Liebe deinen Esel, wie dich selbst

Text
0
Kritiken
Leseprobe
Als gelesen kennzeichnen
Wie Sie das Buch nach dem Kauf lesen
Liebe deinen Esel, wie dich selbst
Schriftart:Kleiner AaGrößer Aa

Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Prolog 3

Kapitel 1 7

Kapitel 2 13

Kapitel 3 22

Kapitel 4 26

Kapitel 5 34

Kapitel 6 39

Kapitel 7 51

Kapitel 8 56

Kapitel 9 66

Kapitel 10 78

Kapitel 11 102

Epilog 113

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-940-8

ISBN e-book: 978-3-99107-941-5

Lektorat: Mag. Eva Zahnt

Umschlagfoto: Ulrich Hilgenfeldt, John Johnson, Roman Egorov, Photka, Fafojp | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Ulrich Hilgenfeldt

www.novumverlag.com

Prolog

Hör nicht auf die Welt,

die Welt ist verloren.

Bewahre das Glück in Deinem Herzen.

Der liebe Herrgott wird mir diesen blasphemischen Titel wohl verzeihen, denn er weiß, dass der Nächste auch ein Esel sein kann. Mit diesem Titel und dieser Schrift trete ich bewusst nicht in Konkurrenz mit dem unvergleichlichen Werk von Desiderius Erasmus. Der Bezug ergibt sich, wenn man geneigt ist, Eselei mit Torheit gleichzusetzen. So jedenfalls wurde meine Wanderung durch die Cevennen in Begleitung eines Esels und eines kleinen, 4 Monate alten Hundes während und nach der Reise gelegentlich mehr oder weniger direkt ironisch von einigen Weggefährten, Freunden und Artgenossen kommentiert.

Gleichwohl bekenne ich mich dazu, mich über viele Dinge etwas großzügig hinwegzusetzen, auch über die spöttischen Schmähungen meiner Freunde. Ich hatte den Entschluss zu dieser Wanderung gefasst und sie mit großem Vergnügen durchlebt. Zudem halte ich es für unsinnig, etwas zu beurteilen, das man nicht kennt, wie zum Beispiel das Wandern mit einem Esel.

Diese Großzügigkeit, sich über so manche Spitzfindigkeit hinwegzusetzen, erlaube ich mir auch in vielen anderen Dingen. Ich bin mir bewusst, mich auch bei bestimmten Redewendungen in den Augen gestrenger Kritiker nicht auf korrekten sprachlichen Bahnen zu bewegen. Das fängt schon bei dem Titel an, denn der müsste korrekterweise heißen: Liebe deine Eselin wie dich selbst, denn es war ein weiblicher Reisebegleiter – ach –, Verzeihung, eine weibliche Reisebegleiterin. Das war mir dann doch etwas zu holprig. Diese korrekte Differenzierung, Polarisierung, oder auch Diskriminierung der Geschlechter ist ja groß in Mode. Da heißt es, wie aktuell zu Wahlzeiten: Liebe Freundinnen und Freunde, oder je nach politischer Couleur: Liebe Genossinnen und Genossen. In der Kirche heißt es: Liebe Christinnen und Christen, und ich denke, es dauert nicht mehr lange, bis ich die Wendung: Liebe Menschinnen und Menschen, vernehmen werde.

Neuerdings hat man als Kürzel wieder eine neue Formalie erfunden, eine Verschmelzung der genderspezifischen Unterschiede. Jetzt sagt man: Liebe Freund:innen. Dabei fällt mir ein, dass wenn es den Begriff Freund:innen gibt, müsste es doch vielleicht auch einen Freund:außen geben. Aber die richtigen Gender∙pro∙viel∙List:innen sind ja auf einem guten Weg. „Frau Lehmann“, „Frau Müller“ und „Frau Schneider“, das geht ja gar nicht und wäre es nicht auch ein großartiger Erfolg für die Gendergerechtigkeit, wenn man die Stadt Mannheim in Menschheim umbenennen würde, oder die Amerikaner davon überzeugen könnte, den New Yorker Stadtteil Manhattan in Humanhattan umzubenennen?

Wie auch immer. Es ist schon putzig, was im Zusammenleben von Menschen als wichtig erachtet wird. Immerhin wird die Genderdebatte an dem Artikel festgemacht, der männlich, weiblich oder sächlich sein kann und so verfängt sich so manche Argumentation an dem Artikel eines bestimmten Begriffs.

