Buch lesen: "Gallo rosso"
Roman Rausch
GALLO ROSSO
Kilian und Heinlein sind zurück

Gallo rosso
Roman Rausch
© schruf & stipetic GbR, Berlin 2020
www.schruf-stipetic.de
© 2020 Roman Rausch
Covergestaltung: Kathrin Mock
Verwendetes Foto: Luis MGB, pixabay
ISBN: 978-3-944359-72-4
Vervielfältigung und gewerbliche Nutzung nur nach
ausdrücklicher Genehmigung der schruf & stipetic GbR
Inhalt
1 // Donatello
2 // Habibi
3 // Amer
4 // Helmbrecht
5 // Kotor Trans
Die Legende vom Gallo Nero
6 // Werner S.
7 // Shefkije
8 // VS
9 // Extasy
Die Legende von den drei Rittern
10// News Flash
11 // Strandläuferin
12 // Döner zu Mitternacht
13 // Das Auge
14 // NoeP
15 // Bella figura
16 // Geister
17 // Tomaso
18 // Faule Eier
19 // Non sei come me
I mafiusi di la Vicaria
20 // Jour fixe
21 // Farid K.
22 // Copkilla
23 // Guiluliani
24 // Juju
Schwacher Staat und findige Gauner
25 // Zwinger
26 // Pozzuoli
27 // False Flag
28 // Dottore
29 // Igor K.
30 // Caffè Vittorio Veneto
31 // Kreuz
32 // ITDEX
33 // Shutdown
34 // Ruggiero
Die Legende von der Omertà
35 // Minerva
36 // Zona rossa
37 // Gottwald
38 // Via Cairo
39 // Che
Mythos Mafia
40 // Sparring
41 // Bunker
42 // Lunedì grasso
43 // Notnagel
44 // Karabiner
45 // Tarnkappe
46 // San Moisè
47 // San Clemente
48 // La Luna
49 // Capitano
50 // Brüder
51 // Vaterland
52 // Sanguinari
Die Legende von Gallo rosso
53 // Mercoledì delle Ceneri
UNITER-Mann bei der Kriminalpolizei
Cu è surdu, orbu e taci, campa cent’anni ’mpaci.
Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.
1 // Donatello
Fare la stesa – ein paar Leute abknallen, egal wen.
Für Angst und Schrecken sorgen, einschüchtern. Das Revier markieren, die Vorherrschaft verteidigen oder an sich reißen. Es geht um viel Geld, Respekt und Macht. Für die schießwütigen Straßenpinscher von Neapel geht es um nichts weniger als um ihre Daseinsberechtigung.
Unweit des Hafens und der geschäftigen Quartieri Spagnoli las Jo Kilian im dämmrigen Straßenlicht der Piazza Trieste e Trento die Chat-Nachrichten eines gewissen Donatello. Der wollte an diesem Abend mit seiner Bande zuschlagen, irgendwo hier in der Nähe.
Das Profilbild zeigte einen Bengel von vielleicht sechzehn Jahren in geschmacklos kombinierten Markenklamotten, vermutlich alles geklaut, mit wuchtiger Gucci-Sonnenbrille und kurzen, weiß gebleichten Haaren. Auf dem Wangenknochen prangte ein amateurhaft gestochenes Kreuz mit einer Reihe von Punkten, was man als Rosenkranz interpretieren konnte.
Zugang zur Chatgruppe hatte Kilian über den Account eines jungen Einbrechers erhalten, den er in der Villa seines Auftraggebers auf frischer Tat ertappt hatte. Der Knirps war nicht älter als zwölf gewesen, hatte aber bereits eine russische Makarow dabeigehabt, die nun in Kilians Gürtel steckte.
Auf dem Handy des Nachwuchsganoven hatte er etwas Unerwartetes gefunden, etwas, wonach er seit Jahren suchte – den Namen Gallo, nur einmal erwähnt in einer Nachricht von diesem Donatello.
Die Tür hinter Kilian ging auf, Stimmen wurden laut. Jemand stimmte ein Lied aus den guten, alten Zeiten an, die niemals gut, sondern immer nur eine unstillbare Sehnsucht gewesen waren, ein Nachtigallenkonzert für eine Fata Morgana. Für die geplagten Neapolitaner mussten die Worte heute klingen wie blanker Hohn.
