Buch lesen: "Handbuch Sozialraumorientierung"

Der Herausgeber

Prof. Dr. Martin Becker lehrt und forscht seit 2007 an der Katholischen Hochschule Freiburg. Nach dem Studium der Sozialen Arbeit war er über zehn Jahre in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit tätig. Nach dem Studium der Soziologie, Erziehungswissenschaften und Arbeits-/Organisationspsychologie wurde er an der Universität Freiburg zum Dr. phil. promoviert. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Stadt- und Quartierentwicklung, Sozialraumorientierung und Bürger*innenbeteilung. Seine wichtigsten Publikationen und Forschungsprojekte beschäftigen sich mit sozialer Stadtentwicklung auch im internationalen Kontext, Quartierstudien, Sozialraumanalysen sowie Studien zu freiwilligem Engagement.
Martin Becker (Hrsg.)
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037238-2
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037239-9
epub: ISBN 978-3-17-037240-5
mobi: ISBN 978-3-17-037241-2
Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.
Vorwort des Herausgebers
Sozialraumorientierung (SRO) ist ein inzwischen viel publizierter Begriff1. Darunter sind sowohl Publikationen, die sich mit SRO (z. B. Früchtel/Cyprian/Budde 2007a/b; Schönig 2008) als einem Konzept auseinander setzen, als auch solche zur Sozialraum-Forschung (u. a. Alisch/May 2017; Kessel/Reutlinger 2008;) sowie Abhandlungen zu SRO in der Praxis, vorwiegend in den Bereichen Jugendarbeit, Erziehungshilfen sowie Sozialer Arbeit mit alten Menschen und Menschen mit Behinderungen (
Tab. 1.3).
SRO ist also zwar ein bereits viel umschriebener Begriff, allerdings mit geringer inhaltlicher Stringenz und struktureller Konsistenz. Die Publikationslandschaft zum Begriff SRO ist dementsprechend durch eine große konzeptionelle und funktionelle Heterogenität gekennzeichnet, die Studierenden und Praktizierenden die Orientierung über die verschiedenen Akzentsetzungen und die Grundlagen zur Gestalt und Umsetzung des fachlichen Konzeptes auf unterschiedliche Handlungsfelder Sozialer Arbeit nicht gerade erleichtert.
An diesem Punkt setzt das vorliegende Handbuch an, das SRO als Handlungskonzept konzipiert, das für unterschiedliche Handlungsfelder Sozialer Arbeit Relevanz beanspruchen kann. Dementsprechend enthält das einführende Kapitel die Beschreibung des Handlungskonzeptes SRO in der Lesart des Herausgebers Martin Becker (
Kap. 1). Hierzu werden zunächst die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen von SRO als Handlungskonzept Sozialer Arbeit zusammenfassend erläutert sowie ein Strukturgerüst der Methodologie sozialraumorientierter Arbeit für unterschiedliche Handlungsfelder Sozialer Arbeit entwickelt. Auf der Basis dieses Strukturgerüsts beschreiben Autor*innen aus Wissenschaft und Praxis Sozialer Arbeit in den folgenden Kapiteln, entsprechend ihrer Expertise, wie aus ihrer Perspektive das Konzept SRO im jeweiligen Handlungsfeld adaptiert und umgesetzt werden kann. Der Unterschiedlichkeit der diversen Handlungsfelder Sozialer Arbeit entsprechend sind die Beschreibungen deren Spezifika sowie deren konzeptionellen Bezüge zur SRO durch jeweilige Eigenlogiken geprägt und unterscheiden sich deshalb zwangläufig auch in Aufbau und Inhalten der Beiträge.
