Trevellian und die Agenten im Fegefeuer: Action Krimi

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Pete Hackett

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Inhaltsverzeichnis

  Trevellian und die Agenten im Fegefeuer: Action Krimi

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Trevellian und die Agenten im Fegefeuer: Action Krimi

Krimi von Pete Hackett

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

(XXX)

Jack Skerrit ist wild entschlossen, die Agenten Trevellian und Tucker zu töten, als er nach langen Jahren aus dem Gefängnis kommt. Doch seine Spur kreuzt sich mit denen gefährlicher Terroristen, die mit Selbstmordanschlägen zahlreiche Leute in den Tod reißen. Wie passen ein Rauschgifthändler und fanatische Mörder zusammen?

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Jeff Skerrit war in ein abbruchreifes Haus in der Ludlow Street in der Lower Eastside geflüchtet. Es war ein regnerischer Abend. Der Wind pfiff kalt durch die Straßen New Yorks und peitschte den East River auf. Die Meteorologen hatten Sturmwarnung gegeben.

Über Bordfunk forderte ich Verstärkung an. Milo sicherte indes den Hinterausgang der Ruine, deren Fenster von jugendlichen Randalierern eingeworfen worden waren und an deren Wänden sich selbsternannte Graffiti-Künstler ausgetobt hatten. Von sexistischen Sprüchen bis zu rechtsradikalen Parolen war hier alles zu lesen. Und so manches Bild hätte jedem Porno-Comic zur Ehre gereicht.

Skerrit war der Chef einer Bande, die in der Lower Eastside und in East Village von den Barbesitzern und Kneipenwirten Schutzgelder erpresste und nicht gerade zimperlich mit jenen Leuten umgingen, die nicht bezahlen wollten.

Jetzt hatte Skerrit seine Finger ins Rauschgiftgeschäft gestreckt – und das hieß, dass wir auf den Plan gerufen wurden. Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz sind Angelegenheit der Bundespolizei – und Mr. Jonathan D. McKee, der Special Agent in Charge des FBI Field Office New York, hatte Milo und mich mit der Sache beauftragt.

Wir erwischten Skerrit, als er in einer düsteren Kneipe einem Streetworker ein Paket mit abgewogenen Heroinmengen für den Straßenverkauf aushändigte. Eine Rauschgiftmenge, die ausgereicht hätte, um sämtliche Bewohner einer Kleinstadt süchtig zu machen.

Als wir Jeff Skerrit festnehmen wollten, griff er nach der Waffe, feuerte zweimal und – als wir in Deckung sprangen – entwischte er uns durch den Hinterausgang des zwielichtigen Etablissements.

Jetzt hockte er in dem abbruchreifen Gebäude und wartete darauf, dass wir eindrangen, damit er uns heißes Blei servieren konnte. Wir erwiesen ihm jedoch nicht den Gefallen, vor seine Mündung zu spazieren. Wir warteten auf die Kollegen. Und sie kamen unverzüglich, und zwar mit drei Dienstfahrzeugen, deren Sirenen heulten und auf deren Dächern die Lichter rotierten. Geisterhafte Lichtreflexe zuckten über den nassen Asphalt und die Fassaden der Häuser.

Das Heulen verstummte. Aus den Fahrzeugen sprangen Clive Caravaggio, der Vertreter von Mr. McKee, ein Italoamerikaner, der aber mehr an einen germanischen Hünen erinnerte, des weiteren die Kollegen Leslie Morell, George Maxwell, Fred LaRocca, die glutäugige Annie Francesco, die rassige Jennifer Johnson und eine Reihe weiterer G-men.

Natürlich waren sie nicht bis vor das Haus gefahren, in dem sich Jeff Skerrit verschanzt hatte. Ich war ihnen entgegengelaufen, gab einen knappen Lagebericht ab, und dann umstellten wir das Haus, so dass wahrscheinlich nicht mal mehr ‘ne Kellerratte eine Chance gehabt hätte, ungeschoren zu entkommen.

Ich nahm das Megaphon zur Hand und ließ meine lautsprecherverstärkte Stimme erklingen: „Jeff Skerrit, das Haus ist umstellt. Geben Sie auf und kommen Sie waffenlos und mit erhobenen Händen auf die Straße. Ich gebe Ihnen drei Minuten Zeit. Dann stürmen wir.“

Von Skerrit kam keine Resonanz. In dem Gebäude blieb es still wie in einer Gruft nach dem Jüngsten Tag.

