Laramie-Saga (6): El Rey, der Schrecken New Mexicos

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Nein, es war keine Frage, es war eine Feststellung.

„Ja“, kam die knappe Antwort.

Diana spürte, wie Tyler tief durchatmete und schluckte. Plötzlich zog er sie mit festem Griff ganz dicht an sich und drehte sich gleichzeitig zu ihr hinüber, so dass er sie beinahe unter sich begrub. Sie spürte wohlig sein Gewicht, welches sie niemals als einengend oder belastend empfand, und sie hörte ihn flüstern: „Ja, Babe. Und ich hasse es, zu gehen.“

Dann küsste Slim sie – zunächst sehr zärtlich, dann immer fordernder, immer leidenschaftlicher. Bald griff das Feuer der Gefühle auf seine Frau über, und sie brannte lichterloh. Viele leidenschaftliche Momente später lag sie in seinen Armen und schlief glücklich ein. Der Rancher aber fand noch immer keine Ruhe.

Aus dem Nebenraum klang leises Gemurmel. Auch Yates schlief nicht, aber das Gemurmel klang anders als sein übliches kehliges Raunen, dem meistens ein leises unterdrücktes Lachen Susans folgte.

Der Texaner hatte, nachdem er sein Schlafzimmer erreichte, noch zwei, drei Whiskeys gekippt. Susan ließ ihn gewähren. Sie wusste, wie ihm zumute war. Als er sich ins Bett legte, kuschelte sie sich an ihn und streichelte wortlos seinen Rücken. Es dauerte eine ganze Weile, bis er reagierte, doch dann sagte er: „Susielein.“ Er zog das „i“ in der ihm eigenen Art in die Länge, und er drückte all seine Zärtlichkeit damit aus. „Du kannst dich erinnern, welche Bedingung du daran geknüpft hast, mich zu heiraten?“

„Ja, ich weiß, Jess.“

Natürlich wusste Susan es, und natürlich würde sie niemals vergessen, was sich damals zutrug. Yates hatte sie das erste Mal in dem Hotel in Arcola gebeten, ihn zu heiraten, und sie lehnte seinen Antrag schlicht und kurz ab mit den Worten: „Nein, Jess.“

„Ich dachte, du liebst mich?“

„Oh ja, Jess. Und gerade deshalb kann ich es nicht. Ich liebe dich so, wie du bist, frei und ungezähmt. Ich liebe den Berglöwen, nicht den Hauskater.“

Doch Jess wollte sie unbedingt zur Frau. Ausgerechnet er, der Mann, niemals heiraten wollte. Immer wieder auf dem Weg zurück von Arcola zur Tyler-Ranch bat er um ihre Hand. Oh ja, er konnte sehr charmant und einfallsreich sein, und schließlich gab Susan nach. Allerdings knüpfte sie ihr Ja-Wort an die Bedingung, dass sie beide ihre Freiheit behielten und die Heirat auch ihr Geheimnis bliebe. Nur ganz wenige Menschen sollten davon erfahren, und so war es auch bis heute geschehen.

Susan ahnte, auf was ihr Mann mit seiner Frage hinauswollte, und ihr war nicht wohl dabei. Da sagte Jess auch schon: „Susan. Ich muss fort. Wir haben wertvolle Pferde verloren – dreißig Stück, drei unserer Männer mussten sterben, und Old Straggly wurde ermordet. Das alles ist allein meine Schuld, und darum werde ich auch allein reiten.“

Susan zweifelte nicht daran, dass er Pete schnappen würde. Sie kannte seine Beharrlichkeit und Ausdauer, ein Ziel zu verfolgen, aber dass er ihm allein folgen wollte, das behagte ihr ganz und gar nicht.

„Reite doch mit Slim. Dreißig Pferde alleine zurückzubringen ist selbst für dich nicht ganz einfach.“

„No, Susan. Ich allein habe Slim diesen ganzen Schlamassel eingebrockt, also werde ich alleine auch die Sache wieder ins Reine bringen.“

„Aber Slim meinte auch, Canga hätte einen Komplizen. Jess, du stehst dann gegen zwei Männer, stehst allein gegen zwei skrupellose Verbrecher.“

„Ich habe in meinem Leben schon öfter gegen zwei gestanden, und manches Mal auch gegen mehr. Außerdem glaube ich nicht an einen Komplizen. Canga war immer ein Einzelgänger, so wie ich. Dass wir eine Weile zusammen geritten sind, war eher für ihn und für mich eine Ausnahme. Und er versteht seinen Job. Er weiß, wenn er das Leittier der Herde am Seil mit sich führt, folgt der Rest. – Susan, ich muss gehen. Mit dem ersten Licht will ich unterwegs sein!“

