Buch lesen: "Mond über Eikaberg"
Torill Thorstad Hauger
Mond über Eikaberg
Roman
Aus dem Norwegischen
von Christel Hildebrandt
Saga
Herr Alv schlug zu, bis müd’ er ward
im Blute von fünfzehn Rittern nahm er sein Bad
kennt Ihr Herrn Alv?
Neun mächtige Koggen rüstet er auf
und segelt mit ihnen ins freie Norwegen hinauf
Kennt Ihr Herrn Alv?
Und die zehnte fuhr nach Rostock sodann
da erblaßte so manche Rosenwang’
Kennt Ihr Herrn Alv?
Es weinten Witwen und Waisen in der Nacht
die hatte der niederträchtige Adler arm gemacht
Kennt Ihr Herrn Alv?
Dänische Volksweise
Die Altstadt – Gamleby
Sie wußte, daß es eine Frau war.
Die Hüftpartie verriet es. Außerdem war das Skelett schmächtig. Sieben Jahrhunderte lang war es von der Friedhofserde bedeckt gewesen.
Dieses sonderbare Gefühl von Feierlichkeit und Ruhe ... ein gewaltiger Kontrast zu der lauten Brücke über ihrem Kopf.
Frühmorgens in Oslos Altstadt Gamleby. Der Dunst von Abgasen breitete sich über die Oslo gate aus, die Fernlaster ließen das Straßenpflaster erzittern, die Autobrücke warf einen dunklen Schatten über das halbe Ausgrabungsfeld. Nur ab und zu, wenn der Wind auffrischte, strömte eine frische Brise vom Meer herein, und dann bewegten sich die weißblühenden Büsche auf dem steilen Abhang von Ekeberg, dem Stadtteil Oslos, der im Mittelalter Eikaberg geheißen hatte.
Sie legte den Grabelöffel hin und strich die Erde vorsichtig mit den Händen weg. Als die Sonne am höchsten am Himmel stand, wurde die knochenweiße Stirn freigelegt. Ein Lichtstrahl streifte sie wie eine Liebkosung. Langsam entfernte sie die Erde aus den Augenhöhlen, von den Wangenknochen und dem Nasenbereich. Dann legte sie die Zähne frei. Sie waren regelmäßig und der Zahnschmelz immer noch weiß, obwohl er so lange in der Erde gelegen hatte.
Eine Frau. Vielleicht in ihrem Alter? Irgendwann im dreizehnten oder vierzehnten Jahrhundert war sie hier beerdigt worden. Auf dem Friedhof der Clemenskirche, während die Glocken zu Ruhe und Frieden mahnten.
Das Gesicht mit den hohen Wangenknochen erschien ihr mit einem Mal sonderbar nah. Sie strich über die schön geschwungene Stirn. Hier hatte die irdische Hülle dieser Frau in Ruhe liegen sollen. Nur von Erde bedeckt, bis zum Tage der Wiederauferstehung.
Sie notierte den Skelettfund auf dem Zeichenbrett, in einem Koordinationssystem mit x- und y-Achsen. Der Ausgrabungsleiter kam mit Kamera und Stativ und fotografierte das freigelegte Grab aus den verschiedenen Winkeln. Dann wurden die Knochen und der Schädel aus seinem Lager genommen und auf ein Tablett gelegt, denn jedes einzelne Teil sollte eine Nummer bekommen, sorgfältig mit Tinte im Ausgrabungsbüro notiert, bevor der Fund ins Anatomische Institut gebracht wurde.
Schon als Kind hatte sie sich brennend für Archäologie interessiert. Ihr Vater hatte sie mit nach Gamleby genommen und sie zu den versteckten Siedlungsstätten geführt, die vom mittelalterlichen Oslo noch übrig waren. Sein Blick verschleierte sich, wenn er darüber sprach, wie schlimm die nachfolgenden Generationen mit diesem Teil der Stadt umgegangen waren. Aber sobald er anfing, darüber zu erzählen, was hier geschehen war, von der Zeit der ersten Könige an, kam wieder Leben in ihn, und alles, was er erzählte, wurde in ihrem Kopf zu lebendigen Bildern.
Darum beschloß sie, Archäologie zu studieren und eine Arbeit über das Mittelalter zu schreiben.
