Buch lesen: "Knallhart durchgezogen"

Schriftart:

Rudolf Szabo

SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Dieses Buch beruht auf Tatsachen. Dennoch wurden zum Schutz der Persönlichkeitsrechte einige Namen und Umstände geändert. Der vorliegende Text gibt ausschließlich die persönliche Meinung des Autors wieder.

ISBN 978-3-7751-7513-5 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-6001-8 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2021 SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-haenssler.de; E-Mail: info@scm-haenssler.de

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Lektorat: Christiane Kathmann, www.lektorat-kathmann.de

Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Holzgerlingen

Titelbild: Ruben Ung, Liebefeld (CH), www.rubenung.ch

Autorenfoto Rudolf Szabo: © Ruben Ung, Liebefeld (CH), www.rubenung.ch

Autorenfoto Nicolai Franz: © Christliche Medieniniitiative, 2020

Bildteil: © Rudolf Szabo, außer S. 8: © Désirée Good, www.desireegood.ch

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

INHALT

Über die Autoren

1 – Schmerz

2 – Heimat

3 – Krieg

4 – Liebe

5 – Fall

6 – Schuld

7 – Sühne

8 – Hoffnung

9 – Reue

10 – Frieden

Hilfsangebote für Opfer und Täter

Anmerkungen

Bildteil

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]

Über die Autoren


Rudolf Szabo (Jg. 1959) lebt in Liestal in der Schweiz. Als Casemanager und Lehrlingscoach arbeitet er vor allem mit ehemaligen Strafgefangenen und verhilft ihnen zu einer beruflichen Zukunft. Er ist Vater von fünf erwachsenen Kindern und hat zwei Enkelkinder, mit denen er gerne Zeit verbringt.


Nicolai Franz (Jg. 1987) hat Theologie studiert und arbeitet als Redaktionsleiter Digital beim »Christlichen Medienmagazin pro«. Am liebsten berichtet er über Politik, Gesellschaft und interessante Menschen. Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt er in der Nähe von Gießen.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]


1 – SCHMERZ
Kanton St. Gallen, Schweiz, November 1995

Wut? Hass? Trauer? Ich weiß nicht mehr, welches Gefühl überwog. Aber als ich das Formular las, begann alles in mir zu rasen. Es fühlte sich an wie ein Tritt ins Gesicht, ehrabschneidend und demütigend. Dieser miese Fetzen Papier hatte das Zeug, mein Leben in ein Zwangskorsett zu stecken und mich über Jahrzehnte nicht loszulassen.

Ich las wieder und wieder den Betrag, der in schwarzen Lettern auf das Blatt gedruckt war. Das konnte unmöglich wahr sein!

»Alimente monatlich: 6 200 Franken.«

Das sollte ich also zahlen, um meine fünf geliebten Kinder, mein eigen Fleisch und Blut, ein paar Stündchen sehen zu können – einmal im Monat. Es war Geld, das ich nicht hatte. Und Geld, das ich so schnell nicht verdienen würde. Geld, das sich mehr wie Lösegeld anfühlte denn wie eine Unterhaltszahlung.

Der Grund für den verflixten Zettel war einer der größten Fehler meines Lebens: Beim letzten Streit mit meiner Frau war ich gewalttätig geworden. Ich hatte sie ins Gesicht geschlagen, was dazu geführt hatte, dass sie sich verteidigte und revanchierte. Wir hatten einander angebrüllt und so heftig gestritten wie noch nie. Vor den Augen der Kinder. Ich schämte mich dafür zutiefst, und das tue ich bis heute. Als ich auf der Arbeit war, packte sie die Koffer und zog mit den Kindern ins Frauenhaus.

Wir hatten probiert, miteinander zu reden, doch wir stritten wie die Kesselflicker. Wir hatten es mit einer Ehetherapie versucht, aber schon nach zwei Sitzungen war klar, dass uns die Offenheit dafür fehlte. Wir beleidigten uns gegenseitig, wir unterstellten und verdächtigten. Wir hatten uns so weit auseinandergelebt, dass es nicht die Untreue meiner Frau allein war, die dieses Erdbeben in unserer Beziehung ausgelöst hatte. Die vielen kleinen Schwingungen vorher hatten wir ignoriert, sie nicht ernst genommen, gedacht, wir würden das alles schon schaffen.

Nun hatte ich die Quittung.

