Tränen einer Braut: 3 Romane

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G. S. Friebel

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Inhaltsverzeichnis

  Tränen einer Braut: 3 Romane

  Copyright

  Sie suchte das aufregende Leben

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  Tränen in den Augen eines Kindes

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  Eva, eine besondere Braut

Tränen einer Braut: 3 Romane
G.S.Friebel

Dieses Buch enthält folgende Romane:

G. S. Friebel: Sie suchte das aufregende Leben

G. S. Friebel: Tränen in den Augen eines Kindes

G. S. Friebel: Eva - eine besondere Braut

(399)

Dr. Lester Barten hasst die Frauen, denn er wurde von einer schwer enttäuscht und verletzt. Seine äußeren Narben kann er fast verdecken, doch seine inneren nicht. Aus diesem Grund ist er auch nicht für das Werben der Krankenschwestern in der kleinen Privatklinik von Professor Sondberg empfänglich. Seine Liebe und Fürsorge gilt den todkranken Kinder und besonders der kleinen Britta!

Doch dann begegnet er Annelie Bergström, die auch Schweres hat durchmachen müssen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Sie suchte das aufregende Leben

von G. S. Friebel

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

Elvira ist siebzehn und findet das Kleinstadtleben spießig. Heimlich verlässt sie ihr Elternhaus und trampt nach Hamburg in der Hoffnung, dort mehr Spaß zu haben. Kurz nach ihrer Ankunft gerät sie ins Dirnenviertel und in ihrer Naivität begreift sie nicht, warum ihr Albert einen Job in seiner Kneipe anbietet. Viel zu spät erkennt sie, dass er ein brutaler Zuhälter ist und sie nur gefügig machen will, um sie auf den Strich zu schicken. Als Elvira von ihm schwanger wird, setzt sie ihn unter Druck, sie zu heiraten nun nimmt das Unheil seinen Lauf …

1

Elvira Schlieven war siebzehn Jahre alt, als sie von zu Hause wegging. Sie hatte das Leben in einem gutbürgerlichen Haushalt einfach satt. Elvira nannte so etwas »spießig«. Und sie war doch nur einmal jung und schön und lustig. Sie wollte die Welt und das Leben kennenlernen. Es machte ihr nichts aus, dass sie ihre Banklehre unterbrach. Über Nacht verschwand sie aus dem Leben ihrer Familie.

Der Vater war Richter in einer Kleinstadt. Es gab ein ungeheures Aufsehen. Zuerst versuchte man, es zu vertuschen; suchte bei den Freundinnen und Verwandten nach Elvira. Aber sie tauchte nicht auf. Sie hatte auch keinen Brief hinterlassen, sodass man gewusst hätte, wohin sie gegangen war. Elvira hatte auch keinen Freund gehabt, das wussten die Eltern ganz genau. Mit dem wenigen Geld, das sie sich vom Taschengeld abgespart haben musste, war sie auf und davon.

Tagelang weinte die Mutter. Elvira war ja ihre einzige Tochter, und sie kannte das Leben zur Genüge. Vor allem hatte sie Elvira bewahren wollen, aber vielleicht war das gerade falsch gewesen. Junge Menschen lassen sich einfach nicht bevormunden.

Was keiner wissen konnte, war, dass Elvira nach Hamburg gegangen war, per Anhalter. Und man konnte wirklich von Glück sprechen, dass das bezaubernde Mädchen nicht schon im Auto belästigt worden war. Ein älterer Mann hatte sie mitgenommen. Er erfuhr bald ihre ganze, kleine Lebensgeschichte. Und da er selbst eine Tochter zu Hause hatte, versuchte er ihr klarzumachen, dass es besser sei, wieder zurückzukehren.

»Nein«, sagte sie, »Ich will nicht mehr zurück! Daheim verstehen sie mich einfach nicht.«

»Hast du es denn mit ihnen versucht?«

»Das brauche ich gar nicht«, meinte sie schnippisch. »Ich weiß das auch so. Wenn ich nicht alles tue, was Mutti befiehlt, dann sind beide sauer. Ich hasse das Leben in dieser Kleinstadt.«

»So! Und was hast du jetzt vor?«

»Ich will nach Hamburg. Sie fahren doch nach Hamburg?«

»Ja«, knurrte er.