Der Geist ist männlich, so, als hätten Frauen keinen Geist. Das sollte doch die Feministinnen dieser Erde auf den Plan rufen. Ich kenne viele sehr intelligente und geistvolle Frauen. Also reden wir von dem weiblichen Geist, aber das ist ein Widerspruch in sich, ein männlicher Artikel gepaart mit dem Adjektiv „weiblich“. Das Problem löst eigentlich nur ein weiblicher Ausdruck für den „Geist“, z. B. die Geistin.

Hallo, liebe Emmas dieser Welt. Wie gefällt euch das? Die Vernunft ist weiblich, die Weisheit ist weiblich, ebenso wie die Anmut. Ist das nicht wundervoll. Da sollten die männlichen Wesen neidisch drauf sein. So etwas gibt es nur in der deutschen Sprache. Sie verführt dazu, den geschlechtsbezogenen Artikel einer Sache dem jeweiligen Geschlecht zuzuordnen. Auf jeden Fall und das möchte ich an dieser Stelle nachdrücklich betonen, bevor man mich bezichtigt, ein Macho zu sein, es käme mir nie in den Sinn, einem Esel einen weiblichen Artikel zu verpassen.

Was ich aber befürchte, ist, dass zukünftig die genderbezogenen Artikel verschiedener Begriffe verändert werden, die einen negativen Inhalt haben, z. B. die Hinterlist, die Feigheit, die Dummheit, die Eifersucht, die Niedertracht usw. Dann werden die Frauen darauf dringen, diese Begriffe mit einem männlichen Artikel zu versehen. Den Männern wird das nicht gefallen und sie werden dafür plädieren – um des lieben Friedens willen –, diesen Begriffen einen sächlichen Artikel zu verpassen. Das wird dann das dritte Geschlecht auf den Plan rufen, die für sich auch einen eigenen, den sächlichen Artikel beanspruchen. Dann haben wir ein echtes Problem der Gendergerechtigkeit, das erst durch tiefgreifende Reformen der deutschen Sprache gelöst werden könnte.

Das, was mich bei dieser intellektuellen Blödelei eigentlich bewegt, ist die Erkenntnis, dass uns als Gesellschaft diese geschlechtliche Polarisierung sehr geschadet hat. Die sogenannte Genderkonformität, die unter dem Begriff „Gendergerechtigkeit“ völlig überhöht wird, ist gesellschaftlich die größte Eselei, die wir nicht nur den Feministen und Feministinnen zu verdanken haben. Alleine die Umstellung des Begriffs „Studentenwerk“ in „Studierendenwerk“ hat die Universität Heidelberg nach Auskunft von Insidern 800.000 € gekostet. Da kann man schon ins Grübeln kommen, wenn man dieses Ereignis auf alle Begriffe hochrechnet, die in der Öffentlichkeit, Ämtern und Behörden im Laufe der Zeit im Sinne der Genderkonformität umgestellt worden sind. Das betrifft aber nur die materielle Konsequenz. Viel nachhaltiger ist die ideelle, die gesellschaftliche Konsequenz. Sie geht einher mit einem Werteverfall, mit einer Paralysierung der kommunalen Gemeinschaft, und erodiert damit zutiefst nicht zuletzt den wichtigsten Träger der sozialen Gemeinschaft, die Familie.

Einfach gesagt umfasst der Begriff: Wähler, Arbeiter, Polizisten, Studenten, Christen und was auch immer, die Gemeinschaft einer Gruppierung, die als Gemeinschaft eine viel stärkere Gruppierung darstellt als die geschlechtsspezifische Betonung der jeweiligen Gruppe. Für mich ist die Ansprache eines Pfarrers erbärmlich, der seine Gemeinde mit „Liebe Christinnen und Christen“ anspricht, im Vergleich zu „Liebe Christen“, als Ausdruck der Gemeinschaft von Männern und Frauen, Kindern und Großeltern, Witwen und Waisen, die zusammenstehen und zusammenhalten, als den Begriff einer sozialen Gemeinschaft, unabhängig von dem jeweiligen Geschlecht, der sozialen Stellung und dem persönlichen Schicksal jeder einzelnen Person. Solche sozialkritischen Gedanken, geneigter Leser, die mich auf meiner Wanderung des Öfteren beschäftigen, werde ich in meinem Reisebericht mit einfließen lassen.

