Buch lesen: "Im Thronsaal"

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TANJA MÜHLAN

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-26994-9 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26941-3 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

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Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®.

Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel

Bibeltext der Neuen Genfer Übersetzung, Copyright © 2011 Genfer Bibelgesellschaft,

Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung. Alle Rechte vorbehalten.

Umschlaggestaltung: JAN HENKEL CREATIVITY, Bad Gandersheim

Titelbild: Milosz_G, shutterstock

Autorenfoto: © aounphoto.de

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Inhalt

Über die Autorin

Geleitwort

Vorwort

Der Weg zum Thronsaal

Die Tür

Der Spiegel

Der Globus

Der Garderobenständer

Das Buch des Lebens

Die Schatzkammer

Der Wandteppich

Der Bilderrahmen

Nachwort

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Über die Autorin


TANJA MÜHLAN (Jg. 1976) lebt mit ihrer Familie in Braunschweig. Sie ist Grundschullehrerin und Fachreferentin für Familie und Erziehung. In ihrer Gemeinde ist sie Teil des Leitungsteams und predigt regelmäßig. Besonders fasziniert sie Gottes Wort und seine vielfältigen Wege, zu Menschen zu reden.

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Geleitwort

Mit diesem Buch hältst du eine echte Kostbarkeit in Händen – ein wahres Juwel des Himmels. Es ist mir eine große Ehre, dass ich dieses meisterhafte Kunststück von Literatur und göttlicher Weisheit wärmstens weiterempfehlen darf.

Schon beim ersten Lesen empfinde ich pure Freude. Die Bilder und Szenen sind so lebendig beschrieben und aus tiefem Herzen erzählt. Sie klingen in mir nach und laden mich ein, das Buch gleich nochmals zu lesen. Ja, mehr noch. Ich will selber dabei sein und die erzählte Geschichte persönlich miterleben!

Es gibt gute Bücher, die lese ich und bekomme dabei eine Menge neuer Informationen vermittelt, bleibe aber in gewisser Distanz. Aber hier, in diesem Buch, ergeht es mir völlig anders. Ich tauche tief ein und werde Teil der Geschichte.

Darf ich dich neugierig machen auf neue Erfahrungen im Thronsaal Gottes? In der Nähe und Gegenwart der stärksten Liebe im ganzen Universum? Du wirst Augen machen, was du dort zu sehen bekommst. Diese Erzählung wird dir dabei helfen, neue Zugänge zu jener himmlischen Wirklichkeit zu entdecken. Dabei werden uns keine billigen Patentlösungen angeboten, sondern wir erhalten eine herzliche Einladung zu einer realen Freundschaft mit dem lebendigen Gott.

Tanjas Frage: »Was zeigst du mir als Nächstes, Papa?« begleitet mich in meinen Alltag.

Danke für die liebevolle Erinnerung an mein himmlisches Zuhause und an meinen besten Freund, Abba-Vater.

Matthias Hoffmann

Hannover im Juni 2020

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Vorwort

Ich schätze mal, dass die meisten Autoren und Autorinnen sich irgendwann bewusst vornehmen, ein Buch zu schreiben, um es nach Wochen und Monaten der Arbeit dann veröffentlichen zu können. Zuvor stecken sie jede Menge Zeit und Mühe in intensive Recherchen und die notwendige Vorarbeit, um ihrem Buch die nötige Grundlage zu geben. Dann machen sie sich an die eigentliche Schreibarbeit – immer mit dem Ziel vor Augen, das fertige Buch einmal in den Händen zahlreicher Leser zu wissen.

Bei mir war das ein wenig anders. Die einzelnen Kapitel dieses Buches entstanden über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg unabhängig voneinander und ohne den Plan einer Veröffentlichung. Erst im Nachhinein wurden sie von mir zu einer fortlaufenden Geschichte verknüpft.

Eigentlich treffe ich mit dem Wort »Geschichte« auch gar nicht den Kern dessen, was all das hier für mich persönlich bedeutet. Jedes Kapitel spiegelt eine intensive Begegnung mit Gott wider, die ich im Laufe der vergangenen Jahre erleben durfte.

