Buch lesen: "Blaublütig", Seite 3

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„Pia! Wirklich? Darauf legst du deinen Fokus? Mein Leben hätte ich ihr nicht anvertraut, wenn du darauf spekulierst. Ihr Verhalten ist seit den letzten Wochen schon so ungewöhnlich.“ Noch immer lief sie hin und her.

„Sie wollte dich als Bettwärmer seit sie angefangen hat hier zu arbeiten. Und du denkst, dass ihr Verhalten erst seit den letzten Wochen ungewöhnlich ist? In meinen Augen fehlen ihr ein paar Tassen im Schrank.“ kam es trocken von der Brünetten. Endlich hielt die Fürstin inne und verdrehte ihre Augen. Pia nahm ihre Hand und führte sie zu ihrem Sessel.

„Setz dich. Ich würde dir einen Whiskey geben, aber du wirst ihn eh ablehnen, weil du zu müde bist.“ Wortlos ließ sie sich fallen und Pia setzte die Massage vom Mittag fort.

„Ich sage nicht das du Unrecht hast, aber warum zehn Jahre warten wenn ihre Intension von Anfang an Sex war?“ Der Rotschopf ließ ihren Kopf auf ihre Arme fallen, welche auf dem Tisch lagen.

„Vielleicht hoffte sie, dass wir uns scheiden lassen. Da wäre sie nicht die Erste die das denken würde. Warum denken die Leute ständig, dass wir uns scheiden lassen? Wir diskutieren doch wie jedes andere normale Paar!“ Platzte es aus der brünetten Schönheit heraus.

„Darling, wir sind ja vieles aber normal sind wir nicht.“ Regina hatte Mühe ihr Lachen zu unterdrücken. Denn niemand ging davon aus, dass sie normal waren. Die Art und Weise wie sie diskutierten, mit allem Drum und Dran war nicht normal. Sie waren beide starke Frauen mit einem eigenen Kopf, ausgeprägter Dominanz und keine von beiden schreckte vor einer Herausforderung zurück. Es war normal das ihre Persönlichkeiten aufeinanderprallten und das nicht zu selten, aber sie hatten für sich Wege gefunden um miteinander auszukommen. Auch wenn jeder dachte, dass sie kurz vor einer Scheidung standen, so können beide nicht ohne die Andere leben. Sicher gab es Beziehungen die harmonischer verliefen, aber Regina bevorzugte das Feuer. Pia hatte sie von Anfang an herausgefordert und sie liebte sie dafür.

„Na komm, sag schon. Was ist dein Plan? Damit du dich endlich entspannen kannst, denn deine Muskeln sind so hart wie Stein. Ein Wunder das du noch keine Migräne bekommen hast.“ Unterbrach Pia die Stille.

„Wir lassen die Saison so aus laufen, weil wir sie brauchen. Wenn sich ihr Verhalten nicht ändert, dann unterschreibe ich die Kündigung. Du weißt was das für dich bedeutet?“ Pia gab ihr einen Kuss in den Nacken.

„Ja. Ich muss mehr in der Villa arbeiten. So dass du dich in dein Büro zurückziehen kannst. Du bist mir danach etwas schuldig. Was tue ich nicht alles für dich?“ sagte sie dramatisch. „Dramaqueen. Wir reden hier von zwei Monaten und nicht von zwei Jahren. Und ich bin dir überhaupt nichts schuldig. Das ist deine Strafe dafür, weil du mir zum wiederholten Male eine Szene gemacht hast, ohne vorher mit mir darüber zu reden. Ich weiß, ich bin großartig aber Gedanken kann ich noch immer nicht lesen. Und zum Höhepunkt des Abends hast du eine Angestellte angegriffen und betrunken bist du auch noch, wofür du mir immer noch eine Erklärung schuldig bist.“ Regina drehte sich zu ihr herum und packte liebevoll ihre Hände. „Ich verlasse dich nicht für eine Jüngere. Du bist genauso sexy und attraktiv wie vor 43 Jahren.“

„Du weißt, dass es mir Leid tut. Du kannst nicht immer überall sein, aber sie provozierte mich. Vor allem degradierte sie mich gerne! Sie war der Meinung das meine Zeit abgelaufen ist und das du dir jemand Jüngeres suchen wirst.“ Irritiert zog sich eine rote Augenbraue hoch und schließlich umarmte sie ihre Frau.

