Essstörungen

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UTB 3003

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Dr. Esther Biedert, Abt. klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität Basel

Lektorat/ Redaktion im Auftrag des Ernst Reinhardt Verlages: Ulrike Auras, München

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

UTB-ISBN 978-3-8252-3003-6 (Print), 978-3-8385-3003-1 (E-Book) ISBN 978-3-497-01965-6

ISBN 978-3-838-53003-1 (E-Book)

© 2008 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne schriftliche Zustimmung der Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, München, unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen in andere Sprachen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Reihenkonzept und Umschlagentwurf: Alexandra Brand

Umschlagumsetzung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: Arnold & Domnick, Verlagsproduktion, Leipzig

Druck: Friedrich Pustet, Regensburg

ISBN 978-3-8252-3003-6 (UTB-Bestellnummer)

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Titel Impressum Einleitung 1 - Anorexia Nervosa – Weigerung, das Minimalkörpergewicht zu halten 2 - Bulimia Nervosa –Kontrollverlust beim Essen mit unangemessenen Strategien zur Verhinderung einer Gewichtszunahme 3 - Binge Eating Disorder –Kontrollverlust beim Essen 4 - Nicht näher bezeichnete Essstörung –eine heterogene Diagnosekategorie 5 - Ausblick Anhang Sachregister

Einleitung

Das Thema „Essen“ nimmt im individuellen Alltag sowie auch in den Medien und der Öffentlichkeit einen großen Stellenwert ein: Essen ist lebensnotwendig. Essen ist aber auch mit sozialen Aktivitäten und Kontakten assoziiert. Darüber hinaus werden das Essen und seine Zubereitung in einer Vielzahl von Kochbüchern und TV-Sendungen geradezu zelebriert, herausragende Kochkünste werden honoriert, und in entsprechenden Restaurants soll Essen zum ultimativen Genusserlebnis werden. Essen wird des Weiteren in vielfältigsten Formen zum Kauf angeboten, die Auswahlmöglichkeiten nehmen kontinuierlich zu. Essen ist offensichtlich nicht nur lebensnotwendig, es ist in unserer Gesellschaft auch ein wichtiger Teil des sogenannten „Lifestyles“ – den meisten Menschen verschafft Essen Freude und Genuss.

Gleichzeitig existiert in der westlichen Gesellschaft ein körperliches Schönheitsideal, das sich in den letzten vierzig Jahren immer mehr in Richtung „schlank“ bzw. „dünn“ entwickelt hat. Erstrebenswert erscheint dieses Ideal, weil es Schlankheit mit Gesundheit, Schönheit und Erfolg gleichsetzt. Dabei werden eine Figur und ein Körpergewicht propagiert, die nicht mit den physiologischen Voraussetzungen der meisten Menschen übereinstimmen. Anders ausgedrückt: Das Ideal kann mit normalem (langfristig gesundem) Ess- und Ernährungsverhalten nicht erreicht werden.

Dieses unrealistische Ideal wird in Werbung und Medien nicht weniger intensiv und bildhaft angepriesen wie der Themenbereich Essen, was erwiesenermaßen zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, gestörtem Essverhalten, Sorgen um Gewicht und Figur sowie ungesunden Strategien der Gewichtskontrolle führt (Becker / Fay 2006) – Schlanksein wird beinahe zur kollektiven Besessenheit. Für viele entwickelt sich das Thema Essen daher weg vom Genuss und wird zur Belastung: Ein vormals meist unbeschwerter Bereich bekommt eine derart hohe Relevanz, ja Omnipräsenz, dass er nicht mehr mit Lust, sondern mit Leiden verknüpft ist.

