Buch lesen: "Vor Rehen wird gewarnt"

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Vicki Baum

Vor Rehen wird gewarnt

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag


© 1951 by Valentina Lert & Peter S. Lert

© 2020 by Arche Literatur Verlag AG, Zürich–Hamburg

Erstveröffentlichung: Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln, 1951

Aus dem amerikanischen Englisch von Carl Heinz Ostertag (Irrtum vorbehalten). Bis zur Drucklegung konnten die Erben des Übersetzers nicht ausfindig gemacht werden. Die Übersetzung wurde an einigen Stellen leicht überarbeitet.

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-03790-121-2

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ERSTER TEIL

Ach, du liebe Güte«, seufzte die schmächtige alte Dame beim Anblick der hohen Stufen, die es zu besteigen galt, um in den Eisenbahnwagen zu gelangen; ihre gebrechliche Zierlichkeit, ihr halb humoristischer, halb verzweifelt-hilfloser Ausdruck machten aus diesen drei einfachen Stufen ein Hindernis ersten Grades, eine uneinnehmbare Festung, ein unbezwingliches Gebirge. Selbst der Pullmanschaffner spürte etwas davon, und mit einem fröhlich-verlegenen »Entschuldigen die Dame –« unterstützte er sachte das zierliche Leichtgewicht am Ellbogen und hob es behutsam hinauf. Ein Offizier, der auf der obersten Stufe stand, wandte sich um, erkannte Mrs. Ambros und half ihr vorsichtig in den Wagen. Sobald Mrs. Ambros mit zusammengepressten Lippen den steilen Anstieg bezwungen hatte, verteilte sie lächelnd Dankbarkeit nach allen Seiten. »Danke schön, mein guter Mann, und vielen, vielen Dank, Major Ryerson. Was für eine nette Überraschung, Sie im gleichen Zug zu treffen! Ach, es ist wirklich zu dumm, was für eine unnütze Person ich geworden bin, seitdem ich an diesen kleinen Schwächeanfällen leide – hier drinnen.« Ihre auffallend kleine und schmale Hand im korrekten weißen Rehlederhandschuh wanderte zu ihrem Herzen, ließ jedoch die kleine Gebärde unvollendet – und in der resignierten Art, wie diese kraftlose Hand wieder hinabsank, während Mrs. Ambros fortfuhr zu lächeln, lag ihr ganzer Reiz: Selbstironie und die stolz getragene Last des Alterns.

»Und wohin führt Sie die Reise, Major?«

»Nach Washington; da sind noch allerhand Dinge zu erledigen und außerdem –«

»Wie nett«, bemerkte Mrs. Ambros, aber sie hatte angefangen, rastlos zu werden. »Wo bloß meine Tochter bleibt? Sie geht immerfort verloren, am Bahnhof, auf Postämtern – das dumme Kind«, sagte sie unruhig; versehentlich versperrte sie zwei jungen Artillerieoffizieren den Weg, denen eine stramme Rotkreuzschwester die Stufen hinaufhalf. Der eine von ihnen ging an Krücken, der andere trug einen Verband um den Kopf. Ihre Züge waren zu jung und zu alt, die charakteristischen Gesichter all der jungen Menschen, die direkt von der Schulbank weg in den Krieg geschleudert worden waren. Gerade als sie unbeholfen hinter der alten Dame anhielten, die ihnen den Eingang verstellte, tauchte Miss Ambros auf, eilig und etwas atemlos. »Verzeih, Mutter, aber ich habe nur schnell die Zeitschriften besorgt, die du haben wolltest«, sagte sie und schaffte Platz für die Schwester und ihre Pflegebefohlenen.

Miss Ambros war groß und mager, weder jung noch alt, beladen mit Zeitschriften, Reisetasche und Handköfferchen, mit einer altmodischen karierten Reisedecke und zwei Sportmänteln, ihrem eigenen und dem ihrer Stiefmutter.

»Komm, Mutter, wir müssen uns nach unseren Plätzen umschauen«, sagte sie und ging in das Coupé.

»Ach, du große Güte«, seufzte Mrs. Ambros, als sie den Wagen mit Soldaten, mit Soldatenfrauen und ihren Säuglingen überfüllt fand. Diesmal presste sie ihre Hand diskret auf die Brust und stützte sich an eine Banklehne; sie sah sich hilfsbedürftig nach Major Ryerson um, aber der war in einem der Privatabteile verschwunden. Ein junger Fähnrich sprang alarmiert auf: »Ist Ihnen nicht wohl, gnädige Frau?«, und Miss Ambros war bereits auf der Suche nach dem Schaffner, der auch bald erschien und eine junge Mutter von den reservierten Plätzen entfernte, auf denen sie sich breitgemacht hatte, um ihren ausnehmend prächtigen Zwillingen die Windeln zu wechseln. »Besten Dank – gleich wird es mir besser gehen –, ich leide bloß an diesen dummen kleinen Anfällen –«, sagte Mrs. Ambros mit ihrem tapferen Lächeln und nahm von dem frei gemachten Platz Besitz.