Susan wusste, sie konnte Jess nicht aufhalten, und so drückte sie still ihr Gesicht gegen das seine. Eine ihrer Tränen erreichte seine Lippen. Yates küsste sie, dann zog er sie an sich, und er liebte sie. Susan spürte die Veränderung. Es war anders als sonst. Ja, er war immer sehr stürmisch und leidenschaftlich, aber dieses Mal schien es so eine Art Ausdruck der Verzweiflung zu sein, beinahe so, als wäre es das letzte Mal … Er war wild und unbeherrscht, und als sie endlich zur Ruhe kamen, bemerkte sie kurz so eine Art Schluchzen. Ja, Susan hatte recht, es war eine Art Schluchzen. Aber es war kein Ausdruck von Traurigkeit, sondern vielmehr Ausdruck seiner wilden Wut, seines unbändigen Zornes, ja, beinahe seines Hasses. Er wollte nicht fort von all diesem hier – von der Ranch, die sein Zuhause war, von seinen Aufgaben. Und vor allem nicht fort von Susan. Und dann gab es da gegen seinen Willen wieder etwas in seinem Leben, das ihn zwang, fortzugehen. Nein, er wollte es nicht, aber er musste, und er hatte dieses Mal ein verdammt schlechtes, ungutes Gefühl dabei.

Gegen Morgen stand Jess auf und zog sich an, dann schlich er aus dem Raum.

Trotz Yates’ Versuch, so leise wie möglich zu sein, hörte Tyler das Geräusch, und auch er stand beinahe unhörbar auf, um Diana nicht zu wecken. Rasch kleidete er sich an. Nein, er wollte keinen Abschied. Diana wusste ja, was er plante, und auch, dass sein Bett leer sein würde, wenn sie erwachte. Diana aber schlief nicht, sondern sie beobachtete ihn. Mit Gefallen betrachtete sie seine hoch gewachsene, kräftige Statur, die sich in der Dämmerung gegen das Fenster abzeichnete. Gerade, als Slim beabsichtigte den Raum zu verlassen, hörte er ihre Stimme, hörte ein leises, fragendes „Slim?“

Sofort war er bei ihr und kniete sich halb neben ihr Bett.

„Ich dachte, du schläfst, und ich wollte dich nicht wecken.“

„Nein, ich schlafe nicht, Slim.“

Er küsste sie sanft, und er spürte, wie erneut das Verlangen nach ihren Zärtlichkeiten in ihm erwachte. Schnell sagte er „Ich muss los, Kleines. Ich habe gehört, wie Jess hinuntergegangen ist.“

„Ja, Slim, ich weiß. Ich weiß, dass du gehen musst, und ich weiß, dass dich nichts und niemand aufhalten kann; auch ich nicht.“

Tyler lächelte sanft und streichelte ihr Haar.

„Ich komme so bald wie möglich zurück“, sagte er leise.

„Tu das, und pass auf dich auf!“

„Und du lass dir die Zeit nicht lang werden“, erwiderte Tyler.

„Nein, Slim. Ich denke, Susan und ich reiten zur Carpenter-Ranch, um Clarissa ein wenig beim Wachsen zuzuschauen.“

Sie dachte an ihre entzückende Nichte und lächelte bei dem Gedanken an das Kind.

„Ja, macht das. Und … lass dich ein bisschen mit all dem Komfort, den es dort gibt, verwöhnen. So etwas kann ich dir nicht bieten.“

„Nein, so etwas kannst du mir nicht bieten.“

Diana schmiegte ihre Wange an seine schwieligen Hände. Sie dachte an die vergangene Nacht. Nein, den Komfort der Carpenter-Ranch konnte er ihr nicht bieten, aber auf das, was er ihr bieten konnte, wollte sie auf gar keinen Fall verzichten.

Mit einem letzten leisen „bye“ verließ Tyler das Zimmer.

Yates war unten in der Speisekammer, um seinen Proviantbeutel zu packen. Tyler wusste genau, wie sein Freund reagieren würde, und so überraschte ihn dessen barsches „Was tust du hier? Versuch nicht, mich aufzuhalten!“, begleitet von einem aggressiven Funkeln der stahlblauen Augen, in keiner Weise.