„Hast du deswegen getrunken?“

„Das war Zufall. Ich stand an diesem Tisch und griff wahllos irgendein Glas. Es war süß. Ich dachte nicht daran das es Alkohol beinhalten könnte.“

„Der Tisch mit den alkoholfreien Cocktails war nebenan. Aber ich vermute dann hättest du uns nicht beobachten können.“

„Das muss ich mir jetzt noch die nächsten Tage anhören, oder?“

„Ja. Das nächste Mal sei etwas rationaler, Darling. Frauen in unserem Alter sind viel zu wählerisch. Unser Alter weiß was es möchte. Ich wollte dich damals und ich will dich heute noch.“

„Du und dein Charme! Ich kenne keine andere Frau die solch ein Lausbuben Lächeln besitzt. Und du brichst heute noch Herzen. Wage es dir ja nicht etwas anderes zu behaupten.“

„Hhm.“ Regina unterdrückte ein Gähnen. Sie hätte genauso gut den Whiskey nehmen können, so müde und kaputt wie sie sich fühlte.

„Babe? Lass uns in Bett gehen.“ Schlug schließlich Pia vor, als sie für einen Moment ihre Frau beobachtete.

„Ich kann noch nicht ins Bett. Ich muss noch so viel erledigen.“ Sie jammerte fast dabei. „Muss das denn heute fertig werden? Morgen ist Mittwoch und wir haben ausnahmsweise mal keine Verpflichtung. Dresden kannst du morgen früh planen. Das Auto packe ich besser als du.“

„Hey! Das stimmt überhaupt nicht. Oder vielleicht doch. Wenn ich es heute liegen lasse, dann können wir erst später in den Urlaub fahren.“ Murmelte der Lockenkopf.

„Urlaub? Was für ein Urlaub?“ Sofort strahlten Pias Augen.

„Das war eine kurzfristige Entscheidung. Aber eine Woche mal von der Villa weg, wird uns nicht schaden.“

„Wie jetzt? Du möchtest inmitten der Saison fahren?“

„Ich dachte an Samstag, aber jetzt wird es erst Sonntag.“ Sie war noch immer in Gedanken versunken, als Pia sie plötzlich ganz fest an sich drückte.

„Ich liebe dich! Du bist die Beste. Und wir haben keine weiteren Verpflichtungen?“ Pia konnte es gar nicht glauben. Noch nie hatte die Adlige inmitten der Saison einen Urlaub gelegt.

„Ein paar Hochzeiten. Allerdings bürgerliche, so dass Anton auch darüber schauen kann.“

„Du könntest unserem Sohn schon ein bisschen mehr zutrauen.“

„ Tue ich. Ich versprach ihm, ihn so lange wie möglich vom Hof fernzuhalten. Das bedeutet keine adligen Hochzeiten für ihn.“

„Du bist solch ein Softie.“

„Der Urlaub soll uns stärker binden, denn ich weiß dass ich dich vernachlässigt habe und du deswegen so unsicher bist.“ Sanft umfasste die Brünette ihr Gesicht und küsste sie langsam. „Ich weiß dass ich dich manchmal nicht verdient habe. Lass uns in Bett gehen. Deine Unterlagen rennen nicht weg. Ich gab Madeleine Bescheid, dass wir uns zurückziehen.“ Hand in Hand liefen sie zur Tür, als sie ein leises Winseln hörten und ihr cremefarbener Puggle unter dem Schreibtisch hervor kam.

„Du hast Hamlet in deinem Büro?“

„Wenn du bis Mittag schläfst, muss ja jemand für ihn da sein. Er ist viel zu jung um allein gelassen zu werden.“ Verteidigte sich der Rotschopf.

„Er ist sechs Monate alt.“ Kam es trocken von ihrem Gegenüber.

„Mein Rede.“ Die Fürstin öffnete die Tür und beide verschwanden aus der Villa. Langsam gingen sie den Weg zu ihrem Haus zurück.

„Fahren wir in die Berge?“ fragte die Brünette hoffnungsvoll, als sie gemeinsam die Treppen zum Schlafzimmer hochgingen.

„Nope. Ich sprach von Urlaub. Ich dachte an Rügen.“

„Das ist in Schleswig-Holstein. Liest du keine Nachrichten?“ Sie wusste dass dies eine rhetorische Frage war, denn jeden Morgen saß Regina in der Küche mit der Zeitung bewaffnet. „Dresden ist auch nicht sicherer. Außerdem fahre ich nicht in Uniform. So wie wir beide rumlaufen, kommt niemand auf die Idee das wir das Kurfürstenpaar von der Pfalz sind.“

„Ich bin mir sicher, dass in deiner Aussage irgendwo ein Kompliment war.“ Zielstrebig steuerte die Adlige das Bett an und ließ sich darin fallen. Hamlet legte seinen Kopf auf ihren Brustkorb ab. Leise ließ Pia die Tür in das Schloss fallen.