Kapitel 1

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf die Idee kam, mir dieses Buch zu kaufen. Wahrscheinlich war es mir zufällig in einer Radiosendung oder dem Feuilleton einer Zeitung begegnet. Auf jeden Fall kann ich mich daran erinnern, es in einem Heidelberger Buchladen erworben zu haben. Dieses Buch, Reise mit dem Esel durch die Cevennen von Robert Louis Stevenson, hat mich gefesselt und überrascht. Da macht sich ein Schotte Ende des 19. Jahrhunderts auf, um mit einem Esel die Cevennen von Nord nach Süd zu durchwandern.

Nachdem ich es mit Begeisterung gelesen hatte, schenkte ich es einem Freund und Kollegen bei einem Besuch in der Klinik, der gerade in der Heidelberger Chirurgie von dem berühmten Christian Herfarth an einem Darmkrebs operiert worden war. Das Ganze ist jetzt so um die 20 Jahre her. Der Freund erfreut sich heute wieder bester Gesundheit. Ob dieses Buch seine Lebensfreude so sehr beflügelt hat, und einen wesentlichen Teil zu seiner Genesung beigetragen hat, weiß ich nicht. Darüber haben wir nie mehr geredet. Unabhängig davon hat mich das Buch gedanklich über die Jahre so in seinen Bann geschlagen, dass ich es jetzt unbedingt wieder erwerben wollte. Heute ist das kein Problem. Man schaut ins Internet und kann jedes nur erdenkliche Werk erwerben. Ich habe dieses Buch tatsächlich auch gefunden und umgehend gekauft. Gleichzeitig aber stolperte ich bei meiner Internetsuche über Reiseberichte von Wanderern und Reiseanbietern, die genau das, eine Wanderung durch die Cevennen auf der Route von Stevenson, beschrieben bzw. anboten und ich gestehe, dass ich jetzt neugierig geworden war.

 

Es sollte eines von den Abenteuern werden, die einem nach einem Leben in geordneten Bahnen das Gefühl von Leben als Individuum wiedergeben. Geordnete Bahnen, das bedeutet, eine Familie zu gründen, Kinder groß zu ziehen, an seiner Karriere zu arbeiten, ein Haus zu bauen und sich viele Statussymbole leisten zu können. Dazu gehörten für mich auch die Sicherung der Existenz und das Bewusstsein, Verantwortung zu tragen, nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Frau an meiner Seite. Sie ist es, die mit Bienenfleiß ihren eigenen Beruf mit professioneller Einsatzfreude ausübt, um abends bei der Hausarbeit mit Wäschewaschen, die Betten neu beziehen und anschließend beim Bügeln vor dem Fernseher noch etwas in die Welt hinauszuschauen. Geordnete Bahnen bedeutete aber auch: Berufliche Zwänge, eine gehörige Portion Selbstdisziplin und Anspruch an die eigene Leistungsfähigkeit, so manche schlaflose Nacht, die man als Kopfarbeiter zur Lösung von wissenschaftlichen Problemen genutzt hat, häufig verbunden mit einem nachhaltigen Leidensdruck. Andererseits hatte ich daneben immer die Möglichkeit genutzt, auch einmal richtig faul zu sein. Ich habe immer auch ein Leben neben meinem Beruf und meiner Familie geführt, gewissermaßen ein Eigenleben. Dass ich das auch tatsächlich realisieren konnte, verdanke ich einer sehr klugen Frau, die instinktiv erkannt haben mag, dass ich neben dem Alltag einen ausgeprägten Freiheitsdrang besaß und immer noch besitze, was mich mit anderen Männern aus dem Sternzeichen „Wassermann“ verbindet, die interessanterweise den Großteil meiner Freunde stellen. Wassermänner, las ich einmal in einem Horoskop-Büchlein, sind die letzten Partisanen im Kampf gegen die Amazonen. Diese heißen heute Emanzen und im Gegensatz zu ihren antiken Vorbildern müssen sie sich nicht mehr die eine Brust amputieren, um mit Pfeil und Bogen die Männer abzuschießen. Das erledigt sich heute problemlos mit einem Vorwurf wegen sexuellem Missbrauch. In der „Me too“-Bewegung hat es dann wohl auch einige sehr renommierte männliche Vertreter zu Recht getroffen. Dass dabei gelegentlich auch der eine oder andere unschuldige Wetterfrosch Federn lassen musste, der selbst im medialen Getöse zu Hause ist, nennt man im modernen Sprachgebrach „Kollateralschaden“.

