Buch lesen: "Datteln und Dromedare"
Viveca Lärn
Datteln und Dromedare
Deutsch von Mariane Vittinghoff
Saga
Als ich aus der Schule kam, saß mein Vater immer noch am Frühstückstisch und starrte die Müslipackung an. Er hätte heute eine Menge über Proteine und Vitamine gelernt haben müssen.
„Jetzt reicht’s aber wirklich“, sagte ich. „Es war doch bloß ein altes verfaultes Krokodil.“
Er schaute mich verletzt an.
„Ein Alligator, wenn ich bitten darf, kein Krokodil“, sagte er. „Und nicht irgendein Alligator. Ich bin mit ihm aufgewachsen. Und neulich, nach dreißig Jahren hatten wir beinahe Augenkontakt ...“
„Augenkontakt!“
Ich stöhnte so laut, daß die Müslipackung umfiel. Auch egal. Nun hatte mein Vater wenigstens etwas anderes zum Anstarren, und zwar mich.
Es ist nämlich so, daß mein Vater jeweils eine Woche Künstler ist und jede zweite Woche Pförtner bei einer Zeitung. Wenn er Pförtner ist, macht er ganz bestimmte Dinge: er holt die Post, verteilt Kalender, sucht nach Photos, wirft Betrunkene hinaus und spielt Schach. Wenn er Künstler ist, treibt er, was er will. Zum Beispiel alte halbverfaulte Krokodile zeichnen.
Im Aquarium des Seefahrtsmuseums von Göteborg hat es seit langem ein altes faules Krokodil gegeben, ja, meinetwegen war es auch ein Alligator, der jahrein, jahraus dort herumgelegen hat. Die heftigste Bewegung, die ich jemals bei ihm beobachten konnte, war an einem Dienstag, als ich sieben war. Da blinzelte er zweimal. Mein Vater hat immer davon geträumt, Smily — so hieß der Alligator — zu malen, und im Januar fing er damit an. Jetzt haben wir Februar, Smily ist gestorben und mein Vater untröstlich. Er trauert um einen Alligator. Die ganze Wohnung ist voll von Skizzen, nur zu einem fertigen Bild hat er es noch nicht gebracht.
Smily erfror im Alter von Sechsundsechzig Jahren, weil ein paar geizige Beamten die Heizung im Aquarium runtergedreht hatten, um Staatsgelder zu sparen. Mein Vater wird sie anzeigen, sagt er. Er redet gern, aber tut er jemals etwas Gescheites? Holt er vielleicht eine Pizza oder einen Milchshake für eine ausgehungerte Seele, die den ganzen Tag in der Schule geschuftet hat? Nein, tut er nicht. Hat er schon einmal mein Zimmer aufgeräumt, Tulpen gekauft oder ein Päckchen Gummibärchen auf mein Bett gelegt? Nein, hat er nicht. Nimmt er vielleicht meine Freundin Ulli und mich in heiße Filme mit, die nicht jugendfrei sind? Mit den Taschen voll Popcorn, zum Beispiel? Nein, tut er auch nicht. Er denkt nur an sich.
Ich ging in mein Zimmer, warf meine Schultasche in die Ecke und schlug die Türe zu. Sofort kam Vaters Stimme, total überrascht:
„Was hast du denn, Tekla? Macht dir die Schule keinen Spaß mehr?“
Ich betrachtete mich in meinem Taschenspiegel. Es war der erste Tag nach den Winterferien, und ich war total weiß im Gesicht. Mindestens sechs Leute aus meiner Klasse waren Skifahren gewesen und fast schwarz. Konrad ist natürlich auch braun, aber das liegt daran, daß er aus Indien kommt.
Jasmine Svensson ist immer braun, denn ihre Mutter kriegt Prozente in einem Solarium.
Ulli und ich würden da nie hingehen. Wir finden so etwas schwachsinnig. Wir denken! Wir haben einen Denkerclub und Notizbücher in weißgold. Wenn wir einmal zu Ende gedacht haben, würden wir uns vielleicht kurz in die Sonne legen oder Peter aus der Klasse nachlaufen, wie es Jasmine immer tut, aber sicherlich erst danach.
Vater öffnete vorsichtig die Tür.
