Buch lesen: "John Barrington Cowles"
Sir Arthur Conan Doyle
John Barrington Cowles
Saga
John Barrington Cowles ÜbersetztR. Lautenbach, A. Gleiner Original John Barrington CowlesCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1886, 2020 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726693065
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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John Barrington Cowles
Ich machte die Bekanntschaft John Barrington Cowles, als ich die Universität Edinburgh bezog, um Medizin zu studieren. Meine Wirtin in der Northumberlandstrasse besass ein grosses Haus; sie war eine Witwe und verdiente ihren Unterhalt, indem sie einigen Studenten Wohnung und Kost gab. Zufällig lag Barrington Cowles’ Zimmer in demselben Stockwerke wie das meinige; als wir besser miteinander bekannt wurden, mieteten wir noch ein kleines gemeinschaftliches Wohnzimmer, in dem wir unsere Mahlzeiten einnahmen. So bahnte sich ein Freundschaftsverhältnis zwischen uns an, das bis zu seinem Tode — von dem ich hier erzählen werde — nicht von dem leisesten Schatten getrübt wurde.
Cowles’ Vater war Oberst in einem Sikhregiment gewesen und hatte als solcher viele Jahre in Indien zugebracht. Er versah seinen Sohn mit recht hübschen Wechseln, gab ihm aber selten ein anderes Zeichen seiner väterlichen Zuneigung, da er sehr unregelmässig, und dann nur sehr kurze Briefe schrieb. Mein Freund, der selbst in Indien geboren war und ein heisses, tropisches Temperament besass, litt nicht wenig unter dieser Vernachlässigung. Seine Mutter war gestorben, und er hatte keine anderen Verwandten, die ihren Platz hätten ausfüllen können. So kam es nach und nach dazu, dass er alle seine Zuneigung mir widmete und mich in einer Weise zu seinem Vertrauten machte, wie sie unter Männern nicht häufig zu finden ist. Selbst als ihn dann eine tiefere Leidenschaft ergriff, änderte dies nichts an unserem alten intimen Verhältnis.
Cowles war ein grosser schlanker Bursche mit tiefgebräunter Gesichtsfarbe und dunkeln, zarten Augen. Selten habe ich einen Mann gesehen, der mehr geeignet gewesen wäre, die Aufmerksamkeit einer Frau zu fesseln. In der Regel hatte er einen träumerischen, ja fast schlaffen Gesichtsausdruck; aber wenn z. B. im Gespräch ein Gegenstand auftauchte, der ihn interessierte, war er mit einem Schlage die Lebhaftigkeit selbst. Bei solchen Gelegenheiten färbten sich seine Wangen dunkler, seine Augen schossen Blitze, und seine Rede nahm einen solchen Schwung, dass er seine Zuhörer förmlich mit sich riss. Trotz dieser natürlichen Vorzüge führte er ein Einsiedlerleben und verkehrte nicht in Frauengesellschaft; er war ein grosser Bücherwurm, einer der besten Studenten in seinem Semester, und hatte mehrere Preise für seine Untersuchungen erhalten. —
Wie gut kann ich mich an die äusseren Umstände erinnern, unter denen wir sie zum ersten Male trafen! Wie oft habe ich mir jenen Nachmittag ins Gedächtnis zurückgerufen und es versucht, mir klar zu werden, welchen Eindruck sie damals auf mich gemacht hat! Als wir dann näher mit ihr bekannt wurden, war mein Urteil befangen, so dass ich gerne wissen möchte, welcher Art meine Gefühle im ersten Augenblick gewesen sind. Es ist indes zu schwierig, sie von der Stimmung zu trennen, die später, durch Ueberlegung oder Vorurteile, in mir entstand und mich beherrschte. Es war bei der Eröffnung der Königlich Schottischen Akademie im Frühjahr 1879. Mein armer Freund schwärmte leidenschaftlich für Kunst in allen ihren Ausdrucksformen; ein hübsches musikalisches Thema oder eine gelungene Skizze konnten ihm auserlesene Genüsse bereiten. Wir waren zusammen in die Ausstellung gegangen und standen eben im grossen mittleren Saale, da bemerkte ich eine Frau von aussergewöhnlicher Schönheit auf der entgegengesetzten Seite des Raums. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie ein solch vollendet klassisches Gesicht gesehen. Es war der echte griechische Typus, mit breiter, sehr niedriger Stirne, weiss wie Marmor, umspielt von einigen gekräuselten Löckchen; gerader, fein geschnittener Nase, schmalen Lippen und einem wundervoll gerundeten Kinn, das trotzdem genügend entwickelt war, um auf eine ungewöhnliche Charakterstärke schliessen zu lassen. Und erst die Augen, diese herrlichen Augen! Wenn ich nur einen schwachen Begriff vom Wechsel ihres Ausdrucks geben könnte, von ihrer eisernen Stärke, ihrer weiblichen Sanftheit, von ihrer Herrschermacht, ihrer durchdringenden Kraft, die plötzlich wieder in weibliche Schwäche zerfloss — aber ich spreche ja schon von späteren Eindrücken. Die Dame war von einem grossgewachsenen jungen Herrn begleitet, in dem ich sofort einen oberflächlichen Bekannten, der Jura studierte, wiedererkannte.
