Buch lesen: "Das gelbe Gesicht"

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Sir Arthur Conan Doyle

Das gelbe Gesicht

Saga

Das gelbe Gesicht ÜbersetzerR. Lautenbach, Adolf Gleiner Copyright © 1893, 2019 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726372182

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Das gelbe Gesicht.

Bei der Veröffentlichung dieser kurzen Skizzen über einige von den zahlreichen Fällen, in denen die glänzende Begabung meines Freundes sich offenbarte, weile ich naturgemäss mehr bei seinen Erfolgen als bei seinen Misserfolgen. Und dabei leitet mich nicht sowohl die Rücksicht auf seinen Ruf — denn tatsächlich erscheinen seine Tatkraft und seine Findigkeit nie bewundernswerter als wenn er sich selbst in eine Sackgasse verrannt hatte —, sondern es bestimmt mich zu meiner Auswahl auch der Umstand, dass, wo er erfolglos blieb, auch sonst niemand das Ziel erreichte und den Schleier lüftete. Immerhin ist es ein paarmal vorgekommen, dass sich in solchen Fällen doch noch nachträglich das Rätsel gelöst hat. In meinen Notizen findet sich etwa ein halbes Dutzend von Fällen dieser Art, worunter die Geschichte von dem zweiten Tüpfel und die, welche ich eben erzählen will, bei weitem am interessantesten sind.

Sherlock Holmes war an sich kein Freund gymnastischer Uebungen. Uebertrafen ihn auch nur wenige an Muskelkraft, und war er auch zweifellos einer der besten Boxer, die mir je vorgekommen sind, so erschien ihm doch zwecklose körperliche Anstrengung als Kraftvergeudung, und er warf sich nur ins Geschirr, wenn ihn ein bestimmtes Ziel lockte. Dann war er einfach unermüdlich, und seine Spannkraft unerschöpflich. Es ist eigentlich sonderbar, dass sein Körper unter diesen Umständen beständig so leistungsfähig blieb; aber das lag wohl daran, dass er stets sehr mässig lebte. Von gelegentlichem Genuss von Kokain abgesehen, fröhnte er keinerlei Leidenschaft, und auch zu diesem Mittel griff, er nur, wenn gar kein Fall und keine interessante Zeitungsnachricht die öde Gleichförmigkeit der Tage unterbrechen wollte.

Eines schönen Frühlingstages hatte er sich endlich dazu bewegen lassen, mit mir einen Spaziergang im Park zu machen, wo eben das erste zarte Grün an den Ulmen sprosste, und die Kastanien anfingen, ihre Knospen zu öffnen und ihre fünf Blattfinger auszuspreizen. Zwei Stunden lang strichen wir umher, fast ohne ein Wort zu reden, wie es sich für zwei Busenfreunde geziemt. Als wir wieder in die Bakerstrasse kamen, war es fast fünf Uhr geworden.

„Entschuldigen Sie!“ sagte unser Laufbursche, als er uns die Tür aufmachte. „Es ist ein Herr hier gewesen und hat nach Ihnen gefragt.“

Holmes warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Einen Nachmittagsbummel und keinen mehr!“ sagte er. ,,Der Herr ist also wieder gegangen?“

„Ja.“

„Hast du ihn nicht ersucht, einzutreten?“

„Ja, er hat auch gewartet.“

,,Wie lange denn?“

„Eine halbe Stunde. Es war ein sehr aufgeregter. Herr. Immer ist er herumgegangen und hat auf den – Boden gestampft. Ich habe draussen an der Tür gestanden und ihn gehört. Am Ende kommt er heraus und schreit: „Wird der Mann denn gar nicht nach Hause kommen?‘ So hat er gesagt, Herr Holmes! ,Sie brauchen bloss ein bisschen länger zu warten,‘ sag’ ich. Dann will ich lieber im Freien warten, denn hier erstick ich fast,‘ sagte er. ,Ich bin bald wieder hier.‘ Und damit ging er auf und davon, und was ich auch redete, alles war umsonst.“

„Gut, gut, du kannst nichts dafür,“ sagte Holmes, als wir ins Zimmer gingen. „’s ist doch recht unangenehm, Watson! Mir tat ein neuer Fall blutnot, und nach der Ungeduld, die der Mann zeigte, scheint es keine kleine Sache zu sein. Hallo! Das ist doch nicht deine Tabakpfeife auf dem Tisch! Er muss seine hier gelassen haben. Ein schöner alter Kopf mit einem langen Mundstück von Bernstein. Ich möchte wissen, wieviel echte Bernsteinspitzen es in London gibt. Die Leute denken, wenn eine Fliege drin ist, müsse er echt sein. Dabei gibt es eine eigene Industrie, unechte Fliegen in unechten Bernstein zu setzen. Iedenfalls ist der Mann sehr aufgeregt gewesen, dass er eine Pfeife liegen lässt, auf die er offenbar grosse Stücke hält.“

„Woher weisst du, dass er viel auf sie hält?“ fragte ich.

