Buch lesen: "Die Jahre"
Virginia Woolf
Die Jahre
Übersetzt Herberth und Marlys Herlitschka
Saga
Die Jahre ÜbersetztHerberth und Marlys Herlitschka Original The YearsCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1937, 2020 Virginia Woolf und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643015
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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– a part of Egmont www.egmont.com
1880
Es war ein launischer Frühling. Unaufhörlich wechselnd, sandte das Wetter Wolken von Graublau und Violett über die Erde. Die Landwirte machten besorgte Gesichter, wenn sie ihre Felder ansahen; die Leute in London öffneten ihre Schirme, sahen zum Himmel auf und schlossen sie wieder. Doch im April war solches Wetter zu erwarten. Hunderte von Verkäufern und Verkäuferinnen bei Whiteley und in den Army & Navy Stores erlaubten sich diese Bemerkung, wenn sie adrett verschnürte Päckchen Damen in üppig berüschten Kleidern über den Ladentisch reichten. Endlose Züge von Kauflustigen im Westend, von Geschäftsleuten in der City fluteten auf den Gehsteigen hin und her, wie unaufhörlich wandernde Karawanen – so schien es denen, die aus irgendeinem Grund einen Augenblick stehnblieben, etwa, um einen Brief einzuwerfen, oder an einem Klubfenster in Piccadilly. Der Strom von Landauern, Viktorias und Hansoms versiegte nie; denn die Season nahm ihren Anfang. In ruhigeren Straßen verzapften Musikanten ihr dünnes, meist schwermütiges Gedudel, das hier in den Bäumen des Hyde Park, dort des St. James’s Park im Gezwitscher der Spatzen und den jähen Ausbrüchen der verliebten aber oft pausierenden Drossel sein Echo oder seine Parodie fand. In den Wipfeln der Gartenanlagen auf den Squares trippelten die Tauben hin und her, ließen ein Zweiglein oder zwei fallen und gurrten immer wieder ihr stets unterbrochenes Schlummerlied. Durch die Parktore beim Marble Arch und beim Wellingtonpalais drängten sich nachmittags Damen in bunten Kleidern mit dem neumodischen Cul-de-Paris und Herren im Gehrock, eine Nelke im Knopfloch, den Spazierstock in der Hand. Hier kam die Gemahlin des Prinzen von Wales, und wo sie vorbeifuhr, wurden Hüte gelüpft. In den Souterrains der langen Avenuen in den Wohnvierteln trafen Stubenmädchen in Häubchen und Schürze die Vorbereitungen zum Tee. Umwegig aus der Tiefe hinaufgetragen, wurde die silberne Teekanne auf den Tisch gestellt, und mit Händen, welche die offenen Wunden der Elendsquartiere von Bermondsey und Hoxton gestillt hatten, taten junge Mädchen und alte Jungfern sorgfältig abgemessene ein, zwei, drei, vier Löffelvoll Tee hinein. Sobald die Sonne unterging, öffneten sich tausende kleine Gasflammen, den Augen von Pfauenfedern gleichend, in ihren Glaskäfigen; dennoch blieben lange Strecken auf den Gehsteigen dunkel. Das vermischte Licht der Laternen und der untergehenden Sonne spiegelte sich in dem stillen Wasser des »Rundteichs« und der »Serpentine«. Außer Haus Speisende, die in Hansoms über die Brücke trabten, betrachteten sekundenlang den reizenden Ausblick. Allmählich stieg der Mond hoch, und seine blanke Münze, obgleich bisweilen von Wolkenwischen verdeckt, leuchtete heiter oder streng oder vielleicht völlig gleichgültig. Langsam kreisend, wiedie Strahlen eines Scheinwerfers, glitten die Tage, die Wochen, die Jahre, eins nach dem andern, über den Himmel.
Oberst Abel Pargiter saß nach dem Lunch in seinem Klub und plauderte. Da seine Gefährten in den Lederfauteuils Männer seines Schlags waren, Männer, die Offiziere oder Staatsbeamte gewesen und nun im Ruhestand waren, ließen sie mit alten Witzen und Anekdoten erst ihre Vergangenheit in Indien, Afrika, Ägypten wieder aufleben und kamen dann in ganz natürlichem Übergang auf die Gegenwart. Es handelte sich um irgendeine Ernennung, um eine mögliche Ernennung.