Die Ehe war endgültig zerbrochen, und zu allem Überfluss sollte ich nun 6 200 Franken Alimente zahlen. Wenn ich das nicht tat, sollte ich die Kinder, die ich über alles liebte, nicht mehr sehen. Wie diese irrwitzige Summe berechnet worden war, erschloss sich mir in keiner Weise. Ich arbeitete als selbstständiger Bauunternehmer. Wahrscheinlich hielten mich die Verantwortlichen für einen erfolgreichen Geschäftsmann mit Segelboot in Monaco und Wochenendhaus in Italien, der die paar Tausend Kröten locker zahlen konnte. Tatsächlich stand ich jeden Tag mit den beiden Angestellten meines kleinen ökologisch orientierten Malerbetriebs auf der Baustelle und renovierte Häuser. Ehrliche, harte Arbeit. Aber zu wenig Ertrag.

Mit der Firma war es in den letzten Monaten steil bergab gegangen, weil ich den Überblick über die Zahlen verloren hatte. In Mathe war ich noch nie gut gewesen, und das hatte sich jetzt gerächt. War es am Anfang meiner Selbstständigkeit noch gut gelaufen, so lagen mir nun die Banken im Nacken. Mit 300 000 Franken stand ich bereits in der Kreide, und in meinen Büchern klaffte ein Loch über weitere 100 000 Franken, die ich brauchte, um über den Winter zu kommen. Ich hatte zwar schon einen Großauftrag für das kommende Jahr an Land gezogen, doch die arroganten Banker hatten meinen Kreditantrag mit einem Schulterzucken abgelehnt. Banker! Gangster in Nadelstreifen waren sie, nichts anderes! Dass ich eine große Familie und außerdem zwei Angestellte zu versorgen hatte, hatte sie in keiner Weise beeindruckt. So stand ich also ohnehin schon vor dem finanziellen Ruin. Und nun hatte ich nicht nur meine Frau, sondern wegen der schwindelerregenden Unterhaltsforderung wahrscheinlich auch meine Kinder verloren!

Ich telefonierte mit Evelyn, doch sie meinte, sie habe das juristisch geklärt und ich müsse zahlen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Es musste einen Ausweg geben!

Ich versuchte es mit fachlichem Rat. Zusammen mit Evelyn fuhr ich zu einem Friedensrichter, der zwischen uns vermitteln sollte. Für mich war das Gespräch eine einzige Enttäuschung: 6 200 Franken seien begründbar, erklärte uns der Mann, und das gelte auch, wenn ich kurz vor dem Konkurs stünde. Dazu dürfe ich meine Kinder einmal im Monat für ein Wochenende sehen und zwei Wochen Ferien jährlich mit ihnen verbringen. So seien die Gesetze nun mal.

Ich konnte es nicht fassen. Es waren doch genauso meine Kinder wie ihre!

Meine Erinnerung an dieses Gespräch sind total verschwommen, weil es mich völlig traumatisiert hatte. In einem Bericht stand später, dass ich emotional unreif reagiert hätte und wutentbrannt aus dem Zimmer gestürmt sei. Ich explodierte innerlich, fühlte mich völlig hilflos. Es schien, als könne meine Frau sich alles erlauben, während ich alles ausbaden musste. Wenn ich sie darauf ansprach, lächelte sie nur siegessicher. Nirgends fand ich Hilfe. 1 000 Franken pro Kind sei eben eine gewöhnliche Summe, hieß es. Dass ich das Sorgerecht nicht bekam, hielten alle für normal. »Wenn es eine Mutter gibt, warum sollten die Kinder dann zum Vater?«, hieß es. Ein weiterer Jurist, dessen Rat ich einholte, meinte: »Dann hätten Sie Ihren Schwanz eben nicht so oft reinhängen sollen.«

In mir baute sich ein Feindbild auf: Evelyn.

Unglaublicher Hass kochte in mir hoch, ich ballte beide Fäuste und schwor, dies nicht auf mir sitzen zu lassen. Ich liebte meine Kinder über alles und ich würde alles dafür tun, sie wiederzusehen. Wirklich alles.

Mord. Das war das Erste, an das ich dachte, als ich im Büro meines Malerbetriebs grübelte, was ich tun sollte. Ich malte mir aus, wie ich meine Ex-Frau abpassen, sie vielleicht unter einem Vorwand in ein Waldstück locken und dort erdrosseln würde. Rache.

