Buch lesen: "Das Versprechen - 3"
Steffen Jacobsen
Das Versprechen - 3
Übersetzt
Maike Dörries
Aus dem Dänischen
von Maike Dörries
Saga
Das Versprechen - 3 ÜbersetztMaike Dörries
Original
Løftet - del 3
Coverbild / Illustration: Shutterstock
Copyright © 2019, 2020 Steffen Jacobsen und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726456004
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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III
Später am gleichen Abend, Stadtzentrum
Es hatte angefangen zu regnen, Nina schlug den Kragen hoch. Um diese Uhrzeit waren kaum Fußgänger unterwegs. Eigentlich hatte sie vorgehabt, bei Nørreport ein Taxi zu suchen und die Heimfahrt zu nutzen, um nachzudenken. Aber sie war schon immer gern zu Fuß gegangen, und Klaras Stilettos passten perfekt. Sie befand sich mitten in der Altstadt auf der Landemærket, als der Audi A8 langsam an ihr vorbeirollte. Sie blieb wie angewurzelt stehen und schaute dem Wagen nach, der vielleicht hundert Meter vor ihr an den Randstein fuhr. Es regnete jetzt in Strömen.
Sie zwang sich, ruhiger zu atmen. Die Stadt war wie ausgestorben. Sie ging zurück, bog scharf rechts in die Suhmsgade, zog die Schuhe aus und rannte auf Strümpfen Richtung Pustervig.
Ihre Lungen pumpten, sie war bis auf die Knochen nass. In einem Hauseingang waren die Umrisse eines dunklen Schattens zu sehen: schwarzes Basecap, schwarzer Mantel, breites Kreuz, Zopf. Lazarus.
Sie blinzelte gegen den Regen an. Die Gestalt stand ganz still da und wartete.
Nina schlich um die Ecke zum Hauser Plads und um die nächste – direkt in Carlos weit ausgebreiteten Arme. Er wirbelte sie eine halbe Drehung herum, bremste ihren Schwung. Dann ließ er sie los, und sie knallte gegen eine Hauswand, sodass es ihr den Atem verschlug.
Er war noch immer der hübscheste Mann im Universum. Die Jahre und das Alter waren gnädig mit seinem Gesicht und seiner Erscheinung gewesen. Ein paar graue Strähnen in dem dunklen, dichten Haar, das war alles. Er hatte die Hände in den Taschen des schwarzen Kaschmirmantels vergraben und begutachtete sie neugierig mit zur Seite geneigtem Kopf wie ein zoologisches Phänomen. Weißes Hemd, schwarze Krawatte, schwarzer Anzug. Ein verfickter Leichenbestatter. Genau das, was er war.
Seine Lakaien scharten sich um sie.
Nina stand buchstäblich mit dem Rücken zur Wand. Das Objekt intensiver Begutachtung durch einen Halbkreis finsterer Gestalten.
Carlo lächelte traurig mit seinen weißen, perfekten Zähnen.
„Cara … du weißt, Nina, wie sehr ich dich hasse. Natürlich für das, was du getan hast, aber in diesem Moment dafür, dass du mich zwingst, in dieses gottverlassene, öde Land zu reisen. Obwohl ich dich ein bisschen besser verstehe, nachdem ich gesehen habe, wo du herkommst. Diese Kälte. Der Regen. Die Plattheit.“
Seine Hände verließen die Manteltaschen und hoben sich synchron wie zu einem Segen. Er schaute in den Regen und lächelte.
„Und deine Liebhaber werden auch immer jünger, muss ich sagen. Der Bursche im Hotel. Nina …!“
Er schnalzte mahnend mit der Zunge. Die Männer lachten. Nina wusste genau, wo wer stand, wer von ihnen auf sich aufpassen konnte und wer außerhalb der sicheren Gruppe ein Waschlappen war. Sie sah alles. Das war ihre Gabe.
Carlos Gesicht nahm einen nüchternen und geschäftsmäßigen Ausdruck an, wie sie es erwartet hatte. Fast düster. Er sah sie mit seinen großen, schwarzen Augen an.
„Und natürlich gibt es noch mehr Dinge, für die ich dich hasse …“
„Selbstverständlich“, murmelte Nina ironisch.
Carlo kniff die Augen zu. Ironie hatte in seinem Leben noch nie einen Platz gehabt.
„Ja!“
Nina dachte an die Nacht in dem hübschen alten Steinhaus in der Lombardei zurück. Ein aus der Landschaft geborenes Landhaus.
Sie hatte gewusst, dass diese Nacht ihre letzte sein würde. Sie war zu einer Belastung geworden. Sie war provokant, unversöhnlich und verlangte einfach zu viel. Sie brachte keinen Profit mehr als Teil von Carlos umfassender Entourage, und es gab eine Reihe jüngerer und hübscherer ukrainischer Schönheiten, die dankbar und willig alles taten, was von ihnen verlangt wurde. Dass sie sich so lange gehalten hatte, lag ausschließlich daran, dass Carlo eine Schwäche für Gewohntes und Vorhersehbares hatte – und wohl auch eine gewisse Schwäche für sie –, auch wenn ihm jede Sentimentalität fernlag.
Nina hatte in mühsamer Kleinarbeit einen Heroinvorrat hinter dem Kühlschrankkompressor zusammengetragen. Wenn sie diszipliniert waren, würden Gabriela und sie damit mindestens einen Monat über die Runden kommen. Sie wollte abhauen. Mit Gabriela. Irgendwo einen kalten Entzug machen.
Lazarus war ins Schlafzimmer gekommen, wo Nina nackt zwischen den zerknüllten Laken lag. Er hatte sie nicht bemerkt und eine kurze, flüsternde Unterhaltung mit Carlo geführt. Die letzten Vorbereitungen für ihren Tod, garantiert.
Lazarus wollte sie abschlachten wie ein Haustier, anschließend in dem Häcksler in der Scheune zerkleinern und an die Schweine im Stall hinter dem Wohnhaus verfüttern.
Aber der vom Sex und Coke völlig berauschte Carlo hatte Lazarus verscheucht wie eine lästige Fliege. Danach war er eingeschlafen und Nina war aufgestanden, um ein Brotmesser zu holen, mit dem sie Carlo D’Avalos die Kehle durchgeschnitten hatte – Südeuropas erfolgreichstem Sklavenhändler für junge Frauen und Mädchen ab dreizehn Jahren, aus der Ukraine, Rumänien, Bulgarien, den baltischen Ländern. Nur für Carlo wurden Auktionen in Kiew, Sofia, Riga und Bukarest veranstaltet.
Dort standen sie aufgereiht auf einem Podium in einer verlassenen, kalten Industriehalle. Nackt. Mit Stesolid gedopt. Hungrig. Vor sich hinstarrend. Hinter den Scheinwerfern saßen Carlo und seine Konkurrenten und begutachteten die Mädchen wie bei einer Tierschau. Ein alkoholisierter Gynäkologe hatte sie vorher untersucht. Die Mädchen, die er für Jungfrauen hielt, bekamen ein schwarzes V auf den Bauch über die spärliche Schambehaarung gesprayt. Die hübschesten Jungfrauen gingen an Carlos armenische Geschäftspartner, die sie weiter an die Dynastien im Mittleren Osten exportierten. Arabische Prinzen zogen Jungfrauen vor. Carlo behauptete, das läge daran, dass Araber wegen ihrer notorisch kleinen Genitalien nicht Gefahr laufen wollten, mit anderen Männern verglichen zu werden.
Nina hatte sich angezogen und einen letzten Blick auf ihn geworfen, seinen stierenden, flehenden, zutiefst überraschten Blick. Das Blut pumpte wie eine Fontäne aus der durchschnittenen Halsarterie. Sie hatte die schlaftrunkene Gabriela mit sich durch die Nacht und Obstplantagen gezerrt zu dem alten, gebrauchten, aber funktionstüchtigen Skoda, den sie bar (von Carlos Geld) bezahlt und hinter einem leerstehenden Kino im nächsten Ort versteckt hatte.
Sie hatte die Flucht vorbereitet, so gut sie vermochte, hatte sich die letzten Wochen gezwungen, etwas zu essen und zu trinken, obwohl das Heroin ihr jeden Appetit nahm. Nach ihrem Morgenfix lag sie drei oder vier Stunden in Embryonalhaltung im Bett, ohne irgendetwas zu fühlen oder zu denken. Aber danach – an den guten Tagen – hatte Nina ein paar relativ klare Stunden, in denen sie handlungsfähig war. Sie wusste, dass Carlo einen größeren Betrag Bargeld in einem Loch in der Mauer hinter dem Kühlschrank aufbewahrte, und sie wusste, dass dieses Geld an den Wochenenden nicht angerührt wurde. Sie hatte die Scheine mit Gaffa-Tape an ihren Schenkeln unter dem kurzen Sommerkleid festgeklebt und sie in kurzen nächtlichen Exkursionen ins Auto geschmuggelt.
Zwischen den Scheinbündeln hatte sie wie durch ein Wunder auch ihren und Gabrielas Pass gefunden. Sie hatte das als Wink des Schicksals interpretiert, dass sie das Richtige tat.
Einen Augenblick standen alle reglos da. Wie beim Spannen der Feder eines Uhrwerkes. Der Regen ließ nach, und Carlos steckte sich einer seiner Zigaretten mit Goldmundstück an – das sie schon immer verabscheut hatte –, lockerte den Schlips, knöpfte die oberen zwei Hemdknöpfe auf und zeigte ihr den Halbkreis violetten Narbengewebes in Form eines zusätzlichen Mundes in der Halsbeuge. Dabei betrachtete er sie mit abgrundtiefem Hass.
„Das ist deine Handarbeit, cara mia. Bist du stolz auf dich? Ich habe geschlafen!“
„Und wenn du aufgewacht wärst, hätte Lazarus mir die Kehle durchgeschnitten.“
Der Hüne mit den langen, grauen Haaren bewegte sich leicht.
Carlo zauberte eine Spritze mit Nadel aus der Mantelinnentasche. Ein wasserklarer Tropfen bildete sich an der Nadelspitze.
„Du warst unbrauchbar und untragbar geworden, Nina. Frauen haben ihre Zeit, danach erweisen sie der ganzen Menschheit einen Gefallen, wenn sie von der Erdoberfläche verschwinden.“
„Gilt das auch für deine Mutter?“
Carlo hatte, sein einziger menschlicher Zug, die gleiche ödipale Bindung zu seiner Mutter wie die meisten italienischen Männer.
Er wurde doch tatsächlich rot, und seine Männer rückten dichter zusammen.
„Ich konnte dich als Junkie entschieden besser leiden, Nina. Viel leichter zu handhaben. Der Schuss ist gratis, und dann erzählst du mir, wo mein verdammtes Geld abgeblieben ist!“
Die kostenlose Leseprobe ist beendet.