Butler Parker 200 – KriminalromanText

Aus der Reihe: Butler Parker #200
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Butler Parker – 200 –

Cleveland und Longless, die beiden Killer aus den Staaten, waren bester Stimmung.

Vor knapp einer Stunde war ein Scheck aus Chikago eingetroffen, der ihre finanziellen Schwierigkeiten beendete. Sie hatten die Hotelrechnung für zwei zurückliegende Wochen beglichen und konnten sich zwei weitere Wochen in London leisten. Sie hatten beschlossen, etwas für ihre Entspannung zu tun und schlenderten seit einer halben Stunde durch Soho.

Sie brauchten diese Entspannung.

Sie waren schon seit Wochen hinter Mike Rander und einem gewissen Butler Parker her. Sie hatten den strikten Auftrag erhalten, diese beiden Männer ins Jenseits zu schicken, doch bisher hatten sie es einfach nicht geschafft. Entweder hatte der sprichwörtliche dumme Zufall ihnen einen Streich gespielt, oder aber Parker war wieder mal schlauer gewesen. Cleveland und Longless litten unter deutlich erkennbaren Frustrationserscheinungen und mußten sich moralisch aufrüsten. Es war vor allen Dingen Cleveland, der unter diesen Pannen litt. Drüben in den Staaten hatte er sich einen Namen als Profi gemacht. Hier in London jedoch schien er in eine langanhaltende Pechsträhne geraten zu sein.

Longless’ Vater, ein bekannter Syndikat- und Stehkragengangster in Chikago, hatte seinen Sohn in die Hand von Cleveland gegeben. Longless sollte aus erster Hand den harten Beruf eines Profi erlernen.

Doch Longless, dieser große, tapsige Junge mit dem Aussehen eines überernährten Riesenbabys, hatte sich bisher als ein totaler Versager erwiesen. Seine Erbanlagen entsprachen so gar nicht den Fähigkeiten seines Vaters.

Cleveland hatte das längst registriert. Er, der Profi mit dem jungenhaft sympathischen Aussehen eines Filmstars, war oft der Verzweiflung nahe, wenn Longless wieder mal ins Fettnäpfchen trat. Cleveland gab sich redlich Mühe, seinem Lehrling Longless die Feinheiten seines Berufes beizubringen, doch das Riesenbaby Longless begriff einfach nicht.

Cleveland hatte diese Gedanken verdrängt, als er jetzt mit Longless durch die schmalen Straßen von Soho schlenderte. Morgen war auch noch ein Tag.

»Was hältst du von ’nem kleinen Happenpappen?« erkundigte sich Longless, als sie vor einer schmalen Seitenstraße standen, die sich auf die Befriedigung von Eßbedürfnissen spezialisiert zu haben schien. Dicht an dicht gab es hier große und kleine Restaurants, Snack-Bars und Schnellimbisse. Der kühle Abendwind trug gaumenkitzelnde Gerüche in die Nase von Longless.

»Gegen ’ne anständige Unterlage ist nichts einzuwenden«, sagte Cleveland, »bei der Gelegenheit können wir uns ja mal über Parker und Rander unterhalten, Junge.«

Sie schlenderten in die schmale Straße hinein und näherten sich einem Restaurant, das einen erfreulichen Eindruck machte. Über dem Eingang gab es einen Baldachin, über der Tür stand »Bei Albert« und der Hinweis, hier habe man rein französische Küche zu erwarten. Das Restaurant machte bereits von außen einen gediegenen Eindruck und regte die Magensäfte an.

Im Näherkommen hörten sie hämmernde Musik, die aus dem Restaurant nach draußen klang. Es handelte sich um Pop-Musik, die überhaupt nicht zu dem Lokal paßte. Und vor dem Eingang hatte sich jetzt ein junges Pärchen aufgebaut, das an der Tür rüttelte.

»Geschlossen? Jetzt, um diese Zeit?« sagte der junge Mann und sah seine Begleiterin kopfschüttelnd an. »Hallo, Albert – Albert?!«

»Ist doch sinnlos bei dem Krach«, meinte die Begleiterin des jungen Mannes.

»Kennt man doch gar nicht bei ihm«, meinte der junge Mann. »Na ja, kann man nichts machen.«

Er hatte noch nicht ganz ausgesprochen, als eine derbe Männerstimme hinter dem herabgelassenen Rollo an der Tür erschien und ein provisorisches Schild befestigte.

