Geschichte im politischen Raum

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Hilmar Sack

Geschichte im politischen Raum

Theorie – Praxis – Berufsfelder

Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG

A. Francke Verlag Tübingen

© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Print-ISBN 978-3-8252-4619-8

ePub-ISBN 978-3-8463-4619-8

Inhalt

  Zusatzmaterial

  1 Einleitung Die Themen

 2 Erinnerungskultur: Leitbegriff in Wissenschaft und Gesellschaft2.1 Von der Sehnsucht nach Geschichte in Zeiten globalen Wandels2.2 Dreiklang der geschichtswissenschaftlichen Gedächtnisforschung: Kollektives, kommunikatives und kulturelles Gedächtnis2.3 Zur Relevanz politischer Mythen2.4 Geschichtspolitik und Geschichtsgefühl2.5 Kein Recht auf Vergessen? Und wo bleibt die Zukunft?

  3 Zur Zukunft des Gedenkens – neue Herausforderungen der Geschichtspolitik 3.1 Das Ende der NS-Zeitzeugenschaft 3.2 Erinnern in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung 3.3 Erinnern in der Einwanderungsgesellschaft

 4 Deutsche Geschichtsbezüge und die großen geschichtspolitischen Debatten4.1 GeschichtsbezügeIn weiter Ferne so nah: Das Mittelalter und die regionale IdentitätsstiftungPreußens langer SchattenDie Gewaltgeschichte zwischen 1914 und 1945Doppelte Diktaturerfahrung: Die DDRVom langen ‚Sonderweg‘ nach Westen: Deutsche Freiheits- und Demokratiegeschichte4.2 GeschichtsdebattenKontroverse reloaded: Die KriegsschuldfrageDie Mutter aller Debatten – der ‚Historikerstreit‘‚Ganz normale‘ Deutsche? Goldhagen-Debatte und WehrmachtsausstellungDie DDR: ein Unrechtsstaat?

  5 Politische Symbolik: Von Verfassung, Hoheitszeichen und Architektur

 6 Erinnern und Gedenken als kulturpolitisches Handlungs- und Berufsfeld6.1 Von der Vergangenheitsbewältigung zur Aufarbeitung6.1.1 Begriffsbestimmung6.1.2 Fallbeispiel: Die politische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit6.2 Grundlagen und Akteure deutscher KulturpolitikBerufsfelderDas Berufsfeld Kulturpolitik: 3 Fragen ...6.3 Das Gedenkstättenkonzept des Bundes6.4 Nationalfeiertag und GedenktageDer NationalfeiertagPolitische Gedenktage6.5 Arbeiten am authentischen Ort: Die GedenkstätteDas Berufsfeld Gedenkstätte: 3 Fragen ...6.6 Forschungseinrichtungen, Museen und außerschulische BildungsträgerDas Berufsfeld politisch-historische Bildung: ...6.7 In Stein gemeißeltes Erinnern: Deutsche DenkmalspolitikPolitischer Totenkult: Die „Neue Wache“Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas: NS-Vergangenheit im MahnmalSteinerne Freiheits- und Demokratietradition: Das Einheitsdenkmal

 7 „Auch Reden sind Taten“: Geschichte in der politischen Rhetorik7.1 Politische Reden und die Rolle von Geschichte7.2 Gelungene, misslungene und überhörte Reden: Drei FallbeispieleEin Anlass, zwei Bundespräsidenten, gänzlich unterschiedliche Wirkung: Reden zum 8. MaiDie „Jenninger-Rede“ zum 9. November und ihre Folgen7.3 Redenschreiben ist keine Wissenschaft – aber eine Kunst7.4 Redenschreiben als BerufDas Berufsfeld Redeschreiben: 3 Fragen ...

  8 Geschichtspolitik und Medien Das Berufsfeld Verlagswesen und ...

  9 Glossar

  10 Wichtige Institutionen, Ansprechpartner, Zeitschriften und Links Verbände, Arbeitskreise Staatliche Institutionen Zentralen für politische Bildung Stiftungen/Vereine Gedenkstättenportale Forschungsinstitute (Auswahl – wichtig sind vor allem die Institute an den jeweiligen Universitäten) Wichtige Zeitschriften und Webportale

  11 Literatur

  13 Abbildungsnachweis

  Personenregister

  Sachregister

Für diesen Titel liegen Zusatzmaterialien vor, die Sie unter folgendem Link abrufen können: www.utb-shop.de/9783825246198.