»Na, Gottlob, wir sitzen zumindest«, sagte sie, als sie sich niedergelassen hatte. »Einen Moment lang dachte ich, dass ich ohnmächtig werden könnte. Ich hätte eigentlich diese Reise nicht unternehmen sollen.«

»Stimmt. Eigentlich nicht«, erwiderte ihre Tochter, ohne sie anzusehen. Mrs. Ambros warf einen schnellen, scharfen Blick auf das magere, verschlossene Gesicht, bevor sie eine Zeitschrift aufschlug. Trotz ihrer hilflosen Zerbrechlichkeit war etwas Junges um ihre zierliche Gestalt, während Miss Ambros aussah, als sei sie niemals wirklich jung gewesen. Die Mutter war feingliedrig, mit raschen, jungmädchenhaften Bewegungen, und ihre Haut, zwar zerknittert wie dünnstes Seidenpapier, schimmerte weiß und rosa durch den feinen Puderschleier; ihr Haar war ein sorgfältig gewelltes Käppchen aus weißem glänzendem Atlas, ganz zart gebläut, und ihre Augen waren klar und unbeschwert wie die Augen eines Kindes, noch unbekannt mit den Komplikationen des Lebens.

Miss Ambros hingegen, Joy Ambros, war sonnenverbrannt und ledern, mit langen, fahrigen Gliedern wie Windmühlenflügel, ihr Mund war eingeklammert zwischen scharfen Linien, und ihre tief liegenden, verschatteten Augen schienen ein wenig entzündet, ein wenig müde: Augen, wie sie Menschen haben, die zu viel lesen oder zu viel denken.

Sie hängte die Mäntel an den Haken auf ihrer Seite, faltete die Reisedecke zusammen und legte sie neben ihre Stiefmutter, brachte Tasche und Reiseköfferchen unter, und erst dann nahm sie ihren Hut ab und strich sich ihr dichtes, widerspenstiges Haar aus der Stirn. »Hast du es bequem, Mutter?«, fragte sie, ehe sie sich niederließ.

»Wenn es nicht so kalt wäre, wie? Ich möchte bloß wissen, was mit der Heizung los ist«, klagte Mrs. Ambros; Joy nahm die Reisedecke wieder auseinander und breitete sie ihr über die Knie. »Danke, mein Kind – ach, was täte ich wohl ohne dich?«

»Tja. Das frage ich mich auch manchmal –«, erwiderte Miss Ambros. Mrs. Ambros legte die Zeitschrift zur Seite. »Diese unvermeidliche Tour auf der Fähre von San Francisco nach Oakland ist wahrhaftig etwas Scheußliches, ich bin jedes Mal ganz erledigt. Ob es noch eine einzige Stadt in der Welt gibt, wo man quer über eine ganze große Bucht gondeln muss, um zum Bahnhof zu gelangen?«, bemerkte sie, und als darauf keine Antwort erfolgte, lehnte sie den Kopf zurück und schloss die Augen. Wenn wir uns ein Auto oder zumindest ein Taxi leisten könnten, dann bräuchte unsereiner sich nicht in dieses schreckliche Gedränge am Fährhafen zu mischen, dachte sie vorwurfsvoll. Und dieser Major Ryerson – wenn ich gewusst hätte, dass er im gleichen Zug fährt, hätte ich ihn bitten können, uns über die Brücke mitzunehmen. Der kriegt sicher einen Wagen vom Militär und so viel Benzin, wie er nur will. Das Stoßen und Schieben auf der Fähre ist ja schlimmer als je, jetzt, wo so viele Soldaten aus dem Krieg zurückkommen. Und der Wind, der Lärm, der Gestank! Und Joy, rücksichtslos wie immer, setzt mich in irgendeinem Winkel ab, als sei ich ein lästiges Stück Gepäck, während sie selbst, natürlich, sich recht auffällig an der windigsten Stelle der ganzen Fähre aufpflanzt, man würde denken, sie steht Modell für die Nike von Samothrake. Aber Joy scheint ja nie genug von diesem grässlichen Fährboot zu kriegen; wahrscheinlich noch ein sentimentales Überbleibsel von den Ausflügen mit ihrem jungen Mann damals – wie hieß er doch gleich? Großer Gott, einmal brachten diese zwei Narren einen ganzen Nachmittag damit zu, auf der Fähre zwischen San Francisco und Oakland hin- und herzugondeln, während ich allein zu Hause sitzen und mir die Augen aus dem Kopf sorgen konnte. Na, am Ende hatte dieser Fred Hollenbeck doch noch genug gesunden Menschenverstand, um sich auf wohlerzogene Art zurückzuziehen …