Plötzlich neigte sich der jüngste und flotteste der drei vor. Gestern beim Lunch mit ... Hier senkte der Sprechende die Stimme. Die andern beugten sich zu ihm; eine kurze Handbewegung Oberst Pargiters sandte den Diener weg, welcher die Kaffeetassen abräumte. Die drei schütter behaarten und angegrauten Köpfe blieben einige Minuten nahe beieinander. Dann warf sich Oberst Abel im Lehnstuhl zurück. Der sonderbare Schimmer, der in die Augen aller drei gekommen war, als Major Elkin seine Geschichte begann, war aus Oberst Pargiters Gesicht völlig verschwunden. Er saß und starrte vor sich hin, mit seinen hellblauen Augen, die ein wenig zusammengekniffen waren, als sähen sie noch immer in den Glast des Ostens, und an den Winkeln ein wenig umfältelt, als wäre noch immer Staub in ihnen. Ein Gedanke war ihm gekommen, der, was die andern sagten, für ihn uninteressant machte, sogar unangenehm. Er erhob sich und blickte durchs Fenster auf Piccadilly. Die Zigarre in der Hand, sah er hinab auf die Oberdecke der Omnibusse, auf die Hansoms, die Visavis, die Lieferwagen und Landauer. Ihn ging das alles nichts an, schien seine Haltung zu sagen; mit dieser Sache hatte er nichts mehr zu tun. Sein rotwangiges, männlich hübsches Gesicht verdüsterte sich, als er so dort stand und hinaussah. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Das mußte er sie fragen. Er wandte sich um; aber seine Freunde saßen nicht mehr da. Die kleine Gruppe hatte sich aufgelöst. Elkin eilte schon durch die Tür; Brand sprach dort drüben mit einem andern Herrn. Oberst Pargiter verschluckte, was er vielleicht gesagt hätte, und wandte sich wieder dem Fenster zu, aus dem man auf Piccadilly sah. JederMensch auf der menschenerfüllten Straße schien irgendein Ziel zu haben. Alle eilten, um irgendeine Verabredung einzuhalten. Sogar die Damen in den Visavis und Broughams, die da vorbeitrabten, hatten irgend etwas vor. Alle Welt kam nach London zurück, richtete sich auf die Season ein. Für ihn aber gäbe es keine Season; für ihn gab es nichts zu tun. Seine Frau lag im Sterben; doch sie starb nicht. Heute ging’s ihr besser; morgen ginge es ihr wieder schlechter; eine zweite Pflegerin war aufgenommen; und so ging es fort. Er ergriff eine Zeitung und blätterte sie durch. Er besah ein Bild der Westseite des Kölner Doms. Dann warf er die Zeitung unter die andern zurück. Früher oder später – das war sein Euphemismus für die Zeit, die nach dem Tod seiner Frau käme, – würde er von London wegziehn, dachte er, und auf dem Land leben. Aber da war das Haus; da waren die Kinder; und da war auch ... Seine Miene veränderte sich; sie wurde weniger unzufrieden; aber auch ein wenig verstohlen und unruhig.
Irgendwohin konnte er schließlich doch gehn. Während sie hier schwatzten, hatte er die ganze Zeit diesen Hintergedanken gehabt. Als er sich herumwandte und sah, daß die andern nicht mehr da waren, war das der Balsam gewesen, den er auf seine Wunde tat. Er wollte Mira besuchen gehn; Mira wenigstens würde sich freuen, ihn zu sehn. Und so wandte er sich, als er den Klub verließ, nicht nach Osten, wohin die beschäftigten Männer gingen, und auch nicht nach Westen, wo, in der Abercorn Terrace, sein Haus lag, sondern ging die festen Wege durch den Green Park entlang gegen Westminster. Das Gras war sehr grün; die Blätter begannen zu sprießen; kleine grüne Klauen, wie Vogelkrallen, kamen aus den Zweigen hervor; alles hatte etwas Funkelndes, Neubelebtes. Die Luft roch rein und scharf. Oberst Pargiter aber sah weder das Gras noch die Bäume. In seinem bis oben zugeknöpften Mantel marschierte er durch den Park und blickte geradeaus vor sich hin. Doch als er nach Westminster kam, blieb er stehn. Diesen Teil der Sache mochte er gar nicht. Jedesmal, wenn er sich der kleinen Gasse näherte, die am Fuß der gewaltigen Steinmasse der Abtei lag, dieser Gasse schäbiger kleiner Häuser mit gelblichen Vorhängen und Zu-Vermieten-Karten in den Fenstern, der Gasse, wo stets der Mann mit dem heißen Gebäck seine Glocke zu läuten schien, wo Kinder kreischten und über die weißen Kreidezeichen auf dem Gehsteig einund aushüpften, hielt er inne, blickte nach rechts, blickte nach links und ging dann sehr rasch auf Nummer dreißig zu und zog die Glocke. Er starrte geradeaus vor sich auf die Tür, während er, den Kopf etwas gesenkt, wartete. Er wollte nicht gesehen werden, wie er hier auf diesen Stufen stand. Er wartete nicht gern auf Einlaß. Er mochte es nicht, wenn ihm Mrs. Sims öffnete. Immer roch es in diesem Haus; immer hingen Wäschestücke an einer Leine im Hintergarten. Er ging die Treppe hinauf, verdrossen und schwerfällig, und betrat das Wohnzimmer.