1 Einleitung

„Die Erinn’rung ist eine mysteriöse

Macht und bildet die Menschen um.

Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.

Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.“

(Erich KästnerKästner, Erich, „In memoriam memoriae“)

1989 provozierte Francis FukuyamaFukuyama, Francis mit einer steilen These: Angesichts des Niedergangs des realexistierenden Sozialismus prognostizierte der amerikanische Politikwissenschaftler im Siegeszug des Liberalismus mit seinen westlichen Ordnungsmodellen Demokratie und Marktwirtschaft die Überwindung aller weltpolitischen Widersprüche, mithin das „Ende der Geschichte“ (Fukuyama 1989). Im Gegensatz dazu gab zwei Jahrzehnte später der große Liberale Lord Ralph DahrendorfDahrendorf, Ralph (1929–2009) einem Sammelband seiner seit 1989 publizierten Essays den Titel „Der Wiederbeginn der Geschichte“ (Dahrendorf 2004). Dahrendorf sah gerade im Systemgegensatz des Kalten Krieges – Ost gegen West – den Geschichtsverlauf zu einem künstlichen Stillstand gekommen und erst mit dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs den historischen Prozess wieder machtvoll neu beginnen. 1989 – Ende oder Anfang? Die revolutionären Veränderungen in Mittelost- und Osteuropa verlangten nach historischer Einordnung und inspirierten zu gänzlich unterschiedlichen Interpretationen. Vieles, was bislang gegolten hatte, galt nun nicht mehr. Solche historischen Aneignungsprozesse sind eminent politisch. Denn, um KästnersKästner, Erich Eingangsverse aufzugreifen: Was war eigentlich schön und was war schlimm? Was soll warum erinnert, was besser vergessen werden? Welche Erinnerung hilft weiter, welches VergessenVergessen macht blind und führt womöglich in die Katastrophe – und vor allem: Wer bestimmt darüber?

Geschichte und Politik sind untrennbar aufeinander bezogen, sie sind miteinander ‚verwoben‘, wie der Politikwissenschaftler Werner WeidenfeldWeidenfeld, Werner (1987, 13) formuliert: „Geschichte konstituiert Politik – und Politik konstituiert Geschichte.“ Das vorliegende Buch stellt dieses „doppelte Bezugsverhältnis“ (WolfrumWolfrum, Edgar 2010, 21) ins Zentrum. Es thematisiert damit die politische Dimension der Angewandten Geschichte/Public History – ein potentiell uferloses Thema, das Begrenzung erfordert. Deshalb bleiben die großen, politisch wirkmächtigen Interpretationen der Geschichtsphilosophie, wie etwa der Historische Materialismus, unberücksichtigt; und auch eine Einführung in die politische Ideengeschichte wird ausgespart. Es ist zudem unvermeidlich, sich in Zeit und Raum zu begrenzen: Der Fokus liegt auf der Zeitgeschichte und es wird vorrangig eine nationale, nämlich deutsche Perspektive eingenommen – allerdings um dort zeitlich auszuholen und auf andere Länder oder transnationale Prozesse zu verweisen, wo dies sinnvoll oder notwendig ist.

