Buch lesen: "Die Geschichte von Garibaldi"
Ricarda Huch
Die Geschichte von Garibaldi
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2021 OK Publishing
EAN 4066338117236
Inhaltsverzeichnis
Band I. Die Verteidigung Roms
Band II. Der Kampf um Rom
Band I.
Die Verteidigung Roms
Inhaltsverzeichnis
Wir wollen alte Lieder singen, um den Toten der Insel zu beschwören. Eine Aeolsharfe wollen wir zwischen die Klippen spannen: wenn der Wind darüberfährt, wird sie von heiligen Erinnerungen tönen: von wehenden Fahnen und rasenden Schwertern, von Opfern und Triumphen. Wenn wir von Italiens Begrabensein und Auferstehen singen, wird Garibaldi hören: er steigt aus dem flutenden Schoße des Weltengottes und träumt in die weiten Akkorde der meerdurchhallenden Harfe. Seht, über den Felsen türmt sich sein Leib, sein Haupt umkreisen Wolken, des Ozeans blauer Ring fließt um seine Füße.
Wir wollen alte Lieder singen, um den Löwen der Insel zu beschwören.
Im Sommer des Jahres 1846 bestieg der Kardinal Mastai unter dem Namen Pius IX. den Stuhl Petri. Das stumpfsinnige Regiment seines Vorgängers, Gregors XIV., hatte im Volke die Neigung erregt, von der Zukunft das Höchste zu hoffen, und da unter den patriotischen Männern, die damals Ratschläge gaben, wie das zerrissene und namenlose Land des Apennin zu heilen sei, einer war, nämlich Vicenzo Gioberti, der den römischen Papst als den ältesten und volkstümlichsten Fürsten der Halbinsel für den erklärte, der bestimmt sei, die vielen kleinen italienischen Staaten in seiner Hand zusammenzufassen und Italien zu nennen, war das Ergebnis der Wahl mit größerer Erregung als je erwartet worden. Von Giovanni Mastai-Ferretti war nicht viel bekannt, als daß er ein freundlicher, das Gute wollender Mann sei; zunächst indessen hoffte die Partei der Jesuiten ebenso sich seines Willens zu bemächtigen wie die der Patrioten. Zu den letzteren gehörte der Barnabitenpater Ugo Bassi; er eilte nach Rom und erhielt die Erlaubnis, im Kolosseum zu predigen; aber die gregorianische Partei, die noch herrschte, riet dem Heiligen Vater, wenn er denn einem Anhänger der Revolution, als welcher Ugo Bassi galt, das Wort gestatten wolle, ihn durch einen gegebenen Vorwurf der Rede, wie zum Beispiel die Süßigkeit der Armut oder die Wunderkraft des heiligen Namens Maria, zu binden. Ugo Bassi wählte die Süßigkeit der Armut. Die vielen jedoch, die um die Zeit des Ave Maria nach dem Kolosseum wanderten, erwarteten unter dem gemeinplätzigen Titel etwas ganz andres, das, was in den Herzen wühlte und nicht ans Licht durfte, auf irgendeine Weise zu hören: Freiheit, Vaterland, Größe und Auferstehung.
Der aus Bologna gebürtige Bassi galt auch bei Andersdenkenden als außerordentlicher Redner, weil er jedem Gegenstand Tiefe und Fülle zu geben wußte nicht nur durch Inhalt und Form seines Vortrages, sondern durch die in jedem Worte spürbare Gegenwärtigkeit seiner Seele. Er war sparsamer an Gebärden, als seine Landsleute zu sein pflegen, und im Beginne seiner Reden war es ihm anzumerken, daß er furchtsam, ja fast mit Widerwillen aus der reichen Verborgenheit seines Innern hinaus unter das Volk trat; allmählich vergaß er seine Zuhörer über den Phantasien, die ihm ausgingen, und ließ sich von Eingebungen der Minute hinreißen. Er stand, als das Publikum sich versammelte, auf der Kanzel, die Benedikt XIV. zum Schutze des heidnischen Gebäudes hatte anbringen lassen, stützte sich mit dem linken Arm auf die Brüstung und betrachtete ein paar bunte Blumen, wie sie zwischen den Steinen hervorwuchsen und die er im Hinaufsteigen gepflückt hatte. Päpstliche Wachen waren rings um die Mauern verteilt und blickten gleichmütig auf das Zuströmen der Menge; dagegen hörte man die dröhnende Stimme des Angelo Brunetti die Eintretenden hierhin und dorthin weisen und diejenigen, die sich um Plätze stritten, zur Ruhe mahnen, worauf sich das Lärmen und Brausen jeweilen senkte.
