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JOHANNES SILVERI

Tiergeschichten

Tiere wie wir

Lyrik


Dachbuch Verlag

1. Auflage: August 2020

Veröffentlicht von Dachbuch Verlag GmbH, Wien

ISBN 978-3-903263-21-5

EPUB ISBN 978-3-903263-22-2

Copyright © 2020 Dachbuch Verlag GmbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Autor: Johannes Silveri

Lektorat: Teresa Emich

Satz & Umschlaggestaltung: Daniel Uzelac

Umschlagmotiv: NaMu Studio/Shutterstock.com

Besuchen Sie uns im Internet

www.dachbuch.at

Inhalt

Dugi und Manati

Bauer Franz

M. Fisch

Zum Autor

Dugi und Manati
Prolog zu Dugi

Im tiefen Ozean der Wal

zählt zu den Riesen allemal

er lebte da, geraume Zeit

seit einer halben Ewigkeit

Zwar respektiert und sehr pompös

doch etwas machte ihn nervös

– und sprach bei sich:

»Ich zweifle nicht

hoch über mir, da brennt ein Licht

ich bin, obschon es hier sehr flüssig,

des kalten Wassers überdrüssig

Es täte gut, auch den Gedärmen,

sich einmal kräftig aufzuwärmen!«

Der Wunsch, als Vater des Gedanken,

kennt keine hinderlichen Schranken

Nach diesem Schema formt der Geist

den Körper, wie sich stets erweist

und die Natur hierauf die Jungen

des Walfischs, rüstet aus mit Lungen

infolgedessen also wird

der erste Landgang ausgeführt

So mit der Zeit entsteh’n da auch

mit dickem oder dünnem Bauch

erschreckend oder wohlgestaltig

die Tiere, äußerst mannigfaltig

Den Saurier wohl jeder kennt,

der durch die Erdgeschichte rennt

Besonders sind wir angetan

vom Tiger mit dem Säbelzahn…

Obwohl sie alle längst vorbei

gibt’s noch verwandte Kumpanei

Der Stammbaum mag sie gern erwähnen,

weil wir bestückt mit ihren Genen

Das Nilpferd und der Elefant

und auch das Nashorn ist bekannt

Doch gab es wohl vor ihrer Zeit

ein Wesen, das den Schritt bereut

wenn auf dem Land die Erde bebte

und drum zurück zum Wasser strebte

Ihm wuchs nach kurzer Überlegung

die Flosse neu, zwecks Fortbewegung

Die Lungen aber hat’s behalten

und auch die Haut, mit kleinen Falten

Am Lande reifte die Erfahrung

drum dient ihm nur das Gras als Nahrung

trotzdem ist es so à la long

bedroht und heißt bei uns Dugong

Dugong und Manati

Von Mitgefühl zeigt keine Spur

mitunter Mütterchen Natur

vom großen Wal zum kleinsten Worm,

diktiert Funktion die äuß’re Form

Was schön erscheint, was widerlich

bleibt in der Gattung meist für sich

Zuweilen läuft’s aufs selbe raus

wenn alle ähnlich sehen aus

Sodass im Äuß’ren immerhin,

die Konkurrenz bleibt ohne Sinn

Und die Gesellschaft waltet friedlich,

weil alle Kinderchen gleich niedlich

Somit gibt’s keinerlei Extrem –

nur hin und wieder ein Problem!

Es kommt dem Gleichklang bös‘ dazwischen,

wenn sich die Interessen mischen

und »Ordnung« nur ein simples Wort

rasch sind die Harmonien fort

Der Gruppe Liebling, einst ergötzlich

die kalte Schulter spürt er plötzlich

es zählt nur mehr sein äuß’rer Schein…

nach der Funktion, fragt sich kein Schwein!

