Dieses viel zu laute Schweigen

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Felix stieß ein bitteres Schnauben aus. „Na großartig! Wie wär’s, wenn Sie einfach mal die Polizei gerufen hätten?“

„Bis die hier eingetroffen wären, wären diese Kerle längst über alle Berge gewesen“, gab er beleidigt zurück.

Es war genau mein Argument gewesen, doch mittlerweile hatte ich erkannt, wie falsch es war. Und wer wusste schon, was dieses Nicht-Reagieren in diesem Fall für Folgen nach sich gezogen hatte. Zum Beispiel hätte die Polizei zumindest Lukas angetroffen und sofort einen Rettungswagen gerufen. Und vielleicht wäre die eine oder andere seiner Verletzungen weniger dramatisch, wenn sie ein paar Stunden früher versorgt worden wäre.

„Ach ja?!“, riss mich Felix‘ vor Sarkasmus triefende Stimme aus den Gedanken. „Und deshalb haben Sie lieber weggeguckt und gar nichts getan?“

Seine Augen sprühten wilde Funken, und er hatte die Hände zu Fäusten geballt. Dagegen war sein Ausbruch vorhin an der Haltestelle völlig harmlos gewesen.

Erschrocken wich ich einen Schritt von ihm zurück und fragte mich, ob er wirklich so war oder sich nur gerade die aufgestaute Wut und Verzweiflung einen Weg nach draußen bahnten. Was immer es war – wenn das ein Vorgeschmack darauf war, wie er auf die Menschen reagierte, die Lukas nicht geholfen hatten, dann sollte ich zusehen, dass ich so schnell wie möglich das Weite suchte.

In meinem Magen bildete sich ein bleischwerer Klumpen. Bis vorhin wollte ich unbedingt mit Felix reden und es endlich hinter mich bringen, doch jetzt sträubte sich alles in mir dagegen. Ich war überzeugt davon, dass es nicht mit einem empörten Aufschrei und einer Weile Schmollen getan wäre, wie Nele gesagt hatte, sondern dass er mich für alle Zeiten abgrundtief hassen würde. Eigentlich sollte mir das egal sein, weil ich ihn vorher nicht gekannt hatte und später wahrscheinlich kaum jemals wiedersehen würde. Aber das war es nicht. Im Gegenteil, der Gedanke, dass er mich verachten könnte, tat furchtbar weh. Da war die Erinnerung an seine Umarmung, und ich wollte nichts lieber, als für ihn da zu sein, wenn er jemanden zum Festhalten brauchte. Aber wie sollte das gehen? Mein Schweigen brüllte mir jetzt bereits so lautstark im Kopf herum, dass es kaum zu ertragen war.

Ob ich doch alles der Polizei erzählen sollte? Dann wäre es heraus, Felix würde die Fakten erfahren, ohne zu wissen, dass ich es war, und wir konnten vielleicht halbwegs normal weitermachen. Die Vorwürfe der Polizei würde ich schon verkraften. Nicht aber diesen Blick, mit dem Felix gerade den armen Mann vor uns in Grund und Boden stampfte.

„Felix“, sagte ich hilflos und griff erneut nach seiner Hand, diesmal um ihn von hier wegzulotsen und die schreckliche Szene damit zu beenden. Es reichte jedoch alleine meine Berührung, um ihn zumindest äußerlich zu besänftigen. Er warf dem Mann einen letzten finsteren Blick zu, drehte sich dann um und ging.

„Tut mir leid“, sagte er auf dem Rückweg zur Haltestelle leise. „Das war grad alles zu viel.“

Ich presste die Lippen aufeinander und nickte verständnisvoll.

„Er, der Müller, von dem er gesprochen hat, und wer weiß wie viele andere … das kann doch nicht sein, dass einfach niemand etwas tut, oder?“, überlegte er laut. Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Kennst du den Fall Kitty Genovese?“

Irritiert wegen dieser unerwarteten Frage, schaute ich zu ihm auf. „Nein.“

Er warf mir einen flüchtigen Seitenblick zu und konzentrierte sich dann wieder auf dieses Bild, das scheinbar nur er sehen konnte.