„Was willst du essen?“
„Was? Essen? Das ist ja etwas ganz Neues.“ Seitdem Smily tot ist, haben wir uns doch nur von kalten Wienern, Chips und Essiggurken ernährt.
Vater seufzte.
„Ich weiß“, sagte er. „Ich habe wieder einmal nur an mich gedacht. Es ist mir nur so verdammt nahegegangen. Ich meine das mit Smily. Sie hatte etwas Unergründliches im Blick, und ich war gerade dabei, ihr ein bißchen näherzukommen.“
„Gibt es denn keine anderen Tiere mit unergründlichem Blick?“ fragte ich. Ich war nicht mehr ganz so sauer.
„Doch, schon“, sagte Vater und sah direkt glücklich aus. „Deswegen kam ich ja darauf, daß wir wieder essen könnten und so. Es gibt noch ein anderes Tier, das ich immer malen wollte. Ein Tier mit einem noch ausdrucksvolleren Blick. Ich dachte, daß wir im Juni losziehen könnten ...“
Ich schüttelte ihn am Arm.
„Und was ist es diesmal? Hummel, Reh, Eisbär, Fliege? Bestimmt eine Fliege. Da müssen wir wenigstens nicht so weit fahren.“
„Ein Kamel!“ verkündete Vater.
„Kamel? Kamel?“
Ferien unter Kamelen klang ja nicht schlecht.
„Und wo gibt es Kamele?“ fragte ich. „Bestimmt nicht hier in der Gegend?“
„Nein, nein“, lachte Vater. „In Tunesien, und dort spricht man außerdem Französisch und ich auch. Das wird eine unvergeßliche Woche werden.“
„Ulli wird sich freuen. Sie ist noch nie geflogen.“
Vater schwieg.
„Ulli“, sagte er schließlich, „ist ein unglaublich nettes Mädchen. Aber können wir nicht ein Mal alleine fahren? Nur du und ich?“
„Geht nicht, Vater. Unsere Familie wirkt so mickrig.“
Er streichelte zärtlich mein strubbeliges Haar.
„Du hast ja recht, Tekla“, sagte er. „Wir sind zu wenige. Sie kann schon mit.“
Der letzte Schultag in der Sechsten war ein ganz besonderer Tag. Außerdem hatte der Tennisstar Björn Borg Geburtstag, und es war der schwedische Nationalfeiertag.
Ulli und ich wollen auch Tennisprofis werden, bevor wir in Kunstgeschichte promovieren und Schauspieler werden. Björn Borg und die anderen alten Herren, die etwas von Aufschlag und Rückhand verstehen, finden wir ganz in Ordnung.
Am letzten Schultag allerdings, im Pausenhof, dachten wir mehr an uns selbst. Es war eine tolle Stimmung. Alle Mädchen aus der Sechsten hatten Blumenkränze im Haar, weil sie mit dieser Schule fertig waren und nie mehr einen Fuß in dieses rote Ziegelgebäude setzen würden. Nicht einmal für fünfzig Kronen. Im Herbst kommen wir nämlich auf die Realschule, und dort geht es viel härter zu. Da hat jeder seinen eigenen Schrank, zum Beispiel, für seine Klamotten und sein Zeug, und nicht mehr nur die lächerliche Bank. Außerdem hat man für jedes Fach einen anderen Lehrer, und einige davon tragen Krawatten. Die Jungs haben einen männlichen Turnlehrer und wir eine Frau, damit alles klar ist. In der Realschule dürfen die Mädchen auch keine Shorts tragen, weil sie jetzt so lange Beine haben. Und natürlich gibt es keinen Pausenhof mehr, denn mit dreizehn wird man ja kaum mehr Seil hüpfen wollen, oder?
Am letzten Schultag sang Jasmine Svensson Solo.
Sie hat wirklich eine gute Stimme, um die sie alle beneiden, sogar ich, obwohl ich mich im Chor ganz gut mache. Jasmine trug ein grünes Trikot, dazu ein grünes Hemd, und das Haar hatte sie auch grün gefärbt. Ulli flüsterte, daß sie sich vom Rasen kaum abheben würde, und dann mußten wir vier Minuten lang lachen, genau so lange, wie das Lied dauerte. Jasmines Tanten und Onkel, die vor uns im Hof standen, warfen strafende Blicke in unsere Richtung, was alles noch lustiger machte. Jasmine bekam viel Applaus, als sie von der Bühne lief, und irgend ein Blödmann rief: „Da Capo!“
Das war natürlich mein Vater, Thomas Tedin. Tja, man hat es nicht immer ganz leicht.
