Buch lesen: "Im Nebel"

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Richard Harding Davis

Im Nebel

Autorisierte Uebersetzung von Margarete Jacobi

Saga

Ebook-Kolophon

Richard Harding Davis: Im Nebel. © Richard Harding Davis. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2015 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2015. All rights reserved.

ISBN: 9788711462164

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

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Im Nebel

I.

Es hat die grösste Schwierigkeit von der Welt, im Grill-Klub Aufnahme zu finden. Für ein neues Mitglied, dessen Name in die Liste eingetragen wird, ist dies keine geringere Auszeichnung, als wenn es den Hosenbandorden erhalten hätte, oder in Thackerays »Vanityfair« karikiert worden wäre.

Wer zum Grill-Klub gehört, redet nie davon. Fragt man ein Mitglied, welche Klubs es zu besuchen pflegt, so wird es alle andern aufzählen, nur diesen nicht, aus Furcht, dass man denken könnte, es wolle mit seiner Mitgliedschaft prahlen.

Der Grill-Klub stammt aus der Zeit, da noch Shakespeares Theater auf dem Platz stand, wo sich jetzt die Expedition der »Times« befindet. Ein goldener Bratrost, den Karl II. dem Klub zum Geschenk gemacht hat, und das echte Manuskript von »Tom und Jerry in London« sind Eigentum des Klubs, und wenn die Mitglieder in ihrem Lokal Briefe schreiben, gebrauchen sie noch Streusand, um die Tinte zu trocknen.

Die Gesellschaft ist stolz darauf, dass sie mit politischer Unparteilichkeit beim Ballotieren einen liberalen und einen konservativen Premierminister hat durchfallen lassen, während in der letzten dieser beiden Sitzungen der Irländer Quiller, Q. C., der damals ein Advokat ohne Geld und Praxis war, um seiner witzigen Einfälle willen gewählt wurde.

Als der französische Maler Paul Préval, der auf Befehl des Königs nach London kam, um den Prinzen von Wales zu malen, zum Ehrenmitglied des Grill-Klubs ernannt wurde — nur Ausländer können Ehrenmitglieder sein — sagte er, als er seine erste Weinkarte unterschrieb: Es ist mir lieber, meinen Namen auf dieser Karte zu lesen, als auf einem Gemälde im Louvre.

Darauf erwiderte ihm Quiller: Das ist nicht gerade eine Schmeichelei. Die einzigen Menschen, die heutzutage ihren Namen im Louvre lesen können, sind schon seit fünfzig Jahren tot.

Am Abend nach dem grossen Nebel des Jahres 1897 waren fünf Herren im Klub anwesend. Vier davon waren eifrig mit ihrem Nachtessen beschäftigt, der fünfte sass lesend am Kaminfeuer. Es gibt nur ein Gesellschaftszimmer im Klub und einen langen Tisch. Am einen Ende des Zimmers sieht man das Feuer unter dem Bratrost rot glühen und jedesmal aufflammen, wenn das Fett herabträufelt; am andern Ende befindet sich ein grosses Erkerfenster mit Butzenscheiben, das nach der Strasse hinausgeht. Die vier Männer, die am Tisch sassen, kannten einander nicht, aber während sie ihren Rostbraten verzehrten und Sodawasser mit Kognak dazu tranken, führten sie eine so reizend angeregte Unterhaltung, dass ein Gast des Klubs — Fremde haben übrigens keinen Eintritt — sie für langjährige Freunde hätte halten können; sicherlich nicht für Engländer, die einander zum erstenmal trafen, ohne vorgestellt zu sein. Im Grill-Klub ist es nämlich Sitte und Herkommen, dass wer eintritt, mit jedem ein Gespräch anknüpfen muss, den er dort findet. Damit diese Regel streng befolgt wird, ist eben nur ein langer Tisch da, und ob nur zwei Leute anwesend sind oder vielleicht zwanzig, so werden die Kellner, dieser Regel getreu, nie verfehlen einen neben den andern zu setzen.

Aus diesem Grunde sassen also auch die vier Unbekannten zusammen beim Abendessen, und während eine Gruppe Lichter vor ihren Plätzen stand, lag der übrige Raum im Dunkel; nur der gedeckte Tisch zog sich in seiner ganzen Länge wie eine weisse Strasse durch das Zimmer.