Niemand war da; er war zu früh gekommen. Er sah sich mit Widerwillen in dem Raum um. Es stand zuviel Schnickschnack umher. Er fühlte sich nicht hierher gehörig und überhaupt viel zu groß, wie er so, sehr aufrecht, vor dem drapierten Kamin stand, einem Feuerschirm gegenüber, auf den ein Eisvogel gemalt war, der sich auf einige Binsen niederlassen wollte. Schritte eilten in dem Stockwerk über ihm hin und her. War jemand bei ihr? fragte er sich, während er lauschte. Kinder johlten draußen auf der Straße. Das Ganze hatte etwas Jämmerliches, etwas Gemeines, Verstohlenes. Früher oder später, sagte er sich ... Aber die Tür ging auf, und seine Mätresse, Mira, kam herein.
»Oh, Piffpaff! Liebster!« rief sie. Ihr Haar war sehr unordentlich; sie sah ein wenig schluderig aus; aber sie war viel, viel jünger als er und freute sich wirklich, ihn zu sehn, dachte er. Der kleine Hund sprang an ihr hinauf.
»Lulu, Lulu«, rief sie, packte das Hündchen mit der einen Hand, während sie mit der andern ihr Haar betastete, »komm und laß dich von Onkel Piffpaff ansehn!«
Der Oberst setzte sich in den knarrenden Korbstuhl. Sie hob den Hund auf seine Knie. Da sei ein roter Fleck – vielleicht ein Ekzem – hinter dem einen Ohr. Der Oberst setzte die Brille auf und beugte sich hinab, um sich das Ohr des Hundes zu besehn. Mira küßte ihn, wo der Kragen aufhörte, auf den Nacken. Dabei fiel ihm die Brille hinunter. Mira erhaschte sie und setzte sie dem Hund auf. Der alte Knabe war heute nicht bei Laune, das spürte sie. In dieser geheimnisvollen Welt der Klubs und des Familienlebens, von der er nie zu ihr sprach, war etwas nicht in Ordnung. Er war gekommen, bevor sie sich frisiert hatte. Und das war lästig. Aber es war ihr Pflicht, ihn zu zerstreuen. Also flatterte sie – ihre zwar stärker werdende Gestalt erlaubte ihr noch immer, zwischen Tisch und Stuhl durchzugleiten, – hierhin und dorthin; entfernte den Kaminschirm und zündete, bevor er sie abhalten konnte, das kärgliche Logierhausfeuer an. Dann hockte sie sich auf die Armlehne seines Sessels.
»O Mira«, sagte sie, sich in dem Wandspiegel betrachtend und die Haarnadeln umsteckend, »was für ein schrecklich unordentliches Ding du bist!« Sie löste eine lange Haarflechte und ließ sie über die Schulter fallen. Es war noch immer schönes, goldglänzendes Haar, obgleich sie sich den Vierzig näherte und, wenn man die Wahrheit wüßte, eine achtjährige Tochter bei Freunden in Bedford in Pflege hatte. Das Haar begann von selbst zu fallen, durch sein eigenes Gewicht, und Piflpaff, der das sah, neigte sich vor und küßte es. Eine Drehorgel hatte weiter unten in dem Gäßchen zu spielen begonnen, und die Kinder rasten alle in dieser Richtung davon und hinterließen eine jähe Stille. Der Oberst begann Miras Nacken zu streicheln. Er begann, mit der Hand, an der er zwei Finger verloren hatte, tiefer unten herumzutasten, wo der Nacken in die Schultern überging. Mira ließ sich auf den Fußboden gleiten und lehnte den Rücken an sein Knie.
Dann knarrten die Treppenstufen; jemand klopfte leise, wie um auf seine Anwesenheit aufmerksam zu machen. Mira steckte sogleich ihr Haar auf, erhob sich und schloß die Tür hinter sich.
