Buch lesen: "Mrs Dalloway"
Virginia Woolf
Mrs Dalloway
Mit einem Essay von Ulrike Draesner
Aus dem Englischen übersetzt von Hans-Christian Oeser
Reclam
2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Keppler + Jung
Coverabbildung: Svea Anais Perrine / photocase.de
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2019
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961478-6
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011197-0
www.reclam.de
Inhalt
Mrs Dalloway
»For there she was« – Virginia Woolf und die Wirklichkeiten des Erzählens. Von Ulrike Draesner
Über Virginia Woolf
Über Ulrike Draesner
Mrs Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst besorgen.
Denn Lucy hatte alle Hände voll zu tun. Die Türen mussten ausgehängt werden; Rumpelmayers Leute würden kommen. Und außerdem, dachte Clarissa Dalloway, was für ein Morgen – so frisch, als habe man ihn Kindern am Strand zugedacht.
Was für ein Spaß! Was für ein Sprung! Denn so war es ihr noch stets vorgekommen, wenn sie, mit einem leichten Quietschen der Angeln, das sie auch jetzt wieder hören konnte, die Terrassentür aufgestoßen hatte und in Bourton ins Freie gesprungen war. So frisch, so ruhig, stiller als hier natürlich, war die Luft am frühen Morgen gewesen; wie das Plätschern einer Welle; der Kuss einer Welle; kühl und scharf und doch (für das Mädchen von achtzehn Jahren, das sie damals war) feierlich; wie sie dort am offenen Fenster stand, hatte sie geahnt, dass etwas Schreckliches sich anbahnte; hatte auf die Blumen geschaut, auf die Bäume, von denen der Dunst sich löste, auf die steigenden und sinkenden Krähen; hatte gestanden und geschaut, bis Peter Walsh sagte: »Grübelst du mitten im Gemüsebeet?« – war es das? – »Ich mag Menschen lieber als Blumenkohl« – war es das? Er musste es eines Morgens beim Frühstück gesagt haben, als sie auf die Terrasse getreten war – Peter Walsh. Er würde irgendwann aus Indien zurückkehren, im Juni oder Juli, sie hatte vergessen wann, denn seine Briefe waren schrecklich langweilig; seine Aussprüche waren es, an die man sich erinnerte; seine Augen, sein Taschenmesser, sein Lächeln, seine Verdrießlichkeit und, wenn sich Millionen anderer Dinge längst verflüchtigt hatten – wie seltsam das war! –, ein paar Aussprüche wie diese über Kohlköpfe.
An der Bordsteinkante straffte sie sich ein wenig, wartete darauf, dass Durtnalls Lieferwagen vorüberfuhr. Eine reizende Frau, fand Scrope Purvis (er kannte sie, wie man eben Leute kennt, mit denen man Tür an Tür in Westminster wohnt); hatte etwas von einem Vogel, von einem Häher, blaugrün, leicht, lebhaft, obwohl sie die fünfzig überschritten hatte und seit ihrer Krankheit sehr weiß geworden war. Da stand sie nun, vogelgleich, bemerkte ihn nicht, wartete darauf, die Straße überqueren zu können, sehr aufrecht.
Denn wenn man in Westminster gelebt hat – wie viele Jahre jetzt? über zwanzig –, spürt man sogar mitten im Verkehr oder wenn man nächtens wachliegt, Clarissa war sich dessen sicher, eine eigenartig gedämpfte Stille, oder Feierlichkeit; ein unbeschreibliches Innehalten der Zeit, eine Erregung (aber das mochte auch ihr Herz sein, das, wie man sagte, von der Grippe angegriffen war), bevor Big Ben die volle Stunde schlägt. Da! Ein Dröhnen. Zuerst eine Warnung, musikalisch; dann die Stunde, unwiderruflich. Die bleiernen Schwingungen lösten sich auf in der Luft. Was sind wir doch für Narren, dachte sie, als sie die Victoria Street überquerte. Denn der Himmel allein weiß, weshalb man es so liebt, weshalb man es so wahrnimmt, es gestaltet, es um sich errichtet, es einreißt, es jeden Moment neu erschafft; doch selbst die größten Vogelscheuchen, die Mutlosesten der Elenden, die in Hauseingängen kauern (Trunksucht ihr Ruin) tun ein Gleiches; mit Gesetzen, das spürte sie deutlich, ist der Sache nicht beizukommen, aus eben diesem Grund: Sie lieben das Leben. In den Augen der Menschen, in all dem Schwanken, Stapfen und Schlurfen; dem Gebrüll und Getöse; den Kutschen, Automobilen, Omnibussen, Lieferwagen, den schlurfenden und schwankenden Plakatträgern; Blaskapellen; Leierkästen; dem Triumph, dem Gebimmel und dem sonderbar hohen Singen eines Flugzeugs am Himmel war, was sie liebte: Leben; London; dieser Augenblick im Juni.