Er stand mit den Händen in den Hosentaschen und einem Farbklecks auf der Backe da und freute sich. Ullis Mutter stand daneben und laberte. Sie hatte bestimmt einen ganzen Vortrag auf Lager, wie wir uns in Tunesien benehmen sollten und ähnliches, und daß Ulli für Halsentzündungen anfällig sei, und ob Halbpension nun wirklich ausreichend sei. Nur Frühstück und Abendessen? Ulli neigte nämlich auch leicht zum Verhungern.
Mein Vater sah nur zufrieden aus. Er hört nie hin, wenn Leute reden.
Dann trat der Pfarrer ans Rednerpult, lehnte sich nach vorne und fing an zu sprechen. Es hörte kaum jemand zu, denn Ullis kleiner Bruder Sebastian kletterte zur gleichen Zeit aufs Dach des Lehrerzimmers. Es handelt sich hier um ein Blechdach, und als Sebastian da oben herumsprang, machte das einen ganz schönen Lärm. Er hatte ein großes Handtuch mit Sicherheitsnadeln am Rücken befestigt, und auf seinem Pulli war ein großes S. Jeder wußte natürlich, was das bedeutete. Alle außer Ullis Mutter.
„Was hast du vor?“ schrie sie.
„Das ist doch Superman“, antwortete der Pfarrer erstaunt. „Er wird vermutlich gleich vom Dach springen.“
Alle außer Sebastian lachten. Und außer Ulli, natürlich, die wütend war.
„Ein Glück, daß wir zwei im Herbst nicht mehr in die gleiche Schule gehen müssen wie er“, seufzte sie.
Sebbe ist erst siebeneinhalb und eigentlich zu groß, um auf Dächern herumzurennen. Er steht nur gern im Mittelpunkt. Das hatte er jetzt erreicht, und so setzte er zu einem gewaltigen Sprung an. Am Anfang sah alles noch ganz harmlos aus, aber irgendwie schaffte er es, so mit den Beinen zu zappeln, daß er zu weit rechts abkam und in der Lehrertorte landete.
„Ach du lieber Gott!“ stöhnte Semmel.
Der Pfarrer schaute Semmel streng an. Er kann ja nicht wissen, daß Semmel seit jeher unser Klassenlehrer ist, und Junggeselle obendrein, und daß er nur am letzten Schultag Kuchen kriegt. Semmel hatte sich schon den ganzen Tag in der Nähe des Kaffeetisches herumgedrückt.
Sebastian lief zu den Erstkläßlern, die in einer Ecke versammelt waren, und seine Lehrerin schüttelte den Kopf. Dort, wo Sebastian gelandet war, hatte die Torte ein großes Loch. Gut, daß er nicht sehr dick ist. Es blieb immer noch eine Menge Torte rundherum übrig.
„Ja, weiter kommen wir wohl heute nicht“, stellte der Pfarrer fest und schaute auf die Uhr. „Ich weiß, worauf ihr alle wartet: daß wir alle zusammen, Eltern, Schüler und Lehrer, ein Lied anstimmen.“
Das taten wir dann auch, und alle, die nicht zeigen wollten, daß sie gerührt waren, schauten auf den Boden, als sie sangen.
Ulli und ich schauten in die Luft, wo wir am nächsten Tag fliegen würden. Auf dem Weg nach Afrika.
„Und jetzt“, sagte der Rektor, „wünsche ich allen recht schöne Ferien.“
Daraufhin gab die ganze Schule den berühmten Ferienschrei von sich, daß die Fensterscheiben nur so zitterten. Dieses Jahr war das Geschrei so laut, daß die Scheiben des Musikzimmers sogar zersprangen, aber was machte es uns schon. Ulli und ich hatten ja nichts mehr mit dieser alten verschimmelten Schule im Sinn.