Der Lärm des Bahnhofs stieg in hastigem Crescendo an – heiseres Bellen der Lautsprecher, Schaffnerrufe: Einsteigen! Zischen und Rütteln des anfahrenden Zuges, geleerte Gepäckkarren rumpelten davon, und dann schienen Bahnsteig, Wände, Eisenmasten, Treppen und winkende Stationsbeamte nach rückwärts zu gleiten, langsam zuerst und dann immer schneller, bis der Zug das Freie gewann und von den trüben Vorstadtgassen Oaklands eingesogen war.

Auch Joy hatte die Augen geschlossen, um das Bild der Stadt, die jenseits der Bay hinter ihnen zurückblieb, besser festzuhalten: die vielen sich überkreuzenden Bilder von San Francisco bei Sonnenuntergang. Zuweilen, wenn ein harter Wind den Nebel in grauen Fetzen daherjagte und ein metallisches Licht auf den Wohnhäusern der Hügelkämme und den zackigen Wolkenkratzern der Geschäftsviertel lag, verwandelte sich die Stadt in etwas Trotzig-Dunkles, El Grecos Toledo. Manchmal wieder war sie ein zart angedeuteter japanischer Holzschnitt, Inseln und Küsten und Berge, hintereinander aufgeschichtet in immer dünneren Konturen, im leuchtenden Dunst verschwimmend. Heute jedoch hatte sie ihr mittelalterliches Gewand getragen; die steilen Hügelstraßen mit ihren alten, geschmacklosen, verschnörkelten Laubsägevillen waren zu Zinnen und Mauern geworden, und das mittelmäßig-moderne Stück Architektur, das wie ein Zeigefinger aus dem Eukalyptusgehölz von der Höhe des Telegraph Hill aufragte, hatte sich in einen mächtigen Wachtturm der Toskana verzaubert. Oh, Kitsch, Kitsch, Kitsch, zwölf Saccharintabletten auf eine Tasse Kaffee!, dachte Joy mit einem ungeduldigen Pochen in ihren Augenlidern. Nun lass uns einmal die wahren Farben bedenken, nicht diesen Mist von Reisebroschüren und kolorierten Ansichtskarten. Die Bucht an einem der seltenen, klaren, durchsonnten Tage, jawohl, leider ein dickes Kobaltblau, herzliche Grüße von der Riviera. Besser an Sturmtagen, ein unfreundlicher Atlantik, dunkles Grau und das unerbittliche Weiß und Schwarz der Wellen, ein abstrakter Holzschnitt. Heute, während der Überfahrt, eine Schale aus mattem altem Zinn mit einem Glanz von weißem Silber, dort, wo ein Strahl die Oberfläche traf. Und etwas später war die Bucht poliertes Kupfer geworden, das zerschmolz, während eine übertrieben dramatische rote Sonne jenseits des Goldenen Tores unterging und alle westlichen Fenster San Franciscos wie in Flammen standen. Jawohl, und du weißt, dass du eine schöne Schmiererei draus machen würdest, dachte Joy. Es war ein großartiges Schauspiel: Sonnenuntergang über San Francisco – aber ein Fluch und ein Malheur, wenn man es so oft gemalt hatte wie sie; die Sichellinien zuseiten ihres Mundes gruben sich tiefer. Aber warte – gerade bevor wir in Oakland anlegten, war da noch etwas, ein Moment nur, eine kalte, leere, scharfe Dämmerung – Joy versuchte, das durchdringende Grün heraufzubeschwören, um es in ihrem Gedächtnis einzulagern, eine weiße Möwe flog in Einsamkeit gegen einen schwarzen Himmel – und dann bewegte sich Mrs. Ambros, und Joy öffnete die Augen.