Serenata quasi a mezzanotte … wo Räuber und Gendarm sich bekämpfen und ein einsamer Junge noch romantisch ist …
»Kiliano, komm rein. Du holst dir noch den Tod in der Kälte.«
Francesco zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und wandte sich mit eingezogenem Kopf von der Hafenseite ab.
Eine kühle Brise wehte von dort herauf und vertrieb für einen Augenblick den allseits schwelenden Gestank der Müllberge in den Straßen und Gassen.
»Sagt dir dieser Kerl was?«, Kilian hielt ihm das Handy hin. »Soll einer dieser Baby-Gangster aus der Sanità sein«, ein berüchtigter Stadtteil im Norden, wo jeder jeden kannte und Kilian bei der ersten Frage nach Donatello zur Zielscheibe geworden wäre.
»Was interessiert’s dich?«, erwiderte Francesco nach einem kurzen, angewiderten Blick, schniefte und schob die Hornbrille hoch. »Bastarde sind sie, Rattengesindel. Ausräuchern und ins Meer treiben. Basta.«
Derart martialisch sprach Francesco erst seit ein paar Jahren. Zuvor war er ein lebenslustiger und spitzbübisch dreinschauender Kellner von Il vero bar del professore gewesen, einer kleinen, auf urig gemachten Bar, deren Besitzer sich gerne mit berühmten Gästen schmückte – Lucio Dalla, Andrea Bocelli, Stefano Gabbana und dergleichen mehr. Hin und wieder schaute auch ein in die Jahre gekommener Camorrista vorbei, sofern er nicht Revierkämpfen und Streitereien zum Opfer gefallen war oder in einem Hochsicherheitsgefängnis verfaulte.
Verglichen mit den Baby-Gangstern von heute, schwadronierte Francesco, seien die Camorra-Capos von früher die wahren guten, alten Zeiten gewesen. Damals wusste man, woran man war.
»Das Kreuz mit den Punkten auf seiner Wange«, insistierte Kilian, »ist das ein Zeichen seines Clans?«
»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es gibt so viele Zeichen und Clans. Über hundert allein in Neapel. Sie breiten sich aus wie ein Virus. Niemand wird ihrer Herr.«
»Er droht mit einem Angriff auf die Piazza, heute Abend.«
»Dummes Geschwätz. Er hat keine Chance hier im Süden. Die Calabroni pusten ihn weg, bevor er auf die Piazza del Plebiscito kommt.«
Die Calabroni waren die Hornissen, eine Baby-Gang aus dem Hafenviertel, die Bewohner und Geschäftsleute terrorisierte und regelmäßig Angriffe rivalisierender Gangs aus anderen Stadtteilen abzuwehren hatte. Sie führte aber auch selbst welche durch, um ihr Territorium zu erweitern.
Heute wie damals wildes Gockelgehabe.
»Kann schon sein«, lenkte Kilian ein.
Sein Blick ging über die vielen Köpfe der Touristen hinweg, die aus den Quartieri Spagnoli auf die Piazza strömten und sich auf die Bars und Restaurants verteilten. Dazu gesellten sich Geschäftsleute, Angestellte und Arbeiter auf ihrem Weg nach Hause. Autos und Mopeds bogen in den Kreisel um die Fontana del Carciofo ein. Unmöglich, in diesem Gewusel den Überblick zu behalten.
»Bist du wieder auf der Jagd nach dem Gespenst«, fragte Francesco besorgt, »deinem geheimnisvollen Gallo?«
»Er ist kein Gespenst. Er ist so real wie du und ich.«
Francesco warf die Zigarette in den Rinnstein und seufzte, wie immer, wenn das Thema zur Sprache kam.
»Mach endlich deinen Frieden mit der Vergangenheit.«
»Frieden gibt es erst, wenn ich ihm das Licht ausgeblasen habe.« Kilian schnippte mit einem Ping das Zippo auf, entzündete die Flamme und inhalierte tief, um den aufsteigenden Schmerz zu lindern.
Gallo. Pia.
»Wie geht’s Raffi?«, fragte Francesco.