Es existieren verschiedenste Muster nicht-normativen Essverhaltens und dysfunktionaler Bewertungen hinsichtlich der Bedeutung von Figur und Gewicht. Das Ausmaß der jeweiligen Abweichung vom „Normalen“ variiert, und die Grenze zwischen bedenklichem Verhalten, problematischem und gestörtem Verhalten ist fließend. Problematisches, nicht-normatives Verhalten im Umgang mit Essen, Figur und Gewicht ist weit verbreitet. So treten beispielsweise gezügeltes Essverhalten (durch Einsparen von Nahrung oder Diätieren wird das Körpergewicht beeinflusst bzw. kontrolliert) und wiederholtes erhebliches Überessen bis hin zu Essanfällen auch bei Gesunden häufig auf. Im Unterschied zu klinisch relevanten Essstörungen sind diese Verhaltensweisen jedoch (noch) nicht mit einer deutlichen Belastung und Beeinträchtigung verbunden. Vom Ausmaß einer eigentlichen klinischen Störung im Umgang mit Essen, Figur und Gewicht ist ein vergleichsweise geringer Teil der Bevölkerung betroffen.

Auffälliges Verhalten in Bezug auf das Essen sowie damit verknüpfte Schwierigkeiten sind nichts Neues, sondern historisch belegt; Beschreibungen von selbst gewähltem Hungern bis hin zu exzessivem Überessen existieren seit Jahrhunderten. Jedoch scheinen die Schwierigkeiten im Umgang mit dem Essen, die aktuell als Essstörungen definiert werden, eine „neue“ oder „moderne“ Entwicklung zu sein, charakteristisch für das zwanzigste Jahrhundert (Vandereycken 2002). Auffällig ist, dass ein Teil dieser Essstörungen unverhältnismäßig häufig unter weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen auftritt. Diese manifesten Essstörungen, namentlich die Anorexia Nervosa („Magersucht“), Bulimia Nervosa („Ess-Brech-Sucht“), Binge Eating Störung („Essanfallsstörung“) und die nicht näher bezeichnete Essstörung (Residualkategorie), werden in diesem Buch beschrieben. Dabei sollen auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Befunde u. a. folgende Fragen beantwortet werden, um einen Einstieg in das Thema „Essstörungen“ zu vermitteln:

• Was ist unter den verschiedenen Essstörungen konkret zu verstehen, und wie unterscheiden sie sich voneinander?

• Wie häufig tritt die jeweilige Essstörung auf, und wer ist davon betroffen?

• Warum entwickelt nur ein Bruchteil derer, die dem gängigen Schlankheitsideal nacheifern, eine manifeste Essstörung, oder was trägt zur Entwicklung einer Essstörung bei?

• Welche Behandlungsansätze sind zur Therapie der Essstörung wirksam?

Die Essstörungen gehören nebst anderen psychischen Störungsbildern wie beispielsweise den Angst- und affektiven Störungen in den Bereich der Psychopathologie. Dieser wird innerhalb des Studiums der Klinischen Psychologie vermittelt. Störungsspezifisches Wissen über Essstörungen ist die Grundlage für deren wirksame Behandlung; es ermöglicht jedoch auch ein besseres Verständnis für die Betroffenen und deren Angehörige. Gerade auch im pädagogischen Bereich kann es hilfreich sein, aufgrund von Basiswissen betroffene oder gefährdete Kinder, Jugendliche oder Adoleszente zu erkennen und adäquate erste Hilfestellungen zu geben.

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Anorexia Nervosa – Weigerung, das Minimalkörpergewicht zu halten

Essen vermag nicht nur den Hunger zu stillen, es kann auch tröstlich oder als Belohnung wirken. Es dient also sowohl der körperlichen als auch der seelischen Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen. Im sozialen Leben nimmt das Essen ebenfalls eine wichtige Rolle ein, da es Bestandteil von Zusammenkünften, Austausch und Kommunikation ist. Zum „normalen Essen“ – dessen Definition auch kultur- und gesellschaftsabhängig ist – gehören ein gesunder Appetit und unbeschwertes Genießen.

Körperliche Grunderkrankungen und zeitweilige Belastungen können dieses „normale Essen“ stören – der Mensch isst weniger und nimmt ab. Auch willentliche Einschränkungen beim Essen, beispielsweise bei einer Diät, können zur Gewichtsreduktion führen. Eine solche bewusst herbeigeführte Gewichtsabnahme wird bei übergewichtigen Menschen, deren Körpergewicht ein medizinisches Problem darstellt, angestrebt. Aber auch viele normalgewichtige Menschen wollen ihr Gewicht kontrollieren und reduzieren – aus kosmetischen Gründen und weil sie sich zu dick fühlen.

