Buch lesen: "Nebelkatze"

Schriftart:

Nebelkatze
Stefanie Bender
Buch 25 der Katzenreihe

Für Sanne

©Stefanie Bender 2020

Machandel Verlag Haselünne

Charlotte Erpenbeck

Cover-Design und Illustrationen:

Ch. Erpenbeck

mit Bildmaterial

von Pacrovka (Cover), DianaFinch,

Tanya Zima/shutterstock.com

1. Auflage 2020

ISBN 978-3-95959-267-3

Das toxische Viertel

Erst als auch der letzte leuchtende Stern von den Wolken des Nachthimmels verdeckt wurde, trat Stella aus den sicheren Schatten der Sträucher hervor. Erhobenen Hauptes und mit gespitzten Ohren schlich sie durch die düsteren Gassen des toxischen Viertels. Sie musste vorsichtig sein, hinter jeder Ecke, hinter jedem Gebüsch konnte der Feind lauern. Auf leisen Pfoten schlängelte sie an der Häuserfront entlang, vorbei an umgestoßenen Mülltonnen und aufgetürmtem Unrat. Unweit einer Straßenlaterne wandte sie sich nach rechts, in eine weitere unbekannte Gasse. Sie sprang über eine Pfütze, in der stinkendes Toxin bunte Kreise malte. Nur wenige Meter vor ihr labten sich zwei Ratten an einem Fuchskadaver. Erschrocken stoben sie davon, als Stella näher kam. Vor dem toten Fuchs blieb sie stehen und betrachtete ihn genauer. Er stammte aus Sektor drei. Stella fühlte es, denn der Geist hatte seine Hülle noch nicht gänzlich verlassen. Seine Aura strahlte zu fremdartig für jemanden aus dem hiesigen oder gar Stellas eigenem Sektor. Der Fuchs war zwar mit einer Pfote in die giftige Flüssigkeit geraten, doch das war nicht der Todesgrund. Er lag in einer Lache aus Blut, das vermutlich aus der schweren Wunde auf seiner linken Körperseite stammte. Die rote Katze schloss für Sekunden die Augen, um still für die Seele des Fuchses zu beten. Wer immer er auch gewesen war, sie wünschte ihm den kurzen Pfad in das Tal Äon, das sie einst alle vereinen würde.

Sie spürte die Nässe auf ihrem Fell. Doch der Sprühregen, der mit der Dunkelheit eingesetzt hatte, konnte die Spuren der Bluttaten und Verbrechen dieses fremden Sektors nicht verwischen.

Hinter ihr hatten sich die Ratten gesammelt und einen Halbkreis um sie und den toten Fuchs gebildet. Die rote Katze sah über ihre Schulter und fauchte. Da zogen die Tiere die Lefzen hinauf und entblößten Reihen kleiner gelber Zähne. Ihre winzigen Krallen klackerten über den Boden, während sie den Kreis enger zogen und in einen düsteren Singsang einstimmten. Das Nackenfell der Katze sträubte sich. Zentimeter für Zentimeter kamen sie näher. Und der Singsang wandelte sich in verständliche Wörter. Nichts ist, wie es scheint. Nichts ist, wie es scheint … Nichts …

Etwas kratzte über das Pflaster. Krallen – große, scharfe Krallen. Stellas Schnurrhaare zitterten. Ein tiefes Knurren erklang. Die Ratten stoben auseinander und verschwanden in der Finsternis der Gassen.

Mit einem Sprung wollte sie sich hinter eine Mülltonne retten, doch es war zu spät, ein massiger Körper stand bereits über ihr und fletschte die Zähne.


Schon einen Wimpernschlag später verklang ihr Schrecken. Stella hatte den Zähnefletscher erkannt. Sie schnurrte und leckte sich genüsslich mit der Zunge über ihr glänzend rotes Fell. Dann streckte sie den Rücken durch, hob den Kopf und sah mit ihren eisblauen Augen zu dem Wolf empor.

»Hallo, Viktor«, grüßte sie, während ihre schneeweißen Zähnchen aufblitzten. Der Wolf stutzte. Seine Augen weiteten sich und die Pfote, die zum tödlichen Schlag ausgeholt hatte, hielt in der Bewegung inne.

»Du?«, frage er perplex und ließ die riesige Tatze langsam sinken. »Verflucht noch mal, Stella, was machst du hier? Bist du verrückt geworden? Du hast in diesem Bezirk nichts zu suchen!«

Stella schwieg. Sie schlängelte sich zwischen den muskulösen Beinen des Wolfes hindurch, wobei sie mit ihrem bauschigen Schwanz an seinem Bauch entlangstrich. Dann setzte sie sich aufrecht und stolz – wie es sich für eine anständige Katze gehörte – an das Schwanzende des Wolfs und zwang ihn so, sich zu ihr umzudrehen.

»Stella, hör auf, Spielchen zu spielen. Diese Gegend ist zu gefährlich!«

Die Augen der Katze funkelten angriffslustig.

»Früher haben dir meine Spiele doch auch gefallen, Viktor. Und glaub mir, du großer böser Wolf, du musst keine Angst um mich haben, ich weiß mich zu verteidigen.«

»Vielleicht habe ich ja keine Angst um dich, sondern um diejenigen, die dir zu nahe kommen.«

»Du hattest also Angst um die Ratten? Dann sei stolz auf dich, Wolf, du hast sie gerettet.« Stella gab ein helles Fauchen von sich, tänzelte einmal um ihre eigene Achse und blickte zurück in die Gasse, aus der sie gekommen war.

»Was ist dem Fuchs passiert? Wer war er?«

»Einer, der nicht hierher gehört.«

»So wie ich?«

»So wie du!«

»Du hast ihn noch lebend gesehen?«

»Ich sah ihn sterben.«

»Und du hast nur zugesehen?«

»Hätte ich ihm geholfen, wäre auch ich auf dem Weg ins Äon.«

»Was dich dazu veranlasst zuzusehen, wie deine Leute einen Unschuldigen hinrichten?«

»Solch eine Diskussion hatten wir schon des Öfteren, es wird langweilig, Stella.«

»Und noch immer bin ich der gleichen Meinung.«

»Genau wie ich.«

»Wir werden nie Freunde werden.«

»Stimmt. Wir sind Feinde bis in den Tod.«

Stella sah hinauf in den Himmel, wo der Vollmond zu erahnen war. Heute würde er den Kampf gegen die Wolken nicht gewinnen.

»Sag mir warum du hier bist, Kätzchen«, forderte Viktor.

»Meine Aufträge gehen dich nichts an, Wölfchen.«

»Autsch!«

»Du hast zwei Möglichkeiten, Viktor. Töte mich jetzt und hier oder lass mich gehen.«

»Wenn ich dich laufen lasse, sagst du mir, wer auf deiner Liste als Erstes mit dem Leben bezahlen muss?«

»Woher willst du wissen, dass ich zum Töten gekommen bin?«

»Du arbeitest für Sektor zwei – was dich unwiderruflich zu einer Söldnerin macht. Und Söldner aus deinem Sektor bezeichnen wir hier als Auftragskiller.«

Die kostenlose Leseprobe ist beendet.

€0,49
Altersbeschränkung:
0+
Umfang:
22 S. 3 Illustrationen
ISBN:
9783959592673
Rechteinhaber:
Bookwire
Download-Format: