Schrebergarten BluesText

Autor:Jost Baum
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Jost Baum

Schrebergarten-Blues

© 2015 Oktober Verlag, Münster

Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung der

Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster

www.oktoberverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Roland Tauber

Umschlag: Thorsten Hartmann unter Verwendung eines Fotos von korionov/iStockphoto.

Herstellung: Monsenstein und Vannerdat

ISBN: 978-3-944369-32-7

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Zugegeben, der Gang der Handlung und die

darin vorkommenden Personen

sind frei erfunden.

Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß es sich so zugetragen haben könnte.

Statt eines Vorworts

Es ist eine Forderung der Natur,

daß der Mensch mitunter betäubt werde,

ohne zu schlafen. Daher der Genuß

im Tabakrauchen, Branntweintrinken, Opiaten.

Goethe, Maximen und Reflexionen,

Aus Kunst und Altertum 1821

Mann mit zugeknöpften Taschen,

dir tut niemand was zulieb.

Hand wird nur von Hand gewaschen.

Wenn du nehmen willst, so gib.

Goethe: Wie du mir, so ich dir.

Erstes Kapitel

Exitus, dachte Eddie Jablonski und starrte ungläubig auf die Ölpfütze, die sich, groß wie ein Leichentuch, über den Beton des Werkstattbodens ausbreitete und nur durch eine Handvoll Sägespäne daran gehindert wurde, auf ihn zuzufließen. Der blutige Auswurf eines waidwunden Tieres. Resigniert blickte er auf den Motorblock der Giulietta, den er mit ausgestreckten Armen gerade noch erreichen konnte, und zog heftig an seinem Glimmstengel, bevor er sich umdrehte und die Kippe durch das geöffnete Tor in den Innenhof der Werkstatt schnippte, in dem eine Ansammlung vergammelter Rostlauben auf einen vertrauensseligen Käufer wartete.

»Soll ich ihn wieder runterlassen?« fragte Fred, ein bleicher, hagerer Kerl in einem roten, dreckverschmierten Overall, und schickte sich an, einen Elektromotor in Gang zu setzen, der das Autowrack wieder auf den Hallenboden befördern sollte.

»Nee, laß mal, du solltest mir lieber die Löcher im Bodenblech zeigen«, entgegnete Eddie und vergrub seine Hände in den weiten Taschen seines Trenchcoats.

Fred nickte. An den schwarzen Ringen unter seinen Augen hätte man bequem eine Gardinenstange aufhängen können. In seinem ansonsten leichenblassen Gesicht regte sich keine Miene. »Der is’ total im Eimer, den kannste echt vergessen«, erwiderte er und stocherte wie zur Bestätigung des soeben gesprochenen Todesurteils mit einem langen Schraubendreher in den Eingeweiden der Giulietta herum. Ein feiner Regen aus Hundekot, Rostplacken und Farbresten prasselte auf ihn nieder. Fred hustete trocken, klopfte den Dreck von seinem Drillich und warf den Schraubendreher mit routinierter Zielgenauigkeit in den Werkzeugkasten, der neben der Hebebühne auf einem wackligen Holzstuhl stand.

»Ein Künstler wie du …«, begann Eddie hoffnungsvoll und ließ seinen Blick über die kantige Form der feuerroten Karosserie schweifen.

»Geschenkt«, unterbrach ihn Fred. »Das Ding ist eine Sparbüchse ohne Boden. Da drüben der Spider, ein Schnäppchen, nur zehn Mille, das wär was für dich. Geht in zwei Tagen durch den TÜV.«

»Bin ich Krösus? Meine pekuniäre Situation ist im Moment etwas angespannt …«, entgegnete Eddie mit einem Achselzucken. Ein Schicksal, das ich wahrscheinlich mit neunzig Prozent seiner Kunden teile, überlegte er noch, begann dann aber, fieberhaft zu rechnen: Zehn Riesen Kredit zu fünfzehn Prozent jährlich plus Steuern und Versicherung, das macht … Ein Schuldengebirge von ungeahnten Ausmaßen türmte sich vor seinem geistigen Auge. Der Spider würde das Zeitliche segnen, noch bevor er die Kiste abgestottert hatte.

»Und deine Frau? Die verdient doch auch ganz gut«, warf Fred ein, als er merkte, daß ihm das Geschäft seines Lebens durch die Lappen zu gehen drohte.

»Na ja, lange nicht gesehen, würde ich sagen …«, erwiderte Eddie, wobei er mit der Stiefelspitze einen Halbkreis in das Sägemehl zeichnete.

