Transnationale Geschichte

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vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich


PD Dr. Margrit Pernau ist Senior Researcher im Forschungsbereich Geschichte der Gefühle am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Mit 3 Karten

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2011 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen/

Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Oakville, CT, U. S. A.

www.v-r.de

ISBN 978-3-846-33535-2 (E-Book)

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlaggestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Gesamtherstellung: Hubert & Co, Göttingen

ISBN 978-3-8252-3535-2 (UTB-Bestellnummer)

Hinweis zur Zitierfähigkeit

Diese EPUB-Ausgabe ist zitierfähig. Um dies zu erreichen, ist jeweils der Beginn und das Ende jeder Seite gekennzeichnet. Bei Wörtern, die von einer zur nächsten Seite getrennt wurden, steht die Seitenzahl hinter dem im EPUB zusammengeschriebenen Wort.

Inhaltsverzeichnis

Titel Impressum Hinweis zur Zitierfähigkeit I. Einleitung 1. Geschichtsschreibung und Nation 2. Geschichtsschreibung als nationale Aufgabe

2.1 Das Beispiel Deutschland 2.2 Das Beispiel Indien

3. Transnational, translokal, transregional?

II. Über die Nation hinaus? - Forschungstraditionen und Möglichkeiten ihrer Fortentwicklung

1. Von der Außenpolitik zu den internationalen Beziehungen 2. Imperialismusforschung 3. Komparatistik

III. Methodische Zugänge jenseits der Nation

1. Connected History 2. Transfergeschichte 3. Histoire croisée 4. Verflechtungsgeschichte und New Imperial History 5. Translokalität 6. Weltgeschichte und Geschichte in globaler Perspektive

IV. Forschungsfelder 1. Moving Actors–Menschen unterwegs 2. Regionen

2.1 Das Mittelmeer 2.2 Der Indische Ozean 2.3 Zentralasien und die persische Welt

3. Religion

V. Die Sprache der transnationalen Geschichte

1. Sprache und Gesellschaft 2. Begriffe und ihre Übersetzung 3. Die Begriffsbildung der Historiker

Literatur I. Einleitung

Geschichtsschreibung und Nation Deutschland Indien Transnational, translokal, transregional

II. Über die Nation hinaus? Forschungstraditionen

Internationale Beziehungen Imperialismusforschung Komparatistik

III. Methodische Zugänge jenseits der Nation

Connected History Transfergeschichte Histoire croisée Verflechtungsgeschichte, New Imperial History Translokalität Weltgeschichte

IV. Forschungsfelder

Moving Actors Mittelmeer Indischer Ozean Zentralasien und die persische Welt Religion

V. Die Sprache der transnationalen Geschichte

Sprache und Gesellschaft Übersetzung Begriffsbildung

Abbildungen

Abb. 1: Mittelmeer (S. 97) Abb. 2: Indischer Ozean (S. 105) Abb. 3: Zentralasien (S. 113)

Danksagung Register GRUNDKURS NEUE GESCHICHTE

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I. Einleitung

1. Geschichtsschreibung und Nation

Nationale Grenzen prägen heute nicht mehr die Erfahrungswelt der meisten Europäer–umso weniger, je jünger sie sind und je höher ihre Schulbildung ist. Grenzkontrollen sind selten geworden, Urlaub, Praktika und Berufstätigkeit im Ausland sowie der tägliche Kontakt mit Bekannten in anderen Erdteilen über Facebook oder andere soziale Netzwerke dafür umso häufiger.

Damit verliert auch die Ausrichtung der Geschichtswissenschaft an der Nation und ihren Grenzen viel von ihrer Selbstverständlichkeit –ob und unter welchen Bedingungen sie dennoch sinnvoll ist, bleibt zu diskutieren. Bestimmten vor einer Generation Veranstaltungen und Bücher zur deutschen, vielleicht auch einmal zur französischen oder britischen, noch seltener zur europäischen Geschichte die meisten Vorlesungs- und Publikationsverzeichnisse, so sehen sich Studierende und historisch Interessierte heute immer häufiger mit Angeboten konfrontiert, die entweder Regionen in den Fokus nehmen, also unterhalb der nationalen Ebene bleiben, oder über den nationalen Rahmen hinausweisen.