Nein, dieser Freiheitsdrang hat mich nie dazu veranlasst, in meinem Leben durch Kneipen, Puffs und Bars zu ziehen. Ich habe die Freiheit besessen, nein, ich habe mir die Freiheit genommen, und mir z. B. ein Motorrad gekauft, ohne es meiner Frau zu sagen. Die Lösung, daraus ein Geheimnis zu machen, war ein Stellplatz in einer Tiefgarage in der Nähe unserer Wohnung, von der sie nichts wusste. Da bin ich mit meinem Auto hineingefahren und auf der anderen Seite mit dem Motorrad wieder heraus. Schließlich wussten alle meine Freunde von der Existenz dieses Motorrads und haben dichtgehalten. Nur meine Frau und ich führten immer noch heiße Diskussionen, ich „für“ und sie „gegen“ das Motorradfahren. Schließlich hat sie mich erwischt. Ich war am Wochenende bei strahlendem Sonnenschein mit dem Motorrad auf meinen Weinberg gefahren, den ich mir bei Gelegenheit zugelegt hatte, um mich körperlich fit zu halten, als mich meine Frau überraschend besuchte. Natürlich hatte ich eine Ausrede parat. Ein Mitarbeiter von mir besaß genau das gleiche Motorrad. Also erzählte ich ihr, er habe sich für einen kleinen Anlass mein Cabrio ausgeliehen und das Motorrad solange hier stehen gelassen.

Für dieses Mal war ich gerettet, aber dann kam doch der Tag, an dem ich die Existenz der Maschine nicht mehr leugnen konnte. Normalerweise hätte man in dieser Situation mit einer gehörigen Portion an Vorwürfen, Verdächtigungen und Drohungen seitens der Ehefrau rechnen können. Aber nein, meine wunderbare Frau machte mir keine Szene. Es wurde nicht mehr darüber diskutiert, denn sie hatte erkannte, dass diese Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Sie war wohl etwas verschnupft, dass sie die Letzte war, die von der Existenz des Motorrads erfahren hatte und sie stellte mir die Bedingung, dass ich sie nie dazu nötigen dürfte, auf dem Motorrad mitzufahren.

Dieser Freiheitsdrang muss ein Grund für dieses Wanderprojekt gewesen sein. Hinzu kam wohl auch das Gefühl, nach all den Jahren den persönlichen Mittelpunkt verloren zu haben. Ich hatte mich nicht sehr sorgfältig mit mir selbst beschäftigt. Es war Zeit für eine persönliche Bestandsaufnahme und eine Neujustierung, Zeit, um mir die Frage zu stellen, was in meinem Leben wichtig und was unwichtig ist und es war auch an der Zeit, mir darüber klar zu werden, welche Werte mich, meine kleine Welt und die Gesellschaft tragen und es wert sind, beschützt zu werden.

Diese Gedanken bewegten mich jedoch anfangs nicht. Angefangen hatte es vielmehr mit einer Erkenntnis und einem Entschluss. Die Erkenntnis bestand darin, dass ich in den vergangenen Jahren, insbesondere seit ich aus dem aktiven Dienst ausgeschieden war, sehr viel Zeit vergeudetet hatte, Zeit, die unwiederbringlich verloren war. Das war insbesondere Zeit, die ich auf eingetretenen Pfaden im Internet vertrödelte und von denen ich mir einbildete, sie seien für mein Leben wichtig und entscheidend. Für mich persönlich war mit diesen Stereotypien auch eine gewisse geistige und körperliche Behäbigkeit verbunden, unter der ich zunehmend litt. Dann schlich sich bei mir auch langsam die Erkenntnis ein, dass ich in meinem Leben viel Zeit mit imaginären und abstrakten Dingen zugebracht habe. Es gab wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich bald als Täuschung herausstellten, klare wässrige Lösungen, die ein wichtiges Enzym enthielten, das jedoch nur durch eine weitere komplizierte Reaktion mit einem physikochemisch markierten Substrat in Art und Menge dargestellt werden konnte, oder hoch spezifische Antikörper, komplizierte Eiweißmoleküle, die sich als schlichtes weißes Pulver zu erkennen gaben, als wäre es Mehl. Dann fiel mir auf, dass morgen die Nachrichten von heute die Nachrichten von gestern sind, oder, um es mit den Nordlichtern zu sagen, dass in den Zeitungen von heute morgen die Fische eingewickelt werden. Daneben aber fiel mir auch auf, dass manches Bedeutende aus der Vergangenheit im Müll der täglichen Neuigkeiten verschüttet wurde, obwohl es wert gewesen wäre, diese Informationen oder Erkenntnisse zu bewahren.