»Geschlossene Gesellschaft«, las Longless, der zusammen mit Cleveland ebenfalls vor der Tür stand. »Familienfeier!«

»Dann eben nicht, liebe Tante«, sagte Cleveland, »anderswo wird schließlich auch noch gekocht.«

Cleveland und Longless schlenderten weiter und hielten auf ein italienisches Lokal zu, das sich auf Pizza spezialisiert hatte. Sie dachten verständlicherweise nicht weiter über das Schild nach, das Longless eben gesehen und gelesen hatte.

Aus einem Wagen, der vor dem Eingang zum französischen Restaurant parkte, stieg ein untersetzter, muskulöser Mann, der sie mit nachdenklichen Blicken verfolgte. Dann überquerte er den Gehsteig, baute sich in Höhe der Tür und auf und polierte sich die Fingernägel. Dabei sah er immer wieder kurz hoch und beobachtete die beiden Dauerkiller, die jetzt in Richtung Pizza-Küche verschwanden.

*

Es handelte sich tatsächlich um eine geschlossene Gesellschaft, aber von einer Familienfeier konnte keine Rede sein.

Alberts Restaurant war leer, abgesehen von einigen Männern, die sich sehr unkonventionell benahmen. Sie standen hinter der Theke mit dem anschließenden offenen Grill und Rauchabzug und zertrümmerten systematisch Gläser und Flaschen. Sie gingen dabei routiniert und sachlich vor.

In einem der vielen Polstersessel, die in dem mit unaufdringlicher Eleganz eingerichteten Lokal standen, saß ein etwa 35jähriger Mann, der zu modisch gekleidet war. Er hielt einen Kognakschwenker in der Hand, nippte kurz und rief den beiden Männern hinter der Theke lässig zu, sie brauchten sich nicht zu beeilen.

»Die obere Flaschenreihe, wenn ich jetzt mal bitten darf«, sagte er lächelnd, »wir wollen doch ganze Arbeit leisten, meine Herren, oder?«

Die beiden Männer hinter der Theke waren typische Schläger, groß, muskulös und stumpf aussehend. Sie trugen Anzüge mit viel zu breiten Nadelstreifen und schreiend bunte Hemden. Sie nickten dem Mann im Sessel grinsend zu und fegten dann die Flaschen hinunter auf den Boden.

Dabei nahmen sie Rücksicht auf den kleinen dicken Mann mit dem grauen Schnurrbart, der entsetzt in einer Ecke der Theke stand und die Hände rang.

Es handelte sich um Albert, den Besitzer des Restaurants. Er trug eine schiefsitzende Kochmütze und eine Schürze, die mit Getränkeflecken übersät war. Albert, etwa 55 Jahre alt, starrte auf die Flaschenreihe im nächsten Regal.

»Oh, nicht!« schrie er plötzlich auf und warf sich den beiden Schlägern entgegen, »nicht diesen guten Kognak!«

»Aber, Väterchen, wer wird denn so nervös sein?« sagte Mike, der größere der beiden Schläger, und versetzte Albert fast beiläufig einen Schlag in den Magen.

Albert sackte in sich zusammen, rang nach Luft und rutschte dann langsam zu Boden. Er landete zwischen Scherben und Küchengeräten, die vor ein paar Minuten noch zum offenen Grill gehört hatten.

»Immer schön langsam, Alterchen«, warnte Joe, der zweite Schläger, etwas untersetzter als sein Partner, »wir wollen uns doch nicht unnötig aufregen, oder?«

Joe und Mike hatten das Regal leergeräumt und sahen erwartungsvoll auf den Mann im Sessel, der jetzt langsam aufstand. Er war groß, schlank und hatte ein hageres Gesicht. Er wandte sich Albert zu, der sich gerade stöhnend erhob.

»Nicht tragisch nehmen«, sagte dieser Mann, der Freddy Carpenter hieß. »Wenn Gentlemen wie wir mal zur Kasse bitten, müssen eben die Kohlen stimmen. Oder es gibt Kleinholz!«

»Bitte, Monsieur!« flehte Albert und wischte sich seine leicht blutende Nase ab.

»Aber gern«, gab Carpenter ironisch zurück, »was soll’s denn sein? Richtig. Wir brauchen da noch ein paar Spiegelglasscherben. Mike und Joe, wenn ich dann mal bitten darf.«

Die beiden tumben Schläger ließen sich nicht lange bitten. Sie schmetterten den Rest der noch heilen Flaschen in die Spiegel hinter den Aufsätzen. Auch diese Arbeit besorgten sie mit Kraft und Routine.

