Buch lesen: "Das Labyrinth"

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Stig Dal­ager

Selbst da das Jahr nun kam im kreisenden

Laufe der Zeiten,

Da ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka

wiederzukehren,

Hatte der Held noch nicht vollendet die

müdende Laufbahn.

Auch bei den Seinigen nicht.

Homer, Odyssee,

in der Übertragung von

Johann Heinrich Voß

Prolog

Zu spät oder zu früh oder zur rechten Zeit zum Labyrinth zu gelangen, das ist die Frage.

Hier kommt jetzt der Autor mit seinem Ich und all seinen anderen offenen Fragen an einem Maitag in Kopenhagen an, als sich die Sonne im funkenschlagenden Aufblitzen an einem schwachen bläulich-weißen Himmel zeigt, der mehr verbirgt, als er offenbart. Der größte Teil des Universums ist hinter diesem Himmel verborgen, und doch existiert es mit seinen Milliarden von Sternen, schwarzen Löchern, Planeten, Monden, Sonnen und Erdkugeln. Es ist anregend und bedrückend zugleich, wie wenig wir davon verstehen, aber an den Städten und Menschen des Erdballs halten wir in unserer Einbildung fest, bis wir entdecken, dass Menschen nicht nur Raumpiloten sind mit Sternenstaub in den Genen, sondern als lebende Fossile auch den Abdruck des Universums hinter der schützenden Haut des Stirnlappens tragen. Ist das Universum ein erst schwach kartografiertes Labyrinth, was ist dann mit den unendlichen Irrgängen im hirngekrönten Schloss von Bewusstsein und Unbewusstem? Welche Sterne und welche Gänge werden uns dazu führen, die Bewegung der einen Hand zur anderen Hand zu verstehen, welche schwarzen Löcher heben die Faust zum Schlag, was bringt Menschen dazu, sich zu versammeln und zur Masse zu werden? Was bringt eine Person dazu, zu verschwinden und wieder aufzutauchen?

Beginnen wir die Reise.

Anfang Januar 1986 machte Jon Bæksgaard Ernst mit seinen Plänen, nach Mérida in Mexiko zu gehen, um sein irdisches Paradies zu finden; bei seiner Abreise aus dem klammen Zimmer an der Lower East Side in New York ließ er eine Plastiktüte mit abgetragenen Kleidungsstücken zurück, die er nicht mehr brauchte (in Wirklichkeit hatte er vergessen, sie wegzuwerfen); diese Plastiktüte wurde von einem unterbezahlten fünfundzwanzigjährigen Putzmann gefunden, der sie für sich auf die Seite schaffte; er wohnte in einem Block in einer kleinen Straße in Brooklyn und nahm am selben Tag seinen bescheidenen Fang mit über die Brücke. Zwei Tage später stand er – wie so oft zuvor – auf der Straße, wenigstens aber hatte er das Geld von dem Job und die Sachen aus der Tüte, die ihm zu seinem Glück einigermaßen passten.

Joe Fender, der aus einem kleinen Ort in Missouri stammte und in der Hoffnung nach New York gegangen war, dort ein gelbes Taxi zu fahren, war praktisch obdachlos, und da er wieder einmal weder Arbeit hatte und Geld nur noch für die nächsten drei, vier Tage, wurde er nach einer Woche aus seinem stickigen Zimmer geworfen und stand wieder auf der Straße.

Er ging zum zwölften Mal in zwei Jahren in das beeindruckende Büro der N.Y.C. Taxis, um nach Arbeit zu fragen, wurde aber wieder abgewiesen, weil er keinen City-Führerschein hatte und es sich nicht leisten konnte, einen zu machen. Am nächsten Tag war er wieder da und flehte die Gesellschaft an, ihm das Geld für einen Führerschein vorzustrecken. Weil er aber überhaupt keine Garantien bieten konnte, musste er wieder abziehen.