Der Oberst begann auf seine methodische Art abermals das Ohr des Hundes zu untersuchen. War es ein Ekzem? Oder war es kein Ekzem? Er blickte auf den roten Fleck, stellte dann den Hund in den Korb auf die Füße und wartete. Dieses anhaltende Gewisper draußen auf dem Treppenabsatz mißfiel ihm. Endlich kam Mira zurück. Sie sah besorgt aus; und wenn sie besorgt aussah, sah sie alt aus. Sie begann unter Kissen und Überzügen umherzusuchen. Sie brauche ihr Handtäschchen, sagte sie; wo habe sie es nur hingetan? In diesem Durcheinander von Sachen, dachte der Oberst, mochte es überall sein. Es war ein mageres, nach Armut aussehendes Handtäschchen, das sich dann endlich unter den Kissen in der Sofaecke fand. Sie stürzte es. Taschentücher, zerknüllte Stückchen Papier, Silber- und Kupfermünzen fielen heraus, als sie es schüttelte. Aber zwanzig Schilling in Gold hätten darunter sein sollen, sagte sie, – ein Sovereign. »Ich hab’ ganz bestimmt gestern einen gehabt«, murmelte sie.
»Wieviel macht es?« fragte der Oberst.
Es mache ein Pfund – nein, ein Pfund, acht Schilling und sechs Pence, sagte sie und murmelte etwas von der Wäscherin. Der Oberst ließ zwei Sovereigns aus seinem kleinen goldnen Etui gleiten und reichte sie ihr. Sie nahm sie, und dann war wieder Geflüster auf dem Treppenabsatz zu hören.
»Wäscherin ...?« dachte der Oberst, in dem Zimmer umherblickend. Es war ein unsauberes kleines Loch von einem Zimmer; aber da er um so viel älter war als sie, ging es nicht an, die Wäscherechnung in Frage zu ziehn. Und hier war sie wieder. Sie flatterte durchs Zimmer und setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf an sein Knie. Das mißgünstige Feuer, das nur schwach geflackert hatte, war fast erloschen. »Laß es sein«, sagte er ungeduldig, als sie das Schüreisen ergriff. »Laß es ausgehn!« Sie legte das Schüreisen hin. Der Hund schnarchte; die Drehorgel leierte. Seine Hand begann ihre Wanderung, den Nacken hinauf und hinunter, ein und aus in dem langen, dichten Haar. In diesem kleinen Zimmer, so nahe den Häusern drüben, kam die Dämmerung schnell; und die Vorhänge waren halb geschlossen. Er zog Mira an sich; er küßte sie auf den Nacken; und dann begann die Hand, an der die zwei Finger fehlten, tiefer unten herumzutasten, wo der Hals in die Schultern überging.
Ein plötzlicher Regenschauer prasselte auf den Gehsteig, und die Kinder, die in ihren Kreidekäfigen ein- und ausgehüpft waren, rannten nach Hause. Der ältliche Straßensänger, der, auf dem Randstein entlangschwankend, eine Fischermütze keck auf den Hinterkopf zurückgeschoben, geschmettert hatte: »Drückt dich Angst und Sorge nieder – « schlug den Rockkragen hoch und suchte Zuflucht im Eingang eines Wirtshauses, wo er mit der Tröstung endete: » – morgen scheint die Sonne wieder«. Und dann schien die Sonne wieder und trocknete das Pflaster.
»Es kocht noch nicht«, sagte Milly Pargiter, auf den Teekessel blickend. Sie saß an dem runden Tisch in dem vordem Wohnzimmer des Hauses in der Abercorn Terrace. »Noch lange nicht«, wiederholte sie. Der Kessel war ein altmodisches Ding aus Messing mit einem gravierten Rosenmuster, das fast ganz verwischt war. Ein schwaches kleines Flämmchen flackerte darunter. AuchMillys Schwester Delia, die neben ihr in einen Fauteuil zurückgelehnt lag, beobachtete es. »Muß das Wasser kochen?« fragte sie nach einem Augenblick müßig, als erwartete sie keine Antwort, und Milly antwortete auch nicht. Sie saßen schweigend und beobachteten das Flämmchen über dem Büschel gelben Dochts. Auf dem Tisch standen viele Tassen und Teller, als würden noch Leute erwartet; aber für den Augenblick waren sie allein. Das Zimmer war vollerMöbel. Ihnen gegenüber stand eine holländische Vitrine mit blau gemustertem Porzellan auf den Borden; die Sonne des Aprilnachmittags malte hier und da einen hellen Fleck auf die Scheiben. Über dem Kamin lächelte das Porträt einer rothaarigen jungen Frau in weißem Musselin, einen Korb mit Blumen im Schoß, auf die beiden herab.