Denn es war Mitte Juni. Der Krieg war zu Ende, außer für jemanden wie Mrs Foxcroft gestern Abend in der Botschaft, die sich vor Gram verzehrte, weil dieser nette Junge umgekommen war und der alte Herrensitz jetzt an einen Cousin fallen würde; oder Lady Bexborough, die, wie man sich erzählte, einen Wohltätigkeitsbasar eröffnet hatte, in der Hand das Telegramm, John, ihr Liebling, sei gefallen; aber er war zu Ende; dem Himmel sei Dank – zu Ende. Es war Juni. König und Königin residierten im Palast. Und obwohl noch so früh, war da überall ein Getrappel, ein Geflirr galoppierender Ponys, das Klacken von Kricketschlägern; Lords, Ascot, Ranelagh und der ganze Rest; eingehüllt in das zarte Gespinst graublauer Morgenluft, die sie im Lauf des Tages auflösen und auf ihren Rasenflächen und Spielfeldern absetzen würde, die springenden Ponys, deren Vorderhufe kaum den Boden berührten, schon schnellten sie hoch, die durcheinanderquirlenden jungen Männer und die lachenden Mädchen in ihren durchsichtigen Musselinkleidern, die selbst jetzt, nachdem sie die ganze Nacht durchgetanzt hatten, ihre lächerlich wolligen Hunde spazieren führten; und selbst jetzt, zu dieser Stunde, schwärmten diskrete alte Witwen in ihren Automobilen zu geheimnisvollen Besorgungen aus; und in den Schaufenstern machten sich die Geschäftsinhaber an ihren falschen Steinen und echten Diamanten zu schaffen, an ihren herrlichen alten meergrünen Broschen in Fassungen des achtzehnten Jahrhunderts, um Amerikanerinnen zu ködern (aber man musste sparsam sein, nicht vorschnell etwas für Elizabeth kaufen), und auch sie, die all dies mit lächerlich ergebener Leidenschaft liebte, da sie ein Teil davon war, hatten doch ihre Vorfahren zur Zeit der Georges als Höflinge gedient, auch sie wollte am heutigen Abend entflammen und erstrahlen lassen; wollte ihre Gesellschaft geben. Doch wie seltsam, beim Betreten des Parks, die Stille; der Nebel; das Summen; die gemächlich schwimmenden glücklichen Enten; die watschelnden Pelikane; aber wer, passenderweise, kam jetzt daher, mit dem Rücken zu den Regierungsgebäuden, eine Depeschentasche in der Hand, auf die das königliche Wappen geprägt war? Niemand anders als Hugh Whitbread; ihr alter Freund Hugh – der bewundernswerte Hugh!
»Einen schönen guten Morgen, Clarissa!«, sagte Hugh ziemlich übertrieben, denn sie hatten sich schon als Kinder gekannt. »Wohin des Wegs?«
»Ich liebe es, in London spazieren zu gehen«, sagte Mrs Dalloway. »Wirklich, es ist schöner, als auf dem Land spazieren zu gehen.«
Sie seien eben erst in die Stadt gekommen – leider –, um Ärzte aufzusuchen. Andere Leute kamen, um sich Gemälde anzusehen; in die Oper zu gehen; ihre Töchter auszuführen; die Whitbreads kamen, »um Ärzte aufzusuchen«. Unzählige Male hatte Clarissa Evelyn Whitbread in einem Sanatorium besucht. War Evelyn schon wieder krank? Evelyn fühle sich durchaus nicht wohl, sagte Hugh und gab durch eine Art Vorwölben oder Anschwellen seines sehr gut verhüllten männlichen, überaus ansehnlichen, perfekt gepolsterten Oberkörpers (immer war er fast zu gut gekleidet, aber das musste er ja wohl, angesichts seines kleinen Postens bei Hofe), gab also zu erkennen, dass seine Frau an einer inneren Krankheit litt, nichts Ernstes, deren Natur Clarissa Dalloway, als alte Freundin, sicherlich verstehe, auch ohne ihn um nähere Einzelheiten zu bitten. Ah ja, das tat sie selbstverständlich; wie unangenehm; sie fühlte sich sehr schwesterlich und zugleich seltsam befangen ihres Hutes wegen. Nicht der richtige Hut so früh am Morgen, war es das? Denn Hugh flößte ihr immer dieses Gefühl ein, wie er so weitereilte, ziemlich übertrieben seinen Hut lüftete und ihr versicherte, sie könne für ein junges Mädchen von achtzehn durchgehen, und selbstverständlich komme er zu ihrer Gesellschaft heute Abend, Evelyn bestehe unbedingt darauf, nur könne es nach dem Empfang im Palast, zu dem er einen von Jims Jungen mitnehmen müsse, ein wenig spät werden – neben Hugh kam sie sich stets ein wenig dürftig vor; schulmädchenhaft; war ihm dennoch zugetan, teils weil sie ihn schon immer gekannt hatte, aber sie fand, dass er auf seine Art ein guter Kerl war, obwohl er Richard fast zur Raserei brachte, und was Peter Walsh anging, der hatte es ihr bis zum heutigen Tage nicht verziehen, dass sie ihn mochte.