Wie gesagt, äusserte der Herr, der eine schwarze Perle als Hemdknopf trug, die Zeiten der romantischen Abenteuer, der tollkühnen Wagestücke, sind vorüber, und zwar aus sehr naheliegenden Gründen. Wenn einer nach dem Nordpol reist, so nenne ich das noch kein Abenteuer. Jener Afrikaforscher, der junge Chetney, der gestern wieder aufgetaucht ist, während man glaubte, er sei in Uganda gestorben, hat nichts Wagehalsiges getan. Er hat Karten gezeichnet und die Quelle verschiedener Flüsse erforscht; zwar war er fortwährend in Gefahr, aber das Gefährliche an sich ist noch kein Abenteuer. Sonst würde der Chemiker, der Explosionsstoffe ausprobiert oder mit tödlichen Giften umgeht, täglich Abenteuer erleben. Ein richtiges Abenteuer muss ein Wagestück sein. Aber wer wagt denn heutzutage noch etwas? Wir sind zu gleichgültig geworden oder vielleicht zu praktisch, zu gerecht und vor allem zu verständig. Hier in dem Zimmer, wo wir sitzen, haben sich ehemals Mitglieder des Klubs mit gezogenen Schwertern darum gestritten, wie man einen von Popes Versen richtig skandieren müsse. Als einem Mitglied zufällig ein paar Tropfen Burgunder auf die Manschette gegossen wurden, war das eine so wichtige Angelegenheit, dass zehn Männer deswegen quer über diesen Tisch in Kampf gerieten. In einer Hand das Rapier, in der andern ein Licht, fochten sie miteinander und wurden alle zehn verwundet. Bei dem vergossenen Burgunder waren nur zwei beteiligt, aber die andern acht nahmen Partei, weil sich die Gemüter erhitzten. Es waren tatsächlich die angesehensten Männer ihrer Zeit. — Wenn mir heute einer der Herren Burgunder auf die Manschette gösse, ja wenn er mich selbst gröblich beleidigte, so würden sich die übrigen nicht verpflichtet fühlen, einander umzubringen. Sie würden uns einfach trennen und morgen früh als Zeugen gegen uns vor dem Polizeigericht erscheinen. Den besten Beweis dafür, wie sich die Zeiten verändert haben, liefern wir beide, Sir Andrew und ich, Ihnen heute abend in eigener Person.

Die andern drehten sich um und sahen nach dem Herrn hin, der am Kamin sass. Er war ältlich und etwas wohlbeleibt; auf seinem freundlichen Gesicht voller Fältchen lag ein beständiges, gutmütiges Lächeln und der Ausdruck eines beinah kindlichen Vertrauens. Jedermann kannte diesen Kopf zur Genüge aus den illustrierten Blättern. Der Herr hielt sein Buch auf Armeslänge wie um besser sehen zu können und zog vor gespanntem Interesse die Augenbrauen zusammen.

Lebten wir noch im achtzehnten Jahrhundert, fuhr der Mann mit der schwarzen Perle fort, so würde ich Sir Andrew heute abend, wenn er den Klub verlässt, binden, knebeln und in eine Sänfte werfen lassen. Die Wache würde ein Auge zudrücken, die Vorübergehenden das Hasenpanier ergreifen, und meine gedungenen Schergen brauchten ihn nur bis zum Morgen an einem abgelegenen Ort in Sicherheit zu bringen. Mir würde das nichts schaden, sondern nur meinen Ruf als kühner Abenteurer erhöhen; höchstens brächte der »Tattler« vielleicht einen Artikel mit der Ueberschrift: »Der Baronet und das Budget«, in dem Sternchen statt der Namen stünden.

Aber zu welchem Zweck? fragte das jüngste Mitglied. Und warum in aller Welt gerade Sir Andrew? Weshalb wählen Sie seine Person für Ihr Abenteuer?

Der Herr mit der schwarzen Perle zuckte die Achseln.

Ich möchte verhindern, dass er heute abend im Parlament das Wort ergreift. Es handelt sich nämlich um die Marinevorlage, fuhr er mit düsterm Blick fort, und Sir Andrew will für den Antrag der Regierung sprechen. Kommt es dazu, dann bringt er auch die Vorlage durch, so gross ist sein Einfluss und so zahlreich sein Anhang. Wenn nun der Wagemut unserer Vorfahren noch in mir lebte, so würde ich mir aus der nächsten Apotheke Chloroform holen, ihn dort auf dem Stuhl betäuben, den Bewusstlosen dann in eine Droschke schaffen und ihn bis zum Tagesgrauen gefangen halten. Täte ich das, so ersparte ich den britischen Steuerzahlern die Kosten von fünf neuen Kriegsschiffen, das heisst, viele tausend Pfund Sterling.

