Buch lesen: "Blaublütig", Seite 2
Zwei Wochen später
„Mache mich endlich zu deiner Fürstin!!“ forderte Pia, welche aus unerfindlichen Gründen zu tief ins Glas geschaut hatte. Doch Regina lief unbeirrt in das gemeinsame Haus und drehte sich dann verdutzt im Flur zu ihr herum. Schließlich schüttelte sie ihre roten Locken und betrat ohne ein weiteres Wort in das Wohnzimmer. Diese Diskussion führten sie bereits seit zehn Minuten und die Adlige verlor so langsam ihre Geduld. Denn sie feierten erst vor zwei Wochen ihre Silberne Hochzeit und solange trug die Russin auch ihren Adelstitel. Überraschend wurde sie am Arm gepackt und herum gerissen.
„Ich rede mit dir! Du hast heute geflirtet!“ kam es angriffslustig von der brünetten Schönheit.
„Ich habe heute geflirtet? Und das stört dich, weil […]?“ fragte sie irritierend und sah wie der Arm von ihrer Partnerin zuckte. Sie warf ihr einen warnenden Blick zu und fügte hinzu: „Ich bin mit dir verheiratet. Warum stört es dich das ich mit dir flirte?“ Pia entwich sämtliche angehaltene Luft und schließlich ließ sie ihre Gattin los.
„Ich rede doch nicht von mir! Du kannst mit mir jederzeit flirten. Ich rede von Katja!“
„Welche Katja?“ Wieder zuckte der Arm der Brünetten.
„Ich warne dich! Zügel dein Temperament! In den letzten 43 Jahren hast du immer den Kürzeren gezogen.“ Die harten Linien im Gesicht der Adligen wichen einem weichen Ausdruck.
„Darling, gibt es irgendeinen Grund warum du heute getrunken hast?“ Jedoch konnte die exzentrische Schriftstellerin den Impuls nicht vollständig kontrollieren und presste ihre Gefährtin gegen die Wand. Leise stöhnte der Lockenkopf auf, als die Kratzspuren auf ihren Rücken mit der Wand in Kontakt kamen. Sie war nicht ignorant, wenn es um das Verhalten ihrer Frau ging. Bisher fand sie keine Zeit mit ihr in Ruhe darüber zu sprechen, obwohl Pia schon eine Weile wieder in ihre alten Verhaltensweisen fiel und vor allem ihre besitzergreifenden Tendenzen sich bemerkbar machten. Im Bett sorgte dies für ein ordentliches Feuerwerk, aber auf der Arbeit hatte dies nichts zu suchen.
„Lass mich los! Ich bin nicht in der Stimmung mit dir das Schlafzimmer aufzusuchen. Rede mit mir und erkläre mir bitte von welcher Katja du sprichst! Denn wir befinden uns inmitten einer Hochzeitsfeier und irgendjemand sollte das Brautpaar betreuen.“ Erinnerte der Rotschopf an das aktuelle Problem. Denn nebenan, in ihren Restaurant der „Villa am See“, fand eine Hochzeitsfeier statt wofür beide als Geschäftsführerinnen verantwortlich waren. „Unsere Kellnerin Katja.“ Stieß die Brünette aus und ihre haselnussbraunen Augen funkelten vor Zorn.
„Was? Machst du Witze? Sie ist über zwanzig Jahre jünger als ich! Vor zwei Wochen feierten wir unseren 25. Hochzeitstag und du bist eifersüchtig auf unsere Kellnerin?“
„Sie hatte dir schon schöne Augen gemacht, als sie im Vorstellungsgespräch war.“ Schmollte sie jetzt.
„Ja, vor zehn Jahren! Deswegen hatten wir sie aber nicht eingestellt. Und ja, ich bin mir dessen bewusst, dass in letzter Zeit ihr Verhalten sonderbar ist. Aber heute ist es besonders bizarr. Und als ich sah das dein Temperament mit dir durchging, wollte ich mich mit dir kurz zurückziehen und erst zum Feuerwerk zurückkehren.“ Pia ließ ihre Schultern fallen und schaute beschämt zum Boden.
„Oh. Du hast es bemerkt. Warum hast du nichts dagegen gemacht? Ich habe euch beobachtet.“ Smaragdfarbende Augen verdrehten sich gen Himmel. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Adlige ihre Geduld verliert..
„Gut zu wissen. Während ich arbeitete hast du die Zeit genutzt und uns beobachtet und dabei zu tief ins Glas geschaut, ja?“ fragte sie mit einem schneidigen Unterton.