Es gab damals keinen bekannteren und beliebteren Mann in Rom als Angelo Brunetti; Sohn eines vermögenden Fuhrwerkhalters, hatte er das Geschäft des Vaters fortgesetzt und Reichtum damit erworben, er war gesund und stark, gutmütig, freimütig, schlagfertig und herzlich, er besaß eine ebenso schöne wie gute Frau und wohlgetane Kinder, Ansehen und Zuneigung bei allen Ständen und wurde, da er eine gewisse Vollkommenheit des menschlichen Zustandes mehr durch die Gnade Gottes und der Natur als durch Arbeit erreicht hatte, der König von Rom genannt, ohne bei seiner Freigebigkeit und Hilfsbereitschaft viele Neider zu haben. Das Volk, dem er selbst angehörte, pflegte sich ihm unterzuordnen, weniger weil das, was man sich von seiner ungemeinen Körperkraft erzählte, einschüchterte, als weil es wußte, daß er in ehrlicher Meinung zu seinem Besten handelte. Sein Gesicht mit den dicken Lippen, der kleinen Nase und den tierhaft großen und guten, strahlenden Augen erinnerte an den Typus der Neger; es spiegelte die Kraft und Lust eines üppigen Naturwesens wider, zugleich auch die Würde eines verantwortungsvollen Daseins. Er war fast immer in Begleitung seines ältesten Sohnes, des sechzehnjährigen Lorenzo, zu sehen, der außen und innen von seinem Vater verschieden war; seine Gestalt war schmal und geschmeidig, seine dunkeln Augen lagen tief, und während er im Grunde ehrgeizig und hochfahrend, heiß in Haß und Liebe war, zeigte er sich nach außen herb verschlossen. Sie waren häufig uneins, unbeschadet blutstreuer Zusammengehörigkeit.
Als alle saßen, schien es, als wäre ganz Rom in den Mauern des alten Theaters zusammengedrängt: Volksfrauen waren da mit Kindern auf dem Schoße und solche, die ein säugendes an voller Brust hielten. Damen in hellen Kleidern und mit nickenden Federn auf dem Hute, und dazwischen brannten die feuerroten und violetten Mäntel der Geistlichen, die sich beflissen um die Frauen zeigten und hinter ihren Fächern mit ihnen flüsterten, ohne deswegen den berüchtigten Mönch aus den Augen zu lassen.
Dieser überblickte die Versammlung, grüßte Brunetti, den er kannte und der jetzt stramm wie ein Wächter am Fuße eines Strebebogens stand, mit einem Lächeln und fing an: Er schilderte die Armut, eine Pilgerin mit mütterlichen Händen, die geben und liebkosen, der die Waldtiere sich anschmiegen, unter deren bestaubten Füßen Quellen springen, die mit Himmel und Erde vertraut ist und den gottgeschaffenen Menschen der jungen Erde; dann das künstliche Dasein der Menschen zwischen entseelten Dingen, in unzugänglich aufgetürmten Verhältnissen, fern von den tiefen Paradiesesflüssen allgemeiner Qual und Wonne, die lebenstrunken machen. Dann sagte er, daß Gott nach seiner unerforschlichen Weisheit den Menschen den Trieb nach Reichtum eingepflanzt habe; daß der Reichtum gut sei, wenn er Gutes wirke; daß im Tumulte des Marktes die stille Pilgerin, die er geschildert habe, nicht leben könne; daß wer sich nicht ohne Anspruch absondern könne von der Welt, mit ihr drängen und streben müsse; daß jeder im andern die Spur göttlicher Abkunft verehren, daß das Leben nicht einem Rennen gleichen sollte, wo der Vordere nach dem Gestürzten nicht zurückblickt und das Publikum den Schnellsten bejubelt, den im Staube vergißt. Danach machte er eine Pause und fuhr langsamer und in einem veränderten Tone fort: »Ich sah einst eine Bettlerin in Lumpen und mit verstümmelten Gliedern, den marmornen Göttern ähnlich, die Barbaren zertrümmert haben. Sie streckte stumm bittend die Hand aus, und weil sie so herrlich und so ganz verlassen war, kniete ich vor ihr nieder und gab ihr, was ich besaß, alle die Almosen, die fromme Mildtätigkeit mir gereicht hatte; aber ihre trauernden Augen sagten: es ist nicht genug. Ich gab ihr meine Seele, mein Fleisch und mein Blut; doch sagten ihre Augen immer noch: es ist nicht genug. Ich möchte euch, euch alle zu dieser Bettlerin führen, damit ihr alles, was ihr hättet, hingäbet, bis sie genug hätte.«