„Noch zwei Minuten …“, tönte ich.

Skerrit gab kein Lebenszeichen von sich. Und ich begann mich schon zu fragen, ob er überhaupt in dem Gebäude steckte. Eine andere Annahme jedoch war nicht gerechtfertigt. Wir sahen ihn hineinflitzen, und herausgekommen war er nicht mehr.

„Noch eine Minute, Skerrit!“, hallte mein Organ durch die Dunkelheit und den feinen Nieselregen, der die Tristheit des Abends noch verstärkte.

„Die Zeit ist um!“

Mit dem letzten Wort legte ich das Megaphon weg und zog die 38er. Ja, Sie hören richtig. Die SIG Sauer, P226, hatten wir zu dieser Zeit noch nicht. Denn das Ereignis, das ich hier schildere, liegt fünf Jahre zurück. Zu dieser Zeit fuhr ich auch noch meinen alten treuen Sportwagen und nicht den Wagen …

Wir hatten uns abgesprochen, für den Fall, dass Jeff Skerrit nicht aufgab. Clive Caravaggio, Milo und Leslie Morell gingen durch den Hintereingang in das Haus, George Maxwell, Fred LaRocca und meine Wenigkeit nahmen den Vordereingang.

Die beiden Agentinnen und die anderen Kollegen sicherten auf der Straße und im Hof.

Unten waren drei Türen, eine davon führte in den Keller. Eine Holztreppe schwang sich rechter Hand nach oben. In den unteren Räumen befand sich Skerrit nicht. Milo und die Kollegen verschwanden im Keller. Der Schein meiner Stablampe huschte die Stiege empor. Oben war ein Absatz, von dem aus die Treppe gegenläufig in die 1. Etage führte.

Wir stiegen hinauf. Der Taschenlampenschein glitt vor uns her. Die Stufen knarrten wie die Scharniere einer eingerosteten Gartentür. Stufe um Stufe nahmen wir, bereit, blitzschnell zu reagieren, sollte Skerrit auch nur seine Nasenspitze sehen lassen.

Die Treppe endete auf einem Flur. Von dort aus führte sie weiter in die nächste Etage. Zunächst aber wollten wir uns die Räume vornehmen, die von dem Korridor aus zu erreichen waren.

Ich lugte um die Ecke, und als die Luft rein schien, knipste ich die Lampe aus, wirbelte in den Gang, kniete rechts ab und bestrich mit dem Revolver die Türen, von denen die meisten geöffnet waren und schief in den Angeln hingen.

Und aus der hintersten Tür sah ich Skerrits Schemen auftauchen. Eine Fußbodendiele ächzte durchdringend. Ich drückte auf den Knopf der Stablampe. Der Lichtstrahl prallte regelrecht in das Gesicht des Gangsters. Geblendet schloss er die Augen, gleichzeitig zog er ab.

 

Ich aber lag schon flach auf dem verschmutzten Boden. Die Kugel sengte über mich hinweg. Der 38er bäumte sich auf in meiner Faust, eine Feuerlohe stieß aus dem Lauf, der Knall vermischte sich mit der Detonation von Skerrits Schuss, und wahrscheinlich hatte das Haus nach dem explosionsartigen Donnerknall noch ein paar Risse mehr in den Wänden.

Skerrits Bein wurde vom Boden weggerissen. Mit einem gellenden Aufschrei stürzte er zu Boden. Der Strahl der Lampe in meiner Linken folgte ihm nach unten und traf wieder sein Gesicht. Ich sah, dass es vor Schmerz und Schreck verzerrt war. Skerrit riss die linke Hand hoch, um seine Augen vor dem blendenden Strahl zu schützen. George Maxwell und Fred LaRocca drängten an mir vorbei.

„Waffe weg!“, brüllte George. Er jagte einen Warnschuss in die Decke. Kalkbrocken regneten auf den Flur. Staub senkte sich nach unten und saugte den Strahl der Taschenlampe auf wie Nebel.

Aber Skerrit hatte genug. Meine Kugel hatte seinen Oberschenkel durchschlagen. Seine Hand öffnete sich, die Automatic polterte auf den Fußboden, er hob die zitternden Hände.

Von unten stürmten die Kollegen herauf, allen anderen voraus Milo. „Alles klar?“, schrie er besorgt.

„Ja. Wir haben ihn. George und Fred legen ihm gerade Handschellen an. Er hat ‘ne Kugel im Bein.“

„Nun, bis er wieder freie Luft atmet, wird die Wunde gewiss verheilt sein“, knurrte Milo.

„Tja“, meinte ich, „in fünf bis zehn Jahren erinnert ihn höchstens noch die Wetterfühligkeit in seinem Bein an den heutigen Tag.“

2

Jeff Skerrit bekam 7 Jahre und 6 Monate aufgebrummt. Er nahm das Urteil an und verschwand auf Rikers Island. Und jetzt, fünf Jahre später, wurde er wegen guter Führung entlassen.

Die Wunde in seinem Bein war verheilt. Meine Annahme jedoch, dass ihn nur noch die Wetterfühligkeit im Bein an den Tag seiner Festnahme erinnerte, war ein Irrtum. In Jeff Skerrits Herz brannte unversöhnlicher Hass. Hass auf die beiden G-men Tucker und Trevellian, die ihn damals auf frischer Tat ertappt und in das abbruchreife Haus getrieben hatten.

An Unrechtsbewusstsein fehlte es dem Gangster gänzlich.

Ein alter Kumpel namens Keith Belmont holte ihn ab. In dem Chevy, mit dem er vorgefahren war, saßen noch Liam David und Jack DeLuise, zwei Gangster Anfang der 30, der eine blond, der andere dunkel.

Sie begrüßten Skerrit mit festem Händedruck, umarmten ihn und schlugen ihm auf die Schulter. „Na endlich, altes Haus“, grinste Keith Belmont breit. „Fünf Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Wir haben natürlich dafür gesorgt, dass unser Revier sauber geblieben ist. Du kannst ansatzlos einsteigen. Die Pfründe sind gesichert.“

Skerrit nickte. „Es geht eben nichts über gute Freunde.“

„Wusste gar nicht, dass so ‘n braver Boy bist, dem sie wegen guter Führung sogar zweieinhalb Jahre schenken“, lachte Liam David, der blondhaarige Gangster.

Skerrit blieb ernst. „Ich hatte einen Grund, brav zu sein. Denn je eher ich Rikers Island den Rücken kehren konnte, desto eher kann ich Trevellian und Tucker den Schuss ins Bein und meine Verurteilung heimzahlen.“ Er knirschte mit den Zähnen. „Mit jedem Tag, den ich hinter den Gefängnismauern sozusagen lebendig begraben war, ist mein Hass auf die beiden Hurensöhne gewachsen. – Weshalb ist eigentlich Susan nicht hier?“

„Susan wartet zu Hause auf dich“, versetzte Keith Belmont ausweichend. Nachdenklich fügte er hinzu: „Du willst Trevellian und Tucker tatsächlich eine Rechnung für dein Pech präsentieren, Jeff?“

„Ja. Und zwar eine blutige Rechnung. Die beiden Schnüffler sollen den Tag verfluchen, an dem sie sich mit mir angelegt haben.“

Im Schritttempo fuhren sie über die Rikers Island Bridge. Östlich konnten sie ein Flugzeug auf dem La Guardia Airport landen sehen. Ein anderes bohrte sich durch die Luft gen Himmel.

„Du solltest erst etwas Zeit verstreichen lassen, Jeff“, streute Belmont seine Zweifel aus. Er saß mit Skerrit im Fond des Wagens. Liam David steuerte den Chevy. Jack DeLuise lümmelte auf dem Beifahrersitz. „Schließlich bist du nur auf Bewährung draußen, und wenn unverzüglich nach deiner Freilassung diese beiden Agenten attackiert werden, fällt der Verdacht sehr schnell auf dich, und man wird dich auf Schritt und Tritt überwachen. Damit gefährdest du unsere ganze Sache, und es ist möglicherweise nur ‘ne Frage der Zeit, bis sie uns alle hops nehmen.“

„Fünf Jahre“, zischte Skerrit wie eine Natter, „fünf verdammte endlose Jahre habe ich darauf gewartet, es den beiden Bullenschweinen heimzuzahlen. Eine Ewigkeit hinter Zuchthausmauern. Und jetzt soll ich noch einmal warten? Nein, Keith, o nein. Es hat mich zerfressen, die Ungeduld hat mich halb kaputt gemacht. Ich will nicht warten. Ich will die beiden vor mir liegen sehen, damit ich auf ihre Kadaver spucken kann.“

Jedes seiner letzten Worte war mit einem Hass getränkt, der keine Zugeständnisse und keine Versöhnung kannte. Hinter jedem Wort lag eine Leidenschaft verborgen, die bei Jeff Skerrit keinen anderen Gedanken als den an blutige Rache mehr zuließ.

„Irgendwie habe ich das befürchtet“, murmelte Keith Belmont. Er warf Skerrit von der Seite einen schnellen Blick zu. Skerrits Miene war finster, eine ganze Gefühlswelt schien sich darin zu spiegeln.

Sie befanden sich in der Hazen Street.

Jeff Skerrit schwieg verkniffen. Er war fest entschlossen, sich nichts um die Einwände seiner Kumpane zu scheren. Er war damals der Boss, und er würde wieder der Boss sein. Im Gefängnis hatte er Pläne geschmiedet, wie er das „Geschäft“ noch größer, noch lukrativer und vor allen Dingen sicherer aufzuziehen gedachte. Seine Freunde hatten ihn zwar des öfteren besucht und seine Anweisungen mitgenommen, seine Absichten aber hatte er ihnen nicht mitgeteilt.

Keith Belmont fuhr fort: „Wir können es nicht zulassen, dass du deiner persönlichen Gefühle wegen uns alle gefährdest. Damals sind wir mit einem blauen Auge und dem Schrecken davongekommen. Ein zweites Mal werden wir nicht soviel Glück haben.“

„Wie meinst du das?“, fauchte ihn Jeff Skerrit an.

Er sah nicht, dass Jack DeLuise langsam unter die Jacke griff. DeLuise schaute zwischen den Nackenstützen der Vordersitze nach hinten. Sein fragender Blick traf Keith Belmont. Der senkte die Lider – und dies war das Signal für DeLuise. Er zog unter der Jacke eine Magnum mit aufgeschraubtem Schalldämpfer hervor und richtete sie an der Nackenstütze vorbei auf Skerrit.

Der Gangster bekam große Augen. Im ersten Moment begriff er nicht. Aber dann kam der würgende Schrecken, er musste zweimal ansetzen, und schließlich stammelte er entsetzt: „Was – was soll das, verdammt, bist – du – übergeschnappt?“

„Nein, ist er nicht“, kam es kalt von Belmont.

Jeff Skerrit schnappte wie ein Fisch am Trockenen nach Luft. Sein Gesicht hatte sich entfärbt, sein Herz raste, unter seinen Augen zuckten die Nerven.

„Fünf Jahre lang hast du deinen Hass geschürt, Jeff. Jetzt bist voll davon wie ein überlaufendes Wasserfass. Aber Hass macht blind. Das FBI und die Bullen vom Police Departement sitzen uns nach wie vor im Nacken. Wir ziehen nur noch hundertprozentige Coups durch, sind also sehr zurückhaltend geworden. Das würde sich ändern, ließen wir dir freie Hand. – Du bist nicht mehr tragbar für uns, Jeff.“

Belmont lehnte sich in die Ecke des Rücksitzes und musterte Jeff Skerrit hart, ohne jede Gemütsregung. „Und noch etwas, alter Freund. Was Susan angeht, so nimm mit in die andere Welt, dass sie seit etwa zwei Jahren ich bumse. Ich habe von ihr die Note eins im Bett bekommen, während du – so Susan – niemals über das Mittelmaß hinausgekommen bist.“

Er sprach es und gab DeLuise das Zeichen.

Die Magnum spuckte Feuer. Der Mündungsstrahl stieß auf Jeff Skerrit zu. Er wollte sich noch instinktiv zur Seite werfen, bekam einen furchtbaren Schlag gegen die Brust, vor seinen Augen war unvermittelt ein Meer von Flammen, und dann versank alles um ihn herum. Blut färbte sein Hemd über der Brust. Er sackte in sich zusammen.

„Fahr zur Flushing Bay, Liam“, ordnete Keith Belmont an. „Dort können wir ihn spurlos verschwinden lassen.“

3

Ein dunkelhaariger, bärtiger Mann anfangs der 20 betrat das Café in der 29th Straße, West. Seine dunklen Augen huschten unstet über die Tische, an denen Männer, Frauen und Kinder saßen. Es war ein rastloser, fiebernder Blick. Das Gesicht des Mannes war ausdruckslos. Hinter der Theke gaben drei junge Leute, zwei Girls und ein Mann, Kaffee, Kuchen und alkoholfreie Getränke aus. Drei hübsche Girls trugen die Tabletts zu den Tischen.

Niemand ahnte, dass soeben fanatischer Hass und das tödliche Verhängnis, personifiziert in dem jungen Mann, das Lokal betreten hatten.

Mit fahriger Geste wischte sich der dunkelhaarige Bursche über das bärtige Kinn. Seine Lippen begannen tonlose Worte zu formulieren, als betete er leise. Er stand am Eingang. Jetzt schloss er die Augen, als musste er sich sammeln. Plötzlich durchfuhr ihn ein entschiedener Ruck. Er ging langsam weiter. Seine Rechte tastete sich unter die Jacke, die er trotz der warmen Temperaturen, die herrschten, zugeknöpft hatte.

Als er die Mitte des Caféhauses erreicht hatte, zündete er die Bombe, die er am Gürtel trug. Die Explosion zerfetzte den Mann, Fensterscheiben wurden von der Druckwelle regelrecht aus den Rahmen geblasen, Menschen rund um den Explosionsherd starben mit dem Selbstmordattentäter oder wurden schwer verletzt. Trümmer von Tischen und Stühlen wirbelten durcheinander. Ein Teil der Decke stürzte in die Tiefe und begrub Tote und Verletzte. Das Gebäude schien in seinen Fundamenten erschüttert zu werden.

Als das Donnern verklungen war, herrschte Sekundenlang atemlose, tonnenschwere Stille. Hier und dort züngelten Flammen. Und unvermittelt setzte wüstes Geschrei ein. Menschen flohen, rücksichtslos bahnten sie sich einen Weg aus dem Tohuwabohu, das die Bombe angerichtet hatte, das Geschrei setzte sich auf der Straße fort. Jeder war sich nur noch selbst der Nächste. Draußen hielten Autos an. Reifen quietschten, einmal krachte es dumpf, als ein Auto einem anderen ins Heck krachte.

Im Lokal lagen zwischen den zerstörten Tischen und Stühlen tote und bewusstlose Menschen. Verletzte wimmerten und stöhnten. Wer noch die Kraft hatte, schleppte sich nach draußen. Einige, die nicht so sehr unter Schock standen oder in Panik flohen, besannen sich und begannen zu helfen. Autofahrer kamen mit Feuerlöschern in das zerstörte Lokal und bekämpften die Flammen. Dann erklangen Sirenen!

Die Leute vom NYPD rückten an, in ihrem Schlepptau die Männer vom Fire Departement mit drei Löschwagen, darüber hinaus ein ganzer Konvoi von Ambulanzen und Notärzten.

Als Milo und ich eine halbe Stunde später am Tatort eintrafen, war der Schauplatz des Attentats weitläufig von der City Police abgesperrt. Neugierige wurden zurückgedrängt. Zeitungsleute sowie die Reporter und Journalisten von Funk und Fernsehen standen im Weg herum, Kameras surrten, Fotoapparate blitzten, die TV-Leute berichteten live.

Ich fragte nach dem Einsatzleiter und wurde an einen Lieutenant verwiesen, der sich uns als Carlo Montoya vorstellte, nachdem wir uns ausgewiesen hatten.

„Ein Selbstmordattentäter“, erklärte er. „Wahrscheinlich ein afghanischer, irakischer oder iranischer Terrorist. Möglicherweise auch ein Palästinenser … Ist hier hereinspaziert und hat sich in die Luft gejagt. Unglaublich, mit welcher Besessenheit diese islamischen Extremisten vorgehen.“

„Wie viele Tote und Verwundete hat es gegeben?“, erkundigte sich Milo, von dessen Miene ich ablesen konnte, wie sehr ihn dieser erneute Anschlag irgendeiner Terrororganisation erschütterte. Er stand voll und ganz im Banne des schrecklichen Geschehens.