Milly zog eine Haarnadel aus ihrer Frisur und begann den Docht zu zerfransen, um die Flamme zu vergrößern.
»Aber das hilft doch nicht«, sagte Delia gereizt, während sie ihr zusah. Sie wurde ungeduldig. Alles schien so unerträglich viel Zeit zu brauchen. Dann kam Crosby herein und fragte, ob sie den Kessel in der Küche zum Kochen bringen solle, und Milly sagte nein. Wie könnte ich diesem Getändel und Gefummel nur ein Ende machen, fragte sich Delia, wäh rend sie mit einem Messer auf den Tisch klopfte und auf das schwache Flämmchen sah, das ihre Schwester mit einer Haarnadel weiter hervorzulocken versuchte. Eine Mückenstimme begann unter dem Kessel zu jammern; aber da ging die Tür abermals auf, und ein kleines Mädchen in einem gestärkten rosa Kleid stürmte herein.
»Ich finde, Nannie hätte dir eine reine Schürze umbinden können«, sagte Milly streng, die Art einer Erwachsenen nachahmend. Auf der Latzschürze der Kleinen war ein grüner Schmierfleck, als wäre sie auf Bäume geklettert.
»Sie ist noch nicht aus der Wäsche gekommen«, sagte Rose, das kleine Mädchen, mürrisch. Sie blickte auf den Tisch, aber dort sah es noch gar nicht nach Tee aus.
Milly zupfte abermals den Docht mit ihrer Haarnadel. Delia lehnte sich zurück und blickte über die Schulter aus dem Fenster. Von wo sie saß, konnte sie die Stufen vor der Haustür sehen.
»Also da ist Martin«, sagte sie düster. Die Haustür schlug zu; Bücher wurden auf den Tisch in der Halle hingeklatscht, und Martin, ein Junge von zwölf Jahren, trat ein. Er hatte das rötliche Haar der Frau auf dem Porträt, aber seins war zerzaust.
»Geh und mach dich ordentlich!« sagte Delia streng. »Du hast reichlich Zeit«, fügte sie hinzu. »Das Teewasser kocht noch nicht.«
Alle blickten sie auf den Kessel. Der ließ noch immer sein dünnes, melancholisches Summen ertönen, während das Flämmchen unter der schwingenden Messingwölbung flakkerte.
»Dieser verfluchte Kessel!« sagte Martin und wandte sich scharf ab.
»Mama wäre es nicht recht, daß du solche Worte gebrauchst«, verwies ihn Milly, als ahmte sie eine ältere Person nach; denn die Mutter war schon so lange krank, daß beide Schwestern es sich angewöhnt hatten, den Kindern gegenüber ihre Art anzunehmen. Die Tür öffnete sich abermals.
»Das Tablett, Miss ... « sagte Crosby, während sie die Tür mit dem Fuß am Zufallen hinderte. Sie hielt ein Betttischchen in den Händen.
»Das Tablett?« sagteMilly. »Ja, wer wird das Tablett hinauftragen?« Wieder ahmte sie die Art einer Erwachsenen nach, die taktvoll mit Kindern umgehn will. »Nicht du, Rose. Es ist zu schwer. Laß Martin es tragen, und du kannst mit ihm gehn. Aber bleibt nicht lange. Erzählt Mama nur, was ihr heute getan habt; und bis dahin wird das Wasser ... das Wasser ... «
Sie fuhr abermals mit der Haarnadel in den Docht. Ein schwaches Wölkchen von Dampf kam aus dem Schwanenhalsschnabel; erst in Abständen, dann wurde es allmählich immer stärker, bis, grade als sie Schritte auf der Treppe hörten, ein mächtiger Dampfstrahl hervorkam.
»Es kocht!« rief Milly. »Es kocht!«
Sie aßen schweigend. Die Sonne, nach den wechselnden Lichtern auf dem Glas der holländischen Vitrine zu schließen, schien sich zu verstecken und wieder hervorzukommen. Manchmal leuchtete eine Schale tiefblau; dann wurde sie fahl. Lichter ruhten verstohlen auf den Möbeln im andern Zimmer, das auf den Garten ging. Hier war ein Muster; hier war eine kahle Stelle. Irgendwo ist Schönheit, dachte Delia, irgendwo ist Freiheit und irgendwo, dachte sie, ist er – trägt seine weiße Blume im Knopfloch ... Aber in der Halle scharrte ein Stock.
»Das ist Papa!« rief Milly warnend.