Alles begann mit einer echten Glaubenskrise, die darin begründet lag, dass ich Gott zwar sehnlichst suchte, dennoch aber über Monate das Gefühl hatte, ihm nicht nahekommen zu können. All meine Versuche, ihm im Gebet, durch sein Wort oder auch in persönlichen Lobpreiszeiten an meinem Klavier zu begegnen, schienen völlig einseitig zu bleiben. Ich konnte seine Stimme nicht mehr hören, seine Gegenwart nicht mehr wahrnehmen. Ich verzweifelte an dem Gefühl, einer Aneinanderreihung von Ritualen zu folgen, die allesamt inhaltsleer blieben und mich unerfüllt zurückließen.

Mehr als einmal flehte ich Gott an, mir endlich wieder in meinem Herzen zu begegnen und nicht nur in einem krampfhaften, verstandesmäßigen Festhalten an seinen Wahrheiten. Und dann erhörte Gott mein Gebet auf so intensive Weise, wie ich es mir nie hätte vorstellen können:

Es begann mit einer Woche in unserer Gemeinde, die ganz und gar unter dem Motto »Gott suchen« stand. Dankbar nahm ich diese Gelegenheit wahr, traf sie doch den Kern dessen, wonach ich mich schon lange sehnte. Jeden Abend trafen wir uns in unserem Gottesdienstsaal, um gemeinsam und doch jeder für sich Gott in den Fokus unserer Aufmerksamkeit zu stellen. Zu diesem Zweck waren unterschiedliche Stationen im Raum aufgebaut. Neben mir bekannten Möglichkeiten wie zum Beispiel dem bewussten Nachsinnen über einen Bibelvers oder dem Ablegen von Sorgen in Form von Steinen gab es dort auch ein »Zelt der Begegnung«, angelehnt an die Zeit, in der das Volk Israel in der Wüste unterwegs war.

Ehrlich gesagt konnte ich mit dem im Gottesdienstraum aufgestellten Pavillon mit den wenig einladenden Sitzkissen auf dem kalten Fußboden erst mal gar nichts anfangen. Was sollte mir Gott dort sagen, was er mir nicht bereits an jedem anderen Ort hätte zeigen können?

Dennoch ließ ich mich zögerlich auf einem der kleinen Kissen nieder, lehnte mich an die Wand und schloss meine Augen, um die Leute um mich herum nicht mehr wahrzunehmen. Ich bat Gott einmal mehr, mir in der Tiefe meines Herzens zu begegnen. Mehr wusste ich nicht zu beten, hatte ich doch über Monate schon das Gefühl, dass er mir sowieso nicht zuhören wollte.

Und dann geschah etwas, das ich in der Art und Weise selten zuvor erlebt habe: Gott schenkte mir eine lebhafte und tief greifende Begegnung mit ihm in seinem Thronsaal. Ich erlebte in der kommenden halben Stunde, wie er mit mir »von Angesicht zu Angesicht« sprach, mir einen geheimen Ort in seiner Herrlichkeit zeigte und mir dadurch seine Wahrheiten in einer Tiefe offenbarte, die mich nicht nur in meinem Verstand, sondern in meinem Herzen berührte.

Als ich nach dieser Begegnung meine Augen wieder öffnete, war ich regelrecht erstaunt darüber, mich in unserem Gottesdienstsaal auf dem Boden wiederzufinden.

Dieser Moment in Gottes Gegenwart hat mich nicht nur zutiefst berührt, sondern auch eine neue Leidenschaft in mir geweckt – eine Leidenschaft, die ich über die Jahre beim Ausüben der immer gleichen geistlichen Rituale verloren hatte. Ich war seit Langem zum ersten Mal wieder so richtig ausgefüllt und doch zugleich voller Sehnsucht nach mehr.

Und Gott kam dieser Sehnsucht nach. In den darauffolgenden Monaten und Jahren schenkte er mir immer wieder unverhofft solche intensiven Momente in seiner Gegenwart. Jedes Mal lernte ich einen neuen Winkel seines Thronsaals kennen und dort offenbarte mir Gott Wahrheiten, die ich zwar verstandesmäßig begriffen, aber niemals im Herzen erfasst hatte. Diese Begebenheiten veränderten mich entscheidend und ermöglichten es meinem Vater im Himmel, mich Stück für Stück zu heilen und mir aufzuzeigen, was er mit meinem Leben vorhat.

