Das Glaubensbekenntnis

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Wohl wird immer wieder ein Loblied auf die Macht Gottes gesungen: „Herr, Gott Zebaoth, wer ist wie du? Mächtig bist du, Herr, und deine Treue ist um dich her“ (Psalm 89,9). Aber auch hier deutet sich bereits an, dass wir wenig weiterkommen, wenn wir die Macht Gottes einfach nur als eine ins Unendliche vergrößerte menschliche Macht verstehen wollten. Es ist ja die Macht seiner „Treue“, die hier gelobt wird. Sie wird nicht mit Waffengewalt durchgesetzt, sondern, wie es heißt, „aus dem Munde von Kindern und Säuglingen zubereitet“ (Psalm 8,3). Das ist zumindest erst einmal ein sehr anderer Grundton als der, mit dem in anderen antiken Religionen die Macht der herrschenden Götter besungen wurde. Gottes Macht ist nicht die Verlängerung menschlicher Gewaltphantasien.

Nicht viel anders das Neue Testament. Eindrücklich wird das etwa in der Passionsgeschichte Jesu deutlich. Anlässlich seiner Verhaftung, in dessen Verlauf einer der Jünger mit Waffengewalt dreinschlagen will, sagt er: „Stecke dein Schwert an seinen Ort … Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken?“ (Matthäus 26,53) Gottes Macht steht also grundsätzlich nicht in Frage. Doch zumindest hier zeigt sich, dass er ebenso die Freiheit hat, auf die Ausübung seiner Macht da, wo er es für richtig hält, zu verzichten. Gottes Macht sieht also sehr anders aus. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, wird Paulus einmal sagen (2.Korinther 12,9). Ausgerechnet er, der alte Kämpfertyp.

Wenn hier und da in der Bibel nun allerdings doch auch von Gottes Allmacht die Rede ist, so augenscheinlich eher beiläufig. So als sei sie eine Art Selbstverständlichkeit, die keiner weiteren Problematisierung bedarf. So schickt etwa der betagte Isaak seinen Sohn Jakob mit einem Segenswort auf die Lebensreise: „Der allmächtige Gott segne dich und mache dich fruchtbar und mehre dich“ (1.Mose 28,3). Ja, das Motiv der Allmacht Gottes taucht eigentlich nur dort auf, wo es um Menschen geht, die sich in Sorge, in Anfechtung, Angst oder Bedrängnis befinden und deshalb des Trostes bedürfen. So sendet z. B. Jesus seine Jünger in eine bedrohliche Zukunft mit den Worten, dass „kein Haar von eurem Haupt verloren gehen soll“ (Lukas 21,18) – bildhafter Ausdruck für Gottes Allmacht, die so weit reicht, dass sie auch das Geringste nicht aus den Augen verliert. In der berühmten Frage 1 des Heidelberger Katechismus, in der es um den „einzigen Trost im Leben und im Sterben“ geht, wird genau darauf Bezug genommen. Dieser Trost besteht nämlich unter anderem darin, „dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann“. Die Rede von Gottes Allmacht im Modus des tröstenden Zuspruchs und nicht im Modus des Grübelns darüber, ob Gott einen Stein erschaffen kann, den er selber nicht zu heben vermag.

Die Bibel setzt also, wenn es um die Allmacht Gottes geht, zunächst einmal ein ganz eigenes Gewicht. Deshalb gerät auch das in der „Theodizee“-Frage so wichtige Leidensthema unter eine andere Perspektive. Natürlich kommt auch das Leid in der Bibel zu Wort. Und das wahrlich nicht zu knapp. Man lese nur einmal in Ruhe die Psalmen, die Klagelieder Jeremias und nicht zuletzt die Passionsgeschichte Jesu. Aber wer leidet – und das ist der entscheidende Unterschied –, stellt dort nicht immer gleich die Allmacht Gottes oder gar seine ganze Existenz in Frage. Wer leidet, klagt dies vielmehr genau dem Gott, an dessen „großen Taten“ er nicht nur sich, sondern auch Gott selbst erinnert: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind“ (Psalm 25,6). Zwar klagt der Leidende auch immer wieder darüber, dass Gott „so ferne steht“ (Psalm 10,1), dass er „nicht antwortet“ oder ihn gar „verlassen hat“ (Psalm 22,2f). Aber er klagt es immer noch in Gottes Ohr und nicht in ein großes Nichts hinein. Selbst der sterbende Christus am Kreuz klagt nicht: „Warum bin ich so verlassen?“ Sondern: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,34). Die Leidensklage in der Bibel hat eine unverwechselbare Adresse.