Sogleich schlängelte sich Martin aus dem Armsessel seines Vaters; Delia setzte sich auf. Milly zog eilig eine sehr große, mit Rosen gesprenkelte Teetasse heran, die nicht zu den übrigen paßte.
Der Oberst stand in der Tür und überblickte beinahe grimmig die Gruppe. Seine kleinen blauen Augen sahn sie alle an, wie um etwas Tadelnswertes an ihnen zu finden; im Augenblick war nichts Besonderes an ihnen zu tadeln; aber er war schlecht gelaunt; sie wußten sogleich, noch bevor er sprach, daß er schlecht gelaunt war.
»Kleiner Schmierfink«, sagte er, Rose ins Ohr zwickend, während er an ihr vorbeiging. Sie deckte schnell die Hand über den Fleck auf ihrer Schürze.
»Alles in Ordnung mit Mama?« fragte er und ließ sich mit seiner ganzen Schwere in den großen Armsessel sinken. Er verabscheute Tee; aber er trank stets ein wenig aus der riesigen alten Tasse, die seinem Vater gehört hatte. Er hob sie und nippte gewohnheitsmäßig.
»Und was habt ihr alle getrieben?« fragte er. Er sah sie alle der Reihe nach an, mit dem argwöhnischen doch schlauen Blick, der heiter sein konnte, jetzt aber verdrossen war.
»Delia hat ihre Musikstunde gehabt, und ich war bei Whiteley –« begann Milly, fast als wäre sie ein Kind, das eine Lektion aufsagt.
»Geld ausgegeben, he?« sagte ihr Vater scharf aber nicht unfreundlich.
»Nein, Papa. Ich hab’s dir ja schon gesagt. Es sind die falschen Leintücher geliefert – «
»Und du, Martin?« fragte Oberst Pargiter, die Antwort seiner Tochter unterbrechend. »Klassenletzter wie gewöhnlich?«
»Erster!« brüllte Martin, das Wort hervorstoßend, als hätte er es mit Mühe bis zu diesem Augenblick zurückgehalten.
»Hm – was du nicht sagst!« erwiderte sein Vater. Seine Verdüsterung hellte sich ein wenig auf. Er fuhr mit der Hand in die Hosentasche und brachte eine Handvoll Silbergeld zum Vorschein. Seine Kinder beobachteten ihn, während er versuchte, ein Sechspencestück aus allen den großem Silbermünzen hervorzusuchen. Er hatte zwei Finger der rechten Hand im Indischen Aufstand verloren, und die Muskeln waren geschrumpft, so daß die Hand der Klaue eines alten Vogels glich. Er schupfte und scharrte; aber da er selbst die Verstümmelung stets unbeachtet ließ, wagten seine Kinder nicht, ihm zu helfen. Die glänzenden Fingerstümpfe faszinierten Rose.
»Hier, Martin«, sagte er endlich und reichte das Sechspencestück seinem Sohn. Dann nippte er wieder vom Tee und wischte sich den Schnurrbart.
»Wo ist Eleanor?« fragte er endlich, wie um das Schweigen zu brechen.
»Es ist ihr Mietertag«, erinnerte ihn Milly.
»Oh, ihr Mietertag«, murmelte der Oberst. Er rührte den Zucker in der Tasse rundum, als wollte er ihn zertrümmern.
»Die lieben altbekannten Levys«, sagte Delia versuchsweise. Sie war seine Lieblingstochter; aber bei seiner gegenwärtigen Stimmung war sie ungewiß, wieviel sie wagen könnte.
Er sagte nichts.
»Bertie Levy hat sechs Zehen an dem einen Fuß«, piepste Rose plötzlich. Die andern lachten. Aber der Oberst unterbrach sie scharf.
»Du beeil dich und mach, daß du zu deinen Hausaufgaben kommst«, sagte er mit einem Blick auf Martin, der noch immer kaute.
»Laß ihn doch aufessen«, sagte Milly, wiederum die Art einer Älteren nachahmend.