Die Blicke der Zuhörer, die anfangs mit Spannung an dem kühnen Manne gehangen hatten, von dem man wußte, daß er in Sizilien die Pestkranken gepflegt hatte und daß, wo er auch sprach, ein Hauch der Freiheit durch seine frommen Worte wehte, dann aber sich von ihm verloren hatten und zerstreut den steinernen Bogen gefolgt waren, die schwer und weich am grauen Abendhimmel hinwallten, kehrten hastig zu ihm zurück, als er die Bettlerin erwähnte, in der alle mit vertrautem Verständnis ein Bild Italiens erkannten. Man beugte sich hoffend vor oder horchte lauernd, fast flüsterten unbewußt sich lösende Lippen schon, was er verhüllte, den Namen des Vaterlandes, an dessen Auferstehen aus Knechtschaft und Verkommenheit die schaffenden und schwärmenden Geister des Jahrhunderts ihr Leben wagten; aber der Prediger ließ das angefangene Gleichnis fallen und ging unvermittelt zu der weiteren Ausführung seines Gegenstandes über, wobei er gleichmäßig bis zum Schlusse blieb. Als er aber geendet hatte und einige schon von ihren Plätzen aufgestanden waren, teils um den Mönch besser zu sehen, teils um Bekannte zu begrüßen, machte er ein paar Schritte von der Kanzel bis zu einer freien Stelle des Umgangs, ließ sich auf ein Knie nieder, zögerte noch einen Augenblick und sagte dann, die Arme nach oben ausbreitend, mit warmer Stimme in die bebende Stille hinein: »Gott, segne Italien!« Beim Erklingen des geliebten und verhängnisvollen Namens erstarrte die Menge; plötzlich aber stürzten Tausende auf die Knie, und wie wenn der Frühling mit einem alten Zauber die Erde segnete und Wasser lebendig aus den erweichten Schollen quölle, antwortete ein tiefes Schluchzen dem Gebete der Revolution.
Nach einer Weile bewegte sich die genannte Masse und ergoß sich die hohen Stufen hinunter Ugo Bassi entgegen; seine Hände wurden ergriffen und von brennenden Lippen berührt, sein Name hallte von den ungeheuern Mauern wider, und diejenigen, die noch oben standen, rissen Büschel wilder Reseda und Stränge wuchernden Schlingkrauts ab, die über das Gemäuer hingen, und warfen sie unter Jubelrufen auf ihn hinunter. Es gelang Brunetti, sich zu dem Gefeierten durchzudrängen, und als er dicht an seiner Seite stand, flüsterte er ihm ins Ohr: »Auf hundert, die Euch anbeten, ehrwürdiger Vater, sehe ich einen, der Euch den Dolch ins Herz stoßen möchte. Solange Ihr in Rom seid, müßt Ihr erlauben, daß ich Euch begleite. Ich habe einige von diesen Leckermäulern erkannt, auch solche, die sich in schwarze Mäntel vermummt hatten, die Uebelkeit und Magenkrämpfe bekommen, wenn eine italienische Suppe auf dem Speisezettel steht.«
Ugo Bassi fürchtete sich durchaus nicht; er fühlte sich wohl, wenn das Leben in Gefahr und Abenteuer hoch um ihn her wogte, und obwohl er sich für einen rechten Mönch hielt, für den eintönigen Dienst in Zellen und Klostergängen geschaffen, war ihm sein Stand im Grunde deshalb teuer, weil er ihm ermöglichte, einem irrenden Ritter gleich zu wandern, frei von der Fessel eines Berufes, auf den Zufall jedes Tages angewiesen. Er liebte das Leben und alles Lebendige mit Inbrunst und eigentlich abgöttisch, und weil er aus diesem Grunde mehr, als für gewöhnlich im menschlichen Gefühle liegt, unter der Vergänglichkeit aller Dinge litt, verfiel er oft aus überschwenglichstem Genießen in ebenso leidenschaftliche Todessehnsucht. Das kinderhafte Verhältnis zum Leben, daß er nämlich eigentlich keinen andern Zweck darin verfolgte als eben den, so innig wie möglich zu leben, prägte sich auch in seinem Aeußeren aus. Er war siebenundvierzig Jahre alt, aber seinem Gesicht gaben die weit auseinander stehenden Augen und der träumerische Blick voll erwartungsvoller, fast staunender Empfänglichkeit etwas Kindliches, und die Schlankheit seiner Gestalt ließ ihn von fern einem Jüngling gleich sehen; in Augenblicken der Trauer und Müdigkeit jedoch schien er ein alter Mann zu sein.