An mehreren deutschen Universitäten haben sich im Hinblick auf Angewandte Geschichte/Public History Studienangebote etabliert, die mit Hilfe von Theorien und Forschungsansätzen der Fachwissenschaft die Studierenden in praxisorientierter Ausbildung darauf vorbereiten, Geschichte zu vermitteln – sei es in MuseenMuseen, im Tourismus oder in den Medien. Die politische Dimension der Geschichte, also Fragen von ErinnerungskulturErinnerungskultur und GeschichtspolitikGeschichtspolitik, stehen überall auf den Lehrplänen, sie zählen zum Basiswissen der Absolventen – und sie werden folglich auch in diesem Buch thematisiert. Der politische Raum als ein eigenes Praxisfeld der Geschichtsvermittlung – und damit nicht zuletzt als ein potentielles Berufsfeld für Historiker – bleibt demgegenüber in den Curricula unterbelichtet. Dieses Lehrbuch, das sich an interessierte Studierende in Bachelor- und Master-Studiengängen richtet, soll den Grundbestand im Werkzeugkasten des künftigen Geschichtsvermittlers im politischen Raum erweitern, es dient der Praxisorientierung zwischen Fachwissenschaft und einschlägigen Berufsfeldern.

 

Im Zentrum stehen (kultur-)politische Handlungsbereiche, für die geschichtliche Erfahrung Bedeutung hat oder die direkt auf unsere Vorstellung von Geschichte einwirken. Wenn dabei vom ‚politischen Raum‘ gesprochen wird, dann deshalb, um den Blickwinkel nicht auf die Politik zu verengen, mit der gemeinhin der Staat und seine politischen Akteure in Regierung, Verwaltung und Parlament gemeint sind. Der politische Raum konstituiert sich vielmehr im Zusammen- und Gegenspiel einer Vielzahl von Akteuren, zu denen neben den Repräsentanten und Institutionen des Staates sowie den politischen Entscheidungsträgern unter vielen anderen auch Medien, Wissenschaft und Vertreter aus der Zivilgesellschaft gehören.

Die Themen

Geschichte ist en vogue. War das schon immer so? Und warum ist das eigentlich heute so? Detaillierter gefragt: Was wurde bzw. was wird erinnert, welche Vergangenheit erweist sich – bei wem und zu welchen Zeiten – als politisch anschlussfähig und ist noch immer aktuell? In diesem Kontext ist der schillernde Begriff ‚ErinnerungskulturErinnerungskultur‘ allgegenwärtig und zählt längst zum Grundwortschatz der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung. Er verweist auf transdisziplinäre Forschungsansätze der Wissenschaft, die sich seit einigen Jahrzehnten intensiv mit dem individuellen und kollektiven GedächtnisGedächtniskollektives befassen. In einem ersten Abschnitt werden zentrale Theorien vorgestellt und Sichtachsen durch das Geflecht einer verwirrenden, quasi-babylonischen Begriffsvielfalt geschlagen: vom kommunikativen und kulturellen GedächtnisGedächtniskulturelles über politische MythenMythos, politischer und ErinnerungsorteErinnerungsorte bis zum GeschichtsbewusstseinGeschichtsbewusstsein, der Vergangenheits- und/oder GeschichtspolitikGeschichtspolitik (→ Kapitel 2).

Öffentliches Erinnern und Gedenken unterliegen gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Welche (geschichts-)politischen Implikationen ergeben sich daraus? Dies wird an drei Beispielen diskutiert: der EuropäisierungEuropa und GlobalisierungGlobalisierung, der Zuwanderung sowie der Folgen des Aussterbens der Generation von ZeitzeugenZeitzeuge des NationalsozialismusNationalsozialismus (→ Kapitel 3).

Die Geschichte an sich gibt es nicht; es gibt tote, ‚kalte‘ Vergangenheit, die erst im Zugriff der Gegenwart zur lebendigen, politisch ‚heißen‘ Geschichte wird. Im Kontrast zu Diktaturen, in denen die Propaganda gewünschte Geschichtsbilder diktiert, vollzieht sich die Verständigung über die Geschichte in pluralistischen, demokratischen Gesellschaften im Widerstreit unterschiedlicher Erinnerungen und konkurrierender Vorstellungen von der Vergangenheit; es herrscht ein permanenter Deutungskampf, ein Wettstreit der Geschichtsbilder. Zentrale Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit aus den letzten Jahrzehnten werden exemplarisch vorgestellt (→ Kapitel 4). Neben diesen Geschichtsauffassungen, die sich diskursiv herausgebildet haben, werden historische Repräsentationen benannt, in denen sich staatliche Vergangenheitsbezüge materialisieren: im GrundgesetzGrundgesetz etwa, in den Staatsymbolen oder – hier nicht selten kontrovers diskutiert – in der Staatsarchitektur (→ Kapitel 5).