»Jetzt ist es auf einmal viel zu warm hier«, beschwerte sich Mrs. Ambros, »die Luft ist einfach unerträglich.« Die Zwillinge hatten zu schreien begonnen, und einige der Soldaten hatten sich, gegen alle Vorschriften, Zigaretten angezündet. »Ich weiß wirklich nicht, wie ich es drei Tage in diesem Zug aushalten soll!« Joy gab keine Antwort. »Komm, gib mir deinen Mantel«, sagte sie nur und war ihrer Stiefmutter beim Ausziehen behilflich. Es war ein Nerzmantel, nicht gerade nach der allerletzten Mode, doch aus sehr schönen, dunklen Fellen und ausgezeichnet gearbeitet. Der Mantel, den Joy trug, war aus billigem Lamm, das versuchte, wie Biber auszusehen; sie hatte ihn im Ausverkauf im Warenhaus erstanden.

Kurz nachdem der Zug Oakland verlassen hatte, rief ein melodischer, gongbewaffneter Kellner das erste Abendessen aus, und ein langsamer, unaufhaltbarer Strom von hungrigen Passagieren begann, sich auf den Speisewagen zuzuschieben. Zwar führte dieser überfüllte Zug keine zu große Fracht an Höflichkeit mit sich, aber soviel davon existierte, wurde der kleinen, liebenswürdigen alten Dame gewährt. Rücken pressten sich gegen Wände, und Bäuche wurden eingezogen, um ihrem unentwegten Vormarsch nicht im Wege zu sein. Bereitwillige Hände halfen ihr durch das dunkle, rüttelnde Innere kranker Ziehharmonikas, das die Wagen verband, und junge Soldaten, die ihre Manieren im Krieg verlernt hatten, sich aber beim Anblick der alten Dame darauf besannen, stießen die schweren Türen für sie auf. Am Eingang zum Speisewagen, wo die stahlgrauen Wände die Hitze und den Kabeljaugeruch der Küche ausströmten, wurde der Strom von einem viel geplagten Oberkellner angehalten, der Platznummern verteilte. Allerhand Murren und Schimpfen begann, doch das war nicht so ernst gemeint, denn all diese Menschen waren es gewohnt, Schlange zu stehen, und so mancher junge Krieger nahm es gar nicht so übel, wenn er im Gedränge gegen die Körper der jungen Frauen gepresst wurde, die mit ihren frischen Dauerwellen und in kaum unterdrückter Erregung zu ihren Heimkehrern unterwegs waren. Es gab manche vielsagenden Bemerkungen, Witze, die immer gleichen Gesprächsfetzen aus Felddienst und Kaserne.

»… wie wär’s mit einer Kartenpartie, bis wir an die Gulaschkanone gelassen werden?« – »… ihre Mutter hätte ja zu gern das Baby zu sich genommen, aber das kommt ja gar nicht infrage …« – »… da schreibt mir die Frau, meins wiegt einundzwanzig Pfund, schreibt se, noch kein Jahr alt und schon einundzwanzig Pfund …« – »Aha, und wo hamse dir gelassen, wie’s mit der Schweinerei in Cassino losging? …«

Die Luft wurde wärmer und dicker, die Witze eindeutiger, und dann gab es weiter rückwärts einen kleinen Aufruhr, und ein paar von denen, die vorn standen, drehten sich um, während die anderen noch immer vorwärts drängten.

»Na, was ist eigentlich los dahinten? … Immer mit die Ruhe, Großmuttern ist übel … Kein Wunder, ich fühl mich auch nicht so großartig … Such mal einer nach’m Doktor … lass sie doch irgendwo hinsetzen … na also, so ist’s schon besser … gib mir mal die Schnapspulle, da, trinken Sie nur, Großmama, das hilft allemal …« Mrs. Ambros tauchte aus dem Gewühl auf, zitternd und erschöpft; die handfeste alte Krankenschwester fühlte unbeeindruckt ihren Puls, und der junge Leutnant mit dem verbundenen Kopf überließ ihr seinen kostbaren Stuhl und Tisch.

Mrs. Ambros hatte einige Erfahrung in der Kunst, sich von einer Ohnmacht zu erholen, und sie tat es diskret und liebenswürdig. »Oh, bitte, verzeihen Sie mir diese Störung – ich wollte wirklich nicht – es ist nur dieses dumme Herz – nein, wirklich, Herr Leutnant, Sie dürfen sich nicht beim Essen stören lassen, das kann ich unter keinen Umständen annehmen –«

»Macht rein gar nichts, gnädige Frau. Wir waren ohnedies schon fertig, nicht wahr, Schwester?«