Mit dem vorliegenden Handbuch kann selbstverständlich nicht der Anspruch erhoben werden, eine vollständige Aufzählung bzw. Berücksichtigung aller bestehenden Handlungsfelder Sozialer Arbeit leisten zu können, sondern es handelt sich um eine Auswahl, die mit neun verschiedenen Beiträgen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit durchaus als heterogene Mischung angesehen werden darf. Dass das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit den Bereichen Offene Jugendarbeit, Jugendbildungsarbeit und Schulsozialarbeit hier nicht eigens behandelt wird, dürfte u. a. dadurch zu verschmerzen sein, dass genau zu diesem Handlungsfeld schon früh eine recht umfangreiche Auseinandersetzung mit SRO erfolgt ist (vgl. Deinet 2002; 2005; 2009).
Die durchaus nicht zufällige Reihung der Beiträge wird begonnen mit dem klassischen Handlungsfeld der Gemeinwesenarbeit (GWA), als wohl einem der ältesten und am spezifischsten auf SRO – im hier noch zu beschreibenden Sinne – fokussierten Handlungsfeld Sozialer Arbeit, das hier als »Soziale Arbeit in und mit Gemeinwesen« bezeichnet und durchaus konzeptionell konturiert wird. Martin Becker erläutert dazu, aufbauend auf historischen Quellen und Grundlagenliteratur der GWA, die in eigenen Publikationen (Becker 2008; 2014; 2016) dargestellten Begriffsverständnisse und geht auf aktuelle Weiterentwicklungen des Handlungsfeldes ein (
Kap. 2).
Sabine Triska und Mone Welsche beschreiben das Handlungsfeld »Soziale Arbeit mit verhaltensauffälligen und seelisch behinderten jungen Menschen« aus der Perspektive des Handlungskonzeptes SRO. Dabei gehen Sie sowohl auf handlungsfeldspezifische Einschränkungen ein, die der Umsetzung des Konzeptes immer noch entgegenstehen, greifen aber auch die Möglichkeiten und Chancen auf, die sich aus ihrer Erfahrung bei ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Handlungskonzept und dessen fachlich sinnvoller Anwendung bieten (
Kap. 3).
Der Beitrag von Christian Roesler zur Paarberatung im Handlungsfeld Sozialer Arbeit mit Familien weicht wegen des in diesem Tätigkeitsfeld üblichen methodischen Einzel- und Primärgruppenbezugs (Paarberatung) von der im Einführungsartikel dargestellten Struktur der Beiträge am weitesten ab. Der Bezug zur SRO wird hier vorwiegend durch die Darstellung der gesellschaftlichen Bedeutung von Familienarbeit und Unterstützung von Paaren sowie der Berücksichtigung lebensweltlicher und sozialräumlicher Einflussfaktoren hergestellt und beschrieben (
Kap. 4).
Eine Perspektive aus praktischer Sicht liefert Ulrike Jensen mit ihren Fallbeispielen und konzeptionellen Begründungen aus der Arbeit als Bewährungshelferin, für die SRO, selbst in der vergleichsweise Individuum bezogenen Arbeit zur Resozialisierung straffällig gewordener Menschen, ein Grundstein konzeptionellen Handelns geworden ist (
Kap. 5).
In einem weiteren Kapitel stellt Fabian Frank sozialraumorientierte Soziale Arbeit im Handlungsfeld der Gemeindepsychiatrie vor und verdeutlicht, welche Implikationen das Handlungskonzept SRO für Soziale Arbeit mit Menschen mit psychischen Erkrankungen und deren sozialem Umfeld mit sich bringen können (
Kap. 6).
Einen Beitrag, der an die kritische Diskussion der begrifflichen und thematischen Verbindungen von Migration und Sozialer Arbeit anknüpft und deutlich macht, welche Chancen das Konzept SRO in Bezug auf die Entstigmatisierung von Migration und Migrant*innen birgt, liefert Nausikaa Schirilla (
Kap. 7).
Peter Kuhnert beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den Möglichkeiten und Grenzen des Handlungskonzeptes SRO im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit Menschen in prekären Lebenslagen. Dabei geht er umfänglich auf die gesellschaftlichen Rahmendbedingungen von Armut, Arbeits- und Wohnungslosigkeit ein und verdeutlicht die Relevanz sozialräumlicher Kontexte in Bezug auf die Situation von Menschen in prekären Lebenslagen sowie die methodische Arbeit und Unterstützung bei deren Bewältigung (
Kap. 8).