 

Diese Entwicklung hat in den letzten Jahren zu einem neuen Blick auf die Vergangenheit geführt, der neue Fragen aufwarf, neue Forschungsfelder erschloss, aber auch Altbekanntes für neue Interpretationen öffnete. Dies alles macht die Geschichtswissenschaft noch spannender, als sie ohnehin schon ist. Transnationale Geschichtsschreibung, Geschichtsschreibung also, die danach strebt, nationale Grenzen empirisch und methodisch zu transzendieren, ist einer der Bereiche der Geschichtswissenschaft, der zurzeit am stärksten expandiert. Zumindest transnationale Bezüge dürfen in keiner anspruchsvollen Arbeit fehlen, so wird häufig gefordert. Zugleich ist sie ein ausnehmend anspruchsvoller Zugang, der hohe Anforderungen an die Selbstreflexion der Historiker stellt.

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Hier will diese Einführung Hilfestellungen leisten, einige Schneisen durch das mittlerweile recht unübersichtlich gewordene Theorieangebot schlagen und vor allem zum Weiterdenken einladen. Sie kann nicht die Beschäftigung mit den Originaltexten ersetzen, sondern allenfalls den Weg zu ihnen erleichtern. Dementsprechend liegt das Schwergewicht nicht auf der Vermittlung von Faktenwissen, sondern auf der Erörterung von Problemen.

Das einleitende erste Kapitel blickt zurück auf die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und zeigt, dass die wissenschaftliche Historiografie und der Aufstieg der Nation zur zentralen Interpretationskategorie nicht nur zeitgleich entstanden, sondern auch in so hohem Maße aufeinander verwiesen, dass eines ohne das andere weder bestehen noch verstanden werden konnte. Nur vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Ansatz der transnationalen Geschichte letztlich nichts weniger bedeutet als ein Neudenken der methodischen Grundlagen des Fachs.

Das zweite Kapitel wendet sich den Forschungsfeldern zu, in denen traditionell mehr als eine Nation in den Blick genommen wurde: die Geschichte der Außenpolitik und die Diplomatiegeschichte, die Untersuchungen zum Imperialismus und die Komparatistik. Hier zwang der Gegenstand selbst die Forschungen, über nationale Grenzen hinauszugehen; ob und inwieweit sie die Nation als Leitkategorie der Geschichte damit in Frage stellten oder unter Umständen sogar verstärkten, wird zu fragen sein.

Das dritte Kapitel widmet sich den aus meiner Sicht wichtigsten Theorieangeboten der letzten Jahre und versucht sie in einem systematischen Zusammenhang darzustellen. Das Ziel ist nicht, einen vollständigen Katalog aller jemals vertretenen Ansätze aufzustellen, sondern Probleme der transnationalen Geschichtsschreibung aufzuzeigen und Lösungsangebote zu vergleichen. Wenn Leserinnen und Leser zu anderen Schlussfolgerungen kommen –umso besser. Die Geschichtswissenschaft lebt von der Diskussion und vom Widerspruch.

Das vierte Kapitel stellt exemplarisch ausgewählte Forschungsfelder vor, in denen die Methoden der transnationalen Geschichtsschreibung bereits erprobt wurden–ob sie sich ausdrücklich|8◄ ►9| auf die laufende Diskussion beziehen oder nicht. Auch hier ist das Interesse ausschließlich ein methodisches: Wie lösen Autoren und Autorinnen in ihrer empirischen Arbeit die Probleme, die im vorigen Kapitel theoretisch erörtert wurden? Was können künftige transnationale Historikerinnen und Historiker davon lernen, wo liegen Schwierigkeiten? Ganz ausdrücklich handelt es sich hierbei weder um einen Entwurf für eine transnationale Weltgeschichte noch um Vorschläge, wie man die bisherigen Forschungsfelder von Politik-, Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte in Zukunft systematisch aus transnationaler Sicht umschreiben könnte.

