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MANFRED KOCH



Für die üblichen Verdächtigen,

von denen es natürlich wieder

keiner gewesen sein will.


Der Mensch lebt nicht vom Tod allein.

Erster Krimikillerkrimismus

Wer auf Köpfe zielt, trifft meistens ins Leere.

Zweiter Krimikillerkrimismus

Es gilt die Unsinnszumutung.

Dritter Krimikillerkrimismus


Ein delikater Fall
EIN KOCHKUNSTKULTKURZKRIMI

Sein bestes Rezept hat er mir natürlich nicht verraten, der Herr Viersternekoch. Da habe ich bei ihm sogar mit meinen raffiniertesten Verhörmethoden auf Granit gebissen. Keine Chance, der Mann hat geschwiegen wie der Küchenchef unserer Polizeikantine. Aus dem bekommst du auch kein Wort heraus, wenn du wissen willst, welche Zutaten er für seine Gulaschsuppe verwendet. Doch das ist eine andere Geschichte. Unser Kantinenessen hat zumindest noch niemanden umgebracht, obwohl man es durchaus als gefährliche Waffe bezeichnen könnte. Aber Attentate auf die Geschmacksnerven gelten ja leider nicht als strafbare Handlung.

Zugegeben, es war eigentlich nicht wichtig für die Ermittlungen. Jetzt schon gar nicht mehr. Der Fall war gelöst, das Geständnis unterschrieben und nun war der Staatsanwalt an der Reihe. Aber interessiert hätte es mich halt doch. Einfach so, ganz privat, sozusagen unter uns Feinschmeckern. Besser gesagt: unter uns Kochkünstlern.

Kochen ist nämlich meine ganz große Leidenschaft. Und Essen. Es gibt nichts Schöneres für mich. Ich habe das schon als Kind geliebt. War unwahrscheinlich begabt, habe sogar als Wunderkind gegolten. Zuerst allerdings nur beim Essen, das Kochen ist erst ein paar Jahre später dazugekommen.

Meine Eltern waren wahnsinnig stolz auf mich und mein Vater hat gesagt, es sei völlig klar, was ich einmal werden würde, wenn ich groß sei. Er hat gewusst, wovon er redet, denn seine Lieblingsbeschäftigung war das Lesen und seine Lieblingslektüre waren Krimis. Und deshalb war er davon überzeugt, dass für mich nur ein einziger Beruf infrage komme, nämlich der eines Kriminalkommissars in der Mordabteilung, weil nämlich so gut wie alle Kriminalkommissare oder Inspektoren oder Detektive in den Kriminalromanen, die er gelesen hat, leidenschaftlich gern kochen und essen, und zwar immer viele, viele Seiten lang, abgesehen von ein paar Ausnahmen, bedauernswerten Typen, die sich in Polizeikantinen oder an Bratwurstständen von ungesundem und ungenießbarem Fraß ernähren oder dem Suff verfallen sind, klassischer Musik, einer viel zu jungen Geliebten oder sonst einer wie auch immer gearteten Abartigkeit.

Nachdem mir mein Vater jahrelang zweimal täglich eingebläut hat, dass es nur drei Arten glückliche Menschen gibt, und das sind erstens Kriminalkommissare, die leidenschaftlich gern kochen und essen, zweitens die Schreiber und drittens die Leser von Kriminalromanen, in denen die Kriminalkommissare leidenschaftlich gern kochen und essen, und nachdem ich ihm unzählige Male hoch und heilig versprechen und auf sämtliche Kriminalromane und Kochbücher dieser Welt schwören musste, ein glücklicher Mensch zu werden, das Schreiben und das Lesen aber nicht unbedingt zu meinen Stärken zählen, ist mir gar nichts anderes übrig geblieben, als zur Polizei zu gehen und ein leidenschaftlich gern kochender und essender Kriminalkommissar zu werden.

