Paaf!Text

0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Rich Schwab

Paaf!

– Der vierte Büb Klütsch-Roman –

FUEGO

– Über dieses Buch –

Juli 1986, zwölf Wochen nach Tschernobyl. Die Grünen und die Anti-Atom-Bewegung triumphieren: Das große Pöckensdorfer Anti-Atom-Festival, kurz Paaf!, kann stattfinden – alle behördlichem Hürden sind genommen. An die hunderttausend Protestpilger werden erwartet, und in dem beschaulichen Dörfchen in der Oberpfalz ist der Teufel los. Nicht nur dort – natürlich wollen etliche Geschäftemacher auf den Zug aufspringen, und nicht zuletzt versuchen diverse politische Gruppierungen – und der Verfassungsschutz – ihr eigenes Süppchen zu kochen.

Das könnte Büb Klütsch und seiner Band Penner's Radio ziemlich wurscht sein, sie sind froh, dabei zu sein und geben natürlich alles, um vor dieser Kulisse ein denkwürdiges Konzert hinlegen – da macht es am dritten Festivaltag wirklich Paaf!, und hinter der Bühne gibt es einen Toten. Wieder einmal stolpert Schlagzeuger Büb, gewohnt selten nüchtern, in seinem vierten Abenteuer durch ein kaum durchschaubares Dickicht von politischen Ränken und kriminellen Machenschaften – und das, wo doch sein Kopf und sein Herz mit ganz Anderem beschäftigt sind …

Vorspann

Wenn in einer Beziehung erst mal das Vertrauen zerstört ist,

macht das Lügen keinen Spaß mehr.

Norm (»Cheers!«)

Hann isch disch jemols belore, Liebsche?

Opa Klütsch

Isch will et jaanit wesse.

Oma Klütsch

Na, siehste!*

Opa Klütsch

Wie immer gibt es am Ende des Buchs ein Glossar, wo Dialekt- und Fremdsprachenstellen und Urheberangaben nachgeschlagen werden können – die Sternchen [*] im Text führen Sie dorthin.

Prolog

Zamuschnija, Samstag, 26. April 1986

»Gori!«

Gregori Balakow stöhnte. Sehr unwillig verabschiedete er sich von der Hochzeit seines jüngsten Sohnes Simyon, obwohl die Feier schon drei Tage und Nächte andauerte und er sich bereits mehrmals in die Büsche hinterm Haus geschlagen hatte, um sich einen Finger in den Hals zu stecken und in seinem Körper Platz für neue Blini, Aalstücke, Butterwürfel und, vor allem, neuen Wodka zu schaffen. Ein Traum von einer Hochzeit, auch wenn Gregori länger als ein Jahr würde schuften und sparen müssen, um den Kredit abzubezahlen, den er dafür aufgenommen hatte. Aber Simyon war schließlich nicht nur sein jüngster, sondern auch sein einziger Sohn; die anderen beiden waren im Kessel von Stalingrad geblieben, für immer begraben unter Bergen von Kameraden.

»Was ist, Mama?«, raunzte er seine Frau an. Gerade hatte er noch mit ihr getanzt, hatte sie übermütig über den Hof geschleudert, schweißüberströmt, berauscht von der Freude über das Glück seines Sohnes, das Glück, das Lioba und er, trotz allem, als Eltern und als Großeltern hatten, berauscht von den wild galoppierenden Klängen der Hochzeitskapelle, von Wein, Bier und Wodka, von den Ausdünstungen der Frau in seinen Armen …

Ein Traum. Die Hochzeit war neunzehn Jahre her, sein Enkel Mischa weit weg auf der Polizeischule in Kiew.

Die Frau, die jetzt, wie fast jede Nacht seit zweiundsechzig Jahren, auf seinem linken Arm lag, ließ nicht locker.

»Gori«, flüsterte sie wieder eindringlich. »Da ist was. Irgendwas ist nicht in Ordnung. Hör dir Soro an!« Nun drang es auch zu Gregori durch. Draußen knurrte der Hund, und seine Pfoten tapsten und kratzten auf dem Beton des Hofs, weil er unruhig hin und her lief. So gar nicht seine Art, er war fast so alt wie der Enkel. Ächzend wälzte Gregori sich aus dem Bett, seine mageren nackten Füße suchten auf dem kalten Dielenboden nach den Pantoffeln.