»Ich hätte diese Reise nicht unternehmen sollen, mein Arzt war sehr dagegen. Aber mein Sohn kommt aus dem Feld, und ich habe ihn seit zwei Jahren nicht gesehen, wir Mütter sind nun einmal törichte Kreaturen – oh, vielen, vielen Dank, das ist wirklich zu freundlich, tausend Dank!« Und damit nahm Mrs. Ambros von dem Stuhl Besitz und pflanzte ihre Handtasche wie eine Standarte auf dem Tisch auf. »Und nun«, sagte sie zufrieden, »wenn jemand so gut sein könnte, meine Tochter zu finden –«

Die Aufregung ebbte ab, die beiden Verwundeten, die Mrs. Ambros ihren Tisch überlassen hatten, zogen sich in den Salonwagen zurück, und einige Minuten später erschien auch Miss Ambros, der nicht ohne einiges Murren Platz gemacht worden war. »Was heißt denn das, hier drängelt sich keiner vor« – » … lass sie doch durch, das ist die Tochter von der kranken alten Dame« – »… na schön, Fräulein, aber nächstens bleiben Sie bei Ihrer Mutter, die braucht Pflege …« Als Mutter und Tochter ihr Abendessen beendet hatten, standen die anderen noch immer Schlange. Während der Mahlzeit hatten die beiden kein Wort gewechselt, obwohl Joy ihre Stiefmutter mit tadelloser Höflichkeit bediente, ihr Wasser einschenkte, das Brot reichte, Zucker und Milch in den Tee tat und schließlich die Rechnung bezahlte. »Gestattest du, dass ich rauche?«, fragte sie zuletzt, und erst als die alte Dame genickt hatte, holte sie ein Zigarettenetui aus ihrer Manteltasche und ließ es aufspringen. Es war eine goldene Herrentabatiere, groß, massiv und altmodisch, an der Innenseite waren eine kleine Krone und ein paar Worte in einer fliegenden Handschrift eingraviert. Die Blicke der beiden Frauen kreuzten sich über diesem unmodernen und verwunderlichen Gegenstand wie die Florette zweier Fechter im Grand Salut.

»Die müsstest du eigentlich deinem Bruder als Willkommensgeschenk geben, mein Kind«, sagte Mrs. Ambros. »Von Rechts wegen gehört sie ihm. Schließlich war es Papas Tabatiere.«

»Eben. Darum behalte ich sie –«, entgegnete Joy. Sie ließ die Zigarettendose zuschnappen, zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch tief in die Lunge. »Wollen wir den anderen Platz machen, Mutter, und in den Salonwagen gehen?«

Es war einer der alten Aussichtswagen, die eine besorgte Eisenbahnverwaltung wieder in Dienst gestellt hatte, nachdem sie noch schnell um eine Bar und ein paar Chrombeschläge bereichert worden waren. Die Luft war rauchgeladen, und alle Plätze waren besetzt. Doch als Mrs. Ambros am Eingang zögerte – ein zerbrechliches Meißner Porzellanfigürchen, das keineswegs in diese männliche Umgebung passte –, erhob sich Major Ryerson am anderen Ende und bot ihr seinen Sitz an, neben einem behäbigen älteren Herrn, der in seine Zeitung vertieft schien. »Bitte, wollen Sie sich nicht hierher setzen, Mrs. Ambros? Sie kennen meinen Freund, nicht wahr? George Watts?« Der Rechtsanwalt blickte von seiner Zeitung auf, er hatte den wachsamen Ausdruck und die faltigen Hängebacken einer alten Bulldogge. »Aber selbstverständlich kennen wir uns – wer in San Francisco kennt unseren guten George nicht? Wir haben im Roten Kreuz miteinander gearbeitet und in allen möglichen anderen Wohltätigkeitskomitees, nicht wahr? Ich weiß wirklich nicht, was wir manchmal ohne George angefangen hätten. Was für Tricks der Mann weiß, wenn es sich darum handelt, Geld für einen guten Zweck aufzubringen –«

»Zu gütig, Ann – aber du müsstest jetzt schon wissen, dass ich auf Komplimente sauer reagiere«, sagte Watts, erhob sich schwerfällig und nahm Joys Hände in die seinen. »Hallo, Joy, es tut immer gut, dich zu sehen. Du kennst Tom – Major Ryerson?«