Vor allem die des unschuldig Leidenden. Immer wieder wird etwa in den Psalmen genau darüber Klage geführt, dass das Leid den Falschen trifft: „Siehe, Herr, sie lauern mir auf; Starke rotten sich wider mich zusammen ohne meine Schuld und Missetat“ (Psalm 59,4). Ja, „die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupt habe. Die mir ohne Ursache feind sind und mich verderben wollen, sind mächtig“ (Psalm 69,5). Beklagt wird ebenfalls voller Bitterkeit, dass Gott das Unrecht in der Welt scheinbar einfach gewähren lässt: „Ach, Herr, wie sind meiner Feinde so viel und erheben sich so viele wider mich! Viele sagen von mir: Er hat keine Hilfe bei Gott.“ (Psalm 3,2f) Der Psalmbeter könnte genauso gut fragen: „Wie kann Gott das zulassen?“ Die alte Frage der Theodizee.

Mit geradezu schonungsloser Offenheit wird diese Frage vor allem am Beispiel des leidenden Hiob gestellt. Dieser Mann, von dem es zunächst heißt, dass er „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend“ war (Hiob 1,1), wird von heute auf morgen in großes Leid gestürzt. Zuerst werden seine Viehherden geraubt, dann seine Knechte erschlagen. Anschließend fällt Feuer vom Himmel und verzehrt Tiere und Menschen. Schließlich bringt ein Sturm tödliches Verderben über seine Söhne und Töchter. Doch damit nicht genug: Eine üble Krankheit überzieht Hiobs Körper „mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel“ (Hiob 2,7). Die Beziehung zu seiner Frau geht in die Brüche. Man fragt sich in der Tat: „Wie kann Gott das zulassen?“

Hiobs Freunde haben darauf eine durchaus einleuchtende Antwort. Ihre These: Hiob war zuvor gar nicht so „fromm und rechtschaffen“ wie behauptet. Er solle nur einmal ehrlich und offen sein bisheriges Leben ausleuchten, so werde er schon genügend Gründe für sein Elend finden. „Bedenke doch“, so der eine, „wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt? Wohl aber habe ich gesehen: Die da Frevel pflügten und Unheil säten, ernteten es auch ein.“ (4,7f) „Meinst du“, so der andere, „dass Gott unrecht richtet oder der Allmächtige das Recht verkehrt?“ (8,3) Dass das Leid seinen Grund in unserem eigenen Fehlverhalten hat, ist ja eine bis heute überaus populäre Annahme. „Womit habe ich das verdient?“, fragen sich immer wieder Menschen, die in irgendeine Not geraten sind. Menschlich durchaus verständlich.

Doch Hiob geht einen anderen Weg. Er beharrt darauf, dass sein Leiden nicht in einem Fehlverhalten seinerseits begründet sein kann. Er insistiert auf seiner Unschuld und will deshalb die theologischen Belehrungen seiner Freunde nicht akzeptieren. Aber im Unterschied zu seiner Frau, die ihm rät: „Sage Gott ab und stirb!“ (2,9), im Unterschied auch zu den vielen Menschen, die angesichts des vielen Leids in der Welt mit Gott nichts mehr zu tun haben wollen, hält Hiob an Gott fest – obwohl er ihn nicht versteht. Mit dieser Entscheidung verlässt Hiob die gedankliche Ebene, also das Grübeln darüber, nach welcher „Logik“ man sich die Allmacht Gottes vorzustellen habe, und begibt sich auf eine andere, auf eine existentielle Ebene: Mit seinem Elend und mit seinen nicht beantworteten Fragen wirft er sich dem allmächtigen Gott – mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen – „ganz in die Arme“.