„Babe, ich weiß das du müde bist. Du möchtest aber nicht im Anzug schlafen. Komm, dusche um den Stress loszuwerden und am Morgen kümmere ich mich um dich.“ In der Zwischenzeit zog sich Pia aus und verschwand kurz im Bad, aber ihre Gattin folgte ihr nicht. Wieder im Schlafzimmer fand sie den Anzug auf den Boden und Regina unter der Decke. Eigentlich hatte sich die Russin diesen Abend anders vorgestellt. Zwar wären sie irgendwann auch ins Bett gefallen, aber sie hatte andere Pläne mit Regina. Pläne die mehrere horizontale Tänze involvierten, denn sie sehnte sich nach den Berührungen ihrer Frau. Sex war für sie nicht einfach nur eine Nebensächlichkeit. Die Verbindung zweier Körper bedeutete ihr sehr viel mehr. Auf dieser Ebene zeigte sie ihre bedingungslose Liebe zum Lockenkopf. Sie konnte sich fallenlassen, weil sie wusste, dass der Rotschopf sie immer auffangen würde. Diese Ebene hatte keine Schranken und sie musste sich nicht verstecken. Auf der verbalen Ebene vernachlässigte sie gerne Regina. Verbale Anerkennung und Bestätigung zu geben, gehörten nicht zu ihren Stärken. Sie sprach mit ihrem Körper, denn auf der sexuellen Ebene konnte sie ihre Gefühle frei entfalten. Der Urlaub würde ihr dafür genügend Gelegenheit geben, auch wenn ihre Gattin die ersten zwei Tage im Bett verbrachte. Das war das Ziel von Pia, allerdings bevorzugte sie Regina aktiv und nicht in einer Traumwelt gefangen. Mit Vergnügen stellte sie fest, dass die Adlige auf ihren Pyjama verzichtete – eine Seltenheit – und kuschelte sich dichter an sie heran. Innerhalb weniger Sekunden wurde sie in eine feste Umarmung gezogen. Instinktiv, denn die Adlige war schon längs abgedriftet. Es war ein Unterschied ob sie mit den warmen, muskelösen Körper ihrer Gattin einschlief oder nur deren Kissen umarmte. Noch einmal atmete sie den wohlbekannten Duft ein, dann schloss sie ihre Augen. Denn die nächsten Tage würden anstrengend werden und die Fürstin weiß noch nichts von ihrem Glück. Das war immer eine üble Kombination. Diese Brücke würde sie in den nächsten Tagen überqueren, denn jetzt wollte sie das Hier und Jetzt genießen.

Konzentriert saß am nächsten Tag die Fürstin im Büro. Seit den frühen Morgenstunden hatte sie sich in ihr Büro der Villa zurückgezogen. Mittlerweile war es draußen warm und sonnig und sie würde lieber in der Hängematte liegen, als den angestauten Papierkram abzuarbeiten. Gegen Mittag kam sogar Pia zum Helfen und heftete erledigte Dokumente ab, nur um dann einen weiteren Stapel gereicht zu bekommen. Die Tatsache, dass ihre Frau im Büro war, glich dem achten Weltwunder. Noch mehr verwundert war sie darüber, dass Pia so ruhig und ausgeglichen wirkte. Normalerweise ertrug sie es nicht irgendeine langweilige Arbeit nachgehen zu müssen und versuchte Regina eher von der Arbeit abzulenken, als sich dieser andauernden Monotonie hingeben zu müssen. Allerdings wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie für diese Stille noch teuer bezahlen würde. Unerwartet ertönte plötzlich: „[…] You´re the hottest Bitch in this place […]“ und keine von beiden ergriff das Handy.

„Babe, es ist dein Handy. Verrate mir bitte noch wer die „Hottest Bitch in this place“ ist, denn offensichtlich rufe ich dich nicht an.“ Kam es schneidig. Rote Augenbrauen schossen bis zum Haaransatz hoch und sie fand ihr Handy unter einen weiteren Ordner.

„Ach? Nicht einmal ein Name?“ Die Brünette stand neben ihr, als auf dem Display „Hottest Bitch“ nur angezeigt wurde.

„Millburgh? Sophia??“ Regina nahm irritiert das Handy von ihrem Ohr.

„Warum ruft mich die verrückte Baronin an? Woher hat sie meine Nummer? Das ist deine Freundin! Leider!“ Das waren zwei sehr gute Fragen, worauf selbst die Russin keine Antwort hatte.