 

Es gibt darüber hinaus aber auch Menschen, bei denen die Gewichtsreduktion ein extremes Ausmaß annimmt und die eine Essstörung, die Anorexia Nervosa entwickeln: Die Betroffenen – meist sind es junge Frauen – sind gedanklich ständig mit ihrem Körpergewicht und den Möglichkeiten, dieses zu reduzieren, beschäftigt. Essen ist fortan mit Schuld- und Schamgefühlen verbunden und die Betroffenen haben große Angst vor einer Gewichtszunahme oder davor, trotz bestehenden Untergewichts, dick zu sein.

Erscheinungsbild der Anorexia Nervosa

Kernaussage

Das Kernmerkmal der Anorexia Nervosa ist ein selbst herbeigeführter Gewichtsverlust. Das Körpergewicht liegt mindestens 15 Prozent unter dem zu erwartenden Gewicht, bei Betroffenen in der Vorpubertät kann eine altersentsprechende Gewichtszunahme ausbleiben.

Das extreme Untergewicht basiert auf der Weigerung, ein minimales normales Körpergewicht (↑ BMI < 17,5 kg/m2) zu halten. Charakteristisch für die Anorexia Nervosa ist auch, dass das angestrebte Körpergewicht nicht nur unterhalb der medizinischen Norm liegt, sondern bei ständiger Gewichtsabnahme immer noch weiter heruntergesetzt wird. Das heißt, die Angst vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu sein, bleibt trotz fortschreitender Abmagerung bestehen.

Ein weiteres Merkmal der Anorexia Nervosa besteht in der ständigen gedanklichen Beschäftigung mit dem Thema Essen. Typische Gedanken sind dabei : „Wie viele Kalorien habe ich jetzt zu mir genommen?“, „Wie kann ich noch mehr Kalorien einsparen?“. Die Zubereitung und Beschaffenheit von Nahrungsmitteln hat eine große Bedeutung für die Betroffenen. Besonders zucker- und fetthaltige Lebensmittel werden vermieden; mit der Zeit werden nur noch ganz bestimmte Esswaren verzehrt (rigide Esskontrolle), Auswahl und Menge von Nahrungsmitteln sind stark eingeschränkt. Darüber hinaus vermeiden anorektische Patienten häufig gemeinsame Mahlzeiten mit anderen.

Trotz bestehenden Untergewichts betonen die Betroffenen meist, sich leistungsfähig und fit zu fühlen. Solange wie möglich wird versucht, überdurchschnittliche Leistungen zu erbringen, sei es in Beruf, Studium oder Schule. Hingegen nehmen die sozialen Kontakte ab und reduzieren sich häufig auf wenige Kontaktpersonen. Als längerfristige körperliche Folgen des extremen Untergewichts entwickeln sich typischerweise ↑ Amenorrhoe, Herzrhythmusstörungen, Unruhe, Frieren.

Ein Teil der anorektischen Patienten verliert allein durch eine stark reduzierte Nahrungsaufnahme – oft in Verbindung mit deutlich gesteigerter körperlicher Aktivität – an Körpergewicht („restriktiver Typ“ der Anorexia Nervosa; siehe dazu auch die Diagnosekriterien im Abschnitt „Klassifikation und Diagnostik“). Ein anderer Teil der Betroffenen greift zu weiteren gewichtsreduzierenden Maßnahmen wie Einnahme von Abführmitteln und selbst herbeigeführtes Erbrechen. Letzteres geschieht oft im Anschluss an einen Essanfall („Binge-Eating/Purging“-Typ der Anorexia Nervosa; siehe auch dazu die Diagnosekriterien).

Fallbeispiel: Etablierung anorektischen Verhaltens bei einer 17-jährigen jungen Frau

„Angefangen hat alles mit dem Wunsch, ein paar Kilo an Gewicht zu reduzieren (Ausgangs-BMI: 22), um meiner Vorstellung eines idealen Körpers näher zu kommen. Mittels Diäthalten gelang es mir in relativ kurzer Zeit mein ursprüngliches Zielgewicht zu erreichen. Trotz der erfolgreichen Gewichtsreduktion fühlte ich mich aber im Umgang mit anderen Menschen nach wie vor unsicher, und verhielt mich eher zurückhaltend und scheu und war der Meinung, dass ich mit weniger Körpergewicht erfolgreicher und sicherer im Umgang mit anderen würde. Gleichzeitig erlebte ich jedoch mit der Veränderung meines Essverhaltens und der daraus resultierenden Gewichtsabnahme ein Gefühl der Kontrolle, das für mich immer mehr zum Beweis wurde, wie effektiv und einflussreich ich sein kann. Die kontinuierliche Einschränkung der Nahrungszufuhr und das Aushalten des Hungers wurde zu einer immer zentraleren Aufgabe, die ich – analog zu meinen Schulleistungen – erfolgreich bewältigen wollte. Je länger ich mich darum bemühte, desto mehr kreisten meine Gedanken ums Essen. Keine „Mahlzeit“ ohne langes vorheriges Abwägen, ob ich jetzt tatsächlich essen muss oder nicht noch warten sollte, ob ich nicht noch weniger essen könnte, was ich an diesem Tag schon gegessen habe usw. Genau so dominant wurden die Gedanken darum, wie ich die zugeführte Energie auch möglichst effizient und rasch wieder abbauen könnte. Dazu diente tägliches Joggen, im Minimum 1,5 Stunden, wenn immer möglich mehr. Obwohl ich mein Gewicht bis auf einen BMI von 16,5 reduzierte, war ich nach wie vor der Meinung, zu dick zu sein und sehr unzufrieden mit meinem Körper. Das über einen längeren Zeitraum hinweg sehr eingeschränkte Essverhalten (ich aß praktisch nur noch Gemüse, Früchte und Salat, möglichst fettfrei zubereitet) kippte plötzlich in phasenweise anfallsartiges Essen: innert kurzer Zeit aß ich – vorausgesetzt ich war alleine zu Hause – eine Unmenge all jener Nahrungsmittel, die ich mir seit längerer Zeit verboten hatte zu essen. Nach einem solchen Essanfall bemühte ich mich wiederum noch verstärkt, das Essen einzuschränken. Meine sozialen Kontakte habe ich über kurz oder lang auf ein Minimum reduziert: Ich habe vermieden, mich mit anderen zum Essen zu treffen; zu Hause habe ich versucht, wann immer möglich, nicht mit der Familie essen zu müssen, und habe mir dafür immer wieder neue Ausreden oder Begründungen für mein geringes Essen ausgedacht; aufgrund meines hohen Einsatzes für die Schule und das tägliche Joggen blieb mir auch gar nicht mehr viel Zeit für Verabredungen. Mit der Zeit interessierte ich mich auch gar nicht mehr dafür, etwas zu unternehmen oder etwas zu machen, was mir vor einem Jahr noch Freude bereitet hatte. Körperlich traten nebst Erschöpfung weitere Veränderungen ein, wie das Ausbleiben der Menstruation, ständiges Frieren, trockene Haut.“

Epidemiologie und Komorbidität

Wie häufig tritt die Anorexia Nervosa auf?

Hinsichtlich der ↑ Epidemiologie der Anorexia Nervosa lassen sich folgende Aussagen treffen: Die ↑ Prävalenzrate der Anorexia Nervosa bei jungen Frauen im Alter zwischen vierzehn und zwanzig Jahren schwankt zwischen 0 und 0,9% und beträgt im Durchschnitt 0,3%.Die ↑ Inzidenzrate der Anorexia Nervosa umfasst acht Neuerkrankungen pro Jahr bezogen auf 100 000 Einwohner (Hoek 2006). Die Prävalenz der Anorexia Nervosa ist seit den 1970er Jahren stabil, stieg in den Jahrzehnten davor jedoch stetig an. Damit tritt die Anorexia Nervosa deutlich weniger häufig auf als die Bulimia Nervosa (Kapitel 2) und die Binge Eating Disorder (Kapitel 3).

Kernaussage

Die Anorexia Nervosa tritt in ihrer ↑ klinisch relevanten Ausprägung relativ selten auf. Hingegen sind entsprechende einzelne Symptome eines gestörten Essverhaltens in der Bevölkerung relativ häufig. Zu diesen Symptomen gehören beispielsweise rigides oder gezügeltes Essverhalten, Unzufriedenheit mit Figur und Gewicht, das Durchführen von Diäten. Auch sie sind wiederum vor allem unter jungen Frauen in der ↑ Adoleszenz verbreitet (Hoek/van Hoeken 2003).

Wer erkrankt an der Anorexia Nervosa?

Die höchsten Inzidenzraten der Anorexia Nervosa treten bei jungen Frauen im Alter zwischen fünfzehn und neunzehn Jahren auf. Aus dieser Altersgruppe stammen ca. 40 % der Neuerkrankungen. Pubertät und Adoleszenz mit den dazugehörenden Veränderungen hinsichtlich Körpergewicht und Figur stellen besondere Risikozeiten für die Entstehung dieser Essstörung dar. Mit zunehmendem Alter nimmt die Inzidenz der Anorexia Nervosa hingegen kontinuierlich ab. Die Anorexia Nervosa tritt vorwiegend bei Frauen auf, wobei auch Männer von der Essstörung betroffen sein können. Das Geschlechtsverhältnis Frauen: Männer beträgt 10:1 (Hoek/van Hoeken 2003). Gehäuft tritt die Anorexia Nervosa in Bevölkerungsschichten mit einem höheren sozioökonomischen Status auf.

Welchen Verlauf nimmt die Anorexia Nervosa und wie ist die Prognose?

Eine Übersichtsarbeit von Steinhausen (2002) beschreibt folgenden Verlauf des Störungsbildes der Anorexia Nervosa:

• Bei weniger als der Hälfte remittierte (↑ Remission) die Symptomatik.

• Bei einem Drittel verbesserte sich die Symptomatik.

• Circa 20 % der Betroffenen wiesen eine Chronifizierung der Essstörung auf.

• Durchschnittlich 5 % der Betroffenen starben aufgrund der Essstörung.

Eine Verlaufsuntersuchung von Fichter et al. (2006) zeigt, dass zwölf Jahre nach Behandlungsabschluss

• rund 52 % der Patientinnen unter keiner Essstörung mehr litten,

• knapp 20 % noch die Kriterien einer Anorexia Nervosa erfüllten,

• 9,5 % die Symptomatik einer Bulimia Nervosa (Kapitel 2) aufwiesen,

• knapp 19 % die Kriterien einer „nicht näher bezeichneten Essstörung“ erfüllten (Kapitel 4),

• 7,7 % der Betroffenen im Verlauf der zwölf Jahre in Folge der Essstörung verstorben waren.

Diese Befunde zeigen, dass längerfristig noch circa die Hälfte der Betroffenen nach wie vor unter einer Essstörung leiden.

Zu der Frage, welche Merkmale den langfristigen Verlauf der Anorexia Nervosa ungünstig beeinflussen, liegen uneinheitliche Ergebnisse vor: In einigen Studien wurden beispielsweise die Schwere der Erkrankung, das Ausmaß des Gewichtsverlusts, sowie ein frühes Erstmanifestationsalter als negative ↑ Prädiktoren ausgemacht, andere Studien hingegen widerlegten diese Befunde. Die bereits erwähnte neuere Längsschnittuntersuchung über zwölf Jahre hinweg von Fichter et al. 2006) zeigt, dass ↑ Impulsivität, Schwere und Chronifizierung der Erkrankungssymptome einen negativen Verlauf der Essstörung vorhersagen. Zusammenfassend kann der Verlauf der Anorexia Nervosa mit zwei Tendenzen beschrieben werden:

Kernaussage

Ein Teil der Betroffenen remittiert, der andere Teil chronifiziert – teilweise schwer – oder stirbt sogar. Diese Befunde zeigen deutlich, dass die Anorexia Nervosa eine schwerwiegende Erkrankung darstellt, an deren Folgen zwischen 5 und 10 % der Betroffenen sterben.

Welches sind die häufigsten komorbiden Störungen der Anorexia Nervosa?