Je mehr ich mir in meiner kranken Fantasie ausmalte, wie ich sie zu Tode bringen würde, desto mehr Genugtuung empfand ich. Meine Empathie und Vernunft waren völlig ausgeschaltet, und noch heute erschrecke ich darüber. Doch meine damaligen Gedanken passen durchaus zu dem, was in der Welt beinahe täglich geschieht, wenn gekränkte Ehemänner zuerst die Frau, anschließend die Kinder und zuletzt sich selbst erschießen.

Gott sei Dank entschied ich mich gegen den Mord – nicht aus Mitleid oder gar Barmherzigkeit, sondern weil meine Kinder sonst ins Heim gekommen wären. Ich als Verdächtiger mit klarem Tatmotiv wäre sicher sofort eingebuchtet worden und hätte meine Kinder erst recht nicht mehr sehen dürfen.

Nein, Mord war der falsche Weg. Also musste ich das Geld eben bezahlen. Und da ich es nicht hatte und nicht verdienen würde, entschied ich mich für den schnellsten Weg: Überfälle. Und zwar bei denen, die es verdient hatten. Zumindest meiner Meinung nach.

Immer noch wütend setzte ich mich ins Auto und fuhr ziellos durch die Gegend. Wenn ich in einer Ortschaft zu einer Bank gelangte, hielt ich an und schaute sie mir genau an. Welches Sicherheitskonzept gab es? Welche potenziellen Fluchtwege boten sich an? Ich stellte fest, dass die kleinen Filialen über einen sehr viel schlechteren Schutz verfügten als die größeren.

Je länger ich grübelte und die Szenarien durchdachte – meine Ausbildung zum Elitesoldaten der Schweizer Armee half mir dabei –, desto klarer wurde mir: Banküberfälle sind ein unsicheres Ding, zumindest für jetzt eine Nummer zu groß. Was also stattdessen?

Da fiel mir ein, dass meine Frau mir beinahe beiläufig von einer Affäre mit einem Unternehmer berichtet hatte. Wahrscheinlich wollte sie mich damit demütigen, denn ich kannte ihren Liebhaber gut. Deswegen wusste ich auch, dass er einen Tresor in seiner Wohnung hatte. Der Typ sollte mein erstes Opfer werden. Bestimmt würde ich hier an eine Menge Geld kommen! Und obendrein konnte ich mich dafür rächen, dass er etwas mit meiner Frau gehabt hatte. Zwei Fliegen mit einer Klappe!

Doch alleine würde ich das nicht schaffen, ich brauchte Hilfe. Sofort dachte ich an meine Mitarbeiter. Arian stammte aus Albanien, er war erst 19 oder 20, Andreas sogar erst 17 Jahre alt. Beide hatten keine Ausbildung, dafür eine schwierige Kindheit und keinen leichten Stand. Aber sie packten auf dem Bau vorbildlich mit an, auch kamen wir gut miteinander klar und sie schauten zu mir als Mittdreißiger und ihrem Chef auf. Ich bat sie ins Büro.

»Männer, wie ihr wisst, haben die Banken mich im Stich gelassen. Ich habe 300 000 Franken Schulden und jetzt haben sie mir sogar das Konto gekündigt, statt mir einen weiteren Kredit zu geben. Das sind wirklich Ganoven! Sie schwimmen im Geld und werden reich durchs Nichtstun, und wir Handwerker schuften jeden Tag im Schweiße unseres Angesichts, ohne dass sie uns helfen. Eine Ungerechtigkeit ist das!« Arian und Andreas nickten zustimmend.

»Jetzt hat mich auch noch Evelyn verlassen. Sie hat die Kinder mitgenommen und ich soll Tausende Franken Unterhalt zahlen. Wenn sich nicht etwas grundlegend ändert, werde ich eure Löhne nicht mehr zahlen können. Ihr habt immer gut und zuverlässig gearbeitet, auch unsere Kunden waren immer mit unserer Arbeit zufrieden. Uns trifft keine Schuld.«

Ich hielt einen Moment inne, bevor ich fortfuhr: »Deswegen ist jetzt die Zeit für uns, zu handeln.« Ich schaute die beiden beschwörend an. Ich wusste, dass ich sehr überzeugend wirken konnte, und probierte es mit einer Robin-Hood-Geschichte, dem Rächer der Enterbten und dem Beschützer der Witwen und Waisen. Leidenschaftlich warb ich für meine Pläne.