Der Sprecher wandte sich abermals um und betrachtete den Baronet mit lebhaftem Interesse, während der dritte Herr, ein Ehrenmitglied des Grill-Klubs, der sich schon durch seinen Akzent als Amerikaner gekennzeichnet hatte, leise lachend sagte:

Wenn man ihn so dasitzen sieht, sollte man nicht glauben, dass er sich viel um Staatsgeschäfte kümmert.

Die andern nickten schweigend.

Seit wir das Zimmer betreten haben, hat er kein Auge von dem Buch verwandt, bemerkte der jüngste der Anwesenden. Er beabsichtigt doch gewiss nicht, noch heute im Hause zu sprechen.

Jawohl, ohne Zweifel, versicherte der Mann mit der schwarzen Perle trübselig. Nun die Sitzungsperiode zu Ende geht, dauern die Verhandlungen oft bis tief in die Nacht. Aber bei der dritten Lesung der Marinevorlage wird er zur Stelle sein und sie durchbringen.

Das vierte Mitglied, ein starker, rotwangiger Herr in kurzer Juppe und schwarzer Krawatte, der wie ein Sportliebhaber aussah, stiess einen neidischen Seufzer aus.

Ob wohl einer von uns so kaltblütig sein könnte bei dem Gedanken, dass er, ehe noch eine Stunde vergeht, im Parlament auftreten und eine Rede halten müsste! Ich selbst würde schauderhaftes Lampenfieber kriegen. Er dagegen ist so erpicht auf das Buch, das er liest, als wenn er vor dem Schlafengehen nichts anderes mehr vorhätte.

Ja, sehen Sie nur, wie er es verschlingt, flüsterte das jüngste Mitglied. Selbst wenn er, wie eben jetzt, die Seiten aufschneidet, verwendet er keinen Blick davon. Es wird wohl ein Bericht der Admiralität sein, oder irgend ein anderes wichtiges Werk über Statistik, das sich auf seine Rede bezieht.

Das wichtige Werk, in das der berühmte Staatsmann so vertieft ist, sagte der Mann mit der schwarzen Perle in finsterm Ton, heisst: »Der grosse Raub auf der Randmine«. Es ist ein Detektivroman, den man in jedem Buchladen kaufen kann.

Der Amerikaner zog die Augenbrauen in die Höhe. »Der grosse Raub auf der Randmine«, wiederholte er mit ungläubigem Kopfschütteln. Was für ein wunderlicher Geschmack!

Es ist mehr als das — es ist sein Laster, seine Leidenschaft, die einzige Zerstreuung die er hat, versetzte der Mann mit der schwarzen Perle. Sie, als Fremder, können von dieser Idiosynkrasie natürlich nichts wissen, aber es ist allgemein bekannt. Gladstone suchte Erholung bei den griechischen Dichtern, Sir Andrew findet Zerstreuung bei Gaboriau. Seit ich Parlamentsmitglied bin, habe ich ihn nie anders auf der Bibliothek gesehen, als mit einem derartigen Roman in der Hand. Er bringt seinen Schmöker sogar in die heiligen Hallen des Unterhauses und liest ihn verstohlen in seinem Hut am Ministertisch. Hat er einmal eine Geschichte angefangen, in der Raub, Mord und Todschlag vorkommen, so kann er sich nicht wieder losreissen; weder die Abstimmungsglocke noch Hunger vermögen etwas über ihn. Sein Landhaus hat er aufgegeben, weil er sich jedesmal bei der Fahrt dorthin so sehr in seinen Detektivroman vertiefte, dass er an der Haltestation vorbeifuhr. Wenn er nur jetzt die ersten Seiten des Romans läse, statt der letzten, fuhr der Parlamentarier fort, während er die schwarze Perle unruhig hin und her drehte und verdriesslich an seinem Bart kaute. Mit noch solchem Buch könnte man ihn — so wahr ich lebe — bis zum Morgen hier festhalten, damit er nicht in die Sitzung käme — man brauchte gar kein Chloroform.

Aller Augen hefteten sich jetzt wie gebannt auf Sir Andrew, der eben mit dem Zeigefinger die beiden letzten Seiten seines Buches aufriss.