»Nur indirekt: Ich las ein paar Ihrer Artikel«, sagte Joy, und es klang, als hielte sie nicht viel von diesen Artikeln. Ryerson lächelte ihr zu, als wäre er ganz ihrer Meinung. Er war groß und schlank, mit weißem Haar und ein paar scharf gekerbten Falten im Gesicht, aber er war kein alter Mann. Vielleicht ist er ein junger Mann gewesen, ehe er Hiroshima gesehen und Artikel darüber geschrieben hat, dachte Joy flüchtig. Der Zug legte sich in eine Kurve, und der Wagen kam ins Schleudern. Mrs. Ambros, nach einem Halt suchend, klammerte sich an Watts’ Rockaufschläge, als seien es Haltegriffe. Sie lächelte zu ihm auf, und er sah zu ihr herunter, so wie Männer von jeher auf ihre Kleinheit und Zartheit hinuntergeschaut hatten und sich gewöhnlich dabei größer, kraftvoller und männlicher fühlten, als sie in Wirklichkeit waren. »Du bist noch immer die Gleiche, wie, Ann?«, sagte er, seine Bulldoggenfalten in ein künstliches Lächeln ordnend. Mrs. Ambros blieb noch einen Augenblick gegen seinen massiven Körper gelehnt, und dann ließ sie die Hände sinken und löste sich von ihm. »Das nehme ich als großes Kompliment – besonders von dir, George«, sagte sie halblaut.

Joy stand daneben, einen sonderbar horchenden und doch abwesenden Ausdruck in ihrem kräftigen Gesicht. Sie nahm noch einen Zug aus ihrer Zigarette und drückte sie dann heftig in einem der Chromaschenständer aus. »Bitte, setzen Sie sich doch.«

»Nein, ich würde nicht im Traum daran denken, Ihnen Ihren Platz wegzunehmen«, sagte Mrs. Ambros mit ihrem besten Lächeln. »Die Reise wird viel angenehmer werden, als ich zuerst dachte, nun, da ich weiß, dass Sie beide im Zug sind. Morgen dürfen Sie mich wieder einmal im Rommé schlagen, Major, so wie wir das im Lazarett gewohnt waren! Komm, mein Kind, wir wollen uns für ein paar Minuten auf die Aussichtsplattform setzen – wenn’s dir nicht zu kalt ist draußen; hier drin kann man ja kaum atmen, oh, bitte, George, könntest du die Tür für mich aufmachen, sie ist so schwer – danke, danke vielmals – und auf Wiedersehen später.«

Ryerson schloss die Tür hinter den beiden Damen. »Ist sie nicht bezaubernd?«, fragte er. »Wirklich, ein ganz besonders reizvolles Geschöpf.«

»Mein lieber Tom, wenn Sie den großen Roman schreiben wollen, dann würde ich Ihnen eine exaktere Auswahl Ihrer Adjektive empfehlen. Joy ist viel mehr als bloß reizvoll.«

»Joy? Ach so – die Tochter! Aber wer spricht denn von ihr? Ich meine die Mutter. Sie hat so etwas – wie soll ich es nennen –, einen zeitlosen Reiz, etwas, das unseren jungen Mädchen von heute verloren ging. Würde es Ihnen auf die Nerven gehen, wenn ich den völlig überholten Ausdruck ›Grazie‹ anwende?«

»Herrgott, Tommy, wir leben nicht gerade in einer liebreizenden und graziösen Zeit, oder ist Ihnen das noch nicht aufgefallen?«

»Doch, doch, und mit unseren jungen Mädels mittendrin im Boxring. Sie sind verflucht selbstständig und gerissen und tüchtig geworden, unsere Mädels, wenn Sie meine Meinung wissen wollen. Das macht sie eckig und kantig und brüchig und eigensinnig, und zum Schluss kriegen sie ihren Nervenzusammenbruch und brauchen den Psychoanalytiker, fünfundzwanzig Dollar pro Sitzung«, sagte Ryerson, der gerade seine Scheidung hinter sich hatte und noch sehr empfindlich war.

»Könnten wir nicht Corinne ein bisschen aus dem Spiel lassen?«, schlug Watts vor; er war Ryersons Scheidungsanwalt gewesen und hatte die ganze unangenehme Sache in Ordnung gebracht. »Und die Atombombe auch, wenn Ihnen das möglich ist, Tommy. Ich bin auf Urlaub, wissen Sie?«

»Ich sprach ja nur von Mrs. Ambros; man muss sie einfach gernhaben. Eine alte Dame, gewiss, aber sehr weiblich, aus einem feineren Stoff geschneidert oder was es ist. Man möchte sie immer beschützen und verwöhnen. Noch an ihrem hundertsten Geburtstag wird sie wissen, dass sie vor allem eine Frau ist – und eine reizende Frau. Die junge Generation hält sich nicht so gut, sie nutzt sich zu schnell ab.«