SRO im Handlungsfeld der Suchthilfe wird von Jürgen Sehrig vorgestellt, indem er für das Feld der Suchthilfe aufzeigt, welche Relevanz dem Handlungskonzept SRO in Bezug auf Zugänge zu suchtkranken Menschen bis hin zur Nutzung virtueller Räume für Soziale Arbeit beigemessen werden sollte (
Kap. 9).
Den Abschluss und gewissermaßen den Schlussstein legt der Beitrag von Cornelia Kricheldorff und Ines Himmelsbach über SRO in gerontologischen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit. Darin verdeutlichen sie ihre Vorstellungen der gesellschaftlich bedeutsamen Arbeit mit Menschen in den fortgeschrittenen Altersphasen und belegen nochmals fundiert und verständlich die konzeptionellen Grundlagen sozialraumorientierten Handelns (
Kap. 10).
Im Anschluss an die einzelnen handlungsfeldbezogenen Beiträge findet sich am Ende dieses Handbuches eine kurze Vorstellung der beteiligten Autor*innen.
Martin Becker
Quellen- und Literaturverzeichnis
Alisch, Monika/Ritter, Martina (Hrsg.; 2017): Methoden der Praxisforschung im Sozialraum. Beiträge zur Sozialraumforschung. Band 15. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich.
Becker, Martin (2016): GWA-Personalbemessung. Orientierungshilfe zur Personalbemessung professioneller Sozialer Arbeit im Handlungsfeld der Stadtteil- und Quartierentwicklung. Konstanz: Hartung-Gorre-Verlag.
Becker, Martin (2014): Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit in der Sozialen Arbeit. Stuttgart: Kohlhammer.
Becker, Martin (2008): Lebensqualität im Stadtquartier. Einflussfaktoren, Wirkungen und Handlungsmöglichkeiten. Saarbrücken: VDM.
Deinet, Ulrich (2009): Methodenbuch Sozialraum. Wiesbaden: VS Verlag.
Deinet, Ulrich (2005): Sozialräumliche Jugendarbeit. Grundlagen, Methoden und Praxiskonzepte, Wiesbaden: VS Verlag.
Deinet, Ulrich/Krisch, R. (2002): Der sozialräumliche Blick der Jugendarbeit. Opladen: Budrich.
Früchtel, Frank/Cyprian, Gudrun/Budde, Wolfgang (2007a): Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Textbook: Theoretische Grundlagen. Wiesbaden: VS Verlag.
Früchtel, Frank/Cyprian, Gudrun/Budde, Wolfgang (2007b): Sozialer Raum und Soziale Arbeit. Fieldbook: Methoden und Techniken. Wiesbaden: VS Verlag.
Kessl, Fabian/Reutlinger, Christian (Hrsg.; 2008): Schlüsselwerke der Sozialraumforschung. Traditionslinien in Text und Kontexten. Wiesbaden: VS Verlag.
1 324.000 Treffer in www.google.de [Zugriff: 03.02.2020] und immerhin 79 Treffer unter www.buchhandel.de [Zugriff: 30.03.2020].
