vordergrund. Sie sind an einen Hörer, möglicherweise auch einen unbestimmten Adressaten, gerichtet. Dem Sprecher kommt eine sekundäre Funktion zu. Sprecher wie Hörer können als Objekt bezeichnet werden, da ihre Beziehung zueinander für den Bericht nicht relevant ist.


Informieren

Die Information zeichnet sich durch Reduktion aus. Eine bestimmte Person wird unter bestimmten Umständen zu einem bestimmten Zweck informiert. Dem Adressaten werden ausgewählte Fakten gut gegliedert in notwendigem und sinnvollem Umfang zur Verfügung gestellt. Der Hörer steht besonders im Fokus und darf in diesem Fall als Subjekt bezeichnet werden, da die Informationen auf seinen Bedarf zugeschnitten sind.


Beschreiben

Personen, Gegenstände oder Vorgänge können beschrieben werden. Detailliert und gründlich wird die Darstellung anschaulich und nachvollziehbar für den Hörer gemacht. Ein Gesamtbild wird erzeugt, das auch Informationen über den Gegenstand vermittelt. Der zu beschreibende Inhalt ist vorrangig. Eine Beschreibung ist auch ohne konkreten Adressaten möglich, darum kann von einer Objekt-Objekt-Beziehung gesprochen werden. Das personale Verhältnis von Sender und Empfänger ist eher zweitrangig.

 

Schildern

Die subjektiven Wahrnehmungen des Sprechers leiten die Schilderung. Die Gedanken, Eindrücke und Sinneswahrnehmungen des Absenders stehen im Vordergrund. Mit bildhaftem Ausschmücken soll eine sinnliche Erfahrbarkeit eines Geschehnisses erzeugt werden. Als Reflexionsfläche ist der Hörer wichtig, bleibt aber sekundär und damit in diesem Sinne Objekt im Vorgang der Schilderung.


Erzählen

Das anschauliche Darstellen von Geschehnissen und Ereignissen ist erzählen. Die Erzählung folgt einem realen oder fiktiven Handlungsverlauf, in dem Figuren, Orte und Ereignisse einem Spannungsbogen folgend in Beziehung gesetzt sind. Sie läuft auf einen Höhepunkt zu. Exposition, Komplikation, Auflösung und Schluss können als Grundelemente der Erzählung bezeichnet werden. Sie ist ohne Deutung und Wertung. Erzähler, Hörer und Geschichte bewegen sich im gleichrangigen Beziehungssystem, im Wirkfeld des Erzählens.

Beschreibende und schildernde Elemente können in der Erzählung durchaus enthalten sein. Sie sind aber immer dem Handlungsverlauf und Spannungsbogen untergeordnet.


Erzählen kann im weitesten Sinne als grundmenschliche und damit existentielle Form des Weltzugangs verstanden werden. Erzählend bauen Menschen ihre Welt, deuten sie und konstruieren sie neu. Naturwissenschaftlich galt das Erzählen lange als minderwertige Form der Erkenntnisvermittlung. In neuerer Zeit entwickelt sich die Narration zur kulturwissenschaftlichen Leitkategorie. Sie findet ebenso Anwendung in Rechts- und Geschichtswissenschaft wie auch in Soziologie und Psychologie.

Musik und Film bedienen sich seit eh und je der großen Menschheitsmotive und bauen aus der Verquickung von Liebe, Hass und Leidenschaft immer neue Geschichten. Der Film nutzt dazu bewegte Bilder. Die Musik erzählt in Harmonien und Notenfolgen. Die digitalen Medien spielen mit virtuellen Welten, animierten Bildern und interaktiven Strukturen und erzählen so auf ihre Weise.

Das Storytelling hat heute in nahezu allen Lebensbereichen seinen Platz gefunden. Als unverzichtbares didaktisches Mittel wurde es in die Lehrpläne des Geschichtsunterrichts und anderer Fächer aufgenommen. Auch als Marketing- oder Problemlösungsmethode in Unternehmen oder beispielsweise als Methode des Wissensmanagements in der Informatik ist es gängig und anerkannt.


Diese hier nur stichwortartig angedeuteten Felder finden in diesem Buch keine weitere Betrachtung. Der Vergleich zwischen schriftlichem und mündlichem Erzählen dient hinreichend der Begriffsklärung, um schließlich das Bibelerzählen zu charakterisieren.

1.2 Schriftliches Erzählen


Das Erzählende, die Epik, in Vers- wie auch in Prosaform, ist neben Lyrik und Dramatik eine der drei großen Gattungen in der Literatur. Roman, Autobiografie, Novellen, Kurzgeschichten und andere gehören zur erzählenden Literatur. Sie schildern individuelle Begebenheiten und nehmen die Mitgestaltung gesellschaftlicher Zustände für sich in Anspruch. Die Vergegenwärtigung von Vergangenem, dessen Weitererzählung, Umdeutung und Neuinszenierung sind wesentliche Merkmale der epischen Formen.


Der Autor webt in Texten den Erzählfaden, baut den Spannungsbogen auf und treibt das Geschehen dem Höhepunkt und schließlich der Lösung zu. Die Schrift ist das Trägermedium. Sorgfältig gewählte Worte, stilvoll geformte Sätze und lyrisch kunstvolle Konstruktionen machen die schriftliche Erzählung aus. Die individuelle Sprache wird als Charakteristikum des Autors oder Stilmittel des Werkes erkennbar. Ausgefeilt zu Papier gebracht, bearbeitet und korrigiert, ist die vollkommene Erzählung das Endprodukt. Ein Prozess, der abgeschlossen und vollendet wird, ohne auf den Leser angewiesen zu sein. Der wiederum benötigt als Rezipient Erklärungen, Schilderungen und Beschreibungen in einem Maße, das ihn in die Lage versetzt, das Gelesene vor dem eigenen inneren Auge zu imaginieren. Ein guter Autor stellt genau das zur Verfügung, ohne selbst verfügbar zu sein.