„Ey! Millburgh! Mehr Respekt für die Aristokratie!“ erklang es durch das Handy.

„Ich gebe dir Pia.“ Sie war im Begriff das Handy weiterzureichen, als Sophia dies plötzlich verneinte.

„Sophia, ich habe keine Zeit. Wegen meiner schnapp dir Pia und macht was immer ihr wollt. Aua!“ Besagte Ehefrau gab ihr einen Klaps gegen die Schulter.

„Danke! Deine Liebe mir gegenüber ist heute wieder einmal überwältigend.“ Schnaubte sie beleidigt.

„Wollt ihr nicht später zum Yachthafen kommen? Ein wenig grillen und danach noch ins Kino?“ fragte die Baronin unbeirrt.

„Zum Yachthafen? Unser Segelboot liegt hier vor dem Steg. Was sollen wir am Yachthafen? Grillen kann ich zu Hause und Filme laufen im Fernseher.“ Schmetterte sie ihre Antwort ins Handy.

„Du hast Pia nicht einmal gefragt!“

„Sie kann sehr gerne gehen. Solange ich nicht gehen muss.“ Dem zweiten Klaps wich sie gekonnt aus. In Pias haselnussbrauen Augen funkelte schon ein Feuer, doch die Adlige zuckte nur mit den Schultern.

„Sophia, warum muss ich mitkommen? Eduard hat Rückgrat bewiesen, ihr hattet tollen Sex und damit ist meine Arbeit getan.“ jammerte sie.

„Wir könnten einen Pärchen-Abend machen.“ Schlug sie stattdessen vor. Die Baronin verfügte über die gleiche Sturheit, wie der Lockenkopf und diese war bereits genervt. Normale Menschen hätten den Wink mit dem kompletten Zaun verstanden. Aber nein, die Baronin von Wolfenstein natürlich nicht. Sie hörte nur das was sie hören wollte.

„Wozu ein Pärchen-Abend? Ich muss dich oft genug auf unserem Grundstück ertragen.“

„Um Spaß zu haben. Du weißt noch was das ist, oder?“

„Das wird völlig überbewertet.“ Pia hatte die Nase voll und riss ihrer starrsinnigen Partnerin das Handy aus der Hand und nahm in deren Schoß Platz.

„Hey!“ Regina versuchte nach ihrem Handy zu greifen, doch Pia drückte sie zurück in die Lehne.

„Ich kümmere mich um sie. 17:00 Uhr? Wir werden da sein.“ Sie schielte zu ihrer Gefährtin und sah nur hochgezogene Augenbrauen. Ungeachtet ließ sie das Handy auf die Schreibtischplatte fallen und wedelte mit ihren Finger vor dem Gesicht der Fürstin herum. „Seit Stunden lässt du mich in diesem Büro schuften! Draußen scheint die Sonne, da könntest du wenigsten am Abend mich zum Yachthafen ausführen, oder?“ Ungläubig blinzelte der Lockenkopf.

„Mit diesem Argument möchtest du mich davon überzeugen, die Baronin zu treffen? Du bist gerade einmal zwei Stunden im Büro, weil du mittags aus dem Bett gefallen bist und danach ausgiebig frühstücken wolltest. Und dann bist du zu mir gekommen und hast mir deine Hilfe angeboten, weil du mit mir Zeit verbringen wolltest. Wofür ich sehr dankbar bin, aber jetzt ist es meine Schuld, das du hier festsitzt?“ fragte sie fassungslos.

„Ja! Warum musstest du ausgerechnet heute ins Büro gehen? Seit Wochen erzähle ich dir, dass der Yachthafen heute eine Party veranstaltet mit meiner Lieblingsband und du bist nicht einmal auf die Idee gekommen mich zu fragen ob ich vielleicht gehen möchte? Du bist solch ein unromantischer Klotz!“ jammerte die Brünette.

„Eine Party ist für dich romantisch?“

„Babe! Hör auf analytisch zu argumentieren und stimme dem einfach zu.“ Regina stieß die angehaltene Luft aus, beugte sich nach links um in eine Schublade zu greifen und warf danach frustriert einen Umschlag auf den Tisch.

„Was ist das?“ fragte Pia und fand im Umschlag die Eintrittskarten für die Party am Abend. „Eduard rief verzweifelt an und erzählte das Sophia unbedingt zu dieser Band möchte und flehte mich an ihn zu begleiten, dass er sich nicht völlig überflüssig vorkam. Es war eine Frage der Zeit wann du damit anfangen würdest. Also besorgte ich rechtzeitig die Karten und ging heute früher ins Büro, um den Abend mit dir verbringen zu können.“

„Du hattest die ganze Zeit die Karten?? Warum hast du Sophia abblitzen lassen?“

„Wo bleibt denn mein Spaß? Als ob ich es ihr jemals leicht gemacht hätte. Eduard hatte ihr offensichtlich die Karten noch nicht gezeigt, warum sollte ich dann nachgeben?“ jetzt grinste sie zufrieden.