»Das wär’s vorerst, Albert«, sagte Carpenter, sich wieder an den Besitzer wendend, der schluchzend in einem Sessel hockte. »Und wenn wir jetzt immer noch nicht richtig verstanden sein sollten, kommt als nächstes eine künstlerische Gesichtsumgestaltung auf den Spielplan. Wir wünschen noch einen prächtigen Abend!«

Freddy Carpenter nickte seinen beiden Schlägern zu und verließ zusammen mit ihnen das Restaurant, das einem wilden Trümmerhaufen glich.

*

Das Haus in der hochherrschaftlichen Mayfair Street war taghell erleuchtet. Diese sehr ruhige Straße mit altehrwürdigen Häusern befand sich neben einem kleinen, aber sehr gepflegten Park, in dem tagsüber seriöse Pensionäre sich erholten. Die Straße und der Park gehörten zu einem Wohnviertel, das in London als exquisit galt.

Josuah Parker hatte es für seinen jungen Herrn gemietet, und Mike Rander fühlte sich in diesem Haus äußerst wohl. Seit seiner Rückkehr nach England tätigte er von hier aus seine Geschäfte als Jurist. Seine Verbindungen zu Firmen und Gesellschaften waren so erlesen wie sein Wohnsitz.

Parker, der für die Lichtflut im Haus gesorgt hatte, erwartete in der kleinen Halle Mike Rander, der gerade über die Treppe nach unten kam.

Rander war bester Laune.

Er war im Begriff auszugehen. Und zwar mit seiner neuen Sekretärin Vivi Carlson, die erst seit einigen Wochen für ihn arbeitete. Miß Carlson hatte sich bereits erstklassig eingeführt und wohnte ebenfalls im Haus. Rander wollte ihr für diesen Abend ein paar schöne Stunden verschaffen. Nicht in einem Kino, sondern irgendwo in der Stadt, wo etwas los war.

»Hat Ihr Computer schon gearbeitet?« fragte Rander, als er Josuah Parker erreicht hatte. »Ist Ihnen irgendein nettes Lokal eingefallen? Sie verstehen schon, gute Atmosphäre. Ungestörtes Gespräch.«

»Ich hatte bereits verstanden, Sir!« Parker sah hinauf zur Treppe, wo Vivi Carlson erschien. Sie stammte aus Dänemark und war eigentlich durch einen Zufall mit Rander und Parker bekannt geworden.

 

Vivi war mittelgroß, schlank und erinnerte an eine ausdrucksvolle, große Puppe. Beherrschend waren ihre dunklen Augen und das Lächeln, das einen Griesgram weich werden ließ.

»Sie haben zu gut verstanden, Parker«, antwortete Rander lächelnd, »Miß Carlson ist mir für einen Flirt zu schade.«

»...zumal Sie ja ihr Arbeitgeber sind, Sir.«

»Eben, Parker, eben ...« Rander sah zu Vivi hinauf, die gerade die letzten Stufen hinter sich brachte. »Hallo, Miß Carlson. Sind wir soweit?«

»Darf ich ein Lokal vorschlagen, Sir«, schaltete sich Josuah Parker ein, »dessen Küche als ausgesprochen bemerkenswert gilt. Die Umgebung ist nur als gepflegt zu bezeichnen.«

»Und wo befindet es sich?«

»In Soho, Sir. Ich erhielt die gerade erwähnte Adresse von einem Berufskollegen, der in einem der Nachbarhäuser hier in der Mayfair Street arbeitet.«

»Wo in Soho finden wir dieses Lokal?«

»In der Snipe Street, Sir. Ich denke, daß ich Sie und Miß Carlson dort in schätzungsweise zwanzig Minuten absetzen kann.«

»Wie sieht’s denn mit unseren beiden Dauerschatten aus?« fragte Rander leise. Er wollte nicht, daß Vivi Carlson ängstlich wurde.

»Die Herren Cleveland und Longless haben sich seit Schottland nicht mehr sehen lassen«, antwortete Josuah Parker, »dennoch dürfte eine gewisse Vorsicht am Platze sein, Sir. Sie werden auf Ihrem Sitz im Auto eine kleine, aber leistungsstarke Schußwaffe vorfinden, die dorthin zu legen mir ein Bedürfnis war.«

»Irgendwann werde ich Sie mal für einen Orden vorschlagen«, meinte Rander lächelnd, um sich dann an Vivi zu wenden. »Alles klar, Miß Carlson?«

Sie nickte und folgte Josuah Parker, der vorausging und die Haustür öffnete. Dabei sah Josuah Parker sich geflissentlich nach allen Seiten um und sondierte die Lage. Er wollte von Cleveland und Longless nicht überrascht werden.