Aber auch mir krampfte sich der Magen zusammen angesichts dessen, was der Attentäter angerichtet hatte. Überall Blut, Leichenteile, Kleinholz und Scherben. Es war der Irrsinn brutalster Gewalt …

„Nach ersten Erkenntnissen vierzehn Tote, zweiundzwanzig Schwerverletzte und eine Menge Leichtverletzter. Unter den Toten sind sieben Kinder …“ Dem Lieutenant versagte die Stimme. Er schluckte würgend.

Auch Milo und ich waren eine ganze Weile sprachlos vor Fassungslosigkeit. Hört denn dieser Wahnsinn niemals auf?, durchfuhr es mich siedend. Ich dachte an den 11. September, als das World Trade Center in Schutt und Asche fiel. „Heiliger Krieg“, so titulierte Osama bin Laden die Welle des Terrorismus, mit der die westliche Welt überschwemmt wird. Er, die zentrale Figur dieses „Heiligen Krieges“, predigt, dass es im Islam für die, die am „Dschihad“ teilnehmen, einen besonderen Platz im Jenseits gebe!

 

Ein Hohn!

Aber Männer wie der Selbstmordattentäter glauben daran.

Ich fragte mich, was daran heilig sei, wenn man unschuldige Männer, Frauen und Kinder ermordet.

Der besondere Platz im Jenseits konnte und durfte nur die tiefste Hölle sein.

Ich nahm mein Handy zur Hand und rief Mr. McKee an. Nachdem ich Bericht erstattet hatte, meinte der Chef: „Beim CIA ist vor einigen Tagen ein Hinweis auf mögliche Terroranschläge in den USA eingegangen. Die Al-Quaida steckt dahinter. Wahrscheinlich gibt es ein Netz von Terroristen in den gesamten Staaten, und der Anschlag heute war der Anfang einer Reihe weiterer angekündigter Attentate.“

„Die Antwort auf den Krieg in Afghanistan“, murmelte ich. Lauter fügte ich hinzu: „Wir werden abwarten müssen, was die Spurensicherung ergibt. Möglicherweise geht auch ein Bekennerschreiben ein, oder die Drahtzieher des Attentats spielen einer Fernsehanstalt ein Video mit bekennenden Aussagen zu. Jedenfalls müssen wir alles daran setzen, das Terroristennest in New York auszuheben. Ich denke nicht, dass es ein Einzelgänger war, der sich heute in die Luft gesprengt hat.“

„Sie haben recht, Jesse“, versetzte der SAC. „Es wird Ihre und Milos Aufgabe sein, den Heiligen Kriegern in unserer Stadt das Handwerk zu legen.“

Der bittere Sarkasmus in der Stimme des Chefs war mir nicht entgangen. „Das wird sicher keine leichte Aufgabe“, meinte ich. „Wenn wir einen von denen aus dem Verkehr ziehen, treten sofort zehn andere an seine Stelle.“

„Das ist leider so, und wir können es nicht ändern“, erwiderte Mr. McKee. Dann wechselte er das Thema: „Heute morgen ist im übrigen Jeff Skerrit aus dem Gefängnis entlassen worden. Nach Verbüßung von zwei Dritteln seiner Strafe wurde er wegen guter Führung auf Bewährung entlassen. Er muss sich einmal wöchentlich beim zuständigen Polizeirevier melden. Und zwar jeweils am Mittwoch. Beim geringsten Verstoß gegen die Bewährungsauflagen verschwindet er wieder hinter den Mauern von Rikers Island.“

„Ich glaube nicht, dass ihn die fünf Jahre geläutert haben“, knurrte ich freudlos. „Er wird dort weitermachen, wo er damals durch uns gezwungen wurde, aufzuhören. In Rikers Island hat er allenfalls noch ein paar Tricks hinzugelernt.“

„Als Wohnort, unter dem er jederzeit verfügbar sein muss, hat er seine alte Adresse in der vierzigsten Straße West angegeben. Sie und Milo können ihm ja nebenbei ein wenig auf die Finger schauen, Jesse.“