Wie mancher sich erinnern kann

gab’s die Geschichte von dem Schwan

der, in ein Entennest geboren,

den Selbstwert schließlich ganz verloren,

weil ihm die Bruder – Schwesterschar

vermittelt, dass er hässlich war

Und später erst, dem weißen Schwan

sich die »Geschwister« biedern an

Womit die Fabel deutlich zeigt,

dass Macht der Schönheit zugeneigt

beziehungsweise umgekehrt:

die Schönheit hebt die Macht aufs Pferd

was symbiotisch dann ganz klar

vom Nutzeffekt gesteuert war

Wovon ich aber jetzt berichte

ist eine andere Geschichte

Vielleicht hast du gehört – gelesen

von jenen korpulenten Wesen,

die in der Brake vor den Küsten

ihr »fades« Leben friedlich fristen,

wie etwa hier in diesem Delta

egal, ob wärmer oder kälter

weitab vom »Nahrungssucherzwang«,

der hier nur selten von Belang.

Auf Fluss und Meeresboden grünen

die Pflanzen für die »Mähmaschinen«

zufriedenstellend in der Menge,

weitab von einer Nachschubenge

Ein jeder kennt, so wie ich glaub‘

dieses Gerät, das saugt den Staub

ein Ventilator dreht sich schnell

und schlürft den Staub auf der Stell‘

Der dann bei einigen Modellen

in Beuteln, welche mächtig schwellen

– wenn sich der Konstrukteur nicht irrt –

mit Druck hineingeblasen wird!

Was soll, so fragt man lauernd – weich

der wenig passende Vergleich,

denn der Zusammenhang fehlt leider hier

ist der Staubsauger doch kein Tier?

– Das stimmt! Jedoch nicht das Gerät

ist’s, worauf der Vergleich hinspäht

Es ist der Beutel, der da quillt

dem unser Augenmerk jetzt gilt

Bewusstes Tier, ein Augenschmaus

sieht grad so wie ein Beutel aus

Auch fügt sich Form hier der Funktion

(das meinten wir am Anfang schon)

und Schönheit ist nur relativ

egal ob groß, ob krumm, ob schief

klein, groß, dick, dünn, kurz oder lang

nur wichtig im Zusammenhang

Wenn sie das Gruppenleben schützt,

weil sie der Arterhaltung nützt

und die Natur sorgt für Verpflegung

nach diesbezüglicher Erregung

und erst wenn diese abgekühlt

erscheint ein scharf gestelltes Bild

Wobei hier klarzustellen ist:

Schönheit wächst nur auf eig’nem Mist

Zum Beispiel hat der Mutter Sohn

beim ersten Schrei den Status schon

in seiner Eltern Sangsverein

der köstlichste Tenor zu sein

um, wenig später dann, als Hüne

(sie im Parkett, er auf der Bühne)

die Bretter, die die Welt bedeuten

bedeutsam auf und ab zu schreiten…

Und so auch hier! Zwar nicht »besungen«

doch freundlich murmelnd, weil gelungen

betrachtet, da er rund und strong,

den kleinen Sohn, Mutter Dugong!

Der gleich, von Hemmung keine Spur,

dem Rufe folgend der Natur

des Lebens unverschämte Lust

genießt von Mutter Dugongs Brust

Daran ist nichts, was andre stört,

weil es bei Dugongs so gehört

Zur Reifung der Entwicklungsphase

steigt Mutters Duft in Dugi’s Nase

so dass, während er Nahrung kriegt

auch weiß, dass er goldrichtig liegt

Denn auch der Nachwuchs der Dugong

entwickelt breit sich erst – dann long

Der Mutter Flosse er entfleucht

erst wenn das zehnte Jahr erreicht

um dann, als Jüngling sanft entlassen

gemischt in Gruppen, ruhig zu grasen

Im immergrünen Wassergarten

die nächsten Jahre abzuwarten

bis dann ein Wesen, das nicht männlich

signalisiert; »Wir sind uns ähnlich!«

Und damit zu erkennen gibt:

Wer gleicher ist, ist auch beliebt

Nun grast man lang im gleichen Takt

plötzlich, von Leidenschaft gepackt

(nach fünf, sechs Jahren oder mehr

ruft Eins das Andere sich her

und spricht, für Dugongs fast fanatisch)

»Ich glaub‘, du bist mir sehr sympathisch!«

»Lass uns im Kelpenwald verschwinden

– und alles Weit’re wird sich finden!«

So weit ist dieses vorgeseh’n…

erst gilt das Seegras abzumäh‘n

in Richtung auf den Kelpenwald,

der sicher hundert Jahre alt

Ein Duschvorhang der Wasserwelt,

der ständig schwankend niederfällt

geschmückt mit Blättern – Bändern bunten…

doch nicht von oben, sondern unten!