*

»Moment mal, Junge, ich muß erst meine Pupillen polieren«, sagte Cleveland, als er zusammen mit Longless zurück in die Snipe Street kehrte. Sie hatten eine erstklassige Pizza gegessen und roten Landwein getrunken. Die beiden Profis waren bester Stimmung.

»Was liegt denn an, Clevie?« erkundigte sich Longless.

»Parker!« sagte Cleveland nur, »das muß sein Schlitten sein. Natürlich! Das ist Parker. Da ist er auch schon in voller Lebensgröße!«

Longless hatte inzwischen das Ziel aufgenommen und schluckte vor Aufregung. Eben erst hatten sie sich noch ausgiebig über ihr Opfer unterhalten, und nun stand es vor ihnen. Nicht gerade direkt, aber immerhin in einer Entfernung von schätzungsweise 80 bis 100 Metern.

Parker öffnete gerade den hinteren Wagenschlag und half Vivi Carlson den Fond zu verlassen. Er lüftete dazu höflich seine schwarze Melone, als Mike Rander, der auf der anderen Seite ausgestiegen war, um den Wagen kam.

»Da haben sie aber mit Zitronen gehandelt«, meinte Cleveland, als Rander und Vivi Carlson auf Alberts Lokal zugingen. Parker, der gerade zurück zum Wagen schritt, schien von Rander angerufen worden zu sein. Er wandte sich um und kam mit würdevollen, aber doch etwas schnelleren Schritten als sonst auf seinen jungen Herrn zu.

»Ist das nicht unsere Chance?« fragte Longless eifrig bei seinem Lehrmeister an. »Hier in Soho kräht doch kein Hahn danach, wenn wir Rander und Parker hochnehmen.«

»Könnte schon sein, aber wir dürfen nichts überstürzen«, wehrte Cleveland ab, »erst mal abwarten! Da, sie gehen ins Lokal. Scheint jetzt wieder geöffnet zu sein, der Laden.«

*

»Sprachen Sie nicht von einer sehr gepflegten Umgebung, Parker?« erkundigte sich Rander und deutete in das total verwüstete Lokal hinein. »Wir müssen uns mißverstanden haben.«

»Ich muß gestehen, Sir, daß ich das bin, was man gemeinhin beeindruckt nennt«, antwortete Josuah Parker und schritt tiefer in den Raum hinein.

»Hier scheint ein mittelgroßer Orkan gewütet zu haben.« Rander entdeckte Monsieur Albert, der sich gerade aus einem Sessel erhob und das Gesicht mit einer Serviette abtupfte.

»Das Lokal ist geschlossen«, sagte Albert.

»Haben Sie sich verletzt?« erkundigte sich Vivi und baute sich vor Monsieur Albert auf.

»O nein!« gab Albert zu schnell zurück, »es ist nichts. Bitte, gehen Sie!«

»Was ist passiert?« wollte Rander wissen.

»Nichts!« versicherte Albert erneut und sah dabei ängstlich zur Tür hinüber, »ich bitte die Herrschaften zu gehen.«

»Muß ich unterstellen, Monsieur Albert, daß man Sie erpressen will?« erkundigte sich Parker bei dem Inhaber.

»O nein!« sagte Albert ängstlich. »Wie kommen Sie darauf? Sie müssen sich irren, Monsieur.«

»Wie hoch ist der Betrag, den man von Ihnen verlangt?« schaltete Mike Rander sich in die Unterhaltung ein. Er hatte genau verstanden, worauf sein Butler anspielte.

»Ich sage nichts!« gab Albert hastig zurück.

»Um was geht es denn, Mister Rander?« wollte Vivi Carlson wissen.