Aus den tiefhängenden Wolken floß jetzt weich und lautlos wohlriechender Regen, unter dem die Menschen zu Fuß und in offenen Wagen in froher Unruhe hin und her wogten. Brunetti führte den Mönch, den er in seinen Schutz genommen hatte, in sein Haus vor der Porta del Popolo und hätte sich gern in der Wirtsstube, die er zu ebener Erde hauptsächlich für seine Fuhrleute hatte, mit ihm gezeigt, sowohl um mit dem edeln Gaste zu prahlen, wie damit er beiläufig die richtige patriotische Gesinnung verbreiten helfe, doch verzichtete er darauf, als Bassi sagte, er sei müde und wolle lieber den Abend mit ihm allein in der Familie zubringen. Brunettis Frau, Lucrezia, stammte, wie er selbst, von einem altangesessenen Geschlechte; ihre Augen und Brauen und die starken Haare waren von schwarzer Farbe, sie hatte große und regelmäßige Züge und hätte herrisch ausgesehen, wenn nicht die Wärme mütterlichen Liebens sie umgeben und die Fülle ihrer stattlichen Gestalt ihr einen Ausdruck von Behaglichkeit verliehen hätte. Sie hatte außer Lorenzo einen zwölfjährigen Sohn namens Luigi, der ihr Liebling war, und ein kleines Mädchen von vier Jahren, das dem Vater glich, sowohl äußerlich als insofern es ein sicheres und wohlgemutes Temperament hatte und die widrigen Dinge mit einem spaßhaften Einfall abzulenken wußte. Lucrezia regierte das Haus und die Kinder und die armen Leute, die von ihr abhingen, mit Liebe und Gerechtigkeit und hörte nicht ungern, wenn man sie die Königin von Rom nannte; aber wie sehr sie sich auch ihres Wohlstandes und des Ansehens, das sie mit ihrem Manne besaß, erfreute, so legte sie doch, als von Kind auf daran gewöhnt, keinen allzu großen Wert darauf, und der Stolz, der ihre schönen Brauen hob, ruhte zum größeren Teile auf dem glücklichen Besitze des geliebten Mannes und der vergötterten Kinder. Die Ansichten und Bestrebungen ihres Mannes teilte sie in bezug auf die Kirche, indem sie den Papst verehrte, von den Pfaffen im allgemeinen aber nichts wissen wollte und, obwohl sie fleißig zur Kirche ging, sich die Geistlichen mit Würde vom Leibe zu halten wußte, außer wenn sie ihrer aufrichtigen Gesinnung gewiß war; in bezug auf das politische Wesen, insofern sie einsah, daß üble Zustände im Kirchenstande herrschten, daß es mit der Regierung schlecht bestellt sei und alles von Grund aus müsse geändert werden; jedoch für die übrigen Länder der Halbinsel hatte sie kein Interesse, weder für Neapel noch für Piemont und die Lombardei, und fand es zwar natürlich, daß diese, wie alle Reiche der Welt, zu Rom als zu ihrem herrschenden Haupte aufblickten, nicht aber, daß die Römer sich mit ihnen einließen, und etwa gar in Formen, die der Heilige Vater mißbilligte. Es kam vor, daß sie darüber mit ihrem Manne und besonders mit Lorenzo, der noch weit revolutionärere Meinungen hatte als sein Vater, Streit bekam, aber während Brunetti dabei nicht selten in einen lärmenden, wenn auch kurzlebigen Zorn geriet – er hatte schon als Kind sowohl wegen der blinkend roten Farbe seiner Wangen wie wegen seines leicht zum Aufflammen geneigten Temperamentes den Beinamen »das Feuermännchen« erhalten –, gehörte es zu der Würde ihrer Natur, daß die Aeußerungen ihrer Gefühle nicht über ein ziemliches Maß hinausgingen, ohne daß sie sich sonderlich zu beherrschen brauchte.