»Das ist kein Fehler!« lachte der hagere Mechaniker, der schon seit Jahren nicht mehr mit einem weiblichen Wesen an seiner Seite gesichtet worden war und in einer schlecht gelüfteten Kammer neben der Werkstatt wohnte. »Wie wär’s mit einem kosmischen Dieselbenz, zwei Mille, weil du es bist. Den Schrott da oben auf der Bühne nehme ich als Anzahlung.« Er deutete mit seinem ölverschmierten Daumen über seine Schulter.

»Wieso, ist der auch im Eimer?«

»Quatsch, ich bin eben ein Vollidiot und hab ein Herz für mittellose Penner«, feixte Fred. »Gib mir ’ne Zigarette und verschwinde, ehe ich mir’s anders überlege. Hier sind die Schlüssel!«

Jablonski nestelte eine Packung Roth Händle aus seiner Brusttasche und klickte mit dem Feuerzeug.

»Die Papiere sind im Handschuhfach«, ergänzte Fred zwischen zwei Lungenzügen, wandte sich grußlos um und stapfte mit hochgezogenen Schultern, dicke Rauchwolken hinter sich herziehend, eine Eisenstiege hinauf, die zu einem kleinen fensterlosen Büro im Dachgeschoß der Halle führte.

Der pechschwarze Benz hatte Heckflossen wie ein Haifisch und parkte neben einem Stapel abgewetzter Autoreifen unter einer baufälligen Pergola. Nur ein Kenner hätte dieses Kleinod automobilistischer Baukunst für fahrbereit erklärt. Wider Erwarten ließ sich die Fahrertür gewaltlos öffnen. Der abgestandene Geruch nach Schweiß, kaltem Zigarettenrauch und altem Maschinenöl, der ihm aus dem Wageninnern entgegenschlug, raubte Eddie fast den Atem. Dennoch schwang er sich beherzt hinter das wuchtige Lenkrad und ließ sich in die speckigen Lederpolster plumpsen. Er glühte den Motor vor, der, nach zwei vergeblichen Startversuchen, schließlich doch noch zum Leben erwachte. Direkt hinter dem verchromten Hebel der Lenkradschaltung erhob sich der kastenförmige Dom des Armaturenbretts. Dreiviertelvoll, registrierte Eddie befriedigt den Stand des Spritanzeigers. Mit einem asthmatischen Stöhnen verschwand die Seitenscheibe in einer Versenkung, als Jablonski die zierliche Kurbel drehte. Vorsichtig bugsierte er den Koloß auf den ungeteerten Feldweg und rumpelte im Schrittempo auf einen Bahnübergang zu, dessen Schranke geschlossen war. Das letzte Fossil einer aussterbenden Gattung ölfressender Dinosaurier, diagnostizierte Eddie seinen fahrenden Untersatz. Mit sich und der Welt im reinen, fingerte er einen Glimmstengel aus der zerknitterten Packung, zerrte den überquellenden Aschenbecher aus seiner Halterung und kippte den Inhalt achtlos auf die Straße. Ein laues Frühjahrslüftchen rieselte durch die Fensteröffnung und ließ ihn kräftig durchatmen. Er steckte die Zigarette an, inhalierte tief und blies den Rauch in den klaren, blauen Aprilmorgen. Nach zwei weiteren Lungenzügen widmete er sich dem Handschuhfach. Neben einer Rolle Blumendraht, zwei Biluxbirnen und einer vergammelten Packung Kondomen, Marke London superfeucht, deren Verfallsdatum vermutlich seit Jahren überschritten war, lagen, wie Fred versprochen hatte, die Fahrzeugpapiere.

Jablonski ließ die Gummis links liegen und kramte statt dessen die Geburtsurkunde des Benz hervor. Baujahr 68, vier Zylinder, 55 PS. Nicht die Welt, aber genug Kraft, um die Kiste jeden Berg hinaufzuziehen. Der erste Besitzer, ein Metzgermeister aus Wattenscheid, hatte seine Wurstfinger acht Jahre lang um das schwarze Lenkrad mit dem riesigen Hupenring gekrallt, bevor er den Benz an eine dieser Vorstadtmuttis übergab, die damit vermutlich ihre mißratenen Sprößlinge zur Schule brachte. Schließlich und endlich hatte Fred die Dieselkutsche übernommen und sie in einen fahrenden Dreckstall verwandelt, in dem er seine ramponierten Kotflügel, leckenden Öldosen und verbogenen Kurbelwellen zum Schrottplatz karrte. Dennoch erschien es Eddie, als habe ihm der Mechaniker seine liebste Freundin zum Geschenk gemacht.