Die schriftliche Erzählung folgt der Logik des Lesens. Sie setzt auf die Wahrnehmung über die Augen, das Sehen. Voraussetzung dafür ist die Schriftkompetenz des Rezipienten. Die Aneignung des Textes kann individuell sein. Tempo und Rhythmus der Aufnahme der Erzählung bestimmt der Leser selbst. Textpassagen können übersprungen oder wiederholt werden. Der Verfasser hat auf diesen Prozess keinen Einfluss. Der Rezipient bleibt mit der Erzählung und den in seiner Fantasie erzeugten Bildern allein.


Das schriftliche Erzählen muss notwendigerweise eine Distanz herstellen. Franz K. Stanzel beschreibt die Mittelbarkeit5 als Gattungsmerkmal der Epik. Der Leser nimmt die Welt der Geschichte nicht unmittelbar, sondern gewissermaßen durch die Brille des Erzählers wahr. „Es ist also davon auszugehen, dass der auktoriale6 Erzähler eine innerhalb gewisser Grenzen eigenständige Gestalt ist, die vom Autor ebenfalls geschaffen wird wie die anderen Charaktere des Romans und die sich daher mit ihrer Eigenpersönlichkeit der Interpretation stellt.“7 Er ist demnach die schriftstellerische Konstruktion des Verfassers. Der Autor lässt den Erzähler schauen, betrachten, fühlen, bewerten. Über den fiktiven Erzähler gibt der Autor seine eigene oder eben nur die fiktive Perspektive des konstruierten Erzählers an den Leser weiter. Unterscheidet man also zwischen Erzähler und Autor, wie Stanzel es tut, vergrößert sich die Distanz zwischen Verfasser und Leser noch zusätzlich. Der Verfasser wird damit nahezu unsichtbar hinter seinem Werk. Ein unmittelbares Wirkfeld zwischen Verfasser, Leser und Text gibt es nicht.


Und schließlich: So sehr sich ein Autor stilistisch der Sprachwelt seiner möglichen Leserschaft anzunähern sucht, das Geschriebene ist niemals dasselbe wie das Gesprochene. Wer je die Gelegenheit hatte, die wörtliche Niederschrift einer Rede oder eines Vortrags mit seiner schriftlichen Grundlage zu vergleichen, der ahnt, wie weit das Schriftliche vom Mündlichen entfernt ist. Die Schrift ist nur eine Erscheinungsform von Sprache. Das gesprochene Wort, die mündliche Erzählung, die andere.


Auf sehr unterhaltsame Art und Weise vergleicht Rafik Schami Schriftlichkeit und Mündlichkeit und zeigt Möglichkeiten und Grenzen der einen wie der anderen Form auf. Einen unbestreitbaren Vorteil der Schrift sieht er darin, dass sie Wissen, Meinungen, Ideen und auch Fantasien festhält, überprüfbar macht und damit der Diskussion stellt. „Am Festgehaltenen kann sich der Geist feilen. … Ist das Wort schriftlich festgehalten, so kann man es auch nach Jahrhunderten genau überprüfen, kommentieren und korrigieren. Die Schrift friert das Wort ein und macht es endgültig. ... Die Schrift macht das Wort zeitlos, unsterblich wie die Götter, die Pyramiden.“8


Die über Jahrhunderte mündlich überlieferten Lieder, Sprüche und Erzählungen von Glaubenserfahrungen haben vom diesem Vorteil der Schriftsprache profitiert. Sie wurden der Subjektivität des Mündlichen entzogen, vor der Gefahr des Vergessens bewahrt und dauerhaft, über Generationen und Zeiten hinweg, zugänglich gemacht. Überprüfbar und zeitlos stehen die Texte der Bibel zur Verfügung. Beatmet durch die Kraft des Mündlichen können sie seit ihrer schriftlichen Fixierung immer wieder neu lebendig werden.

1.3 Mündliches Erzählen


Mit eigenen Augen und Ohren

Sie war Mutter und Ehefrau, das wussten die Kinder. Sie war Trösterin und Ratgeberin, das erlebten die Kinder. Sie war Erzählerin, das faszinierte die Kinder. Sie tat scheinbar nichts und doch alles.

Alle wussten: Sie hat die besten Kekse und den besten Tee der Welt. Sie kennt die beste Spiele. Sie spendet Trost im größten Kummer. Sie weiß Rat in der größten Not. Sie kennt alle Geschichten der Welt. Sie kennt die Geschichten nicht nur, sie erzählt sie auch.

Wann immer sie erzählte, wurde sie umringt von Großen und Kleinen. Alle lauschten gebannt. Je gebannter die Hörer lauschten, um so intensiver erzählte sie. Je intensiver die Erzählung wurde, um so aufmerksamer folgten ihr die Hörer. Sie malte Bilder mit Worten und öffnete Türen in andere Welten. Sie ermöglichte den Großen wie den Kleinen, in ihre eigene Welt einzutreten. Sie erzählte von Trauer und Freude, von Not und Glück, vom Streiten und Versöhnen, vom Leben und vom Sterben, von Gott und den Menschen. Während sie erzählte, stand die Zeit still. Gemeinsam war sie mit ihren Hörern unterwegs in einer Welt, die sie erzählend erschuf. Unbemerkt entdeckte jeder dabei seine eigene Welt. Sie erzählte, was sie wusste, und ein jeder hörte, was er brauchte, und alle wussten: Es ist wahr, denn sie hatten es mit eigenen Ohren gehört und mit eigenen Augen gesehen.