„Ich halte dich nicht auf, Jess. Ich komme mit.“

„Oh no, Slim. Das ist eine Sache ganz alleine zwischen Canga und mir!“

„Ist sie nicht. Es sind meine Pferde, die er gestohlen hat, und es waren meine Leute, die sterben mussten.“

In Momenten wie diesen kam deutlich zum Ausdruck, dass er, ganz allein er, der Boss war. Yates hasste diese seltenen Augenblicke, in denen Slim ihm das zeigte, denn schließlich waren sie seit vielen Jahren Partner. Wut stieg in ihm hoch, und er hatte eine patzige, scharfe Antwort auf den Lippen, aber er schwieg und fuhr fort, Proviant einzupacken. Slim kochte Kaffee, schnitt Brot und briet Speck und Eier in der großen, schweren Pfanne. Yates warf einen Blick hinüber, und als er sah, wie Tyler zwei Tassen und zwei Teller auf den Küchentisch stellte, war ihm der Gedanke, nicht allein reiten zu müssen, mit einem Mal doch recht angenehm.

Sie frühstückten schweigend. Nur einmal murmelte Yates „Was ich nicht verstehe ist, was der Kerl mit so vielen Pferden vorhat.“

„Das verstehe ich auch nicht“, erwiderte Tyler.

Die Freunde rasierten sich mit dem Rest des heißen Kaffeewassers, dann gingen sie hinaus, um ihre Pferde zu satteln.

Oben im ersten Stock stand Susan auf und ging hinüber zu Dianas Zimmer.

Sie klopfte leise an die Tür und fragte sacht „Sis?“

Die Antwort war ein geflüstertes „Komm herein, ich schlafe nicht“, und Susan folgte der Aufforderung rasch. Dann schlüpfte sie zu Diana ins Bett, so, wie die Zwillinge es von Kindheit an oftmals getan hatten, besonders, wenn Kummer sie plagte. Sie erzählten sich gegenseitig von den Gesprächen mit ihren Männern, und nach einer Weile hörten sie das Getrappel von Pferden. Tyler und Yates waren auf dem Weg.

Später am Morgen gingen die Frauen hinunter zum Frühstück. Sie berichteten Violet, Benny und Josy, die auf der Ranch übernachtet hatte, von dem Vorhaben der Männer, als von draußen das Herandonnern der Postkutsche zu hören war. Benny beeilte sich hinauszukommen, um das Pferde-Team zu wechseln. Es dauerte nicht lange, bis Noah eintrat, um einen Kaffee zu trinken und nachzuschauen, ob vielleicht noch ein Stückchen Kuchen vom Vortag übrig war. Natürlich war noch mehr als nur ein Stückchen übrig, denn Violet hob stets extra für ihn etwas auf. Rasch brachte sie es zum Esstisch – schon bald musste die Kutsche weiter.

„Morning“, grüßte der Fahrer freundlich. Dann fragte er: „Sind Slim und Jess nicht da? Sind sie schon wieder draußen, um den Rest des Viehs zu suchen?“

 

„Die Jungs sind nicht da“, antwortete Violet sanft, und das Unbehagen über diesen Umstand klang aus ihrer Stimme. Noah blickte sie fragend an, und Violet erzählte ihm die ganze Geschichte.

Das Gesicht des Kutschers drückte Unbehagen aus.

„Hoffentlich müssen die beiden nicht in die Gegend von Cripple Creek oder so.“

„Nun, sie haben jedenfalls erzählt, dass die Spuren der gestohlenen Pferde nach Süden führen“, erwiderte Violet, und ihre Stimme klang besorgt, als sie fragte: „Was ist denn los in der Gegend von Cripple Creek?“

„Nun“, erwiderte Noah, „aus der Gegend da wurden etliche Überfälle gemeldet – auf Reisende, auf Ranches, auf Siedlungen, auf alles Mögliche, auch wenn nur ein paar Dollars, ein bisschen Schmuck oder sonst was zu holen ist. Vor allem aber auch auf Waffen und Munition scheinen die Burschen es abgesehen zu haben.“

Die Frauen blickten sich an. Sorge stand in ihren Gesichtern, und betretenes Schweigen breitete sich aus. Da trat Benny mit einem fröhlichen: „Das Team ist gewechselt! Rollin’ on!“, ins Zimmer. Noah erhob sich und verabschiedete sich schnell. Er war irgendwie froh, dass sich die Situation auflöste. Fragend blickte der Junge ihm nach, doch dann erzählte ihm Violet von dem, was der Fahrer berichtet hatte. Nachdenklich ging Benny hinaus, um sich seiner Arbeit zu widmen.