Jablonski entschloß sich deshalb, den Kuhhandel mit einem ordentlichen Schluck Bier und einem doppelten Cognac zu begießen. Zu diesem Zweck steuerte er das Treibhaus an, ein Schicki-Micki- Lokal im Jugendstil, das sich die Bochumer Journaille neuerdings als Treffpunkt auserkoren hatte. Eddie parkte den Benz neben einem knallroten Ford Camarro, auf dessen Motorhaube ein überdimensionaler weißer Playboyhase mit gewaltigen Schlappohren prangte. Die Chromfelgen mit den hyperbreiten Reifen blitzten im Sonnenlicht und ließen keinen Zweifel daran aufkommen, daß der Besitzer Dauerkunde in einem dieser Geschäfte für potenzsteigerndes Autozubehör war, die sich gewöhnlich neben einem Bodyshop für Supermänner breitmachten.

Der Kerl, der gerade dem Sportflitzer entstieg, trug einen weißen Leinenanzug und weiche italienische Sportslipper. Die obersten Knöpfe seines fliederfarbenen Seidenhemds waren geöffnet und gaben den Blick auf ein schmales Goldkettchen frei. Der Mann nahm die schwarze Ray-Ban- Sonnenbrille ab und ließ sie an dem Lederbändchen baumeln, das er sich um den Hals gehängt hatte. »Winkelmann, altes Trüffelschwein!« begrüßte ihn Eddie, der ebenfalls ausgestiegen war und nun neben dem Camarro stand. »Gehört der etwa der Bank?« grinste Eddie, während er einen Blick in das Cockpit des Flitzers warf und belustigt die Augenbrauen hob.

»Hey Eddie, der Dichter fürs Lokale, kein Hemd in der Hose, aber La Paloma pfeifen!« erwiderte Winkelmann etwas aufgebracht mit einem abschätzigen Blick auf den Benz. »Nachtanken?« fügte er hinzu.

»Und du?«

 

»Mal sehen«, schloß Winkelmann die Begrüßungsrunde. Sie setzten sich an den runden Tisch unter dem bunten Glasfenster, der immer für sie reserviert war, kramten nach ihren Zigaretten, ließen die Feuerzeuge wie Pistolen klicken und pafften einige Züge, bis Winkelmann das Duell wieder aufnahm.

»Hast du diesen Mist verzapft?«

»Welchen?«

»Na hier!« Winkelmann deutete auf einen Artikel in einer Zeitung, die er aus der Seitentasche seines Sakkos gefischt hatte.

»Laß mal sehen!«

»Warte, ich les dir das mal eben vor: ›Bochumer Publizistikprofessor bricht Lanze für den kritischen Journalismus. Neue Medien, wie Lokalfunk und Kabelfernsehen müssen sich besonders den Sorgen und Nöten des Bürgers widmen …‹ Und hier: ›Gegen Hofberichterstattung zum Wohle der etablierten Parteien …‹ Jetzt kommt’s, Eddie: ›Studenten schreiben ihre Semesterarbeiten über heiße Themen aus der Region …‹ Wo sollen die denn herkommen? Da suchen doch schon Profis völlig vergebens«, schloß Winkelmann und biß die Zähne zusammen, so daß sich die Haut in seinem glattrasierten Gesicht fast zum Zerreißen spannte.

Eddie schwieg. Er wartete, bis Luigi, der Wirt, einen doppelten Cognac und zwei Pils gebracht hatte. Er kippte den Weinbrand in einem Zug hinunter und widmete sich dann genüßlich seinem Bier, bevor er antwortete. »Wieso, heiße Themen gibt’s wie Sand am Meer, bloß die Finger will sich keiner verbrennen!«

»Kritischer Journalismus, wenn ich das schon höre, da lachen ja die Hühner … Sex and Drugs and Rock ‘n’ Roll, daß ist es, was die Leute interessiert.«

»Na ja, Titten gibt es doch reichlich auf Kanal 3 zu sehen!« sagte Eddie und gönnte sich einen großen Schluck Bier, von dem er leise rülpste.