Sie konnte sich an Szene um Szene in Bourton erinnern – Peter aufgebracht; Hugh, ihm natürlich in keiner Weise gewachsen, aber auch nicht der absolute Schwachkopf, als den Peter ihn hinstellte; kein Perückenstock. Wenn seine alte Mutter wollte, dass er nicht mehr auf die Jagd ging oder sie nach Bath begleitete, so tat er es, ohne ein Wort zu sagen; er war wirklich selbstlos, und was Peters Bemerkung betraf, er habe kein Herz, kein Hirn, nichts als die Manieren und die Erziehung eines englischen Gentleman, so zeigte sich nur ihr lieber Peter von seiner schlimmsten Seite; er konnte unerträglich sein; er konnte unmöglich sein; aber anbetungswürdig, wenn sie an einem Morgen wie diesem mit ihm spazieren ging.
(Der Juni hatte jedes einzelne Blatt aus den Bäumen gelockt. Die Mütter von Pimlico stillten ihre Jungen. Botschaften wurden von der Flotte zur Admiralität gesandt. Arlington Street und Picadilly schienen die Luft im Park zu erwärmen und die Blätter heiß und glänzend auf Wogen jener göttlichen Lebenslust zu heben, die Clarissa so liebte. Tanzen, Reiten, für all das hatte sie geschwärmt.)
Denn sie hätten Hunderte von Jahren getrennt sein mögen, sie und Peter; nie schrieb sie einen Brief, und seine waren wie trockenes Holz; doch zuweilen kam es plötzlich über sie, wenn er jetzt bei mir wäre, was würde er sagen? – mancher Tag, mancher Anblick brachte ihn ihr zurück, ruhig, ohne die alte Bitterkeit; was vielleicht die Belohnung dafür war, dass man sich aus Leuten etwas gemacht hatte; an einem schönen Morgen mitten im St. James’s Park kamen sie zurück – das war tatsächlich so. Doch Peter – wie schön der Tag auch sein mochte, und die Bäume und das Gras und das kleine Mädchen in Rosa –, Peter sah nie etwas von alledem. Er würde seine Brille aufsetzen, wenn sie ihn dazu aufforderte; er würde hinschauen. Der Zustand der Welt war es, der ihn interessierte; Wagner, die Gedichte Popes, immerfort nur der Charakter der Leute und die Defekte ihrer eigenen Seele. Wie er mit ihr schimpfte! Wie sie stritten! Sie würde einen Premierminister heiraten und ganz oben auf einer Treppe stehen; die vollendete Gastgeberin hatte er sie genannt (sie hatte deswegen in ihrem Schlafzimmer geweint), sie habe das Zeug zu einer vollendeten Gastgeberin, hatte er gesagt.