3. Mehr als bloße Solidarität

Ob die Frage nach der Allmacht Gottes damit gedanklich befriedigend beantwortet ist? Wohl kaum. Die Bibel tut es auch nicht. Geradezu unverbunden scheint ja der Glaube an die „selbstverständliche“ göttliche Allmacht neben dem Problem unschuldigen Leidens zu stehen. Logisch ist diese Lücke nicht zu schließen. Selbst einem so klugen Mann wie Leibniz mit seinem dicken Buch über die „Rechtfertigung Gottes“ ist das nicht gelungen. Und wer jemals am Sterbebett eines Kindes versucht hat, „sinnvolle“ Worte zu finden, weiß um dieses dunkle Loch. Weiß um das quälende, unbeantwortbare „Warum?“ Um eine Sinnlosigkeit, die einem jeden ehrlichen Menschen den Mund verschließt. Die Bibel jedenfalls hält hier keine wohlfeilen Antworten parat. Komme keiner etwa mit dem Verweis auf einen „strafenden“ Gott. Hiobs Freunde, die meinen, hier eine höhere Erklärung für das menschliche Leid gefunden zu haben, werden dafür von Gott selbst streng gerügt: „Mein Zorn ist entbrannt über euch; denn ihr habt nicht recht von mir geredet“ (Hiob 42,7). Die Bibel schließt nicht jene grause Lücke. Wohl zeigt sie am Beispiel Hiobs die Möglichkeit auf, mit dieser Lücke zu leben, ohne daran zugrunde zu gehen.

Ob das der Grund ist, weshalb die Väter unseres Glaubensbekenntnisses an dem Bekenntnis zu Gott als „dem Allmächtigen“ festgehalten haben? Wohl können wir davon ausgehen, dass auch sie um jene Abgründe gewusst haben, die sich jedem ehrlich Glaubenden auftun, der unschuldigem Leid begegnet. Vielleicht haben sie – ähnlich den Jüngern Jesu – im Glauben an die Allmacht Gottes einen schlichten, aber wirksamen Trost in Zeiten der Bedrängnis gesehen. So wie viele andere nach ihnen. Bis hin zu den Jüdinnen und Juden unter uns, die nach all dem unendlichen Leid, das ihnen zugefügt worden ist, Gott – o Wunder – nicht abgesagt haben. Genügend Gründe, ihren Glauben aufzugeben, hätten sie ja wahrlich. Das Wunder des Glaubens also geradezu als Beweis für die Existenz Gottes? Vom Preußenkönig Friedrich dem Großen wird berichtet, dass er einen seiner Generäle gebeten habe, ihm wenigstens einen Gottesbeweis zu nennen. Die Antwort: „Majestät, die Juden.“

Vielleicht will das Bekenntnis zur göttlichen Allmacht auch nur gegen jeglichen menschlichen Allmachtwahn ein Bollwerk setzen. Seit Menschengedenken ist ja unsere Welt voll davon. Waren es in alten Zeiten vor allem die gottgleichen Herrschergestalten, die meinten, mit einem gesenkten Daumen über das Schicksal Tausender entscheiden zu können, so sind es heute die vielen Möchtegerngötter in den Chefsesseln und Führungsetagen, den Kommandozentralen und Labors, den Klassenzimmern und Wohnstuben, die sich anschicken, über das Wohl und Wehe anderer unbegrenzt Macht auszuüben. In meiner Jugend schwärmte ich von dem damaligen Schlagerstar Conny Froboess. Eines Tages kam eine neue Platte von ihr auf den Markt. Darauf machte sie aus dem alten Spiritual „He’s got the whole world in His hands“ zur Empörung vieler nun: „Auch du hast dein Schicksal in der Hand“. Im Grunde aber hatte Conny mit dieser Version nur einen Zeitgeist besungen, der sich inzwischen überall breitmacht: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Wenn du nur willst, kannst du alles erreichen: Gesundheit, Schönheit, Beliebtheit, beruflichen Erfolg. Gegebenenfalls sogar den Aufstieg vom Tellerwäscher bis zum Millionär. In einer Welt der vermeintlich immer unbegrenzteren Möglichkeiten scheint mittlerweile alles denkbar, alles machbar, alles erreichbar. „Auch du hast dein Schicksal in der Hand.“

 

Fast möchte man sagen: Dieser ganze menschliche Allmachtwahnsinn ist doch alleine schon Grund genug, endlich einmal wieder von der Allmacht Gottes zu reden. Denn wer diese bekennt, dem verbietet sich automatisch jede omnipotente Attitüde. Verbietet sich jeder Versuch, sich selber so aufzuführen, als könne er über alles und jedes schrankenlos verfügen. Und sei es sein eigenes Leben. Wir könnten wahrlich etwas mehr von der Demut eines Hiob gebrauchen, der in Anerkennung der Allmacht Gottes am Ende bekennt: „Ich erkenne, dass du alles vermagst. … Darum habe ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe“ (Hiob 42,2f).