»Und wenn schon, dafür sind die Wortbeiträge auch nicht von Pappe!«

»Meinst du etwa deine eigenen?«

»Ach Quatsch … Klischees verkaufen sich eben gut, das weißt du selbst am besten! Jeder bekommt das, was er bestellt hat. Bezahlt wird später! Eddie, ist es nicht so? Du lebst doch auch vom großen Kuchen, gib’s doch zu. Aber nein, du spielst den großen Rührmichnichtan!« erregte sich Winkelmann, wobei seine Unterkiefer angriffslustig hervortraten.

»Winkelmann, du nervst mich!« Eddie hob das Pilsglas und leerte es. »Ich hab noch einen Termin, also bis dann …«, verabschiedete er sich und verließ das Lokal. Erst auf der Straße fiel ihm ein, daß er nicht bezahlt hatte.

Gerechtigkeit: Eigenschaft und Phantom der Deutschen.

Goethe: Maximen und Reflexionen

Zweites Kapitel

KLEINGARTENANLAGE RUHRFRIEDEN E.V. war in das halbkreisförmige Holzbrett geschnitzt, das auf zwei Pfosten genagelt war, die rechts und links neben einem Treppenaufgang standen, so daß das Brett die Stufen wie ein Baldachin überspannte. Die Frühlingssonne hatte ihren Zenit erreicht. Eddie hatte das Jackett ausgezogen und über die Schultern gehängt. Ich hätte den Cognac und das Bier nicht auf nüchternen Magen trinken sollen, ärgerte er sich, als er mühsam die Stufen hinaufkeuchte. Schon nach wenigen Metern war ihm speiübel. Er hockte sich auf eine der Steinstufen und atmete kräftig durch. Der Geruch nach feuchter Erde und frisch geschnittenem Gras tat ihm gut. Langsam spürte er, wie das Gefühl von Übelkeit quälendem Hunger wich. Nach kurzem Zögern kramte er die Zigarettenpackung aus seiner Jackettasche, steckte sich eine Fluppe an und inhalierte mit tiefen Zügen. Er spuckte einen Tabakkrümel, der auf seinen Lippen klebte, zu Boden und betrachtete interessiert den badewannengroßen Teich, der mit einem Drahtzaun abgesichert war. Ein Gartenzwerg mit einer Schubkarre mühte sich ab, einen Hügel aus Kies zu erklimmen, während sein Kumpel, der neben ihm stand, fröhlich grinsend ein Pfeifchen schmauchte. Etwa zwei Fuß hinter den Jungs betrachtete ein zartes Rehlein das Ensemble. Typisch, dachte Eddie, einer rackert sich ab und zwei gucken zu. Fast wie im richtigen Leben. Er stand auf und kletterte schwitzend die Treppe hinauf. Je höher er stieg, umso dichter wurde die Wichtelmannpopulation. Gnome, die dicke Rechen in ihren unförmigen Händen hielten, Kerle, die wie Seeleute im hohen Bogen in irgendeinen Tümpel pinkelten, Zwerge, die säckeweise irgendwelchen Plunder auf ihren runden Rücken schleppten, oder Heinzelmännchen, die ihre Sicheln geschultert hatten, um nicht vorhandene Bergwiesen zu mähen. Jablonski fühlte sich von dieser Wichtelgarde regelrecht verfolgt. Er spürte, wie sie hinter seinem Rücken gackerten, kicherten und sich über ihn lustig machten, während er sich asthmatisch wie ein Tattergreis den Berg hinaufquälte. Er war heilfroh, als er endlich die Kuppel des Hügels erreicht und diese idiotische Bande schwindsüchtiger Wurzelseppel hinter sich gelassen hatte. Er kam an eine Kreuzung, deren Abzweigungen jeweils wieder bergab führten. Jablonski wählte den Rosenweg, wie man es ihm am Telefon erklärt hatte, und stapfte den mit Asche bestreuten rechts und links mit hohen Hecken umsäumten Pfad hinunter, bis er einige Meter hinter einer scharfen Biegung vor einem Gartentor stand. Das Tor war aus Stahlstreben zusammengeschweißt, die exakt parallel zueinander verliefen und in deren Mitte sich ein nachgebildeter kleiner Spaten mit einem Metallrechen kreuzte. Das Ganze wirkte auf Eddie wie die feierliche Monstranz einer längst untergegangenen Proletenkultur. Rechen und Spaten statt Hammer und Sichel, austauschbar und gestürzt wie die Marx- und Leninstatuen in der Ex-DDR. Ein kümmerlicher Hinweis auf die verblichene Größe einer inzwischen harmlos gewordenen Arbeiterbewegung, degenerierte Insignien einer einstmals gewaltigen Streitmacht, die, wenn sie den Hammer fallen ließ, jeden Fabrikbesitzer dazu veranlaßten, mit den Zähnen zu knirschen, dachte Eddie, als er das Tor aufstieß.