„Es geht dabei um den Mord an einer jungen Frau in New York, irgendwann in den Sechzigerjahren“, fing er an zu erzählen. „Sie wurde vor ihrer eigenen Haustür von einem Mann angegriffen, vergewaltigt, mit einem Messer schwer verletzt und am Ende ermordet. In den Häusern drum herum haben achtunddreißig Zeugen das Ganze beobachtet und nichts getan. Seitdem nennt man so was das Genovese-Syndrom oder besser bekannt als Bystander-Effekt.“

Ich bekam eine Gänsehaut und schluckte schwer. „Woher weißt du das?“

Felix sah mich an, und die Traurigkeit, die jetzt wieder in seinen Augen die Vorherrschaft übernommen hatte, zerriss mir das Herz.

„Wenn du stundenlang im Wartebereich vor der Intensivstation rumsitzt, hast du reichlich Zeit, ein bisschen im Internet zu recherchieren“, erklärte er. „Gib mal das Stichwort Zivilcourage ein, da findest du die erschreckendsten Sachen.“

„Kann ich mir vorstellen“, bestätigte ich und wusste nicht, was ich weiter dazu sagen sollte. Überhaupt war ich in Gedanken ganz woanders. Genauer gesagt, auf dem Polizeirevier. Mittlerweile war ich zu dem Schluss gekommen, dass es keine andere Möglichkeit gab, koste es, was es wolle. Und wenn von dort mein Name zu Felix durchsickern sollte, dann war es Schicksal.

„Anna?“

„Hm?“ Ich schreckte auf und fragte mich, ob ich etwas verpasst hatte, doch Felix lächelte nachsichtig und sagte: „Danke. Dass du mit mir hergekommen bist und … überhaupt.“

Bei diesem „überhaupt“ musste ich an seine Umarmung denken, und mein Körper reagierte mit einem undefinierbaren Kribbeln. Ich drängte es mit einem beinahe hysterischen Lachen in den Hintergrund und konterte: „Hör auf, dich immer zu bedanken. Ich wünschte, ich könnte viel mehr tun. Oder hätte mehr tun können, damit es gar nicht erst so weit gekommen wäre. Aber … Ach, vergiss es einfach.“

Damit ließ ich ihn stehen und lief schnellen Schrittes voran auf die Haltestelle zu.

„Hey! Anna, warte!“ Felix holte mich ein, packte mich am Arm und sah mich eindringlich an. „Tu das nicht“, sagte er leise. „Meinst du, ich hätte mich nicht auch schon tausendmal gefragt, was gewesen wäre, wenn ich ein paar Minuten länger mit Luka telefoniert hätte und er dadurch die Bahn verpasst hätte? Aber das alles hilft uns jetzt auch nicht mehr weiter.“

„Ich weiß“, brachte ich mühsam heraus und spürte Tränen über meine Wangen laufen.

Felix hob die Hand und wischte sie behutsam mit seinem Daumen weg. Bei der Berührung stockte mir der Atem. Alles, was ich wahrnahm, war das überdimensional laute Pochen meines Herzens, das ihm unmöglich entgehen konnte. Von außen betrachtet mussten wir wirken wie ein Paar mit Beziehungsproblemen. Weiter hätten wir allerdings kaum davon entfernt sein können.

„Kommt man von hier eigentlich auch ganz gut mit der Bahn zum Krankenhaus?“, wollte er vollkommen unvermittelt wissen.

„Ja“, antwortete ich. „Du musst am Bahnhof einmal umsteigen und die S4 Richtung Südstadt nehmen. Die zweite Station ist dann das Klinikum.“

„Okay.“ Es fühlte sich an, als wollte er eine weitere Frage stellen, doch er ließ es sein und schaute mich stattdessen nur an. Sein Blick ging mir durch und durch, bis ich es nicht mehr aushielt und etwas Abstand zwischen uns brachte.