»Ihr habt gearbeitet, ich habe gearbeitet. Deswegen müssen wir uns das Geld holen, das uns zusteht.« Arian und Andreas hingen an meinen Lippen. Sie würden mir bestimmt folgen. Etwas Unsicherheit schwang dennoch mit, als ich anhob, die beiden zum Raub anzustiften: »Es gibt Menschen da draußen, die schwimmen im Geld, während wir unsere Rechnungen nicht bezahlen können. Bei denen holen wir uns die Kohle – und zwar mit List und Geschick! Wie ihr wisst, habe ich als Grenadier der Schweizer Armee gedient. Ich kenne mich aus mit Geheimoperationen, bei denen man nicht auffliegen darf. Ich bin erfahren in allen möglichen Missionen und bin mir sicher, dass uns niemand erwischen wird. Männer: Wir ziehen das durch – gemeinsam! Seid ihr dabei?«

Die beiden waren wie elektrisiert. »Natürlich, Chef! Wir sind ein Team, und wir werden dich unterstützen!«

Mit ihrem Treueschwur waren die Weichen für unsere kriminelle Karriere gelegt.

Unser erstes Opfer nahm ich mit Arian ins Visier. Hilfe von Andreas benötigten wir nicht, schließlich mussten wir nur einen einzelnen Mann überwältigen und ausrauben.

Es war dunkel, daher bemerkte niemand, dass wir schwarz vermummt, in Sturmhauben und schwarzen Handschuhen ins Haus schlichen. Kurz darauf standen wir im obersten Stock vor der Tür der Penthouse-Wohnung des Unternehmers. Gleich würde es losgehen. Mein Herz pochte schneller. Ich drückte den Klingelknopf. In der Hand hielt ich einen Elektroschocker. Es musste schnell gehen, die Nachbarn durften auf keinen Fall Geschrei hören.

Wir horchten. Da – Schritte. Die Klinke wurde gedrückt und die Tür öffnete sich: Zack, da hatte der Mann meinen Elektroschocker an der Brust. Zu seinem Pech leistete er Widerstand und ich brutzelte ihn noch einmal mit dem Schocker. Er taumelte zurück, ruderte mit den Händen, fiel ins Badezimmer auf den Rücken. Angst in seinen Augen. Er war noch bei Bewusstsein! Ich warf meinen wuchtigen Körper auf ihn, er hatte keine Chance. Trotzdem wehrte der Typ sich und meine geballte Faust landete in seinem Gesicht. Ich drückte meine Knie auf seinen Oberkörper, jetzt konnte er sich nicht mehr wehren. Wieder fing er meine Faust.

»Sag mir den Code vom Tresor!«

»Nein!«

Ich schlug noch mal zu. Seine Lippe platzte auf und er schrie.

»Sag mir sofort den Code!« Noch ein Schlag.

Endlich wimmerte er mir die Zahlenkombination zu, kaum noch bei Sinnen. Ich nahm seine Autoschlüssel. Den Code für seine Bankkarte wollte er mir nicht geben. Pech für ihn. Ich boxte ihm eine nach der anderen ins Gesicht, es fühlte sich unglaublich befreiend an. Sein Wimmern wurde schwächer. Ich schlug mich in Rage, in einen regelrechten Blutrausch. Wieder. Und wieder. Und wieder. Mit einem Schlag brach ich dem Bewusstlosen den Kiefer, mit weiteren schlug ich ihm mehrere Zähne aus. Ich malträtierte sein Gesicht, bis keine Stelle mehr frei von Blut war. Ich prügelte meinen ganzen Frust und meine Wut über meine zerbrochene Ehe, mein Scheitern als Geschäftsmann, den Verlust meiner Kinder heraus. Er wurde zum Sündenbock für mein Versagen. Ich prügelte ihn krankenhausreif, um mich selbst besser zu fühlen. Eine abscheuliche Tat, für die ich mich heute schäme.