Die Männer waren kaum in die Wohnstube eingetreten, als sich ein Wortwechsel zwischen Angelo Brunetti und Lorenzo entspann, weil dieser noch ausgehen und einen etwas älteren Freund namens Locatelli besuchen wollte, einen Mosaikarbeiter, der nach seiner Person den Eltern genehm gewesen wäre, aber einer Vereinigung vom blutigsten Charakter angehörte, weswegen Lorenzo nicht mit ihm verkehren sollte. Es war kürzlich ein Brief von Locatelli an Lorenzo aufgefunden, auf welchem in einer Ecke das kleine Bild der römischen Wölfin mit einem Dolch im Rachen angebracht war als Symbol des Vereins, und ein heftiger Auftritt hatte sich daran geknüpft; es brachte Brunetti und seine Frau besonders auf, daß Lorenzo nicht einmal ein Hehl daraus zu machen versuchte, daß er den Umgang trotz des Verbotes fortsetzte.
Jetzt hielt Brunetti seinem Sohne, drohend vor ihn hingestellt, nochmals das schon oft Gesagte vor; daß die Pfaffen allerdings Heuchler, Faulpelze und Wüstlinge seien, die der Teufel allesamt holen könne, daß aber mit Verschwörertücke nichts Gutes begründet werde; der Römer müsse immer das Gesetz achten und, wenn es schlecht sei, dahin wirken, daß ein besseres aufgerichtet werde, mutig und unbeugsam, aber offen unter der Sonne. Mord sei die Waffe der Sklaven und der Pfaffen, freier Römer unwürdig; im erklärten Kampf einen Gegner töten oder den auf böser Tat ertappten Frevler niederstoßen sei der Ehre gemäß, Mord aus Parteihaß schändlich. Lorenzo stand dem Vater stramm gegenüber, blickte ihm fest in die Augen, die Mienen weder zum Lächeln noch zum Zorn verziehend, so daß sich in seiner Haltung ein wenig mehr Ehrerbietung als Trotz ausprägte, und antwortete nur das Notwendige mit knappen Worten: Ohne Gewaltsamkeit könne man eine schlechte Regierung nicht stürzen; durch Priestertücke seien zahllose menschliche Opfer gefallen; ob Vernunft und Ehre erfordere, daß man sich scheren und schlachten lasse wie Schafe? Blut müsse fließen, aus Blut wachse das Leben. Uebrigens wolle er in den Verein nicht eintreten, bevor er mündig sei; er besuche nur einen Freund, der der Freundschaft wert sei. Das Benehmen Lorenzos pflegte seinen Vater jedesmal zum Aeußersten zu bringen; helles Feuer sprühte aus seinem runden, festen Gesicht, er gestikulierte heftig mit den Armen und brüllte: »Geh! Fahr hin in deiner gottlosen Bosheit! Aber wenn ich höre, daß du etwas tust, was meine Ehre befleckt, so wisse, daß ich dich zusammensteche wie ein störrisches Kalb!« Lorenzo sagte mit demselben ernsten und bescheidenen Gesicht und einer anmutigen Verneigung des Kopfes: »Du bist mein Vater!« küßte dann seine Mutter, die sich in der Küche zu tun gemacht und scheinbar nicht um die Streitenden bekümmert hatte, grüßte den Mönch und entfernte sich. Luigi, der kleine Blonde, der während des Streites bald seinem Vater, bald seinem Bruder zwinkernde Zeichen zu geben versucht hatte, die jedem bedeuten sollten, daß der andre es nicht böse meine, flüsterte jetzt seinem Vater ins Ohr, er sei sicher, Lorenzo werde bald wiederkommen und vielleicht den Locatelli gar nicht sehen, sondern tue nur des Grundsatzes wegen so, als ob er ihn besuche, wofür er einen Kuß auf den frischen Mund erhielt. Brunetti hatte seine Fröhlichkeit bereits wiedergewonnen, wischte sich den Schweiß von der Stirne und lud Bassi, der inzwischen eine große rotgelbe Katze auf dem Schoße gehalten und gestreichelt hatte, mit herzhaften Worten ein, zu Tische zu kommen, da das Essen schon aufgetragen sei. Da der Mönch den reichlichen Speisen nur mit mäßigem Hunger zusprach, bemerkte Brunetti unmutig, ihm gefielen solche Gäste nicht, die es sich nicht schmecken ließen, worauf jener lachend erwiderte: »Und schimpft doch die Geistlichen Dickschwein und Vielfraß, wenn sie es tun.« Brunetti besann sich ein wenig und sagte dann: »Es ist so, der Gehaßte kann es einem nicht recht machen, und dagegen ist nichts einzuwenden; das Warum und Weil ist eben der Haß.