»Sehr einfach«, antwortete der Anwalt, »man verlangt von Lokalinhabern sogenannte Schutzgelder. Zahlt man nicht, wird zuerst das betreffende Lokal demontiert. Zahlt man dann immer noch nicht, landet man im Krankenhaus!«

»Eine Methode aus den Staaten, Miß Carlson, die man offensichtlich hierher nach London verpflanzt hat«, fügte der Butler hinzu. »Mister Rander und meine bescheidene Wenigkeit hatten in der Vergangenheit schon einige Male mit diesen Geschäftspraktiken zu tun.«

»Geschäfte mit der Angst«, sagte Rander, um sich dann wieder Monsieur Albert zuzuwenden, »warum holen Sie nicht die Polizei?«

»Ich habe Angst«, sagte Monsieur Albert und hob abwehrend seine Hände, »Ich weiß, was ich tun werde.«

»Sie werden also zahlen?«

»Zwanzig Pfund pro Woche!« entrutschte es Monsieur Albert ungewollt, »dann ich arbeiten nur für diese Erpresser.«

»Wann wollen die Gauner zurückkommen?« fragte Rander.

»Ich nichts sagen«, meinte Monsieur Albert kategorisch, »ich machen Schluß. Bitte, jetzt zu gehen, die Herrschaften. Mir kann keiner helfen!«

Während er redete, drängte er Rander, Vivi Carlson und Parker zurück zur Tür und schloß sie hinter ihnen. Er beeilte sich, den Schlüssel umzudrehen und abzusperren.

»Kann man diesem armen Kerl denn nicht helfen?« erkundigte sich Vivi Carlson mitfühlend.

»Wie denn?« fragte Rander zurück. »Monsieur Albert wird niemals Namen nennen.«

»Vielleicht nicht direkt, Sir«, meinte Josuah Parker, »wenn Sie gestatten, werde ich mir etwas einfallen lassen.«

»Fehlanzeige, Parker«, Rander winkte ab, »vergessen wir den Zwischenfall. Das ist für uns wesentlich gesünder.«

*

Josuah Parker hatte Mike Rander und Vivi Carlson in einem anderen Lokal abgesetzt und lustwandelte zurück zu Monsieur Alberts Restaurant. Er vertrat sich wieder mal die Beine, wie er Mike Rander gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte.

Parker, eben noch intensiv an Monsieur Albert denkend, registrierte plötzlich das Anschlagen seiner inneren Alarmanlage. Sie vermeldete ihm das Herannahen einer Gefahr. Er dachte selbstverständlich sofort an die Herren Cleveland und Longless. Andere Gefahrenmomente waren im Augenblick ja nicht vorhanden.

Parker wollte es genau wissen.

Er blieb vor der Auslage eines Antiquitätengeschäfts stehen und interessierte sich plötzlich für venezianische Spiegel, die dort zu sehen waren. Und in einem dieser freundlichen Spiegel machte er dann tatsächlich die beiden Dauerschatten aus.

Cleveland und Longless verschwanden gerade hinter einem parkenden Wagen und gingen in Deckung.

Weshalb sie hinter ihm her waren, stand für Parker nicht zur Debatte. Sie waren da und würden versuchen, ihren Auftrag umgehend zu erledigen. Parker mußte sehr schnell zum Angriff übergehen, den er noch immer für die beste Art einer Selbstverteidigung hielt.

Natürlich ließ er sich nichts anmerken.

Er wendete dem Schaufenster den Rücken und schritt gemessen wie vorher die Straße hinunter. Parker rechnete jetzt noch nicht mit einem Überfall. Dazu waren die Straßen hier in Soho zu belebt. Es handelte sich um eine der wenigen lauen Sommernächte in London. Touristen und Einheimische genossen die schöne Nacht.

Unter diesen Genießern gab es unter anderem auch zwei Bobbies, die Streife gingen.

Auf sie hielt der Butler zu.

»Ich möchte in aller Diskretion eine Anzeige erstatten«, sagte Parker und lüftete höflich seine schwarze Melone, »tun Sie bitte so, als würden Sie mir den Weg erläutern!«

»Wie bitte?« fragte der erste Bobby, ohne sich auch nur eine Spur zu wundern.

»Es handelt sich um zwei exzellente Taschendiebe«, erläuterte Josuah Parker, »drehen Sie sich nicht um! Sie befinden sich zur Zeit hinter einem geparkten Morris vor dem Antiquitätengeschäft ...«

Die beiden Bobbies gingen sofort auf dieses Spiel ein und verhielten sich erstklassig. Sie zuckten mit keiner Wimper. Der erste Bobby streckte seinen Arm aus und beschrieb Parker einen Weg, über den sie beide nicht redeten.