Keiner hatte so viel Gepäck wie wir. Zum Sterben peinlich! Schon als wir am Flughafen aus dem Taxi stiegen, trafen uns von allen Seiten höhnische Blicke. Vater lud eine Tasche nach der anderen aus. Die Leute mußten glauben, er habe mindestens hundert Anzüge, und dabei besitzt er keinen einzigen. Die Taschen waren voll Papier, Leinwand und Pinseln. Dazu kam noch seine riesige Staffelei, in ein altes, ekelhaftes Zelttuch eingewickelt. Konnte ja kein Mensch wissen, daß er Künstler ist. Bestimmt glaubten alle, daß wir nie vorher gereist sind.
Von wegen. Wo wir nicht schon überall waren.
Als wir in die große Halle kamen, legte Vater sein schreckliches Gepäck mitten auf den Boden und bat uns aufzupassen, während er sich einen Whisky holte.
Mein Vater hat unglaubliche Angst vorm Fliegen, und zur Beruhigung trinkt er vor dem Abflug immer einen Whisky. Er trinkt auch einen Whisky, wenn er ein Bild fertig gemalt hat und damit zufrieden ist. Es macht keinen Spaß, einen Trunkenbold zum Vater zu haben! Darüber haben wir in der Schule viel gehört.
Als er zurückkam, checkten wir gerade unser Gepäck ein, und standen Schlange vor einer schicken Frau in Uniform, die fragte, wo wir sitzen wollten.
„So weit vorne wie nur möglich“, bat Vater nervös.
„So weit weg von ihm wie nur möglich“, sagte ich und zeigte auf meinen Vater.
„Das kann ich gar nicht verstehen“, zwitscherte diese alberne Kuh und strahlte Vater an. Ulli und ich seufzten. Wir haben unsere Mühe, die Frauen von Vater fernzuhalten. Bei ihm werden alle schwach, wenn sie in seine grünen Augen blicken und seine dunklen Haare sehen. Erfahren sie dazu noch, daß er Witwer ist, lassen sie nie mehr locker. Wir haben ihn schon vor mancher blöden Ziege gerettet, Ulli und ich, aber leider nicht vor allen.
„Es ist doch nicht gefährlich, heute zu fliegen?“ fragte Vater einfältig.
Wir packten ihn links und rechts an den Armen und zogen ihn zur Rolltreppe.
Die Kuh in Uniform winkte ihm freundlich nach.
Als wir schließlich oben auf der Etage für Auslandsflüge am Gate 15 saßen, fühlten wir uns als etwas Besseres, denn wir wollten ja sogar bis Afrika, nämlich nach Sousse in Tunesien. Dann entdeckten wir, daß alle, die am Gate 15 warteten, nach Sousse in Tunesien flogen, und Ulli und ich waren leicht enttäuscht. Tunesien war schließlich unsere Sache.
Wir stöberten ein bißchen in unseren Brieftaschen, und ich zeigte Ulli ein Bild von Fabian Ask aus unserer Klasse. Ich hatte es selbst gemacht, von hinten, gerade als er auf ein Boot springt. Man kann aber deutlich sehen, daß es Fabian Ask ist. Ulli sagte, daß sie es schon kannte.
„Laß uns mal unsere Reisegruppe durchchecken!“ flüsterte sie. Das war eine gute Idee. Wir überprüften alle, die bei uns saßen und standen. Die meisten konnte man vergessen.
Drei kleine Kinder spielten mit alten Chips auf dem Boden und sahen ganz putzig aus, sonst waren nur Gruftis vorhanden. Nein! Plötzlich entdeckte ich einen Typ in unserem Alter, eine magere Ausgabe mit gestreiftem Pulli, rabenschwarzem Haar und braunen Augen. Er stand da, lutschte Eis und glotzte in einen Fernseher, wo gerade Werbung für schwedische Traktoren lief.
„Guck mal!“ sagte ich zu Ulli.
„Was ist los? Ich sehe nichts“, sagte Ulli und schaute mit ihren hellblauen Augen, die sogar Michael Jackson zum Erbleichen gebracht hätten, direkt auf den Typen.
Ich ließ einen tiefen Seufzer los.
„Denk an unseren Club!“
„Aber klar. Laß uns was zum Futtern besorgen.“
Es gab ein Selbstbedienungscafé, wo man Tabletts vor einem Glaskasten mit Brötchen und Kopenhagenern schob. Alle Reisenden, die was auf sich hielten, waren dort versammelt, um sich mit Zimtschnecken und Kaffee zu versorgen, weil sie es wohl im Ausland vermissen würden. Mein Vater saß auch da, las in einem Buch und stank nach Whisky. So was ist gar nicht lustig. Mein Vater würde nie auf die Idee kommen, solche Tabletts zu schieben, wie es richtige Familien tun.