Wenn also hier was niederfällt

versteht sich’s, auf den Kopf gestellt

 

In diesen Wald verdrücken sich

die Dugong und – Dugongerich

Auch Mutter Dugong hatte hier,

vor Jahr und Tag »avec plaisir«,

hat wiederholt den Wald besucht

im Hinblick auf die Leibesfrucht,

die sich als »Nabel« ihrer Welt

auch brav und pünktlich eingestellt

und früh erkannt, als Phänomen…

groß war der Jubel »Ach wie schön!«

Der kleine Bengel pausebäckig,

die Faltenwülste glatt und speckig

Die Haut, so schimmernd graugrün – braun

für Dugongs prächtig anzuschau‘n

(wobei, was nicht als Mangel galt,

ein wenig rosafarben – alt!)

Als Sonderheit hervorgehoben

kein Hindernis den Tag zu loben,

der Rosa auch im Morgenrot

da diese Art ernsthaft bedroht!

Sogar der Vater kommt vorbei

zu seh’n, wess‘ Typ der Knabe sei

und gibt, weil man ihn so nicht kennt

recht aufgeräumt und eloquent

zu diesem Sohn den Kommentar:

»Als Vater bin ich wunderbar!«

Um also gleich in großen Zügen

das nächste Seegrasfeld zu pflügen

Zu Wolken hoch den Sand zu blasen

war pflichtgemäß jetzt aufzufassen

Als Zeichen wär’s am Land der Rauch:

»Der Klapperstorch war bei mir auch!«

Jetzt galt es kräftig sich zu stopfen,

um jenes derbe Schulterklopfen

des hocherfreuten Freundeskreises

(ein jeder von uns Vätern weiß es…)

wenn Lobesreden sich gestalten

in Würde dankbar auszuhalten

Zur Rührung stellt sich ein der Stolz

ein Dugong ist auch nicht aus Holz

So weit, so gut! – Im Delta steht

die Zeit, die nur rundum vergeht

Da kostet’s manchem Kopf und Kragen

in Schlachten – sinnlos nur geschlagen

sowohl am Land als auch im Meer,

doch dringt die Kunde nicht hier her

Strategisch ist das Delta nichtig

und daher friedvoll, weil nicht wichtig

Da Sand und Gras nicht von Bedeutung,

beschließt des Generalstabs Leitung,

nach Dienst »privat« in weißen Stutzen,

das Delta, »für den Sport« zu nutzen

Zu diesem Zwecke wird platziert

ein Kahn, der erst gekapert wird…

und dann, mit lustigem »Hurra«,

schleppt man ihn ab und ankert da

als würde hier der Feind vermutet

wobei ein Witzbold nochmal tutet

Dann wird es still. Sanft auf dem See

schaukelt der leere Kahn im Weh

der Altersflecken, die da rosten –

dann blitzt es einmal kurz im Osten

und noch, bevor die Stille bricht

zeigt sich das hässliche Gesicht

des Hasses – und mit ihm das Grauen

zerreißt den Kahn mit tausend Klauen

Na Prost! Der Schuss hat gut gesessen

Ist’s höchste Zeit für’s Abendessen

Bei einem Glas mit rotem Wein

(er mag noch von dem Kutter sein)

beginnt alsbald das Schulterklopfen

(zum Fisch gibt’s Bier aus Malz und Hopfen)

Wie flach ist manchem diese Welt,

wenn sie kein guter Geist erhellt

Der Rätsel Lösung scheint ihm leicht,

denn nur soweit sein Auge reicht

hat Wahrnehmung für ihn Bedeutung

sein Horizont ist seine Zeitung

die kaut er kurz, schluckt und verdaut,

was irgendwer statt seiner schaut

So auch in diesem »Übungsfall«

Ein gelber Blitz, ein dumpfer Knall

des Führungsstabes Selbstzweckpläne

die rechnen sich in der Fontäne

Im Kaderbunker heißt’s nur kuhl:

»Erfolgreich über Linie Null!«

Erwünschtes hat man gut geseh’n

Der Treffer war besonders schön

ein Gruß noch, militärisch knapp,

dann rückt des Chor gemächlich ab

Ganz ruhig ist jetzt das Wasser wieder

sobald der Hochstrahl fiel hernieder

war Sand und Gras, nur brauner Schmutz

für Kleingetier nicht länger Schutz

wer da noch schwamm in dieser Brühe,

der hatte mit der Durchsicht Mühe…

Der Sprengsatz hat die Seetangwiesen

gleich mit dem Grund hinweggerissen

Statt ihrer gähnt ein tiefes Loch

drinn‘ liegt ein Teil vom Schiffswrack noch:

das Heck. Der Name ist zu seh‘n

und auch das Bett vom Kapitän

Jetzt nur noch ein verbog’nes Eisen,

das Schiff hat Gundula geheißen

Der Rest von dem Gespensterbild

wird morgen erst an Land gespült

Jedoch, was kümmert uns der Kahn

da siedeln später Muscheln an

die manchmal mies in ihrer Art

doch glatt und glänzend, ohne Bart

Für Fische ist das Wrack ein Riff

grad richtig. Nicht zu seicht – zu tief

und irgendwann dann kann es sein,

zieht auch ein Tintenfisch hier ein

der in der Tinte sich verdrückt

grad unters Bett, das eingeknickt

nach dem Prinzip: Gleich ist’s zu spät,

wenn du nicht merkst, wohin es geht

Den Spruch: »Die Zeit heilt alle Wunden!«

Hat wohl ein blindes Huhn erfunden

als Trost nicht brauchbar, weil zu hart

bei Schmerzen in der Gegenwart

und wir somit, so noch vorhanden,

wieder bei uns‘ren Dugongs landen

Tatsächlich reißt die Explosion

die Mutter weg von ihrem Sohn

Auch ist nach all dem Knirschen, Krachen

der Vater nicht mehr auszumachen

Vor allem ist in diesem Dreck,

die Orientierung gänzlich weg

Der Dugong, den wir »Dugi« nennen

kann oben – unten nicht erkennen

Sein Ohr scheint taub, weil er nichts hört

Geruch, Geschmack ist auch gestört

und nur die Panik als Begleiter

hämmert ihm ein: Nur weiter, weiter!

Mit Schwanz und Flossen paddelt er,

begreifen kann er gar nichts mehr

in seiner Welt, die rundum friedlich

war er ein Held, so hübsch und niedlich

Für’s Leibeswohl gab es das Gras

in seinem Wasser, klar wie Glas

Wenn ab und zu ein Fischerboot

mit seinem dunklen Schatten droht,

der über’n hellen Sand gekrochen

war dies Gesprächsstoff für vier Wochen

Wurde gefischt in der Region

war dieses nichts, für Mutters Sohn

Sie hätt‘ so lang die Frevler walten

ihm beide Augen zugehalten,

so konnte er das Netz nicht seh’n

doch hören, wie die Fische fleh’n

Im Boot kümmert sich Keiner drum

für Menschen sind die Fische stumm

Noch einmal kurz die Fische toben,

wenn sie im Netz zur Luft gehoben

Was aber weiter dann geschieht…?

Die Mutter seufzt: »Das alte Lied.«

Vom Paradies kannst du vergessen,

die Fische werden aufgefressen!

Für einen Dugong unverständlich,

denn seine Nahrung wächst unendlich

beziehungsweise immer nach –

doch jetzt nicht mehr, weil alles brach

Im Vorwärtshasten schießt dem Tropf

so wirres Zeug nur durch den Kopf

Wie lange rudert er nun schon

vom Untergang der Welt davon

und hört nicht mehr die inn‘re Mahnung:

»Schwimm niemals ohne Plan und Ahnung!«

Weil der Instinkt hier nicht mehr nützt,

wenn ihm die Angst im Nacken sitzt!