Sie sah ihn groß an. »Sie sagen das so böse! Tut es Ihnen vielleicht leid, dass Sie mich mitgenommen haben?«

Der Mann starrte auf die nasskalte Straße. »Gar nichts hätte ich tun sollen«, fluchte er. »Du bist kindisch und dumm, jawohl! Und das schreib dir mal hinter dein hübsches rosa Öhrchen: Du wirst bald nach Mama und Papa flennen, o ja! Und ob sie dich dann noch haben wollen, das ist dann eine ganz andere Frage.«

»Nein, das werde ich nie!«, antwortete sie hitzig. »Nie!«

»Ich bin froh, dass du nicht meine Tochter bist.«

Dieser Satz kränkte sie doch ein wenig, und sie dachte: Er hat ja überhaupt keine Ahnung. Wie oft habe ich Bekannte sagen hören: Wir beneiden Sie, Frau Schlieven, um ihre hübsche Tochter. Ja, das hatte sie oft genug gehört. Und jetzt sagte dieser dumme Mensch, er wäre froh, sie nicht zur Tochter zu haben.

Eine Weile saß sie stumm in ihrer Ecke und wollte ihn damit strafen, dass sie nicht mehr sprach. Aber der Mann bemerkte es nicht einmal. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war froh, bald zu Hause zu sein. Der Regen gab ihm den Rest. Quietschend zogen die Scheibenwischer ihre Bahn über die Scheibe. Das Fahren wurde noch anstrengender.

 

»Sind wir bald in Hamburg?«, unterbrach sie das Schweigen.

»Ja, bald. Sei ohne Sorge, du wirst noch alles sehen.«

Elvira war wirklich müde und außerdem wütend auf den Mann. Aber sie war froh gewesen, dass sie zu so später Stunde noch mitgenommen worden war. Ausgerechnet heute musste es regnen. Hätte der Regen nicht bis morgen warten können?

Weiter kam sie nicht mit ihren Gedanken. Denn jetzt tauchten die Millionen Lichter von Hamburg auf. Der ganze Himmel über der Stadt war hell erleuchtet. Ein herrlicher Anblick! Das war doch wirklich etwas anderes als die kleine, triste Stadt, aus der sie kam.

An der Helgoländer Allee endete die Fahrt mit dem Laster.

»Du musst hier aussteigen. Ich muss runter zum Hafen und entladen. Die sollen nicht merken, dass ich jemanden mitgenommen habe. Das sehen sie nicht gern.«

Elvira nahm ihren Rucksack und wollte aussteigen.

»Danke«, quetschte sie noch zwischen den Zähnen hervor. Schließlich entstammte sie einem guten Elternhaus.

Er hielt sie zurück.

»Hör zu, Kleine! Hier in der Nähe befindet sich eine Jugendherberge. Dort kannst du billig übernachten. Jeder kann dir von hier aus den Weg zeigen. Wenn du klug bist, gehst du dort hin. Dort bist du sicher.«

Sie sah ihn mit ihren großen, ausdrucksvollen Augen an.

»Danke«, sagte sie noch einmal. »Ich werde es mir merken, ich bedanke mich.«

»Keine Ursache«, brummte der Mann.

Dann wurde die Tür zugeschlagen und der große Laster schaukelte langsam um die Ecke und war gleich darauf verschwunden. In diesem Augenblick fühlte sich das Mädchen so richtig allein. Sein Herz schlug bis zum Hals. Es hatte einfach Angst!

Da stand Elvira nun auf der Straße; und der Regen drang bald in die Kleidung. Das wurde allmählich sehr unangenehm. Und dann wusste sie auch noch nicht, wo sie diese Nacht verbringen sollte. Zur Jugendherberge würde sie auf alle Fälle nicht gehen, dort gingen nur Kinder hin. Sie war schließlich schon siebzehn Jahre alt.

Mit den Freundinnen hatte sie so oft über Hamburg gesprochen. Hier war alles möglich. Hier sollte man auch sofort Arbeit und ein Zimmer finden. Wenn man fleißig war, dann konnte man sehr schnell aufsteigen, zumindest viel höher als bei einer so langweiligen Arbeit wie auf der Bank.

Aber all ihre Überlegungen brachten sie in diesem Augenblick nicht sehr viel weiter. Sie musste jetzt endlich etwas unternehmen. Mit den hundert Mark in der Tasche würde sie nicht weit kommen.

Vorsichtig ging sie auf der regennassen Straße weiter. An jeder Ecke gähnte ihr eine dunkle Gasse entgegen, und sofort liefen ihr kalte Schauer über den Rücken. Natürlich hatte sie auch schon gehört, dass es hier ein schlechtes Viertel gab. Davon sprach man eben nicht, flüsterte höchstens darüber, wenn sich keine Jugendlichen in der Nähe befanden.