»Ich seh’ nach, Mama«, sagte er.

»Zieh dir was an«, sagte sie. Das hätt’ ich sowieso, dachte Gregori. Schon weil meine Zigaretten im Morgenrock stecken. Lioba sah es nicht mehr gern, wenn er rauchte. Seine Hustenanfälle machten ihr Sorgen – jeden Morgen, jeden Abend, fast konnte man die Uhr nach ihnen stellen. »Ach, Lili«, pflegte er zu sagen. »Im nächsten Jahr werd’ ich neunzig – da hör’ ich doch jetzt nicht mehr damit auf.«

Er schlich aus dem Alkoven, in dem ihr Bett stand, nahm den zerschlissenen Morgenmantel vom Haken im Durchgang, zerschlissen, aber warm – Lioba hatte ihn vor Jahren aus einer alten Steppdecke genäht –, zog ihn an, stieß sich wie jeden Morgen seit neun Jahren an dem neuen Tischchen, auf dem das Radio stand, das Simyon und seine Ludmilla ihm zum Achtzigsten geschenkt hatten, den linken Zeh an und fluchte leise in sich hinein.

Draußen winselte der Hund. Gregori runzelte die Stirn. Das einzige, was dem Köter normalerweise Angst machte, war Liobas Katze, besonders wenn sie gerade mal wieder geworfen hatte. Und Gregoris Zorn, natürlich, aber den hatte er nur in seinen Flegeljahren gelegentlich zu spüren bekommen; Bauer Gregori war ein sanfter Herr, sogar wenn sie samstags vom Markt in Pripjat zurückkamen. Wenn Gregori genug Kartoffeln, Mangold, Zwiebeln, Eier und Sonnenblumenkerne verkauft hatte, genehmigte er sich gerne ein Gläschen mit den anderen Bauern aus der Umgebung; dann schlenkerte sein Fahrrad mit dem Anhänger hinten dran zwar oft gefährlich auf den Feldwegen hin und her, und mehr als einmal war er im Graben gelandet, aber nie ließ er seinen Ärger an seinem Hund aus, wie so viele der anderen. Nein, Gregori lachte, stand nach einem weiteren kräftigen Schluck aus der Flasche wieder auf und sang auf dem Heimweg alte ukrainische Lieder; Lieder, die man seit dem Krieg eigentlich besser nicht mehr singen sollte in der glorreichen Sowjetunion – Balladen, voller Sehnsucht nach den alten Tagen.

Es war kalt, als Gregori die Tür zum Hof öffnete. Auf den Äckern von Zamuschnija glitzerte silberweiß der Reif, und in den Senken lagen noch Schneeflecken. Als der Hund die Tür knarren hörte, kam er angelaufen, die Rute zwischen den Hinterläufen, den Bauch fast am Boden schleifend, die Ohren ängstlich angelegt. Er drängte sich zwischen Gregoris Beine, als sei ein Bär hinter ihm her. Oder der Leibhaftige.

»Was ist los, mein Alter?«, brummte Gregori. »Es gibt keine Bären mehr hier. Und der Leibhaftige sitzt in Moskau und trinkt französischen Champagner.« Der zottelige rote Hund hob seinen Kopf und jaulte auf. Dann lief er zum Rand des kleinen Hofs, blieb am Rain des Sonnenblumenfelds stehen und bellte heiser, zweimal, dreimal, dann kam er wieder zurück gekrochen und drückte sich erneut an Gregoris Beine.

Der alte Bauer horchte, versuchte zu erkennen, was sich zwischen den Sonnenblumen verbarg oder vielleicht dahinter – aber es wehte fast kein Wind, die Pflanzen standen still. Was dahinter sein mochte, war nicht zu erkennen – Liobas Sonnenblumen wuchsen über zwei Meter hoch, mit Stängeln so dick wie ein Männerarm. Aber …

»Verdammt«, murmelte Gregori. Der Himmel. Über seinen Feldern war er blauschwarz, gesprenkelt mit Sternen. »Papa, wie viele sind es?«, hatte der kleine Simyon immer wissen wollen, wenn er abends auf der Bank vor dem Häuschen saß, müde in den Schoß seines Vaters geschmiegt. »Zähl sie«, hatte Gregori geantwortet. Und verlässlich war der Kleine darüber eingeschlafen.