Irgendwann im Laufe dieses Prozesses hatte ich eines Tages den Eindruck, dass Gott mich aufforderte, aus meinen persönlichen Thronsaal-Erlebnissen ein Buch zu machen, um auch andere Menschen damit zu segnen. Ich nahm diesen Gedanken zur Kenntnis, war mir aber gleichzeitig sicher, dass Gott mich auch die nötigen Schritte dahin führen würde, wenn dies wirklich sein Wille war.

Bei einer meiner Predigtvorbereitungen hatte ich dann zum ersten Mal das Empfinden, dass ich im Gottesdienst eines meiner Thronsaal-Erlebnisse einbauen sollte. Die Reaktion darauf überraschte mich. Ich bekam viele Rückmeldungen, wie sehr diese Geschichte andere berührt hatte, und zwei Personen kamen auf mich zu, um mich darin zu ermutigen, meine Erlebnisse zu veröffentlichen.

Mittlerweile schaue ich auf viele Momente zurück, in denen ich einzelne Episoden gebrauchen durfte, um Menschen dadurch in neuer Weise mit grundlegenden Wahrheiten des Wortes Gottes zu berühren, sodass ich mich nun freue, auch dir dieses Geschenk machen zu dürfen. Bevor du dich jedoch auf dieses Buch einlässt, muss ich dir ein paar Dinge erklären, die mir wichtig sind:

Das, was Gott mir im Laufe der Zeit in seinem Thronsaal gezeigt hat, entspricht sicherlich nicht der Realität. Die Gegenstände, die jeweils zum Hauptthema eines Kapitels wurden, sind lediglich bildhafte Anknüpfungspunkte, durch die Gott mir seine Wahrheiten offenbart hat. So werden wir sicherlich später wunderschön aussehen, wenn wir im Himmel sind, jedoch werde ich wahrscheinlich lange nach dem Garderobenständer suchen, der in einer meiner Geschichten vorkommt. Eine Ausnahme bildet das Kapitel über das »Buch des Lebens«, das in der Bibel als real existierender Gegenstand erwähnt wird. Doch auch hier bin ich überzeugt davon, dass meine Darstellung von dem abweichen wird, was wir später zu sehen bekommen.

Wie jedes Bild, das Gott uns schenkt, haben auch meine Vergleiche einzelner Gegenstände mit Gottes Gedanken ihre Grenzen und lassen sich nicht eins zu eins auf das übertragen, was die Bibel uns als ewige Wahrheiten verkündet. Die einzelnen Bilder sollen bewusst zum Weiterdenken anregen, können dies aber nur in einem begrenzten Rahmen tun.

Das Faszinierende an diesem Buch ist, dass du es Dutzende von Malen lesen kannst und dabei merken wirst, dass dich immer wieder andere Kapitel in besonderer Weise berühren, weil sie deiner Lebenssituation und deinen persönlichen Fragen gerade am nächsten kommen. Mir war wichtig, an der Bibel selbst zu überprüfen, ob das, was ich in den Begegnungen mit Gott erlebt und hinterher niedergeschrieben habe, auch haltbar ist. Dabei hatte ich die Idee, dich auch an diesem Prozess teilhaben zu lassen, indem ich in jedem Kapitel die Bibelstellen festgehalten habe, die mir beim Lesen der Geschichten in den Sinn kamen, teilweise recht assoziativ. Somit hast du die Möglichkeit, die Begebenheiten, die dich gerade am meisten berühren, auch noch einmal als Grundlage für ein eigenes Bibelstudium zu diesem Thema zu nutzen oder in deiner persönlichen Zeit mit Gott über den einen oder anderen Bibelvers tiefer nachzudenken. Manche Aspekte, die im Erzählten nur angerissen werden, entfalten durch die Bibelversangaben auch noch einmal eine weitere Dimension. Ich möchte dich jedoch ermutigen, jedes Kapitel immer erst einmal im Ganzen zu lesen, bevor du dich näher mit den Versangaben beschäftigst.

Ich hoffe, du bist mittlerweile neugierig geworden und begleitest mich nun gespannt auf meiner Reise in den Thronsaal. Möge Gott dir in aller Tiefe begegnen!