Nun weiß ich zwar nicht, wie in den Kriminalromanen die Kriminalkommissare ihre Leidenschaft fürs Kochen und Essen damit vereinbaren können, dass sie es bei ihren Mordermittlungen meistens mit hässlich zugerichteten, oft grausam verstümmelten und alles andere als wohlriechenden Leichen zu tun haben, weil, wie gesagt, das Lesen nicht gerade zu meinen Stärken zählt, ich mich dabei aufs Notwendigste beschränke und mir in den Tausenden Krimis, die ich von meinem Vater geerbt habe, immer nur die Seiten heraussuche, auf denen es um besondere Rezepte, ausgefallene Zutaten und raffinierte Tricks bei der Zubereitung geht, aber bei mir funktioniert es jedenfalls problemlos, mir durch den Anblick von Mordopfern nicht die Freude am Kochen und Essen verderben zu lassen. Alles nur eine Frage der Vorstellungskraft, die ja auch sonst zu den wichtigsten Fähigkeiten eines Mordermittlers gehört. Wenn ich einen blutverschmierten Toten sehe, denke ich normalerweise einfach an ein schönes rohes T-Bone-Steak, und schon habe ich kein Problem mehr, so etwas nennt man nämlich Professionalität.

Bitte, unser Gerichtsmediziner, ein hochsensibler Mensch, ausgesprochener Schöngeist und leidenschaftlicher Liebhaber der Kindertotenlieder von Gustav Mahler, ist ja durch seine Arbeit auch nicht zum Vegetarier geworden. Und was habe ich mir mit dem schon so alles an Mageninhalten angeschaut, Halbverdautes ebenso wie Unverdautes, und darüber gefachsimpelt, nein, vielmehr philosophiert, was einmal von einem und vor allem in einem übrig bleibt, und dass man im Leben immer darauf achten sollte, was man isst, weil man nie weiß, ob es nicht die letzte Mahlzeit ist, die man zu sich nimmt, und es doch jammerschade wäre, wenn man mit einem schlechten Geschmack im Mund das Zeitliche segnen müsste. Aber wenn wir in einer Leiche zum Beispiel die Überreste von einem schönen Chateaubriand finden, dann gratulieren wir dem Toten, weil er sein Leben offensichtlich bis zum Schluss genossen hat oder wenigstens bis kurz davor. Was nicht heißen soll, dass ich bei meinen Ermittlungen Arbeit und Leidenschaft vermische, aber es hilft. Meistens.

Nur manchmal gibt es derart grässliche Extremfälle, bei denen die Opfer so entsetzlich anzusehen sind, so abgrundtief abscheulich, unappetitlich, ja widerwärtig, dass ich ganz einfach an meine Grenzen stoße und mir bei ihrem Anblick nur mehr unser Kantinenessen einfällt. Das kommt aber eher selten vor, schon allein deshalb, weil Mordfälle bei uns überhaupt eine Seltenheit sind. Einer im Jahr, bestenfalls zwei, und alle immer ganz schnell aufgeklärt. Ich habe nämlich eine äußerst wirkungsvolle Methode, mit der ich jeden Verdächtigen in kürzester Zeit weichkoche. Beim Verhör lasse ich immer wieder durchblicken, dass sich ein rasches und umfassendes Geständnis durchaus positiv auswirken könne, und zwar nicht nur auf die Länge der Gefängnisstrafe, sondern auch auf die Haftbedingungen, speziell was das Essen betrifft. Und es ist für mich immer wieder ein Hochgenuss zu erleben, wie die Leute schon nach kürzester Zeit geradezu begierig darauf sind, alles, aber auch wirklich alles zuzugeben, wenn ich sie während der Untersuchungshaft täglich höchstpersönlich mit ausgesuchten Kostproben meiner Kochkunst versorge und dazu andeute, wenn sie sich jetzt kooperativ zeigten, könnten sie auch später im Gefängnis damit rechnen, regelmäßig reichhaltige kulinarische Fresspakete von mir zu bekommen.