Archibald Neeves — so hiess der junge Mann — war ein fröhlicher, kecker, hübscher Bursche und früher einer der Hauptanführer bei allen Studentenstreichen gewesen; in der letzten Zeit hatte man wenig mehr von ihm gehört, und es hiess, er habe sich verlobt. Seine Begleiterin war, wie ich annahm, seine Braut. Ich liess mich auf das Samtpolster in der Mitte des Saales nieder und beobachtete die beiden hinter meinem Kataloge. Je mehr ich sie betrachtete, um so mehr machte die Schönheit des Weibes Eindruck auf mich. Sie war zwar von etwas kleiner Statur, aber besass eine vollendete Gestalt und Haltung; nur durch einen zufälligen Vergleich konnte man bemerken, dass sie nicht ganz mittlere Grösse besass. Plötzlich wurde Neeves aus irgendeinem Grunde hinausgerufen, und die Dame blieb allein zurück. Sie wandte den Gemälden den Rücken zu und liess ihren Blick frei über die Anwesenden gleiten, ohne dem Umstand die geringste Beachtung zu schenken, dass wohl ein Dutzend Augenpaare, angezogen durch ihre Eleganz und Schönheit, neugierig auf sie gerichtet waren. Mit einer Hand spielte sie an dem roten, seidenen Strick, der zur Absperrung des Raumes vor den Gemälden diente; ihr Auge glitt nachlässig von Gesicht zu Gesicht mit einem so verlorenen Ausdruck, als betrachte sie die Figur auf der Leinwand hinter sich. Plötzlich bemerkte ich, dass sie auf etwas aufmerksam wurde, und ihr Blick sich gespannt in einer Richtung konzentrierte. Neugierig folgte ich ihm, da ich mich fragte, was sie wohl so auffallend interessierte. John Barrington Cowles stand vor einem Gemälde — ich glaube, es war von Noel Paton, — jedenfalls weiss ich, dass es ungewöhnlich gut war. Er wandte uns sein Profil zu, und ich muss gestehen, dass ich ihn nie in so vorteilhafter Stellung gesehen habe. Ich betonte schon, dass er ein auffallend hübscher Kerl war, aber in diesem Augenblick sah er wirklich bezaubernd aus. Augenscheinlich hatte er seine Umgebung ganz vergessen, so sehr war er in das Gemälde vertieft. Seine Augen blitzten, und sein braunes Gesicht war vor Erregung gerötet. Sie fuhr, fort, ihn aufmerksam zu betrachten, bis er aus seiner Träumerei plötzlich erwachte und um sich sah, wobei ihre Blicke sich begegneten. Sie sah sofort weg, aber er schien von ihrer Schönheit ganz betroffen zu sein; einige Momente ruhte sein Auge auf ihr . . .
Wir begegneten ihr dann noch ein- oder zweimal auf unserem Rundgang durch die Ausstellung, und jedesmal beobachtete ich, dass mein Freund ihr nachblickte. Er machte indes keine Bemerkung, bis wir wieder im Freien waren und Arm in Arm die Prinzenstrasse hinaufschlenderten.
„Hast du das wundervolle Weib gesehen, in Schwarz, mit dem weissen Pelz?“ fragte er mich unvermittelt.
„Jawohl, ich habe sie bemerkt,“ antwortete ich.
,,Kennst du sie?“ fragte er. „Hast du eine Ahnung, wer sie ist?“
„Ich kenne sie wicht persönlich,“ erwiderte ich. „Aber zweifellos kann ich alles auf sie bezügliche erfahren; ich glaube, sie ist mit Archibald Neeves verlobt, und wir beide haben eine Reihe gemeinsamer Bekannten.“
„Was, verlobt?“ fuhr, es Cowles heraus.
„Hör’ mal, lieber Junge,“ antwortete ich lachend, „du wirst doch nicht so empfindsam sein, dass es dich aufregt, wenn ein Mädchen verlobt ist, mit dem du in deinem Leben nie ein Wort gewechselt hast?“
,,Na, es regt mich ja nicht gerade auf,“ erwiderte er mit etwas gekünsteltem Lachen. ,,Aber ich sage dir, offen, dass mich in meinem ganzen Leben noch nie ein Gesicht so gefesselt hat. Es war nicht die Schönheit allein, wenn diese auch vollendet genug ist, es war der Charakter, der geistige Ausdruck! Wenn sie tatsächlich verlobt ist, hoffe ich, dass der Mann ihrer würdig ist.“
„Du sprichst ja ganz gefühlvoll! Das ist ein klarer Fall von Liebe auf den ersten Blick. Immerhin will ich, sobald ich jemand treffe, der Näheres über sie weiss, die nötigen Erkundigungen einziehen, um dich zu beruhigen.“
Mein Freund dankte mir, und das Gespräch ging, auf einen andern Gegenstand über. Einige Tage lang spielte keiner mehr auf das Erlebte an, obwohl mein Freund, wie mir schien, noch träumerischer und zerstreuter war als gewöhnlich. Der Zwischenfall war schon fast ganz aus meinen Gedanken entschwunden, als ich eines Tages meinen Vetter Brodie in der Universität traf, der alle Neuigkeiten wusste und mit seinem Wissen auch nicht kargte.
„Nicht wahr,“ begann er, „du kennst Neeves?“
„Ja. Was weisst du Neues von ihm?“
„Seine Verlobung ist aufgehoben.“
„Aufgehoben?“ rief ich aus. „Ich hörte ja erst neulich, dass er sich überhaupt verlobt hatte!“
,,Doch. Völlig aus! Sein Bruder hat mir’s erzählt. Verteufelt unschlau von Neeves, wenn es von ihm ausgegangen ist. Es war ein ungewöhnlich schönes Mädchen.“
„Ich habe sie einmal gesehen,“ bemerkte ich, „wie heisst sie denn?“
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