Als Ulli und ich an die Kasse kamen, probierten wir unseren Spezialwitz. Ulli streckte zwei Kronen hin und ich sagte: „Wir hätten gern gemischtes Obst, aber nicht zu viele Melonen.“ Dann brüllten wir vor Lachen, aber die sauere Zitrone an der Kasse lachte nicht. Sie verpaßte uns zwei verschrumpelte Äpfel und eine bräunliche Banane. Sie war sicher sauer, weil sie mitten im Sommer in Schweden bleiben mußte.
Ich schaute zu Ulli, als sie ihren runzeligen Apfel kaute. Sie sieht sehr nordisch aus. Die Araber würden verrückt werden, wenn sie sie sahen. Sie hat blondes lockiges Haar, ein rundes Gesicht und große hellblaue Augen. Ich dagegen habe ein eckiges Gesicht, kurzes gerades Haar mit Strähnen und braune Augen. So hat meine Mutter Sophie auch ausgesehen, sagt mein Vater. Sie kam aus Frankreich und starb, als ich klein war.
Gerade als ich in meinen Apfel beißen wollte, rief uns eine Stimme aus dem Lautsprecher dazu auf, an Bord zu gehen. Alle Reisenden düsten wie verrückt an einer kleinen Theke vorbei und einen Gang entlang, der im Flugzeug endete. Vater, Ulli und ich ließen uns Zeit, da wir begriffen hatten, daß sowieso alle Platzkarten hatten. Ulli und ich gingen als letzte an Bord und nickten der Stewardess zu. Wir schauten durch den kleinen Spalt zwischen Flugzeug und Gangway und sahen zum letzten Mal schwedischen Boden.
Da drehte sich Vater entsetzt um:
„Und was ist mit dem Piloten, ist er nicht dabei?“
Ulli und ich lächelten ihn beschützend an.
(Der Typ mit den braunen Augen saß vorne rechts.)
Ich hatte einen Fensterplatz, Ulli den in der Mitte. Neben ihr saß eine vornehm gekleidete Dame, die gelangweilt ihre Fingernägel begutachtete. Gerade so eine Dame wollten wir nicht werden.
Vater saß ganz vorne im Flugzeug, dort wo eigentlich Eltern mit kleinen schreienden Kindern sitzen sollen. Er hielt krampfhaft ein Taschentuch in seinen verschwitzten Händen. Eine Stewardess gab ihm ein kleines rosa Kaugummi. Natürlich! Sonst hat niemand im Flugzeug Kaugummis bekommen.
Ulli und ich hatten kaum Platz für unsere Beine, so eng war es. Als ich das letzte Mal geflogen bin, war ich in der Fünften und da ging es noch. Wir legten unsere Füße auf die Rucksäcke und alles war schrecklich unbequem, aber lustig. Wir machten aus, daß Ulli die Armlehne zwischen uns auf der Heimfahrt haben sollte, und ich jetzt.
Zwar hatten ihre Eltern ihre Reise bezahlt, aber ohne mich wäre sie ja überhaupt nicht nach Afrika gekommen.
Als der Flieger startete, und wir den Plan über Notausgänge und Schwimmwesten studiert hatten, gähnte Ulli.
„Bin ich vielleicht müde“, stöhnte sie.
„Wie bitte?“ sagte ich. „Ich muß mich wohl verhört haben.“
Müde um neun Uhr früh, obwohl sie noch nie geflogen ist! Und das auf dem Weg nach Tunesien!
Als das Flugzeug abhob, gähnte Ulli wieder und verdrehte ihre Augen, so daß sie wie Spiegeleier aussahen.
„Es liegt bestimmt an der Tablette gegen Übelkeit, die mir meine Mutter gegeben hat“, murmelte sie.
„Du spinnst wohl! Wem wird schon beim Fliegen übel? Nimmst du vielleicht auch Tabletten gegen Übelkeit, wenn du Achterbahn fährst?“
Das war wohl das Verrückteste, was ich je gehört hatte!
Ich holte mein Notizbuch aus dem Rucksack, um alles festzuhalten. Als ich fertig war, schlief Ulli wie ein Stein.