»Und die neue Pflegerin?« fragte der Oberst, auf die Tischkante trommelnd. »Ist sie gekommen?«
»Ja ... « begann Milly. Aber in der Halle entstand ein Geräusch, und Eleanor trat ein. Sehr zu ihrer aller Erleichterung; besonders Millys. Gott sei Dank, da ist Eleanor, dachte sie aufblickend, – die Besänftigerin, die Streitschlichterin, der Puffer zwischen ihr und den Spannungen und Zwistigkeiten des Familienlebens. Sie betete ihre Schwester an. Sie hätte sie eine Göttin genannt und sie mit einer Schönheit ausgestattet, die nicht die ihre war, mit Kleidern, die nicht die ihren waren, hätte Eleanor nicht einen Stoß kleiner marmorierter Büchlein und ein Paar schwarzer Handschuhe in der Hand getragen. Beschütze mich, dachte sie, ihr eine Teetasse reichend, die ich so ein mäuschenhaftes, unterdrücktes, untüchtiges kleines Ding bin, verglichen mit Delia, die immer alles für sich durchsetzt, während ich immer eins auf denMund kriege von Papa, der heute aus irgendeinem Grund brummig ist. Der Oberst lächelte Eleanor zu, und der goldrote Hund auf dem Kaminteppich sah auch auf und wedelte, als hätte er in ihr eins dieser zufriedenstellenden weiblichen Wesen erkannt, die einem einen Knochen geben und dann ihre Hände in Unschuld waschen. Sie war die älteste der Töchter, etwa zweiundzwanzig, keine Schönheit, aber von frischem Aussehen und, obgleich im Augenblick müde, von munterem Naturell.
»Tut mir leid, daß ich mich verspätet habe«, sagte sie. »Ich bin aufgehalten worden. Und ich hab’ nicht erwartet–« Sie sah ihren Vater an.
»Ich bin früher gekommen, als ich dachte«, sagte er hastig. »Die Sitzung – « Er brach ab. Es hatte wieder Krach mit Mira gegeben.
»Und was machen deine Mieter, he?« fügte er hinzu.
»Oh, meine Mieter ... « wiederholte sie; aber Milly reichte ihr die zugedeckte Schüssel.
»Ich bin aufgehalten worden«, sagte Eleanor abermals und nahm sich einen der warmen kleinen Kuchen. Sie begann zu essen; die Atmosphäre heiterte sich auf.
»Jetzt erzähl du uns, Papa«, sagte Delia kühn – sie war seine Lieblingstochter – »was du selbst getrieben hast. Irgendwelche Abenteuer gehabt?«
Es war eine unglückselige Frage.
»Es gibt keine Abenteuer für einen alten Kracher wie mich«, sagte der Oberst mürrisch. Er zermalmte die Zuckerkörnchen an der Wandung seiner Teetasse. Dann schien er seine Brummigkeit zu bereuen; er überlegte einen Augenblick.
»Ich traf den alten Burke im Klub; er hat mich aufgefordert, eine von euch zum Dinner mitzubringen; Robin ist zurück, auf Urlaub«, sagte er.
Er trank seinen Tee aus. Einige Tropfen fielen auf sein Spitzbärtchen. Er zog ein großes Seidentaschentuch hervor und wischte sich ungeduldig das Kinn. Eleanor sah von ihrem niedrigen Sessel aus eine merkwürdige Miene erst auf Millys, dann auf Delias Gesicht. Sie hatte den Eindruck von Feindseligkeit zwischen den beiden. Aber sie sagte nichts. Sie aßen und tranken weiter, bis der Oberst wieder seine Tasse hob, sah, daß nichts mehr darin war, und sie mit einem kleinen Klirren fest niedersetzte. Die Zeremonie des Nachmittagstees war vorbei.
»So, mein Junge, nun verschwinde und mach dich über deine Hausaufgaben!« sagte er zu Martin.
Martin zog die Hand zurück, die nach einer der Schüsseln ausgestreckt war.
»Vorwärts!« sagte der Oberst im Befehlston. Martin stand auf und ging, wobei er die Hand zögernd über die Stühle und Tischchen gleiten ließ, wie um seinen Abgang hinauszuschieben. Er schloß die Tür ziemlich geräuschvoll hinter sich. Der Oberst erhob sich und stand hoch aufgerichtet, in seinem eng zugeknöpften Gehrock.
»Auch ich muß gehn«, sagte er. Aber er hielt einen Augenblick inne, als gäbe es nichts Besonderes, zu dem er zu gehn hatte. Er stand sehr aufrecht unter ihnen, als wollte er irgendeinen Befehl erteilen, vermöchte sich aber im Augenblick keines zu entsinnen, den er erteilen könnte. Dann entsann er sich.
»Ich wollte, eine von euch«, sagte er unparteiisch zu seinen Töchtern, »würde daran denken, an Edward zu schreiben ... Sagt ihm, er soll Mama einen Brief schreiben.«
»Ja«, sagte Eleanor.
Er ging auf die Tür zu. Aber wieder blieb er stehn.