„Ja! Es tut mir ja Leid. Aber du hättest jederzeit etwas gegen ihre Annährungsversuche unternehmen können!“
„Und was hätte ich tun sollen? Sie fiel mir in die Arme, weil sie angeblich gestolpert sei. Hätte ich zur Seite springen sollen und so tun als ob ich es nicht gesehen hätte? Sie blieb mit ihrer Hand in meiner Anzugsjacke hängen! Wenn sie gefallen wäre hätte ich vermutlich nicht nur eine kaputte Anzugsjacke gehabt!“
„Gutes Argument. Und als sie dir an den Hintern ging?“
„In meinen Händen war ein Tablett mit Gläsern voller Champagner! Das war der Empfang! Ich verschwende doch nicht guten Champagner, nur weil meine Angestellte der Meinung war, dies sei der richtige Moment, um mir an den Hintern zu gehen. Ich kann froh sein, dass ich das Tablett nicht vor Schreck fallen ließ.“
„Geizhals! Ich hätte das Tablett fallen gelassen und ihr eine Ohrfeige gegeben.“
„Ja, ich weiß. Denn wie oft hat dein impulsives Verhalten dazu geführt, dass wir in den Schlagzeilen gelandet sind?“ Ihre Diskussion wurde durch das Klingeln von Reginas Handy unterbrochen. Pia fischte es aus der Hosentasche ihrer Partnerin und schaute auf das Display. Zornig verzog sie ihr Gesicht zu einer Grimasse und zeigte es der Adligen. „Katja“ stand dort und ungeduldig ging schließlich die Brünette ran.
„Ja? Was willst du? Falls es dir entfallen ist, ich bin ebenfalls eine Frau von Millburgh. Ich bin mit ihr seit 25 Jahren verheiratet! Jetzt pass mal […]!“ Regina riss ihr das Handy aus der Hand. „Katja? Was gibt es? Ich sagte doch dass wir uns zurückziehen. Nein, ich muss noch einmal ins Büro. Pia wird stattdessen kommen.“ Sie legte auf und erwartungsvolle haselnuss-braune Augen schauten sie an.
„Tut mir Leid Darling, aber unsere Diskussion muss auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden. Ich muss ins Büro, um unsere Fahrt nach Dresden zu planen und die Einkäufe der nächsten Woche müssen noch zusammengestellt werden. Gehst du bitte zu Katja? Die Braut möchte ihren Strauß werfen und es war ausgemacht, dass es danach noch einmal Champagner gibt. Und reiß dich bitte zusammen. Ich verspreche dir, wir reden darüber und du wirst es nicht bereuen.“
„Babe! Wir wollten ein wenig Zeit miteinander verbringen.“ Winselte die exzentrische Schriftstellerin. Regina zog sie sanft zu sich heran und die Russin küsste sie voller Ungeduld. Vergnügt zuckte diese danach mit ihren Augenbrauen.
„Und was meinst du? Wollen wir doch noch schnell einen Tango auf der Couch tanzen?“
„Du, meine Liebe, bist eine russische Verführung.“ Schnurrte die Fürstin und ließ sie schließlich los.
„Und ja, wir reden noch darüber, warum du heute getrunken hast. Komm dann ins Büro, ja?“
„Okay.“ Pia schaute ihr noch einen Moment hinterher und hörte dann ein leises gähnen. Ihr Blick fiel auf den Hundekorb.
„Jetzt wirst du wach? In der Zeit hätten Einbrecher unser Haus leer geräumt.“ Hamlet wedelte nur mit seinem Schwanz und drehte sich auf den Rücken. Sie streichelte ihn kurz und versuchte sich innerlich zu beruhigen. Katja war tatsächlich schon seit ein paar Jahren angestellt und eigentlich gehörte sie in den Service, welchen grundsätzlich Pia managte. Regina war vor allem für die Organisation, den Einkauf und für die Küche zuständig. Aber sie repräsentierte auch das Haus und begrüßte die Gäste, so dass sie zwangsweise ebenfalls im Service zu tun hatte. Eigentlich war vor allem Madeleine der Ansprechpartner für Regina, aber in letzter Zeit war immer wieder Katja zur Stelle und Pia gefiel diese Entwicklung nicht. Am Anfang, als sie nur Madeleine eingestellt hatten, verlief es wenigsten ruhiger. Chaotischer und unorganisierter, aber ruhiger. Als sie die „Villa am See“ eröffnet hatten, war es nicht geradeso als ob sie Ahnung von der Gastronomie hatten. Sie verdienten ihr Geld mit der Schriftstellerei und Filmen und lebten einige Jahre in Paris. Erst als die Verpflichtungen anriefen, mussten sie zurück in das Herzstück des Kaiserreiches kommen. Eigentlich waren es Reginas Verpflichtungen die anriefen, aber der Drang nach Unabhängigkeit ließ beide überlegen, wie sie die Verpflichtungen erfüllen konnten und trotzdem unabhängig blieben. Also kauften sie am Wannsee ein riesiges Grundstück mit drei Häusern darauf und einem direkten Zugang zum See. Im Herrenhaus lebten sie und aus der Villa machten sie das Restaurant. Das dritte Haus blieb am Anfang unberührt. Irgendwann konnten sie die Villa nicht mehr alleine stemmen und stellten schließlich das erste Personal ein. Ein Koch unterstützte Regina in der Küche und Madeleine leitete mit Pia zusammen das Restaurant. Nach vielen Fehlern, mittleren und schweren Katastrophen bauten sie sich so ein kleines Imperium auf. Aus dem kleinen Imperium wurde ein sehr großes Imperium, nachdem Regina 1995 das Erbe antrat. Danach war vor allem der Adel regelmäßig zu Gast und die adligen Hochzeiten brachten das Geld rein. Denn im Kerngebiet des vereinten Kaiserreiches waren am Anfang ihre gemeinsamen Bücher nicht so erfolgreich und Regina benötigte dringend eine Aufgabe. Ihr unruhiger Löwe hatte sie fast in den Wahnsinn getrieben. Pia dagegen, hätte weiterhin damit leben können zu schreiben und in den Tag hinein zu leben. Im Nachhinein war sie froh darüber, dass sie diesen sonderbaren Weg gegangen sind, auch wenn sie sich regelmäßig mit Katja auseinandersetzen musste. Unrecht hatte ihre Frau aber nicht. Katja stellten sie vor zehn Jahren ein, aber warum diese plötzlich so enorm die Nähe zu Regina suchte, war ihr ebenfalls ein Rätsel. Davor war sie wenigsten subtiler in ihrem Verhalten, was sie trotzdem ärgerte, aber nicht in diesem Ausmaß. Sie seufzte leise, straffte ihre Schultern, holte tief Luft und machte sich auf den Weg zur Villa. Dort wurde sie sofort mit: „Frau Piatrova, schön, dass Sie auch schon kommen.“ begrüßt. „Frau von Millburgh.“ Korrigierte sie automatisch und dies schon seit zehn Jahren! Nie sprach Katja sie mit ihren richtigen Namen an. Nicht, dass sie eine besonders hohe Meinung über den Adel hatte, aber sie musste lange warten um Regina ihre Frau nennen zu dürfen.
„Kommen Sie. Ist der Champagner vorbereitet?“
„Natürlich, Frau Piatrova. Die Chefin hatte explizite Anweisungen hinterlassen. Wo ist sie?“
„Arbeiten. Bringen wir es hinter uns.“ knurrte sie, aber Katja ließ nicht locker.
„Ja, ja, das Alter, nicht wahr? Nicht jeder kann so robust und ewig jung bleiben, wie die Chefin. Und irgendwann wird sie sich jemanden suchen, der mit ihr mithalten kann. Vor allem eine deutsche Frau und keine Ausländerin, die ausgerechnet aus Russland kommt.“ Stichelte sie unbeirrt weiter. Pia ballte ihre Hände zu Fäusten. Gestern musste sie schon diesen unwiderstehlichen Drang unterdrücken, Katja ein High Five zu geben. Ins Gesicht. Mit ihrer Faust. Denn der gemeinsame Abend mit ihrer Frau fiel ins Wasser. Schon wieder.
Und der heutige Morgen fing auch nicht besser an. Wie immer war Regina auf den Beinen, als sie gegen Mittag aus dem Bett fiel. Nachdem sie ihre drei Tassen Kaffee getrunken hatte lief sie langsam zur Villa herüber. Natürlich war Hamlet nicht mehr im Haus. Wie immer folgte er seiner rothaarigen Herrin, die ursprünglich mit ihm überhaupt nichts zu tun haben wollte. Sie schlüpfte in den Seiteneingang, durchquerte den Weinkeller und kam dann in der Küche wieder raus. Ihr Küchenchef Daniel bereitete das Menü für den Abend vor und die bestellte Hochzeitstorte war ebenfalls schon da. Regina würde später in der Küche das Regime übernehmen, dass das Essen ohne Probleme die Küche verließ. Die drei großen Salons waren leer und sie traf weder auf Madeleine noch auf Katja und betrat ungesehen das Büro ihrer Gefährtin. Diese saß hinter einem großen Mahagoni Schreibtisch und ertrank in einem Haufen von Unterlagen.