Es waren höchstens zehn Schritte bis zu der Gartenlaube aus diesen rissigen, mit Teerfarbe gestrichenen Brettern, die für ein paar Mark in jedem Baumarkt zu kriegen waren. Der Schuppen stand zwischen einem frisch gejäteten Gemüsebeet und einer wie mit dem Lineal ausgemessenen rechtwinkligen Rasenfläche, auf der eine vergammelte Hollywoodschaukel still vor sich hinrostete. Rudi Vollmer, knorrig und kräftig wie ein Baumstamm, fuhr mit einer schnellen Handbewegung über sein verschwitztes, stoppelbärtiges Gesicht und die grauweißen, kurzgeschnittenen Haare, bevor er sich federnd wie ein Jüngling aus dem Gartenstuhl erhob, um Eddie die schwielige Pranke zu reichen.

Jablonski mußte unwillkürlich lächeln, als er Rudi musterte. Der Rentner wirkte in seinen kurzen grünen Gummistiefeln, der verwaschenen Cordhose, die von breiten Hosenträgern gehalten wurde, und der ausgebeulten Strickjacke wie ein grau gewordener Schulbub auf dem Abenteuerspielplatz.

»Ein Bier?« fragte Rudi, während sich Eddie auf der Schaukel niederließ.

»Ein Bier wär nicht schlecht«, nickte Eddie, »und was zu beißen«, fügte er hinzu.

Rudi verschwand wortlos in der Laube. Man hörte, wie eine Kühlschranktür zuschlug, das Scheppern eines Geschirrkastens und das Klappern von Tellern, die aufeinandergestapelt wurden. Bald darauf schleppte Rudi einen Campingtisch aus der Hütte und baute alles direkt vor Eddie auf. Auf dem Resopaltischchen türmten sich ein Sechserpack Bierdosen, eine Schüssel mit Kartoffelsalat und ein Frikadellenberg, so hoch wie der Mount Everest. Eddie schnappte sich ein Bier, riß die Blechlasche auf und ließ die Flüssigkeit in sich hineinplätschern. Dann widmete er sich den Frikadellen. Sie waren schwarz wie Eierkohlen und hart wie Bremsklötze. Ihm war das egal, er aß die Dinger mit wachsendem Vergnügen, nachdem er sie in eine ordentliche Portion Senf getunkt hatte.

»Man müßte se alle umbringen«, begann der Rentner zwischen zwei Bissen und nahm einen kräftigen Schluck aus der Blechdose.

»Spinnst du, Rudi? Gib mir lieber noch einen von deinem Aufgesetzten«, entgegnete Jablonski. Er lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und kramte nach einer neuen Zigarette.

»Nee wirklich, alle in einen Sack gesteckt und draufgehauen, triffste immer den Richtigen«, sagte Rudi.

»Wovon redest du eigentlich?« erwiderte Eddie nach zwei tiefen Lungenzügen.

»Dat weiß du do ganz genau, wo du doch vonne Presse bis. Ihr efahrt doch sowat als erstes, oder etwa nich?«

»Mensch Rudi, jetzt erzähl doch mal von vorne, ich versteh’ kein Wort«, drängte Eddie gespannt.

»Da müssen mer aber ers no einen drauf trinken«, verlangte der Rentner und goß die Likörgläser randvoll, ohne Jablonskis Antwort abzuwarten. Die Mittagssonne fing sich in den kleinen Gläsern und ließ den Schnaps glutrot wie einen Rubin leuchten. Sie prosteten sich zu und kippten den scharfen Aufgesetzten in einem Zug hinunter.

»Also, die Stadt will aus unseren Gärten ’nen Golfplatz machen, un dat laß ich mir nich gefallen, da könnt ihr alle Gift drauf nehmen, un dat mein ich au so!« erregte sich Rudi, wobei sich auf seinem stoppeligen Gesicht und dem Hals rote Hitzepusteln bildeten, die ihn urplötzlich steinalt aussehen ließen.

»Ja, und?« lachte Eddie und fuhr fort, »die Stadt stellt dir doch bestimmt eine neue Parzelle zur Verfügung, oder etwa nicht? Und für dein Gartenhäuschen kriegst du eine schöne Abfindung. Mit dem Geld fliegst du nach Mallorca und machst einen drauf! Mensch, Rudi, du hast die Rente durch. Warum gibst Du keine Ruhe und machst dir ’nen schönen Lebensabend? Tun die anderen doch auch!« Mein Gott, wie kann man nur so bescheuert sein, dachte Jablonski, der sich wie ein Sozialarbeiter wider Willen vorkam.