« Es begann nun ein Gespräch über den neuen Papst und was nach seinem bisherigen Leben von ihm zu erwarten sei, ob er dem allgemeinen Verlangen nach Verbesserungen im Staate nachgeben und wie er sich zu Oesterreich stellen werde, wenn die Lombardei aufstände und sich losrisse. Sie saßen noch am Tische, als Lorenzo wieder eintrat und sich neben seinen Vater setzte, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen sei, der ihn seinerseits liebevoll um die Schulter faßte und zum Essen nötigte. Nachdem noch eine Weile über die allgemeinen Angelegenheiten geredet worden war, woran sich auch die Hausfrau beteiligte, führte Brunetti den Gast in das für ihn bestimmte Zimmer, das eine Treppe höher gelegen war. Ugo Bassi öffnete ein Fenster und beugte sich weit heraus; es regnete jetzt stark, und durch die dunkle Nacht hörte man das leidenschaftliche Rauschen der Ulmen und Weiden auf den Pariolischen Bergen, die man nicht sehen konnte; kaum waren die Umrisse der gegenüber liegenden Häuser zu erkennen. Indem er sich halb auf das Fensterbrett setzte, sagte Bassi zu seinem Wirt, er wolle ihm einen Traum mitteilen, den er vor einigen Nächten geträumt habe und an den er beständig denken müsse; und nachdem Brunetti sich dicht zu ihm gestellt hatte, erzählte er folgendermaßen: »Ich befand mich neben einer edeln Frau, die wie eine Gefangene oder Kranke schmerzhaft hingestreckt lag, und es war mir bewußt, daß dies Italien sei. Ich fühlte mit der Unglücklichen heftiges Mitleid und konnte doch, ich weiß nicht warum, nichts tun, um ihr zu helfen. Auf einmal drang aus ihrer verfallenden Brust ein Weheruf: Wer errettet mich? der meine Gefühle aufs äußerste erregte, so daß ich ihr mein Blut zu trinken gegeben hätte, wenn sie dessen bedurft hätte. Ich wollte Menschen rufen, damit andre ihr beistehen könnten, aber der Ort, wo wir uns befanden, war ein Raum ohne Weg und Steg, Richtung und Grenze, in dem meine Worte nicht weitergetragen wurden, sondern lautlos tot von den Lippen fielen. Nach einer Weile rief sie zum zweiten Male: Wer errettet mich? Und als sie es zum dritten Male gerufen hatte, antwortete eine Stimme: Ich! Es war eine Stimme, die den wüsten Raum mit Glanz und Klang füllte, eine solche, wie die Gottes gewesen sein mußte, als er sprach: Es werde Licht! und es Licht ward. Meine Angst, die Einsamkeit und das Gesicht selbst verschwanden, und es blieb in mir nur ein Zustand schwingender Erfülltheit, womit ich erwachte.« Brunetti, der mit wachsender Spannung zugehört hatte, beugte sich ganz zu dem Freunde hinüber und fragte flüsternd: »Wessen war die Stimme? War sie des Heiligen Vaters?« worauf Ugo Bassi eine Weile schwieg und sann, dann aber mit Entschiedenheit antwortete. »Nein, nein, nein! Als er mich vor einigen Tagen empfing, zitterte auch ich vor Erwartung und Hoffnung, daß sie es wäre, aber obwohl angenehm und nicht ohne Musik, ist sie mit jener nicht zu vergleichen. Jene, die ich im Traume hörte, war wie ein goldner Pfeil, der die Mitte der Herzen trifft, ohne zu verletzen, weich wie Tauwind und gewaltig wie ein schmetternder Marsch, von Trompeten geblasen, der Tausende mit Lust in den Tod reißt; die des Papstes schmeichelt wohl dem Gehör, aber unterwirft sich die Seele nicht.«
Brunetti, der sich mit mehreren andern Persönlichkeiten von Gewicht nach allerlei Anzeichen und Gerüchten die Ueberzeugung gebildet hatte, der neue Papst wolle und müsse der Erlöser Italiens werden, schüttelte bedenklich den Kopf und warnte den Priester, sich nicht von seiner Phantasie irreführen zu lassen. Dieser lächelte und wiegte beruhigend die Hand; dennoch sagte er, als sie sich trennten und nachdem er seinem Gastwirte gedankt hatte, zwischen Ernst und Scherz: »Ich gehe jetzt nach Bologna und weiter nach Ravenna; sollte ich irgendwo die Stimme meines Traumes hören, würde ich ihr gehorchen, und wenn sie mir geböte, Feuer an Sankt Peter zu legen oder den Heiligen Vater zu verfluchen.«