»Und laßt es mich wissen, sobald Mama mich zu sprechen wünscht«, warf er hin. Dann hielt er inne und zwickte seine jüngste Tochter ins Ohrläppchen.
»Kleiner Schmierfink«, sagte er und wies auf den grünen Fleck auf ihrer Schürze. Sie bedeckte ihn mit der Hand. An der Tür blieb er abermals stehn.
»Vergeßt nicht«, sagte er, am Türknauf herumtastend, »vergeht nicht, an Edward zu schreiben.« Endlich hatte er den Türknauf gedreht und war gegangen.
Sie schwiegen alle. Eine gewisse Spannung lag in der Luft, so fühlte Eleanor. Sie griff nach einem der Büchlein, die sie mitgebracht hatte, und legte es geöffnet auf ihr Knie. Aber sie sah nicht hinein. Ihr Blick richtete sich fast geistesabwesend in das andre Zimmer. Die Bäume im Hintergarten begannen auszuschlagen; kleine Blättchen, kleine ohrenförmige Blättchen zeigten sich an den Sträuchern. Die Sonne schien mit Unterbrechungen; sie versteckte sich und kam wieder hervor, beleuchtete bald dies, bald –
»Eleanor«, unterbrach Rose ihre Gedanken. Sie hielt sich auf eine Art, die wunderlich der des Vaters glich.
»Eleanor!« wiederholte sie leise, denn ihre Schwester hatte es nicht beachtet.
»Ja?« sagte Eleanor und sah sie an.
»Ich möchte zu Lamley gehn«, sagte Rose. Sie war das Abbild ihres Vaters, wie sie so dastand, die Hände auf dem Rücken.
»Es ist zu spät, um zu Lamley zu gehn«, entgegnete Eleanor.
»Die schließen nicht vor sieben.«
»Dann bitte Martin, daß er mit dir geht«, sagte Eleanor.
Das kleine Mädchen schob sich langsam der Tür zu. Eleanor griff wieder nach ihren Haushaltungsbüchern.
»Aber du darfst nicht allein gehn, Rose; du darfst nicht allein gehn«, sagte sie, von ihnen auf blickend, als Rose die Tür erreichte. Rose nickte wortlos und verschwand.
Sie ging die Treppe hinauf. Vor dem Schlafzimmer ihrer Mutter blieb sie stehn und schnupperte den süßsäuerlichen Geruch, der um die Krüge, die Gläser, die zugedeckten Schalen zu hängen schien, die da auf dem Tisch neben der Tür standen. Noch eine Treppenflucht, und sie hielt vor dem Lernzimmer inne. Sie wollte nicht hineingehn, denn sie hatte mit Martin gestritten. Sie hatten zuerst wegen Erridge gestritten und wegen des Mikroskops und dann wegen des Schießens auf die Katzen von Miss Pym nebenan. Aber Eleanor hatte ihr befohlen, ihn zu bitten. Sie öffnete die Tür.
»Hallo, Martin –« begann sie.
Er saß am Tisch, ein Buch vor sich aufgestützt, und murmelte – vielleicht war es Griechisch, vielleicht war es Latein.
»Eleanor hat mir aufgetragen – « begann sie und merkte, wie gerötet seine Wangen waren und wie sich seine Hand um ein Stückchen Papier schloß, als wollte er es zu einer Kugel zusammenknüllen. »Ich soll dich bitten ... « begann sie abermals und straffte sich, den Rücken an die Tür gestemmt.
Eleanor lehnte sich im Sessel zurück. Die Sonne lag jetzt auf den Bäumen im Hintergarten. Die Knospen begannen zu schwellen. Freilich ließ das Frühlingslicht deutlicher sichtbar werden, wie abgenützt die Sesselpolsterungen waren. Der große Lehnstuhl hatte einen dunkeln Fleck, wo ihr Vater den Kopf anzulehnen pflegte, so gewahrte sie. Aber wieviele Stühle es hier gab – wie geräumig, wie luftig es hier war, nach diesem Schlafzimmer, wo die alte Mrs. Levy ... Doch Milly und Delia sprachen kein Wort. Wohl wegen der Abendgesellschaft, erinnerte sie sich. Welche von ihnen sollte gehn? Beide wollten sie hingehn. Sie wünschte, die Leute würden nicht sagen: »Bringen Sie eine von Ihren Töchtern mit.« Warum konnten sie nicht sagen: »Bringen Sie Eleanor mit« oder »Bringen Sie Milly mit« oder »Bringen Sie Delia mit«, statt sie alle zusammenzuwerfen? Dann gäbe es nichts zu entscheiden.