Die ersten beiden Nächte verbrachte er in einer der wenigen überfüllten Herbergen der Stadt, zusammen mit verdreckten und nach Schnaps stinkenden Asphaltwracks und still für sich schlafenden Einzelgängern, aber als ihm hier seine Ausweispapiere gestohlen wurden, hatte er nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder ging er nach Missouri zurück zu dem, was von seiner Familie noch übrig war, oder er ging unter die Erde, zu den versprengten Obdachlosen in die frostige Finsternis der Subwaytunnel. Um zurückzufahren, brauchte er Geld, und um sich Geld zu beschaffen, brauchte er einen Job, doch für einen Job brauchte er eine Adresse und einen Schlafplatz und etwas zu essen; er stank schon und war im Laufe einer Woche so heruntergekommen und geschwächt, dass ihn keiner nehmen wollte, weder als Tellerwäscher oder Abräumer noch als Liftboy, obwohl er mit einer verzweifelten Beharrlichkeit tat, was er konnte, um auf seinem Weg durch das Wirrwarr der großen Stadt aus Seitenstraßenhotels, Coffeeshops, Pizzerias und Bars wen auch immer vom Gegenteil zu überzeugen; gerade die Verzweiflung in seinen Körperbewegungen und Augen gab den Ausschlag in einer dschungelartigen Stadt, wo man den anderen blitzschnell scharf taxierte und von ihm zumindest erwartete, dass er einem irgendetwas vormachte.

Joe Fender konnte sich weder besonders gut verstellen noch sich smart geben, er hatte nur seine countryartige Energie, und als die fast aufgebraucht war auf seinen mehrwöchigen Betteltouren in der eisigen Winterluft der Fifth Avenue und durch das Viertel in Brooklyn, das er am besten kannte, da beschloss er, dem Ganzen ein Ende zu machen. Das heißt, beschließen ist zu viel gesagt, er hatte das Gefühl, er habe keine Wahl, er fror ganz höllisch, und wenn man friert, kann man nicht klar denken. Das Einzige, woran eine verfrorene Seele in einem unterkühlten Körper denken kann, ist ein Dach über dem Kopf, und kommt sie weit genug von der Bahn ab, die gewisse starke Träume ihr in ihrem eher kindlichen Zustand vorgeschrieben haben, erreicht sie den Punkt, wo selbst der Tod Erlösung bedeutet. Die meisten stellen sich die Hölle warm vor, doch Joe Fender wusste instinktiv, dass die Hölle kalt ist, von brennender Kälte, so instinktiv suchte er die Wärme auf der anderen Seite.

Er kannte den Weg. Eine seiner wenigen Bekannten, ein Mädchen namens Lucy Farry, das er in Brooklyn genau an dem Januartag auf der Straße traf, als er sich ein Zimmer mietete, hatte er schon am nächsten Abend auf sein Zimmer mitgenommen, hier übernachtete sie auf seiner einfachen Matratze, während er sie in den Armen hielt; sie schwitzte den größten Teil der Nacht und zitterte am ganzen mageren, weißen Körper, manchmal rief sie nach Wasser oder ihrer Mutter oder nach Stoff, erst gegen Morgen, als das bleiche Winterlicht in das Zimmer drang, sah er die vielen blauen Male an ihren Armen und Beinen und wusste nicht, was er mit ihr anfangen sollte; an diesem Tag hatte er einen Putzjob in Alphabet City und musste sie allein lassen. Sie schlief, er stellte ihr eine Tasse Wasser hin, deckte sie mit der rauen Bettdecke zu und ging zur Arbeit, aber als er am Nachmittag desselben Tages zurückkam, war sie verschwunden.

Einige Tage später tauchte sie plötzlich auf und war auf Speed und faselte was von einer Aussicht, die sie ihm unbedingt zeigen wolle, ohne zu fragen, nahm sie seine Hand und führte ihn durch die Straßen in ein verfallenes Hochhaus in der Coney Island Avenue, wo ein zeitungslesender Wachmann von ihnen kaum Notiz nahm. Sie fuhren mit dem knackenden Fahrstuhl bis zur obersten Etage, und sie führte ihn über eine kleine Treppe auf das Dach. Vom Sternenhimmel ebenso wie von den pulsierenden Lichtern Manhattans überwältigt, hielten sie einander einen Augenblick an der Hand, dann ließ sie seine Hand los und ging durch ein kaputtes Gitter ganz nach vorn zur Dachkante und begann, darauf zu balancieren.

– Heute Abend tanze ich wie ein Engel, rief sie hysterisch dem geschockten Joe Fender zu, der sie sofort von der Kante wegriss und weiter aufs Dach führte. Doch sie sträubte sich und befreite sich aus seinem Griff und lief zur Kante, er ihr hinterher, bekam sie wieder zu fassen, sie stolperten über ihre eigenen Beine und rollten in enger Umarmung herum; sie landete auf dem Rücken, den Kopf über der Kante, und er über ihr, einige Sekunden lang starrte er an ihrem Gesicht vorbei in den Schacht unter ihnen, dann konnte er sie wieder aufs Dach zurückziehen, er hielt sie jetzt ganz fest und begleitete sie zurück zum Aufgang und dem Fahrstuhl.