Drinnen halfen die Zwillinge Violet und Josy ein wenig, dann beschlossen sie, zur Carpenter-Ranch zu reiten.

Diana bat Benny, Fairy und Spellbound zu satteln, und bald machten die Frauen sich auf den Weg. Sie freuten sich auf eine etwas längere Zeit mit ihrer Familie, vor allem aber natürlich mit ihrer entzückenden kleinen Nichte.

***

Tyler und Yates kamen gut voran. Die Spuren von dreißig Pferden waren selbst für jemanden, der keine Fährten zu lesen verstand, nicht zu übersehen, und der Abstand wurde mit jeder Meile geringer. Es würde nicht mehr lange dauern, dann könnte der Texaner mit seinem ehemaligen Freund abrechnen.

Geübt schweifte der Blick der Männer über die Fährten, die vor ihnen lagen. Die Richtung änderte sich nicht – sie führten konstant nach Süden. Yates ritt hart, und Slim folgte ihm. Der Abend nahte, und es wurde Zeit, sich nach einem Platz für die Nacht umzusehen, doch der Texaner machte keine Anstalten, sein Tempo zu verringern.

Inzwischen tauchte die Abendsonne das karge Land in ein dunkelrotes Licht, in das die schroffen Felsen lange schwarze Schatten warfen – bald würde es vollkommen dunkel sein. Schließlich stupste Tyler Thunder sacht die Sporen in die Flanken und ritt neben den Freund.

„Hey Jess, es wird Zeit, sich nach einem Camp umzuschauen.“

Ein vorwurfsvoller Blick aus stahlblauen Augen war die Antwort und dann ein kurzes: „Nein. Ich reite weiter. Vielleicht kriege ich ihn heute noch.“

Trotzig, so, als wolle er seine Worte bekräftigen und jegliche Widerrede ausschließen, trieb der Texaner sein Pferd zu noch höherer Geschwindigkeit und jagte davon, ohne sich weiter um seinen Freund zu kümmern.

Tyler wusste – es hatte keinen Sinn zu versuchen, Yates aufzuhalten, und so trieb auch er Thunder heftig voran. Es dauerte die übliche kleine Weile, bis das gewaltige Tier sein eigenes Gewicht und das seines Reiters auf Tempo brachte, doch dann stob es in der üblichen Weise los – schnell, stark und unaufhaltsam wie eine Lokomotive. Der Abstand zwischen Yates und dem Rancher verringerte sich mit jedem mächtigen Galoppsprung. Plötzlich passierte es: Flash, ausrechnet der überaus trittsichere Flash, dem es an sich gelang, jedem Präriehundbau geschickt auszuweichen, geriet mit der Vorderhand in ein tiefes Erdloch. Sein rasanter Lauf wurde jäh gestoppt. Das Tier überschlug sich und prallte mit einem beinahe empört klingenden wiehernden Stöhnen heftig auf den Boden. Sein Reiter wurde aus dem Sattel geschleudert und schlug genauso hart auf die Erde wie sein Hengst. Ein irrsinniger Schmerz durchfuhr Yates’ linke Schulter und Hüfte so heftig, dass er aufschrie. Der Rancher parierte Thunder durch und sprang dicht neben seinem Freund aus dem Sattel, dann kniete er neben Jess nieder, der sich, verkrümmt am Boden liegend, die verletzte Schulter hielt. Slim half ihm, sich aufzurichten.

„Meinst du, du hast dir etwas gebrochen?“, fragte er.

„Ich weiß noch nicht so genau, Slim“, kam gepresst die Antwort, „ich sortiere noch meine Knochen.“

Yates bewegte und dehnte sich vorsichtig. Nein, gebrochen schien wohl nichts zu sein, aber seine Prellungen waren schmerzhaft genug. Er stand leise stöhnend auf, dann suchte sein Blick Flash. Der Hengst hatte sich hochgerappelt und stand mit tief gesenktem Kopf und hängenden Augenlidern da, offensichtlich geschockt über das Geschehen. Der Texaner humpelte hinüber zu ihm und streichelte beruhigend seine Nüstern. Sacht sprach er ihn an: „Na, mein Junge? Du machst ja Sachen mit uns.“ Dann beugte er sich herab, um die Läufe des Pferdes zu untersuchen. Auch Flash hatte sich zum Glück nichts gebrochen, aber der rechte Vorderlauf war angeschwollen. Tyler meinte: „Well, Jess, da müssen wir wohl für heute die Verfolgung aufgeben.“

