Der Andere - Auto-Bio-Grafie eines bisher noch Unbekannten

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Dietmar Halbhuber

DER ANDERE

AUTO-BIO-GRAFIE

eines bisher noch Unbekannten

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vor Wort

Musik in den Knochen

Anruf

Auf den Arm genommen

Ritter-Schlag

Bomben-Geburt

Unter-Erd-Film

Viecher fangen

Ganz in Weiß

Ziegel schmeißen

Umbruch

Bar ohne Bier

Der Klassenfeind in der Schule

Brand-Rede

Knick im Blick

Gestoppter Bulle

Von Hoher Hand umgestellt

Gelungene Flucht

Zum Führer gekürt

Trabbi & Träcker

Gelungener Betrug

Vom Rad gebellt

Gestoppter Dorf-Bulle (1)

Gestoppter Bulle (2)

Feuer-Spiele

Schaf Wald Bummel (1)

Schaf Wald Bummel (2)

Schaf Wald Bummel (3)

Schnee-Schieber

Hans allein zu Haus

Mäuse-Mord

Preisgekrönt

Abgehauen

So Nicht!

Muuuh!

We Be Aa

Tag der Befreiung

Verkohlt

Bärtiger Mann mit Geschenk-Sack

VEB Erdmöbel

Kundgebung der Anderen Art

Zusammenrottung

Wohnen in der Pauke

Bebende Lüfte

Lärm Traum Haft

Ramm! Stein!

Frisch Gemähtes

Neue Flucht-Versuche

Kauf-Land

Vom Bullen gestoppt

Freund und Helfer

Hilfe aus dem Himmel

Erwischt!

Ausgebremst

Nach Wort

LebensLauf

Endnoten

Vor Wort


Es war einmal ein Mann.

Der hatte eine Kindheit.

Und in der war er ein Junge.

(Wie das im Leben eben so ist …)

Und, liebe Leserin, lieber Leser, fragst Du Dich gerade:

- Was soll das? Dieser Blödsinn am Anfang???

Und sagst Dir dann aber:

- Na, mal sehen, ob das weiter so geht?!?

Dann ist es genau das, was ich als Autor erreichen wollte.Weiß ich doch, dass heutzutage spannend sein muss, was gelesen werden will. Es erwecken, das neuzeitlich „Jumen Intrist“ genannte Interesse! Neugier erzeugen!

Das schließlich hatte der hier Hans Huber Genannte als Journalist, der er zu seligen DDR-Zeiten mal war, gleich nach dem „Wende“ genannten Groß-Ereignis von seinen neuen Chefs aus dem Westen gelernt. Und was er weit später noch zu lernen gehabt hatte: Dass, wer Geschichten aus seinem Leben zur Welt bringen will, ein VIP sein muss – eine Very Importante, sehr wichtige Persönlichkeit! Das aber hatte Hans Huber ja doch sein ganzes – nun schon ziemlich sehr langes – Leben lang versäumt: Sich einen Namen zu machen, bekannt oder gar berühmt zu sein!

Solch bekannte Namen hatte er zwar, da er, nach dem frechen Austritt aus dem sozialistischen Journalismus, mal in Mecklenburg auf dem Lande siedelte, seinen Schafen verpasst: Walter, Erich, Egon, Lotte, Margot. Und wer, wie diese Schäfinnen und Schafe, ein gebürtiger Ossi ist, wird wohl noch wissen, was das hieß. (Und den West-Geborenen oder Nach-Wende-Jangsters kann man es ja hier kurz erklären: Die Vornamen der Großen Vorsitzenden Ul-bricht, Honecker und Krenz – und auch die von deren Gattinnen – waren das. Mitten zu noch DDR-Zeiten!)

Die Schafe also: Werry important!

Er aber, Hans Huber???

Armer Poet ja doch alles in allem sein nun schon ziemlich langes Leben lang – nicht all so important also.

Wie aber soll das dann gehen: Die Leserin/den Leser zum Lesen hin locken?

Bei der Geburt und damit da anfangen, wo alles im Leben anfängt?