Ich räusperte mich und sagte: „Ich habe auch noch etwas in der Stadt zu erledigen und nehme dann gleich die S2.“

Felix lächelte schwach und vergrub verlegen die Hände in den Hosentaschen. „Tut mir leid. Das hättest du auch gleich sagen können. Dann hätte ich dich nicht so lange aufgehalten.“

Ich schüttelte entschieden den Kopf. „Kein Danke und kein Tut-mir-leid mehr, okay? Es war meine freie Entscheidung, mit dir mitzugehen, also musst du dich auch für nichts dankbar oder schuldig fühlen. Jeder ist selbst verantwortlich für das, was er tut.“

Und für das, was er nicht tut, fügte ich in Gedanken schwermütig hinzu. Dann wandte ich mich von ihm ab und stieg die Stufen zur Haltestelle hoch. Fast im selben Moment kam meine Bahn.

„Sehen wir uns morgen?“, fragte Felix, während die Waggons quietschend zum Stehen kamen.

„Du weißt ja, wo ich wohne“, erwiderte ich ausweichend. Morgen konnte bereits alles anders sein. Vielleicht würde er mich da gar nicht mehr sehen wollen.

Er hielt es jedoch für einen lockeren Spruch und lächelte. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken, als ich auf die Bahn zuging. Im letzten Moment drehte ich mich noch einmal um und rief: „Felix?“

„Ja?“

„Mir tut es leid!“

„Was?“

„Alles!“

Damit schlüpfte ich durch die bereits piepende Tür und ließ ihn mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln zurück.

Felix

Ich schaute der abfahrenden S-Bahn hinterher und fragte mich, was Anna mir sagen wollte. Doch so sehr ich mir auch das Hirn zermarterte, ich kam einfach nicht drauf, was ihr leidtun könnte. Stattdessen beschlich mich immer mehr das Gefühl, dass sie die ganze Zeit versucht hatte, mir etwas zu erklären, aber ich Idiot war ausschließlich mit meinen eigenen Sorgen beschäftigt gewesen. Genau so, wie Steffi es mir zuletzt ständig vorgeworfen hatte.

Der Gedanke daran versetzte mir einen schmerzhaften Stich, doch völlig irritiert bemerkte ich, dass nicht Steffi der Grund dafür war, sondern Anna. Verblüfft lauschte ich in mich hinein, und tatsächlich musste ich als Erstes daran denken, wie es sich vorhin angefühlt hatte, Anna im Arm zu halten.

Vergiss es!, ermahnte ich mich selbst. Sie hat es auf Lukas abgesehen. Und überhaupt kannst du so einen Gefühlsscheiß grad echt nicht brauchen. Also schlag sie dir aus dem Kopf!

Doch das war leichter gesagt als getan. Am liebsten wäre ich in die nächste Bahn gesprungen und ihr hinterhergefahren, dabei wusste ich nicht einmal, was Anna vorhatte und wohin die Linie 2 überhaupt fuhr.

Tief in meinen Gedankenmurks versunken, stieg ich in die S-Bahn Richtung Krankenhaus und ließ den Abend wie einen Film vor meinem inneren Auge ablaufen. Das Aufsuchen der Tatorte hatte mich stärker mitgenommen, als ich für möglich gehalten hätte. Und mittlerweile tat es mir furchtbar leid, wie ich diesen Anwohner beschimpft hatte. Normalerweise war ich nicht so, und der Gedanke daran, wie das ohne Anna hätte enden können, war ein ziemlicher Schock. Prompt sah ich wieder ihren verschreckten Blick vor mir. Verdammt! Wo sollte das noch hinführen?!

 

Je mehr ich versuchte, mir Anna aus dem Kopf zu schlagen, umso heftiger wurde der Drang, sie wiederzusehen. Und so wurde es diesmal nur ein kurzer Besuch bei Lukas, bevor ich mich wieder auf den Rückweg machte und enttäuscht feststellen musste, dass bei Anna in der Wohnung alles dunkel war. Ungeduldig wartete ich darauf, dass sie endlich nach Hause kam, auch wenn ich keinen Schimmer hatte, aus welchem Grund ich bei ihr klingeln sollte. Aber es war ohnehin vergeblich, denn nebenan rührte sich nichts.