Draußen vor dem Gebäude trennten sie sich, weil sie wütend auf ihn war, und weil er, wie sie sagte, kein Engel war, so wie sie, und er sah sie nicht wieder.

Aber dieser schwindelnde Anblick des dunklen Schachts ließ ihn nicht los. Er stieß ihn genauso ab, wie er ihn anzog, und als er eines Nachts, nachdem er eine halbe Stunde unruhig geschlafen hatte, auf dem Steinboden neben einem Subwaypfeiler in der Nähe der Bowery Station aufwachte, erhob er sich wie ein Schlafwandler und tappte durch den dunklen Tunnel zur Straße hoch, um den ganzen Weg über die Brooklyn Bridge zum Hochhaus in Brooklyn zu laufen. Hätte ihn ein Streifenwagen oder irgendein Fußgänger angehalten, hätte er sein Vorhaben wahrscheinlich aufgegeben, aber es hielt ihn keiner auf, auch nicht der Wachmann im Hochhaus, der im Foyer vor dem Siebzehn-Zoll-Fernseher eingeschlafen war, den er selbst mitgebracht hatte und aus dem Stimmen und Klatschsalven einer Nightshow dröhnten. Als Joe Fender oben auf dem Dach im Wind stand, ging er gleich nach vorn zur Kante und ließ sich fallen, wie er sich einmal auf einem Feld in Missouri hatte vom Mähdrescher fallen lassen.

Erst einige Tage später entdeckten ein paar Jungen seinen kaputten Körper neben einem Abfallcontainer. Zwei Polizisten von einer nahen Wache wurden gerufen, sie kamen in schlechter Laune an, weil sie deshalb ihre Mittagspause verschieben mussten; an Ort und Stelle untersuchten sie schnell die Kleidung des Toten und fanden in der Innentasche der Jacke das Foto einer blonden Frau; auf der Rückseite stand ein Name (Sine) mit einer dänischen Adresse, die sich mit Ausnahme einer wichtigen Kleinigkeit, die bei der ersten Untersuchung übersehen wurde, bald als das Einzige herausstellen sollte, was den kalten Körper mit der bekannten Welt verband. Als später einer der Polizisten einige Tage nach Auffinden der anonymen Leiche routinemäßig die Kleidungsstücke nummerieren wollte, die ein Jahr aufbewahrt wurden, und noch einmal die Taschen durchsuchte, stießen seine Fingerspitzen auf einen kleinen weißen Zettel, der sich bei näherer Untersuchung als Quittung für ein PanAm-Flugticket auf den fremd klingenden Namen Jon Bæksgaard erwies. Der Polizist erkundigte sich telefonisch bei der PanAm, die ihm mitteilte, jemand dieses Namens hätte das Ticket gekauft und bezahlt, ohne jedoch eine New Yorker Adresse zu hinterlassen. Da der Polizist jetzt das Foto einer Frau mit einer dänischen Adresse und den mutmaßlichen Namen der Leiche hatte, und da er mit Aufgaben überlastet war und sich im Übrigen nicht sonderlich für den Fall eines toten Mannes interessierte (in seinen Augen sprach hier nichts gegen einen Selbstmord), meldete er den Vorfall der zuständigen Behörde, die routinemäßig eine Kopie des Fotos mit den Erklärungen über Todesursache, Fundort und dem vermutlichen Namen in einem abgestempelten und eingeschriebenen Brief an die Frau und ihre (vermutlich) dänische Adresse schickte.

So kam es, dass Jon Bæksgaard offiziell für tot gehalten wurde, dabei aber quicklebendig in der Sonne durch die engen, lauten Straßen von Mérida lief.

Aber gerade weil die Information über seinen sinnlosen Tod für Sine, die den Brief aus New York endlich Ende Februar in Paris (umadressiert in Århus) erhielt, den Anschein einer großen lähmenden Wahrscheinlichkeit hatte, kam Jon in gewisser Weise dazu, schon zu Lebzeiten zwei Tode zu sterben, ehe er einige Jahre danach wiederauferstehen sollte. Erst starb er in den Augen der Behörden, und zwar ganz offiziell, danach starb er als Möglichkeit in Sines Leben. Denn trotz ihres Abschieds von ihm Ende Dezember 1985 in New York hatte sie ihn damals gegen alle Vernunft nicht aufgegeben und damit gerechnet, ihn früher oder später wiederzusehen.