Geschichte ist heute längst nicht mehr alleine eine Disziplin der wissenschaftlichen Experten. Dieses Lehrbuch weist deshalb vom Höhenkamm wissenschaftlicher Debatten den Weg immer auch in die vermeintlichen Niederungen des Feuilletons und vor allem der praktischen Politik als potentiellem Berufsfeld für den angehenden Historiker. Das eigentliche politische und staatliche Handlungsfeld im Bereich der ErinnerungskulturErinnerungskultur ist die Gedenkpolitik. Sie wird vor allem mit Blick auf GedenktageGedenktage, Denkmale, Gedenkstätten sowie ForschungseinrichtungenForschungseinrichtungen, MuseenMuseen und außerschulische Bildungsträger dargestellt. Weiter wird herausgearbeitet, wie Politik und Justiz in den vergangenen Jahrzehnten die doppelte Diktaturerfahrung in Deutschland aufgearbeitet haben (→ Kapitel 6).

Dass dem gesprochenen Wort im Rahmen politischen Gedenkens eine besondere Rolle zukommt, liegt auf der Hand und wird deshalb in einem gesonderten Kapitel über politisch-historische RedeRede, politisch-historischen beleuchtet. Es legt als herausgehobener Praxis-Teil dieses Buches den Schwerpunkt auf das RedenschreibenGhostwriting/Redenschreiben (→ Kapitel 7).

Schließlich: Der politische Raum konstituiert sich in der Öffentlichkeit über vermittelnde Medien: Bücher, Presse, Rundfunk und Fernsehen sowie das Internet. Dieser Themenkomplex wird mittels eines Gesprächs mit dem Historiker und Journalisten Sven Felix KellerhoffKellerhoff, Sven Felix sowie mit Fragen an einen Vertreter der Verlagsbranche beleuchtet (→ Kapitel 8).

Die Kapitel führen in den wissenschaftlichen Forschungsstand ein und benennen zentrale theoretische Fragestellungen, sie beschreiben Instrumentarien und geben Hinweise auf notwendiges Basiswissen und Berufsqualifikationen. Infokästen und ein Glossar vermitteln Hintergründe und dienen der Definition von Begriffen. In der Rubrik „3 Fragen …“ beantworten Praktiker aus Politik und Kultur, was sie unter GeschichtspolitikGeschichtspolitik verstehen, und berichten, welche Bedeutung sie in ihrem Arbeitsalltag hat. Das Lehrbuch bleibt zwangsläufig fragmentarisch, es kann das Zusammenspiel von Geschichte und Politik weder in seiner thematischen Bandbreite noch erschöpfend behandeln. Vielmehr ähnelt es einem Rundflug über eine facettenreiche Landschaft. Deshalb geben Verweise auf weiterführende Literatur am Ende jedes Kapitels die Möglichkeit zur Vertiefung skizzierter Fragestellungen, ebenso wie die Bibliografie und eine Liste relevanter Institutionen, die diesen Band komplettieren.

2 ErinnerungskulturErinnerungskultur: Leitbegriff in Wissenschaft und Gesellschaft
2.1 Von der Sehnsucht nach Geschichte in Zeiten globalen WandelsGlobalisierung

„Die Suche nach der Erinnerung hat eingesetzt“, verkündete 1982 ein Sammelband über Geschichte und demokratische Identität in Deutschland (Ruppert 1982, 9). Was damals vermeintlich erst begann, gehört heute unbestritten zu den prägenden Zeittendenzen: die Hinwendung zur Vergangenheit. Das Erinnerungspostulat ist so allgegenwärtig, dass sich kaum mehr vorstellen lässt, dies sei einmal anders gewesen. Doch tatsächlich bedurfte es dazu eines tiefgreifenden Mentalitätswandels. Zuvor hatte eher der Begriff „Geschichtslosigkeit“ (Heimpel 1957, 4) das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik bestimmt. Mit dem Zivilisationsbruch zwischen 1933 und 1945 schien die Brücke zur nationalen Vorgeschichte abgebrochen – ein Eindruck, der sich mit der Fixierung auf die nationalsozialistische Diktatur im Generationenkonflikt der 1960er Jahre und durch die intensivierte AufarbeitungVergangenheitsbewältigung dieser Epoche in der Folge zunächst noch verstärkte.