Langweilig ja doch – weil: Allzu üblich! Auch der Hans hatte da ja doch nur das getan, was auch der Walter, der Erich, der Egon, die Lotte, die Margot und alle anderen Angehörigen der Welt-Bevölkerung ganz am Anfang tun: Zwischen zwei Beinen war er heraus gekrochen, den Beinen einer Frau. So aufgeklärt sind doch heute schon die kleinsten, wie sie jetzt heißen, „Kids“, dass sie das wissen!

Aber ach!

Mindestens zwei Mal im Leben war er das ja doch:

Eine Werry Importante Persönlichkeit!

Salute!


Hans Huber schreitet in die „Alte Wache“ 1 ein.

Es ist Ende der 80er Jahre, kurz vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik (was da freilich, wie wir wissen, noch keiner weiß) in da noch Ost-Berlin.

 

Die beiden uniformierten Wachmänner am Eingang schultern, wie unser Hans zwischen ihnen hindurch schreitet, straff das Gewehr um. Beide im gleichen Moment. Huber verweilt, anders, als alle anderen Besucher hier, nur kurz in der Halle und schreitet dann gleich wieder raus aus dem Ehren-Haus.

Und???

Was tun da die beiden Wachmänner am Eingang???

Sie schultern straff wieder um!

Beide wieder im gleichen Moment.

Hans Huber schreitet zu den beiden Freunden hin, die heute von der Provinz her zu ihm nach Berlin zu Besuch gekommen sind.

- Und? Gesehen?

Die beiden Freunde nicken. Woraufhin der Freund nicht etwa bei ihnen verweilt, nein: Kehrt macht er, kehrt zur Wache zurück und schreitet da dann wieder durch die beiden Wach-Soldaten hindurch.

Die beide auch gleich wieder was tun?

Sie schultern, obwohl sie das eben erst getan hatte, wieder um:

Wumms!

Bumms!

Auch diesmal aber schreitet unser Hans, ohne zu besichtigen oder zu gedenken, gleich wieder aus der Halle raus.

Und gleich auch schultern die Wachmännern straff wieder um.

Hans Huber schreitet, diesmal in bedeutendem Staats-Mann-Schritt, wieder zu seinen Freunden hin, die nun schon belustigt grinsen.

Und wieder und wieder wiederholt Hans Huber seine Rein- und Raus-Gänge. Und wieder und wieder schultern die Wachmänner, wenn er zwischen ihnen hindurch schreitet, flott um:

Wumms!

Bumms!

Bumms!

Wumms!

Die Freunde lachen erst immer mehr. Wie sie dann aber gar noch anheben wollen, Beifall zu klatschen, da herrscht Freund Hans sie aufgeregt an:

- Das doch nicht!

Was nämlich, wenn die anderen Leute hier mitkriegten, was er da tut! Schon ja doch sind die ersten Spaziergänger vor der Halle stehen geblieben, staunen und fragen sich:

- Was soll das???

Und wenn die nun das tun, was zu diesen Zeiten im kleinen Land alle zu tun haben, wenn es zu klatschen anhebt? Wenn sie mitklatschen?

Ganz so, wie immer für die, wie sie eben ein bekannter Liedermacher benannt hat, „Tribunen auf den Tribünen“! Und wie Hans Huber es vor kurzem auch einen blau beblusten Sprechchor vor einer der Tribünen so hat rufen hören:

- Die Sonne lacht, wir sind so froh, hoch lebe das Politbüro!

Nein!

Das jetzt und hier nicht!

Flöge doch umgehend auf, welche Untat der Hans da eben tut!

Und dann???

Ab vor das Tribunal!!!

Knast vielleicht gar???

- „Verunglimpfung der staatlichen Wach-Organe“!

Winkt der Hans die Freunde also flugs zur U-Bahn hin. Erst mal weg hier! Raus aus der Mitte der Hauptstadt, wo ja da noch ganz in der Nähe die Tribunen in ihren Palästen residieren.

U-Bahnen sie also zum Prenzlauer Berg hin – da noch Szene-Viertel, mit all den aus der Provinz herbei gezogenen verrückten Typen – wo Hans Huber seit einiger Zeit wohnt. Und da natürlich gleich erst mal in den „Kahn“, dem da noch einzigen Kneipchen weit und breit.

Bestellen sie sich bei der Gela, einer der wenigen freundlichen Kellnerinnen im ganzen Land, ein Bierchen und klärt Hans Huber die beiden Freunde dann auch gleich auf.

War er doch, anlässlich eines Besuchs seiner stramm sozialistischen Eltern mit dem Genossen Vater an der Spitze, vor kurzem schon mal in die „Alte Wache“ eingeschritten und hatte, wie er da zwischen den Wachmännern hindurch schritt, ein so komisches Zischeln gehört:

- Gssst!

Und hatte er, wie das im Dicken Damals so war, gleich erst mal befürchtet, wieder was falsch gemacht zu haben!

Bis dass der Genosse Vater, da zwar in Zivil anmarschierter, immerhin aber doch strammer Volks-Polizei-Major, hatte der ihn aufgeklärt:

- Irgendwann ja doch ziemlich schwer so ein Gewehr – immer nur auf der einen Schulter! Wie das aber dem Genossen nebenan verklickern, wenn Du hier stramm zu stehen und dabei immer nur das zu tun hast:

Augen!

Gerade!

Aus!

Siehst Du doch nur, was vor Dir ist, nicht das daneben! Und umschultern müssen die nun mal beide gleichzeitig! Gehört sich doch so, oder?!? Dem Genossen neben Dir aber zurufen: ‚Du: Ich kann nicht mehr!’ Das geht ja nun gar nicht!

Das hatte der Vater gesprochen und seinen Hans dann auch gleich aufgeklärt:

- Zischeln! Geheimes Zeichen geben:

Gssst!

Na, und das hatte Sohn Hans, politisch frech, wie er inzwischen geworden war, heute also mal ausprobiert: Ob das auch ginge, wenn nicht einer der beiden Strammsteher, sondern er zischeln würde. Konnte der Eine ja vom Anderen nicht wissen, dass der gar nicht …

Und?!?

Wem hatten die beiden Wach-Männer also immerfort salutiert!?!

Wenn nicht einem Abtrünnling?!?

Der Kneip-Tisch wackelt vor Lachen. Gela bringt noch das eine oder andere Bier und die beiden da Sitzenden stellen sich dabei vor, was da in der Dienst-Besprechung „Unter den Linden“ hernach wohl abgegangen sein musste. Wenn sich die beiden Staats-Soldaten vor ihrem Vorgesetzten gegenseitig bezichtigten, heute so oft immer wieder gezischelt zu haben …

- Prost!

Staatsmacht durcheinander gebracht!

- Prost!

Wir hier aber, liebe Leserin, lieber Leser, schreiten erst mal dahin zurück, wo das Alles in die Körper-Zellen von unserem Hans hinein gekrochen war und sich da lebenslang festgesetzt hatte …

Musik in den Knochen


Still!

Stann!

Der Seppel 2 steht still.

- Die Augen!

- Gerade!

Aus!

Der Seppel lässt seine Augen nach vorne gucken.

- Im Gleichschritt Marsch!

Der Seppel seppelt los.

Links!

Zwoo!

Drei!

Vier!

Ein Bein. Das andere. Wieder das eine …

– Links um!

Der Seppel marschiert straff um die Ecke. Und die Musik dazu beschwingt seine kleinen Beine:

- Wummtata!

– Wumm!

Der Onkel, der da die Befehle erteilt, meint zwar nicht ihn. Immerhin aber: Auch er gehorcht dem Befehle-Geber. Wie die vielen Onkels alle, die in ihren blauen Uniformen straff neben dem Seppel her marschieren.

Und wie da einige von denen auch noch auf das große Ding rauf hauen, das sie vor dem Bauch haben:

Wumms!

Bumms!

Und wie andere in die Blech-Dinger rein blasen, die sie sich vor die Gusche 3 halten:

Tätä!

Tätääääh!

Und wie sie das Alles auf einmal machen: Laufen und blasen und hauen! Alle immer im gleichen Schritt und Tritt!

Links!

Zwoo!

Drei!

Vier!

Und da also seppelt unser Seppel nun zackig mit!

Es ist auf dem Hof der Alten Kaserne in Dresden, wo der Seppel mit der Mutt’l 4 bei seinem Vat’l 5 zu Besuch ist. Erst mal hatte er, wie fast jeden Tag hier, unten auf dem Hof bissel in dem großen Sand-Haufen gebuddelt. Wie er da aber dann dieses Wummtattaa zum ersten Mal gehört hatte, da hatten sich ihm die Augen und die Ohren aufgerissen und gleich auch war er hin geseppelt 6 zu den blauen Marsch-Onkels, hatte sich da am Rande aufgestellt und gehorcht und geguckt, was da wie abging.

Und da dann war ja bald auch das nicht mehr gegangen: Einfach bloß einfach zugucken! Gar zu sehr doch fuhr diese straffe Musik in seine kleinen Knochen hinein. Und schon auch huben die an, zu jucken und zu zucken.

Hatte sich der Seppel irgendwann dann also selbst auch so bissel stramm auf dem Fußweg neben der Marschier-Straße aufgestellt und war mit den jungen Onkels mitmarschiert. Und dass die Musik, die da den Takt angab, an diesem Punkt seines Lebens anhub, sich immer weiter hinein zu fressen in die Zellen seines Körpers, das merkte der Seppel zwar erst weit später in seinem Leben. Immerhin aber: Er merkte es! Und wie stur und wie lange diese Musik da dann hockte! Ja: Immer dann, wenn er später im Leben wieder mal solche Marsch-Musik hörte, begannen die dann schon sehr viel älteren Zellen zu zucken und ließen den Hans mitmarschieren wollen. Auch dann noch, als er lang’ schon ein Renitenter war …

Da!

Plötzlich!

Hört der Seppel das rufen:

- Seppel!

Der Seppel erschrickt.

- Seppel!!

Die Gute Mutt’l! Sie ruft nach ihm! Vom Sandhaufen her, wo er ja doch spielen gesollt hatte …

- Seppel!!!!

Seppelt der Seppel also gleich erst mal wieder zum Sandhaufen und da zu seiner gut’n Mutt’l hin.

- Wo warst du denn?“

- Ich musste mal!

Das schwindelt 7 der Seppel da dann gleich. Hatte ihm seine liebe Oma doch neulich erst verraten, wie er sie gefragt hatte, ob man das darf: Schwindeln.

Und hatte die Oma ihm da das verraten:

- Ja, manchmal darf man das. Aber nur manchmal!

Heute also! Und so fragt der Seppel seine Mutt’l auch gleich erst mal, was denn die Onkels da drüben machen tun, die er, wie er eben bullern 8 war, gesehen hat. Und die Mutt’l erklärt es ihm dann auch gleich:

- Ist doch gleich 1. Mai – und da müssen die das üben: An den Hohen Onkels vorbei marschieren, die da oben auf der Tribüne stehen.

Weshalb sie Beide ja jetzt auch beim Vat’l für paar Tage zu Besuch sein täten. Dass sie den 1. Mai also mal hier mitfeiern könnten.

Warum der Vat’l hier in der Großen Alten Kaserne ist, das hatte die Mutt’l ihrem Seppel erklärt, wie sie mit dem Zug von ihrer kleinen Stadt nach hier ins Große Dresden her gefahren waren: Dass der Vat’l hier doch lernt, wie das geht: Als guter Volgs-Bolizeier 9 aufpassen, dass auch ja Alle im Volk immer gut sind und nicht etwa etwas machen tun, was der Guten Sache nicht gut tun tut. Oder irgendwie so. Dass die Leute also immer alle artig sein sollen, wie er, der Seppel, das ja auch immer sein muss …

Und einen Tag später ist es dann auch so weit:

1. Mai!

Und sie dabei!

Gleich früh am Morgen putzt die Mutt’l sich blau und ihren Seppel weiß heraus und nimmt ihn dann mit hin zu einem Fuhrwerk mit zwei Pferden davor, das hübsch mit Mai-Nelken geschmückt ist. Steigt da hoch, die Mutt’l, hebt auch ihren Seppel da rein und ab geht die Post mit der Kutsche!

Ganz vorne machen die uniformierten Onkels wieder das, was sie gestern mit ihm and der Seite geübt hatten:

Wummtataa!

 

Wumms!

Bumms!

Dahinter marschiert der Vat’l mit den anderen Polizeiern und da dahinter fahren nun die Gute Mutt’l und er, der Seppel, umflattert von den vielen roten und schwarz-rot-bunten Fahnen und Transparenten mit der Pferde-Kutsche in der Mai-Demo der Bezirks-Hauptstadt lang.

Und wie begeistert die Leute an den Straßenrändern sind!

Jubel!

Trubel!

Heiterkeit!

Bis dass sich dem Seppel auf einmal die Augen aufreißen!

Weit!

Hatte das eine der beiden Pferde vor ihm doch eben seinen Schwanz angehoben und so komische Äpfel hinten aus sich raus fallen lassen!

Wumms!

Plumps!

Und diese Äpfel ballern nun auf das grobe Pflaster der Straße.

Also nee!!!

Diese Frage aber kann sich der Seppel, klein, wie er da noch ist, nicht stellen: Ob die beiden Viecher vor ihm also ganz und gar anders über die Sache denken, vor deren Karren sie heute wieder mal gespannt sind.

Als wie:

Scheiß drauf!

Anruf


- Die Beißung des Kindes erfolgte seitens des Hundes.

Dieser Satz schießt unserem Hans durch den Kopf, wie er weit später in seinem Leben und da dann schon sozialistischer Journalist, gerade wieder an seiner Tipp-Maschine sitzt und das zu tun hat:

Tippen!

Tippen!!

Tippen!!!

Jener Satz, den der Sprach-Lehrer während des Volontariats vor einigen Jahren als Symptom der Sprach-Krankheit „Substantivitis“ vor sie hin gestellt hatte.

Und sie, die Volontäre, was hatten die da gelacht!

Nun sitzt Hans Huber also im Groß-Raum der Nachrichten-Abteilung der „Jungen Welt“, ihres Zeichens einzige und größte Jugend-Zeitung des da noch nicht ehemaligen Landes, und hat wieder in seine Maschine hinein zu tippen, wo und wie sich die Größten Genossen des Kleinen Landes heute wieder dem Erscheinen hinzugeben gehabt hatten. Und streng achtet er dabei darauf, dass das, was diese Genossen, wenn sie in Erscheinung treten, immer auch mit sich führen, dass das um Gottes Willen nicht der Weglassung anheim fällt:

All ihre Titel!

Hackt er also das in seine Tipp-Maschine hinein:

„Erich Honecker

Komma

Erster Sekretär des ZK der SED

Komma

Vorsitzender des Staatsrates

der Deutschen Demokratischen Repu …

Das Telefon klingelt.

Hans Huber nimmt den Hörer ab. Der Mann am anderen Ende der Leitung fragt, ob da er, Hans Huber, sei. Hans Huber bejaht es. Woraufhin der Mann das spricht:

- Wir haben Dich gefunden!

- Ach?!? Und wer sind Sie?

- Frankenberg hier!

- Aha!

Der Ort seiner Kindheit!

- Und? Was gibt es?

- Auf dem Foto – das bist doch Du?!?

Das fragt es zurück. (…und Dir, liebe Leserin, lieber Leser, die/der Du nicht im Ehemaligen Land gelebt hast und jetzt vielleicht verdutzt dreinschaust, sei gesagt, wie das im Dicken Damals in der Partei der Arbeiterklasse so üblich war: Da haben sich alle geduzt – auch, wenn sie sich gar nicht kannten!)

- Welches Foto?!?

- Na, wer hat denn in wenigen Tagen Geburtstag???

- Geburtstag?

- Hundertsten!!!

Hans Huber denkt nach, fragt dann aber da gleich erst mal das:

- Kannst Du später noch mal anrufen? Ich hab’ hier gerade voll zu tun!

Er legt, als der Mann am anderen Ende bejaht hat, den Hörer auf und tut wieder das:

Tippen!

Tippen!!

Tippen!!!

(Die vielen Namen und Titel kopieren und sie später dann per Maus-Klick einfach einfügen in den Text, das geht ja da lange noch nicht …).

Tippt er also gleich erst mal noch den anderen Erich auf sein Papier rauf:

Erich Mielke

Komma

Mitglied des Politbüros des ZK der SED

und Minister für Staats …

Komma …

Und immer wieder so weiter und so fort …

Was ja alles, wie unser Hans weiß, nachher gleich noch mal wieder abzutippen sein wird! Hatten die beiden Erichs und all ihre Genossen heute doch noch einen zweiten Termin gehabt. Und auch da hatten sie natürlich wieder all ihre Titel mit hin geschleppt. Wird also – direkt neben dem Artikel, den er gerade tippt – noch ein zweiter auf Seite 1 stehen. Und auch da werden dann wieder all ihre Titel mit den Hohen Genossen herum stehen und haben also auch da wieder korrekt der Aufzählung zugeführt zu werden.

Lesen wird das morgen zwar sowieso wieder keiner, das weiß unser Hans gut – außer den Kontroll-Genossen im ZK drüben und dem Diensthabenden Chef hier im Haus natürlich:

Die lesen das!

Aber wie!!!!

Und wehe, da sind nicht alle Titel exakt mit aufgestellt! Singen könnte der Hans sie weit später in seinem Leben noch, so auswendig kennt er all diese Titel.

Das Telefon klingelt.

Der Hans nimmt den Hörer ab.

- Und? Weißt Du es inzwischen?

- Na klar!

War ihm beim Titel-Tippen doch eben eingefallen, wer das nur sein konnte, der da 100 wird:

Wilhelm Pieck

Komma

Präsident a. D.

der Deutschen Demokratischen …

- Also bist du das wirklich???

- Was bin ich?

- Na, der Kleine auf dem Foto von damals …

- Ach so …“

Und da nun ahnt unser Hans auch gleich, was der Mann am anderen Ende der Leitung wohl meint.

- Das haben wir im Archiv gefunden und dann in die Zeitung gesetzt. Mit der Frage dazu: ‚Wer ist dieser kleine Junge?’

Woraufhin unser Hans, mit Schmunzeln im Blick, das erwidert:

- Eine Art Steckbrief sozusagen!

Am anderen Ende der Leitung lacht es kurz.

- Ja, das war ich …

Das spricht unser Hans dann und spürt nun doch eine Art von Stolz in sich aufsteigen. Sagt aber gleich erst mal wieder das:

- Bitte später noch mal … Ich muss noch … Ist doch gleich Abgabe-Termin …

Der Hans legt wieder den Hörer auf, tippt fleißig weiter und fragt sich dabei bissel belustigt das:

- Woher weiß das mein Telefon?

Klingt ja inzwischen wie Alarm-Leuten, dieses Klingeln immer wieder! War ihm da nämlich eben das durch den Kopf geschossen: Wie da gestern einer der Genossen auf der Redaktions-Konferenz wieder mal so bissel rum gemeckert und also vorgeschlagen hatte, doch endlich mal darüber zu reden, wie das gehen könne: Die Zeitung so zu machen, dass sie dann auch wirklich gelesen wird. Und wie da dann die Stellvertretende Chefredakteurin aber gleich dazwischen gefunkt und bissel genervt das gesprochen hatte:

- Rollt der schon wieder diese Bombe über den Tisch!

Um dann kurz nur anzufügen:

- Schluss mit der Debatte!

Wussten doch alle hier am Tisch, dass da Vieles viel besser und ganz anders gemacht werden müsste, wenn die Zeitung wirklich gelesen werden sollte. Was aber auch alle am Tisch wussten: Dass das nie nicht ausgesprochen werden durfte! Jedenfalls in Sitzungen nicht.

Um Gottes, respektive Erichs Willen!10

Das Telefon klingelt.

Der Hans nimmt wieder ab.

- Hättest du denn am Wochenende mal Zeit?

- Zeit? Wofür?

- Na, mal wieder her zu kommen nach Frankenberg …

- Und: Warum?

- Feierstunde für den Genossen Pieck!

- Ach so …

- Wenn wir Dich doch jetzt gefunden haben – war ganz schön schwer …

- Und wie: Gefunden?

- Deine Tante hat Dich auf dem Foto erkannt …

- Aha. Na da … Muss ich wohl kommen!

- Na dann: Bis dann!

Berichten wir also nun, liebe Leserin, lieber Leser, wie da was abgegangen war, als unser Hans in seine frühe Kindheit zurück reiste … Siehe nächste Geschichte!