Die Wolken trieben über den Himmel. Es begann, schräg auf das Grabfeld zu regnen, dennoch herrschte hier weiterhin hektische Aktivität. Erde wurde gesiebt, bevor man sie wegschaufelte und in Schubkarren wegfuhr, Knochenfunde wurden sorgsam ausgegraben, dann fotografiert und abgezeichnet. Eine Arbeit, die Außenstehenden als der absolute Stillstand erschien, die jedoch für die Archäologen eine schwere, schweißtreibende Tätigkeit darstellte, die hohe Konzentration erforderte. Vor der Absperrung hatten sich Leute eingefunden, um die Ausgrabung der Skelettreste von Menschen, die im mittelalterlichen Oslo gelebt hatten, zu beobachten.
Ein Blitz flammte über dem Ekeberg auf. Es war, als würde der Himmel in dunkle und helle Felder gespalten. Im gleichen Augenblick kam der Ausgrabungsleiter zu ihr und rief, daß sie einen ganz außergewöhnlichen Fund gemacht hätten. Er führte sie zum nordöstlichen Bereich des Friedhofs. Dort gab es drei Gräber, die gerade geöffnet worden waren. Der Ausgrabungsleiter zeigte auf eines davon, das erst zur Hälfte freigelegt worden war. In dem Moment brach die Sonne mit einem kräftigen Flackern durch die Wolkendecke, und Dampf stieg von den Erdschichten auf. Das Skelett lag mit schräg auf der Brust ruhenden Händen da. Es dauerte eine Weile, bevor sie etwas erkannte. Aber dann entdeckte sie es. Sie stieß einen Laut der Überraschung aus. Der Oberschenkel des Mannes war zersplittert, und in dem gebrochenen Knochen steckte immer noch das Projektil, das den Bruch verursacht haben mußte, ein kräftiger Armbrustpfeil. Was mußte der Mann mitgemacht haben! Die Stadt hatte eine reiche Geschichte. Konnte es zu Håkon Håkonssons Zeit geschehen sein, als der König gegen Herzog Skule kämpfte, oder hatte es sich nur um einen Streit zwischen den Bürgern der Stadt gehandelt, von dem nie in irgendwelchen Sagen berichtet worden war?
Sie ergriff den Grabelöffel, und gemeinsam mit dem Ausgrabungsleiter legte sie den Rest des Grabs frei. Sie schaute sich den Schädel genauer an. Ein paar Regentropfen hatten sich in einer Stichwunde gesammelt. Die Augenhöhlen starrten sie blind an.
Merkwürdig, wie sehr sie Menschen berührten, die früher einmal in dieser Stadt gelebt hatten und hier beerdigt worden waren ...
Den ganzen Rest der Woche war sie damit beschäftigt, sich durch eine dicke Schicht Humus auf dem Ausgrabungsfeld zu arbeiten, das der Vestre strete, der westlichen Hauptstraße, in der Mittelalterstadt entsprach. Mit der Zeit kamen die Schwellbalken mehrerer Häuser zum Vorschein, die um einen Hofplatz herumlagen. Dort hatten die Menschen des Mittelalters zur großen Freude der Nachwelt einige Dinge verloren oder hingeworfen: Keramikscherben von Kochgeschirr und importierte Weinkannen, Kämme aus Rentiergeweih, Spangen, um einen Umhang zu schließen, verzierte Metallbeschläge, Knochenreste von den Mahlzeiten und Hunderte von Lederstückchen, die Zeugnis vom Schuhmacherhandwerk in der Stadt ablegten. Direkt neben dem Schwellbalken eines Blockhauses, das wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammte, grub sie einen schmalen Schuh und einen Ring mit einem schönen blauen Stein aus.
Als sie auf eine deutlich erkennbare Brandschicht stießen, kamen die Archäologen auf dem Ausgrabungsfeld zusammen. Konnten das die Reste des schicksalsschweren Brandes im Jahre 1287 sein, als ganze Stadtteile in Schutt und Asche fielen?
Was die Erde hier in Oslo doch alles verbirgt, dachte sie; Reste der Königsburg und der Bischofsburg, der Klöster und Kirche, profane Häuser und Werkstätten. Ein paar Brunnen und Flechtwerkzäune ließen sich vielleicht sogar bis zum Jahr 1000 zurückdatieren, als die Stadt am Ende der Bucht gegründet wurde.
Am letzten Arbeitstag ging sie ins Anatomische Institut im Keller unter dem Universitätsgebäude in klassizistischem Stil, um die Analyse der Ausgrabungen zu erfahren.
Die Frau! Ihre Frau ... sie ging ihr nicht aus dem Kopf. Bis jetzt war sie ihr noch ein Rätsel. Und nie würde sie erfahren, welches Leben diese Frau wirklich im mittelalterlichen Oslo geführt hatte. Der Präparator des Instituts erklärte ihr, daß die Analyse der Knochenreste nur ergab, daß das Alter der Frau wie auch die Todesursache ungewiß waren.