Yates nickte, und er ließ ein missmutig klingendes „Yeah“ hören. Dann blickte er sich suchend um und wies schließlich mit einem leichten Nicken auf eine Stelle am Fuß eines Hügels. „Was hältst du von dem Platz für unser Camp?“, und von Slim kam so kurz und knapp wie er es meist sagte: „Ja.“

Dann fragte er: „Kannst du laufen?“

Jess erwiderte gepresst: „Ich will es versuchen.“

Damit ergriff er Flashs Zügel, führte das Tier behutsam zu der ausgewählten Stelle und band es an einem Gestrüpp fest. Der Rancher begann, Feuerholz zu sammeln, während Yates sein Handtuch aus der Satteltasche holte, befeuchtete und es seinem Pferd um die geschwollene Fessel wickelte. Dann half er Slim, das Abendbrot zu richten, und bald brutzelten Speck und Bohnen in der Pfanne. Im Gegensatz zu sonst entspann sich zwischen den Männern kein Gespräch – jeder hing seinen Gedanken nach, und jeder kannte diejenigen des anderen. Die Nacht kam, und die Freunde betteten sich nach einem knappen „Night“ in die Innenseite ihrer Sättel. Normaler Weise schliefen sie rasch ein, aber dieses Mal war es anders. Beide spürten, dass der andere noch wach war. So lagen sie eine Weile, lauschend, darauf wartend, dass nun endlich einer von ihnen einschlief. Schließlich sagte Slim: „What’s wrong?“, und Jess antwortete: „Es wird sicher noch etwas dauern, bis Flash wieder okay ist, und es hat es doch keinen Sinn, dass wir beide Canga hinterherjagen, wenn er einen solch großen Vorsprung hat. Wer weiß, ob wir ihn jemals erwischen, und du bist viel zu lange fort von der Ranch. Ich bleibe hier, bis mein Pferd wieder fit ist, und du reitest zurück.“

Slim erwiderte: „Wir sind beide zu lange fort von der Ranch. Aber wir sind auch beide zu weit weg von Canga. Und wir beide wollen den Burschen – wenn auch aus verschiedenen Gründen.“

„Ach Slim, lass gut sein. Reite du zurück, und ich schnappe mir den Kerl. Es war von Anfang an allein mein Ding. Ich kann nicht verkraften, dass mich dieses Schwein so ausgenutzt und belogen hat. Ich habe ihm vertraut, und ich habe dein schlechtes Gefühl ihm gegenüber ignoriert. Ich allein bin Schuld an dem ganzen Schlamassel, und darum ist es nur richtig, wenn ich allein ihm folge.“

„Ich kann dich verstehen, Jess, und wir haben auch genug Arbeit auf der Ranch – wir beide. Aber ich habe genau wie du einen Grund, Canga zu schnappen. Du erinnerst dich vielleicht: Er hat meine Pferde gestohlen, und er hat meine Leute auf dem Gewissen.“

Yates blies hörbar die Luft aus. Natürlich hatte sein Freund recht. Sobald die Schmerzen in seiner Hüfte nachließen und Flash wieder okay wäre, würden sie die Verfolgung wieder aufnehmen – gemeinsam. Ganz ruhig sagte er: „Sure“, gefolgt von einem leisen „g‘night.“ Damit drehte er sich um, und tatsächlich schlief er bald ein. Tyler lag noch eine Weile wach – zu viele Gedanken raubten ihm den Schlaf – doch irgendwann übermannte auch ihn die Müdigkeit.

Die Stunden der nächsten zwei Tage schienen nicht enden zu wollen, und die Stimmung zwischen den Freunden war nicht gerade die beste. Jess war sich völlig darüber im Klaren, dass er in gewisser Weise die Schuld an dem unfreiwilligen Aufenthalt trug. Hätte er Flash nicht so gejagt, wäre es wahrscheinlich nicht zu dem Unfall gekommen. Yates kannte Slim gut genug, um zu wissen, dass er ihm die Sache niemals anlasten würde, aber trotzdem fühlte er sich miserabel und wich ihm – bewusst oder unbewusst – aus.

Er ging seine eigenen Wege. Hierbei suchte und fand er ein paar lindernde Kräuter, die er zu einem Umschlag verarbeitete, um Flashs geschwollene Fessel zu kühlen. Und tatsächlich, schon bald zeigten die Bemühungen des Texaners Erfolg. Sein Hengst lahmte nicht mehr und schien völlig wieder hergestellt. Jess sattelte sein Pferd, stieg vorsichtig, behutsam auf und bewegte es eine Zeit lang in allen Gangarten. Zufrieden stellte er fest, dass wohl wirklich alles in Ordnung war, und er ritt zu Slim hinüber.