Ich hätte genauso gut meine Urgroßmutter mitnehmen können. Während Ulli schlief dachte ich über unseren Denkerclub nach. Eigentlich ist es verboten, an den Club zu denken, wenn es nicht beide gleichzeitig tun, aber ich konnte ja nicht wissen, wovon Ulli träumte, als sie jetzt dasaß und mit offenem Mund schnarchte. Ich überlegte kurz, ob ich sie fotografieren sollte. Sie sah nicht gerade vorteilhaft aus. So ein Bild konnte ja später einmal von Nutzen sein.
War aber doch keine gute Idee. In unserem Denkerclub setzen wir uns nur für schöne Ideen und Gedanken ein. „Schöne Ideen, edlen Herzens entsprungen“ ist einer unserer Wahlsprüche, der übrigens von mir stammt, aber den sich Ulli nie merken kann, ohne ins Buch zu schauen. Die meisten Regeln, Wahlsprüche oder Slogans stammen von mir, aber Ulli ist mit allem einverstanden, nicht nur weil sie nett ist, sondern weil sie es mühsam findet, zu entscheiden. Das wiederum fällt mir nicht schwer.
Es wirkt vielleicht merkwürdig, daß zwei Freundinnen, die in die gleiche Klasse gehen und auch noch Nachbarn sind, einen besonderen Club haben, aber es ist gar nicht so merkwürdig. Die meiste Zeit verbringen Ulli und ich sowieso zusammen, aber wenn wir etwas mit dem Denkerclub tun, nennen wir es Sitzungen.
Mein Vater, der ja nie ein Mädchen war, versteht überhaupt nicht, was abläuft, wenn zwei Mädchen befreundet sind. Wenn ich aus der Schule kommen, rufe ich Ulli an, und dann quatschen wir vielleicht eine Stunde oder so und lachen uns halb tot. Dann kommt mein Vater in mein Zimmer gedüst und ruft:
„Ach so, Ulli war heute nicht in der Schule. Ist sie krank?“
„Warum krank?“ antworte ich. „Wir sind doch gerade zusammen aus der Schule gekommen.“
Dann schüttelt er den Kopf Ullis Mutter versteht solche Sachen viel besser. Außerdem haben sie zwei Telefone.
Es war am siebzehnten Mai, als wir auf einer Bank auf dem Rummelplatz den Denkerclub gründeten. Wir waren die neue Achterbahn, Looping und Lange Schlange vier Mal gefahren, und jede hatte eine halbe Waffel gegessen und zweimal Schokolade gewonnen. Das Geld war mit anderen Worten zu Ende. Dabei war es noch nicht mal halb vier, die Sonne schien, und Ullis Mutter sollte uns erst um fünf vor den Toren abholen. Man ist ja kein Kleinkind mehr, das Erwachsene mit auf den Rummelplatz zerrt.
Da mein Vater behauptet, daß nur dämliche Leute sich langweilen, setzten wir uns, pleite wie wir waren, auf eine Bank und amüsierten uns.
Wir schauten Leute an. Hier sind ein paar Beispiele:
Zwei alte ängstliche Tanten, mit je einem Regenschirm unter dem Arm in der Sonne. Sie trugen weiße Netzschuhe und aßen Eis, die Soße lief ihnen das Kinn hinunter.
Eine andere, dickliche Tante haute ihr kleines Mädchen kräftig auf die Backe, weil es nicht nach Hause wollte.
Zwei bemalte Schreckschrauben, mit fettigem Haar, die vielleicht in die Neunte gingen, lungerten herum.
Ein Mann und eine Frau in genau den gleichen Micky-Maus-T-Shirts schlenderten vorbei.
Ein lächerlicher alter Herr mit Hut, den wir auf mindestens fünfundzwanzig schätzten, lief im Rhytmus der Musik, die aus den Lautsprechern in den Kirschbäumen dröhnte.
Kurz gesagt: Ein trister Anblick.
Ulli und ich starrten einander an. Sofort begriffen wir, daß uns der gleiche Gedanke gekommen war: Und wenn wir auch so werden?
So weit darf es einfach nicht kommen.
Wir schrieben eine Menge Dinge auf, die wir nicht tun oder sagen dürfen, wenn wir erwachsen sind. Und wie wir nicht herumlaufen sollen. Wir müssen uns selbst retten. Es ist sehr wichtig. Die Gefahren lauern überall.