Ich gäbe gleich hundert Pfund darum, flüsterte der Parlamentarier und schlug leise mit der flachen Hand auf den Tisch, wenn ich ihm in diesem Augenblick eine neue Geschichte von Sherlock Holmes zustecken könnte, — tausend Pfund — fügte er erregt hinzu — fünftausend Pfund! —

Während der Herr sprach, beobachtete ihn der Amerikaner scharf, als hätten seine Worte für ihn eine besondere Bedeutung; dann schien ihm auf einmal ein Gedanke zu kommen, der ihm ein verlegenes Lächeln entlockte.

Sir Andrew hatte aufgehört zu lesen, aber er sass stumm da, als beschäftige er sich noch mit dem Buch und starrte in das Kaminfeuer. Eine Weile regte sich niemand, bis der Baronet die Augen aufschlug; er schien sich zu besinnen, fuhr plötzlich zusammen und tastete ängstlich nach seiner Uhr. Erregt schaute er auf das Zifferblatt und richtete sich in die Höhe.

Sofort unterbrach der Amerikaner mit heller Stimme das Schweigen.

Und doch, rief er, könnte selbst Sherlock Holmes das Geheimnis nicht enthüllen, mit dem sich die Londoner Polizei heute abend vergeblich abquält.

Bei diesen überraschenden Worten, die fast wie eine Herausforderung klangen, schraken die Herren am Tisch so plötzlich zusammen, als hätte der Amerikaner eine Pistole in die Luft gefeuert; Sir Andrew aber blieb wie angewurzelt stehen und betrachtete ihn ernst und verwundert.

Der Herr mit der schwarzen Perle fand zuerst seine Fassung wieder.

Wie so? fragte er begierig und beugte sich über den Tisch vor. Ein Geheimnis, dem die Londoner Polizei vergeblich nachspürt? Davon ist mir noch nichts zu Ohren gekommen. Bitte, teilen Sie es uns mit; erzählen Sie es uns nur gleich!

Der Amerikaner wurde rot und zupfte in grosser Verwirrung am Tischtuch.

Ausser der Polizei hat noch kein Mensch etwas davon erfahren, murmelte er, und sie weiss es nur durch mich. Es ist ein aussergewöhnliches Verbrechen, und ich bin leider die einzige Person, die Zeugnis ablegen kann. Als einziger Zeuge, werde ich von der Direktion der Kriminalpolizei hier in London festgehalten, trotzdem ich in meiner Eigenschaft als Diplomat immun bin. Mein Name, fuhr er fort, sich höflich verbeugend, ist Sears, Ripley Sears, Leutnant in der Marine der Vereinigten Staaten und jetzt Marineattaché am russischen Hofe. Wäre ich nicht heute durch die Polizei aufgehalten worden, so würde ich diesen Morgen nach Petersburg abgereist sein.

Hier stiess der Herr mit der schwarzen Perle einen solchen Freudenruf aus und geriet in so grosse Aufregung, dass der Amerikaner zu stottern begann und seine Rede unterbrach.

Haben Sie es gehört, Sir Andrew, rief der Parlamentarier frohlockend. Unsere Polizei hat einen amerikanischen Diplomaten nicht abreisen lassen, weil er der einzige Zeuge bei einem aussergewöhnlichen Verbrechen ist — dem geheimnisvollsten Verbrechen — sagten Sie nicht so, Herr Leutnant, fuhr er zu dem Amerikaner gewandt eifrig fort — das seit vielen Jahren in Londen verübt worden ist.

Der Marineoffizier nickte zustimmend mit dem Kopf und schaute die beiden andern Mitglieder an, die ihn höchst verblüfft und mit zweifelnden Blicken betrachteten.

Sir Andrew trat jetzt näher herzu, wo die Lichter hell brannten und zog sich einen Stuhl an den Tisch.

Das Verbrechen muss allerdings ungewöhnlich sein, äusserte er, sonst würde die Polizei kein Recht haben, den Vertreter einer uns befreundeten Macht zu belästigen. Wenn ich nicht genötigt wäre mich sofort zu entfernen, würde ich mir erlauben Sie zu bitten, uns das Nähere mitzuteilen.

Der Herr mit der schwarzen Perle rückte Sir Andrew den Stuhl hin und nötigte ihn zum Sitzen. Sie können uns jetzt nicht verlassen, rief er. Herr Sears steht eben im Begriff, uns zu erzählen, was er von dem merkwürdigen Verbrechen weiss.