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Der Weg zum Thronsaal

Mühevoll setzte ich einen Schritt vor den nächsten. Meine Beine fühlten sich mittlerweile so schwer an, dass ich nicht wusste, wie lange ich noch weitergehen konnte. War ich erst einen Tag unterwegs oder schon zwei Wochen? Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Mit letzter Kraft folgte ich dem Pfad, dessen Belag unter meinen Schuhen leise knirschte. Wohin ich auch schaute – es boten sich mir keinerlei Anhaltspunkte, wo genau ich war. Jeder Weg, jede Kreuzung sah gleich aus, und kein Pfad schien zu meinem Ziel zu führen. Da entdeckte ich in einiger Entfernung einen Stein am Rande des Weges. Er sah kantig und staubig aus, doch seine Größe und die Tatsache, dass er oben ganz flach war, ließen in mir den sehnlichen Wunsch entstehen, ihn für eine kurze Rast zu nutzen. Müde schleppte ich mich die letzten Schritte zu meiner provisorischen Sitzgelegenheit und ließ mich ächzend darauf nieder.

Schon nach wenigen Sekunden legte sich völlige Erschöpfung auf mich. Wie sollte ich bloß je wieder aufstehen und meinen Weg fortsetzen können – einen Weg, den ich so voller Erwartung und Vorfreude begonnen hatte und der nun in völliger Resignation und Kraftlosigkeit gemündet war? Da spürte ich auch noch das bekannte Ziehen in meinem Magen, das sich schon vor Stunden als mein ständiger Begleiter entpuppt hatte und mich unweigerlich daran erinnerte, wie lange ich schon nichts mehr gegessen hatte. Auch der Durst war mittlerweile unerträglich. Mit fahrigen Bewegungen griff ich nach dem Rucksack, den ich noch immer auf dem Rücken trug. Ich öffnete ihn und holte meine Trinkflasche heraus, die so leicht war, dass mich nichts über ihren mickrigen Inhalt hinwegtäuschen konnte. Gierig trank ich die letzten paar Schlucke der abgestandenen, viel zu warmen Flüssigkeit, die ich von zu Hause mitgenommen hatte – sicher, dass ich nur kurz unterwegs sein und dann bestens versorgt werden würde.

MATTÄUS 22,4Der furchtbare Geschmack des abgestandenen Wassers erinnerte mich sofort an den Grund meines Aufbruchs: Ich hatte – wie schon viele Male zuvor – meine persönliche Einladung in der Hand gehalten. Wie jeden Tag war sie auch diesmal wieder in einem edlen, wattierten Umschlag bei mir angekommen. Nicht nur die Qualität des Materials, sondern auch das Wachssiegel, das ihn auf der Rückseite verschloss, sprachen von der hoheitlichen Stellung des Absenders. Tatsächlich war es eine Einladung des Königs selbst, der mir anbot, bei einem herrlichen Festmahl in seinem Thronsaal sein einziger Gast zu sein.

JESAJA 55,1-2Dieser Briefumschlag war nicht der erste seiner Art gewesen, nein, ganz und gar nicht. Vor meinem inneren Auge sah ich die altmodische Kommode, die ich schon seit Kindertagen besaß. In einer der vielen großen Schubladen hatte ich Hunderte dieser Einladungen des Königs gesammelt, Briefumschlag für Briefumschlag. Täglich erhielt ich sie, schon seit vielen Jahren. Ich konnte mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich den allerersten in der Hand gehalten und mich überrascht gefragt hatte, was er wohl enthalten würde. Wie hatte ich gestaunt, als ich das Siegel brach und vorsichtig das teure Papier herauszog, auf dem stand, dass der König selbst mich gerne empfangen würde – in seinem Thronsaal. Hungrig solle ich kommen, da er ein großes Festmahl für mich vorbereitet habe. Ich weiß noch, wie ich erstaunt über die Tatsache stolperte, dass der König das Festmahl anscheinend schon zubereitet hatte, obwohl er meine Antwort noch gar nicht kannte. Aber nichts und niemand hätte mich in diesem Moment davon abhalten können, der Einladung zu folgen. Voller Vorfreude und gleichzeitig sehr angespannt, ob ich mich diesem Vorrecht einer persönlichen Audienz beim König als würdig genug erweisen würde, fieberte ich dem Abend entgegen.