Das fünfte Kapitel stellt die Frage, wie transnationale Geschichte mit dem Problem der Vielsprachigkeit umgeht–mit den unterschiedlichen Sprachen der Quellen, aber auch der Frage nach der Übersetzung von Begriffen aus der Quellensprache in die Sprache der Geschichtsschreibung.

Ein Wort noch zur Auswahl der Fallbeispiele. Leserinnen und Leser werden sich vielleicht wundern, dass Indien häufiger vorkommt, als sie es in einer Einführung erwartet hätten und sich fragen, warum nicht ein größeres Gleichgewicht zwischen den Regionen angestrebt wurde. Dies hat zum einen subjektive Gründe –der indische Subkontinent ist das Gebiet, in dem ich mich am besten auskenne und über das ich mit der größten Sicherheit schreiben kann. Darüber hinaus aber geht es mir nicht um eine flächendeckende Darstellung der Ergebnisse der Area Studies, wohl aber darum aufzuzeigen, dass Theoriebildung schon lange nicht mehr ausschließlich von Europa aus erfolgt. Dafür ist die indische Geschichtsschreibung–Stichwort Post-colonial Studies–ein eindrucksvolles Beispiel.

2. Geschichtsschreibung als nationale Aufgabe

Beeinflusst vor allem durch die fast zeitgleich erschienenen Werke von Benedict Anderson, Imagined Communities (dt.: Die Erfindung der Nation, 1988), Eric Hobsbawm, The Invention of Tradition und Ernest Gellner, Nations and Nationalism (alle drei 1983) hat sich |9◄ ►10| heute in der Forschung ein konstruktivistischer Begriff der Nation durchgesetzt. Dies bedeutet zum Ersten, dass die Nation nicht eine vorgegebene, gewissermaßen natürliche Größe ist, die es lediglich zu erkennen gilt, sondern ein Begriff, mit dessen Hilfe Menschen ihre Umwelt ordnen.

Konstruktivismus

Wissenschaftstheoretische Richtung, die davon ausgeht, dass menschliche Vorstellungen und Begriffe die Wirklichkeit nicht passiv abbilden, sondern aktiv ordnen und erschaffen. Hierbei handelt es sich nicht um einen individuellen, sondern um einen sozialen Prozess.

Diesen konstruierten Charakter teilt sie mit anderen sozialen Kategorien wie etwa der Klasse oder dem Geschlecht. Zum Zweiten ergibt sich hieraus, dass das Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit sich nicht von selbst einstellt, sondern einer Vorstellung von Gemeinsamkeit (Anderson, 1991, S. 7), von geteilten Eigenschaften, bedarf. Dabei werden bestimmte Eigenschaften für bedeutsam erklärt und allen Nationsangehörigen zugeschrieben, andere hingegen als unwesentlich heruntergespielt. Die Vorstellung der Nation beinhaltet also immer einen Akt der Homogenisierung nach innen und der Differenzbildung nach außen. Zum Dritten gewinnen diese Vorstellungen an Überzeugungskraft, indem sie in Praktiken umgesetzt werden. Dies können inszenierte Rituale sein, wie etwa die Sedanfeiern im deutschen Kaiserreich, die Parade und das Feuerwerk zum 14. Juli in Frankreich oder die Last Night of the Proms in England, die mit dem hingebungsvollen gemeinschaftlichen Singen von »Rule, Britannia!« endet. Es können aber auch Institutionen wie der Militärdienst oder die Grenzkontrolle sein oder sogar das Lesen der gleichen Romane oder Zeitungen.