*
Einige Zeit nachdem Pius IX. die große Amnestie erlassen hatte, nach welcher allen politischen Verbrechern, die in den Kerkern des Kirchenstaates lagen oder in fremde Länder verbannt waren, freie Rückkehr gestattet wurde, wenn sie versprächen, künftig nichts gegen die päpstliche Regierung zu unternehmen, sprach Angelo Brunetti auf der Piazza Navona zum Volke, um den ersten Amnestierten, die am folgenden Tage in Rom ankommen sollten, einen festlichen Empfang zu bereiten. Der geräumige Platz war voll von Menschen, unter denen sich neben Tagdieben und Herumtreibern auch viele Handwerker und Krämer, Herren und Damen der höheren Stände und Fremde befanden, nicht nur, weil der Gegenstand alle bewegte, sondern auch, weil es Sache des guten Tones war, den allbekannten Volksmann und König von Rom gesehen und gehört zu haben. Er stellte sich auf die zur Kirche der heiligen Agnes hinaufführenden Stufen, so daß er von überall her gesehen werden konnte, und sprach in ungesuchter, doch keineswegs kunstloser Weise mit musikalisch singendem Ton und starken, ausgiebigen Bewegungen, die besonders bei bedeutsamen Stellen, wo er sich ganz vergaß, außerordentlich machtvoll wurden. »Meine Freunde,« sagte er, »haltet euch ruhig und horcht aufmerksam in die Runde. Was hört ihr? Das Bimmeln der Gebetsglocken, das Rasseln der Karren und Wagen auf dem Pflaster, das Trompeten der Esel, das feilbietende Geschrei der Obstverkäufer und Wasserträger und Zeitungsburschen. Hört ihr nichts weiter? Ich ja. Ich höre aus der Ferne ein unruhiges Rauschen, wie wenn ein Sturm käme und die Mauern Roms umschlingen wollte, ein Schluchzen, wie wenn die Erde unter Rom weinte, einen pochenden Marsch von Trommeln und Pauken, ein Stürzen taumelnder Schritte auf zitternden Steinen: Die Wiederkehrenden sind es! Rom, deine Wiederkehrenden, Rom, deine Kinder, die sich anbetend in deinen Staub werfen! Denkt es und fühlt es: Hier schwankten Rosengärten über kühlende Mauern; hier sprudelte lauterstes Wasser aus dem Gebirge der Brunnen; hier warfen dichtgelockte Bäume Schattengründe auf den heiligen Boden; hier thronte am Firmament Sankt Peters Kuppel und darüber die Sonne; hier begrüßten sich die Begegnenden in den schmelzenden Tönen unsrer glorreichen Sprache; indessen jene in Kerkerzellen, wie tote Hunde in den Graben geworfen, faulten oder in Ländern jenseits der Berge und des Meeres ihr Fremdlingsherz von gleichgültig Geschäftigen mußten zertreten lassen. Gott, welche Heimkehr! Einst waren sie die Tapfersten und Trotzigsten und Besten und wagten ihr herrliches Leben an des Vaterlandes Freiheit; arm und siech und sterbend kehren sie wieder.«
Er nannte dann Namen und Taten derer, die erwartet wurden, und pries sie, namentlich Giuseppe Galletti aus Bologna, einen ernsten und kühnen Mann, dessen Leben im Wechsel von Kampf und Leiden und neuem Aufschwung verflossen war, und Felice Scifoni, einen Römer von so gelassener Freiheitsliebe und Tüchtigkeit, daß er der Verfolgung der Mächtigen zwar nicht entging, aber von Beifall und Bewunderung oft übergangen wurde; und forderte alle auf, ihre Häuser mit Kränzen und Teppichen zu schmücken und durch feierliche Gegenwart den Duldern Dank und Ehre zu erweisen. Nicht minder aber, sagte er zum Schlusse, sei dem Heiligen Vater als dem Urheber der Gerechtigkeitsakte zu huldigen. Päpste hätten auf dem Stuhle Petri gesessen, die im Namen Gottes geschwelgt und gebrandschatzt, gekreuzigt und verflucht hätten, die den Barbaren, der die eignen Kinder geknechtet und beraubt hätte, »lieber Sohn« genannt und den Römer, der ihm hätte wehren wollen, in den Kerker geworfen hätten. Pius IX. habe, wahrhaft ein Gesandter des Himmels, die Begrabenen auferstehen lassen, er löse alle Ketten und kröne die Freiheit, die von den Fürsten bisher als brandstiftende Zigeunerin von Haus und Hof gejagt worden sei, zur Königin aus Gottes Gnade.