„Ich habe dich gestern Abend vermisst. Wir wollten gemeinsam einen Film schauen.“ Fing sie ohne Umschweife an und verzichtete auf eine Begrüßung.
„Guten Morgen Darling. Meine Nacht war zu kurz, aber ich schlief sehr gut. Danke der Nachfrage. Wie geht es dir?“ kam die trockene Antwort, ohne ihre Augen von den Dokumenten zu nehmen. Unbeeindruckt blieb die Brünette vor dem Schreibtisch stehen, bis die Fürstin sie anschaute.
„Darling, es tut mir Leid. Ich wurde im Büro aufgehalten und kam erst gegen drei ins Bett.“
„Von Katja?“ fragte die Russin schneidig, doch der Rotschopf war zu sehr abgelenkt, als das ihr der Unterton auffiel. Oder ignorierte ihn gekonnt und sagte stattdessen: “Nein. Daniel und ich gingen noch einmal das Menü durch.“ Sie streckte ihre Arme gen Himmel und versuchte die Verspannungen in den Schultern zu lösen. Instinktiv trat Pia näher heran und legte ihre Hände auf besagte Schultern und massierte diese leicht.
„Komm, lass uns noch mal ins Bett gehen. Ich verwöhne dich ein wenig, so dass du dich richtig entspannen kannst.“ Flüsterte sie ihr ins Ohr. In der Regel trennte der Lockenkopf rigoros die Arbeit von dem Privaten. Aber ab und zu konnte sie dem Charme ihrer Frau nicht widerstehen. Als sie sinnlich ihren Kopf nach hinten fallen ließ und ihre Augen schloss, wusste die Russin, dass es die richtige Taktik war. Doch mit einem Male wurde die Tür aufgerissen und Katja stand inmitten des Büros. Ohne anzuklopfen, versteht sich von selbst. „Frau von Millburgh, können wir jetzt den Ablauf der Feier besprechen?“ Die Bürgerliche wusste, dass sie auf gar keinen Fall gemeint war. Unbeirrt blieb Pia trotzdem hinter dem Lockenkopf stehen.
„Katja! Wie oft denn noch? Anklopfen und danach betreten! Die Besprechung mache ich mit Madeleine, aber das wissen Sie doch! Außerdem müssen Pia und ich noch einige Details für unsere Lesung in Dresden klären.“ Normalerweise schob sie diese Art von Gespräche nie auf und das Katja kam, lag wohl daran das Madeleine mit einer anderen Angelegenheit beschäftigt war, aber sie war willig Zeit mit Pia zu verbringen.
„Bei all dem nötigen Respekt, aber die Gäste kommen in drei Stunden.“ Argumentierte Katja dagegen. Regina schaute überrascht auf die Uhr. Schließlich fühlte sich die Aristokratin genötigt, die Besprechung sofort zu führen und die Russin verließ brodelnd das Büro. Natürlich hätte sie bleiben können, aber sie ertrug die bloße Anwesenheit von Katja einfach nicht. Am liebsten hätte sie Regina in der Luft zerrissen, auch wenn sie den Kürzeren gezogen hätte und diese überhaupt keine Schuld traf. Tatsächlich tauchte ihre Gattin erst kurz vor 15:00 Uhr aus dem Büro auf, nahm eine schnelle Dusche und wechselte in einen schwarzen Anzug, um rechtzeitig die Gäste begrüßen zu können. Und zu allem Überfluss war Katja überall. Egal wo sich auch Regina befand, die junge Frau war immer in ihrer Nähe. Sei es um ihr ein Glas zu reichen und nebensächlich einen Haufen Fragen zu stellen. Unentwegt beobachtete Pia dieses Schauspiel und achtete nicht darauf was sie so alles trank. Es war süß, schmeckte gut und hatte jede Menge Alkohol drin. Nachdem sie dann auch noch sehen musste, wie Katja den Kragen der Bluse richtete, wurde es ihr zu bunt. Sie wartete bis Regina in die Villa zurückging und konfrontierte ihre Angestellte.
„Was spielst du eigentlich für ein Spiel??“ zischte sie leise.