Die Nation als Konstrukt, als Vorstellung und als inszenierte Praxis ist nun aber nur begrenzt gleichzusetzen mit ihrer ›Erfindung‹ und noch weniger impliziert es die Idee von der Nation als etwas Irrealem. Insofern ist der Titel von Andersons Werk etwas |10◄ ►11| unglücklich ins Deutsche übersetzt worden. ›Erfindung‹ suggeriert sowohl einen Nullpunkt, gewissermaßen eine Schaffung aus dem Nichts, als auch die Freiheit, sich so oder anders entscheiden zu können. Beides ist im Falle der Hervorbringung der Nation für den einzelnen Akteur oder auch für eine Gemeinschaft von Akteuren nur begrenzt gegeben, da sie nur selten eine Position außerhalb ihrer eigenen Geschichte einnehmen können, in der sie nicht von vorgängigen Konstruktionen und Denkmustern geprägt sind. Dies macht die Nation nicht erneut zu einer vorgegebenen, zu einer objektiven Größe. Was aber vorangegangene Generationen konstruiert und praktiziert haben, ist den Akteuren vorgegeben, ob es die Schulbücher und Erzählungen sind, mit denen sie aufwachsen, die Feiern und Paraden oder eine bestimmte nationale Sprache, die ihr Denken prägt. Hierzu müssen sie sich verhalten–ob sie die Konstruktionen nun in der eigenen Vorstellung aktualisieren und damit gewissermaßen die Nation aufs Neue hervorbringen oder ob sie sie modifizieren, ablehnen und durch andere Vorstellungen von Gemeinschaft ersetzen.

Die Vorstellung der Nation war umso wirkmächtiger, je mehr es gelang, ihren Charakter als Vorstellung vergessen zu machen und sie als naturgegeben erscheinen zu lassen. Dabei kam der Geschichtsschreibung von Anfang an eine zentrale Rolle zu, denn sie war das Medium, durch das die Existenz der Nation in die Vergangenheit, ins ›Immer-Schon-Da-Gewesene‹, verlängert werden konnte. Das Interesse der Historiker richtete sich damit gerade nicht auf den Wandel, sondern im Gegenteil auf das, was inmitten aller historischen Veränderung ewig und dem menschlichen Zugriff entzogen schien. Bestand der eine Teil ihrer selbst gesetzten Aufgabe darin, den objektiven Charakter der Nation freizulegen, so richtete sich der andere durch die Darstellung der langen gemeinsamen Geschichte und ihrer Wechselfälle auf die Erzeugung und Verstärkung des subjektiven Gefühls der Zugehörigkeit beim Leser. Dieses Gefühl jedoch war nach Ansicht der Zeitgenossen nicht ins Belieben des Einzelnen gestellt, sondern ihm als Pflicht aufgegeben–er fühlte nicht nur für und mit der Nation, er musste auch so fühlen, wenn er kein ›vaterlandsloser Geselle‹ sein wollte.

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Zugleich war die Historiografie der Ort, an dem verhandelt wurde, welche Eigenschaften die Angehörigen einer Nation vor allen anderen auszeichneten. Wie die Nation selbst, so wurde auch ihr Charakter in seinem Kern als historisch unwandelbar angesehen, daher ließ er sich aus den Taten der Vorfahren besonders klar erkennen. Anhand der nationalen Eigenschaften aber beantworteten die Historiker nicht nur die Frage ›Wer sind wir?‹ (und implizit: ›Wer sind die anderen?‹), sondern im nächsten Schritt auch die Frage ›Wer gehört zu uns?‹ Damit trafen sie Entscheidungen über Inklusion und Exklusion, also über die Grenzen der nationalen Gemeinschaft.

Wie sich die Geschichtsschreibung und die Nation gegenseitig hervorbrachten, soll im Folgenden anhand des deutschen und des indischen Fallbeispiels verdeutlicht werden.

2.1 Das Beispiel Deutschland

In Deutschland gingen die Professionalisierung der Historiker, die Verwissenschaftlichung der Historiografie und ihre Nationalisierung Hand in Hand. Bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts fand die Geschichtsschreibung ihren Ort an den Universitäten und Akademien. Damit wurden die Historiker zu Staatsbeamten, ihre Ausbildung standardisiert und über die Berufungsverfahren sowohl Qualitätskontrolle als auch Konformitätsdruck ausgeübt.