Für Jasmine Svensson und Natalie Myrgren in unserer Klasse ist alles schon zu spät. Sie tragen hohe Absätze und Lipgloss aus Gold, nicht um sich selbst zu gefallen, sondern Peter Dalskog. Dann geht es wohl deutlich bergab.
Viele kleine Macken können sich einnisten, ohne daß man es merkt, aber Ulli und ich haben einander versprochen, daß wir aufeinander aufpassen werden.
Wenn sie zum Beispiel in ein Geschäft geht und eine leere Papiertüte von zu Hause dabei hat und sagt: „Kann ich ganz sicher sein, daß Sie die Birne gewaschen haben, und ist sie auch wirklich saftig?“ Dann werde ich Alarm schlagen, denn so darf man einfach nicht werden.
Wir haben viele Beispiele in unseren Büchern gesammelt. Wie die Sache mit der Straßenbahn neulich, als wir vom Rummelplatz heimfuhren und hinter zwei älteren Damen saßen, so um die zweiunddreißig. Sie redeten über Bügeleisen. Die eine hatte ein Dampfbügeleisen, die andere ein normales.
„Wenn du ein Dampfbügeleisen kaufst, wirst du es nie bereuen“, sagte die eine. „Ich sag dir, damit geht es wie von selbst.“
„Kommt für mich nie in Frage, Babsie“, sagte die andere. „Sie sind zu schwer und sperrig. Und wie soll ich damit um die Knöpfe auf Arnes Hemden kommen, mit so einem Eisenklumpen ...“
So ging es ungefähr drei Haltestellen lang, dann mußten wir aussteigen. Wahrscheinlich reden sie immer noch darüber.
Wenn Ulli und ich eines Tages Bügeleisen anschaffen, kaufen wir entweder Dampfbügeleisen oder nicht. Basta. Wir werden kein Wort darüber verlieren.
Diejenigen, die ihre Energie damit vergeuden, über Bügeleisen zu quasseln, wissen doch gar nicht, wie man richtig lebt. Das haben wir schriftlich festgehalten.
Nun holte die Dame, die neben Ulli saß, eine glitzernde Karnevalsmaske heraus und setzte sie auf Ich lehnte mich zu Ulli.
„Ist jetzt in Tunesien Karneval?“ fragte ich freundlich.
Die Dame schaute mich überheblich an.
„Es handelt sich um eine Schlafmaske“, belehrte sie mich. „Damit man keine Säcke unter den Augen bekommt.“
Säcke unter den Augen! Hat man denn so was schon gehört? Das mußte ich in mein Notizbuch schreiben. „Achtung! Pfeif auf Säcken unter den Augen“, würde ich schreiben.
Im Augenblick konnte ich nicht weiterschreiben, denn im mittleren Gang kam Lärm auf Zwei hohe Wagen begegneten sich. Hinter dem einen standen zwei Stewardessen und verteilten Tabletts und Getränke. Hinter dem anderen Wagen standen zwei Stewards und verteilten Tüten mit Parfüm und Schokolade, die geizige Menschen kaufen, nur weil’s in einem Flieger billiger ist als auf der Erde.
So ein Zeug interessiert mich nicht, was meine Aufmerksamkeit erregt hatte, war etwas ganz anderes, besser gesagt, jemand anderes, der zwischen den Wagen steckengeblieben war. Sehr richtig. Der Typ mit dem schwarzen Haar und den braunen Augen. Es war ihm peinlich, denn er kam weder vor noch zurück, und sah dabei nicht ganz so hübsch aus. Aber fast. Er war bestimmt vierzehn.
„Hallo!“ rief ich. „Willst du auch nach Tunesien?“
Er schaute mich erstaunt an, und in diesem Augenblick mußte natürlich Ulli aufwachen.
„Was treibst du eigentlich?“ fragte sie mißtrauisch und schaute zuerst zu mir, dann zu dem Kerl, dem es plötzlich gelang, sich aus seiner bedrängter Lage zu befreien und den Gang entlangzuspurten. Ich schaute zum Fenster hinaus. Es waren nur Wolken zu sehen.
„Du hast gerade Hamburg verpaßt“, sagte ich zu Ulli und klopfte ihr tröstend auf die Schulter.