Frustriert griff ich nach meinem Handy und telefonierte mit Martin, um mich bei ihm über die Ereignisse des Tages auszukotzen. Wir diskutierten über die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden Fälle wirklich miteinander zusammenhingen, und die Erfolgsaussichten, ob die Polizei den Tätern wohl auf die Spur kommen würde. Bis Martin plötzlich bemerkte: „Du redest ganz schön viel über diese Anna.“

Es klang wie eine einfache Feststellung, doch ich wusste genau, was mein Freund mir damit durch die Blume zu verstehen geben wollte.

„Das ist ja wohl kein Wunder“, gab ich hoffentlich einigermaßen überzeugend zurück. „Sie ist schließlich der einzige Mensch, mit dem ich hier überhaupt zu tun habe, abgesehen von den Ärzten und Schwestern.“

„Ach so“, sagte er so auffallend harmlos, dass mir eine scharfe Erwiderung auf der Zunge lag. Ich schluckte sie jedoch runter. Martin war mein ältester und treuester Freund, der es nicht verdient hatte, angelogen zu werden. Und nichts anderes wäre es gewesen. Anna spukte tatsächlich mehr in meinem Kopf herum, als sie sollte. Also wem wollte ich hier eigentlich etwas vormachen? Ihm oder mir selbst?

Stöhnend ließ ich mich nach dem Gespräch aufs Sofa fallen, und während ich weiter auf Geräusche aus der Nachbarwohnung lauschte, schlief ich irgendwann ein. Mitten in der Nacht wachte ich mit einem Krampf im Bein wieder auf, schleppte mich rüber ins Bett und fiel erneut in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Mein Körper hatte anscheinend Nachholbedarf. Oder aber es war die beruhigende Gewissheit, dass dort hinter der übernächsten Wand jemand lag, der es gut mit mir meinte, egal, was passierte.

Im Traum spürte ich noch einmal Annas Finger, die sich mit meinen verhakten, und für einen winzig kleinen Moment war ich froh, dass Lukas nicht da war, um wie so oft die Aufmerksamkeit an sich zu reißen. Doch als am nächsten Morgen die Realität dazukam, fühlte ich mich wie der letzte Arsch.

Nichtsdestotrotz hoffte ich darauf, Anna wenigstens kurz zu sehen, bevor sie zur Arbeit fuhr. Aber anscheinend war sie bereits weg, denn als ich um halb acht bei ihr klingelte, um sie nach etwas Milch für den Kaffee zu fragen, machte sie nicht auf. Enttäuscht trottete ich zurück in Lukas‘ Wohnung, kippte mir seine Milch in den Kaffee und machte mich kurz darauf auf den Weg ins Krankenhaus.

Im Foyer angekommen, wollte ich gerade mein Handy auf lautlos stellen, da fing es an zu klingeln. Diesmal erkannte ich die Nummer von Frank Oppermann sofort, nahm das Gespräch an und ging wieder raus vor die Tür. Der Polizeibeamte begrüßte mich mit dem Hinweis auf gute Nachrichten und erklärte dann, dass sich gestern Abend eine weitere Zeugin von der S-Bahn-Haltestelle gemeldet hätte. Die Frau hätte aus einer anderen Perspektive einen detaillierten Ablauf der Szene am Bahnsteig darstellen können und wäre sich außerdem sehr sicher, dass die vier jungen Männer genau wie Lukas an der Haltestelle Berliner Platz ausgestiegen waren. Das wäre zwar noch kein Beweis, aber es verdichteten sich die Hinweise, dass es möglicherweise einen Zusammenhang geben könnte.

Ich hörte mir alles an und war nicht sicher, ob ich mich freuen oder auf den nächsten Betonpfeiler einschlagen sollte. Letztendlich tat ich keins von beidem und versuchte, mich auf die Fakten zu konzentrieren.

„Konnte diese Zeugin die Männer etwas besser beschreiben?“, wollte ich wissen, denn die Angaben beim ersten Mal waren nicht sehr aussagekräftig gewesen.