Aber starb er auch als eine Lebensmöglichkeit, lebte er doch umso stärker als Erinnerung in ihr weiter.

Und als sich der Schock über seinen Tod gelegt hatte und auch die Erinnerung an ihn langsam verblasste, brachte sie ihr Kind zur Welt, das auch seines war.

1993–1994

The pain will not go away. Sine wohnt in Wien im dritten Stock eines Gartenhauses in der Billrothstraße in einer Vierzimmerwohnung mit Balkon. Sie wohnt hier mit ihrem Sohn Tobias und mit Günther, ihrem Freund aus Berlin, den sie im uno-Komplex am linken Donauufer getroffen hat, wo sie an Dritte-Welt-Projekten arbeitet. Es ist Nacht, und die Wohnung ist frisch geweißt, leuchtet stark im Dunkeln, es ist, als gingen Gespenster im breiten Korridor umher, der einmal für Besuch aus dem akademischen Bürgertum der Stadt und wahrscheinlich auch von Offizieren mit ihren Frauen und Kindern gedacht war, und vor ihnen von Geldleuten in ihren gut sitzenden schwarzen Anzügen; früher lebte in der Wohnung ein Kunstmaler, der Professor war, und vor ihm ein Oberst mit Familie, und noch vor ihnen ein Bankier. Der Parkettfußboden des Korridors, der freie Platz hinter der Anrichte und der breite Garderobenschrank samt dem Kristallkronleuchter erinnern immer an früher, als man hier ein anderes Leben führte, so wie an die Gespenster, deren flüsternde Stimmen sie zu hören glaubt, während sie neben Günther schläft, dem traumlosen Günther, der mit seinem schönen, symmetrischen Gesicht und in seiner schlafenden Leblosigkeit ein Fremder sein könnte, ein Jedermann, der durch seine bloße Anwesenheit vor der Einsamkeit schützt. Hat Jon sie angesteckt? Lebt sie am besten, wenn sie träumt?

In diesem Altweibersommer im September in Wien hat sie ihn im vollen Tageslicht ganz vergessen, selbst ganz früh am Morgen, ehe sie mit der Straßenbahn zum Schottentor fährt, Tobias in die Sonderklasse des funktionalistischen Gebäudes in der Gymnasiumstraße begleitet und er sich, die Hand des Begleitlehrers auf der Schulter, zu ihr umdreht, mit diesem Gesicht, das ihm gehören könnte, dreht sich die Zeit für sie nicht zurück; es gibt keine Stelle mehr im Körper, die schmerzt, sie sieht das Gesicht wie ein Gesicht, das gerade in diesem Augenblick hier lebt, das leicht verstörte Gesicht ihres Sohnes, mit der augenblicklichen Angst, mit den gehemmten oder schreienden Kindern in dem funktionalistischen Gebäude allein zurückgelassen zu werden.

In dieser Nacht, in der nur ein Laken ihren fast nackten Körper bedeckt, träumt sie, nicht diese bizarre, albdruckartige oder diffus aufgelöste Art von Traum, er ist wirklicher als das, was sie umgibt. Es ist ein Novembertag vor über sieben Jahren, mit den einsetzenden Presswehen fährt sie allein in einem Taxi zu den Betonbauten des Rigshospitalet; an diesem Novembertag, an dem die grauen Farben des Himmels die Sicht nach oben begrenzen und Kopenhagen fast im Winterschlaf liegt, wirkt Tegners gewaltige und grünspanüberzogene, schräg vor dem Krankenhaus aufragende Statuengruppe eines muskulösen Mannes und zweier Frauen, die ins Licht hochschauen, wie eine schwere Fata Morgana. Als sie vorm Haupteingang des Rigshospitalet mit den automatisch auf- und zugleitenden Türen aus dem Taxi steigt, ist ihr einen Augenblick lang schwindlig, und sie ist schwach auf den Beinen, der Chauffeur, ein ursprünglich aus Pakistan stammender Mann, hat es eilig, aus dem Auto zu kommen, um sie zu stützen und begleitet sie durch die Türen in die summende, überhelle Vorhalle, wo Patienten in Rollstühlen und Besucher in Winterkleidung sich wie in einem Film bewegen.

– Schaffst du es allein?, fragt der Fahrer und legt ihr schützend die Hand auf die Schulter.