Heute sagt Paul NolteNolte, Ernst hingegen: „So viel Geschichte war selten“ (Nolte 2003, 24). Der Trend wechselte rasant von der „Geschichtsvergessenheit“ zur „Geschichtsversessenheit“ (Assmann/Frevert 1999). Erinnern wurde zu einer gesellschaftlichen Leitinstanz und „ErinnerungskulturErinnerungskultur“ (→ Glossar) avancierte zum dominierenden Begriff in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – mit ihr weitete sich das Interesse auf andere Epochen der Geschichte, auch wenn die NS-AufarbeitungVergangenheitsbewältigung in Deutschland geschichtspolitisch stets im Mittelpunkt blieb. Numerisch lässt sich das historische Interesse, das über Wissenschaft, Feuilleton und Politik hinaus längst in der Breite der Gesellschaft anzutreffen ist, an der hohen Zahl von MuseenMuseen ablesen. Binnen weniger Jahrzehnte wuchs sie in Deutschland um ein Drittel auf heute weit über 6000. Neben zahlreichen von Vereinen getragenen kleineren Dorfmuseen und Heimatstuben ziehen Ausstellungen großer staatlicher Museen als gesellschaftliches Ereignis regelmäßig die Massen an. Daneben folgen seit den 1970er Jahren viele historisch interessierte Bürger in lokalen Geschichtswerkstätten dem Aufruf: „Grabe, wo Du stehst!“ Parallel zu diesen Formen gewissenhafter (wissenschaftlicher) AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der Vergangenheit hat sich das ‚Histotainment‘ entwickelt, das vom aufwendig inszenierten Ritterspektakel über das Computerspiel bis zur interaktiven App fester Bestandteil der Tourismus- und Unterhaltungsindustrie geworden ist. Geschichte erweist sich obendrein als film- und fernsehtauglich, sogar als quotenstark. Auf den Bestsellerlisten erscheinen historische Romane, dazu Biographien und Memoiren. Magazine füllen regelmäßig ihre Titelgeschichten mit Serien zu historischen Ereignissen und Persönlichkeiten. Selbst vor der Wirtschaft und ihren Unternehmen macht der Trend nicht Halt: „Zukunft braucht Herkunft“ – Odo MarquardsMarquard, Odo Kurzformel zur nachhaltigen Bedeutung der Vergangenheit für Gegenwart und ZukunftZukunft (Marquard 2003) ist bis in die Etagen der Marketingabteilungen vorgedrungen. Als eingängiger ‚Claim‘ legitimiert sie hier in Abgrenzung zu klassischen Kommunikationsmaßnahmen eine populäre, spezifisch historische Ausrichtung von Werbung und Marketing.