Als ich mit meinem Opfer fertig war, fesselte ich ihm die Hände mit Kabelbindern auf den Rücken. Den Mund klebte ich ihm mit dickem Betonklebeband zu, das ich von der Arbeit mitgenommen hatte. Dann brachte ich ihn in die stabile Seitenlage, wie ich es in meiner Sanitäterausbildung gelernt hatte, damit er nicht erstickte. Trotzdem hätte ich den Mann umbringen können, die Notfallärztin gab zu Protokoll: »Der Täter hat in Kauf genommen, dass das Opfer in seinem Blut hätte ersticken können.«

Nachdem der Unternehmer ruhiggestellt war, suchten wir den Tresor. Ich war schließlich nicht hier, um den Lover meiner Ex zu verkloppen, das war eher ein angenehmer Nebeneffekt. Wir wollten die Kohle. Und zwar schnell.

Es war nicht schwer, den Tresor zu finden. Wir gaben den Code ein, öffneten die Stahlklappe und erstarrten: Nur ein paar Kröten! Das durfte doch nicht wahr sein! Wir hatten einen angeblich reichen Geschäftsmann überfallen, um mit ein paar Hundert Franken nach Hause zu gehen!? Gut, dass wir noch die Schlüssel zu seinem schicken Audi Quattro Turbo hatten!

Außerdem stellten wir die ganze Wohnung auf den Kopf und suchten nach Wertgegenständen. Ohne Erfolg. Schließlich hauten wir ab. Mein Mitarbeiter setzte sich in meinen Firmenwagen, ich nahm den Audi des Opfers.

Als ich den Schlüssel umdrehte und losfuhr, wurde mir schlagartig bewusst, was für eine bescheuerte Idee das war. Sollte ich die Karre etwa verkaufen? An wen? Ohne Papiere hätte ich die Edelkarosse nach Osteuropa schaffen müssen, um einen Käufer zu finden.

Ohne einen Plan fuhr ich durch die Gegend, während Arian mir folgte. Irgendwie war es auch nett, zu wissen, dass ich dem Lover meiner Ex die Karre gestohlen hatte und nun damit herumfuhr. Überlegenheitsgefühle durchströmten mich. Irgendetwas musste ich mit dem Auto anstellen. Etwas Spektakuläres. Etwas Brachiales. Etwas, mit dem ich mir meine Männlichkeit und Souveränität beweisen konnte.

Da kam es mir: Feuer! Ich fuhr zu einer Tankstelle und zapfte einige Liter Benzin, allerdings nicht in den Tank, sondern auf den Rücksitz. Nachdem ich mich mit Arian abgesprochen hatte, fuhr ich hoch ins Appenzeller Land, wo es viele Schluchten gibt. Es stank fürchterlich nach Sprit, und ich hielt meine Nase aus dem Fenster. Eine der Schluchten schien als Kulisse besonders passend. Ich hielt an, stieg aus, und schaute in den gähnenden Abgrund. Perfekt!

Ich zückte die Streichhölzer, zündete eines an und warf es mit gehörigem Abstand in den Wagen. Bumm! Die Flammen schlugen aus den Fenstern. Ich gab der Karre einen Schubs, und schon ging es auf die letzte Reise. Ein leuchtender Feuerball stürzte den Berg herab und schlug unter lautem Knallen an das Felsgestein des Berges, bis er schließlich nach wunderbar langen Sekunden unten auf dem Boden aufprallte, wo er lichterloh weiterbrannte.

Was für eine Genugtuung! Es fühlte sich an, als hätte ich all meinen Schmerz, meine Demütigung und Probleme im Appenzeller Gestein zertrümmert und in die Luft gejagt.

So ist das mit der Gewalt. Sie ist trügerisch, gibt das Gefühl von Macht und Überlegenheit. In Wahrheit ist sie ein Zeichen von größtmöglicher Schwäche und Kontrollverlust, also das genaue Gegenteil.

Ich war in dieser Situation vollkommen empathielos. Mit Gewalt versuchte ich, meine Minderwertigkeitsprobleme zu bekämpfen, so wie viele Verbrecher. Ich hatte zwar ein hohes Gerechtigkeitsempfinden, wenn es um mich ging, aber in Bezug auf andere fällte ich äußerst harte Urteile.

Es sollte noch lange dauern, bis ich erkannte, welchen Irrweg ich eingeschlagen hatte. Jetzt blickte ich einfach voller Zufriedenheit und Glücksgefühle in den Abgrund und sah zu, wie das Auto ausbrannte.