Kilian blies den Rauch in den wolkenverhangenen Abendhimmel und lächelte bemüht, dilettantisch.
»Gut. Bestens.«
»Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?«
Das reichte. »Kümmer dich um deinen Scheiß, okay?«
Vielleicht beim nächsten Mal würde er sich bequatschen lassen, nach einem Abendessen und reichlich Wein auf der Terrasse, wenn sie übers Meer schauten, den Mond anhimmelten und sich bis in die Morgenstunden in Erinnerungen verloren.
Gemeinsame Urlaube. Grillen am Strand. Tanzen im Mondlicht … Als Pia eine Muschel im Sand entdeckte, so schön und wohlgeformt wie von Botticelli gemalt. Die Muschel aufs Herz gedrückt und mit dem Geschmack von Salzwasser auf den Lippen wollte sie an diesem Strand, in dieser Bucht, ein Haus bauen.
»Pass auf dich auf«, gab sich Francesco zufrieden und ging zurück in die Bar. Da drehte er sich noch mal um. »’ne finstere Gestalt war mal da, sprach kaum Italienisch, irgendwas vom Balkan.«
»Und?«
»Hatte so ein Kreuz mit Punkten auf dem Handrücken …«
Schon war Kilian bei der Sache. »Was wollte er?«
»Was im Viertel los ist, wer Geschäfte macht, das Sagen hat …«
»Ja, weiter.«
»Hab ihn zu den Calabroni geschickt. Sollen die ihm beibringen, dass er hier nichts verloren hat.«
»Wo kann ich deren Anführer finden?«
»Vergiss es. Mit den Straßenkötern kannst du nicht reden.«
»Warum nicht?«
»Weil sie nichts anderes können als schießen. Und jetzt hör endlich auf und geh nach Hause zu deinem Sohn. Er braucht dich.« Francesco öffnete die Tür und verschwand im Gedränge der fröhlichen Bargesellschaft.
Nach Hause … Es gab kein Zuhause mehr, das war in abertausend Stücke zerrissen worden. Ein Ring und eine Muschel, mehr war ihm nicht geblieben.
Kilians Handy vibrierte. Dr. Kohlschreiber, zum x-ten Mal. Kilian setzte an, ihm endlich zu antworten, da röhrte ein Motorrad von der Piazza del Plebiscito her, beschleunigte und eine grün-weiß lackierte Straßenmaschine schoss an ihm vorbei in die Via Toledo.
Fußgänger kreuzten, Touristen flanierten gedankenverloren.
Drei Motorroller folgten der Maschine, Schützen auf der Rückbank, die ihre Waffen in Anschlag brachten.
Kilian zog die Makarow aus dem Gürtel, aufflammendes Schnellfeuer zwang ihn zu Boden. Projektile prasselten auf Mauern, Türen, Fenster und Autos, Splitter und Querschläger sirrten durch die Luft. Getroffen wurde auch eine asiatische Reisegruppe mit lustigen I-love-Napoli-Mützen auf den Köpfen und allerlei Tand in den bunten Einkaufstüten beim Selfieknipsen. Sie sackten in sich zusammen oder wurden umgerissen, Händler und Geschäftsleute retteten sich geistesgegenwärtig in Hauseingänge und um die nächsten Ecken.
Ein Auto krachte in ein anderes, Pistolenschüsse knallten, dazu das Wüten der Motoren, das sich in der engen Via Toledo brach, bis es sich nach und nach verlor.
Für einen Augenblick kehrte Stille ein.
Unwirklich und grotesk kam sie Kilian vor, der noch immer mit der Makarow auf die geflüchteten Angreifer zielte, doch sie zu keiner Zeit von der Menschenmenge hatte separieren können.
Dann gellten die ersten Schreie über den Platz, erstickte Hilferufe erhoben sich, in Kilians unmittelbarer Nähe weinte ein Kind. Eine Frau stolperte vorbei, Blut tropfte ihm auf Kopf und Hände, sie stürzte und gab das plärrende Bündel frei.
Mitten auf der Straße. Zwischen den Fronten.
Blendende Lichter tauchten am Nadelöhr zur Piazza del Plebiscito aus dem Dunkel auf, ein Schwarm fuchsteufelswilder Hornissen, heiser, laut und auf Vergeltung aus.