„Leider nein“, antwortete der Ermittler. „Laut Aussage meiner Kollegin, die mit ihr gesprochen hat, war sie ziemlich aufgelöst und an dem Abend so entsetzt von der Tat, dass sie keine weiteren Details wiedergeben konnte. Sie sagte, sie könne die Täter auf der Straße wohl wiedererkennen, aber nicht aus dem Gedächtnis beschreiben.“

Das wäre ja auch zu schön gewesen. Mühsam drängte ich die Enttäuschung beiseite und fragte: „Hat sie denn etwas gesagt, warum sie sich nicht früher gemeldet hat?“

Ich war natürlich unglaublich froh, dass sie es überhaupt getan hatte. Aber ich wollte verstehen, warum erst jetzt.

„Sie sagt, sie hatte Angst“, erklärte er. „Erst, dass sie selbst ins Visier der Täter geraten könnte. Und anschließend, dass die jungen Männer sich an sie erinnern und ihr beim nächsten Mal an der Haltestelle auflauern könnten.“

Ich unterdrückte ein bitteres Lachen und dachte nach. Angst war es also, so wie Anna vermutet hatte.

„Und was hat sie dazu gebracht, jetzt doch den Mund aufzumachen?“, hakte ich nach.

Darauf hatte Frank Oppermann allerdings auch keine Antwort. Überhaupt hielt er sich bedeckt und durfte lediglich die wichtigsten Fakten an mich weitergeben. Aber zumindest war er zuversichtlich, dass ein erweiterter Zeugenaufruf für den Bereich um den Berliner Platz die Ermittlungen vorantreiben würde.

Ich wollte ihm gerne glauben und diese Hoffnung an mich heranlassen. Stattdessen rumorte es immer stärker in mir, denn die Vorstellung, dass Lukas die Prügelattacke möglicherweise selbst heraufbeschworen hatte, nur weil er helfen wollte, war schwer zu ertragen. Kein Wunder, dass alle wegschauten und nichts taten, wenn das der Dank dafür war.

Aufgewühlt fuhr ich mir mit der Hand übers Gesicht und blickte an der Krankenhausfassade hoch. Ich hätte jetzt lieber mit jemandem geredet, statt mich an Lukas‘ Bett zu setzen und tatenlos zuzugucken, wie er von den Maschinen am Leben gehalten wurde. Doch alle potenziellen Kandidaten waren bei der Arbeit. Da, wo ich normalerweise auch gerade sein sollte. Aber was war im Moment schon normal? Also riss ich mich zusammen und machte mich einmal mehr auf den Weg zur Intensivstation.

Zwei Stunden später gab ich es auf, gegen die Rastlosigkeit in mir anzukämpfen, und beschloss, nach Hause zu fahren. So Hals über Kopf, wie ich aufgebrochen war, musste ich dringend mal nach dem Rechten gucken. Martin kümmerte sich zwar um meine Wohnung, aber er hatte keinen Schlüssel für Omas Haus. Außerdem musste ich dringend mit meinem Chef besprechen, wie es nächste Woche weitergehen sollte. Es war mir zwar nicht geheuer, mich so weit von Lukas zu entfernen, aber die Stationsschwester versicherte mir, dass sein Zustand momentan relativ stabil war und sie mich sofort benachrichtigen würde, wenn sich etwas ändern sollte. Also machte ich mich schweren Herzens auf den Weg. Ich musste mich auf Dauer ohnehin daran gewöhnen. Und so war ich wenigstens beschäftigt, bevor ich nachher hoffentlich Anna wiedersehen würde.

Als ich am Abend zurückkam, schaute ich noch einmal bei Lukas vorbei und fuhr dann guter Dinge zu seiner Wohnung. Für einen Freitag war ich auf der Autobahn besser durchgekommen als gedacht, und auch in der Praxis war es gut gelaufen. Thomas und meine Kollegen hatten schon einen Plan ausgebrütet und die Termine meiner Patienten so gelegt, dass ich etwa jeden zweiten Tag ins Krankenhaus fahren und über Nacht in Lukas‘ Wohnung bleiben konnte. Ich war ihnen unendlich dankbar dafür und nahm die Überstunden der restlichen Tage ungerührt zur Kenntnis. Zur Not hätte ich auch nachts durchgearbeitet, aber da hätten meine Patienten wahrscheinlich nicht mitgespielt.