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort des Herausgebers
2 1 Sozialraumorientierung – Ein Handlungskonzept Sozialer Arbeit
3 Martin Becker
4 1.1 Handlungskonzept – Begriffsklärung und -verständnis
5 1.2 »Sozialraum-Orientierung« – raumtheoretische und gesellschaftspolitische Betrachtungen
6 1.3 Sozialraumorientierung im Diskurs der Sozialen Arbeit
7 1.4 Sozialraumorientierung – interdisziplinäres Handlungskonzept
8 1.5 Sozialraumorientierung – Handlungskonzept Sozialer Arbeit
9 1.6 Sozialraumorientierung in Handlungsfeldern Sozialer Arbeit
10 1.7 Anforderungen des Handlungskonzepts Sozialraumorientierung
11 1.8 Entwicklungsprozesse und Wegmarken zum Handlungskonzept Sozialraumorientierung
12 1.9 Dimensionen des Handlungskonzeptes Sozialraumorientierung
13 1.10 Kompetenzen sozialraumorientiert arbeitender Fachkräfte
14 2 Sozialraumorientierung im Handlungsfeld der Sozialen Arbeit in und mit Gemeinwesen
15 Martin Becker
16 2.1 Einleitung
17 2.2 Geschichte und Entwicklung gebietsorientierter Sozialer Arbeit
18 2.3 Begriffsklärung (Gemeinwesen, Quartier, Gemeinwesenarbeit)
19 2.4 Grundlagen Sozialer Arbeit in und mit Gemeinwesen
20 2.5 Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit in und mit Gemeinwesen
21 2.6 Fazit und Ausblick
22 3 Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe am Beispiel der stationären Jugendhilfeleistungen (Hilfen zur Erziehung)
23 Mone Welsche & Sabine Triska
24 3.1 Einleitung
25 3.2 Einführung in die Kinder- und Jugendhilfe
26 3.3 Lebensräume der Kinder und Jugendlichen in stationären Einrichtungen
27 3.4 Orientierung am Willen der Familie?
28 3.5 Ressourcenorientierte Arbeit in der stationären Jugendhilfe
29 3.6 Partizipation in der stationären Jugendhilfe
30 3.7 Kooperation und Vernetzung
31 3.8 Qualitätssicherung und Finanzierung
32 3.9 Zusammenfassung
33 4 Sozialraumorientierung im Handlungsfeld Soziale Arbeit mit Familien: Innovative Strategien zur Prävention von Paarproblemen
34 Christian Roesler
35 4.1 Einleitung
36 4.2 Einführung in die Arbeit an Paarbeziehungen im Handlungsfeld Familie
37 4.3 Individuelle und institutionelle Ressourcen und Potenziale
38 4.4 Staatliche Bemühungen um die Ermöglichung und Förderung gesellschaftlicher Teilhabe im Angesicht der Herausforderungen für Paarbeziehungen
39 4.5 Schlussfolgerungen und Empfehlungen
40 5 Sozialraumorientierung in der Bewährungshilfe
41 »In meinem Büro bin ich erst übermorgen wieder erreichbar!«
42 Ulrike Jensen
43 5.1 Einleitung: Der Blick von oben
44 5.2 Resozialisierung: Gemeinsam geht es besser!
45 5.3 Rückfallvermeidung: Nicht nur die Straffälligen tragen die Verantwortung
46 5.4 Bewährungshilfe: Ohne Optimismus geht es nicht!