„Von was reden Sie, Frau Piatrova?“ dabei grinste das blonde Gift sie spöttisch an.
„Was willst du von meiner Frau? Denkst du nicht das sie ein wenig zu alt für dich ist?“
„Ich bitte Sie, was hat denn heutzutage das Alter damit noch zu tun?“
„Glaubst du wirklich, dass sie nach so vielen Jahrzehnten alles über den Haufen werfen wird, um mit dir etwas anfangen zu können?“
„Sind wir nicht ein wenig sensibel? Fühlen Sie sich etwa in ihrer Ehe so unsicher, dass Sie überall potenzielle Liebhaberinnen sehen? Oder zweifeln Sie an Ihrem Aussehen? Sie sind nicht mehr so knackig, wie Sie es vielleicht vor 20 Jahren waren.“ Provozierte Katja weiter. Pia packte ihren Arm grob, als plötzlich Regina hinter ihnen auftauchte.
„Pia! Lass sie los! Was ist in dich gefahren?“ sie berührte den rechten Arm ihrer Frau und ergriff ihre Hand, als sie die gemeinsame Angestellte losließ.
„Katja, rufen Sie mich bitte an, wenn die Braut den Strauß werfen möchte. Wir ziehen uns für einen Moment zurück.“ Wandte sie sich an ihre Angestellte, nachdem Pia ihr eine Antwort schuldig blieb.
„Ja, Frau von Millburgh.“ Hörten es beide noch, aber Pia war mehr damit beschäftigt herauszufinden wie wütend ihre Frau war. Das sie unüberlegt gehandelt hatte, war ihr in dem Moment klar als die Fürstin auftauchte. Wenigsten war die Feier im Garten und niemand konnte akustisch verstehen über was sie sich mit Katja stritt. Die Kaiserin bat darum, dass sie für eine Weile nicht in den Schlagzeilen landeten. Wenn irgendjemand das mitbekommen hätte, dann wäre am nächsten Tag die Überschrift: „Streit um die Kurfürstin von der Pfalz. Gattin griff Angestellte aus Eifersucht im Garten an. Bedeutet dies das Ende der Ehe? Schon wieder?“ gewesen. Das Schweigen ihrer Frau war noch unerträglicher, als wenn mit ihr das Temperament durchging. Also entschloss sie sich für den Angriff und forderte: „Mache mich endlich zu deiner Fürstin!!“ als sie das Haus betraten.
Dies alles ging der Brünetten durch den Kopf, als sie es ernsthaft in Erwägung zog, den Konsequenzen zum Trotz, zum High Five anzusetzen. Mit ziemlicher Sicherheit konnte sie sagen, dass es Regina bestimmt bereute sie zu Katja geschickt zu haben. Auf der anderen Seite war es besser, bevor Katja noch ganz andere Verhaltensweisen aufzeigte, um den Lockenkopf für sich zu gewinnen. Zwar keine Spur nüchterner und immer noch borderline verdächtig aggressiv, aber sie schluckte es herunter und entschied sich für: “Das werden wir noch sehen.“ In ihren Gedanken ging sie schon ihre Argumentation durch, um Katja endlich gekündigt zu kriegen. Bis jetzt weigerte sich der Lockenkopf standhaft, weil sie tatsächlich gut arbeitete und eine Entlastung in der Villa war. Zumal die Saison noch nicht zu Ende war und dies ein sehr schlechter Zeitpunkt, um Personal zu verlieren. Aber in der Not würde auch Pia ihre Motivation für triviale Arbeit finden und helfen, wenn sie dadurch das blonde Gift loswerden konnte. Gott sei Dank war das neue Buch fertig und sie befanden sich auf Lesungen durch das ganze vereinte Kaiserreich. Bei diesem Gedanken fiel ihr wieder ein, warum sie Katja nicht vorzeitig kündigen konnten. Mit den laufenden Lesungen waren sie viel unterwegs, während die Hochzeiten in der Villa weiterhin stattfinden mussten. Die Adlige war sowieso schon während der Saison gestresst und die Brünette bat sie damals schon darum, etwas kürzer zu treten. Immerhin befand sie sich nur noch in der Küche, um den Ablauf zu überwachen oder in der Not unter die Arme zu greifen. Dadurch wurde Daniel Küchenchef wurde und mit Martina hatten sie einen weiteren sehr guten Koch eingestellt. Innerlich stöhnte die Russin auf. Sie musste noch bis Ende Oktober Katja ertragen oder aber auf ihre Zweisamkeit verzichten. Diese Entscheidung fiel ihr leicht, also änderte sie im Kopf ihre Argumentationskette, so dass sie die Adlige davon überzeugen konnte, Katja nach Oktober zu kündigen.