Sie sieht in die glänzenden dunklen Augen im grau werdenden Gesicht und nickt. Ein Passant blickt ihnen misstrauisch nach.

Er gibt ihr die Tasche, und sie bewegt sich beschwerlich tiefer in die Halle hinein und will um eine Ecke biegen, verspürt aber wieder die Schmerzen und das Ziehen im Bauch und lehnt sich an die Wand. Einen Augenblick lang dreht sich alles um sie, dann ist er wieder da, der Taxifahrer, er nimmt ihre Tasche und stützt sie und hilft ihr schweigend um die Ecke und zu den Fahrstühlen in der marmorierten Wand. Sie spürt das Wasser und stellt sich vor, es wäre ein See unter ihr, aber da ist nichts. Sein Knoblauchatem verstärkt ihre Übelkeit, und doch hält sie sich an seinem Arm fest. Als eine Fahrstuhltür aufgeht, bittet sie um ihre Tasche, dankt ihm und betritt den neonerleuchteten, engen Raum. Als sie sich zur Tür umdreht, steht er immer noch draußen und gibt auf sie acht. Sie ist allein im Fahrstuhl.

– Zweiter Stock!, sagt er.

Sie drückt den Knopf zum zweiten Stock und wirft ihm ein nervöses Lächeln zu. Die Tür gleitet langsam zu, er verschwindet, sie fährt nach oben. Sie schwebt nach oben, es dauert eine Ewigkeit, ein neuer Schmerz durchzuckt sie, sie hält ihren Bauch fest, als der Fahrstuhl hält und die Tür aufgleitet, weiß sie einen Augenblick lang nicht, wo sie ist, um sie herum ist alles weiß und grau, sie tritt auf den Gang, entdeckt, dass sie die Tasche vergessen hat, macht kehrt, bückt sich und fällt fast über die Tasche. Irgendjemand packt sie von hinten am Arm, ein Mann in weißem Kittel, und zieht sie wieder auf die schwankenden Beine. Alles ist weiß.

Zwei andere Weißgekleidete kommen dazu, sie sprechen zu ihr, sie hört, was sie sagen, versteht es jedoch kaum, sie geleiten sie in einen größeren, nackten Raum mit einer Liege. Sie heben sie halbwegs auf die Liege, einer von ihnen zieht halb die Gardine vor die vielen Fenster, die sich grau in der Ferne verlieren. Man misst ihren Puls, betastet ihren dicken Bauch, sie starrt die weiße Decke an, will nur schlafen, doch jetzt kommt der Schmerz wieder. Plötzlich ist sie wieder ein Kind und liegt still in ihrem kleinen weißen Zimmer, und ihr ganzer Körper ist heiß, und sie redet im Fieber, und ihre Mutter legt ihr die Hand auf die Stirn und sagt:

– Das macht nichts, du wirst schon wieder gesund.

Eine Krankenschwester hat das Gesicht ihrer Mutter und ist ihr dennoch fremd, sie versucht, sich dagegen zu wehren, und sagt:

– Wo bist du, Mama?

– Willst du etwas gegen die Schmerzen?, fragt das Gesicht.

Sie nickt, und man hält ihr eine Plastikmaske vors Gesicht.

Es dauert lange, sehr lange. Sie hat das Gefühl, aufzuwachen und sich umzusehen, und die weißen Gestalten sind verschwunden, die Tür steht zum Gang hin offen, sie ist allein. Wieder.

Sie hat die Maske nicht mehr auf, oder doch?

– Das hilft lange nicht gegen alle Schmerzen, sagt das Gesicht, oder sagt sie es selbst?

Ihre Mutter steht am Fußende der Liege und lächelt ihr zu.

– Warum kommst du erst jetzt?, fragt sie.

Ihre Mutter lächelt wieder, sie ist von der australischen Sonne gebräunt. Jetzt reitet sie vor ihr auf dem schwarzen Hengst, sie reiten über die Felder, wilder und wilder, der Pferdegeruch steigt in ihr hoch, sie klammert sich an den Sattelknopf.

– Ich falle, ich falle, ruft sie und schließt die Augen. Ihre Mutter lacht. Sie öffnet die Augen, der Raum ist leer, der Schmerz kehrt zurück, sie beißt die Zähne zusammen, es knackt in den Kiefergelenken, warum kommt niemand? Irgendjemand macht auf dem Gang halt und schaut herein und verschwindet wieder.

