Buch lesen: "Kastanien- und Birkenblattgrün"
Inhaltsverzeichnis
1. Waldgrün
2. Nachtschwarz
3. Luchsgold
4. Dämmergrau
5. Blumenweiß
Über die Buchreihe
Kastanien- und Birkenblattgrün
Topaz Hauyn
Buch 19 der Katzenreihe

© Topaz Hauyn 2020
Machandel Verlag Haselünne
Charlotte Erpenbeck
Cover Venca Bartuska/shutterstock.com
Illustrationen: shutterstock.com
1. Auflage 2020
ISBN 978-3-95959-289-5
1. Waldgrün

Hellgrün wie die ersten kleinen Birkenblätter im Frühling, dunkelgrün wie die Kastanienblätter im Spätsommer, blaugrün wie die Nadeln der Nordmannstanne, hellgelbgrün wie die Blätter des Spitzahorn und alle Farbschattierungen dazwischen. Ein Gemälde aus Grüntönen. Ein Gemälde durch das der junge, fast ausgewachsene, hellbraun mit schwarzen Streifen gezeichnete Luchs flog. Leichtfüßiger Schatten im Spätnachmittag. Unbemerkt von den einen, gleichmütig betrachtet von den anderen. Ein Jäger in seinem Revier bei seinem Vergnügen.
Die Energie seiner Jugend verschmolz mit dem Grün aus Bäumen, Sträuchern und halboffenen Lichtungen im bestehenden Waldgemälde.
Bis er stehen blieb.
In der Bewegung innehaltend.
Die Vordertatze erhoben zum nächsten Schritt.
Den kurzen Schwanz ausgestreckt, balanciert für den Sprung.
Die Schnurrbarthaare zuckend.
Witternd.
Die goldenen Augen auf den schmalen, blauen Strich auf der Lichtung gerichtet, der zu schmal war für einen gesunden Menschen.
Ein Fremdkörper im Wald!
Eine mögliche Gefahr. Für sein Leben!
Die Vögel zwitscherten in den Bäumen, flogen ohne Scheu über die Wiese. Sie jagten Insekten, suchten Würmer und Käfer für ihre Jungen. Bald würden diese flügge werden. Aber noch war es nicht soweit. Der Mensch auf der Lichtung beunruhigte sie nicht.
Der Luchs beobachtete. Seine Pinselohren zuckten. Kein ungewöhnlicher Laut drang an sein Ohr. Er nahm erneut die Witterung auf. Der Duft nach warmem, erdigen Waldboden lag in der Luft. Sommer. Ohne einen Hinweis auf diesen blauen, dünnen Strich, kaum breiter als ein junger Ahorn, dort, mitten auf der großen Lichtung.
Auf der Spitze wehte etwas Goldblondes. Es schimmerte rötlich im leichten Windhauch der Lichtung und erinnerte den Luchs an die hellrosa, saftig-süße Erdbeercreme, die er erst gestern von seinem Vanillemuffin geschleckt hatte.
Der Wind drehte. Endlich konnte er sie riechen.
Ein Mädchen, das kein Parfum benutzte. Sie bewegte sich. Streckte einen Arm aus, pflückte eine weiße Gänseblume und wob sie in die Kette der anderen Gänseblümchen mit ein.
Ein Mädchen, das sich umdrehte, um nach einer weiteren Blüte zu greifen, den Kopf hob und Emil, dem Luchs, in die Augen sah, ohne ihn im Dickicht zu erkennen. Dessen war er sich sicher. Kein Mensch konnte einen Luchs im Gebüsch sehen.
Sie hatte die leuchtenden Augen des Waldgemäldes.