Kilian schnellte hoch. Ein paar beherzte Schritte weiter bekam er das Kind zu fassen, blickte auf. Für den Rückweg reichte die Zeit nicht mehr … dann eben anders: Muße für ein Rendezvous der anderen Art.
Mit dem Kind im Arm legte er auf die vorderste Hornisse an.
»Schschschhhh«, besänftigte er die Kleine, »ruhig.«
Er spannte den Hahn und krümmte den Finger bis zum Widerstand, doch die Hornissen hatten andere Pläne, ein lohnenswerteres Ziel vor Augen, als einen Irren mit Kleinkind von der Straße zu fegen. Sie ließen ihn links liegen.
Spielverderber.
»Kiliano!«, hörte er Francesco rufen, der wie erstarrt am geborstenen Fenster der Bar stand. Verletzte stolperten heraus, andere rannten panisch davon.
»Kümmer dich um das Kind.« Kilian reichte ihm das Bündel. »Die Mutter …«, lag tot auf der Straße, der Inhalt ihrer Handtasche im Rinnstein. Babyrassel, Papiertaschentücher, Lippenstift, Telefon …
»Du bist voller Blut«, sorgte sich Francesco.
»Nicht meins.«
Kilian steckte die Makarow zurück in den Gürtel und schwang sich auf die alte Harley, die mindestens genauso heruntergekommen aussah wie er mit seinen ungepflegten, langen Haaren, der verschlissenen Jeans und ausgebeulten Lederjacke. Aber sie waren beide zäh und wussten die Treue des anderen zu schätzen.
»Was hast du vor?«, fragte Francesco.
Kilian startete den Bock, der mürrisch grollte, als sei er aus dem Schlaf gerissen worden.
»Bleib erreichbar. Vielleicht brauch ich dich.«
Dann lenkte er das Streitross in die Straße der Toten.
2 // Habibi
Fastnacht aus Franken – Die Prunksitzung war das Highlight des Jahres, ein Pflichttermin für jeden hohen Amtsträger im Land, das Fernsehen sendete live.
Erwartet wurde ein ähnliches Spitzenergebnis wie die Jahre zuvor, knapp vier Millionen Zuschauer und damit mehr als bei so manchem DFB-Pokalfinale aus dem Olympiastadion in Berlin.
Nahezu das gesamte Kabinett der Landesregierung war angetreten, die Kostüme wurden vor laufenden Kameras auf dem roten Teppich besprochen und gelobt, der Landesvater trug zum schwarzen Anzug allerdings nur eine bunt gepunktete Fliege.
Wie jedes Jahr schlüpfte Polizeipräsident Georg Heinlein in sein Kostüm als Gevatter Hein – der Tod, mit aufgedrucktem Skelett, schwarzem Kapuzenmantel und weiß geschminktem Gesicht, in der knöchernen Hand die obligatorische Sense.
Heute Abend durfte nichts schiefgehen, Heinlein hatte Minister und ein Millionenpublikum an den Fernsehern zu Besuch, zwei Reihen entfernt seine Kinder Tom und Vera, Enkel und Schwiegersohn, und da war auch noch Claudia … seine Ex.
Ein junger Kollege, Polizeiobermeister Schäfer, bahnte sich den Weg vorbei an einem Beethoven, einer drallen Biene Maja, sich mannstoll gebärdenden Ordensschwestern und dem heißen Tipp der diesjährigen Faschingssaison: die x-te Kopie des Jokers.
»Was ist?«, stöhnte Heinlein, hoffentlich hatte sich niemand mit einem der hohen Tiere angelegt.
»Eine Geiselnahme.«
Heinlein atmete erleichtert auf. »Gut erkannt, da vorne sitzen die Minister und Ministerinnen in Geiselhaft. Alles in Ordnung.«
»Ein Mann im ICE aus Hannover hat zehn Leute in seiner Gewalt.«
Schluss mit lustig. »Kein Scheiß?«
»Nein, Herr Polizeipräsident. Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten.«
Heinlein trank aus und erhob sich. »Bundespolizei vor Ort?«
»Ja, hat um Unterstützung gebeten.«
Heinlein und Schäfer eilten zum Ausgang.