Die drei anderen gefundenen Skelette stammten von Männern. Der älteste war ein Mann von über sechzig gewesen – nur bei wenigen, die auf den mittelalterlichen Friedhöfen ausgegraben worden waren, hatte man ein so hohes Alter festgestellt. Er hatte gegen Ende seines Lebens sicher viele Schmerzen gehabt, denn es war Spondylose festgestellt worden, das heißt, Verschleiß im Rückgrat. Der zweite Mann war wahrscheinlich in den Vierzigern, als er starb, ein grobschlächtiger Kerl, der anscheinend ein relativ ruhiges Leben geführt hatte. Dagegen war der letzte um so übler zugerichtet. Neben dem Armbrustpfeil, der im Oberschenkel steckte, war sein rechter Arm gebrochen, außerdem hatte er einen Schnitt im Unterkiefer, und Spuren von Schlägen auf den Schädel deuteten darauf hin, daß der Mann eines gewaltsamen Todes gestorben war. Sein Alter wurde auf um die Dreißig angesetzt.
Das Sonderbare am Begriff Zeit tauchte in ihren Gedanken auf. Es ist üblich, daß wir denken, Zeit wäre etwas, das wir nicht anhalten, nicht zurückdrehen und nicht vorstellen können. Aber stimmte das? Wie oft hatte sie schon Vergangenheit und Gegenwart in gewisser Weise gleichzeitig erlebt. Ein merkwürdiges Gefühl.
Wieder auf dem Ausgrabungsfeld zurück, arbeitete sie einige Stunden intensiv; als jedoch der Tag zu Ende war, zog sie sich schnell um und ging den schmalen Pfad hinauf, der zur Haltestelle am St. Hallvards Platz führte. Normalerweise unterhielt sie sich immer noch eine Weile mit den anderen, bevor sie nach Hause ging, aber diesmal war sie auffallend still. Der Bus brachte sie die steilen Hügel hinauf, fast ganz bis auf die Spitze. Es war praktisch, hier am Ekeberg zu wohnen, mit einem nur so kurzen Weg zum Ausgrabungsfeld.
Daheim angekommen, hatte sie das Gefühl, eine ganze Erdschicht von Gamleby unter den Fingernägeln zu haben. Ihr Haar war steif vom Staub. Also ließ sie sich in die Badewanne gleiten und das Wasser um ihren Körper schwappen. Dann zog sie sich bequeme Sachen an und ging wie üblich zum Bücherregal, um eine der Sagas herauszuholen. Sie kannte sie fast alle auswendig, war aber immer wieder überrascht, daß sie sich oft wie ein moderner Roman lasen.
Plötzlich war leise Musik aus der Wohnung über ihr zu vernehmen, sie stand auf und trat ans Fenster, um zur Bucht hinüberzusehen, wie sie es immer abends tat. Das Meer war ganz glatt und dunkelblau. Die Wolken führten dort oben am Himmel Krieg miteinander, es war wie im Draumkved, einem mittelalterlichen Lied, in dem die Heere der Schwarzen und der Weißen erbittert miteinander kämpfen, bis das Heer der Weißen siegt. Die mittelalterliche Stadt lag dort unten verborgen in der Finsternis des Vergessens.
Lange blieb sie am Fenster stehen und blickte zum Himmel hinauf, bis die Wolken plötzlich hell und silbern wurden. Die Nacht sank herab, und der Vollmond stieg am Himmel auf, groß und glänzend, mit einem geheimnisvollen Gesicht.
Wenn der Vollmond schien, konnte sie meist nicht schlafen. Das war schon immer so. Die Gedanken wurden in dem flimmernden Licht von der Phantasie bunt gefärbt, zogen auf geheimen Wegen in mondbeleuchtete Wälder. Bei Vollmond entfalteten sich alle kreativen Kräfte.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch, öffnete die Schublade und zog einen Bogen Papier heraus. Erst heute hatte sie eine Schreibfeder und Tinte gekauft. Und teures, schönes handgeschöpftes Papier.
Der Mond stieg immer höher und ließ Silberstreifen durchs Fenster gleiten. Sie tauchte die Feder ins Tintenfaß. Die Tinte war wie ein blauer Fluß, ihr kam in den Sinn, daß die schreibenden Frauen in den Klöstern des Mittelalters so dagesessen haben mußten und genau wie sie von Freude erfüllt gewesen sein mußten. Eine mittelalterliche Ballade fiel ihr ein. Der Vollmond vor dem Fenster leuchtete ganz intensiv. Langsam hob sie die Feder ...