Heute hätte er es vielleicht geschafft. Obwohl der Himmel sich wolkenlos über die Ebene spannte, waren nicht viele Sterne zu sehen. Denn im Osten, über den Sonnenblumen, breitete sich ein rötlicher Schein aus. Ein flackernder Schein, ein Zucken wie von Waldbränden.

Aber im Osten war kein Wald, nicht auf dieser Seite des Dnjepr.

Und um halb zwei in einer Aprilnacht geht noch keine Sonne auf.

Gregori holte seine Zigaretten aus der Tasche des Morgenrocks und zündete sich eine an. Er ging die fünfzig, sechzig Schritte bis zum Ende des Sonnenblumenfeldes, seine Pantoffeln schlappten. Soro, dicht an seiner Seite, schien sich nicht entscheiden zu können, ob er winseln oder böse knurren sollte.

Die Haustür knarrte wieder.

»Was ist, Gori?«, hörte Gregori seine Frau rufen, als er bei den Kartoffeln angekommen war. »Gori?«

»Ich bin hier«, rief er. Hinter sich hörte er ihre nackten Füße auf dem Lehm tapsen. Sie hatten nur ein Paar Pantoffeln – wann standen sie schon beide gleichzeitig mitten in der Nacht auf?

»Was ist los?«, fragte sie, in ihrem Flanellnachthemd vor Kälte schaudernd.

»Die verdammte Fabrik«, sagte Gregori und deutete nach Osten.

»Mein Gott«, keuchte Lioba und schlug die Hand vor den Mund. Keine fünf Kilometer vor ihnen war der Ursprung des hellen Scheins zu sehen. Flammen, Funkenregen und Rauch. Eine Feuersäule, die höher zu sein schien als der Reaktor des Kraftwerks von Tschernobyl; und der war dreimal so hoch wie der Kirchturm von Zamuschnija. »Gori, was ist das?«

»Die verdammte Fabrik«, sagte Gregori wieder. Er hatte sie von Anfang an gehasst und nie anders genannt, die Fabrik und das hässliche Monstrum von Stadt, das sie für die Arbeiter dort und ihre Familien in die Landschaft geklotzt hatten. Er hatte schon zu Beginn der Bauarbeiten vor bald dreißig Jahren den Kopf geschüttelt und dem Ungeheuer – und seinen Nachbarn – Unheil prophezeit. Gregori hatte nie verstanden, was dort geschah, wozu die verdammte Fabrik überhaupt gut war, egal wie oft Simyon versuchte, es ihm zu erklären. Er begriff nicht, was Radionukleide sein sollten und wieso die nichts mit Simyons Radio zu tun hatten. Er hatte nur immer schon gespürt, dass was immer dort stattfand, was immer dort produziert wurde, nicht gut für sie alle war. Da konnten ein paar Nachbarn, die regelmäßig im Pripjat angelten, ihm noch so begeistert erzählen, dass die Fische immer größer wurden, seit das Kühlwasser aus dem Kraftwerk in den Fluss geleitet wurde.

 

»Mein Gott«, sagte Lioba wieder. Sie zitterte am ganzen Leib. Obwohl Gregori wusste, dass es nicht nur die Kälte war, zog er seinen Morgenrock aus und hängte ihn ihr über die knochigen Schultern. Dankbar und ängstlich drückte sie seine Hand.

Dann hörten sie die Sirenen, sahen Dutzende von blauen und gelben Lichtern die Landstraße von Pripjat nach Teschernobyl entlang blitzen.

»Geh ins Haus, Lili«, sagte Gregori sanft. »Sie wissen schon Bescheid.« Aber Lioba konnte sich von dem Anblick nicht lösen.

»Du hast es immer gesagt«, flüsterte sie.

»Ich hab’ es immer gesagt«, bestätigte Gregori. »Aber glaub nicht, dass ich froh bin, recht gehabt zu haben.«

»Nein«, sagte sie und drückte wieder seine Hand. »Das weiß ich.« Dann schrie sie auf, und Gregori zuckte zusammen. Soro kniff den Schwanz ein, verschwand jaulend wieder im Hof und drückte sich an die Hauswand. Das Grollen einer Explosion war über die Felder gefegt wie ein Schneesturm. Über dem Kraftwerk schoss eine blau glühende Stichflamme in den Nachthimmel, ihr Widerschein legte sich über die Landschaft wie das überirdische Licht auf den Bildern von Bethlehem in Simyons Adventskalendern. Für einen Augenblick wurde die Nacht so hell, war das Licht so nah, dass Lioba und Gregori die Hitze der Flammen auf ihren Gesichtern zu spüren meinten.