Das Wasser ist noch trüb und schlammig

die Flosse streift am Boden schwammig…

Hier scheint die Stille nichts zu stören,

nur leises Rauschen ist zu hören

dazu ein leises Klacken – Klicken,

als schlüge jemand Stein in Stücken

Das Schwimmen fällt ihm seltsam schwer,

als schüb‘ er’s Wasser vor sich her…

(Dem Umstand misst Bedeutung bei,

nur wer in einer Strömung sei…)

Bisher war ihm der See bekannt

ein Wasser, das in Ruhe stand

Und aus der Ahnung folgt der Schluss:

»Oh je, ich glaub‘ ich schwimm im Fluss!«

In vielen Gute-Nacht-Geschichten

(der Dugongmütter erste Pflichten…)

wurde, indes der Sprössling gähnt,

manch Geographisches erwähnt

und er erfuhr, wenn auch nicht häufig

vom Fluss, der ihm deshalb geläufig

Im ersten Schrecken seiner Flucht,

als er das Weite nur gesucht,

in Wellen schwimmend auf und nieder

die Flossen zittern, (statt der Glieder…)

Mit seines Ruderschwanzes Hieben

hat es ihn zum Kanal getrieben

und dieser Zugang – ausgebaut

hat hier das Wasser aufgestaut,

das offen nun und mit Gesäuse

heftig entweicht durch eine Schleuse

Und das Geräusch der Steine rund

war das Geschiebe auf dem Grund

Zu seinem Kummer konnt‘ er seh’n,

dass hier auch keine Pflanzen steh’n

für Dugongs gar ein Missgeschick

die hungrig, sei’n sie noch so dick

Denn ähnlich wie das Heu für’s Pferd,

hat Seegras nur geringen Wert

und wird daher von diesen großen

Geschöpfen, tonnenweis‘ genossen

Da in der Pflanze wenig drinn‘,

hat diese Menge einen Sinn,

weil hier der Boden kahl und karg

wird Dugis Hunger doppelt arg

Beim Schwimmen braucht man sehr viel Kraft,

die durch die Nahrung angeschafft

weil in der Angst so schnell getaucht,

hat Dugi seine Kraft verbraucht

Im See war Tempo nebensächlich

man fraß und schwamm dort recht gemächlich…

Ermattet will der Dugi wenden,

mag sein Geschick im See halt enden

dort, wo monströse Feuerdrachen

ihr Feuer schrecklich bös‘ entfachen

Schon dreht er – da im Augenblick

heißt’s: »Hässlicher, warum so dick!?«

In einer Nische, die gemauert

hockt einer der auf and’re lauert

War dieser Spott auf ihn bezogen?

Denkt Dugi sich und schwimmt im Bogen,

ein wenig näher an den Kai

zu sehen, wer der Spötter sei

Und wirklich, soviel sieht man noch

die Ufermauer hat ein Loch

und daraus ragt, wie kann das sein

Ein Schlangenkopf, mit Äuglein klein

die Schlange hat sich wohl geirrt,

so wie sie auf den Dugi stiert

Im trüben Wasser kaum zu seh‘n

wie er gebaut, zwar fest, doch schön

Denn Dugongs gelten dann für »chic«,

wenn sie nicht schlank, doch auch nicht dick

Noch nie war‘s nötig, weil beleidigt,

dass Dugi sich deshalb verteidigt

Ein übler Scherz ist dieses eher,

nur zögerlich schwimmt Dugi näher

er muss sich gegen die Strömung stemmen,

den Spruch kann er nicht wörtlich nehmen

»Für dich bin ich vielleicht ein Dicker

doch was bist du, ein Kartenzwicker

der jedem, der den Fluss bereist,

als Pförtner in die Flossen beißt

Ich wieg‘ schon stolze Hundertvier

und was bist du – ein dünnes Tier!«

Bei Dugi hat der Fremde Pech

Dugongs sind schelmisch, manchmal frech

der Schlangenkopf ist irritiert

Was er jetzt wohl entgegnen wird?

»Wer sich bei mir gut benimmt,

wenn im Fluss er aufwärts schwimmt

und kommt dann an mir vorbei

gebe ich den Weg auch frei

Aber dir rat‘ ich zur Achtung!