History rules – and sells. Was hat diesen Paradigmenwechsel bewirkt? Die Forschung verweist auf mehrere Prozesse, die seit den 1970er Jahren zu einer „grundlegenden mentalitätsgeschichtlichen Wende“ geführt haben (Cornelißen 2003, 553; zum Folgenden vor allem auch SchmidSchmid, Harald 2009c, 56ff.). So sei mit der ersten großen Energie- und Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit der Fortschrittsglaube aus der Gründungsära verloren gegangen. Mehr noch: Neue soziale und ökologische Bewegungen, die die ‚Grenzen des Wachstums‘ und soziale Ungerechtigkeiten in einem globalen Rahmen problematisierten, hätten den planvollen Zukunftsoptimismus der Moderne grundsätzlich in Frage gestellt. An seiner Stelle seien Skepsis und Krise getreten. Überdies sei es nach den ideologischen ‚Sechzigern‘ zu einer Abkehr von politischen Utopien gekommen, habe etwa der Marxismus, nicht zuletzt angesichts der ernüchternden Erfahrung mit dem realexistierenden Sozialismus, an Strahlkraft verloren. Orientierung versprach man sich nun weniger von Ideologien und ihren ZukunftsentwürfenZukunft, sondern vom Blick zurück: von den Erfahrungen der Vergangenheit. Nach der Wende 1989/90 beschleunigte sich zudem ein in jeder Hinsicht grenzenloses Phänomen gesellschaftlichen Wandels: die GlobalisierungGlobalisierung. Rasante technische Neuerungen, insbesondere auf dem Feld der Kommunikationsmittel, ließen die Welt zum Dorf schrumpfen. Nationale Ereignisse bekommen heute globale Bedeutung, Entwicklungen in weiter Ferne nehmen unmittelbar Einfluss auf das eigene Land. Dies führt nicht nur zwangsläufig zur Universalisierung der Erinnerung an historische Ereignisse (→ Kapitel 3.2). Die Komplexität der Welterfahrung lässt in einer Gegenreaktion zugleich auch lokale und regionale Traditionen an Bedeutung gewinnen. Mit dem Fall des ‚Eisernen Vorhangs‘ und der Wiedervereinigung erfuhr zudem die Nation als identitätsstiftender Rahmen einen Bedeutungszuwachs, jedenfalls in Deutschland und in den jungen mittelost- und osteuropäischen Demokratien. Konträr zum zeitlich parallel verlaufenden europäischen Einigungsprozess wurden verschüttete nationale Traditionen neu in den Blick genommen. Und noch etwas nährte das Interesse an der Vergangenheit: Die untergegangene DDRDDR forderte nach AufarbeitungVergangenheitsbewältigung (so wie die alte Bundesrepublik nach Historisierung). Gleichzeitig vergegenwärtigten sich ehemalige DDR-Bürger in wiederkehrenden nostalgischen Schüben ihrer Alltagserfahrungen jenseits von Diktatur und Staatssicherheit – heftige politische Kontroversen darüber inbegriffen.

 

Der Antiquitäten- und Flohmarktboom in Deutschland, die Rekonstruktionen ganzer Bauensembles oder die politische Idee der UNESCO-WeltkulturerbesUNESCO-Weltkulturerbetätte: Sie alle sind Ausdruck von gesellschaftlichen Musealisierungsprozessen. Was liegt diesem Großtrend zugrunde? Aufschlussreich ist die Kompensationstheorie eines Kreises liberalkonservativer Denker um Joachim RitterRitter, Joachim (1903–1974), unter ihnen Hermann LübbeLübbe, Hermann und Odo MarquardMarquard, Odo (1928–2015) (siehe Hacke 2006). Die sich von Tradition und Vergangenheit entfremdende Moderne entwickelt demnach eine paradoxe Eigendynamik, indem sie selbst wieder die Beschäftigung mit der Vergangenheit produziere. Nur so seien die beschleunigten Modernisierungsprozesse, die ja erst zur Geschichtslosigkeit geführt hätten, auszuhalten (Lübbe 1982, 18). Als diagnostischer Erklärungsansatz für die dynamische Hinwendung zur Vergangenheit ist diese Theorie einleuchtend und bis heute wirkmächtig. Widerspruch löst hingegen aus, sie normativ zu begreifen. Den Geisteswissenschaften und den kulturellen Akteuren würden dann nämlich, so lautet die Kritik, nur eine gesellschaftsstabilisierende Funktion zufallen, indem sie – ökonomische und soziale Defizite ausgleichend – „Modernisierungsschäden“ (Marquard 1986, 105) kompensierten.

Infobox

UNESCO-WeltkulturerbeUNESCO-Weltkulturerbe

1972 verabschiedete die Generalkonferenz der UNESCO in Paris die „Internationale Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt“. Stätten von „außergewöhnlichem universellen Wert“ stehen seitdem unter der Obhut der gesamten Menschheit. Die Unterzeichner (die Bundesrepublik trat 1976 bei) verpflichten sich dazu, diese ausgewählten Orte im eigenen Land zu pflegen und für die Nachwelt zu erhalten. In Deutschland sind heute 41 Natur- und Kulturdenkmale (Stand: Herbst 2016) auf der Welterbeliste der UNESCO verzeichnet. Das Spannungsverhältnis von moderner Stadtentwicklung und Schutz des Welterbes zeigten in der jüngeren Vergangenheit die heftigen Debatten um die Bebauung am Kölner DomKölner Dom und um die Waldschlösschenbrücke im Dresdner Elbtal.