»Komm«, sagte er geblendet. »Komm ins Haus. Wir können nichts tun.«

»Ja«, sagte Lioba und rieb über das raue Unterhemd an seinem Rücken. »Du erkältest dich noch.«

Sie gingen zurück zum Haus, begleitet vom fernen Jaulen der Sirenen, dem pfeifenden Winseln des Hundes, dem ratlosen, aufgeregten Gegacker aus dem Hühnerstall; ein altes Ehepaar, seit zweiundsechzig Jahren verheiratet, in all der Zeit nur getrennt die paar Wochen, als der junge Gregori sich in den Wäldern von Zamuschnija verborgen hatte, um nicht in einen Krieg ziehen zu müssen, der ihn nichts anging. Was er oft genug in seinem Leben bereut hatte – war nicht der Verlust seiner beiden Söhne in dem Krieg danach der Preis dafür gewesen, ein bei Gott viel zu hoher Preis?

»Gut, dass der Junge in Sicherheit ist«, sagte Gregori.

»Ja«, sagte seine Frau. »Und der kleine Mischa. Vielleicht sollten sie besser doch nicht zur Maifeier herkommen?«

»Ach«, sagte er. »Bis dahin …«

Als Gregori Balakow hinter seiner Frau die Tür der Kate schloss, sie noch einmal mit der Hüfte kräftig ins Schloss drückte, wusste er nicht, dass sie beide soeben schon gestorben waren.

Sie würden ihren Sohn nie wieder sehen, auch ihren Enkel nicht, und ihren Urenkel überhaupt nie.

Sie konnten auch nicht wissen, zum Glück würden sie es nie erfahren, dass Simyon einer der ersten von insgesamt achthunderttausend so genannten Liquidatoren sein würde, die ohne Schutzkleidung und Gasmasken, ohne auch nur einen Schimmer einer Ahnung, wozu sie da verdammt waren, mit Schaufeln und Spitzhacken tonnenweise radioaktiven Schutt zusammenräumen würden. Dass ihr dritter Sohn sie um gerade mal drei Monate überleben würde. Und dass er es aber in diesen drei Monaten geschafft haben würde, ihnen eine Enkeltochter zu schenken – Lioba Anna, die, gerade einmal vier Jahre alt, an Leukämie sterben würde.

1 - Martina


Bonn, Dienstag, 15. Juli 1986

»Wir sind drin, Kinners! Wir sind dri-hin!«, quietschte Martina Esser-Steinecke und wirbelte mit wippenden Pippi-Langstrumpf-Zöpfen durch die Tür des verqualmten Büros. Zum ersten Mal seit vier Wochen betrat sie den Raum, ohne gleich wild mit den Händen durch die Luft zu wedeln und mindestens ein weiteres Fenster zu öffnen. »Der Alte hat’s geschafft!«

»Welcher Alte?«, brummte Rainer Kolbe und zündete sich an einem elf Millimeter langen Zigarettenstummel eine neue an. Wahrscheinlich die achtzigste heute. Um sechs Uhr nachmittags. »Und wo drin?«

»›Welcher Alte!‹«, grunzte Sabine Illenberger. »Kann doch nur der olle Kriegel sein. Oder?«, wandte sie sich an Martina.

»Na klar«, jauchzte die.

»Und wo drin?«, wiederholte Sabine.

»Na, in der Taaaagesschau!«

»In der Tagesschau?«, echoten ihre beiden grünen Parteigenossen. Ähem, GenossInnen.