So haderte sie auch im St. James’s Park noch immer mit sich selbst, behauptete noch immer, recht daran getan zu haben – und das hatte sie auch –, ihn nicht zu heiraten. Denn in einer Ehe musste es ein wenig Freiheit, ein wenig Unabhängigkeit geben zwischen Menschen, die tagein, tagaus unter demselben Dach zusammenleben; was Richard ihr einräumte, und sie ihm. (Wo war er zum Beispiel an diesem Morgen? Irgendein Ausschuss, sie fragte nie, welcher.) Aber mit Peter musste alles geteilt, alles besprochen werden. Und das war unerträglich, und als es in dem kleinen Garten zu der Szene beim Springbrunnen gekommen war, hatte sie mit ihm brechen müssen, oder sie wären zerstört worden, beide zugrunde gerichtet, davon war sie überzeugt; obwohl sie jahrelang wie einen Pfeil, der in ihrem Herzen steckte, den Kummer, das Leid ertragen hatte: und dann das Grauen des Augenblicks, als ihr jemand bei einem Konzert erzählt hatte, er habe eine Frau geheiratet, die er auf der Schiffsreise nach Indien kennengelernt habe! Niemals würde sie all das vergessen. Kalt, herzlos, prüde hatte er sie genannt. Niemals werde sie seine Art zu lieben begreifen können. Aber diese Inderinnen taten es vermutlich – alberne, hübsche, schwache dumme Gänse. Und sie verschwendete ihr Mitgefühl. Denn er sei ganz glücklich, versicherte er ihr – vollkommen glücklich, obwohl er nichts von alledem getan hatte, wovon sie gesprochen hatten; sein ganzes Leben war ein einziger Misserfolg gewesen. Das ärgerte sie noch immer.
Sie hatte das Parktor erreicht. Sie blieb einen Augenblick stehen und besah sich die Omnibusse auf der Piccadilly.
Heute würde sie von niemandem auf der Welt behaupten, er sei dies oder sei das. Sie fühlte sich sehr jung; gleichzeitig unsäglich gealtert. Sie durchschnitt alles wie ein Messer; stand gleichzeitig außerhalb, schaute zu. Als sie die Droschken beobachtete, hatte sie das beständige Empfinden, draußen zu sein, draußen, weit draußen auf hoher See und allein; stets hatte sie das Gefühl, dass es sehr, sehr gefährlich war, auch nur einen Tag lang zu leben. Nicht, dass sie sich für klug hielt oder für außergewöhnlich. Wie sie mit den wenigen Zweiglein Wissen, die Fräulein Daniels ihnen mitgegeben hatte, durchs Leben gekommen war, konnte sie sich gar nicht ausdenken. Sie kannte nichts; keine Sprache, keine Geschichte; sie las kaum noch ein Buch, außer im Bett Memoiren; und doch war es für sie absolut fesselnd; all dies; die Droschken, die vorüberfuhren; und sie würde von Peter nicht behaupten, sie würde von sich selbst nicht behaupten, ich bin dies, ich bin das.
Ihre einzige Begabung, dachte sie im Weitergehen, bestand darin, Leute fast instinktiv zu durchschauen. Wenn man sie mit jemandem in ein Zimmer sperrte, machte sie einen Buckel wie eine Katze; oder sie schnurrte. Devonshire House, Bath House, das Haus mit dem Porzellankakadu, alle hatte sie einst in voller Festbeleuchtung gesehen; und erinnerte sich an Sylvia, Fred, Sally Seton – ganze Scharen von Menschen; und Tanz durch die Nacht; und die Wagen, die auf dem Weg zum Markt vorüberzockelten; und die Heimfahrt durch den Park. Sie erinnerte sich, wie sie einmal einen Shilling in den Serpentine geworfen hatte. Aber ein jeder erinnerte sich; was sie liebte, war dies, hier, jetzt, vor ihr; die dicke Dame in der Droschke. Spielte es da eine Rolle, fragte sie sich, während sie in Richtung Bond Street ging, spielte es da eine Rolle, dass sie unweigerlich ganz und gar erlöschen musste; dass all dies ohne sie weitergehen musste; störte es sie; oder war es nicht vielmehr tröstlich, zu glauben, dass der Tod ein absolutes Ende setzte?, dass sie aber in den Straßen Londons, mit der Fluktuation der Dinge, hier, dort, irgendwie weiterlebte, dass Peter weiterlebte, dass sie ineinander lebten, da sie doch, davon war sie überzeugt, ein Teil der Bäume daheim war; ein Teil des Hauses dort, hässlich, wie es langsam, aber sicher in sich zusammenfiel; ein Teil von Menschen, denen sie nie begegnet war; da sie doch hingebreitet war wie ein Nebel unter den Menschen, die sie am besten kannte, die sie auf ihrem Geäst emporhoben, so wie sie gesehen hatte, dass die Bäume den Nebel heben, aber es dehnte sich ja so weit aus, ihr Leben, ihr Selbst. Was träumte sie da, als sie in das Schaufenster von Hatchard’s blickte? Was versuchte sie wiederzuerlangen? Welches Bild von weißer Morgendämmerung auf dem Land, als sie in dem aufgeschlagenen Buch las:
Fürchte nicht mehr Sonnenglut,
Noch des Winters grimmen Hohn!