Hinsichtlich der Verwissenschaftlichung der Historiografie sind zwei Ebenen zu unterscheiden (Iggers, 1994). Die Quellenkritik und die Entwicklung der historischen Hilfswissenschaften erlaubten es nicht nur, die Echtheit von Quellen zu überprüfen, sondern auch, sie präzise zu datieren, Lesarten zu bestimmen und philologisch zu interpretieren; dies führte zur Aufdeckung von Fälschungen und zu groß angelegten Editionsprojekten. Der Grund hierzu wurde bereits im 18. Jahrhundert gelegt, vor allem in der Altertumsforschung. Wissenschaftlich weitaus weniger präzise zu fassen war die Ebene der Interpretation der Quellen, ihre Einordnung in einen größeren Kontext und ihre Zusammenführung zu einem kohärenten Narrativ. Es war diese Ebene, auf der sich die |12◄ ►13| Nationalisierung der Geschichtswissenschaft abspielte–zögerlicher als die Verwissenschaftlichung und anfänglich gegen den Widerstand einer Tradition der Universalgeschichtsschreibung, die sich aus dem Gedankengut der Aufklärung speiste, doch auch da, wo sie sich dem Nationalismus verweigerte, die zentrale Rolle der Nation nicht in Frage stellend (Fulda, 1996; Süßmann, 2000).

Leopold von Ranke (1798–1876), von vielen als Begründer der Geschichte als Wissenschaft angesehen, betonte, dass Staat und Nation als organische Subjekte der Geschichte dem Historiker vorgegeben seien, sie seien die Konkretisierung von Gottes Idee der Menschheit. Dadurch waren jeder Staat und jede Nation einmalig und von allen anderen unterschieden. Nur durch die Untersuchung ihrer jeweiligen Besonderheit war dem Historiker ein Vordringen zum Allgemeinen möglich. Die Betonung der unhintergehbaren Individualität von historischen Ereignissen unterschied die Geschichtswissenschaft, so Ranke und der Historismus, von den Naturwissenschaften, die stattdessen auf die Bildung von Typen und allgemeinen Gesetzmäßigkeiten abhoben.

Von dieser Basis aus war zwar keine transnationale Geschichte denkbar, denn es galt gerade die Besonderheiten der nationalen Entwicklung zu wahren und der Übertragung fremder Ideen und Institutionen zu wehren. Eine Universalgeschichte aber konnte aus dieser Logik durchaus entwickelt werden, denn die ausgeführten Prinzipien galten nicht nur für die deutsche, sondern für jede Nation. In jede Nation hatte der Historiker sich einzufühlen und ihre Eigenheiten herauszuarbeiten, ohne sich dabei von seiner eigenen Herkunft leiten zu lassen.

 

Dieses Bemühen um Objektivität war es, das zu heftigen Angriffen der Vertreter der kleindeutschen Geschichtsschreibung auf Ranke führte, also jener Historiker, die nach den Bismarck’- schen Einigungskriegen die Schaffung des deutschen Nationalstaats als Preußens geschichtliche Mission interpretierten. Diesem Nationalstaat hätte die Historiografie zu dienen; er war zugleich die Basis, von der aus eine Interpretation der Geschichte allein für möglich erachtet wurde–nicht das Einfühlen in das Fremde, sondern im Gegenteil, radikale nationale Standortgebundenheit wurde nunmehr vom Historiker gefordert.

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Kleindeutsche Bewegung

Seit 1848 eine politische Richtung, die die Einigung Deutschlands unter Ausschluss Österreichs unter preußischer Führung anstrebte. Sie setzte sich mit den Bismarck’schen Einigungskriegen politisch durch und bestimmte die deutsche Geschichtsschreibung bis zum Ersten Weltkrieg.