Der Entschluss und die Lösung dieses Problems bestanden für mich in dem Erwerb eines Hundes, um wieder etwas von der nichtsnutzigen Freiheit aufzugeben. Dann war ich genötigt, regelmäßig vor die Tür zu gehen und mich nach den Bedürfnissen dieses Wesens zu richten und dadurch auch ein Teil meiner Behäbigkeit. In der Weltliteratur war es ein Pudel. Dieser Rasse kann ich aber leider nichts abgewinnen. Ich entschied mich für einen Jack Russel-Welpen, den ich bei meiner ausgiebigen Interneterfahrung bei einem Züchter in unserer unmittelbaren Nähe entdeckte. Es war ein kleiner Rüde mit einem weißen Streifen von der Schnauze über die Stirn. Links und rechts davon lagen die Augen in schwarz-braunen Flecken, die sich hinter den Ohren herzförmig vereinten. Der Rücken war im Wesentlichen weiß. An der rechten Seite befand sich ein großer schwarzer Fleck und deshalb nannte ich ihn Nobby. Auch das ist wieder eine meiner persönlichen Unkorrektheiten. Zu Deutsch sollte er Knöpfchen heißen. Ich dachte mir, zu einem englischen Hund, noch dazu ein Terrier, passt ein englischer Name. Das abgeleitete englische Wort von Knopf ist knob. Im Englischen heißt Knopf heute nicht mehr knob, sondern button. Aber das sollte man bei einer so weitreichenden Entscheidung wie der Namensgebung nicht so eng sehen. Daraus habe ich dann großzügigerweise Nobby gemacht. Gelegentlich ist mir dann eingefallen, dass Nobby auch die Abkürzung für Nobbody sein könnte. Es könnte auch die Abkürzung für das klassische Zitat von Shakespeere „To be or Not to bby“ sein. Meine einfältigen Landsleute meinten gelegentlich, Nobby sei die Abkürzung von Norbert. Das habe ich dann stets kategorisch mit der Bemerkung verneint: „Wenn das so wäre, müsste ich meinen Hund Norby nennen.“ Diese Variante war mir dann doch nicht recht, denn ich konnte den Namen Norbert nicht mit einem Hund assoziieren. In meiner Welt assoziiert man den Namen Norbert mit einer politischen Persönlichkeit, die uns Deutschen eines Tages verkündete: „Die Renten sind sicher …“ Da hatte er wohl Recht. Was er als erfahrener Politiker damals verschwieg, war der Nachsatz: „… aber die Höhe nicht.“ Nur die ganz Einfältigen haben sich damals mit dem ersten Halbsatz zufriedengegeben.

Mit diesem acht Wochen alten Welpen stand ich eines Tages unverhofft in der Tür unseres Hauses. Dazu gehörten Mut und Erfahrung eines 20-jährigen Ehelebens, Frau und Tochter vor vollendete Tatsachen zu stellen, dass es nun ein neues Familienmitglied gab. Dass ich einen Hund kaufen wollte, hatte ich gelegentlich schon einmal erwähnt und beide, meine Frau Gabi und meine Tochter Verena, hatten sich auch schon darauf geeinigt, mir das auszureden. Dazu war es jetzt allerdings zu spät, denn auch diese Geschichte endete so ähnlich wie die mit dem Motorrad. Meine Frau Gabi war enttäuscht, weil sie sich ihr zukünftiges Leben mit mir anders vorgestellt hatte. Jetzt, wo ich nicht mehr arbeiten würde (wie sie meinte), ohne Einschränkung reisen zu können, diese Aussicht war ihrer Meinung nach damit hinfällig. Aber ähnlich wie bei meinem Motorrad war ihr klar, dass diese Schlacht nicht mehr zu gewinnen war. Meine Tochter beschwerte sich darüber, dass ich ausgerechnet jetzt, wo sie das Haus verlassen würde, um zu studieren, mit einem Hund ankäme, wo sie doch schon immer einen Hund haben wollte. Das empfand sie als unfair.