Sunniva
Ich bin eine Frau in Herzog Håkons Stadt.
Eine Frau, die ihre Gedanken vom Schein des Mondes lenken läßt.
Während ich hier in der Schlafkammer auf Haldor Hallkjellsons Hof liege und warte, daß mein Gemahl aus den Schankstuben der Stadt heimkehrt, denke ich daran, was ich an diesem Tag erlebt habe und was nicht ans Licht kommen darf, was aber bei dem nächtlichen Licht meine Brust vor Freude beben läßt. Es ist ein Abend, an dem die Gedanken wie blaue Ströme durch mein Gedächtnis fließen. Starke Erinnerungen an alles, was mir bisher im Leben widerfahren ist ...
Das Leben einer Frau beginnt, wenn sie mannbar ist.
Das geschah bei mir in der Jahreszeit, wenn der Flachs blüht, und ich hatte noch keine vierzehn Winter erlebt.
»Meine liebe Tochter«, sagte meine Mutter. »Jetzt bist du bereit, versprochen zu werden ...«
Als sie meinen erschrockenen Blick sah, führte sie mich in eine Ecke der Stube und sprach dort mit kaum hörbarer Stimme zu mir: »Freu dich, daß du mannbar geworden bist, meine Tochter. Deine Schwester ist es immer noch nicht, und wird sie es werden, wird sie dennoch keine Freude daran haben.«
Ingvild saß wie immer, gut mit Polstern auf der Schlafbank abgestützt, und führte mit winzigen Stichen die Nadel ihrer Näharbeit. Ihr Körper war schwach und fast unbeweglich, aber ihre Augen waren kräftig, mit blauem, klarem Blick. Hörte sie, was wir sprachen?
Ich war in einer sonderbaren Stimmung, wie ich sie nie zuvor verspürt hatte. Es schien, als wären meine Haut, mein Körper und alle meine Gedanken verändert.
Großmutter Signe nahm mich in der Sommernacht mit hinaus auf den Hofplatz – das Tal lag in einem blauen, diesigen Licht.
»Sieh, dort oben leuchtet die Sonne der Nacht«, sagte sie. »Das Leben der Frauen folgt den Mondphasen. Du wirst deine Zeit haben, wenn er zunimmt oder abnimmt, oder wenn er ganz am Himmel leuchtet. Und das wird sich mehr als dein halbes Leben lang so wiederholen, wenn du kein Kind unter dem Herzen trägst.«
Sie hob die Arme zum Himmel: »Das Licht der Nacht gibt uns so viele Zeichen. Aus dem, was geschieht, wenn der Mond abnimmt, entsteht nur selten etwas Gutes. Zeigt er sich wie eine Sichel am Himmel, kann das Krieg oder Unglück bedeuten. Aber bei Vollmond, da können Wunder geschehen. Das Getreide wächst auf den Äckern, das Kind wächst im Leibe der Mutter, die Milch rinnt aus den Kühen, und die Liebe wächst zwischen Mann und Frau ...«
Der Mond leuchtete halb mit silbrigem Glanz, und ich wußte, daß nun bald das Tal mit seinen Höfen und Gehölzen in die Dunkelheit getaucht würde, die gefährlich war für die Menschen und die alle Geister des Waldes hervorlockte.
Dennoch lief ich auf den Hügel am Waldrand, von dem aus man übers ganze Tal schauen konnte. Unser Hof, Olavstveit, lag ein wenig südlich von der Stelle, wo der Fluß Alna vom Breisjø im Pfarrbezirk Furuset entspringt. Der Hof war altersschwarz, mit grasbewachsenen Dächern und Gucklöchern, die wie schiefe Augen in den Giebelwänden saßen, aber er lag schön auf dem Bergrücken, mit dem tosenden Fluß direkt unter sich und dem glänzenden See hinten im Wald. Kalt war es hier im Winter, wenn der Frostrauch vom Fluß heraufzog, aber im Sommer wurde es so nahe am Wasser nie zu heiß, die Wiesen waren von einem satten Grün und voll mit den herrlichsten Blumen.