Sind solchermaßen die Nationalstaaten die eigentlichen Akteure der Geschichte, so folgt jeder von ihnen dem Gesetz seines eigenen Wesens und kann nur aus sich selbst heraus interpretiert werden. Dies bedeutet nicht nur eine Absage an die Untersuchung von Austauschbeziehungen und gegenseitigen Beeinflussungen, sondern auch das Ende eines möglichen Dialogs zwischen Historikern und Historiografien verschiedener Länder. Folgerichtig versuchten die deutschen Geschichtswissenschaftler 1903 das Abhalten des Internationalen Historikerkongresses in der Reichshauptstadt mit dem Argument zu verhindern, es sei keine gemeinsame Grundlage für die Interpretation der Geschichte außerhalb des nationalen Rahmens denkbar (Muhlack, 2000, S. 34). Die Aufgabe der Historiker sei es vielmehr, »der Nation das Bild ihrer selbst zu erarbeiten und vor die Seele zu stellen« (Droysen, zitiert nach Haltern, 1994, S. 75) und in den Deutschen die »Freude an ihrem Vaterland« zu erwecken (Treitschke zitiert nach Muhlack, 2000, S. 38 f.); in die Sprache Andersons und Hobsbawms übersetzt also: ihre Wissenschaft in den Dienst der Konstruktion der eigenen Nation zu stellen.

Dieses Denken von der Nation her war dabei keineswegs auf die »Nationalgeschichte« beschränkt, also die Geschichte, die sich das Deutsche Reich oder die deutsche Nation zum Thema nahm. Vielmehr prägte sie auch solche Untersuchungen, für die man sich ganz andere Referenzrahmen vorstellen könnte, etwa die Landes-und Regionalgeschichte, die Volks- und Heimatgeschichte, sogar, wenn vielleicht auch in geringerem Maße, die Kulturgeschichte.

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2.2 Das Beispiel Indien

Jede Möglichkeit wissenschaftlicher Geschichtsschreibung in Indien wurde im 19. Jahrhundert zunächst von der kolonialen Situation bestimmt–auch da, wo bewusst auf vorkoloniale Formen zurückgegriffen wurde. Wie Edward Said in seinem bahnbrechenden Buch Orientalism (1978) betonte, waren Herrschaft und Produktion von Wissen–das Sammeln von Informationen, die Schaffung von Kategorien, um sie zu ordnen und schließlich ihre Interpretation–untrennbar miteinander verbunden. Dies traf auch für die britische Historiografie über Indien zu.

In der Tradition der Aufklärung waren die britischen Historiker und Philologen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die sich mit Indien beschäftigten–in der Indienforschung wegen ihrer Begeisterung für die orientalische Kultur und ihre Sprachen unter dem mittlerweile irreführenden Namen ›Orientalisten‹ bekannt –einem zyklischen Modell von Aufstieg und Verfall großer Reiche verpflichtet. Zwar fanden sie in der indischen Gegenwart wenig Bewundernswertes, doch die Existenz eines vergangenen goldenen Zeitalters garantierte Indien den Status einer Hochkultur und verbürgte die Hoffnung, dass es ihm mit britischer Hilfe gelingen könne, die einstige Größe wiederzuerlangen.

Hiergegen wandten sich seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die ›Anglizisten‹–so benannt, weil sie dem Orientalismus ein klares Bekenntnis zur Universalität der britischen Werte entgegensetzten. Die Vorstellung vom zyklischen Aufstieg und Niedergang großer Reiche wurde abgelöst von der Idee des Fortschritts und Indien in einen zeit- und geschichtslosen Limbus verbannt, aus dem es erst durch die Ankunft der Briten befreit werden konnte. Die indische Geschichte als Geschichte begann nach britischer Vorstellung erst mit der kolonialen Eroberung.