Unterdessen hatte Regina unbehelligt ihr Büro erreicht und ließ ihren Kopf gegen die Tür fallen, als sie endlich alleine war. Es war nicht so, als ob sie die Ängste von Pia nicht verstehen würde. Immerhin fing ihre Beziehung recht ungewöhnlich an. Auch war sie sich dessen bewusst, dass sie ihrer Frau zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte, weil die ganze Woche schon besonders stressig war. Die Mutter der Braut ließ sie keine Minute alleine und änderte ständig irgendwelche Details der Hochzeit. Manchmal war es einfacher, wenn Bürgerliche eine Hochzeit in der Villa feierten, als wenn es der Adel tat. Bei den Aristokraten drehte sich alles um Prestige, Ruhm und Ansehen. Und in der Villa des Erzmarshalls des vereinten Kaiserreichs eine Hochzeit zu feiern, erfüllte alle drei Kriterien. Zum Leidwesen von Regina, jedoch sehr gut für das Geschäft. Allgemein war diese Saison besonders viel mit Aufträgen gefüllt. Vielleicht lag es auch daran, dass sie durch die Veröffentlichung des neuen Romans regelmäßig nebenbei die Lesungen gaben und Autogrammwünsche erfüllten. Oder sie wurden einfach nur alt, allerdings erwähnte sie dies nie in der Gegenwart ihrer Frau. Diese reagierte allergisch, wenn man sie auf ihr Alter ansprach. Sie reagierte auch auf alles Weibliche allergisch, welches sich in einem 50 m Radius zu ihr befand. Pia fühlte sich schon eine ganze Weile von jüngeren Frauen bedroht, wenn es um die Gunst des Rotschopfes ging, vor allem als sie immer älter wurde. Aber was bedeutete schon das Alter, wenn man nicht so aussah? Nach dem Weltkrieg floss sehr viel Geld in medizinische Erneuerungen. Ab den Jahr 1950 wurde die Genetik des Menschen so manipuliert, dass alle folgenden Generationen immer älter werden konnten. Der jetzige medizinische Stand war, dass im Durchschnitt ein Mensch 130 Jahre alt werden konnte. Katja sah mit ihren Anfang 40 wie Mitte 20 aus. Als ob sich Regina diese ganzen Jahrzehnte die eifersüchtigen Szenen angetan hätte, um jetzt noch die Stute zu wechseln. Aber es war jedes Mal erschreckend wie rücksichtslos und respektlos Menschen sein konnten, wenn sie etwas wollten. Bei jeder Autogrammstunde wurden ihr unmoralische Angebote ins Ohr geflüstert, obwohl die Gattin daneben stand. Oder manch einer hatte eine ganz besondere Vorstellung, wo er nun sein Autogramm haben wollte. Wenn es nach Regina gegangen wäre, dann hätten sie nie wieder ein neues Buch veröffentlicht. Die Familie war für die kommenden Generationen abgesichert, aber Pia lebte für die Schriftstellerei. Sie blühte regelrecht auf, neue Geschichten zu verfassen und benötigte diese Welt wie die Luft zum Atmen. Regina würde ihr das nie nehmen wollen, zumal Pia eher widerwillig ein Restaurant eröffnen wollte und trotzdem nie von ihrer Seite wich, wenn sie sie brauchte. Also würde der Rotschopf ebenfalls nicht von ihrer Seite weichen, bis Pia der Meinung war, dass nun Schluss sei. Auch wenn es bedeutete Autogramme geben zu müssen, ständig in die Kamera zu lächeln und so tun als ob es das Schönste auf der Welt war. Sie schüttelte ihren Kopf und stieß sich von der Tür ab. Beim Anblick ihres Schreibtisches würde sie sich lieber wieder umdrehen und das Angebot mit dem horizontalen Tango annehmen. Außerdem machte sich ein ungutes Gefühl in ihr breit, ob die Entscheidung Pia und Katja alleine zu lassen, wirklich die Beste war. Auf jeden Fall würde Pia zum wiederholten Male die Kündigung fordern und so langsam gingen ihr die Argumente aus, um den Willen ihrer Frau nicht umzusetzen. Sie ließ ihren Blick über den Schreibtisch schweifen und ergriff schließlich den Planer. Der Trip nach Dresden musste noch geplant werden, denn in drei Tagen war bereits die Lesung. Die Zustände in Dresden waren beunruhigend, denn an jeder Ecke flammten Aufstände auf. Wenn Dresden nicht in den Schlagzeilen war, dann war es Schleswig-Holstein. Was auch immer die betroffenen Lehnsherren taten, offensichtlich gefiel es dem Volk nicht. Der sächsische König versicherte ihr aber, dass sie von der Leibgarde und der Polizei geschützt werden. „Hoffentlich. Sonst stehen wir wieder in den Schlagzeilen und Hanna wird das auf Dauer nicht tolerieren.