Sie schnappt nach Luft und ist auf einem Schiff, schwankt von einer Seite zur anderen, langsam, in Zeitlupe, ein Mann in Weiß kommt zur Tür herein, an seinem feinen, scharfen Nasenbein erkennt sie die Mumie von Tanis wieder, die sie monatelang Stück für Stück abgebürstet hat, jetzt kommt sie zu ihr und spricht (sie hatte dasselbe sorglose Lächeln):

– Die Hebamme hat sich verspätet, Entschuldigung, sie wird gleich hier sein!

Sie will etwas sagen, aber die Worte bleiben ihr im Hals stecken.

Der Arzt, der weiße Mann, die Mumie, zieht ihr die Beine auseinander. Er berührt sie im Schritt.

– Das Wasser geht schon ab, sagt er, du kommst ziemlich spät, aber wir schaffen das schon.

Er steckt ihre Beine oben in zwei Bügel.

Der Herzskarabäus von Tanis leuchtet auf seiner Stirn.

»Rette mich vor dem geheimnisvollen Gott.«

Die Schmerzen kommen wieder. Sie schließt die Augen und flüchtet in den schwarzen Raum.

– Pressen, pressen!, sagt eine Frauenstimme plötzlich ganz nahe.

Sie will nicht aus dem schwarzen Raum heraus.

– Pressen!, wiederholt die Stimme noch lauter.

Und sie presst und presst, und graue Bilder von ihr selbst in einer Tivolischaukel, die nie anhält, und in einem stinkenden, staubigen Kellerraum, der sich nie öffnen wird und mit leeren Pappkartons ohne Boden angefüllt ist, wechseln sich mit Bildern von dunklen Gesichtern in ihr unbekannten Straßen ab, und in dem Moment, in dem sie aus voller Kraft keucht, sodass es in den Gehörgängen pfeift, hört sie irgendwo in ihrem Hinterkopf das Echo einer Mundharmonika aus dem Kinderzimmer; Gedanken, so fern wie die flatternden Slogans auf den breiten Transparenten hinter den Zeppelinen, die den Himmel durchkreuzen, kommen zu ihr, blitzartig; Gräuelgesichter überwältigen sie plötzlich, und weg sind sie.

Ihr Körper vibriert bei diesen Geräuschen, dem Licht, den Gerüchen, den Gesichtern und dem lautlosen Chaos der Sinne. Im ersten Augenblick öffnet sich unter ihm ein Abgrund von ungeahnter Dunkelheit, wie ein Abbild der Sekunde seiner eigenen Geburt, im nächsten Augenblick schwindelt dem Körper zwischen punktuell auftretenden Zugschmerzen unter einem Scheinwerfer aus stechenden Sonnen am Rande der Erlösung oder des Orgasmus, der Körper spannt sich zu einem Bogen, der Körper ermattet, fällt nach unten, die Welle der Stofflichkeit durchfährt ihn schäumend, und er ist ein Fahrzeug im Sturm und ein Zentrum der Welt zugleich. Er ist ein Reisender, der seine längste Reise in kürzester Zeit zurücklegt, ein blinder und auch ein sehender Reisender, der sich den Elementen zur Verfügung stellt, denselben Elementen, die ihn eines Tages auflösen werden, ihn jetzt aber einem Höhepunkt zutreiben, einem Erblühen des Fleisches.

Alles ist in Alarmbereitschaft, Säfte und Plasma, Schweiß und Wasser durchströmen den Körper, das Skelett reißt an seinen Scharnieren, und die Muskeln der Beckenpartie ziehen sich zu einem harten Knoten aus Schmerzen zusammen, die wie unerträgliche Musik in einem Albtraum wiederkehren, doch neben dem Albtraum lebt ein beginnendes Ziehen von Erwartung, eine Hochstimmung des Körpers, bis in die Schläfen hinein; Tränen und Lächeln huschen über die Physiognomie wie über das Gesicht eines Toren, das Lebendige des Körpers, das hinaus muss, fühlt sich wie ein Stein an und ähnelt einem mit Moorsaft übergossenen Stück Holz, einem Baum, der Hunderte von Jahren in der Mooresfinsternis verschwunden war und plötzlich vom Licht angestrahlt und lebendig wird. Im Gesicht des kaum geborenen Kindes sieht man die Zeichnung des Greises; in den wenigen Sekunden, die es noch mit dem Mutterkuchen verbunden ist, sieht man es von einem wundersamen Zögern und Stille umgeben, und man zweifelt, ob es überhaupt unter den Lebenden weilt; aus seinem ersten impulsiven Schrei hört man den Schock über die Ankunft heraus, in die Welt hineingeworfen zu sein. Vielleicht erholen wir uns nie von diesem Schock aus Licht und Geräuschen, vielleicht erklärt das unser doppeltes Verhältnis zum Licht: Wir sehnen uns nach ihm und flüchten davor. Erst in der Dunkelheit kommen wir zur Ruhe.