RÖMER 8,15-16Doch ich hätte gar keine Angst haben müssen. Wie wunderbar und bahnbrechend das gemeinsame Essen gewesen war! Von der ersten Sekunde im Thronsaal des Königs aller Könige bis zu dem Moment, da ich satt und tief erfüllt diesen schönsten Ort, den ich je gesehen hatte, verließ, fühlte ich mich zutiefst geborgen und angenommen. Der König hatte mir sogar das Vorrecht gegeben, ihn »Papa« zu nennen. Ich weiß noch genau, wie seltsam es war, ihn in seiner ganzen Allmacht vor mir stehen zu sehen und dieses Wort in seiner Gegenwart auszusprechen. Doch es fühlte sich sogleich völlig richtig an, als wäre ich endlich nach Hause gekommen.

Wie hatte ich gestaunt, dass der König selbst mich gerne empfangen würde – in seinem Thronsaal.

JOHANNES 17,22.24Von diesem ersten Moment im Thronsaal an kannte meine Sehnsucht keine Grenzen: Jeden Tag bekam ich eine neue Einladung, jedem gemeinsamen Essen an der Festtafel des Königs fieberte ich mit Leidenschaft entgegen. Jedes Mal schickte mein Gastgeber seinen eigenen Sohn, um mich an dem im Brief festgelegten Treffpunkt abzuholen. Dieser begleitete mich bis in den Thronsaal und ließ mich dann mit einem verschmitzten Lächeln allein mit seinem Vater.

2. TIMOTHEUS 2,13Während die Erinnerungen an diese Zeit meinen müden Kopf eroberten, musste wohl ein Lächeln auf meine Lippen gekommen sein, das ich erst jetzt bemerkte. Doch sogleich erstarb es auch schon wieder. Erneut sah ich die Kommode mit all den Briefen vor meinem inneren Auge. Meine Leidenschaft für diese Treffen war mit der Zeit erlahmt. Irgendwann waren die Einladungen zur Gewohnheit geworden. Wenn der Brief mich erreichte, erfasste er mich nicht mehr mit dieser alles überlagernden Begeisterung, sondern wurde zu einem Teil meiner Alltagsroutine. Bald öffnete ich nur noch alle paar Tage den Umschlag, wusste ich doch ohnehin genau, welchen Inhalt er enthielt und wozu der König mich rufen würde. War ich zuvor jeden Abend der Einladung gefolgt, gab es nun immer größere Abstände zwischen den Tagen, an denen ich mich zum Thronsaal begleiten ließ. Und dann brach unser Kontakt für lange Zeit völlig ab. Lediglich die vielen ungeöffneten Briefumschläge in meiner Kommode zeugten noch von dem großen Interesse des Königs an mir. Während ich auf dem Stein kauerte und vorsichtig meine hart gewordenen Waden massierte, dachte ich darüber nach, wie es dazu hatte kommen können. Irgendwie hatte es ständig neue Gründe gegeben, die mich davon abhielten, den Einladungen des Königs weiterhin regelmäßig zu folgen:

MATTÄUS 22,5

LUKAS 8,14Da war so viel anderes, was mich in Anspruch nahm. Eine persönliche Audienz beim König kostete Zeit – und da gab es auch andere Dinge, die reizvoll genug erschienen, um mir eben diese Zeit zu vertreiben. Außerdem hatten die vielen wunderbaren Köstlichkeiten im Thronsaal mich für lange Zeit satt gemacht, so dachte ich zumindest. Schon die Erinnerung daran reichte mir. Ich verlor in der Folge den Hunger, die Freude an den einzigartigen Speisen, die mir der König zubereitete. Stattdessen kostete ich andere Mahlzeiten, angepriesen von einer Umwelt, JESAJA 55,2-3die mir dauerhafte Zufriedenheit und Sättigung versprach. Und nach und nach schlichen sich auch noch Ängste ein, die mich davon abhielten, die Nähe des Königs erneut zu suchen. Würde er nicht mittlerweile furchtbar enttäuscht von mir sein? Hatte er nicht täglich ein Festmahl für mich vorbereitet, das ich nun schon seit Langem verschmähte? Hatte er nicht immer wieder Zeit für mich reserviert, die ich achtlos verstreichen ließ? Wie konnte ich diesem König jemals wieder unter die Augen treten?