»Pah, Malorka, geh mich wech!« schimpfte Rudi. »Meinse, ich fahr in so’n Rentnersilo? So’n Betonklotz mit Katzenklo? Jeden Abend Schwoof aufm Hof, Ringelpietz mit Anfassen un so? Nee, weisse, dafür hab ich mich nich mein Leben lang kaputtgemacht, damit se mich na Spanien abschieben! Nee, im Ernst! Wenn die dat machen, bring ich mich um!« Rudis Augen bekamen einen fiebrigen Glanz.

»Du, Rudi? Du hängst doch am Leben wie kein anderer«, spottete Eddie.

»Wartet mal ab!!! Ihr werdet euch alle noch wundern!« wütete Rudi.

»Na, was hast Du denn vor?« fragte Jablonski, der nun doch etwas besorgt schien.

»Ers müssen mer no einen trinken, bevor ich dir dat sach!« triumphierte der Rentner, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte entschlossen die Arme vor seiner Brust.

»Nur zu«, nickte Eddie, der froh war, daß sich die Lage wieder etwas zu entspannen schien.

»Auf Dein Wohl, Eddie!« rief der Rentner und hob das Glas.

»Und?« hustete Eddie, der sich an dem Schnaps verschluckt hatte. Er kam sich vor, als sei er durch Zufall in den ersten Akt einer schlechten Komödie geraten.

»Ich sach nur eins: Hungerstreik!« ergänzte Rudi nach einer bedeutungsschwangeren Pause.

»Im Leben nicht!« staunte Jablonski. Das hatte er nicht erwartet.

»Doch!«

»Du? … Na, das kann ja heiter werden!«

»Ja, ich … und ich sach dir au, wieso!« wütete Rudi, der nun nicht mehr auf seinem Hocker zu halten war und deshalb aufstand, um eine Runde in seinem Schloßpark zu drehen.

»Paß auf! Nich nur, dat die Stadt uns die Gärten wechnimmt. Nee, dat is noch nich alles! Wenn wir auf dem anderen Gründstück, wat uns der Heini vonne Stadt, der Müller, angeboten hat, unsere Gartenhäuschen wieder aufbauen wollen, müssen mer da Trockenklos einbauen.« Der Rentner zog mit jedem Satz immer hektischer seine Runden. Er gestikulierte mit seinen großen Pranken, als stünde er vor einem Orchestergraben oder wolle eine Horde wilder Kleingärtner zur Attacke auf die Stadt zwingen. »Eher verreck ich, bevor ich mich auf so nen Bottich setz!« schloß er erschöpft.

»Und was hab ich damit zu tun?« fragte Eddie gelangweilt.

»Du machst die Werbung für uns, Pressekampagne oder wie dat heißt!«

O Gott, da vorne steht Don Quichotte, und ich soll bei seinem Ritt gegen die Windmühlen den Sancho Pansa spielen! Scheißjob, dachte Eddie entsetzt.

»Auf den Schreck brauch ich aber noch einen Schnaps. Rudi, du bist total verrückt. Wie kommst du nur auf so einen Blödsinn?« antwortete er schließlich mit einem besorgten Blick auf den Rentner, der ihn aufgebracht anstarrte.

Eddie fühlte sich plötzlich tausend Jahre alt. Der Alkohol war ihm zu Kopf gestiegen, daran hatten auch die versalzenen Frikadellen nichts geändert. Im Gegenteil, von diesen Dingern hatte er nur noch mehr Durst bekommen. Er hielt sich krampfhaft an seiner dritten Dose Bier fest. Er war todmüde, und die Zeit drängte. Es war bereits früher Nachmittag, und er saß hier, angetrunken und ohne die leiseste Idee für eine Story, die er täglich für den Stadtanzeiger abzuliefern hatte. Ihm schien es, als habe jemand einen Haufen Watte in seinen Schädel gepackt. Das Zwitschern der Amsel, die seit geraumer Zeit auf einem Ast eines Pflaumenbaumes hockte, donnerte in seinen Ohren wie ein tosender Wasserfall. Er setzte das Likörglas an die gespitzten Lippen und kippte das Zeug mit geschlossenen Augen hinunter, als wäre es die reine Medizin.