Sie ruft aus der Dunkelheit, plötzlich ist der Schmerz weg, sie hört jemanden schreien, es dämmert ihr, dass es ein Kind ist, ein beschmiertes, braunes Wesen, ihr Kind, das lebt. Sie lacht und weint gleichzeitig, die Hebamme, die weiße Frau, legt ihr das kleine fleischliche Bündel auf ihren verschwitzten Körper.

Sie erwacht halb im weißen Schlafzimmer in Wien und streckt die Hand nach Günther aus.

– Was ist?, sagt er im Schlaf.

– Ich habe gerade geboren, sagt sie und tastet in der Dunkelheit nach seiner Schulter, aber er seufzt, dreht ihr den Rücken zu und schläft weiter.

– Ich habe gerade geboren, wiederholt sie flüsternd, ohne ganz zu verstehen, wo sie sich befindet, und warum die Person neben ihr nur aus Nacken, Haar und Schulterblättern besteht.

Sie steht auf, ihre verschwitzten Füße kleben am Parkettfußboden, sie tastet nach einer Zigarette in ihrer Tasche neben dem Bett, steckt sie an und geht zum Fenster, wo der im Dunkeln liegende Hof und die blinden Fenster im Gebäude gegenüber und die brennende Lampe in der Toreinfahrt zur Straße sie nicht beruhigen. Die Stille ist überwältigend, kein Geräusch ist von der Stadt zu hören, Straßenbahnen, Busse, selbst Autos sind schlafen gegangen, sie stellt sich vor, die trockene Wärme und der Föhn mit seinem Sand aus der Sahara, der die Leute manchmal wahnsinnig macht, hätten die Leute jetzt aus der Stadt vertrieben, sie ist auf einer einsamen Insel und muss hinein und nach Tobias schauen, plötzlich hat sie Angst, er würde nicht mehr atmen, er hätte, wie noch vor einigen Jahren, unruhig geschlafen und sich freigestrampelt und wäre aus dem Bett gefallen. Sie geht durch den angrenzenden Raum zu seiner Tür, die angelehnt ist, aber als sie die Tür öffnet, schläft er friedlich in seinem blauen Bett, den Kopf zurückgelegt und mit etwas Speichel in den Mundwinkeln. Sie tritt ganz nahe an ihn heran, wischt ihm den Speichel ab und streichelt seine Stirn und Wangen. Die ganze Anspannung vom Tage ist aus dem Gesicht unter dem dichten hellen Haar gewichen, diesem offenen Gesicht, gelöst und auf eine Weise verwundbar, die sie nicht für möglich gehalten hätte, wenn sie nicht seine Mutter wäre und es selbst gesehen hätte.

Es lächelt in der Dunkelheit.

Sie streicht ihm über das Haar und bemerkt dabei die Schachteln, die er systematisch an der Wand neben dem Bett aufgestapelt hat, zwei Türme bilden sie, einer ist schwarz, der andere weiß, zwei Türme eines imaginären Schlosses in einem imaginären Land; an manchen Tagen kann er sie unablässig einreißen und aufbauen, bis sie ihn unterbricht, und er protestiert in seiner halbfertigen Sprache mit deutschen und dänischen Wörtern und reißt sich von ihr los, um in seiner ungehemmten, sinnlosen Aktivität fortzufahren, die ihn von der Welt isoliert.

Und doch lächelt er in der Dunkelheit. Wo befindet er sich? Woran denkt er? Irgendwo ist er vielleicht glücklich, an einem Ort, von dem sie ausgeschlossen ist, genauso wie es für ihn ausgeschlossen ist, sie anders als in Bruchstücken zu verstehen. Sie hat immerzu dieses Gefühl, zwei Zentimeter davor zu sein, ihn zu erreichen, doch diese beiden Zentimeter sind entscheidend, sie machen den Unterschied aus zwischen Sommer und Winter.