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Orientalistik

Wissenschaft vom Orient, insbesondere seiner Religionen und Sprachen. Im Gegensatz hierzu bezeichnet der von Edward Said und den postkolonialen Studien als Kampfbegriff verwendete Ausdruck Orientalismus eine bestimmte Sicht auf den Orient, seine Konstruktion als Gegensatz zu Europa (vor allem in den Kategorien zeitlos vs. fortschrittlich; religiös / abergläubisch vs. aufgeklärt / säkularisiert; despotisch vs. demokratisch; weiblich vs. männlich).

Wie aber gingen die indischen Historiker und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts mit diesen Vorstellungen zur eigenen Geschichtslosigkeit um? Ohne Geschichte, ohne eine gemeinsame Vergangenheit, mit der sich die Akteure der Gegenwart identifizieren konnten, konnte es auch in ihrer Gedankenwelt keine Nation geben. So fehlten der Nationalbewegung gewissermaßen ihr Subjekt und ihre Legitimation. Daher rief der bengalische Dichter und Historiker Bankimchandra 1880 aus »Bengal must have her own history. Otherwise there is no hope for Bengal.« (zitiert nach Guha, 1988, S. 1) Sprach Bankimchandra zu diesem Zeitpunkt noch von Bengalen, so war es wenige Jahre später schon unumstritten, dass Indien die Nation sein solle, die es zu schaffen galt–das Denkmuster aber blieb das gleiche.

Dieser neuen Historiografie war von Anfang an eine doppelte Ausrichtung zu Eigen. Auf der einen Seite orientierte sie sich an den gleichen Standards der Wissenschaftlichkeit wie die europäische Geschichtsschreibung und übernahm damit nicht nur ihre Quellenkritik, sondern auch ihre Argumentationsmuster und narrativen Strukturen. Auf der anderen Seite betonte sie, dass die neue Geschichte nur von Indern geschrieben werden könne, da nur sie zur Identifikation mit der Vergangenheit in der Lage seien, die die notwendige Grundlage der Interpretation darstelle und das Schreiben der Geschichte als nationaler Geschichte ermögliche.

Als Teil der Nationalbewegung übernahmen die indischen Historiker deren Programm einer Reform der Nation und wollten durch ihre Arbeit zu ihrer Renaissance und Regeneration beitragen;|16◄ ►17| neben der emotionalen Vergemeinschaftung sahen sie ihre Aufgabe darin, dem gegenwärtigen Indien die Vergangenheit, das Goldene Zeitalter, vor Augen zu stellen, an welche es anschließen konnte.

»Vergemeinschaftung«

Nach Max Weber (1985 [1922], S. 21) »eine soziale Beziehung«, die auf der »subjektiv gefühlten Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht« und in der das Gefühl der Zusammengehörigkeit handlungsleitend wirkt.

Noch dringlicher als in Deutschland warfen diese Muster und Metaphern die Frage auf, an welche Geschichte angeschlossen werden sollte und wer und welche Epochen zur ›wahren‹ indischen Geschichte dazu gehörten. War das Reich der muslimischen Moguln eine Epoche nationaler Einheit und Machtentfaltung oder eine Zeit islamischer Fremdherrschaft über Indien? Was bedeutete dies für die Stellung der Muslime in der Gegenwart? War Indien eine Nation oder zwei, welche Folgen sollte dies für die politische Struktur des unabhängigen Staates haben? Diese Fragen gewannen ihre Virulenz erst nach dem Ersten, mehr noch nach dem Zweiten Weltkrieg und zur Zeit der Teilung des Subkontinents, angelegt waren sie jedoch schon in der Historiografie des 19. Jahrhunderts.