Am liebsten schaute ich jedoch auf den Fjord hinaus und betrachtete die glitzernde Wasserfläche dort unten. Die Stadt selbst blieb meinen Augen verborgen, aber tausend unsichtbare Fäden zogen mich dorthin. In der Stadtmitte, im Innersten der Bucht, lagen die Burg des Königs und die des Bischofs, fremde Schiffe brachten süße Früchte, Wein und feine Tuche dorthin, an Fest- und Markttagen wimmelte es von Menschen, das Lachen und die Rufe der Gaukler klangen aus den Schankstuben. Vater war oft dort, nahm mich aber nie mit. Er wachte streng über mich, solange ich noch Jungfrau und niemandem versprochen war.
Ich wußte, daß die Stadt dort unten noch andere Schätze barg, als die, über die die Leute gewöhnlich sprachen. Runen in Holzstäbe ritzen konnte ich bereits, als ich noch klein war.
Aber Sira Jarmund von der Furusetkirche, unserer Gemeindekirche, hatte mir einmal eine andere Art der Schrift gezeigt. Sie stand in einem Buch, einem Psalter, das seinen Worten nach einst einer Königstochter gehört hatte. Sie war mit der Feder auf dem weichsten Kalbsleder ausgeführt und mit den schönsten Farben illuminiert. Der Psalter verzauberte mich. Sira Jarmund deutete mir einige der Zeichen. Er hatte ob meines Eifers gelächelt und gespottet, Gott hätte mich so schaffen sollen, daß ich ins Priesterseminar hätte gehen können. Dann erzählte er mir von den vielen Schriften, die es in den Klöstern, Kirchen und in der Kanzlei des Herzogs in Oslo gab.
Seither brannte in mir der Wunsch, in die Stadt zu kommen und in diesen Schriften zu blättern.
Ich blieb oben auf dem Hügel stehen, bis dunkle Wolken über den Himmel zogen und den Mond verdeckten. Dann kehrte ich um. In der Stube des Olavstveit war es warm und sicher. Das Feuer der Feuerstelle warf einen goldenen Schein auf die Wände. Mein jüngster Bruder spielte in der Ecke mit Ingvild ein Brettspiel, und Mutter und Großmutter Signe saßen auf der Bank und kardeten Wolle. Mutters Augen tränten vom Rauch und waren gerötet. Schon oft hatte sie mich gescholten, weil ich in der Dämmerung allein hinausging. Immer hatte sie Angst, wenn die Dunkelheit einsetzte. Und sie kam erst zur Ruhe, wenn auch meine Brüder im Haus waren. An diesem Tag waren sie in den Wäldern nördlich des großen Sees auf die Jagd gegangen, und Vater hatte die Hunde mitnehmen müssen, um sie zu suchen. Als er sie endlich fand, herrschte dennoch große Freude, denn den Jungen war es gelungen, ein Elchkalb zur Strecke zu bringen, das sie, an einen Stock gebunden, zwischen sich trugen. Unsere Hunde bellten und jaulten, aber Großmutter Signes Stimme übertönte noch das Hundegekläff mit ihrer Vorfreude auf all das gute Essen und weil keiner der Jäger von einem Wolf angegriffen worden war. Und Vater rief nach einem guten Krug Bier, wie er es immer tat, wenn er mit reicher Beute wohlbehalten heimkehrte.
So verlief der Tag, an dem ich mannbar wurde, ein ganz gewöhnlicher Tag auf dem Hof Olavstveit.
Insgesamt waren wir neun Menschen, die hier unter dem niedrigen Torfdach lebten.
Zwei meiner Brüder starben schon als Säuglinge, weil sie von häßlichen blauen Flecken am Körper befallen wurden, und immer noch lebt das Volk hier im Gebirgstal in der Furcht, daß die Pest erneut ausbrechen könnte. Die vier überlebenden Brüder waren stark und gesund. Der älteste wurde nach Vaters Vater Brynjulv getauft, der zweite Hærbjørn nach dem Ältesten auf der Mutterseite. Sie waren so streitbar, wie ihre Namen es schon sagten, deshalb bekamen die folgenden beiden die Heiligennamen Hallvard und Nicolaus, aber nur der Jüngste erfüllte die Erwartungen unserer Mutter Gudrun.