»Hat schon jemand mit dem Geiselnehmer gesprochen?«
»Spricht kein Deutsch, nur ein paar Brocken Englisch.«
»Übersetzer angefordert?«
»Niemand weiß, für welche Sprache.«
Auch das noch.
»Ein SEK?«
»Ist auf dem Weg.«
Aus Nürnberg. Wenn sie gut durchkamen, waren sie in einer Stunde hier.
Sie erreichten die Glastüren, danach die Treppen, der Lärm verebbte. Heinlein atmete kalte, unlustige Februarluft, er fröstelte in dem dünnen Kostüm.
Die Personenschützer und Fahrer der Minister rauchten abseits, glotzten blöde herüber. Polizeioberkommissar Hoffmann war unter ihnen.
Was machte der hier?
Hoffmann grüßte, Heinlein zurück und rein in den Streifenwagen.
»Wohin geht’s?«
»Zwischen Tunnelende und Hauptbahnhof.« Schäfer startete den Wagen. »Der Geiselnehmer hat ein Ultimatum von einer Stunde gesetzt.«
»Ich denke, er spricht kein Deutsch?«
»Er stammelte was von one hour … bumm!«
»Und wann hat er das zum ersten Mal gesagt?«
Schäfer schaute auf seine Armbanduhr. »Vor genau 50 Minuten.«
»Und die Bundespolizei hat nicht gestürmt?!«
»Die Lage ist kompliziert …«
Da war sie wieder, die Erinnerung an die Katastrophe vor vier Jahren, an den heißen Juli 2016.
Ein minderjähriger Flüchtling hatte in einer Regionalbahn bei Würzburg ein Blutbad angerichtet. Mit einem Beil und einem Messer war er er auf die Reisenden losgegangen und hatte sie schwer verletzt.
Vier Tage zuvor hatte es den Anschlag in Nizza gegeben. 85 Tote, 434 Verletzte.
Vier Tage später der Anschlag in München. Neun Tote.
Zwei Tage darauf der Anschlag im nahen Ansbach. 15 Verletzte.
Das Gelände war weiträumig gesperrt, Autos stauten sich auf den Straßen rings um den Verkehrsknotenpunkt am Stadtrand, Hupen und Kehrtwenden im Schein der tanzenden Lichter der Einsatzfahrzeuge.
Der ICE stand im orangefarbenen Licht auf einem der vielen Gleise, der Bahnhof ein paar hundert Meter entfernt. Ein Hubschrauber suchte mit Scheinwerfer die Umgebung ab.
Heinlein zählte gut zwei Dutzend Einsatzkräfte, die sich auf einen Wagen konzentrierten, der als einziger im Inneren unbeleuchtet war, von außen aber angestrahlt wurde. Die Jalousien heruntergezogen, niemand konnte hinein- oder herausschauen.
Auf einem kleinen Parkplatz in der Nähe hatten sich Sanitätsfahrzeuge und die Einsatzleitung postiert.
Als Heinlein ausstieg, kam Deckert ihm bereits entgegen, mit dem Anflug eines Lächelns.
»Gevatter Hein …, natürlich.«
»Was dagegen?«, verbat sich Heinlein jeden weiteren Kommentar. »Also, was wissen wir?«
Deckert, ein kantiger Typ Ende vierzig, sportlich, in Sakko und Stiefeln, kam sofort auf den Punkt.
»Nichts Konkretes, außer dass der Kerl völlig durch den Wind ist. Er rennt im Wagen umher, schreit unverständliches Zeug und droht alles hochgehen zu lassen. Wir schätzen, dass er zehn Geiseln oder mehr in seiner Gewalt hat.«
»Wer hat mit ihm gesprochen?«
»Der Kollege von der Bundespolizei.« Deckert deutete mit dem Kopf nach hinten, wo jemand im Mannschaftswagen lautstark telefonierte und offenbar der Verzweiflung nah war. »Das SEK und die Bombenleute stecken noch auf der Autobahn fest. Die werden frühestens in einer halben Stunde da sein. So viel Zeit haben wir nicht, wenn der Kerl ernst macht.«
»Forderungen?«
»Keine Ahnung. Wir verstehen ihn nicht.«
»Scharfschützen?«
Deckert zeigte in die Nacht. »Einer diesseits des ICE, ein zweiter jenseits auf einem Güterwaggon. Keiner hat freie Sicht in den Wagen, die Lage ist völlig ungeklärt.«
Heinlein schaute sich um, es gab nur eine Entscheidung. »Die Bundespolizei muss stürmen«, es war ihr Verantwortungsbereich.