“ Ging es ihr durch den Kopf. Sie mochte ihn nicht besonders. Einmal im Monat trafen alle Lehnsherren am Hof ein, um die aktuelle Lage zu besprechen und die Absprachen mit dem vereinten Kaiserreich einzuhalten. Zwar einte die Kaiserkrone das Reich, aber die Lehnsherren herrschten über ihre jeweiligen Gebiete. Er war unerträglich in seiner Haltung und seinen veralteten Ansichten. Die Tochter des sächsischen Königs war ihr lieber, aber die junge Frau sah sie zum letzten Mal vor zehn Jahren. Der Gedanke an dem Hof erinnerte sie daran, dass sie zum Maskenball erscheinen mussten. Die letzten Einladungen ignorierte sie gekonnt, aber an bestimmten Bällen mussten sie erscheinen. Müde und genervt ließ sie ihren Kopf auf die Tischplatte fallen und schloss für einen winzigen Augenblick die Augen. Als sich ihre Tür noch einmal öffnete bekam sie es nicht mehr mit.
Katja betrat das Büro und schloss leise die Tür. Es war nicht leicht den Argusaugen von Pia zu entkommen. Doch als diese in ein Gespräch verwickelt wurde, nutzte sie die Chance. Sie wusste nicht wie oft sie die Fürstin schlafend auf den Schreibtisch gefunden hatte. Ihr war es jedes Mal ein Rätsel wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte, wenn Pia wieder einmal einer ihrer gefürchteten Momente hatte. Die ganze Ehe war ihr ein Rätsel. Jeder normale Mensch hätte bei dieser Anzahl der „Momente“ die Füße in die Hand genommen und wäre geflüchtet. Als sie mit der Arbeit anfing, hatten sich die Beiden regelmäßig in den Haaren. Nicht das dies nachgelassen hätte, aber wie durch ein Wunder hatte keine von den Beiden die Scheidung eingereicht. Katja ahnte nicht wie schwer es sein würde, die Beiden auseinander zu bringen. Ursprünglich spekulierte sie auf Pias ungezügelte Eifersucht – denn Regina konnte man nicht aus der Reserve locken. Während die Bürgerliche sämtliche Emotionen zeigte, ließ sich die Fürstin nie in die Karten schauen. Selbst wenn Pia ihr eine Szene machte, verriet ihr Gesicht keine einzige Emotion. Sie hörte sich alles geduldig an, wich ab und zu einer Ohrfeige aus, ergriff schließlich die Hand ihrer Frau und beide verschwanden. Egal wie eifersüchtig Pia sein konnte, sie hielt fest zu ihrer Frau. Manchmal fragte sich Katja ob diese ganzen Szenen bei denen Vorspiel war und wenn sie verschwanden, den Hauptakt dann vollführten. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie sich sehr oft vor, wie die Beiden den horizontalen Walzer tanzten. Nur kurz verschwand sie in ihrer Fantasiewelt. Dann fokussierte sie sich auf den Lockenkopf. Ihre blauen Augen beobachteten das tiefe und ruhige atmen, wie das Gesicht der Adligen zur Hälfte in ihren verschränkten Armen versteckt war und sie hielt für einen Moment inne. Es wirkte so einfach eine eindeutige Szene zu initiieren, so dass bei Pia alle Sicherungen durchbrennen würden, aber aus einem ihr unerfindlichen Grund zweifelte sie am Erfolg dieses Szenarios. Trotzdem trat sie näher an den Schreibtisch heran und streichelte mit ihrer Hand den linken Arm der Adligen entlang. Regina hatte die Angewohnheit die Ärmel ihrer Hemden und Blusen hochzukrempeln, egal ob sie darüber eine Anzugsjacke oder die Jacke der Uniform trug, so dass sich auf ihren Arm eine Gänsehaut bildete. Jedoch reichte die kleine Berührung aus und sie schreckte aus dem Schlaf hoch. Dafür dass sich Pia immer darüber beschwerte dass Regina wie ein Stein schlief, war diese gerade eben sehr schnell wach geworden.