JEREMIA 17,7-8 PSALM 63,2Doch vor ein paar Tagen hatte sich etwas in mir entscheidend verändert. Wieder einmal war der Brief mit der Einladung des Königs eingetroffen. Ich hielt ihn nachdenklich in den Händen, unfähig, ihn einfach zu den anderen ungeöffneten Umschlägen in der Kommode zu legen. Mehrere Male drehte ich ihn in meinen Händen hin und her, betrachtete die wunderschöne, charakteristische Handschrift des Herrschers, der sich von mir »Papa« nennen ließ. Ich strich zärtlich über das kunstvoll gestaltete Siegel auf der Rückseite. Etwas in mir, das ich schon lange nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte, brach von einem Moment auf den anderen machtvoll in mir auf, sodass ich taumelnd auf einen Stuhl sank. Zunächst konnte ich es nicht erfassen, nicht klar umreißen, was es war, doch je mehr ich diesem Empfinden in mir nachgab, desto mehr kristallisierte es sich heraus: Ich spürte Hunger – einen überwältigenden und schier unbändigen Hunger, von dem ich wusste, dass nur die Speisen des Königs selbst und seine wundervolle Gegenwart ihn zu stillen vermochten. Als hätte man einen Schleier von meinen Augen genommen und mir einen neuen Zugang zu meinem Herzen gegeben, erkannte ich mit einem Mal, was mir in all der Zeit entgangen war. Vermeintlich satt hatte ich mich all die Tage, an denen ich der Einladung des Königs nicht gefolgt war, von Dingen ernährt, die es nie auf die Tafel im Thronsaal geschafft hätten. Ich fühlte mich, als hätte ich die ganze Zeit neben dem besten Essen der Welt gestanden, nur um stattdessen die Krumen auf dem Boden ringsumher aufzusammeln, um meinen Hunger zu stillen. Wie hatte ich das nur alles zulassen können? Wie hatte ich ernsthaft glauben können, dass mich irgendetwas auch nur ansatzweise so sättigen würde wie das, was der König selbst mir zubereitete?

Und vor allem: Wie hatte ich mich seiner liebevollen Gegenwart und seiner ungeteilten Aufmerksamkeit entziehen können, die er mir jedes Mal schenkte?

PSALM 63,3 & 84,11Trotz der enormen Angst, die mein Herz erfasste, wenn ich an den Kummer dachte, den ich diesem wunderbaren König durch mein Verhalten gemacht hatte, festigte sich in mir nur noch ein Wunsch: Ich wollte zum Thronsaal kommen. Ich wollte der Einladung meines Königs folgen und nicht einen Tag länger warten. Eilig packte ich schnell einige vermeintliche Notwendigkeiten in einen Rucksack, um mich sofort auf den Weg zu machen, ehe mich die Angst meine Entscheidung wieder rückgängig machen lassen würde. Den Briefumschlag mit der Einladung darin öffnete ich erst gar nicht, wusste ich doch ohnehin, was darin stehen würde. So oft schon hatte ich die Karte in Händen gehalten, auch wenn dies schon lange her war …

Mit wachsender Vorfreude und schmerzhaft großer Sehnsucht in meinem Herzen rannte ich los. Ziel war der Treffpunkt, an dem mich der Sohn des Königs abholen würde. Mit jedem Schritt wurde ich zuversichtlicher, mit jeder genommenen Abbiegung sicherer, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ein König, der nicht aufgegeben hatte, mich weiterhin einzuladen, würde mich doch sicherlich nicht verstoßen, jetzt, wo ich seiner Einladung erneut Folge leistete. Er würde mir zuhören, meine Beweggründe und ganz neu erwachten Erkenntnisse verstehen. Mein König würde mich liebevoll in seine Arme nehmen und mir sagen, wie sehr er sich über mein Kommen freue.