Bei genauerer Betrachtung,

siehst du meines Mauls Zähne

ich bin ›Malm‹, die Grundmuräne

Na, jetzt ist dir sichtlich bang

denn ich bin zwei Meter lang!«

»Sag‘ wie passt denn deine Länge

hier in dieses Loches Enge

Bist du nicht vielleicht zu schlank

 

oder etwa Magenkrank?

Ich seh‘ nur den Kopf im Loch,

komm heraus, beweg‘ dich doch!«

Malm ist sprachlos und betroffen,

ratlos bleibt ihr Maul offen

so sehr ist sie überrascht…

heut‘ noch keinen Fisch genascht

Trotzdem soll der Dicke büßen

und zwar an den Ruderfüßen

oder an den Vorderflossen,

faucht sie grantig und verdrossen

Doch bei diesem großen Vieh,

weiß man wo nicht oder wie

»Lass dich einmal noch hier blicken,

werd‘ ich dir in die Wampe zwicken

Besser zieh‘ ich an den Ohren

hier hast du nichts mehr verloren!«

Dieser Spruch ist zwar famos,

aber völlig wirkungslos

Zwar hat Dugi gute Ohren,

doch die Muschel längst verloren

alles glatt wie bei der Ente

woran Malm nun ziehen könnte?

Keiner kann den anderen leiden,

soviel wissen jetzt die beiden

Dieser hat Salat am Tisch,

jener frisst nur Fleisch und Fisch

Einer schlank, der and‘re dick

doch der Fluss ist lang, zum Glück

Mehr ist nicht dazu zu sagen –

besser man stellt keine Fragen

Nähert sich dem Loch ein Fisch

saust sie raus, in einem Zisch

und – kaum hast du es geseh’n

ist das Unglück schon gescheh’n

Für das Fischlein freilich nur,

es verschwindet ohne Spur

Für die traurige Erkenntnis

fehlt dem Dugi das Verständnis

Malm, die ihn recht bös‘ anschaut,

kann auch nicht aus ihrer Haut –

Dugi lässt’s dabei bewenden,

will nur diesen Streit beenden

Malm ist ein gemeines Vieh…

Freunde werden die beiden nie

Dieser Ort! – Ein Fischegrab…

also dreht der Dugi ab

Nicht zu schnell, doch elegant

so, als wär‘ ihm unbekannt

was gemeinhin Furcht genannt

Abgeseh’n von diesem Reim,

Dugi ist hier nicht daheim

kennt, weil ja noch jung an Jahren

nicht den Großteil an Gefahren,

der in diesem Fluss noch lauert

möglich, dass die Reise dauert

Rauf den Fluss! – Wenn auch beklommen,

doch an Malm vorbeizukommen

hat er, der Gefahr bewusst,

bis auf Weiteres keine Lust

Also wedelt er recht häufig

mit der Flosse – blickt beiläufig

noch einmal zu Malm zurück

die sich grad verkriecht – zum Glück!

Wieder wirkt ums schwarze Loch

dort das Wasser friedlich – noch!

Können Fische etwa lesen?

Besser wäre es gewesen

an dem Loch, vor allen Dingen

eine Warnung anzubringen

Oder gleich mit einem Pfropfen,

dieses Loch ganz zu verstopfen

Damit könnt‘ man begründen

Malm mög‘ gänzlich hier verschwinden

Schwimmend ins Problem versunken,

hat er wohl zu viel getrunken

Aus des Flusses dunkler Gruft

muss er schleunigst an die Luft,

um der Lungen Drang zu stillen

sich mit Sauerstoff zu füllen

Möglichst rein und möglichst frisch

wie der Wal, ist er kein Fisch

Atmen muss er regelmäßig,

ohne Luft wär’s recht bald »Essig«

Also fragt man sich verdutzt,

wie ein Fisch die Luft benutzt

eine Antwort muss es geben,

denn auch er braucht Luft zum Leben

Nun man hat herausgefunden,

dass im Wasser Luft gebunden

Die als Bläschen winzig klein

(für das Auge viel zu fein)

durch das Maul und die Kiemen,

aller Art von Fischen schwimmen

Ob im Meer, im Fluss, im See

wie der Filter beim Kaffee

filtert sich der Sauerstoff

aus dem Wasser, wie ich hoff‘

denn die Sache wird nur rund,

wenn das Wasser auch gesund

Doch genug der Theorie:

An die Luft! – Jetzt oder nie!