Oder sollen wir angesichts des vielen Leids in der Welt auf einen Glauben an die Allmacht Gottes am besten ganz verzichten? Von der einen oder anderen Karfreitagspredigt, die vor allem den „ohnmächtigen“ Gott verkündigt, hat man ja genau diesen Eindruck. Ihr verbleibender Trost: dass der leidende Gott unser Leiden kennt, weil er es am eigenen Leib erfahren hat. Ja, dass er sich im Kreuz Christi mit allen Leidenden dieser Erde geradezu solidarisiert. Wer wollte das bestreiten? Aber ist ein bloßes Mitwissen, auch eine tiefe Solidarität wirklich mehr als ein allenfalls blasser Trost? Immerhin folgt dem „Wort vom Kreuz“, wie Paulus das nennt, die Botschaft von der Auferstehung. Auch sie wahrlich keine wohlfeile Antwort auf das unschuldige Leiden. Wohl aber doch ein unübersehbarer Fingerzeig, dass das Leid nicht das letzte Wort behalten muss. „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“ ruft uns der Apostel am Ende zu (1.Korinther 15,55).

Ich wüsste nicht, wie man eindrücklicher von der Allmacht Gottes reden könnte.

V. „DEN SCHÖPFER DES HIMMELS UND DER ERDE“

Von einem alten Konflikt und einer neuen Neugier

1. Eine Konkurrenz, bei der man sich fragt, ob sie nötig ist

Ihren ersten Tag im Lehrerzimmer hatte sich Angelika ein wenig anders vorgestellt. Sicher, der Schulleiter hatte sie mit den üblichen, routiniert freundlichen Worten begrüßt. Auch hatte das neue Kollegium am Ende seiner Rede, so wie man das hier gewohnt war, mit einem kleinen Applaus sein Willkommen für „die Neue“ zum Ausdruck gebracht. Netterweise schenkte ihr der Kollege zur Rechten auch gleich einen Kaffee ein. „Koschnitz. Rüdiger Koschnitz. Mathe, Physik und Bio. Und was machen Sie, wenn ich fragen darf?“ „Franz und Reli.“ „Aha. Wieder jemand, der unseren armen Kindern das alte Sieben-Tage-Märchen auftischen will. Na denn, viel Spaß damit. Bei mir jedenfalls hören die was anderes.“ So sehr Angelika dieser, wie sie fand, ziemlich ignorante Spott auch kränkte, so hatte er doch eins für sich: Die inhaltliche Konkurrenz, die sie zumindest Kollege Koschnitz gegenüber zu erwarten hatte, war schon mal geklärt.

Dass es überhaupt zu solch einer Konkurrenz kommen kann, liegt wohl daran, dass der Glaube mit dem Satz „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ ein Feld zu betreten scheint, das längst jemand anderes für sich beansprucht: die Naturwissenschaft. Ihr Gebiet ist nun einmal seit alters die ganze wahrnehmbare Welt – vom entferntesten Sonnensystem bis zum kleinsten Atom. Und genau dieses umfassende Feld hat offenbar auch das Glaubensbekenntnis mit der Erwähnung von Himmel und Erde im Blick. Auffallend ist zunächst, dass beide Seiten für dasselbe Feld zwei unterschiedliche Namen verwenden. Was die Naturwissenschaft eben „Natur“ nennt und damit die ganze unbelebte und belebte Materie meint, das nennt der Glaube „Schöpfung“. Dasselbe Feld – aber zwei unterschiedliche Namen. Man fragt sich: warum das?