Und ich halte mein Wort, darauf können sich die Mörder und Totschläger verlassen, die ich hinter Gitter bringe. Ist ja auch kein großer Aufwand für mich bei den paar Leuten. Und außerdem lässt mir unsere geringe Mordrate jede Menge Zeit, die ich irgendwie anders totschlagen müsste, wenn ich nicht meine Kochleidenschaft hätte. Aber auf die Art schlage ich sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe, denn bis jetzt war noch kein einziger Verbrecher hartgesotten genug, dass er meinen Kochkünsten hätte widerstehen können. Im Gegenteil, durch Mundpropaganda bin ich über die Grenzen unseres Landes hinaus in der Killerszene ziemlich bekannt geworden und deshalb gibt es bereits Mörder, die von weit her extra zu uns reisen und hier ihren Mord begehen, nur um dann in den Genuss zu kommen, von mir gefasst und meiner delikaten Spezialbehandlung unterzogen zu werden.

Gut, möglicherweise sind darunter auch Unschuldige, die es vorziehen, für einen Mord ins Gefängnis zu gehen, den sie gar nicht begangen haben, als noch länger das essen zu müssen, was ihnen zu Hause vorgesetzt wird, aber für Betrug bin ich nicht zuständig. Außerdem fühle ich mich durchaus geehrt, wenn jemand lieber auf seine Freiheit verzichtet als auf die Köstlichkeiten aus meiner Küche. Nur den jungen Kollegen, der sich für ein paar Feinschmeckerjahre im Knast sofort begeistert dazu bereit erklärt hat, unseren Kantinenkoch eigenhändig zu erwürgen, habe ich Gott sei Dank gerade noch rechtzeitig davon abhalten können, und zwar mit dem Argument, dass solch eine Tat eindeutig als ein Akt der Notwehr und Selbstverteidigung in akuter Gefahr für Leib und Leben einzustufen wäre und ihn dafür kein Gericht dieser Welt verurteilen würde. Und außerdem, habe ich hinzugefügt, sei es absolut falsch, den Mann zu erwürgen, denn wer auch nur über die geringste Spur von Gerechtigkeitssinn verfüge, für den käme nichts anderes infrage, als diese zweibeinige Küchenschabe zu zwingen, auf einen Sitz alle ihre in Altöl frittierten Fischstäbchen mit Fertigmayonnaise in sich hineinzustopfen, was schlussendlich bei diesem Lakaien gesättigter Fettsäuren und künstlicher Geschmacksverstärker ganz automatisch binnen kürzester Zeit dazu führen würde, auf die einzige ihm angemessene Art zu verenden.

 

Aber als Belohnung für seinen guten Willen habe ich den jungen Kollegen dann am Abend zu mir zum Essen eingeladen und für uns einen japanischen Kugelfisch an provenzalischem Wurzelgemüse, Ingwer-Schalotten-Creme und mit einem Hauch von Muskat und Pfeffer veredelten, gedünsteten Apfelspalten zubereitet, eine meiner meisterhaftesten Kreationen, der ich den, zugegebenermaßen etwas ironischen, nicht völlig korrekten und mangels entsprechender Wirkung unzutreffenden Namen Schneewittchens Leidenschaft gegeben habe, inspiriert von einer von mir überführten fünfundachtzigjährigen Giftmörderin, die ihre sieben Ehemänner ins Jenseits gekocht hat, aber das mit einer derart bewundernswerten Fantasie und kompromisslosen Leidenschaft, dass es jedem Spitzenkoch zur Ehre gereicht hätte. Ich schätze mich noch heute glücklich, diese Dame kennengelernt zu haben.