„Machen wir“, versprach ich. „Schon aus dem ganz einfachen Grund, dass er uns nach seiner Verurteilung ziemlich massiv mit Rache gedroht hat. Er hat sich zu unserem Feind erklärt, und es ist immer gut, über die Schritte seiner Feinde informiert zu sein.“

„Gut, Jesse. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Sie wissen, Sie können mich Tag und Nacht erreichen.“

Ja, das wusste ich. Mr. McKee war alleinstehend, und sozusagen 24 Stunden täglich im Dienst. Er arbeitete oftmals bis spät in die Nacht hinein im Federal Building, und wenn es die Situation erforderte, konnten seine Agenten ihn auch zu Hause mit dienstlichen Problemen konfrontieren. Er war unser unermüdlichster Mann.

Wir beendeten das Gespräch.

Ich schob mein Handy ein und wandte mich an den Lieutenant: „Ich bitte Sie, uns über sämtliche Erkenntnisse und Ergebnisse dieses Attentats in Kenntnis zu setzen, Lieutenant. Das FBI wird den Fall übernehmen. Aber das wird Ihnen offiziell noch mitgeteilt werden.“

Der Mann nickte.

Milo und ich verließen das verwüstete Lokal. Eine TV-Reporterin trat an uns heran und hielt Milo das Mikrophon vor die Nase. „Können Sie uns schon Einzelheiten zu dem Attentat berichten, Mister … äh …“

„Tucker, Special Agent Milo Tucker, FBI. – Nein, Ma‘am, außer dass der fanatische Irrsinn irgendeiner terroristischen Organisation wieder eine Reihe unschuldiger Opfer gefordert hat. Kinder, Frauen, Männer – Junge und Alte. Man sollte die Verantwortlichen mal fragen …“ Milo besann sich, winkte ab und knurrte: „Ach was. Bei denen wäre jedes Wort in den Wind gesprochen.“

Es war eine hübsche Frau, die das Interview wollte, aber an einem Tag wie diesem hatten weder Milo noch ich ein Auge dafür. In uns sah es wahrscheinlich ebenso schlimm aus wie in dem Café.

Wir gingen weiter. Ich sprengte das bedrückte Schweigen, das zwischen uns herrschte, mit heiserer Stimme: „Heute wurde Jeff Skerrit aus dem Gefängnis entlassen. Er wohnt wieder unter seiner alten Adresse. Vielleicht sollten wir mal bei dem Haus vorbeifahren und ein wenig beobachten, wer heute so alles bei ihm ein und aus geht, um ihm seine Aufwartung zu machen.“

„Keine schlechte Idee“, meinte Milo. „Das bringt uns vielleicht auf etwas andere Gedanken.“

Also fuhren wir in die 40th Straße und beobachteten vom Sportwagen aus das Gebäude mit der Nummer 183. Es war ein dreistöckiges, älteres Appartementhaus mit einer fünfstufigen Treppe vor der Eingangstür und hohen, schmalen Fenstern, die mit hübschem Stuck eingerahmt waren, der stellenweise allerdings schon ziemlich vom Zahn der Zeit zernagt und porös geworden war.

Jeff Skerrits Wohnung lag in der 2. Etage. Er hatte sich dort ein luxuriöses Appartement eingerichtet, das den heruntergekommenen, schäbigen Eindruck des Gebäudes, den es von außen bot, Lügen strafte.

Leute betraten das Haus oder verließen es. Ein bekanntes Gesicht war nicht darunter. In Skerrits Wohnung rührte sich nichts. Die Fenster waren geschlossen, obwohl es ziemlich heiß war.

Milo sprach es aus: „Entweder hatte Skerrit nach seiner Entlassung noch keine Sehnsucht nach seinem Zuhause, oder er war schon da und ist sofort wieder abgedampft. Die Wohnung jedenfalls ist verlassen. Ich glaube, wir können unsere Zelte hier abbrechen.“

„Ganz meine Meinung. Fahren wir ins Federal Building und räumen wir unsere Schreibtische auf. Und dann warten wir, was die Spuren in dem Café ergeben.“

Wir stiegen in den Wagen, und ich fuhr los.

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