Vermutlich liegt es an der Art und Weise, wie beide Seiten jeweils auf dieses gemeinsame Feld blicken. Die ist in der Tat sehr unterschiedlich. Während nämlich die Naturwissenschaft auf dieses Feld mit einem sogenannten „methodischen Atheismus“ blickt, also unter der Annahme, dass es Gott nicht gibt, blickt der Glaube auf dasselbe Feld unter der gegenteiligen Annahme, nämlich dass sich unsere Welt einem Ursprung verdankt, der außerhalb ihrer selbst liegt, und den sie „Gott“ nennt. Und während sich die Naturwissenschaft in ihrer Arbeit auf das beschränkt, was sozusagen „vor Augen ist“, also auf das, was sie mit ihren menschlichen Sinnen oder auch technischen Möglichkeiten feststellen, messen und dokumentieren kann, meint der Glaube in und hinter der bloßen Natur noch etwas anderes wahrzunehmen: einen Willen, der nicht von dieser Welt ist. Deshalb spricht der Glaube nicht von „Natur“, sondern von „Schöpfung“. Dasselbe Feld – nicht nur unterschiedliche Namen, sondern auch unterschiedliche Sichtweisen. Da wittert man rasch Konkurrenzgehabe. Das ist nicht ungewöhnlich. Man kennt es etwa vom Fußball. Sobald zwei verschiedene Mannschaften ein und dasselbe Feld betreten, ist es meist rasch mit der Freundschaft vorbei. Manchmal selbst im Lehrerzimmer.

Die Konkurrenz zwischen Naturwissenschaft und Glaube hat eine lange, nicht immer erfreuliche Geschichte. Bis weit in die Neuzeit hinein hat der christliche Glaube jegliche Erkenntnisse über die Welt für sich beansprucht. War mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht alles gesagt? Und wenn hier und da Einzelne etwas anderes zu behaupten wagten als das, was in der Heiligen Schrift zu lesen war, reagierte die offizielle Kirche in der Regel mit Ablehnung und Ausgrenzung. Notfalls unter Androhung und auch Anwendung von Gewalt. Prominentestes Opfer: Galileo Galilei (1564–1642). Heutzutage begegnet diese Art von christlichem Alleinvertretungsanspruch vor allem bei den in streng evangelikalen Kreisen der USA beheimateten sogenannten „Kreationisten“. Ihrer Überzeugung nach ist die Entstehung der Welt genauso vonstattengegangen, wie man das in der Schöpfungsgeschichte der Bibel beschrieben findet. Die Bibel könne nun einmal nicht irren. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse, etwa die Evolutionstheorie eines Charles Darwin, werden rundweg zu Teufelszeug erklärt, welches es mit allen – auch politischen – Mitteln zu bekämpfen gelte. Ende der Durchsage.

Aber auch auf Seiten der Naturwissenschaft ging und geht man mit dem vermeintlichen Konkurrenten Schöpfungsglauben nicht immer zimperlich um. Spätestens mit Einsetzen der Aufklärung und den damit verbundenen immer umfangreicher werdenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen begibt man sich zur Religion zunehmend auf Distanz, überzieht sie mit Spott oder erklärt sie schlankweg zum „Opium des Volkes“ (Karl Marx). Zu Zeiten der DDR wurde jedem jungen Menschen anlässlich der Jugendweihe das Buch „Weltall Erde Mensch“ überreicht. Seine Botschaft: Wissenschaftlich-materialistisches Denken lässt „kein Märchen vom Schöpfer und Lenker der Welt“ zu. Nicht wenige Kinder aus christlichen Elternhäusern wurden deshalb von ihren Lehrern vor der versammelten Klasse der Lächerlichkeit preisgegeben. In den letzten Jahren macht auch in Westeuropa eine neue, z. T. deutlich aggressiv auftretende atheistische Bewegung von sich reden. Ihrzufolge kommt etwa der schulische Religionsunterricht geradezu einer Art geistiger Kindesmisshandlung gleich. Nun, auch auf Fußballplätzen soll es ja mitunter – trotz aller Fairnessschwüre – wie auf Schlachtfeldern zugehen.

Aber bei aller Liebe für einen auch einmal handfesten Meinungsstreit fragt man sich doch, ob ein solches Gegeneinander sachlich überhaupt gerechtfertigt ist. Könnte es nicht sein, dass auch eine Naturwissenschaft, die ohne die „Arbeitshypothese Gott“ arbeitet, und auch ein Schöpfungsglaube, der umgekehrt von der Überzeugung lebt, dass es einen Gott gibt, der die Welt ins Dasein gerufen hat, sich bei aller Verschiedenheit der Sichtweisen am Ende doch etwas zu sagen haben? Für ein solches Gespräch „auf Augenhöhe“ bedarf es allerdings einer bestimmten Haltung. Einer Haltung, die auf einem Verzicht auf Vorurteile, auf einer Wertschätzung des Anderen, auf der Bereitschaft zum Hinhören und einem gegenseitigen Interesse beruht. Vielleicht bedarf es auch nur eines schlichten „Neugier genügt“, um den Titel einer Hörfunksendung des WDR zu zitieren.