Und für einen ebenso großen Glücksfall habe ich jetzt die Begegnung mit dem Viersternekoch gehalten. Da sitzt dir nun endlich im Verhörraum einer gegenüber, der Sachen gekocht hat, die dir noch nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen sind, habe ich gedacht. Einer, der Dinge weiß, die in keinem Kochbuch stehen und auch nicht in Vaters Kriminalromanen, einer der berühmtesten Köche überhaupt, ein Jahrhundertkoch, von Gourmetkritikern bewundert und mit Preisen überhäuft, nahezu omnipräsent auf allen Fernsehkanälen, ein Hohepriester der lukullischen Religion, ein Halbgott, was sage ich, ein Gott am von Sternen übersäten Himmel der Kochgiganten, ja, genau so einer sitzt dir gegenüber, dir, dem kleinen Kriminalkommissar mit der großen Leidenschaft fürs Kochen und Essen, was für eine einmalige Chance für dich, dem Mann Löcher in den Bauch zu fragen und ihm sein intimstes, streng gehütetes Wissen zu entlocken, seine geheimsten Rezepte, von denen kein Mensch jemals etwas erfahren sollte. Doch welch ein Irrtum, was für eine Enttäuschung!

Um hier kein falsches Bild von dem Mann zu vermitteln: Er ist ein wirklich netter Mensch, sympathisch, höflich, mit einer leisen, angenehmen Stimme und einem Lächeln, das einen sofort für sich einnimmt, keine Spur von Arroganz oder Prominentengehabe, ganz im Gegenteil, man könnte fast sagen, die Bescheidenheit in Person, ein Mann, der nicht sich selbst wichtig nimmt, sondern ausschließlich die Leidenschaft, die ihn beseelt. Wir haben uns von Anfang an ausgezeichnet verstanden, ganz spontan, so, wie es wohl nur bei zwei Menschen passiert, die von derselben Sache begeistert sind. Beim ersten Verhör, sozusagen zum Aufwärmen und um eine angenehme Atmosphäre herzustellen, habe ich ihn gleich einmal gefragt, was er davon halte, dass ich geröstete Nieren mit Frühlingskresse, Koriander und – was den Geschmack meiner Ansicht nach besonders veredelt, aber doch äußerst ungewöhnlich ist – einer Messerspitze Kakao zubereite, und es war gewiss nicht nur Höflichkeit von ihm, als er sich das gut eine Minute lang mit geschlossenen Augen in Gedanken auf der Zunge zergehen lassen und dann gemeint hat, er fände es absolut genial und müsse offen und ehrlich gestehen, dass es ihm nur leidtue, dieses Rezept nun wohl in nächster Zeit nicht selber ausprobieren zu können.

Dieses Geständnis aus dem Mund einer alles überragenden Kapazität der Kochkunst hat mich schon sehr, sehr glücklich und stolz gemacht, denn es ist ihm sicher nicht leichtgefallen. Ich muss zugeben, es hat mir mehr bedeutet als das Geständnis seiner Taten. Darüber bin ich natürlich auch froh gewesen, zwar nicht so wie er, der danach derart befreit geseufzt und entspannt gelächelt hat, als hätte er soeben einem viel zu fetten, schweren Essen einen doppelten Magenbitter hinterhergeschickt und dann ausgiebig und herzhaft gerülpst, nein, nicht so froh und beinahe selig, sondern nur ganz einfach froh.

Es war nämlich der sauberste Tatort, der mir jemals untergekommen ist, die Kollegen von der Spurensicherung waren regelrecht verzweifelt. Nichts als Nirosta und Keramik, alles blitzblank gescheuert und poliert, hygienisch sauber, steril wie ein Operationssaal. Aber eigentlich war das ja zu erwarten gewesen, alles andere hätte mich erstaunt. Der Mann ist ein Vollprofi, für den ist eine bis in den verstecktesten Winkel und die feinste Ritze hundertprozentig gereinigte Küche eine Selbstverständlichkeit, ist ja schließlich nicht unsere versiffte Kantinenküche, in der es nur deshalb keine Mäuse und Ratten gibt, weil die sich ununterbrochen vor Ekel übergeben müssten. Nein, an diesem Tatort, diesem Vorbild an Küchenhygiene, wäre ich bei der Suche nach Indizien glatt verhungert, und da bin ich dann eben doch froh gewesen über das Geständnis, oder besser gesagt, zufrieden und beruhigt.