3. Transnational, translokal, transregional?

Vor dem Hintergrund dieser historischen Verzahnung von Geschichte und Nationalismus, in der Historiker es als ihre wichtigste Aufgabe angesehen hatten, durch ihre wissenschaftlichen Forschungen zur Nationsbildung beizutragen, wird erst deutlich, wie viel Sprengstoff die grundlegenden Interpretationskategorien im Programm einer transnationalen Geschichte bergen. Es geht um nichts Geringeres als darum, eine »Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaates« (Osterhammel, 2001) zu entwerfen. |17◄ ►18| Dieses Programm basiert ebenso auf Vorstellungen von der Historizität der Nation wie es auch zu ihrer Historisierung beiträgt. Wenn die Nation keine ›natürliche‹ Größe ist, sondern als Vorstellung zu bestimmbaren Zeiten von bestimmbaren Akteuren hervorgebracht wird, so ist sie auch für die Geschichtswissenschaft nicht Ausgangspunkt, sondern Gegenstand der Untersuchung.

Es ist vehement diskutiert worden, ob das Programm einer trans-›nationalen‹ Geschichte weit genug ginge und ob nicht schon die Wahl des Begriffes dazu führe, die Nation, die durch die Vordertür entlassen wurde, durch die Hintertür wieder hereinzulassen. Wie kann man eine transnationale Geschichte für Epochen und Regionen schreiben, denen die Nation als Ordnungsmuster unbekannt war? Wird hiermit nicht wieder ein eurozentrisches Zulaufen der Geschichte auf die Entstehung von Nationalstaaten suggeriert, ihre Abwesenheit als Defizitgeschichte konzipiert? Daher ist vorgeschlagen worden, den Ausdruck ›transnational‹ durch ›translokal‹ (Freitag / von Oppen, 2005; 2010) oder ›transregional‹ (WIKO) zu ersetzen und die Nation dergestalt nur noch als eine Möglichkeit der Raumordnung unter anderen zu betrachten (→ Kap. III.5).

Diese Überlegungen müssen sehr ernst genommen werden. Wenn im Titel dieser Einführung dennoch von transnationaler und nicht translokaler oder transregionaler Geschichte die Rede ist, so deshalb, weil dem Begriff ›transnational‹ im Gegensatz zu seinen Alternativen eine doppelte Stoßrichtung zu eigen ist, die zu bewahren mir wichtig erscheint. Transnational bezieht sich zum einen auf die Untersuchung von Geschichte, die sich nicht in nationalen Grenzen erfassen lässt, sei es, weil sie sich auf kleinere oder größere Einheiten bezieht, sei es, weil sie sich in einem konzeptionellen Rahmen bewegt, in dem die Nation keine oder zumindest keine wichtige Kategorie darstellt. Das ›trans-‹ der transnationalen Geschichte bezieht sich hier auf eine empirische Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes. Zum anderen aber, und das könnte aufs Ganze gesehen sogar noch wichtiger sein, geht es darum, durch transnationale Geschichte die Selbstverständlichkeit der Kategorie der Nation selbst infrage zu stellen. |18◄ ►19| Hier bezieht sich das ›trans-‹ auf das Transzendieren der Nation als einer Ordnungskategorie für die Geschichtsschreibung. Die Diskussion, ob und wie weit dies geschieht, wenn man die Nation einfach ignoriert, oder ob es nicht auch darum gehen muss, ihre Deutungsmacht und damit auch das Schwergewicht überlieferter Historiografien direkt und ausdrücklich zu hinterfragen, ist nicht abgeschlossen.

Wir brauchen empirische Studien, die flexibel mit ihren Bezugsgrößen umgehen. Welchen Einfluss lokale, translokale, regionale, transregionale, nationale oder transnationale Faktoren hatten, lässt sich ja in den allermeisten Fällen nur erkennen, wenn der Maßstab der Untersuchung groß genug gewählt ist, um sie in Beziehung zueinander setzen zu können. Diese Studien können je nach Erfordernis mit dem Begriff der Nation arbeiten oder nicht. Dies allein aber reicht meines Erachtens nicht aus, um die enge methodische Verbindung zwischen Nation und Historiografie zu sprengen. Hierfür brauchen wir einen Rahmen, in dem diese Studien in Beziehung zu nationalen und kolonialen Meistererzählungen gesetzt werden, deren Beharrungskraft wohl manchmal unterschätzt wird. Diesen Rahmen kann die transnationale Geschichte bieten.