Eine unabdingbare Voraussetzung ist allerdings auch, dass man sich über die eigene Sichtweise einigermaßen im Klaren ist. Wie anders sollte sonst ein ordentliches Gespräch mit anderen zustande kommen? Hier und da hat man indes den Eindruck, als ob hüben wie drüben der eine oder andere Giftpfeil nicht nur in Unkenntnis der anderen, sondern auch der eigenen Position abgeschossen wird. Klärung der eigenen Sichtweise kann für den christlichen Glauben natürlich nur heißen, dass er einmal mehr in Ruhe die Bibel aufschlägt und zu verstehen sucht, was unser Glaubensbekenntnis überhaupt meint, wenn es sich zu Gott als dem „Schöpfer des Himmels und der Erde“ bekennt.

2. Aus dem Staunen kaum herauskommen

Dass Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, ist zwar nicht das Hauptthema der Bibel, es wird aber auch nicht gerade schamhaft verschwiegen. Die Überzeugung, dass die Welt eben „erschaffen“ wurde, kommt eher mit einer gewissen Selbstverständlichkeit daher, die nirgendwo grundsätzlich zur Diskussion steht. Das, was sich Jahrhunderte später bis in unsere Tage hinein immer wieder zu einem schier unauflösbaren Zankapfel entwickelt, bereitet den biblischen Zeugen offenbar kein Kopfzerbrechen. Die Welt mit allem, was darinnen ist, ist ein Werk aus Gottes Hand. Wo, bitteschön, ist das Problem? „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel!“ (Psalm 104,24) Das ist der unbefangene Grundton der Bibel, wenn es um die Natur geht: um Sonne und Mond, Wolken und Winde, Wasser und Erde, Berge und Täler, Baum und Gras, Löwe und Steinbock, Storch und Klippdachs und nicht zuletzt um den Menschen – alles wie selbstverständlich „deine“, also Gottes „Werke“.

Zahllose spätere, auch heute noch populäre Lieder des Glaubens haben sich diese unbefangene Sicht der Dinge bewahrt:

„Was nah ist und was ferne,

von Gott kommt alles her,

der Strohhalm und die Sterne,

der Sperling und das Meer.

Von ihm sind Büsch und Blätter

und Korn und Obst von ihm,

das schöne Frühlingswetter

und Schnee und Ungestüm.

Alle gute Gabe

kommt her von Gott dem Herrn,

drum dankt ihm, dankt,

drum dankt ihm, dankt

und hofft auf ihn!“ (Paul Gerhardt, EG 508,3)

Es ist zunächst einmal der Blick auf die gegenwärtige Natur. Sie kommt aus Gottes Hand und sie bleibt in Gottes Hand. So formuliert Martin Luther bei seiner Erklärung der Schöpfung: „Ich glaube, das mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.“ In jedem einzelnen Teil der Natur und so auch in mir vollzieht sich ein immer wieder neuer Schöpfungsakt Gottes. Deshalb gerät angesichts der Größe und Vielfalt der Natur der biblische Glaube immer wieder ins Staunen: „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet.“ Wohlgemerkt: Sie sind nicht einfach irgendwie weise geordnet, sondern „du hast sie weise geordnet.“ Die Herrlichkeit der Schöpfung weist zurück auf die Herrlichkeit ihres Schöpfers. Ja, die Schöpfung spricht geradezu von Gott: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk“ (Psalm 19,2). Deshalb kann, wer die Natur als Schöpfung sieht, schließlich nur in das Lob dieses Gottes ausbrechen: „Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich“ (Psalm 104,1).