Mit meiner einzigen Schwester, Ingvild, geschah etwas, als sie, erst zwei Winter alt, mit Mutter im Wald war, um Beeren und Kräuter zu sammeln. Als die Dunkelheit sich über die Bäume senkte und eine eiskalte, funkelnde Sichel am Himmel aufstieg, war Ingvild plötzlich verschwunden. Mutter hörte es im Gestrüpp rascheln und dachte zunächst, das wäre ein Raubtier, aber als sie die fliehenden Schatten sah, wurde ihr klar, daß sie von Erdgeistern umgeben war. Rasch machte sie das Zeichen des Kreuzes und rief die Heilige Jungfrau an. Das rettete ihr Kind, denn plötzlich begannen die Glocken weit entfernt in der Gemeindekirche von Furuset zu läuten. Ein goldenes Licht schien zwischen den Bäumen hindurch, und da stand Ingvild, ängstlich weinend unter einem Felsvorsprung. Mutter fiel auf die Knie und dankte den Heiligen Mächten des Himmels. Doch später zeigte sich, daß die bösen Geister ihrem Kind dennoch geschadet hatten, denn Ingvild klagte über Schmerzen in den Beinen, und nach nur einem halben Jahr war ihre Beweglichkeit so eingeschränkt, daß sie weder gehen oder auch nur aufrecht stehen konnte.
Ich glaube nicht, daß meine Mutter sich weitere Kinder wünschte, ich glaube nicht, daß sie wollte, daß ich zur Welt kam. Aber Gottes Wille ist stärker als der der Menschen, und sie tauften mich Sunniva, nach der irischen Frau, die heiliggesprochen wurde. Dadurch wollten sie mich schützen, damit ich niemals von bösen Krankheitsgeistern angefallen würde.
Wir haben immer genügsam auf Olavstveit gelebt. Bereits vor Vaters Zeit war ein Teil des Hofes dem Nonneseter Kloster überschrieben worden, dem wir Pachtzins zahlen mußten. Immer gingen wir in zerschlissenen Kleidern, und fiel die Getreideernte schlecht aus, nagte der Hunger in unseren Gedärmen. Dann geschah es, daß hitzige Träume in mir tobten.
Nachdem ich mannbar geworden war, sprach Mutter mit größerem Ernst zu mir, als sie es je zuvor getan hatte. »Paß auf, meine Tochter, daß dich keiner verlockt«, sagte sie oft. Aber ich wußte bereits, daß selbst Frauen aus armseligen Verhältnissen, aus den Armenhäusern und von den Pachthöfen, sich ein Auskommen schaffen konnten, daß manche von ihnen in gutem Essen und Trinken schwelgten, prächtigen Schmuck um Hals und Arme trugen und vielleicht sogar ein eigenes Pferd besaßen, auf dem sie ritten, während die Seidenstoffe um ihren Körper flatterten.
Was solche Frauen ihrem Mann dafür geben mußten, beschäftigte nicht nur meine Gedanken, sondern auch die der anderen Jungfrauen im Tal, die oft auf Olavstveit hereinschauten. »Wenn so ein reicher Mann aus der Handelsstadt käme und mit mir hinten auf der Wiese tanzen würde«, erklärte Gerd aus Forsheim, »dann würde ich mit Freuden zustimmen, seine Kebse zu werden.«
»Wenn ich zwei halbe Kohlköpfe unter meinen Kittel stopfe«, sagte Ragnfrid aus Vegartveit, »dann wirft vielleicht einer auch mir einen Blick zu.«
»Du wirst sehen, dann wirst du zum Fest auf den Königshof geladen«, lachte Hild aus Raumin. Sie war das einzige Kind und die Erbin des Nachbarhofes im Norden und wurde von den Jungen ohne Hoferbe umschwärmt, die um sie freiten und untereinander heftig um ihre Gunst kämpften. Mein Bruder, Hærbjørn, war immer der erste, um Hild die Tür zu öffnen, wenn sie heim wollte, und gemeinsam gingen sie in den dämmrigen Abend hinaus.
Als das Schmelzwasser das Tal hinunterbrauste, begann es auch in den Körpern von uns Jungfern zu brausen. Gemeinsam liefen wir zu den verlockenden Tönen auf dem Tanzplatz und reihten uns mit Lachen und Rufen in den Tanzkreis ein. Nur selten waren es andere als die Burschen aus unserem Tal, die zum Tanz neben uns stampften. Aber mir war schon lange aufgefallen, daß die Männer sich mir gegenüber jetzt anders verhielten als früher. Als Vaters guter alter Freund Torstein eines Tages zuviel Bier genossen hatte, starrte er mich mit lüsternen Augen an: »Du bist jetzt reif, Sunniva, es ist nicht schwer zu sehen, daß du dem Mannsvolk so einiges zu bieten hast!«
Auch die jungen Burschen aus dem Tal warfen mir Blicke zu. Ich traf sie, wenn ich im Wald war, um die Ziegen und Schafe heimzuholen. Der gutmütige Gunnar aus Forsheim, ein fetter Kerl mit schläfrigen, blaßblauen Augen, versuchte am häufigsten mit mir zu reden. Aber sobald Bodvar aus Gandbakken auftauchte, lief ich rasch heim. Bodvar war hochgewachsen, hatte zottige, rötliche Haare, und vor seinem Blick wichen die Leute zurück, wenn er sie nur ansah. Er war verwandt mit Gyrid Gand, die Hexenkünste und Zauberei ausübte.