Letztlich war diese Aktion gescheitert. Ich hatte meine Wut abreagieren können, aber die paar Hundert Franken würden nicht mal für einen Bruchteil der Alimentenzahlung reichen. Mein finanzielles Problem hatte ich kein bisschen gelöst. Es musste mehr Geld her. Viel mehr.

Ich brauchte eine andere Geldquelle. Eine bessere. Und ich wusste auch schon, welche.

Bei dem Gedanken daran lief es mir kalt den Rücken hinunter, denn ich fürchtete die Sicherheitsvorkehrungen. Doch nun war ein Schalter in mir umgelegt, ich war ein Krimineller. Und ich sah keine andere Möglichkeit, als mir die dringend benötigten Moneten dort gewaltsam zu besorgen, wo man die Geldscheine bündelweise einsacken kann: in einer Bank.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]


2 – HEIMAT
Österreich, 1961

Ich bin nackt. Mir ist kalt. Ich habe keine Windel an. Der Steinboden des Kellerraums, in den mich die Pflegetante gesteckt hat, ist von meinem Urin getränkt. Niemand kümmert sich um mich. Ich bin einsam.

Ich höre Schritte, lautes Schimpfen. Eine Männerstimme. Wer ist das? Die Tür geht auf, ein Mann stürmt herein und ruft entsetzt: »Ruedi, was haben sie mit dir gemacht?«

Papa hebt mich hoch und drückt mich an sich. Mit mir auf dem Arm eilt er die Treppe hoch und schimpft: »Und für so einen Scheiß bekommt ihr auch noch Geld! Schämt euch!« Mein Vater ist stinksauer auf die beiden Frauen, die auf mich aufpassen sollten.

Ein Jahr war mein Vater weg gewesen. Nun war er wieder da und er bereute sofort, dass er meine überforderte Mama mit mir allein gelassen hatte. Sie konnte sich ab meinem zehnten Lebensmonat tagsüber nicht mehr um mich kümmern, weil sie arbeiten musste. Also war ich bei den Pflegetanten untergekommen, die dafür bezahlt wurden, dass sie mich versorgten, doch das taten sie nur schlecht.

Später notierte ein Kinderpsychologe in einem Bericht: »Affektive Frühverwahrlosung«. Vom zehnten bis zum sechzehnten Lebensmonat war ich »in ungünstiger Privatpflege mit vier Kleinkindern« untergebracht. Jahrzehntelang tat ich diese Strapazen als etwas ungünstige Betreuungssituation ab. Erst mit den Recherchen für dieses Buch wurde mir bewusst, wie stark mich meine turbulenten ersten Lebensjahre geprägt haben. Bis dahin hatte ich vermutet, dass ich aus einem anderen Grund in die Kriminalität abgerutscht war: die Gewalt durch die Hand meines Vaters und Großvaters. Wer geprügelt wird, der holt selbst irgendwann zum Schlag aus, so dachte ich. Die Spirale der Gewalt.

Und tatsächlich ist da etwas dran, aber heute weiß man sehr viel darüber, wie stark die ersten Lebensjahre die Entwicklung eines Menschen beeinflussen, wenn nicht sogar ein Stück weit vorzeichnen. Dennoch will ich einen Eindruck gleich zu Anfang zerstreuen: Ich sehe mich nicht als Opfer der Umstände, das gar nicht anders konnte, als Banken und Geschäfte zu überfallen. Wer eine schwierige Kindheit hatte, gerät nicht automatisch auf die schiefe Bahn. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch für seine Taten verantwortlich ist. Auch ich. Wir haben immer eine Wahl. Für das Gute oder für das Böse.

Meine Familie kommt aus Wien, wo ich auch geboren wurde. Meine Omama und mein Opapa konnten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht heiraten, weil er als Ungar dazumal staatenlos war. Trotzdem hatten die beiden acht gemeinsame Kinder und vier aus vorhergehenden Beziehungen. Sie lebten jedoch nicht zusammen. Meine Omama wohnte in der Wiener Innenstadt und fuhr manchmal zum Opapa aufs Land, um bei der Ernte zu helfen.

Meine frühe Kindheit verbrachte ich vor allem an drei Orten: in Wien in der Castellezgasse, auf dem Hof meiner Urgroßmutter in Obersiebenbrunn und bei meinem Großvater väterlicherseits.