»Die beiden Taschendiebe dürften inzwischen wenigstens drei Touristen bestohlen haben«, sagte Parker, »meine Wenigkeit übrigens eingeschlossen. Ich vermisse meine Brieftasche.«

»Gehen Sie langsam weiter«, sagte der zweite Bobby. »Wir werden uns mal umsehen. Sobald wir die beiden Diebe gestellt haben, können Sie zurückkommen.«

»Schon wegen meiner Brieftasche«, versicherte Parker und schritt gemessen weiter.

Es klappte wie am Schnürchen, zumal die beiden Bobbies erstklassige Leute waren.

Sie schlenderten weiter, ohne sich um Parker zu kümmern. Sie hatten einem Passanten den Weg erklärt und setzten ihre Streife fort. So wenigstens empfanden es Cleveland und Longless, die jetzt ihre Deckung hinter dem Morris verließen und sich wieder an Parker hängen wollten.

Von seinem Standort aus beobachtete der Butler genußreich die Szene.

Cleveland und Longless wurden plötzlich von den beiden Streifenpolizisten gestoppt und um Erklärungen gebeten. Cleveland regte sich schrecklich auf und gestikulierte mit den Händen. Longless hingegen tat auf beleidigt.

»Ich erlaube mir, Sie des Diebstahls anzuklagen«, sagte Parker dann, als er zurück zu Cleveland und Longless kam. Cleveland begriff und sah den Butler aus zusammengekniffenen Augen an.

»So standen sie hinter meiner bescheidenen Person«, erläuterte der Butler und baute sich genauso hinter Cleveland auf. »Und so rempelten sie mich an. – Wie ich aus einschlägigen Publikationen weiß, ist das die Methode von Taschendieben!«

Parker hatte Cleveland angerempelt und ließ sich dann gegen Longless fallen. Die Gangster waren in der Gegenwart der beiden Bobbies völlig irritiert und riskierten nichts.

»Der Mann hat doch ’nen weichen Keks«, regte sich Cleveland wieder auf.

»Dafür bringe ich Sie vor Gericht«, schnaufte Longless, »noch nie in meinem Leben hab ich in fremde Taschen gegriffen!«

»Ich bestehe darauf, daß dieser Gentleman durchsucht wird«, sagte Parker eisig und deutete auf Cleveland.

»Das kann er gern haben. Hier, sehen Sie sich meine Taschen an! Ich bin unschuldig wie ’n Kleinkind.«

Einladend knöpfte er sein Jackett auf und deutete auf die Innentaschen.

»Das gerade von Ihnen zitierte Kleinkind muß ziemlich durchtrieben sein«, sagte Parker und deutete auf eine schwarze Brieftasche, die in Longless’ Innentasche zu sehen war. Sie schaute mit einem Drittel über den Taschenrand hinaus. »Dies ist mit Sicherheit meine Brieftasche, wie sich schnell herausstellen wird!«

»Die hab ich aber noch nie gesehen«, behauptete Longless nicht zu Unrecht. Er holte verblüfft die besagte Brieftasche hervor und reichte sie einem der beiden Bobbies. »Großes Ehrenwort. Die hab ich noch nie gesehen.«

»Natürlich«, sagte der zweite Bobby und nickte verständnisvoll, »die Brieftasche ist von ganz allein ins Jackett gesprungen.«

»Ich protestiere«, ließ Cleveland sich in diesem Augenblick vernehmen. Er deutete auf den Butler. »Dieser Mann dort muß die Brieftasche eben erst in die Tasche meines Partners ’reingeschmuggelt haben!«

»Was tatsächlich der Wahrheit entspricht«, ließ Parker sich gemessen vernehmen.

Die beiden Bobbies sahen den Butler zuerst verdutzt an, hielten ihn dann aber für einen kleinen Scherzbold und lachten dementsprechend amüsiert.

*

»Ziemlich faul von Ihnen, Parker«, stellte Mike Rander eine gute Stunde später fest, als Parker, der zurück ins Lokal gekommen war, Bericht erstattet hatte.

 

»Ich bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte der Butler, »ich wollte jeden möglichen Zwischenfall vermeiden und dafür sorgen, daß Sie und Miß Carlson einen ungestörten Abend verbringen konnten.«

»Was Ihnen dann ja auch gelungen ist, oder?«

»In der Tat, Sir! Die Herren Cleveland und Longless wurden in Untersuchungshaft genommen.«

»Werden die eine Wut auf Sie haben, Parker!«

»Damit ist allerdings zu rechnen, Sir. Ich hatte den deutlichen Eindruck, mir den Unwillen beider Herren zugezogen zu haben.«

»Sonst noch etwas?« wollte Rander sicherheitshalber wissen.