2

Elvira hatte überhaupt keine Ahnung von Hamburg, und so bemerkte sie auch nicht, dass sie genau diesem Viertel zustrebte. Sie wunderte sich darüber, dass sich plötzlich so viele Leute auf der Straße befanden. Dass dies in der Hauptsache junge Mädchen waren, bemerkte sie nicht einmal.

Aber die Dirnen bemerkten sie sofort und musterten sie mit schrägen Augen. An der Kleidung und dem Rucksack erkannten sie sofort, dass sie von auswärts kam. Das Hascherl hatte sich wohl verlaufen, war also keine Konkurrenz.

Tapfer ging Elvira weiter, immer den Rucksack an sich gepresst. Der Regen ließ ihre Haare strähnig herunterhängen, und betrübt dachte sie: Ich sehe bestimmt fürchterlich aus. So bekomme ich nirgends Arbeit.

Elvira befand sich am Hafenstrich, und das war so das Gemeinste und Gewöhnlichste in Hamburg.

Und dann wurde sie angesprochen.

»He, Vogelscheuche, wo willst du denn hin?«

Erschrocken blieb sie stehen und wandte langsam den Kopf zur Seite. Ein junges Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, kam mit wiegenden Hüften näher. Wie konnte Elvira auch wissen, dass dieses Mädchen vor gar nicht langer Zeit selbst aus dem Hinterland gekommen war, sich aber jetzt hier ganz heimisch fühlte. Sie gab sich sogar recht wichtig und baute sich vor Elvira auf.

»Ja, dich hab ich gemeint. Was willst du hier? Hau ab, das ist hier keine Gegend für Babys. Geh zu Mama zurück und lass dir die Nuckelflasche wiedergeben. Du flennst ja schon, weil du dich verlaufen hast!«

So eine Rede hatte das junge Mädchen noch nie gehört. Und weil im Augenblick nicht viel los war, kamen die anderen kleinen Dirnen näher, stellten sich um sie herum und grinsten sie an. Das war mal eine kleine Abwechslung bei diesem Hundewetter.

Entgeistert starrte Elvira in jedes der verlebten Gesichter, dazu presste sie ihre Habseligkeiten noch mehr an sich.

»Die glaubt, wir klauen ihr die Sachen«, grölte eine große Dirne los.

Alle lachten und schlugen sich auf Schenkel.

»Nein«, stotterte Elvira hastig. »N…n…nein, das ist es doch nicht.«

»Wo willst du denn hin, Kleine? Wir sind ja nicht so. Hast dich also verlaufen und jetzt weißte nicht mehr, wo der Bus steht, was?«

»Bus?«, echote sie verwundert. »Welcher Bus?«

»Du meine Güte!«, schrie eine Nutte sie an. »Sag mal, hast du vielleicht ein paar Schrauben locker?«

»Vielleicht ist sie mit der Bahn gekommen«, lachten die anderen auf.

Langsam verstand Elvira.

»Nein«, sagte sie und lächelte zaghaft. »Ich bin mit einem Lastauto gekommen.«

»Wie, die ganze Schulklasse?«

»Wie bitte?«

Plötzlich schrie die erste Nutte: »Wir sind auf dem falschen Dampfer. Die ist gar nicht mit ihrer Schulklasse hier. Wette, dass sie von zu Hause fortgelaufen ist?«

»Ach nee, das wird ja immer schöner.«

»Ja«, sagte Elvira hastig. »Ich bin fortgelaufen. Ich suche hier in Hamburg Arbeit. Ich will nicht mehr zurück. Es war fürchterlich.«

»Wie? Hat dich dein Alter so geschlagen?«, fragte eine Dirne. Und eine andere: »Hat er was von dir gewollt? Hat dich die Stiefmutter misshandelt? Los, quatsch doch endlich! Was ist denn losgewesen.«

3

Sie alle, die Elvira umstanden, kamen aus dem tiefsten Milieu. Und oft waren es Grausamkeiten der Eltern, die sie auf diesen Hafenstrich getrieben hatten. Darum empfanden sie im Augenblick so etwas wie Mitleid.

»Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus«, stotterte sie. »Aber ich bin nicht geschlagen worden, nein, das nicht.«

»Aber die müssen doch irgendetwas getan haben, verdammt noch mal.«

»Immer haben sie mich bevormundet«, sagte sie kleinlaut und hastig. »Und dann musste ich jeden Tag zur Bank. Das war einfach grässlich.«

»Zur Bank?«, riefen die Mädchen. »Soll das vielleicht heißen, die Alten haben dich angelernt, bei der Bank zu klauen? Mann, den Trick musst du uns verraten! Die passen doch auf wie Schießhunde. An deren Geld kommt man doch nur ran, wenn man nachts einsteigt. Ich glaube, Kleene, du willst uns verulken, wie? Los, jetzt, red mal endlich.«

»Nein!«, rief Elvira. »Doch nicht klauen! Um Gottes willen, das doch nicht! Wo mein Vater doch Richter ist!«

Sofort gingen die Dirnen einen Schritt zurück. »Verflixt, was ist dein Alter?«

»Richter«, stammelte Elvira, die schon ganz durcheinander war. Sie verstand nur noch die Hälfte von dem, was die Mädchen sagten.

Hui, mit einem Richter war nicht gut Kirschen essen, und sie war die Tochter!

»Hör mal, und was war jetzt mit der Bank?«

»Ich war dort angestellt. Aber es hat mir nicht gefallen, ehrlich nicht. Deshalb bin ich fortgelaufen. Ich will jetzt hier in Hamburg eine neue Stelle suchen.«

»Als Bankangestellte?«

»Nein!«, schrie sie ihnen fast ins Gesicht.

Für Minuten war es ganz still geworden. Die Dirnen sahen sich erstaunt an. Das ging einfach über ihre Hutschnur. Sie hatten von zu Hause fortgehen müssen  entweder, weil man sie unmenschlich geprügelt hatte, der Alte sich an ihnen vergriffen hatte, oder weil es mit dem Essen eben knapp war. Man musste selbst sehen, wie man zurechtkam, und so ging man denn auf den Hafenstrich. Anderswo durften sie ja nicht stehen.

Doch während sie hier standen und dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen, sehnten sich die Mädchen nach einem gutbürgerlichen Leben, mit allem Drum und Dran. Aber sie wussten auch, dass derjenige nie aufsteigen konnte, der einmal in der Gosse war.

Und jetzt kam dieses Mädchen, hatte all das, wonach sie sich sehnten, und warf das einfach über Bord  weil es das Leben zu spießig fand, weil es etwas erleben wollte, sich nicht mehr den Eltern fügen wollte.

Noch immer starrten sie Elvira entgeistert an.

»Du bist verrückt«, keuchte eine. »Du weißt ja nicht, was du sagst. Wenn du nur ein paar Tage hier bist, dann heulste nach Mama und Papa, aber dann wollen deine Alten dich nicht mehr haben. Mensch, verdufte, bevor es zu spät ist.«

»Ich gehe nie mehr zurück« sagte sie trotzig. »Ich bin groß genug, um für mich selbst zu sorgen.«

»So, das kannst du also«, meinten sie zynisch. »Dann haste wohl vorher die Bank ausgeraubt, wie? Dann ist das natürlich etwas anderes, wenn du nicht mehr zurückwillst.«

»Ich habe hundert Mark in der Tasche. Und vorhin habe ich schon mal gesagt, dass ich arbeiten will!«, rief sie hitzig. »Ich habe euch nicht um euren Rat gebeten.«

»Das ist wirklich ein starkes Stück! Mann, wir sollten sie an ihren Hammelbeinen nehmen und in die Elbe werfen«, fluchten sie. »Vielleicht wird sie dann ein wenig kleiner.«

»Bringen wir sie doch zu Albert«, sagte eines der Dirnchen. »Der wird schon wissen, wie man am besten mit ihr verfährt. Ihr habt ja gehört, sie will unbedingt arbeiten. Albert hat gestern noch gesagt, er brauche jemanden.«

»Na klar, hab ich auch gehört! Wenn wir dem einen Gefallen tun, dann haben wir bei ihm wieder einen Stein im Brett. Dann kann er uns nicht einfach rausschmeißen.«

»Los, gehen wir, bevor sie sich’s noch anders überlegt.«

Elvira wurde am Arm gefasst und mitgeschleppt.

»He, was habt ihr vor? Wohin bringt ihr mich?«, protestierte sie laut.

»Wir beschaffen dir Arbeit. Danach schreist du doch die ganze Zeit.«

»Ehrlich?«, rief sie hocherfreut. »Ihr seid wirklich nett.«

Das hatte schon lange keiner mehr zu ihnen gesagt. Die Dirnen fühlten sich ganz hoch oben.

4

Als sie die Tür der Kneipe aufrissen, konnte Elvira im ersten Augenblick nichts sehen. Tabakqualm, so dick wie Nebel, schlug ihr entgegen. Aber an dem Lärm hörte sie, dass sich eine Menge Leute in dem Raum befinden musste: grölende Männerstimmen, kreischende Frauen.