Die Castellezgasse liegt in einem jüdisch geprägten Viertel. In direkter Nachbarschaft probten die weltbekannten Wiener Sängerknaben. Doch das war weit weg von meiner Welt. Ich wusste nicht einmal, dass es sie gab. Die Häuser in unserem Viertel waren ursprünglich von Juden erbaut worden. Im Dritten Reich wurden die Besitzer enteignet, nach dem Krieg erhielten sie einen Teil der Siedlungen zurück. Zu Fuß waren es 200 Meter bis zu der sehr bekannten jüdischen »Zwi-Perez-Chajes-Schule«. Mit den jüdischen Jungs spielte ich gerne Fußball, was alles andere als selbstverständlich war. Eigentlich hätten sie sich gar nicht mit einem »Goj«, also einem Heiden wie mir, abgeben dürfen. Aber Kinder sind eben Kinder und denken nicht in diesen Kategorien.

Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen stammt aus dem »Opapa-Garten«. Das war das Gebiet rund um den Hof, den mein Großvater bewirtschaftete. Er hielt sich Hühner, außerdem hatte er viele Obstbäume, an denen köstliche Früchte reiften: Aprikosen, Kirschen, Marillen und Zwetschgen. Die Früchte, die Eier und das Hühnerfleisch verkaufte er, aus den Zwetschgen brannte er »Sliwowitz«.

Der Opapa-Garten lag etwa dreißig Autominuten von Wien entfernt in Niederösterreich, in der Nähe von Schwechat. Das Gebiet war schon immer die Kornkammer des Landes gewesen. Unzählige Getreidefelder prägen die relativ flache Landschaft bis heute und versprechen reiche Erträge. Die Bauern brachten damals ihre Ernte zu drei großen Silos an der Donau, um sie den Zwischenhändlern zu verkaufen. Neben den Silos war ein Rangierbahnhof, etwa 80 Meter breit, mit sieben Gleisen, auf denen die Eisenbahn die Ernten von den weiter entlegenen Höfen brachte. Von dort wurden die Erzeugnisse auf Donauschiffen weitertransportiert. Manchmal, wenn die Verladearbeiten abgeschlossen waren, ging Opapa mit mir von dem nur 200 Meter entfernten Opapa-Garten zu den Silos und wischte die Körner auf, die beim Umheben heruntergefallen waren. Später verfütterte er diese an die Hühner. Ich durfte mit meinen fünf Jahren den Futtersack aufhalten, Opapa füllte ihn und ich war mächtig stolz, in dieser Erwachsenenwelt eine wichtige Aufgabe zu haben.

Am schönsten fand ich es aber, den schweren Maschinen bei der Arbeit zuzuschauen. Oft kraxelte ich den etwa fünf Meter hohen Damm hoch, der das Land vor dem gelegentlich auftretenden Donauhochwasser schützen sollte. Von dort oben hatte ich einen hervorragenden Ausblick: hinter mir der Hof meines Opapas, vor mir die Donau und das geschäftige Treiben der Verladearbeiter. Ich konnte stundenlang dort sitzen und beobachten. Vor allem faszinierten mich die Eisenbahnen. Damals, im Jahr 1964, waren es noch dampfbetriebene Lokomotiven, die die Güterwaggons mit der wertvollen Fracht über die Gleise an die Donau schleppten. Weißer Dampf schoss aus den Druckkesseln der schwarzen Stahlkolosse und ich konnte den Rauch der verbrannten Kohle riechen. Nach Feierabend, wenn keiner mehr dort war, schlich ich zu den Silos und turnte todesmutig auf den hohen Verladekränen herum.

Eines Tages, als ich mal wieder auf dem Donaudamm saß und die Aussicht genoss, schaute ein Lokführer aus dem Führerstand heraus und rief mir zu: »Wie heißt du?«

» Ruedi.«

» Ruedi«, fragte der Lokführer, »willst du mal eine Runde mitfahren?«

Mein Herz pumperte vor Freude, ich konnte kaum fassen, dass ein erwachsener Mann, noch dazu im Dienst, einen Knirps wie mich überhaupt wahrgenommen hatte. Natürlich wollte ich mitfahren! Voll Ehrfurcht näherte ich mich dem eisernen Ungetüm, das gefühlt zehnmal so hoch war wie ich, zog mich die Leiter hinauf und schon war ich drin.