Jetzt, vor Reisebeginn, ist Nobby ein vollakzeptiertes Familienmitglied und allseits geliebt und daher eben kommen die vierbeinigen Freundschaften so vieler Menschen besserer Art: denn freilich, woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann (Arthur Schopenhauer: Zur Ethik 2/3).

Kapitel 2

Heute ist Freitag, ein Tag vor unserer Abreise. Vorgestern, der Mittwoch, war chaotisch. Am Morgen gab es drei Termine. Erstens ein Arzttermin und eine elektrische Therapie meines lädierten Schultergelenks, dann hatte ich in der Universität eine Promotionsprüfung, bei der die Kandidatin sehr aufgeregt war. Das war eine knifflige Situation, in der man eigentlich nicht prüfen kann und als Prüfer nur froh ist, wenn der Prüfling ohne große emotionelle Ausfälle die Prüfung übersteht, wobei ich anmerken muss, dass es fast unmöglich ist, bei einer Promotionsprüfung durchzufallen. Dann gab es noch eine Klausurbesprechung, die noch das angenehmste Ereignis für mich war, denn die Studenten wurden für voll genommen und hatten gezeigt, dass sie etwas gelernt hatten. Schließlich kam noch Martina in meinem Büro vorbei, meine ehemalige Assistentin, die bei mir promoviert hatte, und bat mich um ein Gutachten. Was macht man so alles als Professor im Ruhestand?

Zwischendrin war dann immer auch noch Nobby an der Reihe, der in meiner Abwesenheit immer geduldig in meinem Büro auf mich wartete, um mich anschließend bei meiner Rückkehr stürmisch zu begrüßen. Mit ihm zog ich dann immer aus der Universität und den Kliniken auf die Neckarwiese, wo es ein Stelldichein mit allen Heidelberger Hunden gab, ein Ereignis, das mein kleiner Hund immer freudig herbeisehnte. Anschließend fuhr ich auf dem Heimweg noch bei meinem Weinberg vorbei, dem Ort, an dem ich mich in den vergangenen Jahren immer körperlich austoben konnte, wenn ich meinen Schreibtisch verlassen hatte.

Gestern kam ich erst gegen Mittag aus dem Universitätsinstitut, nachdem ich morgens mit Nobby über die Neckarwiese getollt war. Er hatte ein Windspiel als Sparringpartner gefunden, mit dem er ausgelassen über die Wiese rannte. Zurück in meinem Büro musste ich noch Martinas Gutachten fertigstellen. Es war ein mörderisch heißer Tag mit Temperaturen über 30 °C. Anschließend ging es nochmals zum Weinberg, denn ich war tags zuvor mit meinen Arbeiten nicht fertig geworden. Vor der Abreise mussten noch Laubarbeiten gemacht werden, damit bei der Hitze genug Luft an die Reben kommt, um den Infektionsdruck zu verringern. Im Zusammenhang damit stand auch noch ein Reduktionsschnitt auf dem Programm, bei dem die überzähligen Trauben abgeschnitten werden, um die Qualität des Weins zu steigern.

 

Heute also musste ich noch auf dem Weinberg die Bodenarbeiten zu Ende bringen. Also rannte ich hinter meinem Mulcher her, um das Gras und das Unkraut zwischen den Rebenzeilen des Weinbergs auf eine akzeptable Höhe zu reduzieren. Nobby konnte in dieser Zeit frei in den Weinbergen streunen. Er fand immer etwas, das ihn interessierte, sei es ein Mausloch, das er aufgrub und hineinpustete, die Spur eines Hasen und solange bei mir eine Maschine ratterte, ließ er sich nicht blicken. Nicht, dass er davor Angst gehabt hätte, Lärm machte ihm im Prinzip nichts aus, aber er wusste, dass ich nicht mit ihm spielen konnte, wenn ich irgendein lärmendes Gerät betätigte. Gelegentlich sah ich auch einen Hasen im Zickzack durch die Weinberge rasen, den mein Hund aufgestöbert hatte, aber so richtig gejagt hat er ihn dann doch nicht.