»Auf dem Rückweg, Sir, erlaubte ich mir, noch mal Monsieur Albert aufzusuchen.«

»Und?!« Randers Wachsamkeit wurde aktiviert.

»Monsieur Albert verließ gerade sein Lokal, Sir, und begab sich in seine Wohnung.«

»Woraus ich schließen muß, daß Sie ihm heimlich folgten, oder?« Vivi Carlson verfolgte schmunzelnd die Unterhaltung zwischen Rander und Parker. Sie stand noch nicht lange in Randers Diensten und machte sich gerade mit den Skurrilitäten des Butlers vertraut. Sie wunderte sich immer wieder darüber, wie geschickt Parker seinen jungen Herrn zu nehmen verstand, wie er ihm gewisse Wahrheiten tropfenweise verabreichte.

»Es handelte sich nur um einen kleinen Fußmarsch von etwa zehn Minuten«, berichtete der Butler weiter.

»Monsieur Albert bewohnt eine wahrscheinlich nur recht bescheidene Wohnung oberhalb einer kleinen Fabrikationsanlage für Industrieleime.«

»Sie haben sich bereits sehr gut umgesehen, Parker.«

»In der Hoffnung, Sir, Monsieur Albert eines Tages helfen zu können.«

»Sie kennen doch meine Meinung, Parker«, gab Mike Rander geduldig zurück, »wir werden uns auf keinen Fall einmischen! Monsieur Albert tut mir zwar leid, aber für ihn gibt es schließlich die Polizei.«

Josuah Parker hatte nicht recht zugehört.

Er war abgelenkt worden und zeigte es auch recht deutlich. In dem kleinen, aber sehr gepflegten Lokal waren drei Männer erschienen, die sich vorn an der Speiseausgabe höflich und zivilisiert nach irgend etwas erkundigten, um dann schnurstracks rechts hinter einem Vorhang zu verschwinden. Dabei kümmerten sie sich nicht weiter um den schwachen Protest des Kellners.

»Was haben Sie denn, Parker?« fragte Rander irritiert und sah sich ebenfalls zum Tresen um.

»Der so oft zitierte Zufall, Sir, scheint Ihnen und meiner Wenigkeit jene Herren über den Weg geführt zu haben, die für die augenblickliche Depression Monsieur Alberts verantwortlich zeichnen.«

Parker stand auf, deutete Rander gegenüber eine knappe Verbeugung an und schritt gemessen hinüber zum Tresen, wo der Kellner verlegen herumstand.

»Sie erlauben«, sagte Parker und ging an dem Mann vorbei durch den Vorhang in einen kleinen Korridor. Von hier aus zweigte eine Pendeltür in die Küche ab, eine zweite in einen Vorratsraum und eine dritte offensichtlich in das Büro des Lokals.

Parker genierte sich nicht, sein Ohr diskret gegen die Türfüllung zu legen.

»Ausgezeichnet, Mister Pendle«, hörte er gerade sagen. »Sie haben’s schon begriffen. Zwanzig Pfund, und Sie sind dabei!«

»Pro Woche, natürlich«, sagte eine rauhe Stimme.

»Und zwar bar auf die Flosse«, fügte eine dritte Stimme hinzu.

»Ich – ich werde Ihrem Schutzverein beitreten«, sagte eine vierte Stimme, in der, die nackte Angst deutlich zu hören war. »Aber was ist, wenn jetzt ein zweiter Schutzverein kommt und Geld haben will?«

»Dann würde ich mich an Ihrer Stelle ans Telefon klemmen und anrufen«, sagte die hochnäsige Stimme, »dann tritt nämlich automatisch unser Schutz in Kraft, Mister Pendle.« Anschließend bekam Mister Pendle die betreffende Nummer gesagt, die Josuah Parker sich einprägte. Er war dankbar, so schnell und ausführlich informiert zu werden. Die Gelegenheit hätte gar nicht günstiger sein können.

Mike Rander schüttelte leicht verweisend den Kopf, als Josuah Parker zwar wieder im Lokal erschien, doch sofort nach draußen ging.

»Jetzt ist er mal wieder nicht zu bremsen«, sagte Rander zu Vivi Carlson.

»Sie glauben, er ist bereits auf einer Fährte, Mister Rander?«

»Je steifer er geht, desto frischer ist sie«, stellte Rander lächelnd fest. »Sie werden es erleben. Bevor ich richtig schalten kann, hat er mich schon wieder in einen neuen Kriminalfall verwickelt.«

»Sie werden ihm doch helfen, nicht wahr?« erkundigte sich Vivi Carlson.