Nun sah ich ganz aus der Nähe, wie die Männer die Kohlen in den Bauch der Güterlok schaufelten, die vom Feuer eifrig verzehrt wurden. Dann setzte sich die schwere Lok in Bewegung. Von außen hatte ich sie schon hundertmal beobachtet, doch hier drin wirkte alles so fremd und faszinierend, dass ich mich wie in einer anderen Welt fühlte. Wir fuhren zwei Kilometer weit, es zischte und es fauchte, es war warm und einfach wunderschön. Alles, was geschah, sog ich regelrecht in mich auf, so kostbar empfand ich diese kurze Fahrt. Ein gigantisches Erlebnis für mich kleinen Kerl!

Ich hatte Opapa viel zu berichten. Und auch er erzählte mir viel aus einem Leben, manchmal aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, in der er als Soldat gedient hatte. Ursprünglich stammte er aus der Nähe von Budapest. Zu dieser Zeit gab es noch die kaiserliche und königliche Monarchie Österreich-Ungarn. Opapa wurde gegen Ende des Krieges als 17-Jähriger eingezogen. Mit seiner Einheit wurde er nach Südtirol in den Alpenkrieg gegen Italien geschickt. Dort erlitt er einen Bauchschuss, von dem er sich nur schwer erholte. Die Kriegsverletzung machte ihm auch später immer wieder zu schaffen.

Damals schwor er sich, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen. Nach dem Krieg kam er nach Wien und begann, regelmäßig in der Bibel zu lesen. Dennoch war er ein gefürchteter Mann, denn er hatte ein cholerisches Temperament, war jähzornig und verprügelte seine zahlreichen Kinder oft, wenn sie nicht spurten.

Ich selbst hatte noch keine Schläge von ihm bekommen. Umso eindrücklicher war es für mich, als ich das erste Mal seine Wut am eigenen Leib erlebte.

Jeden Freitag nahm mein Opapa alles, was sich im Laufe der Woche an Abfall auf dem Hof angesammelt hatte, schichtete es auf einen großen Haufen und verbrannte es. Natürlich gab es für einen kleinen Bub wie mich kaum etwas Faszinierenderes, als ein prasselndes Feuer zu beobachten. Ich freute mich jede Woche auf die lodernden Flammen, die nach und nach die Zweige, die Blätter und den sonstigen Unrat Stück für Stück verzehrten, bis am Ende nur noch Asche übrig blieb. Diese verstreute der Opapa unter den Obstbäumen, denn sie war ein hervorragender Dünger.

An einem Freitag machte Opapa kein Feuer. Als ich ihn enttäuscht nach dem Grund fragte, antwortete er barsch: »Nächste Woche.«

Ich wollte aber unbedingt das Feuer sehen, daher kümmerte ich mich selbst darum. Irgendwo stahl ich Streichhölzer, schichtete vor dem Heuschober allerhand Brennbares zusammen und zündete es an. Ich muss nicht erwähnen, dass ein Feuer in der Nähe eines Heuschobers keine besonders gute Idee ist, aber als Fünfjähriger macht man sich solche Gedanken nicht. Im Gegensatz zu meinem Opapa. Als er die Flammen sah, eilte er herbei und löschte sie auf der Stelle, bevor sie Unheil anrichten konnten.

Dann kümmerte er sich um mich. In seiner Rage griff er sich einen Stecken und prügelte mich damit windelweich. Er schlug mich auf den Hintern, auf die Beine, den Rücken, auf meinen ganzen Körper. Er wütete und wütete. »Der zündet mir noch das Haus an, das darf noch nicht wahr sein!«, brüllte er.

Omama war gerade zur Ernte auf dem Hof. Als sie sah, wie heftig er mich schlug, mischte sie sich ein und Opapa ließ von mir ab. Ich weinte, wie ich selten geweint hatte, und war völlig verstört. Opapa war kein zärtlicher Mensch, aber eigentlich hatte ich großes Vertrauen zu ihm gehabt. So hatte ich ihn noch nie erlebt und es war eine traumatische Erfahrung für mich.

€7,99
Altersbeschränkung:
0+
Veröffentlichungsdatum auf Litres:
11 November 2024
Umfang:
261 S. 19 Illustrationen
ISBN:
9783775175135
Verleger:
Rechteinhaber:
Bookwire
Download-Format:

Ähnliche Bücher