Dies jüngste Zeitalter der Welterfahrung hatte in ihnen allen, sämtlichen Männern und Frauen, einen Brunnen voller Tränen geschaffen. Tränen und Schmerzen; Mut und Ausdauer; eine vollkommen aufrechte und stoische Haltung. Man denke zum Beispiel an die Frau, die sie am meisten bewunderte, Lady Bexborough, wie sie den Wohltätigkeitsbasar eröffnete.
Da waren Jorrock’s Jaunts and Jollities; da waren Soapy Sponge und Mrs Asquiths Memoirs und Big Game Shooting in Nigeria, alle aufgeschlagen. So viele Bücher gab es da; doch keines, das genau das richtige zu sein schien, um es Evelyn Whitbread in ihr Sanatorium mitzubringen. Nichts, das dazu taugen würde, sie zu unterhalten und, wenn Clarissa hereinkäme, diese unbeschreiblich vertrocknete kleine Frau dazu zu bringen, auch nur einen Augenblick lang freundlich dreinzublicken; bevor sie sich zurechtsetzten, um die üblichen, nicht enden wollenden Gespräche über Frauenleiden zu führen. Wie sehr sie sich das wünschte – dass Menschen erfreut aussähen, wenn sie hereinkäme, dachte Clarissa, drehte sich um und ging zurück zur Bond Street, verärgert, weil es albern war, andere Gründe dafür zu haben, dass man bestimmte Dinge tat. Viel lieber wäre sie einer jener Menschen gewesen wie Richard, der Dinge um ihrer selbst willen tat, während sie, so dachte sie, als sie darauf wartete, die Straße überqueren zu können, die Hälfte der Zeit Dinge nicht einfach so, um ihrer selbst willen, tat; sondern damit andere Menschen dieses oder jenes dachten; völlige Idiotie, das wusste sie (und jetzt hob der Polizist die Hand), denn niemand fiel auch nur eine Sekunde lang darauf herein. Ach, wenn sie ihr Leben noch einmal von vorn beginnen könnte!, dachte sie, als sie auf den Gehsteig trat, wenn sie wenigstens anders hätte aussehen können!
Dann wäre sie zuallererst dunkelhaarig wie Lady Bexborough gewesen, mit einer Haut wie zerknautschtes Leder und wunderschönen Augen. Dann wäre sie, wie Lady Bexborough, bedächtig und stattlich gewesen; eher füllig; an Politik interessiert wie ein Mann; mit einem Landsitz; sehr würdig, sehr aufrichtig. Stattdessen hatte sie eine Figur, dünn wie eine Bohnenstange; ein lächerliches kleines Gesicht, schnabelförmig wie das eines Vogels. Dass sie sich gut gehalten hatte, stimmte; und hübsche Hände und Füße hatte; und sich gut kleidete, wenn man berücksichtigte, wie wenig sie ausgab. Doch dieser Körper, den sie mit sich herumtrug (sie blieb stehen, um ein holländisches Gemälde zu betrachten), dieser Körper, mit all seinen Fähigkeiten, schien ihr inzwischen häufig ein Nichts zu sein – ein reines Nichts. Sie hatte das befremdliche Gefühl, unsichtbar zu sein; ungesehen; unerkannt; jetzt gab es kein Heiraten mehr, kein Kinderkriegen mehr, sondern nur noch dieses erstaunliche und recht feierliche Fortschreiten mit all den anderen, die Bond Street hinauf, dieses Mrs-Dalloway-Sein; nicht einmal mehr Clarissa; dieses Mrs-Richard-Dalloway-Sein.
Die Bond Street faszinierte sie; die Bond Street in der Saison, am frühen Morgen; die flatternden Fahnen; die Geschäfte; keine Verschwendung; kein Glanz; ein einzelner Ballen Tweed in dem Laden, in dem ihr Vater fünfzig Jahre lang seine Anzüge erstanden hatte; ein paar Perlen; Lachs auf einem Block Eis.