„Ihr zwei seid so schlimm! Hinter unserem Rücken den kompletten Abend geplant, nur das ihr später eure Ruhe haben könnt.“ Endlich huschte ein Lächeln über ihre Lippen. „Deine Intelligenz ist atemberaubend und es turnt mich jedes Mal an, wenn du mich austrickst.“ Flüsterte die brünette Schönheit in ihr Ohr.

„Ja, ja. Unromantischer Klotz. Fehlte nur noch der Vorwurf, dass ich dir nicht zuhören würde.“

„Was würde ich ohne dich machen?“

„Mich suchen? Jemand muss ja Rationalität in deine Emotionalität bringen. Sonst wäre keine von uns im Gleichgewicht.“

„Hattest du das mitbekommen, dass du mich angeturnt hast?“ hakte sie noch einmal nach.

„Ja, du wirst dich in Geduld üben müssen. Denn ich muss wirklich das hier noch beenden. Na los, verschwinde in dein Atelier und schreibe. Das ist doch das was du am liebsten machen würdest.“

„Ja, aber ich bin noch lieber in deiner Nähe. Ich helfe dir, dann können wir uns schneller mit dem angenehmen Dingen des Lebens beschäftigen.“ Übermütig küsste sie ihre Gefährtin und sprang dann von deren Schoß auf, um die nächsten Dokumente abheften zu können. Die Stimmungsschwankungen ihrer Frau glichen immer zwei Jahreszeiten. Winter und Sommer. Dazwischen gab es bei ihr nichts.

Der nächste Morgen brachte einige Überraschungen mit sich. Zum einen lag Regina noch immer neben ihr. Vielleicht lag es auch daran, dass Pia deren Wecker einfach ausgestellt hatte. Kein normaler Mensch stand an einem freien Tag um 6:00 Uhr auf! Also kuschelte sie sich tiefer in die warme Umarmung in der Hoffnung noch ein wenig schlafen zu können. Sie wurde bitter enttäuscht. Denn als Hamlet übermütig das Gesicht seiner Herrin abschleckte, wurde diese wach und war verwundert darüber, dass Pia schon wach war.

„Du hast meinen Wecker ausgestellt! Pia, ich wollte am Vormittag die Unterlagen machen und nicht im Bett liegen.“

„Deine Unterlagen laufen nicht weg. Das sagte ich dir schon vor zwei Tagen.“

„Und ich sagte wohlweislich nichts dazu. Denn die Bestellung für die Lieferungen muss ich am Vormittag machen.“

„Du hast die Händler um deinen Finger gewickelt. Für dich machen sie eine Ausnahme. Du alter Sturkopf.“ Argumentierte die Russin und zog ihre Gattin noch einmal ganz fest an sich.

„Ja, und stolz darauf. Ich setze einen Kaffee an und bin dann im Büro.“ Sie küsste ihre Wange und verschwand aus dem Schlafzimmer. Innerhalb von fünf Minuten war sie angezogen und selbst der bequeme Hund folgte ihr die Treppen hinunter.