»Der jungen Generation ist der Boden unter den Füßen weggerutscht, und die jungen Leute sind verdammt hart hingeplumpst; der Grund wackelt noch immer unter ihnen, und möglicherweise haben diese Mädels etwas Wichtigeres zu tun, als sich drum zu kümmern, ob sie weiblich, graziös und reizvoll sind oder nicht.«

»Der Grund unter uns hat immer gewackelt, und die junge Generation gebraucht eine Menge Ausreden. Soviel ich hörte, ist Mrs. Ambros auch nicht auf Rosen gebettet gewesen, und trotzdem –«

»Sie halten sich wohl für einen weisen alten Mann, bloß weil Sie mit dreiundvierzig schon weiße Haare haben, Tom. Wo haben Sie Mrs. Ambros übrigens kennengelernt?«

»Im Lazarett. Sie kam regelmäßig, um unsere Briefe zu schreiben und uns vorzulesen und uns die Zeit zu vertreiben.«

»Aha. Sie haben sie mit einem Heiligenschein gesehen, und ich kenne sie ohne. Das ist der Unterschied.«

»Sie kennen Mrs. Ambros gut?«

»Ziemlich gut – und ziemlich lange. Wir waren so etwas wie Nachbarn in meiner Kindheit; die Familie Ballard hatte ein kleines Sommerhäuschen in Belvedere – das ist eine hübsche Halbinsel am entgegengesetzten Ufer der Bay – ich weiß nicht, ob Sie jemals dort waren –, und mein Vater bewirtschaftete den Gasthof in dem kleinen Fischerdorf Tiburon.«

»Jetzt geht mir ein Licht auf, George. Sie waren in sie verliebt, aber sie hat einen anderen geheiratet.«

Diese Idee schien den alten Rechtsanwalt überaus herzlich zu amüsieren. »Das wäre sogar für einen Groschenroman zu schwach, Tommy, mein Junge. Machen Sie sich gütigst klar, dass Ann eine verheiratete Frau war, als ich meine ersten langen Hosen kriegte.«

»Nein, ich lass mir’s nicht nehmen, irgendetwas war los zwischen Ihnen, ich habe eine ziemlich gute Witterung für so was. Wie die alte Dame Sie angeschaut hat – ich könnte schwören, Sie liegen ihr noch im Sinn, George.«

»Du großer Gott, da sind Sie aber auf dem Holzweg. Ann hasst mich wie die Pest, und Sie haben eine niederträchtige Fantasie, mein Guter. Das Etwas zwischen uns besteht darin, dass ich als Rechtsvertreter der Versicherungsgesellschaft Anns Ansprüche untersuchen musste, sooft sie in der Tinte saß – was mehr als ein Mal passierte. Sie hat’s mir nie verziehen, dass ich beruflicherweise meine Nase in ihre Privatangelegenheiten stecken musste; übrigens behaupten ja die Psychologen, dass Leute, die immer wieder in eine ähnliche Patsche geraten, einfach von ihrem Unterbewusstsein dorthin dirigiert werden.«

»Mag sein. Trotzdem möchte ich bezweifeln, dass Mrs. Ambros’ Unterbewusstsein das große San-Francisco-Erdbeben hervorgerufen hat. Man hat mir erzählt, wie diese kleine, schwache Frau ihre Tochter aus dem brennenden Haus rettete.«

»Ja, die Geschichte kenne ich auch; ich wusste nicht, dass Sie, Tom, unsere einheimischen Sagen und Legenden studieren. Übrigens ist Joy nicht Anns Tochter, sondern eigentlich ihre Nichte. Wieso? Nun, Joys richtige Mutter war das andere Ballard-Mädel, Anns Schwester Maud. Arme Maud – sie stand mir sehr nahe. Als sie starb – viel zu jung, kaum dreißig –, übernahm Ann den ganzen Haushalt mit Sack und Pack: das Haus, das Kind und den Mann. Den berühmten Florian Ambros mit seiner berühmten Geige – aber das sind alte Geschichten.«