»Das ist alles«, sagte sie und blickte ins Fischgeschäft. »Das ist alles«, wiederholte sie, während sie einen Augenblick vor der Auslage eines Handschuhladens stehenblieb, in dem man, vor dem Krieg, fast perfekte Handschuhe hatte kaufen können. Und ihr alter Onkel William pflegte zu sagen, eine Dame erkenne man an ihren Schuhen und ihren Handschuhen. Eines Morgens, mitten im Krieg, hatte er sich auf seinem Bett umgedreht. Er hatte gesagt: »Ich habe genug.« Handschuhe und Schuhe; für Handschuhe hatte sie eine wahre Leidenschaft; doch ihre eigene Tochter, ihre Elizabeth, gab auf beides keinen Pfifferling.
Keinen Pfifferling, dachte sie, als sie die Bond Street hinaufging zu einem Geschäft, wo man, wenn sie eine Gesellschaft gab, Blumen für sie zurücklegte. Eigentlich machte sich Elizabeth am meisten aus ihrem Hund. Heute Morgen hatte das ganze Haus nach Teer gerochen. Immerhin, lieber der arme Grizzle als Miss Kilman; lieber Staupe und Teer und alles andere, als sich murrend mit einem Gebetbuch in ein stickiges Schlafzimmer einzuschließen! Lieber alles andere, war sie versucht zu sagen. Aber vielleicht handelte es sich ja, wie Richard meinte, nur um eine Phase, die alle jungen Mädchen durchmachten. Vielleicht war es Verliebtheit. Aber warum bei Miss Kilman?, die natürlich schlecht behandelt worden war; das musste man ihr zugutehalten, und Richard meinte, sie sei sehr tüchtig, habe Sinn für Geschichte. Einerlei, sie waren unzertrennlich, und Elizabeth, ihre eigene Tochter, ging zur Kommunion; und wie sie sich kleidete, wie sie Leute behandelte, die zum Lunch kamen, darauf gab sie keinen Pfifferling, denn ihrer Erfahrung nach machte religiöse Ekstase die Menschen hartherzig (ebenso jede gerechte Sache); stumpfte ihr Empfinden ab, denn für die Russen würde Miss Kilman alles tun, für die Österreicher hungern, unter vier Augen jedoch unterwarf sie einen regelrecht der Folter, so gefühllos war sie, in einen grünen Regenmantel gekleidet. Jahrein, jahraus trug sie diesen Mantel; sie schwitzte; keine fünf Minuten lang war sie im Zimmer, ohne einen ihre Überlegenheit, die eigene Unterlegenheit spüren zu lassen; wie arm sie sei; wie reich man selbst sei; wie sie in einem Slum lebe, ohne ein Kissen oder ein Bett oder einen Teppich oder was immer es sein mochte, ihre ganze Seele zerfressen von diesem Kummer, der in ihr steckte, ihre Entlassung aus der Schule während des Krieges – das arme, verbitterte, unglückselige Geschöpf! Denn nicht sie selbst war es, die man hasste, sondern die Vorstellung von ihr, die zweifellos vieles in sich aufgenommen hatte, was gar nicht Miss Kilman war; die zu einem jener Gespenster geworden war, mit denen man nachts ringt; zu einem jener Gespenster, die rittlings auf uns hocken und uns das halbe Lebensblut aussaugen, Beherrscher und Tyrannen; denn ohne Zweifel, wäre der Würfel anders gefallen, wäre Schwarz oben gewesen und nicht Weiß, sie hätte Miss Kilman geliebt! Aber nicht in dieser Welt. Nein.
Aber es zermürbte sie, dass dieses brutale Ungeheuer sich in ihr regte!, zu hören, wie Zweige brachen, und zu fühlen, wie Hufe sich in die Tiefen jenes laubbeschwerten Waldes, die Seele, gruben; niemals ganz zufrieden zu sein oder seiner selbst ganz sicher, denn jeden Augenblick konnte die Bestie sich regen, dieser Hass, der, besonders seit ihrer Krankheit, die Macht besaß, dass sie sich wie zerschrammt vorkam, am Rückgrat verletzt; der ihr physischen Schmerz verursachte und alle Freude an Schönheit, Freundschaft, Wohlergehen, daran, dass sie geliebt wurde und sich ein wunderbares Heim geschaffen hatte, zum Wanken brachte, zum Erbeben, zum Einknicken, als gäbe es tatsächlich ein Ungeheuer, das an den Wurzeln wühlte, als wäre die ganze Rüstung der Zufriedenheit nichts als Selbstliebe! dieser Hass!
Unsinn, Unsinn!, rief sie sich zu und schob sich durch die Pendeltür von Mulberry, dem Floristen.
Sie trat nach vorn, leicht, groß, sehr aufrecht, und wurde sogleich von der knopfgesichtigen Miss Pym begrüßt, deren Hände stets hochrot waren, als hätten sie mit den Blumen in kaltem Wasser gestanden.
Da waren die Blumen: Rittersporn, Wicken, Fliedersträuße; und Nelken, Unmengen von Nelken. Da waren Rosen; da waren Schwertlilien. Ah ja – so atmete sie den erdigen, gartensüßen Duft ein, während sie dastand und sich mit Miss Pym unterhielt, die ihr Hilfe schuldig war und sie für freundlich hielt, denn freundlich war sie vor Jahren gewesen; sehr freundlich, aber sie sah älter aus, dieses Jahr, wie sie so, die Augen halb geschlossen, den Kopf zwischen den Schwertlilien und den Rosen und den nickenden Fliederdolden von einer Seite zur anderen neigte und, nach dem Straßentumult, den köstlichen Duft, die exquisite Kühle einsog. Und dann, als sie die Augen aufschlug, wie frisch sahen da nicht die Rosen aus, ganz wie gefälteltes Leinen, das, auf Weidentabletts gebreitet, sauber aus der Wäscherei kommt; und dunkel und steif die roten Nelken, die ihre Köpfe hochhielten; und all die Wicken, die sich in ihren Schalen ausstreckten, violett, schneeweiß, blass getönt – als wäre es Abend, und Mädchen in Musselinröcken kämen aus den Häusern herbei, um Wicken und Rosen zu pflücken, nachdem der herrliche Sommertag mit seinem nahezu blauschwarzen Himmel, seinem Rittersporn, seinen Nelken, seinen Callas zu Ende gegangen war; und als wäre es jener Augenblick zwischen sechs und sieben, wenn jede Blume erglüht – Rosen, Nelken, Schwertlilien, Flieder; weiß, violett, rot, tieforange; jede Blume von allein zu brennen scheint, zart, rein in den dunstigen Beeten; und wie liebte sie die grauweißen Falter, die dort hin und her flatterten, über den Vanilleblumen, über den Nachtkerzen!
Und als sie mit Miss Pym von Vase zu Vase ging und wählte, sagte sie bei sich: Unsinn, Unsinn, sanfter und sanfter, als wären diese Schönheit, dieser Duft, diese Farbe und die Tatsache, dass Miss Pym sie mochte, ihr vertraute, eine Woge, der sie erlaubte, sie zu überspülen und diesen Hass, dieses Ungeheuer, zu überwinden, all das zu überwinden; und die Woge hob sie höher und höher, als – oh! draußen auf der Straße ein Pistolenschuss!
»Ach je, diese Automobile«, sagte Miss Pym, ging zum Fenster, um hinauszuschauen, und kam dann, die Hände voller Wicken, wieder zurück und lächelte entschuldigend, als wären diese Automobile, diese Reifen von Automobilen, allein ihre Schuld.
Die heftige Explosion, die Mrs Dalloway aufgeschreckt und Miss Pym dazu gebracht hatte, ans Fenster zu gehen und sich zu entschuldigen, rührte von einem Automobil, das genau gegenüber Mulberrys Schaufenster am Gehsteig angehalten hatte. Passanten, die, natürlich, stehenblieben und den Wagen anstarrten, hatten eben genug Zeit, um vor dem taubengrauen Polster ein Gesicht von allergrößter Bedeutung zu erkennen, bevor eine Männerhand die Gardine vorzog und nichts weiter als ein taubengraues Quadrat zu sehen war.
Dennoch liefen sogleich Gerüchte um, von der Mitte der Bond Street bis zur Oxford Street auf der einen Seite, bis zu Atkinsons Parfümerie auf der anderen Seite, zogen unsichtbar, unhörbar dahin, wie eine Wolke, geschwind, schleierartig auf Hügeln, fielen in der Tat mit so etwas wie der plötzlichen Gelassenheit und Geräuschlosigkeit einer Wolke auf Gesichter, die eine Sekunde vorher zutiefst undiszipliniert gewesen waren. Jetzt aber hatte das Geheimnis sie mit seiner Schwinge gestreift; sie hatten die Stimme der Autorität vernommen; der Geist der Religion weilte unter ihnen, die Augen fest verbunden und die Lippen weit geöffnet. Doch niemand wusste, wessen Gesicht man gesehen hatte. War es das des Prinzen von Wales, das der Königin, das des Premierministers? Wessen Gesicht war es? Niemand wusste es.