»Der Kollege bringt’s nicht. Wir beide wissen, was das bedeutet.«
Dass die Sache in die Hose ging.
»Was schlägst du dann vor?«
Deckert atmete durch. »Ich geh rein.«
»Ein Himmelfahrtskommando. Nein, auf keinen Fall.«
»Wäre nicht das erste Mal.« Deckert reichte ihm seine Waffe.
Heinlein verweigerte sie. »Aber vielleicht das letzte.«
»Wir hatten schon schlimmere Situationen«, damals beim SEK.
»Ina würde mir das nie verzeihen«, hielt Heinlein dagegen.
»Sie weiß, dass so etwas jederzeit passieren kann.«
»Früher, heute bist du ein stinknormaler Beamter, der seine Schicht runterreißt.«
»Das verlernt man nicht. Jetzt nimm schon.« Er drängte Heinlein die Waffe auf.
»Und Lukas und Carlotta?«
Deckert grinste schief, zog die Jacke aus. »Papa ist ein harter Hund.«
»Papa ist ein Idiot, wenn er glaubt, dass ich das genehmige.«
»Die Zeit drängt, Herr Polizeipräsident«, sagte Deckert förmlich. »Der Kollege von der Bundespolizei wird ohne das SEK nichts unternehmen, die Scharfschützen können kein Ziel ausmachen, und wenn der Geiselnehmer keinen Ausweg sieht, kann jederzeit alles passieren. Die Geiseln müssen schnellstens da raus.«
Richtig, aber Deckert hatte Frau und Kinder, ein neu gebautes Haus und einen Kredit am Hals, er wurde noch gebraucht.
»Ich mach’s«, bestimmte Heinlein.
»Quatsch nicht. Dein letzter Einsatz ist über fünf Jahre her.«
»Na und.«
»Du bist längst ein Schreibtischhengst, untauglich für aktive Polizeiarbeit.«
Kein anderer als Deckert durfte so mit ihm sprechen, und das auch nur, wenn sie unter sich waren oder sich heillos betrunken um die Getränkerechnung stritten.
»Gevatter Hein ist noch lange nicht in Rente.« Heinlein streifte den Umhang ab.
»Hein ist Geschichte, ein Gespenst aus alten Tagen.«
»Das ist ein Befehl, und jetzt ab.«
Widerstrebend lenkte Deckert ein und informierte den Einsatzleiter.
»Hast du ein Taschentuch?«, fragte Heinlein seinen Chauffeur, der alles mitangehört hatte.
»Sicher«, antwortete Schäfer und reichte ihm eines.
Doch die Schminke war hartnäckiger als gedacht.
»So geht das nicht«, belehrte ihn jemand – Vanja Berger, eine junge Kommissarin aus dem Dezernat für Organisierte Kriminalität, trat aus dem Schatten und nahm ihm das Taschentuch aus der Hand.
»Was machen Sie hier?«
»Hab den Hubschrauber gesehen. Ich wohne gleich da vorne im Bahnhofsviertel.« Sie spuckte ins Taschentuch, rubbelte und rieb, dass es schmerzte.
»Nicht Ihr Zuständigkeitsbereich.«
»Vielleicht kann ich helfen.« Sie hatte ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, war in Jogginghose und Sweatshirt unterwegs. Normalerweise trat sie auffallend modisch in Erscheinung. »Ich spreche Serbokroatisch, Bosnisch und …«
»Gibt es Hinweise, dass es sich um einen Täter vom Balkan handelt?«, unterbrach er sie mürrisch.
Vorlaut und übereifrig war sie, mischte sich stets in Dinge ein, die sie nichts angingen, wusste zu allem etwas zu sagen und bot auch noch ungefragt Hilfe an.