Emils Lungen brannten angenehm vom schnellen Sprint durch den sommerlichen Wald. Er genoss die Zeit, die ihm allein gehörte. Besonders die Ferien, die nicht nur eine Pause von der Schule bedeuteten, sondern auch eine Pause von der Wohnung am Dorfrand. Eine Pause von den Menschen, die ihn mit ihren künstlichen Düften zum Niesen brachten und die seine Heimat, den Schwarzwald, mit ihrem sogenannten Fortschritt zerstörten. Vor allem aber bedeuteten die Ferien viel Zeit, um in Feld und Wald seine Pfoten zu strecken.
Seine Ohrenspitzen zuckten. Seine Aufmerksamkeit war voll auf die blau gekleidete Person auf der Lichtung gerichtet.
Dieser Wald und die umliegenden Felder und Wiesen gehörten seiner Familie. Privatgelände. Das Mädchen dürfte nicht hier sein. Er sollte kehrtmachen und die Wächter von der Grundstücksgrenze herbeirufen. Das letzte Mal, als ein Luchspärchen Fremde nicht sofort entfernt hatte, hatten sie den Anspruch auf ihr Revier verloren. Das Nebeneinander mit den Menschen war eine Herausforderung. Sie durften niemals von den Gastaltwandlern erfahren. Vor Jahrhunderten waren die Luchswandler vertrieben und fast ausgerottet worden. Für die Menschen heute existierten sie nur noch in Märchen. Sie hatten zu drastischen Mitteln gegriffen.
Jeder Luchswandler, der Menschen zu dicht an sich heranließ, der ihr Geheimnis und ihre Sicherheit gefährdete, starb. Verlor sein Revier und sein Leben.
Emil erinnerte sich gut an den letzten Fall, der ihm immer als warnendes Beispiel vorgehalten wurde. Das war jetzt mehr als vier Jahre her.
Er zögerte.
Da drehte sich das Mädchen auf der Wiese um, griff nach einer neuen Blüte und – sah ihm ins Gesicht. Ihr Duft änderte sich. Angst mischte sich sauer hinein.
Das leuchtende Kastanienblattgrün, mit Sprenkeln aus dem Gelbgrün neu knospender Birkenblätter ihrer Augen hielt ihn fest. Ihr Blick umschlang ihn wie ein weiches, warmes Band. Darin könnte er sich den ganzen Tag geborgen fühlen. Selbst mitten unter den anderen Schülern seiner Schule.
Seine Schule!
Emil schauderte. Seine Nackenhaare stellten sich auf. Er zog seine Lippen zurück, bereit anzugreifen.
Sie war nicht seine Aufgabe.
Er drehte sich um und preschte auf dem kürzesten Weg zum nächsten Wächter. Sein Onkel sollte heute in der Nähe sein. Emil schaute immer auf den Dienstplan, bevor er durch den Wald streifte. Jahrelange, anerzogene Gewohnheit.
Sein Herz pochte schmerzhaft. Er wollte das Mädchen wiedersehen, das ihm dieses Gefühl der Geborgenheit schenken konnte. Gleichzeitig wollte er seine Eltern nicht genauso sterben sehen wie das unglückliche Luchspaar vor vier Jahren.
Hatte jener andere Mensch dort ebenfalls Gänseblümchen gepflückt? So weit war die Eiffel nicht von ihrem Revier im Schwarzwald entfernt.
Bei dem bloßen Gedanken sträubte sich Emils Rückenfell noch mehr. Das war die reinste Verschwörungstheorie. Aber er wurde den Gedanken trotzdem nicht mehr los. Keiner wusste, warum das Luchspaar damals nicht durchgegriffen hatte, besonders, da die beiden als diszipliniert und durchsetzungsfähig gegolten hatten.
Unglücklich rannte Emil weiter.
Die Blätter diverser Gebüsche flogen an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren. Geschickt wich er allen Hindernissen aus. Seine Pfoten brannten inzwischen. Die viele Zeit, die er in der Schule verbrachte, verweichlichte ihn. Er musste mehr trainieren, mehr durch den Wald laufen. Bis zum Ende der Sommerferien würde ihm so ein kleiner Lauf nichts mehr ausmachen.
Die kostenlose Leseprobe ist beendet.