»Wie war das?« fragte Rander erstaunt und belustigt. »Ich soll ihm helfen? Fragt sich, wer stets wem hilft.«

*

Weit brauchte Josuah Parker auch diesmal nicht zu gehen.

Die Herren Carpenter, Mike und Joe – um sie handelte es sich nämlich – verschwanden in einer kleinen Nachtklub-Straße und dann in einer Kellerbar, wo laut der schreiend bunten Anzeigen erstklassiger und harter Striptease geboten wurde. Das Kellerlokal nannte sich bezeichnenderweise »Striptease Circle«.

Parker wartete einen Augenblick, um dann den drei Männern zu folgen.

Der Türsteher in der Uniform eines Großadmirals sah den Butler etwas verwirrt an, stellte aber keine Fragen und ließ ihn passieren. Parker stieg über die breiten Stufen nach unten, erreichte eine Art Garderobe und dahinter dann das eigentliche Nachtlokal.

Es war erstaunlich gut eingerichtet. Es gab viele kleine Nischen mit bequemen Sesseln und Hockern und an der rechten Längswand eine lange Bartheke, die gut besetzt war. Mit geschultem Blick stellte der Butler fest, daß das vorhandene Publikum zahlungskräftig war.

Die weibliche Bedienung hinter der Bartheke trug Oben ohne und sah in diesem Kostüm nicht gerade unerfreulich aus, wie Parker objektiv einräumte.

»Gehe ich recht in der Annahme, daß die drei Herren, die den Klub gerade betraten, zum Haus gehören?« fragte Parker, sich an die alte und adrette Frau wendend, die in der Garderobe saß.

»Mister Carpenter«, sagte sie hochachtungsvoll, »und Mike und Joe ...«

»Mister Carpenter?«

»Ihm gehört dieser Klub hier«, antwortete die Frau Arglos, »ein netter Mensch. Er hat immer ein Wort für mich übrig.«

»Wie schön für Sie«, fand Parker, nickte und stelzte wieder zurück auf die Straße. Er ging allerdings nicht in das Lokal, in dem sich Rander und Vivi Carlson befanden. Parker sah sich die Gegend sehr genau an und interessierte sich vor allen Dingen für die Hinterhöfe der alten Häuser.

Auf diese Art und Weise erreichte er auch die Rückseite des Nachtklubs.

Hier, in einem kleinen engen Hinterhof, in dem nur Müllkästen und ein Autowrack herumstanden, erregte eine moderne Klimaanlage sein ehrliches Interesse.

Mister Carpenter hatte sich die Einrichtung seines Klubs etwas kosten lassen. Die Außenluft wurde angesogen, gefiltert, gereinigt und auf eine gewünschte Temperatur abgekühlt. Dann wurde sie über das Ventilationssystem in die Räume hineingeleitet und schließlich wieder durch einen Sammelschacht nach außen gestoßen. Systeme dieser Art waren nicht billig.

Und zusätzlich noch ungemein zweckmäßig, wie Parker fand. Er hatte das sofort erkannt und wollte später noch mal darauf zurückkommen.

*

Monsieur Albert öffnete die Tür nur spaltbreit, nachdem Parker geklingelt hatte. Parker war über eine eiserne Außentreppe zur Wohnung des französischen Kochs hinaufgestiegen und stand jetzt oberhalb der kleinen Fabrik, die Industrieleime herstellte. Es roch nicht gerade erfreulich.

»Darf ich mir erlauben, Ihre Zeit für einen Moment in Anspruch zu nehmen?« bat Parker und lüftete höflich seine schwarze Melone. »Sie erinnern sich möglicherweise meiner Person.«

»Es – es hat doch keinen Sinn«, sagte Monsieur Albert und schüttelte den Kopf, »ich werde nichts sagen. Ich will nicht in einem Spital landen.«

»Solch einem Aufenthalt werden Sie mit Sicherheit entgehen«, erwiderte Parker, »zumal ich die Absicht habe, Ihr Lokal zu pachten, Monsieur!«

»Wie bitte?« Monsieur Albert traute seinen Ohren nicht, öffnete dafür aber unbewußt weiter die Tür. Parker trat ein und sah sich in der kleinen, aber sehr gemütlich eingerichteten Wohnung um. Ihm fielen sofort die beiden Koffer auf, die bereits halb gepackt waren.

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