47 5.5 Aus dem Alltag einer Bewährungshelferin
48 5.6 Zum Schluss: Sozialraumorientierung als große Chance in der Bewährungshilfe
49 6 Sozialraumorientierung in der Gemeindepsychiatrie – zwischen territorialer Steuerung und der Bildung inklusiver Gemeinwesen
50 Fabian Frank
51 6.1 Einleitung
52 6.2 Gemeindepsychiatrie
53 6.3 Sozialräumliches Arbeiten
54 6.4 Zusammenfassung
55 7 Sozialraumorientierung im Handlungsfeld Migration und Soziale Arbeit
56 Nausikaa Schirilla
57 7.1 Einführung
58 7.2 Handlungsfeld Migration und Soziale Arbeit
59 7.3 Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit zu Migration
60 7.4 Transnationale Soziale Räume
61 8 Sozialraumorientierung in durch Armut, Arbeitslosigkeit, prekärer Arbeit und Wohnungslosigkeit bestimmten Lebenslagen
62 Peter Kuhnert
63 8.1 Einleitung: Armutsbestimmte Lebenslagen als vernachlässigtes Thema in sozialräumlichen Kontexten
64 8.2 Auswirkungen von Hartz IV auf Arbeitsmarkt- und Teilhabechancen
65 8.3 Sanktionsmacht der Jobcenter, Ohnmacht der Erwerbslosen und Chancen des Fallmanagements (FM)
66 8.4 Grundsätzliche Reformierung des Hartz-IV-Systems und Stärkung schwacher Interessen
67 8.5 Soziale Netzwerke stärken die Partizipationschancen von Erwerbslosen und Armen
68 8.6 Sozialraumorientierte Gesundheitsförderung für Langzeitarbeitslose mit multiplen Gesundheitsproblemen
69 8.7 Die räumliche Konzentration von Armut und Generalisierung der Gentrifizierung
70 8.8 Zunehmende Wohnungs- und Obdachlosigkeit als Herausforderungen für die sozialraumorientierte Sozialarbeit
71 8.9 Möglichkeiten und Grenzen der sozialraumorientierten Armutsbekämpfung
72 9 Sozialraumorientierung im Handlungsfeld der Suchthilfe
73 Jürgen Sehrig
74 9.1 Das Feld der Suchthilfe
75 9.2 Relevanz einer sozialraumorientierten Suchtkrankenhilfe
76 9.3 Sozialräumliche Zugänge
77 9.4 Konsequenzen aus einer Sozialraumorientierung im Suchtbereich
78 9.5 Zusammenfassung
79 10 Sozialraumorientierung in gerontologischen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit
80 Cornelia Kricheldorff & Ines Himmelsbach
81 10.1 Lebensbedingungen und Lebenswelten älterer und alter Menschen
82 10.2 Ressourcen und Potenziale im Alter
83 10.3 Partizipation und Engagement im Alter
84 10.4 Kooperation und Vernetzung als Arbeitsansatz
85 10.5 Konzeptionelle Grundlagen und Projektansätze
86 10.6 Qualitätsentwicklung und Finanzierung
87 10.7 Zusammenfassung
88 Autor*innenverzeichnis
1 Sozialraumorientierung – Ein Handlungskonzept Sozialer Arbeit
Martin Becker
In diesem einführenden Beitrag werden, beginnend mit der Klärung wesentlicher Begriffe, die Grundzüge des diesem Handbuch zugrunde liegenden Handlungskonzeptes Sozialraumorientierung (SRO) zunächst zusammenfassend dargestellt. Es wird das Grundgerüst der Dimensionen des Handlungskonzeptes SRO vorgestellt, an dem sich die Beschreibungen dessen Bedeutung und Anwendung in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit unter Berücksichtigung der jeweiligen handlungsfeldspezifischen Unterschiede ausrichten. Zunächst wird das diesem Handbuch zugrunde liegende Begriffsverständnis von Konzept, Methode und Techniken erläutert werden. Darauf folgend gilt es die Begriffsbestandteile des hier zu beschreibenden Konzeptes der SRO zu klären.
1.1 Handlungskonzept – Begriffsklärung und -verständnis
Die Fokussierung auf Handlungsfelder Sozialer Arbeit beruht auf dem »Freiburger Modell der Handlungsfeldorientierung« (Becker/Kricheldorff/Schwab 2020) und bedeutet, die aktuellen Bedingungen und Entwicklungen in bestimmten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit in den Blick zu nehmen und die daraus abzuleitenden Aktionen und Interventionen professioneller Sozialer Arbeit, in Bezug zu den jeweils passenden Handlungskonzepten und Methoden zu entwickeln. Das diesem Handbuch zugrunde liegende und weiter unten noch zu explizierende Handlungskonzept SRO wird also auf die handlungsfeldspezifischen Charakteristika von Aufgabenstellungen, Rechtsgrundlagen, Governance, Trägerlandschaften und Situationen von Handlungsfeldern Sozialer Arbeit bezogen.