„Hey, Pard“, rief er, und Erleichterung klang aus seiner Stimme, „schau mal, ich glaube, wir können weiter.“

Tyler ging zu Flash und untersuchte den Lauf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht – zum ersten Mal seit Yates’ Sturz.

„Sieht gut aus“, meinte er, dann ergänzte er: „Wir werden nicht allzu hart reiten. Es kommt jetzt nicht mehr auf einen Tag mehr oder weniger an. Irgendwann schnappen wir den Burschen schon.“

Schon bald war auch er im Sattel. Es fiel den beiden Männern nicht schwer, selbst nach dieser Zeit den Spuren der vielen Pferde zu folgen, und sie kamen gut voran. Flash war wirklich wieder voll und ganz in Ordnung, und auch die Stimmung zwischen den Freunden war gelöst wie immer.

Es folgten zwei zügige, durch recht kurze Nachtruhen unterbrochene Tagesritte. Mit einem Mal verringerte der Texaner deutlich sein Tempo und suchte Deckung hinter ein paar Felsen, wo er anhielt und angestrengt nach vorn spähte. Slim tat es ihm gleich, und bald sah er, was Jess zu seinem Handeln veranlasste: Dünner Qualm stieg in den Himmel – Qualm wie von einem vor nicht allzu langer Zeit angelegten Feuer.

„Sollen wir uns den Kerl morgen zum Frühstück gönnen?“, fragte Tyler. Ein leichtes Grinsen begleitete seine Worte.

„Oh no. Er wird ein kleiner Appetizer vor meinem Abendessen“, meinte Yates, „Komm, lass uns vorsichtig noch ein Stückchen weiterreiten und dann absteigen.“

Die beiden Freunde ritten behutsam an, dann suchten sie eine Stelle, an der sie Thunder und Flash ohne die Gefahr, dass die Tiere entdeckt würden, anbinden konnten. Leise, ihre Gewehre im Anschlag, schlichen sie los. Tyler berührte Yates vorsichtig bei der Schulter und flüsterte: „Wenn es wirklich Cangas Feuer ist – wo sind dann die gestohlenen Pferde?“

Jess schaute Tyler an und stutzte. Natürlich hatte Slim recht.

„Komm, wir schauen nach, wessen Feuer es ist, Slim.“

Die beiden schlichen weiter, und bald erreichten sie einen Platz, der ihnen trotz der stärker werdenden Dämmerung gute Sicht auf das Lager bot. Bei der Feuerstelle lag ein Mann auf dem Boden. Er lag auf dem harten, steinigen Boden und nicht, wie das üblich war, gebettet in den umgekehrten Sattel. Auch gab es keine Decke, die ihm die Nacht hätte etwas komfortabler werden lassen. Weit und breit war kein Pferd zu sehen, auch nicht ein einziges. Es war – außer dem Mann, überhaupt nichts zu sehen – kein Ausrüstungsgegenstand, gar nichts. Der Fremde trug keine Garderobe – er war, bis auf seinen „Long John“, unbekleidet. Tyler und Yates blickten sich an, und auf ein Zeichen hin eilten sie, die Gewehre auf ihn gerichtet, zu ihm hinüber. Der Gestalt nach war es Pete Canga, und Yates sprach ihn laut an.

„Pete?! Hoch mit den Händen, schön langsam!“

Es war tatsächlich Canga, und er reagierte in keiner Weise. Der Texaner kniete sich, vorsichtig, um in keine Falle zu tappen, neben ihn, fasste seine Schulter und drehte ihn um. Der Anblick, der sich ihm nun bot, ließ ihn einen Augenblick lang erbleichend zurückschrecken. Pete war tot. Irgendjemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten, und zwar so, dass beinahe der Kopf vom Rumpf getrennt war.

„Indianer?“, warf er fragend zu Tyler, der genauso erschrocken dastand, hinüber.