Die Hand vorgestreckt, tastete sie sich hinter den Dirnen her. Als sie endlich das Ende des Raumes erreicht hatten, rief eine harte Stimme auf: »Verdammt, hab ich euch nicht gestern in die Gosse geschmissen? Wenn ihr nicht auf der Stelle kehrtmacht, fliegt ihr wieder! Aber diesmal ist es so, dass ihr euch ein paar Rippen brecht.«

»Mach halblang, Albert«, sagte die Anführerin. »Wir bringen dir etwas. Du solltest uns wirklich dankbar sein.«

»Was ihr mir anschleppt, darauf kann ich wirklich verzichten«, sagte er wütend. »Los, verduftet! Ihr stinkt mir.«

Hastig wurde Elvira nach vorn geschoben.

»Na, ist das etwa nichts?«

Elvira sah jetzt einen Mann vor sich, wie sie noch keinen in ihrer Kleinstadt gesehen hatte. Zuerst einmal sah er wie ein Filmschauspieler aus. Er hatte ein raffiniertes Gesicht mit einem Schnauzbart, dazu trug er ein knallrotes Hemd und schwarze Samthosen. Er war umwerfend, und sie himmelte ihn gleich an.

Albert, der Kneipenbesitzer, sah zornig aus. Als er jetzt aber Elvira gewahrte, meinte er: »Wo habt ihr die denn aufgegabelt?«

»Am Pinnasberg. Dort streunte sie im Regen herum und suchte Arbeit. Sie ist von zu Hause ausgerissen, musst du wissen. Hast du gestern nicht gesagt, dass du eine Hilfe in der Küche brauchtest, Albert?«

»Ja, das habe ich gesagt.«

Er taxierte sie wie ein Pferd. Und erkannte sofort, dass sie aus gutem Hause war, also kein Flittchen. Mit denen zusammenarbeiten zu müssen, war schlimm. Die stahlen, wo sie nur konnten, und waren faul. Außerdem wuschen sie sich nur, wenn sie Geburtstag hatten.

 

Elviras Herz klopfte bis zum Hals. Sie wagte nicht etwas zu sagen. Alles war so unwirklich. Ihr war, als hätte eine Fee sie hierhin gezaubert. Alles war so aufregend und neu.

»Du gefällst mir«, sagte er und kniff ihr in die Backe.

Sie riss ihre Augen weit auf und errötete sofort. Aber das konnte man wegen des schummrigen Lichtes Gott sei Dank nicht sehen.

»Willst sie also haben?«

»Verstehst du was von der Küche?«

»Ein wenig«, lispelte sie.

»Ich hab einen Koch, dem musst du zur Hand gehen. Ich will es mit dir versuchen.«

Die Dirnen waren furchtbar stolz.

»So sind wir«, sagten sie anzüglich.

»Einen Dreck seid ihr!«, fluchte er, aber dann lenkte er ein und sagte: »Jonny soll euch ein Bier geben. Aber danach verschwindet ihr von der Bildfläche.«

Sie gingen zur Theke.

»Komm mit«, sagte Albert und nahm Elvira mit in die Küche. Zu ihrem Erstaunen sah sie, dass es sich um einen chinesischen Koch handelte.

»Lie-San frisst dich nicht auf«, sagte Albert.

Elvira schluckte. Sie hatte sich eigentlich das Leben in Hamburg ein wenig anders vorgestellt. Und wenn sie ehrlich sein wollte, so hatte es ihr nie Spaß gemacht, der Mutter im Haushalt zu helfen. Aber der bloße Gedanke, dass sie Albert jetzt immerzu sehen würde, machte sie willig.

»Leg deinen Rucksack dort ab, und dann hilf ihm. Später sehen wir weiter.« In dieser Nacht arbeitete Elvira, wie sie es noch nie getan hatte. Gegen Morgen, als der Betrieb endlich nachließ, hatte sie das Gefühl, die Beine würden ihr abfallen.

Lie-San lächelte nur und meinte lispelnd: »Wird schon werden.«

Sie lächelte zurück, ließ sich auf einen Stuhl fallen und war gleich darauf eingeschlafen. Irgendjemand rüttelte sie wach.

»Komm mit, ich zeig dir deine Kammer!«

Blinzelnd öffnete sie die Augen und sah Albert vor sich. Sie nahm ihren Rucksack und stolperte hinter ihm her. Oben unterm Dach wies er ihr eine kleine Mansarde zu.

»Der Koch ist mit dir zufrieden«, sagte Albert.

Elvira sah nur das Bett, ließ sich darauf nieder und fiel gleich in tiefen Schlaf.