Aus dem Gedanken, dass bereits an der sichtbaren Natur etwas von dem unsichtbaren Gott erkennbar wird, entwickelt der Apostel Paulus später sogar eine Art „natürliche Theologie“. So wirft er etwa den von ihm sogenannten „Heiden“ vor: „Was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar. Denn sein unsichtbares Wesen wird seit der Schöpfung der Welt ersehen an seinen Werken, sodass sie keine Entschuldigung haben.“ (Römer 1,19f) Paulus selbst war ja ein durchaus streitbarer Mensch. Er muss sich also nicht beschweren, wenn in der Geschichte der Theologie gerade über diese These immer wieder heftig gestritten wurde. Man könnte – neben mancherlei anderen Einwänden – z. B. fragen, warum es angesichts eines vermeintlich so eindeutigen „natürlichen“ Gotteshinweises überhaupt noch so viele Gottesleugner auf der Welt gibt. Man könnte auch fragen, wenn Gotteserkenntnis so einfach geht, dass ich nur durch Wald und Feld streifen muss, wozu es dann noch Jesus Christus braucht, ohne den – folgen wir dem Johannesevangelium – „niemand zum Vater kommt“ (Johannes 14,6). Doch damit sind wir schon in einer anderen Diskussion.

 

Der biblische Schöpfungsglaube staunt aber nicht nur über die Herrlichkeit der Natur, er staunt vor allem darüber, dass der Mensch – etwa angesichts der Unermesslichkeit des Sternenhimmels – von Gott überhaupt beachtet, ja mehr noch: als sein Kind angenommen wird: „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“ (Psalm 8,4f) Aus solchen Worten klingt nicht nur ein Staunen, sondern auch eine gewisse Demut. Wer bin ich, das kleine Geschöpf, eigentlich, dass ich angesichts der unermesslichen Größe und Vielfalt der Natur überhaupt noch Beachtung finde?

Für den biblischen Glauben ist aber die Schöpfung vor allem ein sichtbares Zeichen für die unbedingte Zuwendung Gottes zu seinen Geschöpfen. Alles, was aus Gottes Hand kommt, kommt eben seinen Geschöpfen zugute: „Die Erde ist voll deiner Güter“, heißt es. Und: „Es wartet alles auf dich, dass du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Gutem gesättigt.“ (Psalm 104,24; 27f) Das Volk Israel, das in seinem Glauben ja immer wieder von der grundlegenden Erfahrung der Errettung durch Gott herkommt (vgl. 2.Mose 20,2), sieht nun in der Schöpfung nicht einen Beweis, wohl aber ein Gleichnis für die unfassbare Güte Gottes: „Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.“ (Psalm 36,6) Und: „So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.“ (Psalm 103,12) Welch grandiose, fein durchdachte theologische Botschaft! Unbefangen vielleicht, aber ganz und gar nicht naiv.

Das zeigt sich dann auch an den Aussagen der Bibel, in denen die Frage nach dem Anfang der Welt in den Blick genommen wird. Es sind dies vor allem die beiden Schöpfungsberichte in 1.Mose 1 und 2. Wohl erwecken sie vordergründig den Anschein einer naturkundlichen Erklärung der Weltentstehung, wenn es etwa gleich zu Beginn heißt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (1.Mose 1,1). Dabei meint „Himmel und Erde“ im damaligen Sprachgebrauch das Weltganze, das, was wir heute „Universum“ nennen. Bei näherem Zusehen erweisen sich allerdings auch diese Erzählungen als weitere Entfaltungen jener einen biblischen Grundbotschaft: „Gott liebt diese Welt“ – um es mit einem bekannten Kirchenlied zu sagen. Der Glaube Israels, der von der Erfahrung der Errettung aus Todesnot herkommt, erkennt nun auch im Nachdenken über den Ursprung der Natur dieselbe gütige Zuwendung, dasselbe grundsätzliche Ja Gottes zum Leben.