Der Rancher holte tief Luft. „Ich weiß es nicht, Jess. Es gibt ja überall noch herumziehende, versprengte Sippen, die sich nicht in Reservate sperren lassen – was ich – nebenbei gesagt, gut verstehen kann. Aber von dieser Gegend hier habe ich lange nichts in der Art gehört … Und … er trägt ja auch noch seinen Skalp …“

 

Yates nickte. „Komm, wir begraben ihn.“

„Besser nicht, Jess. Wer weiß, vielleicht lauert noch irgendjemand hier herum. Es ist sicherer, wenn wir uns morgen bei Tageslicht erst genauer umschauen. Dann wird vielleicht klarer, was geschehen ist, und wir sehen auch, wo unsere dreißig Pferde hin sind. Schau mal, die Spuren da drüben. Sie führen jetzt nicht mehr nach Süden, sondern nach Westen.“

Nun entdeckte auch Yates im letzten Licht des Tages die Fährten. „Yeah“, dehnte er.

Die beiden Freunde beschlossen, die Nacht dort zu verbringen, wo sie Thunder und Flash angebunden hatten. Der Platz eignete sich gut als Versteck. Sie entfachten vorsichtshalber kein Feuer, und sie beschlossen, abwechselnd auf einem der Felsen Wache zu halten – Maßnahmen, die sich zum Glück als unnötig erwiesen. Die Nacht verlief ruhig und ohne jegliche Störung.

Am nächsten Morgen schauten sich Tyler und Yates um. Tatsächlich wies die Spur ihrer Pferdeherde nach Westen, und es sah nicht so aus, als wären die Tiere noch in der Nähe. Etliche Reiter schienen sie davongetrieben zu haben. „Sieh dir das an, Slim“, meinte Jess, „den Spuren nach haben wir es jetzt offensichtlich mit einer ganzen Bande zu tun, die unsere Pferde hat.“

Slims Antwort war kurz und knapp – wie konnte es anders sein – „Ja.“

Sie begruben Canga und wandten sich ab, um die Verfolgung aufzunehmen, als Yates’ Blick auf eine Brieftasche fiel. Sie lag, achtlos fortgeworfen, ein wenig abseits. Jess hob sie auf – sie gehörte Pete.

Die Mörder schienen sie durchstöbert und alles Brauchbare gestohlen zu haben. Der Rest ihres Inhalts, ein paar Papiere, wohl wertlos für die Täter, lag verstreut herum.

Jess sammelte alles ein, als sein Blick auf einen Brief fiel. Verblüfft las der die Adresse. Mit den Worten: „Der ist für dich“ reichte er ihn an Slim weiter, dann widmete er sich den übrigen verstreuten Papieren. Tyler staunte nicht schlecht, als er seine Adresse las. Er drehte den Brief um, und sein Erstaunen wurde nicht gerade weniger, als er das Siegel des Absenders erkannte: Ein Army-Siegel, darunter die Initialen „J.J.“ = Jeremy Jackson.

Der Rancher öffnete das Schreiben und überflog die Zeilen. Als er den Inhalt gelesen hatte, wurde ihm einiges klar.

„Lieber Slim,

dein Ruf, den du dir mit der Zucht und der Ausbildung hervorragender Pferde erworben hast, ist sogar bis in diese Gott verlassene Gegend, in der ich mich zur Zeit mit meinen Leuten befinde, bis hier nach Questa, vorgedrungen. Hier treiben gerade mal wieder ein paar üble Plündererbanden ihr Unwesen, aber von Süd-Osten her sind die Texas-Rangers dabei, ihnen das Leben schwer zu machen, und hier vom Norden aus versuche ich das Gleiche mit meinen Männern. Leider haben wir vor einiger Zeit etliche gute Pferde verloren. Eine besonders üble Bande – ihr Anführer heißt Fernando Mephistoteles – welch passender Name – hat sie, um uns einzuschüchtern, eiskalt abgeschlachtet. Nun, es gibt hier zwar Pferde, aber die besten sind fast alle in den Händen der Banditen. Für unseren Bedarf wirklich perfekt ausgebildete sind schwer zu bekommen, und so schicke ich dir einen vertrauenswürdigen Mann namens Pete Canga mit der Bitte, ihm ungefähr dreißig Stück von deinen zu verkaufen. Er trägt den größten Teil der Kaufsumme in bar bei sich, der Rest wird dir telegrafisch angewiesen, sobald die Tiere hier eingetroffen sind. Canga hat Order, einen guten Preis auszuhandeln, aber natürlich sollst du bei der Sache kein Geld mitbringen. Also – sei fair. Aber ich weiß, das bist du ohnehin, sonst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dich um diesen Gefallen zu bitten!

Ansonsten hoffe ich, es geht dir gut! Ich freue mich auf die Tiere und wünsche mir, dass sie von ein paar Zeilen von dir begleitet werden! Trink dir in Gedanken an unsere alten Zeiten ein oder auch mehrere Gläschen Port!