Nachdem er ausgesprochen hatte, ging Brunetti die Freitreppe hinunter, hielt seinen krausen Kopf unter den Strahl des Brunnens der vier Weltströme, schüttelte sich laut prustend und ging, beständig gegrüßt und grüßend, nach Hause, wo ihn seine Frau, da er unterdessen vielfach verlangt und vermißt worden war, mäßig scheltend empfing. Sie war mit dem weitergreifenden politischen Treiben ihres Mannes nicht mehr ganz einverstanden, einmal, weil er immer häufiger außerhalb des Hauses war, besonders aber, weil er anfing, mehr Geld auszugeben, als dem Haushalte zu entsprechen schien, und zwar nicht wie früher, so daß es einzelnen zugute kam und man wußte, wo es blieb, sondern es verfloß hierhin und dorthin zu großen allgemeinen Zwecken und diente nicht Personen, sondern Begriffen, die ihrer Meinung nach des Geldes nicht bedurften. Auch ärgerte es Lucrezia, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, wenn er Wohltaten erwies, sei es einem einzelnen oder einer Körperschaft oder einem Vereine, sich dabei als Bevollmächtigter des Papstes auszugeben, und sie suchte ihn durch die Bemerkung zu reizen, er komme ihr vor wie der Sklave eines reichen Patrons, der von Haus zu Haus gehe und austeile und dabei stets wiederhole: »Von meinem gnädigen Herrn Pius IX.«; als ob nicht alles aus seinem guten Willen und seinem guten Geldbeutel fließe.
Waren ihr die Päpste bisher wie eine unantastbare Himmelsmacht vorgekommen, so fing sie an dem jetzigen zu zweifeln an, da er der Unterstützung seiner Untertanen zu bedürfen schien. Brunetti antwortete auf ihre Neckerei: »Eben, weil alles mein ist, was ich im Namen des Heiligen Vaters gebe und tue, tue ich es nicht als sein Sklave, sondern als sein treuer Dienstmann.« Pius sei ein Mann mit zwei Herzen, einem roten, warmen, tätigen und einem dunkeln und trägen, und man müsse sorgen, jenem guten eine Partei zu gewinnen, da leider auch das häßliche eine habe. Er hielt es für besser, nicht einmal seiner Frau zu sagen, daß alles, was er tat, die festlichen Veranstaltungen, die Huldigungen, die ganze zur Schau getragene Anbetung des Papstes nicht dem Gefühl allein entsprungen seien, sondern ebensosehr der Berechnung, daß er mit diesen Rosenschlingen an die vaterländische Partei sollte gebunden und berauscht und geblendet auf ihrer Bahn fortgezogen werden.
Es war in Brunettis Abwesenheit ein Brief von Giuseppe Mastai, einem Bruder des Papstes, überbracht worden, einem Edelmann ohne feine Bildung, der, in jakobinischen Ideen aufgewachsen, die Kirche haßte, den Grundsatz von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen verfocht und vom verwichenen Papste als Karbonaro in das Mamertinische Gefängnis geworfen worden war; er schrieb, daß er von der Amnestie seines Bruders keinen Gebrauch machen, sondern als Flüchtling und Feind im unzugänglichen Gebirge hausen wolle. Er sprach seine Verwunderung darüber aus, daß so viel Aufhebens von der Amnestie gemacht werde; ob man noch nicht wisse, daß sein Bruder es liebe, beim Spazierengehen Zuckerwerk unter die Kinder zu verteilen, damit sie ihm zujubelten und seine Hände küßten? Ob er, Brunetti, nicht wisse, daß sein Bruder, wenn er ihn in Audienz empfangen und liebevoll und verständig mit ihm gesprochen habe, hernach Witze über ihn mache? Sein Bruder sei eitel, feige, unwahr und wollüstig und habe die Natur der Weiber, sich erst mit dem Blute edler Herzen vollzusaugen und dann unter die Faust eines Teufels zu kriechen und zu zittern.