Buch lesen: "Die verschwundene Braut"
Sir Arthur Conan Doyle
Die verschwundene Braut
Saga
Die verschwundene BrautCopyright © 1892, 2019 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726372434
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Die verschwundene Braut
Eines Tages wurde während seiner Abwesenheit ein Brief für Sherlock Holmes abgegeben. Ich hatte den ganzen Tag das Haus nicht verlassen, denn das Wetter war plötzlich regnerisch geworden; ein scharfer Herbstwind wehte, und die Flintenkugel in meinem Bein, die ich als Andenken aus dem afghanischen Feldzug heimgebracht habe, quälte mich mit empörender Hartnäckigkeit. In einem bequemen Stuhl sitzend, hatte ich die Beine auf einem zweiten Stuhl ausgestreckt und mich in einen ganzen Berg von Zeitungen vergraben, bis ich zuletzt die Tagesneuigkeiten satt bekam und die Blätter sämtlich beiseite schob. Während ich nun so in verdrossener Stimmung dalag, betrachtete ich mit träger Neugier das mächtige Wappen und Monogramm, das auf den Umschlag des vor mir liegenden Briefes prangte, und fragte mich, wer wohl der adlige Briefschreiber sein möchte.
„Da liegt ein höchst vornehmer Brief für dich“, rief ich meinem Freund bei seinem Eintritt entgegen. „Deine Briefe heute früh, von einem Fischhändler und einem Zolleinnehmer, waren weniger vornehm.“
„Ja, mein Briefwechsel besitzt entschieden den Reiz der Abwechslung“, erwiderte er lächelnd, „und je weniger vornehm, desto interessanter sind sie in der Regel. Das da sieht gerade aus wie eine jener unwillkommenen gesellschaftlichen Einladungen, die einen entweder zu einer Marter oder zu einer Lüge verdammen.“ Er erbrach das Siegel und überflog den Inhalt. „Warte einmal, das kann am Ende etwas ganz Interessantes geben!“ rief er nun plötzlich.
„Also nichts Gesellschaftliches?“
„Nein, durchaus geschäftlich.“
„ Und von wem?“
„ Von einer der vornehmsten Personen in ganz England.“
„ Nun, ich gratuliere, mein lieber Junge.“
„ Ich versichere dir, Watson, es ist die Wahrheit, wenn ich sage, dass ich auf den gesellschaftlichen Rang meiner Kunden nicht so viel Wert lege, als auf das Interesse, das die Fälle bieten. Übrigens ist es wohl möglich, dass es bei dieser neuen Aufgabe auch nicht an interessantem Stoff fehlt. Du hast doch in diesen Tagen die Zeitungen genau durchgelesen, nicht wahr?“
„Na, und ob!“ erwiderte ich in kläglichem Ton und deutete dabei auf einem mächtigen Stoss, der in einer Ecke aufgehäuft lag; „ich habe ja sonst fast nichts zu tun gehabt.“
„ Nun, das kommt mir jetzt vielleicht zustatten, da kannst du mir sicher Auskunft geben. Ich lese nichts als die Kriminalberichte und den Briefkasten. Da erfährt man doch wenigstens immer etwas. Aber wenn du die neuesten Ereignisse so genau verfolgt hast, musst du wohl auch etwas über Lord St. Simon und seine Hochzeit gelesen haben?“
„O ja, das hat mich sogar sehr interessiert.“
„Das ist schön. Der Brief hier ist von Lord St. Simon. Ich will ihn dir vorlesen, und dafür musst du mir dann die Zeitungen noch einmal durchgehen und alles zusammensuchen, was sich auf die Angelegenheit bezieht. Er schreibt:
Mein lieber Herr Sherlock Holmes! Lord Backwater sagt mir, dass ich Ihrem Scharfsinn und Ihrer Verschwiegenheit unbedingtes Vertrauen schenken dürfe. Ich habe mich daher entschlossen, bei Ihnen vorzisprechen und mir Ihren Rat in Beziehung auf das höchst schmerzliche Ereignis zu erbitten, das sich bei Gelegenheit meiner hochzeit zugetragen hat. Herr Lestrade von der Geheimpolizei ist zwar in der Sache bereits tätig; allein er hat, wie er mir versichert, gegen Ihre Mitwirkung nicht nur nichts einzuwenden, sondern verspricht sich sogar Nutzen davon. Ich beabsichtigem un vier Uhr heute nachmittag bei Ihnen vorzusprechen und hoffe, dass Sie etwaige anderweitige Verpflichtungen auf später verschieben können.
Ihr aufrichtiger St. Simon.
„Der Brief ist aus Schloss Grosvenor datiert und mit einer Füllfeder geschrieben, wobei dem edlen Lord das Missgeschick begegnet ist, einen Tintenklecks aussen an seinen rechten kleinen Finger zu bringen“, bemerkte Holmes, während er das Schreiben zusammenfaltete.