In Freundschaft

Jeremy“

„Schau dir das an, Jess“, sagte Slim, als er den Brief an Yates weiterreichte, „jetzt wissen wir, was Canga mit so vielen Pferden wollte. Wer weiß, wann das Ganze aufgeflogen wäre, wenn es jemals aufgeflogen wäre … Canga hätte die Tiere wahrscheinlich mit einer gefälschten Rechnung abgeliefert und dann alsbald seine Tätigkeit für die Army unter irgendeinem Vorwand beendet …“

„Yeah …“, dehnte Yates, „sieh hier, Slim. Die gefälschte Rechnung habe ich auch gefunden.“

Er reichte seinem Freund ein weiteres Blatt Papier. Es war tatsächlich eine in Druckbuchstaben geschriebene Rechnung über die Pferde, versehen mit der unglaublich geschickt gefälschten Unterschrift „Slim Tyler“.

Slim schüttelte den Kopf. „Das ist der Gipfel der Dreistigkeit“ meinte er, scharf die Luft ausblasend. Dann fügte er hinzu: „So herb der Verlust auch ist – ich denke, wir müssen uns nun endgültig geschlagen geben und umkehren. Wir können es nicht zu zweit mit einer ganzen Bande aufnehmen – wer weiß, wie viele es sind.“

„Das sollten wir zumindest herausfinden“, erwiderte Yates. Seine Augen funkelten entschlossen.

Noch einmal unternahm Tyler einen Vorstoß in die Richtung, ihr Unterfangen aufzugeben. „Jess, es hat doch wirklich wenig Sinn zu versuchen, es allein mit ihnen aufzunehmen. Es sind sicherlich zu viele, und sie werden nicht darauf warten, sich von uns packen und dem Gesetz überstellen zu lassen.“

Yates grinste. „Davon bin ich überzeugt, Pard. Aber ich bin nicht bis fast an den Rio Grande geritten, um unverrichteter Dinge wieder umzukehren. Wir werden irgendwie versuchen, ihnen eine Falle zu stellen, in der ihre Überzahl keine Rolle spielt.“

Slim wusste, dass Jess es ernst meinte. Er stand also erneut vor der Wahl, entweder alleine umzukehren oder seinen Freund weiter zu begleiten, und natürlich war ihm wieder bewusst, dass er eigentlich keine Wahl hatte und sein Entschluss lange gefasst war …

Der Rancher erwiderte nichts mehr. Wortlos steckte er den Brief und die gefälschte Rechnung in seine Westentasche, und ebenso wortlos stieg er in den Sattel. Leicht stupste er Thunder in die Flanken und ritt an – in Richtung Westen, den Spuren seiner Herde folgend. Yates registrierte es zufrieden.

Dadurch, dass die Pferde der Banditen Hufeisen trugen, die gestohlenen Tiere jedoch nicht, konnten die Freunde bald feststellen, dass es ungefähr zwölf Reiter sein mussten. Tyler und Yates blieben hart auf der Fährte, und sie kamen den Verfolgten immer näher. Schließlich kamen sie ihnen so nahe, dass sie von den Hügeln aus, auf denen sie – geschickt jede Deckung nutzend – ritten, ihre Herde und die Gangster sehen konnten. Zufrieden blickten sich die Freunde an – ihre Schätzung über die Anzahl der Reiter stimmte exakt. In sicherem Abstand folgten Slim und Jess ihnen weiter.

So erreichten sie irgendwann den Rio Grande, der sich an dieser Stelle mit wilder Urgewalt und zahlreichen Flussschnellen seinen Weg in die Felsen schnitt. Tyler und Yates überlegten gerade, ob die Bande dem Fluss nun nach Norden oder nach Süden folgen würde, da entdeckten sie die schmale, wenig Vertrauen erweckende, wackelige Hängebrücke – eine verwegene Konstruktion aus ein paar Bohlen und Tauen. Sie trauten ihren Augen kaum – die Gangster begannen tatsächlich, die gestohlenen Pferde, eines nach dem anderen, auf die andere Seite des Flusses zu bringen. Die eigenen Tiere der Verfolgten schienen mit dem schwankenden Ding vertraut, denn ohne großartig zu zögern oder gar zu scheuen trugen sie ihre Reiter hinüber. Nun zeigte sich auch, wie hervorragend ausgebildet die Pferde der Tyler-Ranch waren: Nachdem ihr Leittier das andere Ufer erreichte, ließen sie sich ohne nennenswerte Angstreaktionen ebenfalls hinüberführen.

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