„Sie sollte dringend ihre Prioritäten überdenken.“ Frustriert ließ sich die Brünette in das Kissen fallen und schloss noch einmal die Augen. Trotzdem saß die Fürstin erst eine Stunde später im Büro. Jeder wusste, dass Pia dieses nur betrat wenn sie etwas wollte. Also war sie alleine und stand vor dem großen Aktenschrank und suchte den Ordner der Rechnungen für das Jahr 2020 heraus, um die neuen ordnungsgemäß abheften zu können. Die Überweisungen hatte sie getätigt und die neue Lieferung war natürlich bestellt. Gerne schob sie diese trivialen Aufgaben Anton zu. Er hatte einfach mehr Geduld und Ruhe. Sie wollte nur fertig werden, weil noch dreißig andere Dinge auf sie warteten. Reginald Anton von Millburgh war mittlerweile ein junger Mann mit einem eigenen Leben und Karriere. Nichtsdestotrotz übernahm er gerne die Vertretung seiner Eltern in der Villa und war der Verbindungsmann zwischen Berlin, Frankfurt und dem Millburgh Schloss. Ohne ihn könnte sie nicht einmal die Hälfte der Arbeit bewältigen. Und ohne Franz-Joseph hätte sie noch mehr Arbeit in Frankfurt. Ihr Bruder war der Vizepräsident der Holding und kümmerte sich darum das sie nicht ständig als Präsidentin in der Holding in Frankfurt sitzen musste und regulierte den täglichen Betrieb. Interessenten und Geschäftspartner delegierte er sowieso zu seiner Schwester nach Berlin, allerdings nur vielversprechende Angebote. Wenn sie vor Jahren gewusst hätte, dass sie doch das dusselige Millburgh Erbe antreten würde, dann hätte sie die Villa am See nie eröffnet. Nein, hätte sie doch. Die Villa, Bücher, Drehbücher und Filme hatte sie sich gemeinsam mit ihrer Frau aufgebaut und das würde sie für nichts auf der Welt aufgeben. Niemand konnte ihr das nehmen. Falls die Holding doch mal pleitegehen sollte, musste sie sich um die Zukunft ihrer Familie keine Gedanken machen. Schließlich fand sie den richtigen Ordner, als mit einem Mal ihre Tür aufgerissen wurde und der Teufel durchkam. Das war ihr erster Gedanke, so rot wie ihre Frau im Gesicht angelaufen war bzw. die Art und Weise wie sie durch die Tür gestürmt kam. Als ob der Leibhaftige hinter ihr her war und seine rechtmäßige Herrscherin auf den Thron holen möchte.

„Gin!!! Ich muss mit dir reden!“ schnaufte Pia. Jahrelanges Training verhinderte, dass der Lockenkopf vor Schreck den Ordner fallen ließ.

„Was es auch ist! Ich war es nicht!“ verteidigte sie sich, ohne zu wissen um was es ging. Aber somit war sie schon einmal auf der sicheren Seite. Sie wurde an ihren Schultern herumgerissen, so dass sie beinahe doch noch den Ordner fallen ließ.

„Seit wann denn das? Du steckst doch immer dahinter. Auch wenn ich es nicht immer beweisen kann.“ Plötzlich riss die Adlige ihre Augen auf.

„Pia, du warst aber nicht in der Küche, ja?“ Die dunkle Schönheit holte aus und gab ihrer Frau einen Klaps gegen den Bauch.

„Einmal! Es war nur ein einziges Mal!“

„Aua! Ja, ein einziges Mal hat meine Küche ein Vermögen gekostet! Nie wieder! Wir mussten die Feuerwehr rufen.“ Beide funkelten sich für einen Moment an.

„Willst du gar nicht wissen um was es geht?“

„Nope. Schlimmer als eine abgebrannte Küche kann es ja kaum sein.“ Die Russin holte noch einmal aus, aber diesmal wich Regina elegant aus.

„Muss ich es wissen? Bei dir ist es manchmal ratsamer es vorher nicht zu wissen. Es wird mir nicht gefallen und das ist der Grund warum du es nicht einfach getan hast.“ Ihre Augen flackerten auf und ein verwegenes Grinsen schob sich auf ihre Lippen.

„Und was wenn doch?“ die Bürgerliche zog ihrerseits eine Augenbraue herausfordern hoch.

„Millburgh!!! Wo steckst du denn schon wieder??“ ertönte es durch die ganze Villa. Grüne Augen weiteten sich und sie sah wie zum wiederholten Male ihre Bürotür aufgerissen wurde. Neben ihrer Frau konnte nur noch die Baronin einen bühnenreifen Auftritt hinlegen.

„Auf gar keinen Fall! Nein! Nicht schon wieder! Womit habe ich das verdient?“ vehement schüttelte sie den Kopf und wich der Umarmung aus, um sich hinter ihrem Schreibtisch in Sicherheit bringen zu können.

„Du weißt noch nicht einmal um was es geht.“ Stöhnte Pia.

„Was es auch ist […]!“ sie zeigte mit ihren Finger auf die Baronin.

„[…] wenn sie involviert ist, kann es nichts Gutes bedeuten.“ Sie ließ den Ordner auf den Schreibtisch fallen. Wie immer ließ sich Sophia nicht beirren, schlang ihre Arme um die Fürstin und zog sie fast über den halben Schreibtisch zu sich heran.

„Ah … du liebst mich!“ säuselte sie ihr in den Nacken.

„Ja, wie die Pest! Lass mich los, du royale Nervensäge. Warum bist du schon wieder da?“

„Gin!“ mahnte die exzentrische Schriftstellerin.

„Du hast Sophia das letzte Mal vorgestern gesehen.“

„Und ?? Meine Rede! Warum ist sie schon wieder hier? Nächstes Jahr wäre noch früh genug gewesen.“ Den letzten Teil murmelte sie. Unbeeindruckt drückte Sophia noch einmal kräftig zu und ließ sie schließlich los.

„Ich habe dich auch vermisst, Grumpy-Pants.“

„Ich dich nicht. Und die Antwort bleibt „nein“.“ Damit setzte sie sich auf ihren Stuhl und sah das beide Frauen non-verbal kommunizierten.

„Gin, das wird bestimmt lustig.“ Fing die Baronin an.

„Das kommt mir wage bekannt vor.“ Doch Pia ignorierte ihren Einwand und setzte fort: „Wir hatten schon lange keinen Spaß mehr.“

„Doch. Erst vor zwei Tagen.“ Für einen kurzen Moment hielt die Bürgerliche inne: „Oh ja, aber ich rede nicht von unserem Spaß.“

„Hatten wir nicht erst vorgestern Spaß gehabt, weil ihr die Band hören wolltet?“

„Ich meinte Spaß mit anderen Leuten. Nicht nur zu viert.“ Nun zog die Fürstin argwöhnisch die Augen zu Schlitzen zusammen. Als sie „Leute“ hörte wusste sie in welche Richtung das gehen würde. Sie fühlte das Déjà-vu regelrecht auf sich zukommen. Dieses Gespräch hatten sie bereits vor ein paar Monaten gehabt.

„Nope. Schlagt euch das sofort aus dem Kopf. Keine Party! Sophia, nimmt euer eigenes Grundstück dafür. Deine adligen Freunde können woanders feiern. Wir bereiten uns auf die Winterpause vor.“ Sie ließ sich in ihren Sessel fallen.

„Anfang September?“ fragte die Baronin ungläubig.

„Man kann nie früh genug damit anfangen.“

„Ein wenig Stimmung würde diesem alten Schuppen bestimmt nicht schaden.“ Die Baronin ließ nicht locker.

„Ein wenig Stimmung? Ein wenig Stimmung?? Wir hatten den gesamten Sommer „Stimmung in diesem alten Schuppen“. Darling, lass uns den Abend gemeinsam verbringen.“ Sie spielte ihre Trumpfkarte aus. Sophia stöhnte laut auf.

„Pia! Lass dein Blut wieder in dein Gehirn fließen. Du hast es mir versprochen!“

„Ja, aber […].“

„Kein Aber! Du hast es versprochen und behauptet, dass Gin einlenken würde.“

„Ach? Würde ich das?“ kam es schneidig vom Schreibtisch. Die Baronin nickte heftig mit ihren Kopf. „Ja, du seist ein Löwe der nur brüllt, aber in Wirklichkeit eine Schmusekatze ist.“ Regina wusste nicht ob sie aufspringen soll um Sophia selber zu würgen oder sie vor ihrer eigenen Frau zu retten.

„Sowas würde ich nie behaupteten! Ich bin doch nicht lebensmüde und unterschätze die Starrköpfigkeit meiner eigenen Frau!“ protestierte die Russin. Die Fürstin ließ ihren Kopf auf die Tischplatte fallen.

„Ihr treibt mich in den Wahnsinn! Diese Rechnungen müssen noch abgeheftet werden, also kommt zum Punkt. Wann soll es stattfinden?“

„Morgen um 17:00 Uhr. Eine Grill- und Poolparty.“ Sprudelte es aus Pia heraus.

„Ich muss den Grill noch einmal anwerfen?“ Pia lief um den Schreibtisch herum und legte ihre Hände auf die verspannten Schultern ihrer Frau.

„Einmal wirst du ihn nochmal anmachen müssen, Babe.“

„Eduard grillt. Ich besorge das Fleisch. Könnt ihr jetzt bitte gehen? Ich bin mir sicher, dass die Baronin noch eine Weile bleiben wird.“

„Darauf kannst du dich verlassen, Grumpy-Pants. Kann ich dich noch um einen Gefallen bitten?“

„Nein. Ich kann es nur einer Person pro Tag Recht machen. Heute ist nicht dein Tag. Und Morgen sieht es auch nicht gut aus. Darling, hole mich bitte erst vom Büro ab, wenn die wandelnde Katastrophe unser Grundstück verlassen hat.“ Den letzten Satz flüsterte sie Pia ins Ohr.

„Sei nett! Sie hat Morgen Geburtstag. Und ich versprach es wirklich. Ich vergaß nur mit dir darüber zu reden. Verzeih mir, okay?“

„Ich weiß das sie Geburtstag hat.“ knurrte sie leise.