„ Er sagt vier Uhr. Jetzt ist es drei. In einer Stunde ist er da. Bis dahin habe ich gerade noch Zeit, mich mit deiner Hilfe in der Sache aufs Laufende zu bringen. Sieh die Zeitungen durch und ordne die darauf bezüglichen Artikel nach ihrer Reihenfolge, unterdessen will ich einmal feststellen, wer unser Klient eigentlich ist.“ Er nahm ein rotgebundenes Nachschlagebuch von dem Bücherbrett neben dem Kamin. „Da haben wir ihn ja“, sagte er, indem er sich niederliess und das Buch aufgeschlagen über seine Knie legte. „Lord Robert Walsingham de Vere St. Simon, zweiter Sohn des Herzogs von Balmoral — Hm! Wappen blau, drei Stachelnüsse im Mittelfeld über einem schwarzen Querbalken. Immerhin schon 41 Jahre alt, also nicht mehr zu jung zum Heiraten. War früher Unterstaatssekretär im Kolonialamt. Der Herzog, sein Vater, war früher Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Stammen in gerader Linie von den Plantagenets und weiblicherseits von den Tudors ab. Das ist alles Wir sind also nicht viel gescheiter als zuvor. Ich muss mich, scheint es, an dich halten, Watson, wenn ich etwas Ausgiebigeres erfahren will.“
„Es ist keine grosse Mühe, zu finden, was ich suche“, versetzte ich, „denn die Ereignisse sind neuesten Datums, und der merkwürdige Fall fesselte gleich meine Aufmerksamkeit. Trotzdem sah ich davon ab, die darüber zu berichten, denn ich wusste, dass du gerade mit einer Untersuchung beschäftigt warst und es nicht gerne siehst, wenn man dir mit etwas anderem dazwischen kommt.“
„ Ach, der Fall, den du meinst, ist bereits vollständig erledigt und war eigentlich von vornherein ganz klar. Bitte, lies mir nun vor, was du gefunden hast.“
„ Dies hier ist, soviel ich finden kann, die erste Notiz. Sie stand vor ein paar Wochen in der Morning-Post‘ unter den Personalnachrichten. ,Lord Robert St. Simon‘, heisst es da, ,zweiter Sohn des Herzogs von Balmoral, beabsichtigt, sich mit Fräulein Hatty Doran, einziger Tochter des Herrn Aloysius Doran aus San Francisco in Kalifornien, ehelich zu verbinden, und zwar soll allem Anschein nach die Vermählung in allernächster Zeit stattfinden.‘ Das ist alles.“
„ Klipp und klar“, bemerkte Holmes darauf, indem er seine Beine vor dem Kaminfeuer ausstreckte.
„ Ein paar Tage später las ich darüber in einer der vornehmen Wocheschriften noch einen Artikel. Ach, da ist er ja:
In Heiratssachen wird man wohl nächstens einen Schutzzoll für unsere heimischen Erzeugnisse verlangen, die allem Anschein nach durch die in Geltung stehenden freihändlerischen Grundsätze stark geschädigt werden. Eine der britischen Adelsfamilien um die andere beugt sich dem Szepter unserer hübschen überseeischen Stammverwandten. Die Zahl der Siegespriese, die diese entzückenden Eroberinnen davon getragen haben, hat in verflossener Woche einen ganz gewichtigen Zuwachs erfahren. Lord St. Simon, der sich seit mehr als zwanzig Jahren gegenüber den Pfeilen des kleinen Gottes als unverwundbar gezeigt hatte, kündigt nunmehr seine baldige eheliche Verbindung mit Miss Hatty Doran, der reizenden Tochter eines kalifornischen Millionärs an. Miss Doran, deren anmutige Erscheinung und blendend schöne Züge bei den Festlichkeiten in Westbury House grosses Aufsehen erregten, ist ein einziges Kind, und ihre Mitgift wird, wie wir erfahern, mehr als eine Million betragen, abgesehen von dem, was ihr noch für später in Aussicht steht. Da es ein öffentliches Geheimnis ist, dass sich der Herzog im Lauf der letzten Jahre genötigt sah, seine Gemälde zu verkausen, und Lord St. Simon ausser dem kleinen Gute Birchmoor keinen eigenen Grundbesitz hat, so liegt es auf der Hand, dass die kalifornische Erbin nicht allein die Gewinnende bei dieser Verbindung ist, durch welche eine einfache Republikanerin auf so bequeme und nicht ungewöhnliche Art zur Angehörigen des höchsten britischen Adels erhoben wird.“
„Sonst noch etwas?“ fragte Holmes gähnend.
„O freilich; die Hülle und Fülle. Es kommt dann noch eine Notiz in der ,Morning-Post‘, dass die Hochzeit in aller Stille in der St. Georgenkirche stattfinden, dass nur ein halbes Dutzend der nächsten Bekannten Einladungen erhalten, und dass die Gesellschaft sich danach wieder nach dem von Herrn Aloysius Doran gewieteten Hause in Lancastergate begeben werde. Zwei Tage darauf — also vorigen Mittwoch — kommt dann eine kurze Bemerkung, dass die Hochzeit stattgefunden habe, und dass das junge Paar die Flitterwochen auf Lord Backwaters Besitzung bei Peterfield zu verbringen gedenke. Dies ist alles, was die Zeitungen vor dem Verschwinden der jungen Frau über die Sache gebracht haben.“
Die kostenlose Leseprobe ist beendet.