Er nickte dem Marineoffizier und dem jüngsten Mitglied lebhaft zu, nachdem er zuerst einen zweifelnden Blick auf die Diener am untersten Ende des Zimmers geworfen hatte und lehnte sich erwartungsvoll über den Tisch. Die andern rückten ihre Stühle dichter zusammen und beugten sich vor, während der Baronet unschlüssig auf seine Uhr schaute und mit ärgerlicher Miene den Deckel schloss.

Sie können warten! murmelte er, nahm rasch Platz und bedeutete dem Leutnant anzufangen. Darf ich Sie bitten, sagte er ungeduldig.

Natürlich verlasse ich mich darauf, begann der Amerikaner, dass ich zu Ehrenmännern rede. Verschwiegenheit gilt in diesem Klub als selbstverständlich. Bis die Polizei der Presse die Tatsachen mitteilt, muss ich Sie als meine Eidgenossen betrachten. Sie haben von nichts gehört; Sie kennen niemand, der mit diesem Geheimnis in Verbindung steht. Selbst mein Name darf nicht genannt werden.

Sämtliche Herren nickten mit ernster Miene.

Das versteht sich von selbst, versicherte der Baronet eifrig, — das versteht sich von selbst.

Wenn die Rede darauf kommt, wollen wir nur von der »Geschichte des Marineattachés« sprechen, sagte der Herr mit der schwarzen Perle.

Erst vor zwei Tagen bin ich hier eingetroffen und im Bath Hotel abgestiegen, nahm der Amerikaner das Wort. Ich habe nur wenige Bekannte in London; selbst die Mitglieder unserer Gesandtschaft sind mir fremd. Als ich in Hongkong war, hatte ich jedoch grosse Freundschaft mit einem englischen Marineoffizier geschlossen, der seitdem den Dienst verlassen hat und jetzt in Rutlands Gardens gegenüber der Knightsbridgekaserne ein eigenes Häuschen bewohnt. Auf meine telegraphische Anzeige, dass ich in London sei, erhielt ich gestern früh die dringende Einladung, mit ihm in seinem Hause am Abend zu speisen. Er ist Junggeselle; wir tafelten daher allein, plauderten von alten Erlebnissen auf unserer Offizierstation in Asien und erzählten einander, wie sich unser Schicksal verändert hätte, seit wir uns damals dort kennen lernten.

Da ich am nächsten Morgen nach Petersburg abreisen musste, um meinen Posten anzutreten und noch viele Briefe zu schreiben hatte, wollte ich mich gegen zehn Uhr verabschieden, um in mein Hotel zurückzukehren, und mein Freund schickte seinen Diener, mir eine Droschke zu holen.

Wohl eine Viertelstunde sassen wir noch beisammen und hörten, wie er auf der Türschwelle aus Leibeskräften nach einer Droschke pfiff, aber offenbar ohne Erfolg.

„Die Droschkenkutscher werden doch nicht etwa streiken,“ sagte mein Freund, indem er aufstand und ans Fenster trat. Als er die Vorhänge zurückgezogen hatte, rief er mich gleich zu sich.

„Nicht wahr, Sie haben noch keinen Londoner Nebel gesehen?“ fragte er. „Kommen Sie einmal her; dies ist einer der besten oder vielmehr der schlimmsten, den man haben kann.“

Ich stellte mich neben ihn ans Fenster, konnte aber nichts sehen. Hätte ich nicht gewusst, dass das Haus auf die Strasse ging, ich wäre der Meinung gewesen, ich stünde vor einer festen Mauer. Auch als ich das Fenster öffnete und den Kopf hinaussteckte, sah ich nicht das geringste. Selbst das Licht der Laternen auf der andern Seite der Strasse und in den obern Fenstern der Kaserne war in dem gelben Nebel verschwunden. Das Licht, das aus dem Zimmer strömte, in dem ich stand, drang nur wenige Zoll weit in den Nebel vor.

Der Diener an der Haustür liess seine Pfeife noch immer ertönen, aber ich konnte unmöglich länger warten und sagte meinem Freund, dass ich versuchen wolle, den Weg nach meinem Hotel zu Fuss zu finden. Er machte Einwendungen, allein die Briefe, die ich schreiben musste, waren für das Marineamt bestimmt; auch hatte man mir immer gesagt, dass man kaum etwas Merkwürdigeres erleben könne, als bei einem Londoner Nebel draussen zu sein, und ich war begierig, meine eigenen Erfahrungen zu machen.