Mit dem gesellschaftlichen Bedeutungsgewinn der Vergangenheit verband sich ein gewachsenes Bewusstsein für die Geschichte als Politikum. Wer sich politisch auf Vergangenes bezieht, strebt in der Regel nach Sinnstiftung, ihm geht es um Identität, um Bindungen und Loyalitäten – und immer auch darum, politisches Handeln zu begründen und zu legitimieren. Erinnern sei ein politisches Auseinandersetzungsfeld par excellence, vielleicht das wichtigste, sagt der Sozialpsychologe Harald WelzerWelzer, Harald, es ginge darum, wer die richtige Erinnerung definiere. Dieser Kampf werde eher schärfer, Erinnerung sei nicht auf dem Rückzug, sondern auf dem Vormarsch: „Erinnerung gilt als Wert an sich, und sie wird immer mehr zur Obsession“ (Feddersen/Reinecke 2005).

Halten wir also fest: In Zeiten des Wandels gewinnt das historische Bewusstsein als eine kulturelle Fähigkeit immens an Bedeutung. Erinnern avancierte seit den 1970er Jahren in Deutschland, und nicht nur hier, zum „neuen kategorischen Imperativ“, hat sich überall als eine „kulturelle, soziale und politische Wirklichkeit ersten Ranges durchgesetzt“ (François 2009, 23, 36). Und angesichts einer Welt im rasanten globalen Wandel ist ein Ende des ‚Erinnerungsbooms‘ nicht absehbar – vielmehr öffnen sich vielfältige Berufsperspektiven für angehende Historiker, die Freude am öffentlichen Diskurs haben und sich daran aktiv beteiligen wollen. Zu den wichtigsten Akteuren – und potentiellen Arbeitgebern – gehören der Staat mit seiner offiziellen Gedenkpolitik genauso wie die Medien und zahlreiche Initiativen und Projekte der Zivilgesellschaft – und natürlich die Wissenschaft. Mag letztere in der öffentlichen Debatte zwar in die Defensive gedrängt sein, so liefert sie ihr dennoch die grundlegenden Theorien und notwendigen Stichworte. Sie stellen ein unerlässliches Basiswissen für jeden angehenden ‚Erinnerungsarbeiter‘ dar. Um sie geht es in den folgenden Kapiteln.

Weiterführende Literatur

Cornelißen 2003: Christoph Cornelißen, Was heißt ErinnerungskulturErinnerungskultur? Begriff – Methoden – Perspektiven. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 54, 2003, 548–563.

Frevert 2003: Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited. Der jüngste Erinnerungsboom in der Kritik. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 40–41, 2003, 6–13.

Zeitschrift für Politikwissenschaft 25. Jg. 4 (2015), Schwerpunkt: Wie wirkungsmächtig ist Geschichte in der Politik?, 559–591.

SchmidSchmid, Harald 2008: Harald Schmid, Kommodes Gedenken: die ErinnerungskulturErinnerungskultur des vereinten Deutschlands. In: Blätter für deutsche und internationale Politik 53, H. 11, 2008, 91–102.

WinklerWinkler, Heinrich August 2004a: Heinrich August Winkler, Aus der Geschichte lernen? Zum Verhältnis von Historie und Politik in Deutschland nach 1945. In: Die Zeit, 25.3.2004.

WolfrumWolfrum, Edgar 2010: Edgar Wolfrum, ErinnerungskulturErinnerungskultur und GeschichtspolitikGeschichtspolitik als Forschungsfelder. Konzepte – Methoden – Themen. In: Jan Scheunemann (Hg.), Reformation und Bauernkrieg. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im geteilten Deutschland (Leipzig 2010) 13–47.

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