Aber es waren ganz andere Burschen, die mich verstehen ließen, warum meine Mutter mich so eindringlich warnte.
Eines Abends saß ich in Träumereien versunken auf dem Melkschemel und füllte den Melkeimer bis zum Rand. Vater war gerade in der Stadt gewesen und hatte viel von dem Treiben dort berichtet, von den Schiffen draußen auf dem Fjord und dem emsigen Leben auf den Brücken und dem Markt, auf den Straßen und Plätzen. Das nächste Mal, wenn er wieder dorthin ritt, würde ich noch emsiger darum betteln, mitkommen zu dürfen.
Der Traum nahm mich so stark gefangen, daß ich gar nicht merkte, wie sich bereits die Nacht über den Hof gesenkt hatte. Es war stockfinster, so daß ich meine eigenen Hände kaum mehr sah. Die Angst vor der Dunkelheit überfiel mich hin und wieder. Ich mochte nicht allein im Stall sitzen, obwohl Vater gegen alle Arten von dunklen Mächten ein großes Kreuz über die Stalltür eingebrannt hatte. »Vor Geistern und Trugbildern brauchst du dich hier drinnen nicht zu fürchten, meine Sunniva«, hatte Mutter mich beruhigt. »Mit dem Zeichen des Kreuzes können wir sie niederzwingen.«
Ich holte den Funkenstab heraus und zündete die Tranlampe an, die unter der Decke hing. Da hörte ich Stimmen: »In Gottes Namen, Jungfer. Gib uns zu trinken!«
Hinter mir standen drei riesige Burschen mit Kreuz und Stab in der Hand. Unser Hof lag am Pilgerpfad, und es kam nicht selten vor, daß diejenigen, die sich auf Pilgerfahrt nach Nidaros befanden, bei uns hereinschauten, und um Essen oder etwas zu trinken baten. »In Gottes Namen und im Namen des Heiligen Olav ...«
Es war ein Jammer, sie auf verkrüppelten Füßen oder kranke Kinder tragend heranstolpern zu sehen. Großmutter Signe gab ihnen jedesmal etwas, auch wenn nur noch Krumen auf dem Hof zu finden waren. Aber die drei Kerle, die vor der Stalltür standen, sahen anders aus als die Pilger, die ich bisher gesehen hatte.
»Die Milch will ich euch nicht verweigern«, sagte ich und reichte ihnen einen Holzkrug. Die Männer tranken gierig. Sie baten um mehr, und erst als der halbe Eimer geleert war, gaben sie sich zufrieden.
Da erhob ich mich und ging zur Stalltür. Aber die Männer versperrten mir den Weg. Einer von ihnen packte mein Haar und bog meinen Kopf nach hinten.
»Was hältst du davon, heute nacht von uns dreien Besuch zu bekommen, Jungfer?«
Ich fühlte seinen Atem dicht an meinem Gesicht, brachte aber keinen Ton heraus. Es war, als wäre mein ganzer Körper steif geworden.
Aber da, Gott sei’s gedankt, hörte ich Vaters Stimme. Er tauchte mit meinen Brüdern und unseren beiden kläffenden, knurrenden Hunden auf.
Vater hielt seine Axt in der Hand.
»Verschwindet, ihr Übeltäter!«
Die Männer zogen sich ein paar Schritte zurück. Einer von ihnen begann zu jammern, er wäre doch nur ein armer Pilger auf dem Weg zum Grabe des Heiligen Olav, und daß der Herr selbst bezeugen könnte, daß sie nur um Almosen und eine Ruhestätte für die Nacht gebeten hätten.
»Verschwindet, oder ich hetze die Hunde auf euch!«
Die Hunde knurrten, und ihre Augen funkelten gelb in der Dunkelheit. Die Männer zogen sich zurück und verschwanden schnell den Weg entlang, der in den Wald führte. Über den dunklen Fichtenwipfeln hing eine silberne Mondsichel.