All diese Gedanken trieben mich förmlich an – und zerbrachen in einem einzigen Moment: Als ich bei unserem Treffpunkt ankam, war ich völlig allein. Der Sohn des Königs war nicht gekommen! War ich zu früh, zu spät? Hastig schaute ich auf meine Uhr. Nein, ich war zur gewohnten Zeit am gewohnten Ort. Was sollte das bedeuten? Hatte der König sich ausgerechnet heute umentschieden und seine Einladung bereut? Wollte er nun doch nicht, dass ich ihn in seinem Thronsaal besuchte, und hatte mir nur deshalb nicht abgesagt, weil er ohnehin nicht erwartet hatte, dass ich kommen würde? Verzweifelt drehte ich mich nach allen Seiten um, horchte schwer atmend auf sich nähernde, eilige Schritte, weil der Sohn des Königs sich vielleicht verspätet hatte. Aber nichts geschah. Ich blieb allein – allein mit meinen aufkommenden Zweifeln. Hätte ich nicht doch zu Hause bleiben sollen? Hatte ich mir nicht alle Privilegien durch mein törichtes, undurchdachtes Verhalten in letzter Zeit verspielt?

Dennoch – ich konnte nicht mehr anders. Der unbändige Hunger in mir und die tiefe Sehnsucht nach dem König, die mich zu Hause erfasst hatten, als ich den Brief in Händen gehalten hatte, ließen sich nicht mehr ignorieren oder anderweitig stillen. Es blieb mir keine Wahl mehr – ich musste in den Thronsaal gelangen, dann eben ohne die Begleitung des Sohnes. Das sollte auch gar kein großes Problem sein, war ich die Strecke doch unzählige Male gemeinsam mit ihm gegangen. Sicherlich würde ich sie auch nach dieser langen Zeit noch wiederfinden können.

Also machte ich mich auf den Weg, von neuer Zuversicht erfüllt, bald bei meinem König angekommen zu sein. Bei dem Gedanken an all die leckeren Speisen auf seiner Tafel lief mir schon jetzt das Wasser im Mund zusammen, und ich beschleunigte meine Schritte.

Lange war ich unterwegs gewesen, sorgsam auf den Weg achtend, an jeder Kreuzung darauf bedacht, mich zu erinnern, wie ich die Strecke an der Hand des Königssohnes gelaufen war. Seltsamerweise war ich an enorm vielen Abzweigungen vorbeigekommen. In meiner Erinnerung war der Weg so viel eindeutiger gewesen, so viel gerader. War ich vielleicht irgendwo falsch abgebogen?

SPRÜCHE 14,12Ständig hatten sich Dinge ungefragt in mein Bewusstsein gedrängt – vermeintliche Orientierungspunkte, die mir plötzlich bekannt vorkamen und meine Schritte in eine bestimmte Richtung lenkten. Auch Begegnungen, die sich scheinbar nicht vermeiden ließen, hielten mich immer wieder auf. Da war zum Beispiel diese Frau am Wegesrand gewesen. »Ich bin so hungrig, bitte gib mir etwas zu essen«, rief sie mir schon von Weitem zu. Schnell kramte ich in meinem Rucksack nach meiner kleinen Wegzehrung, die ich eingepackt hatte. Schließlich würde ich ja bald an der Festtafel des Königs sitzen, also konnte ich dieser Frau wohl meinen Proviant geben. So war ich lange Zeit gelaufen, hatte mal hier gehalten und mal dort geschaut. Immer wieder hatte ich in meinen Rucksack gegriffen und Menschen, die mir auf dem Weg begegneten, etwas von meinen wenigen Habseligkeiten gegeben. Erst recht spät hatte ich dann gemerkt, was mir von Anfang an hätte klar sein müssen: Ich hatte mich verirrt! Ich wusste weder, wo genau ich war, noch, wie ich zum Thronsaal des Königs finden konnte. In meinem Rucksack befand sich seit geraumer Zeit nur noch die kleine Flasche mit dem abgestandenen Wasser, die ich nun, auf dem Stein sitzend, gierig geleert hatte. Dennoch war es mir vorgekommen, als wäre der Rucksack mit jedem Schritt schwerer geworden, eine schier unerträgliche Last, die ich mit mir herumschleppte und die mich zusätzlich spüren ließ, wie erschöpft ich mittlerweile war.