Und wie ich den Mann bewundert habe, bis zuletzt, bis zu dem Zeitpunkt, ab dem auf einmal nichts mehr aus ihm herauszuholen war, habe ich ihn bewundert, ja, beinahe verehrt. Vierzehn Morde, ohne auch nur die kleinste Spur zu hinterlassen, also ich finde, das ist schon einzigartig, das muss dem Mann erst einmal einer nachmachen! Vor einer derart unglaublichen Verbindung von Leidenschaft und Perfektion kannst du doch einfach nur niederknien, bitte schön! Vierzehn Mal schlachten, tranchieren, ausnehmen, und dann nicht das allerminimalste eingetrocknete Blutspritzerchen oder Hautfitzelchen, Fleischfaserchen, Knochensplitterchen, nein, nichts, absolut null, da gehört schon was dazu, das schafft nur einer, der zu Recht zu den Größten und Besten in seinem Beruf gezählt wird, das muss hier einfach auch einmal gesagt werden, finde ich.

Um über diese, im wahrsten Sinne des Wortes glänzende Leistung grenzenlos begeistert zu sein, muss ich ja nur an die Schweinerei denken, die ich jedes Mal in meiner Küche anrichte, wenn ich ein Coq au Vin zubereite. Ich nehme dafür nämlich kein tiefgefrorenes Huhn, wie es heutzutage fast alle machen, was jedoch in meinen Augen ein ungeheurer Frevel an diesem herrlichen Gericht ist und ein Verbrechen wider den guten Geschmack, nein, ich nehme, wie es sich gehört und wie der Name Coq schon sagt, einen Hahn, und wenn ich keinen richtigen Hahn kriege, dann wenigstens einen Kapaun, den ich ganz traditionell auf einem Bauernhof kaufe, und zwar so frisch, wie es nur möglich ist, also als lebendes Tier, dem ich dann erst bei mir in der Küche eigenhändig den Kopf abhacke. Das ist nicht schön, aber so macht man es nun einmal. Unvermeidlich, dass dabei ziemlich viel Blut spritzt, und bis ich den Kapaun endlich zur Spüle gebracht und dort verkehrt herum zum Ausbluten aufgehängt habe, hat das Blut natürlich schon eine Spur über den halben Küchenboden gezogen, und es kostet mich hinterher viel Zeit und Mühe, alles wieder sauber zu bekommen. Und es geht ja nicht bloß darum, die Spuren des Blutbades zu entfernen, dazu kommen auch noch die versprengten Überbleibsel vom Ausrupfen der Federn und Ausnehmen der Innereien. Nun, ich bin da äußerst penibel und kriege das immer wirklich gut hin, aber die Kollegen von der Spurensicherung würden mit ihren Spezialgeräten sicher fündig werden, davon bin ich überzeugt.

Ich weiß, beim Schlachten stelle ich mich nicht sehr geschickt an, und es wäre vielleicht klug, mir wenigstens einmal eine Plastikfolie als Unterlage zuzulegen, obwohl auch dann sicher ein paar Blutspritzer auf dem Boden oder den Küchenmöbeln landen würden, aber darum geht es hier gar nicht. Was ich eigentlich sagen will: Verglichen mit meiner harmlosen kleinen Kapaun-Abmurkserei müssen die vierzehn Morde doch jedes Mal eine regelrechte Blutorgie gewesen sein. Und so ein Schlachtfeld wieder in einen Zustand zu bringen, als ob nichts gewesen wäre, das ist eine Leistung, die einem einfach Respekt und höchste Bewunderung abnötigt. Und das sage ich jetzt als Kriminalkommissar und nicht als leidenschaftlicher Vertreter der Kochkunst, denn auf diesem Gebiet hat mich der große Kollege, ja, ich wiederhole mich, zuletzt bitter enttäuscht.