„Du alter Softie.“ Pia gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss und folgte ihrer Freundin aus dem Büro. Hamlet schaute sie vorwurfsvoll an. „Bin ich nicht!“ verteidigte sie sich vor einem leeren Büro.

Gegen 11:00 Uhr räkelte sich Pia zum zweiten Mal im Bett. Sie war bereits gegen 6:00 Uhr wach geworden, als ihr Kuscheltier, nicht Hamlet, das Bett verlassen wollte und sie sich an dessen Nachtshirt gekrallt hatte. Warum konnte die Adlige nicht wie jeder andere normale Mensch um 11:00 Uhr aufstehen?? Egal wann sie zu Bett gingen, punkt 6:00 Uhr wurde sie wach und dann unruhig im Bett. Es sei denn sie war wirklich übermüdet und die brünette Schönheit stellte heimlich den Wecker aus. Aber so lebensmüde war sie den Abend davor nicht, denn ihre Frau würde auch so keine gute Laune haben. Nicht einmal der Hund blieb im Bett! Dafür, dass Regina immer so auf Regeln bestand durfte Hamlet so ziemlich alles. Natürlich war sie gegen einen Hund, wie sollte es denn auch anders sein? Selbst Lana ihre großen Augen konnten die Fürstin nicht davon überzeugen, einen Hund zu kaufen. Aber seit wann hörte Pia auf ihre Frau? Kurz entschlossen besorgte sie vor ein paar Monaten den Puggle Welpen mit den niedlichen Falten im Gesicht und dem gekringelten Schwanz. Die kleine Promenadenmischung, welche als bequem und ruhig verkauft wurde, entpuppte sich als kleiner Teufel. Am liebsten rannte er Runden um Regina herum und versuchte sie zum Spielen zu animieren. Völlig unbeeindruckt und kein bisschen dem Kindchen Schema verfallen ignorierte sie ihn einfach. Für ein paar Stunden. Die Tatsache das er im Bett schlafen durfte, schien ein Zeichen dafür zu sein das der Lockenkopf ihn akzeptierte. Oder sie konnte sein winseln nicht mehr ertragen und hob ihn deswegen eines Nachts ins Bett. Pia warf sich noch einmal in das Kissen der Adligen, atmete deren Duft tief ein und stand schließlich auf. Auf dem Balkon blieb sie stehen und sah, dass Regina die Gartenmöbel aus den Schuppen geschleppt hatte und diese mit einem Lappen abwusch. Zumindest hatte sich diese ihrem Schicksal ergeben, dass sie heute Abend mit Sophia, Eduard und eine Anzahl Unbekannter einen Grillabend verbringen musste. Wie jedes Jahr, und unter lauten Protest von Regina, feierte Sophia ihren Geburtstag bei ihnen auf dem Anwesen. Mit all ihren geladenen Gästen, welche vor allem aus dem aristokratischen und unternehmerischen Bereichen kamen. Für Regina eine reine Tortur, denn sie konnte nicht einfach verschwinden. Sie repräsentierte das Haus Millburgh, zumal die Kaiserin ebenfalls geladen war. Die Bürgerliche zuckte mit ihren Schultern. Die Adlige würde es schon überleben und Pia hatte einige Asse im Ärmel um ihr die Zeit zu versüßen. Blindlings griff sie nach einem Shirt, zog es sich über und lief langsam die Treppen hinunter. In der Küche fand sie ihre Tasse Kaffee und folgte dann den lauten Geräuschen. Hamlet lag im Schatten und würdigte ihr keinen einzigen Blick.

„Babe. Dein Hund respektiert mich nicht.“ Der Lockenschopf schaute über ihre rechte Schulter.

„Und das verwundert dich? Du verwöhnst ihn ohne das er dafür was machen muss. Das wäre so als ob ein Löwe auf der Jagd wäre und sich seine Beute vor ihn werfen würde und darum bettelt gefressen zu werden.“ Sie arrangierte die Stühle um den Tisch herum.

„Was machst du eigentlich? Sophia kommt doch nur mit ein paar Freunden.“ Die Brünette setzte sich in einen Stuhl.

„Ein paar Freunde? Sie schickte mir per E-Mail eine Liste mit 50 Mann. Erinnere mich daran ihr Hausverbot zu geben. Unser Haus ist kein Treffpunkt, wo sie ihre Partys schmeißen kann.“ Haselnussbraune Augen verdrehten sich gen Himmel und so stand sie auf und umarmte ihre gereizte Gattin.

€6,99

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Altersbeschränkung:
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Umfang:
330 S.
ISBN:
9783754187272
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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