Hier saß ich nun. Etwas brannte in meinen Augen. Ich nahm meine schmutzige Hand und rieb damit über mein Gesicht, nur um festzustellen, dass ich wohl zu weinen begonnen hatte, als ich über all das nachgedacht hatte. Was sollte ich jetzt tun? Hatte ich mich jemals zuvor so allein gefühlt? Wäre ich doch zu Hause geblieben! Dort wäre ich zwar sicherlich nicht in den Genuss der Speisen des Königs gekommen, aber hätten nicht auch die gereicht, die ich mir selbst hätte besorgen können? Oder ich hätte dem König eine Nachricht zukommen lassen können, dass ich nach all der Zeit wieder bereit war, seiner Einladung zu folgen. Dann hätte er ganz sicher gewusst, dass ich unterwegs war, und mich niemals auf dem Weg zu seinem Thronsaal alleine gelassen. Wieso war sein Sohn nicht am vereinbarten Treffpunkt gewesen? Warum hatte er mich nicht wie sonst an seine starke Hand genommen und mich zielsicher zu seinem Vater geführt? Er wusste doch sicherlich ganz genau, dass ich den Weg ohne ihn nie finden würde. Wie konnte er zulassen, dass ich mich nun in dieser ausweglosen Situation befand? Völlig ohne Orientierung, hungrig, durstig, erschöpft! Mein Herz wurde von Frust darüber ergriffen, dass meine Erwartungen so bitterlich enttäuscht worden waren. Und dann stieg eine unbändige Wut in mir auf: War es das, was der König gewollt hatte? War das vielleicht seine Strafe für meine Ablehnung, für die vielen Male, die ich ihn versetzt hatte? Wollte er mich nun leiden sehen?

Mittlerweile weinte ich nicht nur stille Tränen, sondern schluchzte laut. Sollte man meine Verzweiflung doch hören! Hier war sowieso keiner weit und breit, der mir helfen konnte. Rasend vor Wut und Verzweiflung stand ich auf und schlug mit meinem Rucksack gegen den Stein. Wieder und wieder schleuderte ich den altersschwachen Stoff gegen die scharfen Kanten, in der irren Hoffnung, sie würden den Rucksack zerschneiden, ihn in kleine Stücke zerfetzen, damit er sichtbar machen würde, wie ich mich innerlich fühlte.

Plötzlich hielt mich etwas zurück. Mein Arm, der den Rucksack schwang, wurde umfasst, sachte und doch bestimmt. Überrascht ließ ich ihn sinken und drehte mich ruckartig um. Was ich sah, brachte mich aus dem Gleichgewicht: Da stand er – der Sohn des Königs, nur einen Schritt von mir entfernt, so wie ich ihn in Erinnerung hatte. Seine Augen waren auf mich gerichtet, sein Blick war leidenschaftlich und einnehmend.

»Wo bist du gewesen?«, waren seine ersten Worte, liebevoll, ohne jeden anklagenden Unterton.

»Wo bin ich gewesen?«, stieß ich fassungslos hervor. »Du warst es doch, der nicht am vereinbarten Treffpunkt erschienen ist. Deinetwegen habe ich mich verlaufen und irre nun schon seit Stunden in dieser Gegend herum!«

Ich höre nie auf, dich zu suchen, Liebes! Leiden­schaft­lich gehe ich dir wieder und wieder nach, bis ich dein Herz erreiche.

Fragend schaute der Sohn mich an, während er meine wild herumfuchtelnden Hände ergriff, um mich zu beruhigen und auf das zu fokussieren, was er mir sagen wollte. Dieser Blick ließ mich sogleich innehalten. »Hast du die Einladung meines Vaters denn nicht gelesen?«, fragte er nun, als er sich meiner vollen Aufmerksamkeit gewiss war.

Bei diesen Worten sah ich mich wieder in meinem Haus stehen, den ungeöffneten Briefumschlag in Händen. »Nein«, erwiderte ich zögernd, »ich kannte den Inhalt doch ohnehin genau.«

Der Sohn des Königs musste gar nicht antworten. Ich sah es sofort in seinen Augen.

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€11,99
Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
03 April 2025
Umfang:
132 S. 5 Illustrationen
ISBN:
9783417269949
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
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