„Nun, ,meiner Schätzung nach hat die Pfeife neu sieben und einen halben Schilling gekostet. Sie ist aber, wie du siehst, zweimal ausgebessert worden, einmal am Holz und einmal am Bernstein. Jedesmal hat man bei der Reparatur ein Band von Silber herumgelegt, das mehr gekostet hat als die ganze Pfeife. Dem Manne muss also die Pfeife sehr teuer sein, wenn er sie lieber flicken lässt, statt um den gleichen Preis eine neue zu kaufen.“

„Noch was?“ fragte ich, denn Holmes drehte die Pfeife in seiner Hand hin und her und betrachtete sie in der ihm eigenen nachdenklichen Weise.

Er hielt sie in die Höhe und betippte sie mit seinem langen, dünnen Mittelfinger, wie etwa ein Professor der Osteologie, der einen Knochen demonstriert.

„Pfeifen sind manchmal ausserordentlich interessant,“ sagte er. „Nichts besitzt mehr Individualität, ausgenommen etwa Uhren und Schuhsenkel. Was sich aber hier zeigt, ist weder sehr ausgesprochen, noch sehr bedeutungsvoll. Der Eigentümer ist offenbar ein kräftiger Mann, linkshändig, mit wohlerhaltenen Zähnen, nicht sehr ordnungsliebend und in guten Verhältnissen.“

Mein Freund äusserte dies so obenhin; ich sah aber, dass er mich dabei fixierte, um zu erkennen, ob mir seine Schlussfolgerungen klar seien.

„Du denkst, wer aus einer Pfeife für sieben Schilling raucht, muss wohlhabend sein?“ sagte ich.

„Das ist Grosvenor-Mischung zu acht Pence die Unze,“ antwortete Holmes, indem er ein paar Krümel in seine offene Hand klopfte. „Da er schon für den halben Preis ein ausgezeichnetes Kraut haben kann, so muss er in guten Verhältnissen leben.“

„Und die anderen Punkte?“

„Er pflegt seine Pfeife an Lampen und Gasbrennern anzuzünden. Du siehst, sie ist auf einer Seite ganz versengt. Natürlich, das kann nicht von Streichhölzern herrühren. Warum sollte einer auch ein Streichholz an die Seite seiner Pfeife halten? An der Lampe kann man sie aber nicht anzünden, ohne dass dabei der Kopf angesengt wird. Und es trifft die rechte Seite der Pfeife. Daraus entnehme ich, dass er linkshändig ist. Halte deine eigene Pfeife an die Lampe und du wirst sehen, dass es für dich als Rechtshändigen natürlich ist, die linke Seite an die Flamme zu bringen. Du machst es vielleicht auch einmal umgekehrt, aber sicher nicht in der Regel. Die hier ist immer so gehalten worden. Dann hat er seinen Bernstein durchgebissen. Dazu gehört ein muskulöser, energischer Mann mit gutem Gebiss. Doch wenn ich mich nicht irre, höre ich ihn auf der Treppe; so werden wir bald etwas Interessanteres als seine Pfeife zu ergründen haben.“

Einen Augenblick darauf öffnete sich die Tür und ein grosser jüngerer Mann trat ins Zimmer. Er war gut, aber einfach gekleidet, trug einen dunkelgrauen Anzug und hielt in der Hand einen neuen Kastor. Ich hätte ihn auf etwa dreissig Fahre geschässt, obwohl er in Wirklichkeit ein paar Jahre älter war.

„Entschuldigen Sie!“ sagte er etwas verlegen. „Ich hätte wohl anklopfen sollen. Ja, natürlich hätte ich anklopfen sollen. Die Sache ist die, ich bin etwas ausser mir, und davon kommt das alles.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, wie einer, der schwindlig werden will, und liess sich dann in einen Stuhl niederfallen.

„Ich sehe, Sie haben eine, zwei Nächte nicht geschlafen,“ sagte Holmes in seiner leichten, genialen Weise. ,,Das bringt einem die Nerven mehr herunter als die Arbeit, ja noch mehr als bei Genuss. Erlauben Sie mir die Frage: Wie kann ich Ihnen helfen?“

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