»Man hat mir davon erzählt. Er war ein Säufer, dieser Ambros, nicht wahr?«

»Aber nein, das war ihr erster Mann, Clyde Hopper. Kein schlechter Kerl, im Grunde, aber er trank zu viel, das stimmt. Tja, mein Lieber, wenn Sie Mrs. Ambros jetzt noch bezaubernd finden, na, da hätten Sie sie erst als trauernde junge Witwe sehen sollen! Ambros war ganz was anderes, der nippte höchstens ein bisschen feinen alten Sherry oder französischen Champagner. Ein merkwürdiger Bursche, Europäer, Künstler, hat nie so recht in unser Städtchen gepasst, so viel er auch versuchte, sich umzustellen, und so sehr wir auch mit unserer Weltoffenheit protzten. Nun, zuerst brannte ihnen das Haus ab, dann starb Ambros ganz plötzlich – ja, recht plötzlich –, und ein Jahr später verlor Ann an der Börse seine Lebensversicherung bis auf den letzten Cent. Das Einzige, was ihr aus dieser zweiten Ehe übrig blieb, ist Joy. Glauben Sie mir, Tommy, das ist ein großartiges Geschöpf. Sie können Ann Ambros haben, mit all ihrer Grazie und Weiblichkeit, ich nehme Mauds Tochter.«

»Sieht Miss Ambros ihrer Mutter ähnlich?«

»Nicht äußerlich; sie ist mehr das Kind ihres Vaters – aber sie ist so selbstlos wie Maud. Ich hatte Maud sehr lieb –«

»Was bleibt einem reizlosen Wesen wie dieser Miss Ambros übrig als Selbstlosigkeit?«

»Gehen Sie mal schnell von Ihrer Lautstärke herunter, denn Joy kommt. Und wenn Sie gelegentlich nichts Besseres zu tun haben, dann schauen Sie sich das Mädel einmal genauer an. Wenn Sie das reizlos nennen – hallo, Joy, wo brennt’s?«

»Oh, hallo, Sie sind noch hier?«, sagte Joy geistesabwesend, aber sie blieb stehen und drehte eine kalte Zigarette zwischen den Fingern. Als sie sich über das brennende Zündholz beugte, das Ryerson ihr anbot, schaute er sie, wie empfohlen, genauer an. Nein, dachte er, sie ist tatsächlich nicht uninteressant, aber reizvoll ebenso wenig. Es war nicht die warme Lebendigkeit einer Frau, sondern die steinerne Schönheit einer Marmorstatue; ihre Züge waren zu ausgeprägt, die Stirn zu hoch, die Augenbrauen zu schwer, eine Schönheit, die in ihrer Strenge alles Hübschsein ausschloss.

»Ich will nur Mutters Pelzmantel aus unserem Abteil holen; da draußen auf der Plattform ist es bitterkalt.«

»Das ist aber auch kein Platz für Ihre Mutter. Sie kann sich den Tod holen.«

»Sie kennen sie ja; sie kann’s nie in einem Zug aushalten. Sie bringt es fertig, sich in einen Anfall von Platzangst hineinzusteigern.«

»Wohin fahrt ihr denn? New York?«

»Zuerst, und dann weiter nach Boston. Der Truppentransport meines Bruders soll nächsten Montag dort ausgeschifft werden. Hoffentlich –«, sagte sie, und ein neuer Ausdruck, ein Leuchten eher als ein Lächeln, trat in ihren Blick.

»Gut, ausgezeichnet. Kein Wunder, dass deine Mutter zapplig wird. Und Susan – die junge Frau Ambros? Ist sie nicht mitgekommen?«

»Susan? Nein, sie musste bei den Kindern bleiben. Sie wissen ja, wie das jetzt ist mit den Dienstboten – sie hat nur eine Putzfrau, und noch dazu hat die kleine Maxine vor einer Woche die Masern erwischt. Nein – Susan wird nicht da sein zum Empfang, nur Mutter.«

»Und Sie, Joy. Ich bin sicher, das ist wichtiger für Charles als all der Tamtam, mit dem unsere Jungens begrüßt werden.«

»Ich? Ach – ich bin nur seine Schwester –«, sagte Joy; ihr Blick wanderte davon, zum Fenster und hinaus in den Abend, wo ein paar vereinzelte Lichter vorbeiglitten. Einen Moment lang spürte Major Ryerson ein unbestimmtes Mitleid mit ihr; er schaute ihr durch den Rauch seiner Pfeife nach, als sie davonging.

»Können Sie mir vielleicht verraten, warum man gerade dieses Geschöpf Joy nannte? Joy – gioia – Freude? Sie kann ja nicht einmal ein Lächeln zustande bringen«, sagte er nachdenklich. Es war ihm plötzlich eingefallen, weshalb sie ihn an eine übergroße Marmorfigur erinnerte. Michelangelos Nacht in der Medici-Kapelle in Florenz. Ja, da war die Ähnlichkeit.

€11,99
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0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
30 Juli 2024
Umfang:
510 S. 1 Illustration
ISBN:
9783037901212
Übersetzer:
Rechteinhaber:
Bookwire
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