Keiner sollte übertreiben

und zu lange unten bleiben

Dugongs fühlen sich nur wohl,

wenn die Lungen wieder voll

Zum Vergnügen Luft zu spüren,

kann der Dugi auch riskieren

wenn auch, mit gespannten Nerven,

einen Blick rundum zu werfen

um was Neues zu erspähen…

aber, da ist nichts zu sehen

Fluss und Ufer mittlerweile

rabenschwarz! Nur dunkle Teile,

die am Ufer klumpig hocken

seltsam kantig, kalte Brocken

Nicht einmal das kleinste Licht,

durch den schwarzen Schatten bricht

Auch die Luft, sie ist zwar da

doch nicht, wie sie vorher war

Ein Geruch, den jeder kennt

wenn man alten Müll verbrennt,

liegt in ungut dichten Schwaden

ätzend giftig aufgeladen,

wie ein Ofenrohr mit Ruß

bleiern schwer, auf Land und Fluss

Hat es immer so gerochen

wenn die Nacht schon angebrochen?

Und ein Dugong froh und brav

liegt um diese Zeit im Schlaf?

Wie sich eins zum andern fügt

hat’s zum Atmen kurz genügt

Doch nach noch sovielen Malen,

Dugi war nie aufgefallen,

dass die Luft so garstig stank

weil rundum schon alles krank

Ach, es wäre gut zu rasten

statt halbblind davon zu hasten

Aber wo? Sein altes Lied

singt der Fluss, der weiterzieht

…und wer da nicht aufgepasst,

wird im Schlaf von ihm erfasst

und getrennt von seinen Lieben

immer weiter abgetrieben

Dieser Fall tritt hier nicht ein,

Dugi ist jetzt ganz allein

Eltern, Freunde, Spielgefährten

und es Deltas stille Gärten

worin er geprasst so gerne

sind in seltsam weiter Ferne

einsam ist er, traurig – arm

und das Wasser viel zu warm.

An der Böschung, seitlich schwimmend

mit der Strömung, manchmal glimmend

taucht ein fahles Lämpchen auf

und verlöscht sogleich darauf

Das sind leuchtend kleine Fische…

aber halt! – Hier eine Nische

in der sich das Wasser dreht,

weil die Strömung darin steht

Zwar ist diese Mulde klein,

doch der Dugi passt grad rein

Wenn er schlafen will noch heut‘

ist es jetzt die höchste Zeit…

noch einmal den Luftzug nutzen

(statt den Dugizahn zu putzen)

und ihn – riecht er auch nach Kohlen

in die Lungen tief zu holen

Dugis Hast ist zu begründen,

er muss seine Mulde finden

die, im Flussett tief verborgen,

ihm zur Schlafstatt dient, bis morgen

Hoffen wir, dass es gelingt

den besonderen Instinkt

(eine der bestaunten Gaben,

die die Dugongs alle haben)

Auch im Dunkel einzusetzen,

ohne sich gar zu verletzen

Wie zum Beispiel seinen großen

Kopf – an einem Stein zu stoßen

Keiner weiß, wie er das macht

find’t den Weg auch in der Nacht

setzt dabei wohl listig – fein

seine Schnurrbarthaare ein

Auf dem Kopf hat er die Glatze

aber Schnurrhaar, wie die Katze…

Also los! Der Dugi taucht,

weil er endlich Ruhe braucht

dieser Tag war schlimm genug,

enden sollte hier der Spuk

darum wird, weil es schon eilt

gleich die Richtung angepeilt,

die ihm noch erinnerlich…

schräg nach unten, findet sich…

etwa in der Mittellage –

seine Mulde, keine Frage

Sparsam mit der Luft! Die großen

Paddel seiner Hinterflossen,

nur mit halber Kraft betrieben,

ihn sanft in die Richtung schieben

(Dugongs sind sehr sanft geartet…)

dahin, wo die Mulde wartet

Weil der Weg ihm wohlbekannt

sinkt der Dugi recht entspannt,

direkt auf die Grube hin

doch, da ist schon einer drinn‘!