Schließlich mussten die Reben noch gespritzt werden. Mit dem 50 kg schweren Spritzgerät auf dem Rücken ging es dann die Reihen hoch und runter. Das nennt man im normalen Sprachgebrauch: Ordnung machen, denn der Weinberg würde mich jetzt eine Woche nicht mehr sehen. Es war 20:15 Uhr, als ich endlich nach Hause kam.

Mit meiner Frau konnte ich kaum ein Wort wechseln, weil ich meine Sachen noch packen musste. Es war 23:30 Uhr, als ich endlich ins Bett kam.

Heute begann der Tag um 6 Uhr. Meine Reise wollte ich in meinem alten Porsche antreten, der noch gepackt werden musste. Dann war es schließlich 8 Uhr, als die Abfahrt angesagt war. Eine liebe Umarmung meiner Frau, „alles Gute und kommt heil und gesund wieder nach Hause und sieh zu, dass Nobby nicht unter die Räder kommt.“ Dann waren wir weg. Ein bisschen schlechtes Gewissen hatte ich schon, aber ich wusste, für das, was ich vorhatte, konnte ich Gabi nicht begeistern und sie war klug genug, mir das nicht mies zu machen. Die Fahrt war kalt und regnerisch. Ich fuhr über die A5 nach Karlsruhe und von hier aus über die Landstraße nach Lauterburg.

Da sitze ich nun mit Nobby in einem Porsche 911, Bj. 1991, einem Auto, das mir in den vielen Jahren meines Lebens nicht gefehlt hat. Eigentlich wollte ich mir als „Rentnerbeschäftigung“ einen alten englischen Oldtimer kaufen, so einen, wie den eines Freundes, einen Triumph Stag. Ein Blick ins Internet eröffnete mir eine Reihe von erschwinglichen Angeboten in verschiedenen Variationen. Also befragte ich meinen Freund nach seiner Meinung. Seine Frau war begeistert, wenn ich das machen würde. Dann müsste sie nicht mehr alleine zu den langweiligen Stag-Treffen fahren und hätte nette Gesellschaft, wenn meine Frau und ich mit dabei wären.

„Muss es denn ein Stag sein?“, fragte mein Freund lakonisch. Es gäbe in Deutschland noch 30 solcher Autos und sein Modell wäre zurzeit das einzige fahrtüchtige Auto dieser Marke. Teure Ersatzteile und die zunehmende Inkompetenz entsprechender Werkstätten, ein solches Auto auch zu reparieren, waren ein weiterer Einwand. Das war er also, ein richtiger Freund, der mich vor einer lausigen Fehlentscheidung bewahren wollte. „Aber“, meinte er, „meine Cousine Konstanze ist gerade in Scheidung und besitzt ein altes Mercedes Benz Cabrio, 190 SL, schwarz mit roten Ledersitzen, den sie sicher verkaufen würde.“ Ja, das wäre eine schöne Alternative zu einem englischen Oldtimer, dachte ich. Man hätte keine Probleme mit englischer Autotechnik und Ersatzteile und kompetente Werkstätten gäbe es auch noch ein halbes Jahrhundert für dieses Auto.

Bei näherer Rücksprache mit Konstanze ergab sich allerdings, dass sie keinen Mercedes Benz Cabrio 190 SL, schwarz mit roten Ledersitzen besaß, sondern ein Mercedes Benz Cabrio SL 560, Bj. 1981 in grün, das mir überhaupt nicht gefiel. Es war eine echte Enttäuschung. „Wenn du schon einen Sportwagen haben willst, warum kaufst du dir keinen Porsche?“ Es war meine Frau, die mir diese Frage gestellt hatte.