„Katja? Was machen Sie in meinem Büro? Ich kann mich nicht daran erinnern Sie hinein gebeten zu haben.“ Um ein wenig Abstand zu gewinnen, ließ sie sich gegen die Lehne fallen. In ihren smaragdfarbene Augen lagen Skepsis und Misstrauen.
„Ich habe Sie gesucht.“
„Das beantwortet nicht meine Frage, warum Sie in meinem Büro sind.“
„Entschuldigen Sie, aber ich wollte Sie für das Feuerwerk holen.“
„Warum? Haben Sie meine Frau nicht gefunden? Als ich ins Büro ging, haben Sie doch mit Pia noch einmal Champagner verteilt.“
„Sie wurde in ein Gespräch verwickelt.“
„Katja, auch wenn Sie es nicht glauben wollen, aber Pia ist kompetent und kann anstatt meiner Entscheidungen treffen. Und wenn Sie niemanden von uns finden, dann ist immer noch Madeleine da. In Zukunft möchte ich, dass Sie niemals dieses Büro betreten, wenn Sie nicht hinein gebeten werden. Haben wir uns verstanden? Benötigen Sie ein paar Tage um darüber nachzudenken?“ Regina wusste nicht was es war, aber plötzlich war ihr Katjas Nähe unangenehm und beunruhigte sie.
„Es wird nie wieder passieren, Frau von Millburgh.“ Antwortete die Kellnerin, die sehr froh darüber war nicht ihrem Impuls gefolgt zu sein.
„Und erinnern Sie sich bitte daran, dass meine Frau die gleiche Anrede hat.“
„Ja. Natürlich. Es tut mir Leid.“
„Sie müssen sich nicht bei mir entschuldigen. Wenn Sie das nicht in den Griff kriegen, dann sehe ich mich gezwungen Sie zum Ende der Saison zu kündigen. Sie arbeiten gut, aber trennen Sie bitte das Private von der Arbeit.“
„Ja. Ich werde daran arbeiten.“ Keiner von den Beiden hatte bemerkt, dass Katja noch immer ihre Hand auf der Schulter der Adligen hatte. Bis Pia das Büro betrat.
„Nimm deine Finger von meiner Frau!“ Fauchte sie, doch so schnell konnte sie gar nicht schauen, wie Regina zwischen den beiden Frauen stand.
„Katja, Sie können Feierabend machen. Wir sehen uns dann am Freitag.“
„Aber […].“
„Sie waren uns heute eine sehr große Hilfe. Genießen Sie ihre freien Tage, aber gehen Sie jetzt!“ drängte der Lockenkopf. Ohne ein weiteres Wort verließ sie das Büro, während Pia ihr nonverbal das Messer in den Rücken jagte.
„Hör auf so zu funkeln! Davon wird sie nicht tot umfallen. Obwohl dein Blick beeindruckend ist.“ Ein kleines Lächeln huschte über das kantige Gesicht. Die Russin widmete sich ihrer Partnerin.
„Du alter Charmeur. Deine Taktik ist gut, aber was wollte sie schon wieder?“
„Angeblich hatte sie wohl Sehnsucht nach mir und suchte mich. Das Feuerwerk startet gleich?“
„Babe, das ist längst vorbei. Madeleine und ich beaufsichtigten es noch, weil Katja plötzlich verschwunden war. Ich wollte dich abholen.“ Kurz überlegte sie, dann holte sie tief Luft. „Nope. Noch nicht.“ Schnitt ihr der Lockenkopf das Wort ab.
„Ich weiß und ich habe sie noch einmal in die Schranken gewiesen. Ja, ich gebe dir Recht und ich bin am Überlegen ob wir sie zum Ende der Saison kündigen, wenn sich ihr Verhalten nicht bessert. Ich vertraue ihr nicht mehr. Irgendwas stimmt nicht mit ihr.“ Erzählte sie hastig, bevor die brünette Schönheit sich in Rage reden konnte. Sie tigerte das Büro auf und ab. Etwas sprachlos ließ die Brünette die angehaltene Luft entweichen und beobachtete ihre Frau, wie diese ungeduldig durch das Büro lief. Sie war definitiv aufgebracht und irritiert, aber die Bürgerliche wusste nicht ob sie sauer war.
„Wie meinst du das genau? Du traust ihr nicht mehr? Ich bin geschockt, dass du ihr je vertraut hast!“