Dazu könnte man sich fragen,

wo parkt unsereins den Wagen

wenn er abends müd und lange,

mühsam in der Autoschlange

schon vom Lichtspiele verwirrt,

parkplatzsuchend heimwärts irrt

Was du gratis so erfährst:

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!

Doch wir sind nicht in der Mühle,

Dugi prüft seine Gefühle

Ärger mischt sich mit Erstaunen

unter seine milden Launen

Wie verhält man sich dabei,

wenn der Gegner winzig sei

Außerdem wird ihm jetzt klar,

warum die Sache leichter war

Weil es ihm beim Tauchen deuchte,

dass da unten etwas leuchte

Fahl und blässlich – violett

scheint es aus dem Muldenbett

Einer von den Leuchterfischen

schummelte sich da dazwischen

hat, auch wenn verschreckt, verdutzt

Dugis Mulde frech benutzt

Da war guter Rat jetzt teuer!

Für den Fisch ein Ungeheuer

eine Wolke schwer und breit

wälzt sich aus der Dunkelheit

Länger als der Zeppelin –

und zerquetscht ihn – immerhin

Hier hilft nur die rasche Flucht

jenem, der nach Rettung sucht

Erst einmal das Licht ausschalten,

um sein Leben zu erhalten

und die Finsternis benützen

affenartig wegzuflitzen

Freilich mit dem Risiko

schlafen bitte, wann und wo?

Doch zu Fischeleins Erstaunen

hört es jetzt die Wolke raunen:

»Hör’n Sie mal, ich dachte mir

heute Nacht, da schlaf‘ ich hier

Diese Mulde schien bequem

in den Massen recht genehm

um zu bergen – so die Meinung

meine stattliche Erscheinung!«

Worauf kann ein Fischlein hoffen,

bleibt ihm schier das Mäulchen offen?

Um nur jene zu erwähnen,

die sich nach Bedeutung sehnen

nach der Pause von der Jagd,

die den kleinen Fisch stets plagt

Zwar hat er die flinken Flossen

doch das Recht wohnt bei den Großen

Nie, noch nie in all‘ den Wochen

hat wer so zu ihm gesprochen

Denn von allerlei Getier

hieß es nur: »Verschwinde hier!«

Dazu drohende Gebärden:

»Gleich wirst du gefressen werden –

kleiner Fisch, der Ruhe sucht

Rettung liegt nur in der Flucht!«

Warum ist er nicht schon weg,

sucht, wie immer ein Versteck

Wenn ein Untier von den Großen,

ihn von seinem Platz verstoßen!

Doch in dem Fall denkt er sich,

irgendwas ist wunderlich

Dieses riesengroße Vieh

sagt zu ihm tatsächlich »Sie«

Hat der Riese ihn geneckt

oder gar vor ihm Respekt?

Höflich ist man hier im Fluss,

nur wenn man es wirklich muss

Kleine werden unterdessen

gern von Großen aufgefressen

Beispielsweise die Cousine,

machte eine gute Miene

als bei einem bösen Spiel

so ein Barsch sie überfiel,

Während einer ihrer Reisen

wollte er sie rasch verspeisen

Doch sie macht, was er nicht kennt,

ihm ein tolles Kompliment

und dieweil er sich noch ziert

haut sie ab, wie gut geschmiert

lässt den Barsch, das Maul offen

steh’n, von Eitelkeit betroffen!

Dugi weiß nicht, was jetzt wird

hat er sich im Ton geirrt?

Denn bei Malm war dieser rüde,

aber jetzt ist er schön müde

Will, das muss der Fisch doch seh’n

ohne Umschweif schlafen geh’n

Doch sein Vorschlag, unerhört

scheint wohl keiner Antwort wert

»Also, hör’n Sie noch einmal,