»Ja, Kinners!«

»Scheiße!«, hustete Kolbe und pustete Zigarettenasche von seinem Faxgerät. »Da reißen wir uns wochenlang den Arsch auf und kommen keinen Millimeter weiter …! Und dann kommt der alte Sack …«

»He, he«, senkte Esser-Steinecke ihre Stimme und schloss rasch die Tür. »Du redest von unserem Außenminister!«

»Kommt der alte Sack«, fuhr Kolbe ungerührt fort, »und reißt die ganze Chose an sich …«

»Und plötzlich geht alles«, ergänzte Illenberger. »Landrat kusch, Festival genehmigt, und Kriegel als Retter von Demokratie, Kultur und Demonstrationsfreiheit in der Tagesschau.«

»Und kein Sekt mehr im Haus«, tönte Esser-Steinecke dumpf, den Kopf halb in dem Kühlschrank in der Ecke, den man aber dank ihres ausladenden Hinterteils in dem gelb-braun gefleckten Wickelrock nicht sehen konnte.

»Ja-huuu!«, schrillte Illenberger plötzlich, als es ihr gedämmert hatte, sprang auf und küsste Kolbe auf die rötlichen Afro-Locken. Dann wirbelte sie herum, fasste Esser-Steinecke an beiden Händen und tanzte mit ihr einen Rock’n’Roll durch das Büro. Was für Ärsche! dachte Kolbe wieder einmal und grinste in sich hinein. Die eine versucht ihre Kiste mit mehreren Quadratmetern Zuwickeln zu verstecken, und die andere presst ihre kess in eine reichlich unförmige lila Latzhose. Aber dann gestattete auch er dem Grinsen, sich in seinem Gesicht breit zu machen, öffnete seine unterste Schreibtischschublade und knallte eine dunkelgrüne Flasche ohne Etikett auf den Tisch.

»Wennscht koi Sekt im Haus net hoscht, na hilf d’r mit’m Traubemoscht«, dichtete er, kippte einen Kaffeerest in einen Papierkorb und füllte die Tasse bis zum Rand mit der klaren Flüssigkeit aus der Flasche.

»Puh!«, machte Esser-Steinecke, als ihr der strenge Geruch des Tresters in die Nase stieg. »Von dem Zeug werd’ ich doch gleich wieder betrunken!« Aber ihre Augen glänzten gierig, und auf ihren Wangen breiteten sich rote Flecken der Vorfreude aus.

»Auf Paaf!«, sagte Kolbe und nahm den ersten Schluck.

»Auf Paaf!«, echote Sabine Illenberger, nahm die Tasse entgegen und einen kräftigen zweiten Schluck.

»Auf Kriegel!«, sülzte Esser-Steinecke und kippte den Rest in sich hinein, dabei den Kopf in den Nacken werfend wie ein alter Thekensteher.

»Was wird denn hier gefeiert?«, fragte Alexander Zoller, von allen nur Sascha genannt, von der Tür her. Er lehnte bloß am Türrahmen, aber die drei im Zimmer hatten sofort das Gefühl, als fülle er die Mitte des Raumes. Dabei war er nicht einmal besonders groß oder gar dick – ein untersetzt stämmiger Typ in ausgefransten Jeans und hohen schwarzen Boxerstiefeln mit roten Schnürsenkeln, braune Haarwellen wirr über der Stirn und dem hochgeschlagenen Kragen seiner obligaten abgewetzten, schwarzen Lederjacke, die er schon in seiner Zeit als Gießener Taxifahrer Tag und Nacht getragen hatte. Aber auch ohne die hatte seine Ausstrahlung etwas Bestimmendes, fast Bedrohliches – Illenberger hätte, wäre sie ihm nachts begegnet, die Straßenseite gewechselt.

Sie erzählten ihm, was gefeiert wurde, eifrig, abwechselnd und gleichzeitig, zwischendurch immer wieder die Tasse auffüllend, bis die Flasche leer war und Kolbe sich noch einmal bücken musste, um die zweite aus seinem Geheimfach zu buddeln.

Na ja, hatten sie sich verdient, eigentlich. Fand sogar Zoller, der ansonsten beim Thema Alkohol im Dienst gerne seine protestantisch-cholerische Ader raushängen ließ. Auch wenn er sich selbst im Pallament, dem Bonner Treffpunkt linker Politik, zweimal die Woche bis zur Besinnungslosigkeit die Kante zu geben pflegte. Gerade deswegen, wahrscheinlich.