Edgar J. Watkiss, sein Bündel Bleirohre unterm Arm, sagte hörbar, humorvoll natürlich: »Die Karosse des Herrn Premierministers.«
Septimus Warren Smith, der sich außerstande sah, voranzukommen, hörte ihn.
Septimus Warren Smith, etwa dreißigjährig, bleichgesichtig, hakennasig, in braunen Schuhen und schäbigem Paletot, mit haselnussbraunen Augen, die jenen Ausdruck von Besorgnis zeigten, der wildfremde Menschen gleichfalls besorgt stimmt. Die Welt hat ihre Peitsche erhoben; wo wird sie niedergehen?
Alles war zum Stillstand gekommen. Das Pochen der Motoren klang wie ein Pulsschlag, der unregelmäßig durch einen ganzen Körper trommelt. Die Sonne wurde außergewöhnlich heiß, denn das Automobil hatte vor Mulberrys Schaufenster gehalten; alte Damen auf den Oberdecks der Omnibusse spannten ihre schwarzen Sonnenschirme auf; hier öffnete sich mit einem leisen Plopp ein grüner, dort ein roter Sonnenschirm. Mrs Dalloway, die, die Arme voller Wicken, ans Fenster trat, sah mit ihrem kleinen, rosigen, fragenden Gesicht hinaus. Alle sahen zu dem Automobil hin. Septimus sah hin. Jungen sprangen von ihren Fahrrädern. Der Verkehr stockte. Und da stand das Automobil, mit vorgezogenen Gardinen, darauf ein eigentümliches Muster, das wie ein Baum aussah, dachte Septimus, und dieses mähliche Sich-Zusammenziehen von allem zu einem einzigen Mittelpunkt genau vor seinen Augen, ganz so, als sei etwas Grausiges fast bis zur Oberfläche aufgestiegen und stehe kurz davor, in Flammen aufzugehen, machte ihm Angst. Die Welt zögerte und zitterte und drohte in Flammen aufzugehen. Ich bin es, der den Weg versperrt, dachte er. Sah man nicht zu ihm her und zeigte auf ihn; wurde er nicht wie von einem Gewicht herabgedrückt, war er nicht im Gehsteig verwurzelt, zu einem ganz bestimmten Zweck? Aber zu welchem?
»Lass uns weitergehen, Septimus«, sagte seine Gattin, eine kleine Frau mit großen Augen in einem farblosen, spitzen Gesicht; eine Italienerin.
Doch Lucrezia konnte selbst nicht umhin, zu dem Automobil und dem Baummuster auf den Gardinen hinzusehen. Saß dort die Königin – die Königin, die Einkäufe machte?
Der Chauffeur, der etwas geöffnet, an etwas gedreht, etwas geschlossen hatte, kletterte wieder auf seinen Sitz.
»Komm«, sagte Lucrezia.
Doch ihr Mann, denn sie waren jetzt seit vier, fünf Jahren verheiratet, zuckte erschrocken zusammen und sagte ärgerlich: »Na gut!«, als habe sie ihn unterbrochen.
Die Leute mussten es bemerken; die Leute mussten es sehen. Die Leute, dachte sie und blickte auf die Menge, die das Automobil anstarrte; die Engländer, mit ihren Kindern und ihren Pferden und ihren Kleidern, die sie in gewisser Weise bewunderte; aber jetzt waren sie »Leute«, denn Septimus hatte gesagt: »Ich werde mich umbringen«; schrecklich, so etwas zu sagen. Angenommen, sie hatten ihn gehört? Sie sah zu der Menge hin. »Hilfe, Hilfe!«, wollte sie Metzgerjungen und Frauen zurufen. Hilfe! Erst im vergangenen Herbst hatten sie und Septimus, in dasselbe Cape eingehüllt, am Embankment gestanden, und da Septimus Zeitung las, statt zu reden, hatte sie sie ihm entrissen und dem alten Mann, der sie beobachtet hatte, ins Gesicht gelacht! Doch Misserfolg verhehlt man. Sie musste ihn in irgendeinen Park bringen.
»Wir überqueren jetzt die Straße«, sagte sie.
Sie hatte ein Anrecht auf seinen Arm, auch wenn es ohne Empfindung geschah. Er würde ihr, die so einfach, so impulsiv, gerade mal vierundzwanzig war, die keine Freunde in England hatte, die Italien ihm zuliebe verlassen hatte, ein Stück Knochen reichen.