Mein Freund begleitete mich bis an die Haustür und beschrieb mir den Weg, den ich verfolgen sollte: Zuerst quer über die Strasse, bis zur Ziegelmauer der Knightsbridgekaserne; wenn ich mich an dieser entlang fühlte, würde ich an eine Reihe Häuser kommen, die nicht unmittelbar am Bürgersteig lagen. Sie endigten in einer Querstrasse, auf deren gegenüberliegender Seite ich an den Läden entlang bis zu dem Eisengitter von Hyde Park gehen sollte, dann immer dem Gitter folgend, bis zum Tor an der Hyde Park Ecke; von da in schräger Richtung durch Piccadilly auf das Gitter von Green Park zu. Mich rechts wendend, würde ich am Ende dieses Gitters den Walsingham-Palast und mein eigenes Hotel finden.

Für einen gewiegten Seemann schien dieser Kurs keine Schwierigkeit zu bieten; ich sagte meinem Freunde daher Gute Nacht, schritt die Stufen hinunter und erreichte das Strassenpflaster. Auf diesem ging ich vorwärts, bis ich an den Randstein des Bürgersteigs stiess. Noch einige Schritte weiter und ich berührte mit den Händen die Kasernenmauer. Als ich mich nach der Richtung umwandte, aus der ich herkam, sah ich einen schwachen Lichtschein durch den Nebel schimmern. „Alles in Ordnung!“ schrie ich, und die Stimme meines Freundes antwortete: „Viel Glück auf den Weg!“ Dann verschwand das Licht aus der offenen Tür, die dröhnend zugeschlagen wurde, und ich war allein in der gelben, triefenden Finsternis. — Ich habe zehn Jahre in der Marine gedient, aber solcher Nebel wie der von gestern abend ist mir nie vorgekommen, nicht einmal im Behringsmeer zwischen den Eisbergen. Da vermochte man doch wenigstens das Licht des Kompasshäuschens zu unterscheiden, aber gestern abend konnte ich nicht einmal meine Hand sehen, mit der ich mich an der Mauer weiter tastete. Auf See ist der Nebel ein natürliches Vorkommnis. Er ist so selbstverständlich wie der Regenbogen nach einem Gewitter. Dass sich ein Nebel über die Wasserfläche breitet, ist nicht merkwürdiger als wenn Dampf aus einem siedenden Kessel strömt. Aber wenn der Nebel vom Strassenpflaster aufsteigt, sich zwischen festen Häusermassen dahinwälzt, die Droschkenkutscher zwingt Schritt zu fahren, die Schutzleute unsichtbar macht und das elektrische Licht im Konzerthaus verschlingt, so geht das über mein Verständnis. Es kommt mir ebenso widersinnig vor, als wenn sich die Meereswogen durch den Broadway ergössen.

Während ich mich längs der Mauer hintastete, begegneten mir Leute, die aus der entgegengesetzten Richtung kamen, und so oft wir einander anriefen, trat ich von der Mauer zurück, um sie vorbeizulassen. Als ich das zum drittenmal getan hatte und die Hand wieder nach der Mauer ausstreckte, war diese verschwunden, und je weiter ich vorwärts strebte, um sie zu finden, desto mehr schien ich mich im leeren Raum zu verlieren. Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass ich jeden Augenblick in einen Abgrund geraten könne. Schon die ganze Zeit über war vom Strassenverkehr nichts zu merken gewesen; auch jetzt vernahm ich nur dann und wann die Schritte eines Fussgängers, wiewohl ich mehrere Minuten lang gespannt horchte. Einigemale rief ich laut und ein Spassvogel antwortete mir auch, aber nur um zu fragen, wo ich wohl dächte, dass er wäre; dann ging auch er unter in dem lautlosen Schweigen. In der Luft über mir schwebte ein Gasbrenner, der zu einer Laterne gehören musste; ich tastete mich dahin und liess den eisernen Pfosten nicht los, während ich mich zurechtzufinden suchte. Ausser dem flimmernden Gaslicht, das nicht grösser war als meine Fingerspitze, konnte ich nichts um mich her unterscheiden. Gleich einer feuchten, schweren Decke hing der Nebel zwischen mir und der übrigen Welt.