Mit niemandem ist sie mehr verbunden, niemanden liebt sie mehr, mit niemandem ist das Leben so anstrengend und erschöpfend wie mit Tobias. Wie viele Nächte hat sie sich nicht in den Schlaf geweint, wenn er sie in den Jahren, in denen sie allein mit ihm wohnte, zum neunten oder zehnten Mal nachts aufweckte und weder in ihrem Bett noch in seinem eigenen zur Ruhe kam und sich vor irgendetwas fürchtete, was sie nicht verstand, oder energisch durch die Wohnung ging, um ein Spielzeugauto zu suchen, das nicht an seinem Platz war, oder einen Bären, der nicht in seinem Bett lag und manchmal nur in seiner Fantasie existierte. Wie viele Au-pair-Mädchen und österreichische Kindermädchen hat er in den Jahren in Wien mit seinen unvorhersehbaren Ausbrüchen an den Rand der Erschöpfung gebracht, seinen zwanghaften Ritualen, was Kleidung oder Essen betraf, seiner plötzlichen Kommunikationslosigkeit, seinem In-sich-selbst-Zurückziehen, und wie oft steckte sie gerade in einer Arbeit oder war in ihrem Büro in der achten Etage des uno-Gebäudes am linken Donauufer in einer Besprechung und hatte das Gefühl, er wäre in »schlechten« Händen, und im selben Augenblick würde sich in der Wohnung in der Billrothstraße ein kleineres Drama mit ihm abspielen.

Sie hatte ihn in einem Rausch in Kopenhagen geboren – gerade aus Paris zurückgekehrt –, und es war ein langsames Erwachen in eine schmerzliche und vage Realität, die mehrere Ärzte und Psychologen sieben Jahre lang mit unterschiedlichen Diagnosen und Namen belegt hatten, er war ein »HDS-Kind«, er war »autistisch«, er war »neurologisch geschädigt« oder »hirngeschädigt«, möglicherweise bei der Geburt, dieser Geburt, die für sie ein Höhepunkt gewesen war, niemand – nicht einmal sie selbst – hatte in der ersten langen Zeit etwas geahnt. Als Mutter war sie ein Neuling. Wie hätte sie all die kleinen Anzeichen einer Störung lesen können, die sie erst später in einen größeren Zusammenhang bringen konnte, obwohl sie immer noch nicht ganz versteht, was mit Tobias nicht stimmt, ihrem Jungen, der im Schlaf den anderen Jungen gleicht und den normalen herabgesetzten Atem und die Gesichtszüge der anderen hat.

Ein Neurologe in Wien hatte ihr vor einem Jahr nach einer längeren Untersuchung gesagt:

– Ihr Sohn hat einen bleibenden »Schaden«, auf den Sie sich einstellen müssen. Er wird Sie viele Jahre lang sehr stark brauchen, physisch und mental. Sie sind seine Tür zur Welt, ohne Ihre Anwesenheit riskieren Sie, dass er sich in sich selbst verliert.

Sie erinnert sich genau an diesen Tag im Mariahilfer Krankenhaus, wo sie den sprechenden Mund des Neurologen anstarrte und im nächsten Augenblick seine gepflegten Hände bemerkte, die sich auf einem Mahagonischreibtisch falteten, er machte den Eindruck eines Richters in einem Prozess, der vor einigen Jahren begonnen hatte, als sie die Stelle antrat und die große Wohnung in Wien bezog, die sie von einer Woche auf die andere mangels weiterer freier Wohnungen bekommen hatte, und in der sie mit ihrem guten Einkommen hängen geblieben war, auch weil sie ein Zimmer an einen uno-Angestellten und später an Günther vermietet hatte.

Als sie an diesem Tag im Büro des neurologischen Oberarztes in dem weißen Kittel blass wurde, blass und ihr die Worte fehlten, lehnte er sich mit einem Gesicht, das milde Einfühlung demonstrierte, etwas zu ihr vor und sagte:

– Es gibt auch Einrichtungen, gute private Einrichtungen, das ist natürlich nicht billig, aber ...

– Er wird bei mir wohnen, sagte sie bestimmt.

– Die meisten schaffen es nicht, sagte der Oberarzt, früher oder später muss man aufgeben.

– Ich gebe nicht auf, sagte sie, eher gebe ich meine Arbeit hier auf und fahre nach Hause.

€12,99
Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
05 Mai 2025
Umfang:
440 S. 1 Illustration
ISBN:
9788711454961
Verleger:
Übersetzer:
Rechteinhaber:
Bookwire
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