Wofür sonst wird in diesen Erzählungen das finstere Chaos (hebräisch: „tohuwabohu“, deutsch: „wüst und leer“) überhaupt in eine geordnete, ja „paradiesische“ Schöpfung verwandelt? Wofür sonst werden etwa die Gestirne, die in der damaligen Welt vielfach als Götter verehrt wurden, als bloße „Lichter“ (hebräisch: „Lampen“ bzw. „Funzeln“) geradezu entzaubert und damit ihrer schicksalhaften und angsteinflößenden Macht beraubt? Wofür sonst die unvergleichliche Ehrung des Menschen als Gottes „Bild“ (1,27), also als sein Gegenüber? Wofür sonst auch das heilsame Eingebundensein des Menschen in das Ganze der Schöpfung, versinnbildlicht etwa im sechsten Schöpfungstag, den sich der Mensch mit anderen Geschöpfen zu teilen hat: mit Vieh, Wild und – man höre! – Gewürm? Wozu die Schaffung menschlichen Miteinanders? Eben, weil es „nicht gut ist, dass der Mensch allein sei“ (2,18). Wozu seine Würdigung, „sich die Erde untertan zu machen“ (1,28), womit keine zerstörerische Ausbeutung, sondern ein fürsorglicher Umgang, also ein „Bebauen und Bewahren“ (2,15) gemeint ist? Wozu nicht zuletzt die Gewährung einer regelmäßigen Ruhe, eines Loslassendürfens der täglichen Mühsal? Nichts von alledem hat etwas mit einer naturkundlichen Welterklärung zu tun. Alles atmet vielmehr das Wissen um einen gütig zugewandten Gott. „Und siehe, es war sehr gut“, heißt es am Ende (1,31).

Gewiss kann man einwenden, dass es sich bei beiden Schöpfungsberichten doch immerhin, zumindest was den äußeren Erzählgang angeht, um eine Art „naturwissenschaftliche“ Erklärung der Weltentstehung handelt. Bei aller Liebe zu frommen Botschaften: Müsste man nicht ehrlicherweise zugeben, dass die biblischen Autoren – sicher aus ihrer damaligen Sicht heraus – auch etwas Naturkundliches über die Entstehung der Welt sagen wollten? Ja, vielleicht wollten sie auch das. Dass aber ihre eigentliche Absicht nicht vorrangig oder gar ausschließlich naturkundlicher Art ist, ersieht man bereits aus der Tatsache, dass wir überhaupt zwei verschiedene Berichte über den Anfang der Welt vorliegen haben. Sie sind nicht nur sehr verschieden, in manchem widersprechen sie sich sogar. Blanke Widersprüche aber sind für jede Wissenschaft reines Gift. Wir dürfen die biblischen Zeugen nicht für so dumm halten, dass ihnen das nicht aufgefallen sein konnte. Wäre ihnen also vor allem an einer schlüssigen Welterklärung gelegen gewesen, so wäre es ja für sie ein Leichtes gewesen, beide Berichte inhaltlich einander anzugleichen, um wenigstens einigermaßen glaubwürdig dazustehen. Sie haben es bekanntlich nicht getan. Offensichtlich war ihre Absicht eine andere.

Das Ineinander von naturkundlicher Erklärung einerseits und theologischer Botschaft andererseits hängt damit zusammen, dass der antike Mensch generell noch nicht, so wie wir es gewohnt sind, zwischen diesen verschiedenen Ebenen zu unterscheiden wusste. Priester etwa waren gleichzeitig die wissenschaftlichen Gelehrten ihrer Zeit und umgekehrt. Das schlägt sich mitunter auch in den biblischen Texten nieder und macht es für uns im Nachhinein nicht immer ganz einfach, die Dinge sozusagen „auseinanderzuklamüsern“, wie man am Niederrhein sagt. Aber ohne diese Mühe laufen wir Gefahr, die Schöpfungsberichte gründlich misszuverstehen. Im Übrigen wird uns ein solches „Auseinanderklamüsern“ ja auch bei etlichen anderen biblischen Texten zugemutet. Oder sollten wir etwa die bäuerlich-patriarchalen Verhältnisse des 8. Jahrhunderts v. Chr. wieder einführen, in die hinein z. B. die Zehn Gebote gesprochen sind? Mit Recht tun wir es nicht. Mit Recht fordern wir auch nicht etwa die Wiedereinführung der Sklaverei, obwohl der Apostel Paulus diese als solche nirgendwo in Frage stellt. Deshalb fragen wir eben auch bei den biblischen Schöpfungserzählungen – gewissermaßen durch ihre zeitbedingten, quasi-naturwissenschaftlichen Hüllen hindurch – nach ihrer eigentlichen und so auch für uns bedeutsam bleibenden Intention. Täten wir es nicht, könnten wir die Bibel als ein allenfalls noch historisch interessantes Buch gleich zugeschlagen lassen.

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