Noch monatelang wurde in der Gemeinde von diesem Vorfall gesprochen. Die Erinnerung daran stieg in den dunklen Nächten in mir auf und flößte mir Angst ein, doch an den hellen Abenden, wenn die Musik auf dem Tanzplatz ertönte, war alles vergessen. Dann war ich nicht zu halten.
Zurück auf dem Hof blieb Ingvild, das Nähzeug in der Hand wie immer, und auch sie summte und sang, wenn die Töne vom Tanzplatz sie durch die Gucklöcher in der Stube erreichten. »Dir steht blau so gut, Schwester«, sagte sie, als sie mich in dem schon oft geflickten Sonntagskleid sah, das ich zum Tanz trug. »Aber die Farbe müßte noch kräftiger sein ...«
In Ingvilds Körper war nur wenig Bewegung, dafür waren jedoch ihre Augen voll mit Leben, und besonders intensiv verfolgten ihre Blicke, wie Mutter die Wolle in die heißen Töpfe tauchte, die mit farbenspendenden Kräutern gefüllt waren. Sobald etwas Neues gewebt werden sollte, wußte sie genau, welche Farbe uns am besten stand. Und wenn der Regenbogen bei Sonnenregen vor dem Guckloch auftauchte, preßte sie ihr Gesicht dicht daran und blieb so sitzen, bis der Himmel wieder grau und flach geworden war. Nur selten kamen harte Worte aus ihrem Mund, aber manchmal verfluchte sie ihr Schicksal, das es ihr unmöglich machte, mit zum Tanz zu gehen. Auch Ingvild wünschte sich ebenso sehnlich wie ich, die Handelsstadt unten in der Bucht zu sehen.
Doch als der Winter kam und der Eiswind um die Häuser heulte, plagten Ingvild plötzlich Kopfschmerzen und Husten. Zu dieser Jahreszeit war es still im Tal, aber die Leute von den Nachbarhöfen kamen häufiger zu uns als sonst. Sie saßen bei einem Krug Bier und erzählten einander lustige Geschichten, die das Lachen zusammen mit den Funken, die von der Feuerstelle stoben, aufsteigen ließ. Gleichzeitig sprachen sie aber auch über die Sorgen des Lebens, die Abgaben und Auflagen von König und Kirche. Vater rief die ganze Zeit seiner Frau zu: »Gudrun, füll die Krüge!« Immer wollten alle etwas zu trinken haben, doch gegen Jahresende war nur noch wenig in den Bierfässern übrig.
Sobald man mit den Schlitten fahren konnte, herrschte wieder mehr Leben auf den Wegen. Die Bauern fuhren hinunter in die Bucht, um ihr Weihnachtsfleisch abzuliefern, und die Bürger der Stadt besuchten ihre Verwandten im Tal, die gutes Bier brauten.
Am Weihnachtstag strahlte die Sonne auf die schneebedeckten Fichten, und Vater zog den Schlitten hervor und spannte den Rabenschwarzen ins Geschirr, damit auch Großmutter Signe mit in die Kirche kommen konnte.
»Ich möchte mit«, sagte Ingvild.
Mutter strich ihr übers Haar. »Du hustest zu sehr, meine Tochter. Wir warten lieber, bis es etwas wärmer wird. Es ist besser, wenn Sunniva heute bei dir bleibt.«
Ingvild seufzte. Im Winter war es dunkel und verraucht in der Stube, und die Gucklöcher waren abgedeckt, dennoch versuchte sie, mit ihrer Handarbeit weiterzumachen. Niemand konnte es so gut wie sie, es war eine Freude zu sehen, wie akkurat die winzigen Stiche über den Stoff liefen. Die Frauen von den Nachbarhöfen kamen manchmal, um Ingvilds Handarbeit zu bewundern, und sie lobten auch ihr schönes Haar und ihre Augen. Aber als ich sie an jenem Tag ansah, bemerkte ich, wie grau ihre Haut war und welch tiefe Schatten sie unter den Augen hatte. »Willst du einen Becher mit Honigwasser, Ingvild?«
Sie nickte kaum erkennbar, und obwohl sie sonst viel sprach, war sie jetzt ganz still.
Wir feierten das Weihnachtsfest zusammen mit Vaters Verwandter, der Witwe Torbjørg, die Vater aus Oslo heraufholte. Jedesmal, wenn sie bei uns war, erzählte sie vom Leben in der Handelsstadt, und ich setzte mich dicht zu ihr, damit mir kein Wort entging. Kurz vor Weihnachten hatte sie gesehen, wie König Magnus und die beiden Königssöhne in ihren blauen und roten Umhängen durch die Straßen geritten waren.