»Der Einsatzleiter meinte, dass es sich durchaus um eine Person aus meinem Sprachbereich handeln könnte.«
Dem war sie also auch schon auf den Geist gegangen. Heinlein entzog sich ihrer Behandlung.
»Auf eine Frau reagieren Geiselnehmer weniger aggressiv als auf einen Mann«, schickte Berger hinterher. »Sie glauben sich überlegen, das ist durch zahlreiche Berichte belegt.«
Da war es wieder, dieses überhebliche Gerede, das Heinlein von Anfang an auf die Nerven gegangen war.
»Vielen Dank, Frau Kollegin, ich kenne die Veröffentlichungen zum Thema.«
»Ich könnte an seinen Beschützerinstinkt appellieren, den Familienvorstand, Verantwortung, Leben und Ehre …«
Es reichte. »Gehen Sie nach Hause.«
Berger reagierte auf die harsche Zurückweisung, wie sie es immer tat, lächelnd. »Okay … dann viel Erfolg, Herr Polizeipräsident.«
Der Einsatzleiter eilte mit Deckert herbei. »Wollen wir das SEK nicht abwarten?«
»Gute Idee«, bekräftigte Deckert. »In einer halben Stunde …«
»In einer halben Stunde kann uns alles schon um die Ohren geflogen sein«, widersprach Heinlein. »Wer wird dem Ministerpräsidenten Rede und Antwort stehen? Die Medien sind auch schon da, berichten live und landesweit. Wer von Ihnen möchte als Erster vor die Kamera treten?«
Das Angebot ließ sie verstummen.
»Wenn’s schief läuft, stürmen Sie. Verstanden?« Ein Nicken.
»Ich lass dich nicht aus den Augen«, versprach Deckert mit einem Scharfschützengewehr in der Hand. »Auf unser altes Zeichen.«
Die Arme ausbreiten, Handflächen nach oben wenden, sich aus der Schusslinie bringen.
»Ich drücke Ihnen die Daumen«, wünschte der Einsatzleiter. Dann gab er die Nachricht über Funk an die Beamten weiter. »Achtung, an alle: Der Verhandler kommt.«
Heinlein ging los.
Vorbei am Dornengebüsch, wo die Kollegen mit der Waffe in Anschlag lagen. Mit einem kurzen Nicken zollten sie ihm Respekt, dann trat er auf die Gleise.
Noch konnte er es sich anders überlegen, den Schwanz einziehen, fliehen …
Gevatter Hein, der Ruf der alten Zeiten.
Nicht denken. Die Situation akzeptieren, wie sie war. Eine persönliche Beziehung aufbauen, Vertrauen gewinnen. Den richtigen Moment erkennen, mit aller Entschlossenheit handeln.
Auf Nostalgie und Selbstvergewisserung folgte Unruhe, je näher er dem ICE kam. Die Hände begannen zu zittern, seine Knie wurden weich.
Nicht denken. Die Situation akzeptieren, wie sie war …
»Stop!«
Unmittelbar vor dem Wagen.
Die Tür offen, Füße ragten ins Licht, abgetragene Sportschuhe, wie man sie in die Altkleidersammlung gibt.
Vorsichtig drehte sich Heinlein im Kreis, hob die Arme.
»No guns. See?«
Im Dunkel der Tür glaubte er die Umrisse einer Gestalt zu erkennen, und sie antwortete anders als erwartet, fast schon flehentlich.
»Habibi?«
Heinlein verstand nicht. »Chief of police …«
»No … no police«, aufgeregt, vermutlich unschlüssig angesichts einer Person mit einem aufgedruckten Skelett am Leib.
»No problem«, beruhigte Heinlein. »My name is …«
»Gallo … you Gallo?«
Hatte er ihn richtig verstanden?
»Say again. Who?«
Schweigen.
Unruhe.
Etwas stimmte nicht, Heinlein setzte erneut an.
»My name …«
Ein Handy schrillte mit einer fremden, beunruhigenden Melodie.
Aus dem Dunkel vor ihm.
Ein Handy hatte nichts in der Nähe einer Zündvorrichtung verloren.
Der Reflex, Heinlein warf sich zur Seite.
Die Wucht der Explosion donnerte über ihn hinweg wie ein ICE in voller Fahrt.