Gut, ein paar ausgefallene Rezepte hat er mir gegeben, darunter eins für gratinierte Miesmuscheln mit Seegras und ein anderes für geeiste Weinbergschnecken auf einer Morchel-Holunder-Creme, aber immer, wenn ich zu dem für mich interessantesten Thema gekommen bin und ihn gefragt habe, was er mit seinen Opfern gemacht hat, wenn es also sozusagen um seine Leidenschaft für Menschen gegangen ist und um die existenziellen Grundfragen, ob unsere Artgenossen denn überhaupt genießbare Wesen sind, wie man zumindest Teile von ihnen in etwas verwandeln kann, das über einen wenigstens einigermaßen guten Geschmack verfügt, und ob man wirklich mit gutem Gewissen behaupten kann, dass auch der Mensch unter bestimmten Voraussetzungen durchaus Qualitäten besitzt, die zum Beispiel denen eines Rinds oder eines Kapauns ebenbürtig sind, immer dann ist er ziemlich einsilbig geworden.

Alles, was ich aus ihm herausgekriegt habe, war, dass er mit seiner ungeheuren Leidenschaft fürs Kochen und Essen und mit seinem damit verbundenen unbändigen Drang, ständig über den Rand seiner Töpfe und Pfannen hinauszuschauen und Grenzen zu überschreiten, irgendwann an einem Punkt angelangt war, an dem er das Gefühl gehabt hatte, alles, was es auf dieser Welt zu kochen und zu essen gibt, bereits gekocht und gegessen zu haben. Wirklich alles, bis auf eine einzige Ausnahme. Und weil er auf gar keinen Fall als frustrierter Spitzenkoch, der nicht alles ausprobiert und alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat, enden wollte, hat er eben eines Tages auch diese letzte Grenze überschritten und zu experimentieren begonnen. Immer von Montagmorgen bis Dienstagabend, an den beiden Schließtagen seines Restaurants. Und immer gemeinsam mit einer seiner unzähligen ausländischen Küchenhilfen, die danach immer verschwunden war, von plötzlichem Heimweh übermannt wieder nach Hause gefahren, bloß ein kurzer Anruf und schon weg, wie er dem Rest seines Personals dann bei der Vorstellung der neuen Küchenhilfe jedes Mal erklärt hat.

Es war ein aufwendiges, schwieriges Unterfangen mit ungewissem Ausgang, auf das er sich da eingelassen hatte, zuerst hat es einen Fehlschlag nach dem anderen gegeben, einfach zum Verzweifeln, und nach acht völlig misslungenen Versuchen, zum ungewohnt süßlichen Fleischgeschmack die passende Würzmischung zu entwickeln und außerdem die richtige Brat- oder Kochdauer und die perfekte Temperatur herauszufinden, hat er schon aufgeben wollen, aber die Leidenschaft ist eben doch stärker gewesen. Die nächsten Resultate waren dann schon ganz annehmbar, doch erst mit der vierzehnten Küchenhilfe, einer jungen, zarten Thailänderin, ist ihm das perfekte Ergebnis gelungen. Aber nach einem kurzen Moment des höchsten schwelgerischen Glücksgefühls über diesen Gipfel des Genusses hat er gewusst, dass er auf dem absoluten Höhepunkt seiner Kochkunst angelangt war, keine Steigerung mehr möglich und sein Leben ab jetzt völlig sinnlos sein würde. Und da hat er ein letztes Mal alle Spuren beseitigt, seine Küche gereinigt und dann die Kriminalpolizei angerufen – wodurch übrigens auch ich mit meinem Polizistenhungerlohn das erste Mal in meinem Leben die Gelegenheit bekommen habe, diesen sündteuren Gourmettempel von innen zu sehen.