Nur selten hörte ich Stimmen, konnte aber nicht sagen, woher sie kämen. Das Scharren eines Fusses, der sich vorsichtig fortbewegte oder der gedämpfte Schrei eines Stolpernden, das waren die Laute, die mein Ohr trafen.

Ich sah ein, dass ich nichts Besseres tun könne als zu bleiben wo ich war, bis jemand mich ins Schlepptau nehmen würde. So stand ich denn wohl zehn Minuten lang an der Laterne, strengte mein Gehör an und rief, wenn ich ferne Fusstritte vernahm. In einem nahegelegenen Hause spielten ungarische Musikanten zum Tanze auf; ich glaubte sogar zu hören wie die Fenster klirrten zum Takt der Tanzenden; aber aus welcher Himmelsgegend die Töne kamen, konnte ich nicht unterscheiden. Bald erscholl die Musik dicht neben mir, bald schienen die Klänge hoch über meinem Haupte durch die Luft zu ziehen. Obgleich die Häuser ringsum Tausende von Bewohnern hatten, war ich so völlig in der Irre, als wäre ich bei Nacht in die Wüste Sahara geraten. Noch länger auf einen Führer zu warten, hatte keinen Zweck; so machte ich mich denn wieder auf den Weg und rannte im nächsten Augenblick gegen einen niedrigen Eisenzaun. Zuerst meinte ich, dahinter wäre die Kellertreppe, aber als ich längs dem Zaun weiter ging, ward ich inne, dass er sobald kein Ende nahm und in regelmässigen Zwischenräumen von einer Pforte unterbrochen wurde. Vor einer solchen stand ich still, ungewiss ob ich sie öffnen sollte, als plötzlich ein Lichtkreis in der Finsternis auftauchte: ein junger Herr im Gesellschaftsanzug wurde darin sichtbar, wie man mit der Zauberlaterne in einem verdunkelten Raum ein Bild auf die Wand wirft. Hinter seiner Gestalt sah ich eine erleuchtete Vorhalle. Da diese etwas erhöht und entfernt lag, vermutete ich, das Licht käme aus der Tür eines abseits von der Strasse gelegenen Hauses und beschloss darauf los zu gehen, um den Herrn zu fragen, wo ich sei. Während ich an der Pforte herumhantierte, neigte ich unwillkürlich den Kopf und als ich wieder aufschaute, hatte sich die Tür fast ganz geschlossen, nur ein dünner Lichtstrahl drang noch durch die Spalte. Ob der junge Mann wieder eingetreten war oder das Haus verlassen hatte, vermochte ich nicht zu sagen; rasch öffnete ich die Pforte, und als ich hindurch schritt, fühlte ich Asphaltpflaster unter den Füssen. Da kamen schnelle Tritte den Weg herunter und jemand stürzte an mir vorbei. Ich rief ihm zu, aber er gab keine Antwort; die Pforte klappte und ich hörte eilige Fusstritte auf der Strasse verklingen.

Unter andern Umständen hätte ich es sehr sonderbar gefunden, dass der junge Mann so unhöflich war und so kopfüber in die Nacht hinausrannte; aber der Nebel hatte alles so verwandelt, dass ich in dem Augenblick nicht darüber nachdachte. Ich ging den Asphaltweg hinunter auf die Türspalte zu, die offen geblieben war, fand nach langem Suchen den Griff der Hausglocke und zog kräftig daran. Der Schall der Glocke kam wie aus grosser Tiefe und weiter Ferne, aber drinnen im Hause blieb alles still und obgleich ich noch zu wiederholten Malen läutete, hörte ich kein Geräusch ausser dem Tröpfeln des Nebels ringsumher. Wie ungeduldig ich auch war, meinen Weg fortzusetzen, so sagte ich mir doch, dass ich wenig Aussicht hätte vorwärts zu kommen, ehe ich wusste, wo ich mich befand. Entschlossen, mich nicht wieder ins Ungewisse hinauszuwagen, stiess ich die Tür auf und trat ins Haus.