Komorbide (↑ Komorbidität) psychische Störungen bei der Anorexia Nervosa sind häufig, d.h., im Vergleich zur Normalbevölkerung treten die folgenden ↑ Achse-I und II-Störungen in der ↑ klinischen Stichprobe gehäuft auf (Fichter et al. 2006).

• ↑ affektive Störungen (↑ Punktprävalenz 21 %, ↑ Lebenszeitprävalenz 64 %), wobei es sich meist um eine ↑ Major Depression handelt (Punktprävalenz 17 %, Lebenszeitprävalenz 55 %)

• Angststörungen (Punktprävalenz 29 %, Lebenszeitprävalenz 47 %)

• ↑ Zwangsstörungen (Punktprävalenz 13 %, Lebenszeitprävalenz 18 %)

• Störungen im Zusammenhang mit Substanzkonsum wie beispielsweise Alkohol, Medikamente (Punktprävalenz 9 %, Lebenszeitprävalenz 30 %)

• ↑ Borderline-Persönlichkeitsstörung 9 %

Neben den komorbiden psychischen Störungen treten bei der Anorexia Nervosa auch somatische Komplikationen als Folgeschäden der Essstörung auf. Viele dieser körperlichen Konsequenzen und Symptome der Anorexia Nervosa sind durch das Hungern und das Untergewicht bedingt. Außer ↑ Amenorrhoe treten oft Verstopfung, Bauchschmerzen, Kälteunverträglichkeit, Lethargie und übermäßige Energie auf. Aufgrund des Untergewichts ist der Körper gezwungen, alle verfügbaren Energiereserven zu mobilisieren und die für das Überleben nicht entscheidenden Aktivitäten zu reduzieren. Der Energieverbrauch im Körper wird reduziert durch:

• Senkung der Hauttemperatur (Hypothermie)

• Hauttrockenheit

• Verlangsamung der Herzfrequenz (Bradykardie)

• Senkung des Muskeltonus (Hypotension)

Einige Betroffene entwickeln längerfristig Lanugo, eine feine, flaumige Körperbehaarung sowie periphere Ödeme (Schwellungen an den Händen und Füssen).

Insgesamt kann die anorektisch bedingte Mangelernährung und das teilweise mit der Essstörung einhergehende ↑ „Purging“-Verhalten bedeutsame medizinische Krankheiten bedingen. Zu diesen zählen Veränderungen des Blutbildes, Verschlechterung der Nierenfunktion, Störungen der Herz-Kreislauf-Funktionen (sehr niedriger Blutdruck, Arrhythmien), Osteoporose (Verminderung der Knochengrundsubstanz) und Zahnschäden.

 

Klassifikation und Diagnostik

Wie wird die Anorexia Nervosa klassifiziert?

Sowohl ↑ DSM-IV-TR als auch ↑ ICD-10 definieren als Leitsymptom der Anorexia Nervosa die Weigerung der Betroffenen, ein minimales medizinisch normales Körpergewicht zu halten bzw. in der ↑ Adoleszenz zu erreichen. Körperliche Ursachen für den Gewichtsverlust müssen ausgeschlossen sein. Im ICD-10 wird Untergewicht über einen ↑ BMI kleiner oder gleich 17,5 definiert; das ↑ DSM-IV-TR geht hingegen davon aus, dass das Körpergewicht weniger als 85 % des aufgrund von Alter und Körpergröße zu erwartenden Gewichts ausmacht. Ein weiteres klassifizierendes Merkmal der Anorexia Nervosa ist die ausgeprägte Angst vor einer Gewichtszunahme sowie die verzerrte Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, die das Ausmaß einer ↑ Körperschemastörung einnimmt.

Da das DSM-IV-TR das in der Psychotherapieforschung und psychologischen Diagnostik am häufigsten verwendete Klassifikationssystem ist, werden hier die DSM-Diagnosekriterien der Anorexia Nervosa aufgeführt. Das DSM-IV-TR verweist bei jeder Diagnose darauf, wo die entsprechenden Kriterien im ICD-10 zu finden sind.

Diagnosekriterien der Anorexia Nervosa nach DSM-IV-TR (ICD-10: F50.0)

A. Weigerung, das Minimum des für Alter und Körpergröße normalen Körpergewichts zu halten (z. B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85 % des zu erwartenden Gewichts).

B. Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts.

C. Störung in der Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Schweregrades des gegenwärtigen geringen Körpergewichts.

D. Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhoe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinanderfolgenden Menstruationszyklen (Amenorrhoe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen, z.B. Östrogen, eintritt).

Bestimme den Typus:

Restriktiver Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia Nervosa hat die Person keine regelmässigen Essanfälle gehabt oder hat kein „Purging“-Verhalten (das heißt selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt. „Binge-Eating/Purging“-Typus: Während der aktuellen Episode der Anorexia Nervosa hat die Person regelmäßig Essanfälle gehabt und hat Purgingverhalten (das heißt selbstinduziertes Erbrechen oder Missbrauch von Laxantien, Diuretika oder Klistieren) gezeigt.

E. Die „Essanfälle“ gehen nicht mit dem regelmäßigen Einsatz von unangemessenen kompensatorischen Verhaltensweisen einher (z. B. „Purging-Verhalten“, fasten oder exzessive körperliche Betätigung) und sie treten nicht ausschließlich im Verlauf einer Anorexia Nervosa oder Bulimia Nervosa auf.

Bei der Bulimia Nervosa (Kapitel 2) leiden die Betroffenen ebenfalls an wiederholten Essanfällen und zeigen unangemessene Maßnahmen, um ihr Gewicht zu halten. Im Unterschied zu Personen mit Anorexia Nervosa des „Binge-Eating / Purging“-Typus sind jene mit Bulimia Nervosa in der Lage, ihr Körpergewicht um oder über einem Minimum des medizinisch normalen Körpergewichts zu halten.

Worauf ist bei der Anorexia Nervosa differentialdiagonstisch zu achten?

Bei der ↑ Differentialdiagnose der Anorexia Nervosa sollten andere mögliche Ursachen für einen erheblichen Gewichtsverlust in Betracht gezogen werden. Dabei sind sowohl somatische als auch andere psychische Erkrankungen zu berücksichtigen. Für einen Gewichtsverlust oder eine Veränderung des Essverhaltens und des Appetits mögliche körperliche Krankheitsfaktoren (beispielsweise Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, chronische Infektionen, Tumorerkrankungen) müssen mittels ärztlicher medizinischer Untersuchung differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden.

Einzelne Symptome der Anorexia Nervosa können auch bei anderen psychischen Störungen auftreten. So kann es beispielsweise bei einer ↑ Major Depression ebenfalls zu erheblichem Gewichtsverlust kommen, bei einer Zwangsstörung können die Betroffenen unter nahrungsbezogenen Zwangsgedanken und -handlungen leiden (z.B. Nahrungszubereitung nur unter ritualisierten Bedingungen). Natürlich ist der „Binge-Eating/Purging“-Typus bei der Anorexia Nervosa von der Bulimia Nervosa (Kapitel 2) abzugrenzen. Weitere psychische Differentialdiagnosen sind: soziale Phobie (ausgeprägte und anhaltende Angst vor sozialen und Leistungssituationen), körperdysmorphe Störung (übermäßige Beschäftigung mit einem eingebildeten oder überbewerteten Mangel bzw. Entstellung des körperlichen Aussehens), Schizophrenie (unter dem Begriff wird eine psychopathologisch gemischte Gruppe von Störungen zusammengefasst, die mit Veränderungen des Denkens, der Sprache, des Verhaltens, mit Realitätsverlust und Wahnvorstellungen einhergehen) sowie anorektische Reaktion im Rahmen von Anpassungsstörungen (Entwicklung von emotionalen oder verhaltensmäßigen Symptomen als Reaktion auf einen identifizierbaren Belastungsfaktor).

Die spezifischen Merkmale der Anorexia Nervosa, nämlich intensiver Wunsch nach Gewichtsabnahme, gestörtes Körperbild und übermäßige Bedeutung von Figur und Gewicht für die Selbstbewertung, erleichtert die Differentialdiagnose zu anderen Erkrankungen.