Was meine brennende, aber von ihm beharrlich ungestillte Neugier auf sein letztes und offenbar bestes, grandiosestes Rezept betrifft, muss ich jetzt allerdings zugeben, dass die von mir so gepriesene und bewunderte klinische Sauberkeit seiner Küche sich nun durchaus auch von ihrer negativen Seite gezeigt hat. Denn wäre wenigstens in irgendeinem Kochgeschirr oder auf einem Teller nur ein klitzekleiner Rest seiner letzten thailändischen Spezialität gefunden worden, dann hätten unsere Kriminaltechniker in ihren Labors garantiert in kürzester Zeit sämtliche Zutaten chemisch analysieren und das Rezept entschlüsseln können. Aber nichts da, dieser Perfektionist aus Leidenschaft hat jeden Hinweis vernichtet und alles Verräterische verschwinden lassen. Hat er mir selber erzählt, um uns die Sucherei zu ersparen. Die Knochen zermahlen, alles andere durch den Fleischwolf gedreht, die Masse mit dem Knochenmehl vermischt, handliche Bällchen daraus geformt und ab damit, nein, nicht in die Küche unserer Kantine, sondern in den Tierpark, und dort in einem unbeobachteten Augenblick mit Schwung über die Gitter der Freigehege, die Wildkatzen haben sich jedes Mal gebalgt um das wunderbar blutigrohe Menschentatar!

Ja, so ist das gewesen. Und wenn ich mir jetzt vorstelle, dass ich heute vielleicht auch als unglücklicher Mensch, dessen Leben sinnlos geworden ist, im Gefängnis sitzen würde, wenn ich nur ein leidenschaftlicher Koch geworden wäre und nicht ein Kriminalkommissar, der leidenschaftlich gern isst und kocht und deshalb prädestiniert dafür ist, ein glücklicher Mensch zu sein, dann weiß ich, dass ich das nur meinem Vater zu verdanken habe. Und seinen Kriminalromanen, in denen die einzigen wirklich glücklichen Menschen die leidenschaftlich gern kochenden und essenden Kriminalkommissare sind, obwohl ich zugeben muss, dass ich glücklicher wäre, wenn mir der Herr Viersternekoch sein bestes Rezept verraten hätte. Aber dafür gebe ich weder meinem Vater die Schuld noch den Schreibern der Kriminalromane, in denen es nur so wimmelt von sich ganz und gar ihrer Ess- und Kochleidenschaft hingebenden und deshalb glücklichen Kriminalkommissaren, die ebenfalls alle ohne dieses Rezept auskommen müssen.

 

Nur manchmal träume ich davon, wie es wohl gewesen wäre, wenn wir uns früher kennengelernt hätten, der große Jahrhundertkoch und ich, der kleine Kriminalkommissar mit der großen Kochleidenschaft. Ich denke, wir hätten Freunde werden können, richtig gute, dicke Freunde. Und irgendwann hätte er mir anvertraut, dass er in seiner Küche jeden Montag und Dienstag voller Leidenschaft, aber streng geheim daran arbeite, ein ganz spezielles Rezept zu entwickeln, sein bestes Rezept, sein absolut epochales Spitzenrezept, mit dem man aus jedem Menschen das Beste machen könne.

Und dann hätte ich meine ganze Überzeugungskraft aufgewandt, meine raffinierteste Überredungskunst und all meine kriminalistischen Tricks eingesetzt und so den Küchenchef unserer Polizeikantine garantiert dazu gebracht, nur für zwei Tage, wirklich nur für zwei Tage, nur am Montag und am Dienstag und nur einmal so zum Spaß, bei meinem Freund als Küchenhilfe zu arbeiten. Das Resultat wäre zwar garantiert ungenießbar gewesen, aber mich, das weiß ich genau, mich hätte es sehr, sehr glücklich gemacht.

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