Auf der Grundlage des dreidimensionalen Kompetenzbegriffs, wie er im Europäischen Qualifikationsrahmen (EQR)1 definiert wird, spielen sowohl theoriebegründete Handlungskonzepte als auch die Methoden der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle beim Kompetenzerwerb durch Kenntnisse, Fertigkeiten und Haltungen. Die Kombination von Wissensbeständen aus Bezugswissenschaften und Erkenntnissen der Wissenschaft Soziale Arbeit (Erklärungswissen) mit Kenntnissen und Fähigkeiten der Entwicklung und Anwendung von Methoden (Handlungswissen und Analyse-/Synthese-/Kritikfähigkeit) bildet auf der Grundlage von Wertorientierungen und Haltungen die Basis der Ausbildung spezifischer Handlungskompetenzen Sozialer Arbeit. Nach Geißler und Hege (2007: 20) bezeichnet Konzept ein
»Handlungsmodell in welchem die Ziele, die Inhalte, die Methoden und die Verfahren in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht sind. Dieser Sinn stellt sich im Ausweis der Begründungen und Rechtfertigungen dar«.
Zielen Handlungskonzepte vorwiegend auf Erklärungswissen ab, so sollten sie hierzu theoretisch begründete, plausible, erforschbare und überprüfbare Erklärungen für soziale Prozesse beinhalten. Auf der Basis dieses Erkenntnisgewinns lassen sich Entscheidungen über Handlungsbedarfe treffen, entsprechende konzeptionelle Ziele bestimmen und geeignete Methoden zur Zielerreichung auswählen. Konzepte erhalten durch den Einbezug geeigneter Methoden und Techniken und der damit verbundenen systematischen Vorgehensweisen zur Zielerreichung einen Handlungsbezug und werden somit zu Handlungskonzepten. Charakteristischerweise betonen Handlungskonzepte einen programmatischen Aspekt (wie z. B. Lebenswelt, Ressourcen, Sozialraum, Management etc.), aus dem sich Handlungsprinzipien und Arbeitsweisen ableiten lassen.
Handlungskonzepte fassen also grundlegende Ansatzpunkte einer Disziplin (hier Soziale Arbeit) theoriegeleitet zusammen und beinhalten, mit der Betonung eines bestimmten programmatischen Aspektes, eine spezifische Sichtweise der Erklärung sozialer Prozesse.
Nach engerem Verständnis bezeichnen Methoden zunächst ein planmäßiges Vorgehen zur Zielerreichung. Im Rahmen eines Handlungskonzeptes sind Methoden, auf dem oben dargelegten Konzeptbegriff basierend, jedoch nicht ›zielneutral‹, sondern abhängig von und passend zu den, im Rahmen eines jeweiligen Handlungskonzeptes gewonnenen Erkenntnissen über theoretisch und empirisch begründete Zusammenhänge auszuwählen, zu adaptieren und zu kombinieren.
Methoden sind nach dem für dieses Handbuch geltenden Begriffsverständnis im Vergleich zu Konzepten weniger komplex, sie legen den Schwerpunkt eher auf den Aspekt der Vorgehensweise, also auf Handlungen, und bedienen sich dabei eines Sets an geeigneten Verfahren und/oder Techniken.
Dementsprechend können Methoden keine starren Handlungsanleitungen sein oder bieten, die sich zur Bearbeitung jedweder Aufgaben und Probleme eignen, sondern Methoden sind situationsbezogen, offen und reflexiv auf die Eigenarten und Besonderheiten sozialer Prozesse und Menschen anzupassen.
Techniken wiederum sind als erprobte, standardisierte Verhaltensmuster zu verstehen, deren Wirksamkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagbar sind, und dienen der konkreten Bearbeitung und Realisierung von Methoden (Galuske 2007: 24ff.).
Manche Methoden und Techniken können für unterschiedliche Handlungskonzepte geeignet sein und angewandt werden. Andererseits können für jeweilige Handlungskonzepte hingegen nur bestimmte Sets an Methoden und Techniken geeignet sein und Anwendung finden.