Kernaussage

Bei somatischen oder anderen psychischen Störungen wird meist kein übermäßiger Gewichtsverlust angestrebt, und es besteht keine intensive Angst vor einer Gewichtszunahme. Oft handelt es sich eher um einen ungewollten Gewichtsverlust, beispielsweise aufgrund von Appetitlosigkeit, Übelkeit oder starken Schmerzen.

Wie lässt sich eine Anorexia Nervosa diagnostizieren?

Die Diagnose der Anorexia Nervosa sowie spezifische Aspekte des gestörten Essverhaltens können mittels strukturierter Interviews oder Selbstbeurteilungsfragebogen erhoben werden (im Folgenden werden nur Instrumente genannt, die in deutscher Sprache erhältlich sind). Zur Diagnose der Anorexia Nervosa sowie möglicher komorbider Störungen können die beiden Standardverfahren unter den strukturierten diagnostischen Interviews, das Diagnostische Interview für psychische Störungen (DIPS; Schneider / Margraf 2006) oder das Strukturierte Klinische Interview für DSM-IV (SKID-I und -II; Wittchen et al. 1997) durchgeführt werden.

Die spezifische Psychopathologie der Anorexia kann mit dem Eating Disorder Examination (EDE; deutsche Version: Hilbert et al. 2004; englische Version: Fairburn / Cooper 1993) erfasst werden. Das EDE ist ebenfalls ein strukturiertes Interview, das auf der Basis der DSM-IV-Diagnosekriterien die spezielle Psychopathologie von Essstörungen sowie die Häufigkeit der wichtigsten Verhaltensaspekte im Zusammenhang mit Essanfällen erfasst. Das Strukturierte Inventar für Anorektische und Bulimische Essstörungen zur Expertenbeurteilung (SIAB-EX; Fichter / Quadflieg 1999) erfasst nebst essstörungsspezifischen auch allgemeine psychopathologische Merkmale.

Zu den gebräuchlichsten und mit hinreichender psychometrischer Güte belegten Selbstbeurteilungsfragebogen im Bereich der Anorexia Nervosa gehören:

• Eating Disorder Examination-Questionnaire (EDE-Q; deutsche Version: Hilbert et al. 2004; englische Version: Fairburn/Beglin 1994). Die Fragebogenversion des EDE erfasst analog zu diesem die spezifischen Merkmale der Essstörungspsychopathologie.

• Anorexia-Nervosa-Inventar zur Selbstbeurteilung (ANIS; Fichter/ Keeser 1980)

• Strukturiertes Inventar für Anorektische und Bulimische Essstörungen zur Selbsteinschätzung (SIAB-S; Fichter / Quadflieg 1999). Dies ist die Fragebogenversion des Inventars zur Expertenbeurteilung SIAB-EX.

Zur Erfassung der nicht-essstörungsspezifischen Psychopathologie können je nach ↑ Komorbidität, auch bei anderen psychischen Störungen verwendete Instrumente eingesetzt werden, wie beispielsweise das Beck-Depressions-Inventar (Hautzinger et al. 1995). Empfehlungen zur Fragebogendiagnostik anderer psychischer Bereiche sind beispielsweise in Schneider und Margraf (2000) zu finden.

Literatur

Tuschen-Caffier, Pook, Hilbert (2005): Diagnostik von Essstörungen und Adipositas.

Erklärungsansätze – Störungstheorien und Modelle

Wie entwickelt sich eine Anorexia Nervosa?

Wie bei vielen anderen psychischen Störungen wird auch bei der ↑ Ätiologie der Anorexia Nervosa ein multifaktorielles Ätiologiemodell diskutiert. Verschiedene gut kontrollierte ↑ retro- und ↑ prospektive Studien weisen auf eine Reihe von genetischen, biologischen, soziodemografischen, familiären und persönlichkeitsbedingten Risikofaktoren hin. Als für die Anorexia Nervosa mögliche spezifische Risikofaktoren konnten bisher jedoch lediglich prä- und perinatale Schwierigkeiten (Probleme während Schwangerschaft und/oder Geburt) sowie Neurotizismus (emotionale Instabilität, niedriger Selbstwert, Ängstlichkeit, Depressivität und Schuldgefühle) wirklich belegt werden (Bulik et al. 2006).

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