Erwartungsvoll stieg ich die Treppe rauf, stellte meine Reisetasche achtlos vor der Wohnungstür ab und klingelte bei Anna. Unterwegs hatte ich beschlossen, sie heute Abend bei dem Italiener schräg gegenüber zum Essen einzuladen, als Dankeschön für alles, was sie für mich getan hatte. Dummerweise hatte ich dabei nicht bedacht, dass sie bereits anderweitig verplant sein könnte, denn sie machte nicht auf, egal, wie lange ich auf ihre Tür starrte. Enttäuscht schlich ich ein paar Schritte weiter und schloss Lukas‘ Wohnung auf. Als der Holzanhänger dabei polternd an den Türrahmen schlug, musste ich lächeln. Das hatte Anna also gemeint.

Ich griff nach meiner Tasche, schob die Tür auf und hielt mitten in der Bewegung inne. Vor mir auf dem Fußboden lag ein Zettel. Anscheinend hatte jemand eine Nachricht unter dem Türspalt durchgeschoben. Neugierig bückte ich mich, um das Blatt Papier aufzuheben, und merkte, wie mein Puls aufgeregt in die Höhe schoss. Mir fiel nur eine Person ein, die mir geschrieben haben könnte, und ich war gespannt, weshalb.

Lieber Felix, stand dort. Ich musste kurzfristig für ein paar Tage weg. Gibst du mir bitte Bescheid, wenn es etwas Neues von Lukas gibt? Danke! Alles Gute und liebe Grüße, Anna. Darunter hatte sie ihre Handynummer geschrieben.

Ich las die Nachricht ein zweites Mal und war selbst überrascht, was ihre Worte mit mir anstellten. Zum einen war ich traurig und enttäuscht, dass ich sie nicht so bald wiedersehen würde. Zum anderen wütend, weil sie nur wissen wollte, wie es Lukas ging, und ich offenbar keine Rolle spielte. Gleichzeitig freute ich mich, dass ich jetzt ihre Nummer hatte und sie zumindest jederzeit erreichen konnte.

Ob ich sie gleich anrufen sollte, um ihr von der weiteren Zeugin zu erzählen? Das war schließlich etwas Neues, was Lukas betraf. Und nebenbei würde ich vielleicht erfahren, wohin sie so unerwartet verschwunden war. Musste sie beruflich weg oder privat? Was machte sie überhaupt? Stammte sie von hier oder lebte ihre Familie weiter weg? Schlagartig wurde mir klar, dass ich beinahe nichts über Anna wusste. Und dass ich sie gerne besser kennenlernen wollte, auch wenn das sicher keine so gute Idee war.

Hin- und hergerissen machte ich die Wohnungstür hinter mir zu, ließ die Tasche achtlos im Flur auf den Boden fallen und ging durch in die Küche. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche, legte es auf der Arbeitsfläche ab und beäugte es unentschlossen, während ich einen großen Schluck Wasser direkt aus der Flasche trank.

Himmel, seit wann ließ ich mich von einer Frau so aus der Ruhe bringen?! Es ging hier um Anna, die Nachbarin meines Bruders, die sich wie ich Sorgen um Lukas machte. Und ich stellte mich an wie ein Teenager, der gerade die Nummer von seinem Schwarm bekommen hatte.

Mit einem tiefen Seufzer schnappte ich mir mein Smartphone und speicherte ihre Nummer. Anschließend tippte ich auf die Kontaktliste bei WhatsApp und stellte zufrieden fest, dass sie darin auftauchte und sogar online war. Weniger glücklich war ich über die Tatsache, dass sie statt eines Profilbilds von sich nur einen Palmenstrand im Sonnenuntergang hinterlegt hatte. Schade.

Zögernd schloss ich die App wieder und tippte das Telefonsymbol an. Ich wollte Anna nicht schreiben, sondern mit ihr reden. Ihre Stimme hören. Und sie fragen, was sie mir gestern Abend erzählen wollte.

Als die Verbindung aufgebaut wurde und es tutete, spürte ich wieder diese unerklärliche Nervosität. Das Herz pochte mir hart gegen die Rippen, und jede einzelne Faser meines Körpers war angespannt, während es weitertutete und -tutete, bis ich schließlich auf der Mailbox landete.

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