Sie hatten es also geschafft, wenn auch nur dank der Einmischung des alten Walter Kriegel – Außenminister, Doyen und Aushängeschild der Liberalen. Fast zwei Monate lang hatte der CSU-Landrat von Scherdorf ihnen einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine geworfen und ihnen die Genehmigung für das geplante Anti-Atom-Festival in Pöckensdorf verweigert. Selbst die große Feuerwehrdelegation, mit Helfried Broth, Ming Tant, Frieda Berlin, Rollo Becker und Doppeldoktor Dietmar Dörmann, ein paar Anwälten und ihrem designierten Parteivorsitzenden Sascha Zoller hatte bei einem Treffen in Regensburg auf Granit gebissen.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl war drei Monate her. Martina Esser-Steinecke, Sabine Illenberger und Rainer Kolbe hatten sich in den letzten Wochen im Souterrain des Grünen-Büros am Telex-Ticker die Nächte um die Ohren geschlagen, einen Verteiler über die Grünen-Kreisverbände aufgebaut und, nicht zuletzt dank der fleißigen konspirativen Mithilfe eines Sympathisanten im Forschungszentrum Jülich, quasi stündlich die neuen Becquerel-Werte an aufgeschreckte Basis und empörte Bevölkerung durchgegeben. Und hatten dadurch die Grünen in den Wählerumfragen weit nach vorne katapultiert – während Bayerns Innenminister Zimmermann immer noch beharrlich tönte, das alles sei doch völlig harmlos und ungefährlich und reine Panikmache der neuen Außenseiter-Partei.

Und jetzt Kriegel, der alte Taktierer. Hatte das ganze Projekt an sich gerissen und Order von ganz oben gegeben. Die Zimmermänner schäumten, waren aber machtlos – im Grunde hatten sie die ganze Republik gegen sich, nicht mehr nur ein paar langhaarige Latzhosenträger, Friedensdemonstranten und Chaoten oder die in ihren Augen linksradikale Presse wie taz, Spiegel und Stern. Das Gelände wurde freigegeben, das Festival genehmigt; zwar mit schärfsten Auflagen, aber: Grünes Licht. Quasi. Mindestens fünfzig-, sechzigtausend Besucher wurden erwartet, und alles, was in der deutschen Rock- und Popszene Rang und Namen hatte (oder sich welchen erwerben wollte) riss sich darum, dort auftreten zu dürfen. Hinter den Kulissen wurde gerangelt und gemauschelt, was das Zeug hielt; das berufslinke Stehaufmännchen Dörmann hatte sich mal wieder geschickt eingeklinkt und bemühte sich heftig, möglichst viele Strippen an sich zu reißen. PA-Firmen boten Material, Manpower und sogar Geld, um die Beschallungs- und Beleuchtungsjobs zu bekommen, ein berüchtigter Münchner Feinkostkrämer tönte in der Abendpost, er werde die biblische Speisung der Vierzigtausend in den Schatten stellen – »zum Selbstkostenpreis, selbstverständlich!«, der Stapel mit Anfragen für Pressekarten wuchs jeden Tag um mehrere Zentimeter, der WDR geriet in Woodstock-Fieber, tat sich mit einem privaten Produzenten zusammen und plante einen Kinofilm zum Ereignis, die Universum kündigte ein Doppel- oder gar Dreifach-Album an, und in etlichen Tonstudios wurde fieberhaft an neuen Platten gearbeitet, die pünktlich zum Festival erscheinen sollten. Sogar der alte Franjo Homburg, Europas größter Konzertveranstalter, hatte seine Abneigung gegen deutsche Rockbands zumindest ruhen lassen und bot Know-how und Logistik an.

»Deutschlands größtes Rockfestival nimmt Formen an!«, tönte die Bildzeitung und ignorierte mal wieder geflissentlich, dass seit acht Jahren jeden Sommer an die hunderttausend Freaks zu Umsonst & Draußen nach Vlotho pilgerten. Aber selbst Kolbe fühlte sich geschmeichelt, dass seine Wortschöpfung in knallroter 36-Punkt-Schrift darüber prangte – Paaf! – für Pöckensdorfer Anti-Atom-Festival.

Und im ganzen Land fluchten junge Polizisten, weil ihr Urlaub gestrichen wurde, sich Anti-Demonstrations-Übungen häuften und sich das Gerücht verbreitete, die Zimmermänner planten, auf jeden Festivalbesucher einen Bullen kommen zu lassen.