„Ja, warum eigentlich nicht?“, sagte ich mir. Für gewöhnlich kostet ein Porsche ein Vermögen. Dieser hier wurde im Internet angeboten und war gebraucht so teuer wie ein neuer VW Golf, ein schwarzer Porsche 911 Carrera 2, Cabrio mit schwarzen Ledersitzen. Der Verkäufer hatte sich das Auto gerade erst drei Wochen zuvor gekauft. Das hätte mich stutzig machen müssen. Aber er versicherte mir, dass der Vorbesitzer ein Automechaniker gewesen sei. Das Auto würde etwas Öl verlieren, was bei einem älteren Porsche nicht ungewöhnlich sei, denn er fährt in Verbindung mit dem luftgekühlten Motor mit 12 Litern Öl spazieren. Ansonsten sei das Auto aber in Ordnung und er würde es nur verkaufen, weil er gemerkt hat, dass er ihn nicht braucht. Wer braucht schon einen Porsche? Nachdem ich ihn gekauft hatte, wurde mir bei genauer Inspektion klar, worauf ich mich eingelassen hatte. Es zeigte sich, dass an den vier Rädern Reifen von drei verschiedenen Herstellern montiert waren, der vordere Querlenker musste erneuert werden, abgesehen von den Bremsblöcken und Belägen. Der Wagen hatte einen starken Ölverlust, weil ein ursprünglich gebogener Ölschlauch durch einen geraden ersetzt worden war, der dadurch geknickt war und einen Ölstau verursachte. Ein Zylinderkopf war lausig repariert worden. Man hatte eine Hülse in eine Ventilführung eingebaut und eine Ventilfeder war gebrochen, wobei sich das gebrochene Endteil in das Federgewinde eingespult hatte, zum Glück, sonst wäre der Motor ein Totalschaden gewesen. Es war auch, wie man der Schilderung entnehmen kann, die reinste Eselei, ein solches Auto einfach so blauäugig zu kaufen. Aber so etwas gehört gelegentlich auch dazu, „Lehrgeld“ zu bezahlen, etwas, das in der Berufswelt unterdessen völlig aus der Mode gekommen ist. Jetzt, nachdem alles sachgemäß in Ordnung gebracht wurde, ist das Auto die reinste Lebensfreude, auch wenn es bis zu diesem Punkt eine finanzielle Herausforderung war und auch ich dieses Auto eigentlich gar nicht brauche.

In Karlsruhe, auf der Durchgangsstraße in Richtung Wörth, vor der Rheinbrücke wurde ich zum ersten Mal geblitzt. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, denn das ist mir hier schon einmal passiert. Aber so ist es nun einmal. Man sitzt in einem schnellen Auto und fährt in den Urlaub und träumt vor sich hin. Das wissen auch die Stadtväter und lassen immer an den schnellen Ein- und Ausfahrtsstraßen die Blitzer aufstellen, an Orten, an denen man automatisch schneller fährt, weil einem keine Fußgänger in die Quere kommen. Mit dem festen Vorsatz, jetzt doch etwas kontrollierter autozufahren, fuhr ich auf der A35 über die Grenze und weiter in Richtung Straßburg. In Straßburg mündete die Autobahn direkt in eine Schnellstraße, die durch die Stadt führt. Hier wurde ich das zweite Mal geblitzt. Na, das ging ja schon gut los. Mir schwante, dass mich meine Reise zu dem Start und Ausgangspunkt einer Wanderung mit meinem Hund und einem Esel durch die Cevennen für längere Zeit zu einem Fußgänger degradieren würde. Ich war mir plötzlich nicht sicher, ob ich meinen Führerschein nach Beendigung der Reise noch haben würde, wenn ich wieder zu Hause angekommen bin.

Das ist das Los eines Porschefahrers. Man ist immer ein paar km/h zu schnell auf der Straße, ohne es zu merken. Nobby machte während der Fahrt das einzig Richtige: Er schlief und störte mich nicht ein einziges Mal. Gelegentlich dachte ich, anhalten zu müssen, und ihm die Gelegenheit zu geben, sein Geschäft zu machen, aber Nobby war zufrieden. Er hatte die Angewohnheit, während der Fahrt weder zu trinken noch etwas zu essen. Bei meinen Tankpausen lief er mit mir zwar spazieren und fand auch gelegentlich den einen oder anderen Punkt, an dem er seine Duftmarke hinterlassen musste, ich hatte aber den Eindruck, dass es für ihn nicht unbedingt zwingend war.

Irgendwann während der Fahrt merkte ich, dass ich sehr müde geworden war. Die vergangenen Tage und die körperlichen und mentalen Strapazen waren nicht spurlos an mir vorbeigezogen. Sei’s drum, dachte ich mir. Besser ich komme später an, als gar nicht und so habe ich auf dem nächstbesten Rastplatz vor Besançon angehalten und bin sofort über dem Steuer eingeschlafen. Keine halbe Stunde später wachte ich mit einem panischen Schrecken auf. Ich hatte geträumt, während der Fahrt eingeschlafen zu sein. Jetzt war ich wieder richtig wach.

Sie haben die kostenlose Leseprobe beendet. Möchten Sie mehr lesen?