Ich sah mich in einem langen, engen Hausflur, in den von beiden Seiten Türen mündeten. Am Ende des Flurs war die Treppe, deren Geländer, gleich den Wänden, mit schweren persischen Teppichen bekleidet war und in einem weiten Bogen auslief. Die Tür zu meiner Linken war geschlossen, aber die mir näher liegende Tür rechts stand offen und ich sah, dass sie in eine Art Empfangs- oder Wartezimmer führte, welches leer war. Auch die zweite Tür rechts fand ich offen, als ich den Flur hinunterging. Da ich im Gesellschaftsanzug war und nicht gerade wie ein Einbrecher aussah, brauchte ich nicht zu fürchten, dass der erste Bewohner des Hauses, dem ich begegnete, mich ohne weiteres totschiessen würde. In der Hoffnung, dort jemand zu finden, trat ich ein. Es war das Esszimmer und gleichfalls leer. Eine Person hatte am Tisch gespeist, er war noch gedeckt und beim Schein eines flackernden Lichtes sah ich halbvolle Weingläser und die Asche von Zigaretten. Der übrige Raum war vollkommen in Dunkel gehüllt.

Mittlerweile war es mir zum Bewusstsein gekommen, dass ich in einem fremden Hause umherirrte, in dem ich augenscheinlich ganz allein war. Die unheimliche Stille fiel mir auf die Nerven und von einer plötzlichen, unerklärlichen Angst ergriffen, wollte ich nach der offenen Haustür zurückeilen. Als ich mich wandte, sah ich einen Mann auf einer Bank, welche mir das Treppengeländer bisher verborgen hatte. Er sass mit geschlossenen Augen da und war fest eingeschlafen.

Eben noch hatte ich den Kopf verloren, weil sich mir niemand zeigte, aber beim Anblick des Mannes geriet ich in noch viel grössere Bestürzung.

Es war ein breitschulteriger Mensch von riesigem Wuchs mit langem blondem Haar, das ihm bis zum Rücken herabfiel. Seine Kleidung bestand aus einem rotseidenen Hemd, das mit einem Gürtel zusammengehalten über schwarze Sammethosen herabhing, die in schwarzen hochschäftigen Stiefeln steckten. Dass es die Livree eines russischen Dieners war, erkannte ich sofort; aber, was ein russischer Diener in Nationaltracht in einem Londoner Privathause zu tun hatte, war mir unerklärlich.

Ich trat herzu, fasste den Mann bei der Schulter und rüttelte ihn, bis er aufwachte. Als er mich sah, schreckte er empor und begann sich mit bittender Gebärde fortwährend rasch zu verbeugen. Ich hatte in Petersburg genug Russisch aufgeschnappt, um zu verstehen, dass der Mensch sich entschuldigte, weil er eingeschlafen war, auch konnte ich ihm verständlich machen, dass ich seinen Herrn zu sprechen wünsche.

Er nickte kräftig mit dem Kopfe und erwiderte: „Wollen Exzellenz sich hierher bemühen; die Prinzessin ist da.“

Prinzessin! Das setzte mich in grosse Verlegenheit. Einem Mann gegenüber hätte ich meine Anwesenheit mit Leichtigkeit erklären können, aber wie eine Frau den Eindringling behandeln würde, war sehr die Frage. So folgte ich denn dem Diener in nicht geringer Verwirrung.

Als er bemerkte, dass die Haustür offen stand, liess er einen Ausruf der Ueberraschung hören und beeilte sich sie zu schliessen. Dann klopfte er zweimal an die Tür, die offenbar ins Wohnzimmer führte. Es kam keine Antwort; er klopfte wieder, öffnete dann ängstlich und mit kriechender Untertänigkeit die Tür und trat ein. Sofort kam er aber wieder zurück, starrte mich verdutzt an und schüttelte den Kopf.

„Sie ist nicht da,“ sagte er, stierte einen Augenblick stumm durch die offene Tür und eilte dann nach dem Speisezimmer. Das einsame Licht, das noch brannte, schien ihm ein Zeichen, dass auch dort niemand sei. Er kam zurück, nötigte mich ins Wohnzimmer und sagte: „Die Prinzessin muss oben sein; ich werde Excellenz bei ihr melden.“

Ehe ich ihn noch hindern konnte, war er schon die Treppe hinaufgerannt und liess mich an der offenen Tür im Wohnzimmer stehen. Ich hatte jetzt reichlich genug von dem Abenteuer und wäre ich nur imstande gewesen, dem Russen zu erklären, dass ich mich im Nebel verirrt hätte und so schnell als möglich wieder auf die Strasse hinauswollte, so würde ich das Haus auf der Stelle verlassen haben.

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110 S. 1 Illustration
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